3. Kapitel - London - Highgate 6. Oktober 2003

Ihre Augen waren dunkel und feucht von den Tränen, als sie ihr Gesicht in dem kalten Laken vergrub, das sie in Händen hatte. Für einen Moment hielt sie inne und sog den staubig trockenen Geruch des Stoffs ein. Dann wischte sie die Tränen von den Wangen und warf das Laken wieder über das seit langem verwaiste Bett. Sie blickte ein letztes Mal zurück, ehe sie die Tür ins Schloss zog und den Flur hinab ging. In ihren Ohren hallten noch immer die Worte wieder, die Augustus Pye erst an diesem Morgen an sie gerichtet hatte. Langsam ging sie die Treppe hinunter. Ihre Beine waren müde und schwer. Viel zu lang war dieser Tag gewesen, viel zu schwer wog die Erkenntnis auf ihren Schultern, die kaum ein paar Stunden alt war.

So lange schon waren ihre Tage einsam und leer und doch hatte sie sich kaum je so verlassen gefühlt, wie in jenem Augenblick, als die Worte des Heilers ganz allmählich in ihren Verstand gesickert waren und die Einsicht mit sich brachten, dass sie fortan allein sein würde und bar jeder Hoffnung. Sie erreichte mit bleiernem Schritt den Treppenabsatz und ließ sich auf die unterste Stufe fallen. All die Kraft und Stärke, um die sie in den letzten Monaten, Wochen und Tagen verzweifelt gerungen hatte, wich plötzlich einer drückend schweren Erschöpfung. Sie schloss die Augen und sah sich wieder in dem sterilen Arztzimmer sitzen, einem nicht mehr ganz jungen Augustus Pye gegenüber, dessen umwölkter doch ehrlicher Blick sie als Vorbote der düsteren Wahrheit empfangen hatte.

„Es gibt keine Hoffnung mehr!", waren seine ersten Worte gewesen, als Ria sich in dem ledernen Stuhl vor seinem Arbeitstisch niedergelassen hatte. Seine raue, trocken Stimme schwebte heiser über den Tisch und jeder Funken der Zuversicht war aus seinen Worten gewichen, die in den letzten Monaten noch schwach darin zu finden gewesen war. Ria wusste, er hatte weder hart noch herzlos sein wollen – Augustus Pye war kein hartherziger Mann, doch er hatte mehr Gräuel gesehen und mehr Leid erlebt, als ein Menschenleben ertragen konnte. Der Krieg gegen Voldemort hatte unzählige Opfer gefordert und einen düsteren Schleier auf das Schicksal all jener gelegt, die überlebt hatten. Die Schatten der Vergangenheit fielen weit und je mehr man danach trachtete, sie abzuschütteln, umso gnadenloser jagten sie einen und verfolgten die Verzweifelten bis in ihre Träume. Auch Ria kannte diese Träume und sie hatte lang schon die Hoffnung aufgegeben, die Narben auf ihrer Seele könnten eines Tages aufhören zu schmerzen.

Schweigend sah sie Augustus Pye an, unwillig anzunehmen, was er ihr soeben gesagt hatte. Es kostete sie Kraft und Überwindung dem Blick des Heilers standzuhalten. Mühevoll zwang sie die Tränen nieder, sie wollte nicht weinen und sie würde es nicht. Zu oft schon hatte sie vor dem Leben, all den Kümmernissen und Schlägen, das es ihr zugedacht hatte, kapituliert. Dieses Mal würde sie nicht aufgeben, dieses Mal würde sie sich dem Schicksal erst beugen, wenn der letzte Herzschlag verklungen war – gleich ob es der ihre oder Dracos sein würde.

Ihre Hände zitterten. Sie schlang die Finger ineinander und presste die schmalen Glieder so fest zusammen, dass es schmerzte. Es half nichts. Angst und Verzweiflung wollten nicht von ihr lassen und ein Beben erfasste ihren Körper, ließ sie zittern und schaudern, als hätte eine eisige Böe Augustus Pye Worte zu ihr hinüber getragen. Der Heiler musterte sie aus offenen, ehrlichen Augen. Sorge lag ebenso in seinem Blick wie Mitleid. Er sog hörbar die Luft ein und setzte an, um etwas zu sagen, als Ria ihm zuvor kam.

„Wie kann das sein?", fragte sie, die Stimme so schwach, dass Augustus sie kaum vernommen hatte. Der Heiler neigte sich in seinem Stuhl nach vorn und stütze die Ellenbogen auf die glatt polierte Tischplatte.

„Sie sagten, er würde zurückfinden", setzte Ria fort, während Augustus sie schweigend reden ließ. „Sie waren es, der mir Hoffnung gegeben hat und nicht glauben wollte, dass Draco nie mehr aus den Untiefen seines Unterbewusstseins zurück an die Oberfläche kehren würde, als jeder andere ihn bereits aufgegeben hatte." Mühevoll rang sie die Worte über ihre blutleeren Lippen. Ihr war unendlich kalt und das Zittern wollte nicht aufhören. Wut und Verzweiflung rangen in ihr. Sie wollte Augustus Pye anschreien und konnte es doch nicht. Die Worte quälten sich aus ihrer Kehle empor und was ein Schrei hätte sein sollen, war nicht mehr als ein erstickter Laut. „Er sei auf dem Wege der Besserung, das waren ihre Worte. Sie haben es mir gezeigt, ich habe gesehen, wie sein Gehirn auf die Reize reagierte. Wie können sie-"

„So einfach ist es nicht", fiel ihr Augustus ins Wort. „Der Avada Kedavra-Fluch ist ein Todesfluch, er ist nicht umkehrbar. Es gibt nichts und niemanden auf dieser Welt, der die Stärke oder Macht besäße, an einem einmal ausgesprochenen Todesfluch etwas zu ändern. Man kann ihn weder lösen noch ungeschehen machen. Und auch, wenn ein Avada Kedavra-Fluch verunglückt und er das Opfer nicht tötet, so kann er verheerenden Schaden anrichten. Einen Schaden, der wohlmöglich schlimmer ist als der Tod – so schlimm, dass Sterben für den Betroffenen Erlösung bedeutet."

Ria presste die Handballen auf die Lider und kämpfte erbittert gegen die Tränen. All das hatte Augustus ihr ein dutzendmal erklärt. Zu oft hatte er versucht ihrer Hoffnung mit der Wahrheit Einhalt zu gebieten. Sie wollte es nicht mehr hören. So durfte es nicht enden - niemals. Helle Lichter flackerten vor ihren Augen, als sie sich an jenen Abend erinnerte, als ein aus Askaban entflohener Lucius Malfoy sie gefangen gehalten hatte, um sie schließlich mit dem Trunk der Agrippina zu vergiften. Rache hatte den geschlagenen Todesser getrieben, die Rache an dem einzigen Sohn, der ihn nach dem Krieg verraten hatte. So hatte er Ria gezwungen das Gift zu trinken und hatte es in seiner perfiden Rachelust mit ihr getrunken, als stoße er mit seiner geliebten Schwiegertochter auf eine glückliche, erfüllte Zukunft an. Lucius hatte sich gelabt an der Hoffnung und Zuversicht Rias, er könne vor ihr sterben. Doch mit jedem Becher schwand ihr Mut mehr und mehr und als Draco und Harry sie am Ende doch fanden, war sie mehr tot als lebendig gewesen. Sie sah noch, wie Lucius fiel, doch dann hatte Nebel sie umfangen. Sie sah nicht und sie hörte nicht, wie Blaise, erwacht aus einem Stupor-Zauber, das Zimmer betreten hatte. Jener ehemalige Slytherin, der einst Dracos Freund gewesen war und schließlich sein Mörder wurde.

Es war Harry gewesen, der Draco vor dem sicheren Tod bewahrte und versuchte den Todesfluch abzuwehren. Der Fluch zersprang und löste sich in tausende winziger grüner Scherben, die in der Luft vergingen, als hätte es sie nie gegeben - bis auf eine. Sie traf Draco in die Brust und bohrte sich tief in sein Fleisch. Sein Herz setzte für einen Moment aus und als es wieder zu schlagen begann, war Draco noch immer am Leben und war doch nicht länger Teil dieser Welt.

„Das Bewusstsein ist keine Lampe, die man nur an und ausschalten kann", Augustus Worte fuhren in ihre Gedanken und holten sie in das kalte Arztzimmer zurück. „Es kann glimmen und flackern oder strahlend hell leuchten. Doch wenn das Licht einmal gänzlich erloschen ist, so können wir es nicht mehr zum glühen bringen." Der Heiler griff nach Rias Händen und zog sie von ihrem Gesicht. „Sehen sie mich an Mrs Malfoy. Ich weiß, ich habe ihnen Hoffnung gemacht, als ich die Ergebnisse der Reiz-Versuche sah. Doch es war falsch von mir zu glauben, dieses kurze Aufbäumen einer sterbenden Flamme sei Grund und Anlass Anzunehmen, ihr Mann könne sein Bewusstsein wohlmöglich wieder erlangen." Er räusperte sich, ließ Rias Hände los und streckte das Kreuz durch. „Ich habe die Ergebnisse wieder und wieder geprüft und mit meinen Kollegen gewälzt. Was wir gesehen haben war nicht das Aufglimmen eines starken Geistes, der sein Weg zurück in die Wirklichkeit sucht."

Ria schluckte den Zorn hinunter und starrte Augustus Pye aus schmalen Augen an. „Was war es dann?", fragte sie. Für einen Moment schien es, als wollte ihr der Heiler eine Antwort schuldig bleiben, doch dann holte er tief Luft und antwortete: „Angst! Es ist die Angst, die jedes lebende Wesen verspürt, wenn naht, was sich nicht mehr ändern lässt."

Stumm blickte Ria über den Tisch. Eine einzelne Träne rann ihre kalte, zitternde Wange hinab. Augustus musste es nicht mehr aussprechen, sie hatte es längst verstanden und doch bohrten sich die letzten Worte des Heilers in ihr Herz, gleich unzähliger glühender Nadelspitzen. „Er stirbt, Mrs Malfoy und es ist die Angst vor dem nahenden Tod, die ihn quält – doch es gibt nichts, das wir noch für ihn tun können!"

Als sie die Augen wieder aufschlug, war es bereits Abend geworden. Das Licht der Straßenlaternen fiel durch die kleinen Scheiben neben der Haustür und zeichnete ein grelles Muster heller Flecken auf den Boden. Sie hörte den Herbstwind vor dem Haus an den Kronen der Bäume zerren und mühevoll erinnerte sie sich daran, dass sie nur gekommen war, um die letzten Sachen aus dem Haus zu holen, ehe sie es verkaufen würde.

Sie wischte sich über das kühle Gesicht, als wollte sie die Trauer fortwischen. Mutlos stand sie von der Stufe auf, strich ihren Rock glatt und ging in die Küche. Zielstrebig lief sie ans Fenster und nahm eine Vase von der Fensterbank. Sie wollte sich umwenden, als sie im Augenwinkel etwas glitzern sah. Achtlos stellte sie die Vase auf den Küchentisch und trat näher an die Spüle. Es waren nur ein paar Tropfen Wasser, die am Boden der stählernen Spüle glänzten und doch ließen sie Ria stutzen. Sie strich mit zwei Findern unter dem Wasserhahn entlang. Als sie mit dem Daumen über ihre Fingerkuppen fuhr, stellte sie fest, dass sie feucht waren, obwohl der Hahn nicht tropfte – er hatte nie getropft und seit Tagen konnte ihn keiner benutzt haben.

Schließlich schüttelte sie den Kopf und beschloss, morgen den Klempner ins Haus zu schicken. Dann machte sie auf dem Absatz kehrt und ging ins Wohnzimmer hinüber. Die Uhr auf dem Kaminsims war alles, was in diesem Zimmer noch von ihrem einstigen Leben im St. Annas Close zeugte. Sie nahm die Uhr, die einmal ihrem Vater gehört hatte, von dem kalten Stein herunter und klemmte sie unter ihren Arm. Ohne einen letzten Blick lief sie den Flur hinauf zur Tür. Das kalte Metall der Klinke berührte ihre Haut und ihr wurde noch einmal bewusst, dass sie dieses Haus heute zum letzten Mal verlassen würde. Doch sie wandte sich nicht um. Energisch riss sie die Tür auf und war verschwunden.