2. Kapitel - London – Highgate 2003
Die Turmuhr von St. Michael's kündete mit drei donnernd tönenden Klängen die volle Stunde und riss Draco unsanft aus seinem dunklen Traum. Erschrocken und bebend setzte er sich in seinem Bett auf. Schwer atmend hob und senkte sich die nackte Brust, als er laut und tief die trockene Luft in seine Lungen sog. Mit einem langen Seufzen schob er die Bettdecke von den Beinen, schwank die Füße aus dem Bett und stützte den Kopf auf die Hände, während seine Ellenbogen auf seinen Knien ruhten. Erstaunt stellte er fest, dass feiner Schweiß auf seiner Stirn perlte. Fahrig wischte er mit der Handfläche die dünnen Tropfen fort und blickte aus dem Fenster, vor dem, in das grelle Licht des vollen Mondes getaucht, die Nacht lag. Stumm und schweigend. Wie jene Statur, wie jener düstere Moment, von denen er eben noch geträumt hatte.
Der bittere Geschmack des Todes lag noch immer faulig auf seiner Zunge, als er sich umdrehte und erstaunt feststellte, dass das Bett neben ihm leer war. Seine Finger griffen fest in den weichen Stoff der Decke und zogen sie beiseite, als könne das dünne Laken tatsächlich verbergen, wonach sein Auge so sehnlichst Ausschau hielt. Nichts, das Bett blieb leer. Verwirrt starrte er auf die verwaisten Laken und suchte sich in Gedanken verzweifelt zu versichern, dass er nur geträumt hatte. Sie war nicht tot, sie lebte. Sie hatte gelitten und die Nachwirkungen des Gifts, das sein Vater ihr eingeflößt hatte, hatten sie noch lange gequält, doch sie lebte. Er spürte ihre Haut noch auf der seinen, die sanfte Berührung, als er ihre Wange streichelte, bevor sie einschlief. Sie war nicht tot, sie lebte. Es war ein Traum gewesen, grausam und kalt wie sonst nur die Wirklichkeit sein konnte und doch nur ein Traum.
Von Angst getrieben stand er auf. Seine noch müden Beine trugen ihn kaum und seine Stimme klang sonderbar dünn, da er ihren Namen rief. Schwach trat das Wort über seine Lippen, so leise und flüchtig, als wäre es nicht wirklich, als wäre all dies nur ein Traum. Verwirrt trat er um das Bett herum und riss die Türen des großen des Schranks auf. Doch es war nichts als finstere Leere, die ihm entgegen blickte. Nichts lag oder hing in diesem Schrank, nichts war, wie er es in Erinnerung hatte und auch, als er die zweite Schranktür aufriss änderte sich an dem trostlosen Bild der Verlassenheit und Leere nichts.
Schweigend verharrte er kurz vor der gähnend schwarzen Leere des Schranks, dann stürzte er aus dem Zimmer auf den Flur. Das Zimmer seines Sohnes Corvus lag dem Schlafzimmer am nächsten, doch als er die Tür aufstieß, offenbarte sich ihm die gleiche elende Leere, wie zuvor. Nichts erinnerte noch daran, dass hier einmal ein Kind gelebt und gespielt hatte. Es gab kein Bett, keinen Schrank, keinen Stuhl, kein achtlos liegengelassenes und vergessenes Spielzeug auf dem Boden. Verzweifelt rang Draco nach Luft, als er die Tür des Zimmers seiner Tochter Mira öffnete. Unendlich langsam drückte seine schweißnasse Hand die Klinke hinunter und schob die Tür auf. Vorsichtig spähte er durch halb zusammengekniffene Lider an der Tür vorbei und alle Hoffnung begann zu schwinden. Nichts – das Zimmer war leer.
Angsterfüllt lief er zur Treppe und stürzte die Stufen hinab, immer drei auf einmal nehmend. Wieder rief er ihren Namen, doch wieder war ihm, als würde keine lebende Seele außer ihm den schwachen, halbtoten Ruf hören. Dunkelheit umfing ihn, als er in die kleine Eingangshalle kam. Durch die schmalen Scheiben neben der Eingangstür fielen winzige Rechtecke auf den hellen Schiffboden, doch er ignorierte das Lichterspiel des Mondes, lief in die Küche, fand auch diese verlassen und ging mit wankendem Schritt ins Wohnzimmer. Nichts, nur alles verzehrende Stille und schmerzvolles Schweigen. Über die Polstermöbel waren weiße Laken geworfen und neben dem Kamin lag kein Holz. Mit bangen Schritten durchmaß er das Zimmer. Die nackten Fenster blickten auf den dunklen Garten hinaus, das Fehlen der alten, schweren Brokatvorhänge überraschte ihn nicht mehr und er merkte kaum noch, dass seine bloßen Füße auf den kalten Holzboden traten. Man hatte die Teppiche ebenso entfernt, wie die Bilder von den Wänden, nur die Kaminuhr stand noch immer an ihrem Platz. Stumm blickte sie vom Kaminsims herab, als Draco näher kam. Erschöpft stützte er die Hände gegen den granitenen Sims und ließ den Kopf zwischen die Schultern fallen. Gequält presste er die Lider aufeinander, bis Sterne vor seinen Augen zu tanzen begannen. Er hielt die Luft an und zählte bis zehn, da erst wurde ihm die Vollkommenheit der Stille um ihn herum bewusst. Verzweifelte lauschte er in die Dunkelheit und hörte nichts, nur das Rauschen des eigenen Blutes in den Ohren. Er hob den Kopf und sah zu der Uhr auf. Kein Ticken, nicht das geringste, leiseste Klicken war von ihr zu hören. Behutsam hob er sie von dem Stein und musterte sie, sie musste stehen geblieben sein. Er klopfte ein paar Mal gegen den hölzernen Kasten und als er die Uhr wieder auf den Kamin zurückstellte, fiel sein Blick durch eines der hohen Fenster auf den Garten, in dem eine niedrige Linde stand. Wie gebannt trat er auf die klare Scheibe zu und beobachtet die kahlen Zweige des Baums. Noch immer gefangen in der Totenstille des Hauses sah und hörte er nichts. Kein Lufthauch, kein Windstoß schien die Welt in Bewegung zu versetzen und die Zweige des Baumes verharrten so still und starr, als habe man sie aus Eisen gegossen.
Dann hielt ihn nichts mehr. Er lief aus dem Wohnzimmer, den Flur hinab und riss ohne jedes Zögern die Eingangstür auf. Der St. Anne's Close lag vor ihm, so vertraut und unverändert, als sei er nie weg gewesen, als sei nie etwas geschehen. Schwer atmend lief er den gepflasterten Weg zur Straße hinab. Er trug nichts, als eine dünne Schlafanzughose. Seine nackten Füße traten schmerzend auf den rauen Stein, da gelangte er an das Gartentor und wollte einen Moment innehalten, doch dann stieß er es auf, trat hindurch und blickte plötzlich auf die Eingangstür des Hauses, dass er soeben verlassen hatte. Verwirrt starrte er auf die dunkle Holztür, die noch offenstand und sich nicht rührte. Langsam wandte er sich um und sah wieder die vertraute, gleiche Straße wie vorher. Beherzt trat er noch einmal durch das Gartentor und fand sich sogleich wieder auf dem schmalen Weg, der zu seinem Haus hin führte, nicht jedoch auf der Straße. Was vorher nur Angst und Verwirrung gewesen war, wuchs nun zur Panik heran und drohte ihn zu verschlingen. Er vergrub die Hände in den wirren Haaren, drehte sich schwer atmend auf den Versen im Kreis und fand doch keinen Ausweg. Gehetzt tanzte sein Blick zwischen dem Haus und der unerreichbaren Straße. Irgendetwas stimmte nicht. Irgendetwas stimmte ganz und gar nicht!
