Kapitel 1~Adoption~

Es war wieder einmal einer dieser Tage, an denen man am liebsten gar nicht erst aufgestanden wäre. Als Lisa Cuddy an diesem Morgen ins PPTH kam, war mal wieder jede Menge Betrieb und die Klinik war natürlich unterbesetzt. Sie seufzte und versuchte erst mal Ordnung in den Laden zu bringen. Nach dem alles wieder einigermaßen geregelt lief, verschanzte Cuddy sich in ihrem Büro. Wie sie es ja liebte, wenn der Tag so schön stressig begann. Und dass gewisse Ärzte nicht einmal pünktlich sein konnten, selbst wenn sie mal dringend gebraucht wurden, verbesserte ihre Laune auch nicht gerade. Dann kam ein Anruf.

Dr. House sah gerade ein paar Patientenakten durch.
„Langweilig, Langweilig, Drogen oder Alkohol…"
Sie landeten alle wieder auf dem Stapel. Er wollte gerade wieder gehen, um sich mit einem Kaffee irgendwo zu verkrümeln, damit er keinen Praxisdienst schieben musste, als, wie immer aus dem Nichts, James Wilson auftauchte.
„Und?" fragte dieser. „Etwas Interessantes dabei?"
„Nope. Kommst du mit einen Kaffee trinken?"
„Du willst dich doch nur wieder drücken."
„So was würde ich doch nie tun. Ich liebe meine Arbeit."
„Du solltest Cuddy heute nicht verärgern, das könnte üble Folgen haben" sagte Wilson im Gehen.
House sah seinen Freund erstaunt an. „Wie kommst du darauf?"
„Nur so ne Vorahnung."
„Sag schon, was ist mit ihr? Wieder mal ein Date geplatzt?"
„Interessiert es dich wirklich? Machst du dir etwa Sorgen?"
„Unsinn. Ich bin nur neugierig. Vielleicht finde ich ja ein neues Mittel, um sie mir vom Leib zu halten."
„Das willst du doch gar nicht."
„Was will ich dann?"
Dafür hatte Wilson nur ein Lächeln übrig, ehe er in sein Büro verschwand und House grübelnd stehen lies.

Eine halbe Stunde später saß House doch zusammen mit seinem Team im Besprechungszimmer. Es hatte sich doch ein Fall gefunden, der es würdig war, dass er ihn behandelte. Und Cuddy musste auch nicht eingeschaltet werden. Zum Glück. Das wäre nämlich so gewesen, als hätte man einen hungrigen Löwen aus seinem Käfig gelassen.
House schauderte bei dem Gedanken und nahm einen Schluck Kaffee aus seiner Roten Tasse ehe er mit dem spiel fortfuhr, das er und seine Angestellten spielten. Krankheiten Raten. Nur dass es dabei um Leben und Tod ging. Und zwar um das Leben des Patienten.

Am Abend lag Greg lange wach. Er hatte sich noch eine Vicodin eingeworfen, sein Bein schmerzte in letzter Zeit wieder höllisch und er grübelte nach. Aber nicht über den Fall, sondern er musste an Cuddy denken. Wie so oft in letzter Zeit. Irgendetwas schien sie zu beschäftigen. Etwas Schlechtes. Was war passiert? Ob es wieder mit der Adoption zu tun hatte?
Und wieder durchzuckte ein stechender Schmerz sein Bein.
Das war doch Irrsinn. Er sollte sich doch eigentlich für Cuddy freuen. Doch so recht konnte er das nicht. Denn dann würde sie ja nur noch Zeit für den kleinen Quälgeist haben und nicht mehr für ihn. Sie würden sich nicht mehr dauernd streiten und diskutieren können. Außerdem war es ungerecht. Sie kannten sich jetzt schon so lange, er hatte schon so viele Menschenleben gerettet, viel mehr als sie. Und wieso bekam sie jetzt ihren größten Wunsch erfüllt?
Er würde nie wieder schmerzfrei sein und normal gehen können. Das hatte er Stacy nie wirklich verzeihen können und nun kam es wieder hoch, wie eine Art Deja-vu. Es war einfach nur ungerecht.

House saß in seinem Büro und hing seinen Gedanken nach. Das tat er sehr oft in letzter Zeit. Krampfhaft versuchte er auf die Lösung des Falls zu kommen, aber immer wieder drifteten seine Gedanken ab. Deshalb schaltete er die Musik ein und spielte frustriert mit seinem Ball.
Er schreckte auf, als die Tür auf ging und Cuddy herein kam.
„House?" sagte sie. Er schaltete die Musik aus.
„Können wir reden?" Er zuckte mit den Schultern.
Sie trat näher und sah ihn an.
„Wenn du mir sagen willst, dass du es dir anders überlegt hast, dann versteh ich das. Du solltest etwas rationaler…"
„Nein", fuhr Cuddy ihm dazwischen. Sie hatte keine Lust schon wieder diese Diskussion zu führen. „Ich wollte dir eigentlich nur sagen, dass du morgen mitkommen sollst, um noch ein paar formale Dinge zu klären. Ich brauche deine Hilfe."
Sie atmete kurz tief durch und wirkte gar nicht mehr so selbstbewusst wie sonst, ja etwas nervös. House war aufgestanden und ging ein paar Schritte auf sie zu. Sein Blick schien bis in ihr Innerstes durchzudringen. Das verunsicherte sie immer ein bisschen.
„Ich will dich dabei haben", sagte sie etwas leiser.
„Wenn es sein muss. Und meine Praxisstunden dafür ausfalle." meinte House süffisant.
„Na schön." Cuddy seufzte. „Also wenn du dir dann morgen Nachmittag Zeit nehmen würdest..."
„Also für ein Date hätte ich immer zeit."
„Das ist kein…", sie verdrehte die Augen.
„Schade", schnitt er ihr das Wort ab. „dann habe ich also keinen anschließenden Sex zu erwarten?"
Ihre Augen verengten sich.
„Nein!" sagte sie schnippisch, drehte sich auf dem Absatz um und stolzierte hinaus.
„Du willst es doch auch!" rief er ihr hinter her. Aber sie ignorierte ihn.
Komm schon, dreh dich um, dachte er. Doch diesmal blieben der missbilligende Blick und das strahlende „vergiss es" Lächeln aus.
Genervt widmete er sich wieder dem Fall.

„Ich geh nach hause." Sagte House am nächsten Tag zu Wilson.
„Schon?" Wilson sah auf die Uhr. "Ist dein Patient ok?"
„Jap. Und ich hab noch was zu erledigen."
Wilson seufzte. „Du hast nur keine Lust."
„Nein", grinste House. „Date mit Cuddy."
„Dann hast du sie endlich gefragt?" Der Onkologe sah ihn erwartungsvoll an.
„Naja, eher hat sie mich gefragt. Und sie hat auch nicht wirklich gesagt, dass es ein Date ist…"
Wilson hob die Augenbrauen, fragte aber nicht weiter nach.
„Na dann viel Spaß und vermassle es nicht wieder."
Aber da war House schon durch die Tür des Hospitals verschwunden.

Cuddy war sich nicht so sicher, ob House auch wirklich kommen würde. Unruhig lief sie an ihrem verabredeten Platz hin und her, die Hände in einander verschränkt. Nach einer zehnminütigen Verspätung tauchte er dann doch noch auf und Cuddy fiel ein ganzer Steinbruch vom Herzen.
Sie sah auf die Uhr als er bei ihr ankam, und dann zu ihm.
„Sorry, viel Verkehr."
Lisa zog die Augenbrauen hoch, ging aber nicht weiter darauf ein.
„Komm schon, wir sind eh schon spät dran."
Sie hoffte, dass das nicht schon gleich ein schlechtes Licht auf sie werfen würde.
Während der Entscheidung über die Adoption verhielt sich House ziemlich anständig, soweit das für seine Verhältnisse möglich war. Das konnte aber auch daran liegen, dass Cuddy ihm ständig strenge Blicke zuwarf.
Und er war sehr gut, um nicht zu sagen unschlagbar darin, überzeugend zu sein. Was sich auch auf seine Argumente auswirkte, das kannte Cuddy aus eigener Erfahrung nur zu gut. Meistens schaffte er es, dass er bekam was er wollte.
Cuddy war sich ihres Sieges sicher. Sie war aufgeregt und strahlte House an.
„Ich kann's nicht glauben!"
„Ich auch nicht", murrte House.
Und es war wirklich so. Der Teil von ihm, den er zu unterdrücken versuchte, weil er alles andere als rational war und ihn gegen seine Prinzipien handeln ließ, kurz, seine Gefühle übernahmen die Oberhand und Cuddy war Schuld daran. Doch er konnte sie nicht zu lassen. Er hatte zu viel Angst vor einer erneuten Enttäuschung und außerdem zweifelte er daran, ob Cuddy in einer Beziehung mit ihm, sofern sie denn eine haben wollte, glücklich werden konnte.
"House!"
Er schreckte aus seinen Gedanken. "Kommst du? Ich möchte auch noch mal nach Hause."
Er folgte Cuddy nach draußen und sie standen wieder auf der Straße.
"Dann bis morgen", sagte er und stieg auf sein Motorrad.
"Bis morgen", sagte Cuddy und sah ihm nach wie er davon fuhr.

House saß neben dem Bett eines Komapatienten uns spielte auf seiner PSP. Immer wenn er ein Level geschafft hatte, genehmigte er sich einen Schluck von seinem Kaffee, den er auf dem Betttisch stehen hatte. Er trank gerade wieder einen großen Schluck, als die Tür auf ging und Foreman herein kam.
"Was wollen sie hier?", fragte er seinen schwarzen Neurologen, ohne ihn wirklich an zu sehen. "Ist das ein Bekannter von Ihnen?"
Er deutete auf den Komapatienten.
"Nein, ich wollte zu Ihnen. Sie brauchen sich außerdem nicht mehr hier zu verstecken, Cuddy ist schon nach Hause. Sie hat es sich aber nicht nehmen lassen, Ihnen vorher noch einen Fall zu übertragen."
Damit warf Foreman House eine Patientenakte zu, die der Diagnostiker geschickt auffing. Er las sie sich durch, klappte sie wieder zu und verließ das Zimmer ohne ein weiteres Wort.
Auf dem Weg zur Diagnostik dachte er angestrengt nach. Er hatte etwas vergessen. Irgendetwas war heute. Er kam aber nicht ehr darauf was.
Das war allerdings erst mal vergessen, als das rätseln losging, welche Krankheit verantwortlich für die Symptome des Patienten waren. House hatte zwar nur mit einen Ohr zugehört und schickte sein Team erst mal an ein Mrt und eben die Standard Tests durchzuführen. Dann schmiss er die Akte auf den Tisch und sagte noch im rausgehen: „Rufen Sie an, wenn sie die Testergebnisse haben."
Dann machte er sich auf den Weg. Ihm war eingefallen, warum Cuddy heute früher gegangen war.

Zehn Minuten später stand er vor ihrer Wohnung. Sie wirkte gestresst und überrascht als sie ihn ein lies.
"Was führt dich denn her?" fragte sie während sie weiter damit beschäftigt war aufzuräumen und gleichzeitig nach dem Baby sehen musste.
House sah sich skeptisch um.
Dann antwortete er.
"Sollte das Sozialamt heute nicht vorbeischauen?"
Cuddy sah ihn an. "Ja", sagte sie langsam und sah auf die Uhr. "Der Typ müsste jeden Moment hier sein. Also was willst du? Ich hab jetzt eigentlich gar keine Zeit."
"Ach, die waren noch gar nicht da? Ich wollt eigentlich nur wissen wie es gelaufen ist. Naja, dann werd ich's ja gleich sehn."
Er lehnte sich grinsend an den Türrahmen.
Cuddy stand ihm gegenüber und funkelte ihn an.
"House, du wirst jetzt wieder verschwinden, ich hab für deine Spielchen jetzt wirklich keine Nerven, klar?"
Sie wollte noch etwas hinzufügen, da klingelte es an der Tür.
"Na super", stöhnte sie und ging die Tür öffnen. Sie lies den Mann, der sich als Henry Fletcher vom Sozialamt vorstellte ein, und zeigte ihm das Wohnzimmer. Als er House entdeckte, der ebenfalls gerade das Zimmer betreten hatte, sah er Cuddy an und fragte: "Und wer ist das?"
"Das ..äh.. ist ein Arbeitskollege", sagte Cuddy etwas nervös. "und er wollte gerade gehen", zischte sie und schob House wieder hinaus. Dieser lies sich aber nicht so leicht abschieben. Er drehte sich noch mal zu dem Herrn um.
"Seien sie bloß nicht zu streng, wenn ihr etwas nicht passt, kann sie zur Furie werden, nicht ganz ungefährlich."
"House!"
"Sie hat immer sehr viel zu tun und muss sich mit mir rumschlagen, also nicht wundern, wenn's hier etwas chaotisch ist. Wie auch immer, sie können jedenfalls nicht beurteilen ob sie sich nicht gut um das Baby kümmern wird. Sie kennen sie ja gar nicht. Ich schon", fügte er noch mit einem zwinkern zu Cuddy hinzu.
Diese hatte ihn inzwischen zur Tür gezerrt und öffnete sie nun.
"Also dann, wir sehen uns morgen auf der Arbeit."
Die Tür knallte wieder zu.
Draußen auf der Treppe klingelte House Handy. Es war Foreman, der ihm die Testergebnisse mitteilte. Sie waren alle negativ.

„Also", begann Cuddy, als sie eine Woche später mit House über den Parkplatz des PPTH lief. Sie hatte gerade das Sorgerecht für Rachel endgültig bekommen. Damit war die Adoption abgeschlossen. Sie lächelte House an.
„Danke."
House nickte.
Cuddy holte Luft.
„Können wir reden?"
„Klar", sagte House „es besteht ja immerhin eine kleine Chance, dass sie mich hinterher doch noch ran lassen."
Cuddy verdrehte die Augen.
„Das ihr Männer und damit meine ich vor allem dich, den Abend mit einer Frau nicht mal ohne Sex verbringen könnt. Vergiss es, war ne blöde Idee."
Damit lies sie ihn stehen und fuhr nach Hause.

„Was willst du hier um diese Zeit?" fragte Wilson während er House ein Bier anbot.
„Mir ist langweilig!" Sagte House und nahm das Bier. „Und ich dachte, wir könnten mal wieder einen Männerabend machen." Damit machte er es sich wie immer auf Wilsons Sofa bequem.
Wilson setzte sich ihm gegenüber. „Wie ist es eigentlich gelaufen?"
„Was meinst du?" House sah seinen Freund gespielt fragend an.
„Na, mit Cuddy", antwortete Wilson. „Das ist doch der Grund warum du hier bist, nicht wahr? Du hast es mal wieder vermasselt, stimmt's? Hast du sie wieder verletzt?"
House tat empört. "Was denkst du von mir?"
Dann wurde er ernst. "Ich habe nichts anders gemacht als sonst, wenn wir uns streiten." Er zuckte mit den Schultern und trank aus der Flasche.
„Das war aber vielleicht ein schlechter Zeitpunkt für so was, meinst du nicht auch?" erwidert sein Freund.
"Und was soll ich deiner Meinung nach tun?" Ein erwartungsvoller Blick aus den blauen Augen.
Wilson lehnte sich zurück.
"Ich denke du weißt, was das Beste ist. Geh zu ihr und kläre das. Ich weiß nämlich, warum du hier bist. Du hast ein schlechtes Gewissen, oh ja auch du hast so etwas."
"Na toll", House verdrehte die Augen, „Hätte ich gewusst, dass du mich so leicht durchschaust und mir jetzt wahrscheinlich den ganzen Abend Moralpredigen halten willst und mich darzubringen willst, mit Cuddy zu reden, wär' ich daheim geblieben. Ich wollt doch eigentlich nur ein bisschen Spaß haben."
Wilson sah ihn ernst an, beugte sich vor, sodass er seinem Freund direkt in die Augen sehen konnte. Haselnussbraun traf auf eisblau.
"Ich dachte, Cuddy bedeutet dir was? Das war ein gut gemeinter Rat mein Lieber. Dein Gewissen wird dadurch nicht besser, wenn du der Konfrontation aus dem Weg gehst, auch das weißt du. Du kannst es versuchen, aber glaub mir, das macht es nur schlimmer."
House Mine veränderte sich nicht. Er setzte sich auf, leerte das Bier und erhob sich vom Sofa.
"Jetzt hast du mir den ganzen Spaß verdorben. Gute Nacht."
Dann verließ er Wilsons Wohnung.

Zu Hause schnappte Cuddy sich eine Flasche Rotwein und goss sich ein Glas davon ein. Mittlerweile hatte doch eine Träne den Weg über ihre Wange gefunden. Energisch wischte sie sie weg und leerte das Glas in einem Zug.
Sie würde wegen diesem Idioten nicht schon wieder weinen. Das hatte sie sich verboten. Vor allem gab es doch eigentlich gar keinen Grund dazu. Sie hatte endlich ein Baby bekommen. Dank ihm. Es lag gerade auf der Kinderstation wegen einer Naschuntersuchung, aber morgen würde sie Rachel wieder mit nach hause nehmen können. Es war auch nicht so, dass sie wirklich traurig war. Sie war eher wütend auf ihn. Nein, um ganz genau zu sein, war sie wütend auf sich selbst, wie sie sich eingestand.
Auf ihre Gefühle und dass sie sich Hoffnungen gemacht hatte. Es war zum verrückt werden. In letzter Zeit hatte sie das Gefühl gehabt, dass es besser zwischen ihnen laufen würde. Aber das hatte anscheinend nichts zu bedeuten. Frustriert saß sie auf dem Sofa und hing ihren Gedanken nach. Sie hatte schon die halbe Flasche des Weins getrunken, als es an der Tür klopfte. Sie wollte es erst ignorieren, aber es war so penetrant, dass es ihr Kopfschmerzen bereitete. So raffte sie sich doch auf und ging an die Tür. Sie öffnete und sah hoch in ein mürrisches Gesicht mit zwei blauen Augen.

~tbc