4. Kapitel - London - Westminster 7. Oktober 2003 (Zaubereiministerium; 3. Stock; Abteilung für Magische Unfälle und Katastrophen)

Verwirrt zog Draco die Finger zurück, als die Hitze seine Haut verbrannte. Er blickte auf den Schreibtisch herab und fand eine heiße, dampfende Tasse Kaffee zwischen seinen Händen. Die trübe schwarze Flüssigkeit anstarrend, als wäre sie soeben aus dem nichts aufgetaucht, schob er die Tasse von sich und sein Blick fiel auf das gerahmte Foto, das auf der Kante des Schreibtischs stand. Ein ziehender Schmerz zuckte in seiner Brust und brachte mit einem Schlag die Erinnerung zurück. Es war kein Traum gewesen, es war noch immer Wirklichkeit.

Abwesend ließ er die Tasse los, nahm das Bild zur Hand und wischte mit dem Daumen über das staubige Glas. Die Erkenntnis fraß sich in seinen Geist wie Salzsäure durch Metall. Sie würde nicht zurückkehren und ihm blieb nichts, als die stummen Erinnerungen und die ohnmächtige Verzweiflung. Seiner Finger umschlossenen so fest den Rahmen, dass sich das Relief des Holzes in die fahle Haut seiner klammen Hände drückte und wirre Muster hinterließ.

Er erinnerte sich. War ihm eben noch dieser Raum, der Ort so unwirklich erschienen, wie ein böser Traum, so vertraut waren sie ihm jetzt. Er schloss die Augen und sah den alten Gärtner Jones schweigend an ihm vorübergehen und er hörte das raue Scharben des Rechens über den kargen Boden, auf den schon so viele Tränen der Trauer und des Leids niedergegangen waren. Ihm blieb nichts von ihr, als dieses Bild auf seinem Tisch und der Statur auf ihrem Grab. Die bittere Erkenntnis schürte seinen Zorn, als er die Lider fest aufeinander presste und die Tränen nieder rang. Er war nicht länger er selbst und er zweifelte, ob er je zu sich würde zurückfinden können. Der Ärger breitete sich in ihm aus, wie ein verschüttetes Glas Wein auf einem Teppich – unaufhaltsam und alles verderbend. Seine Finger zitterten, als er das Bild mit eisernem Griff umklammerte. Das Holz drückte sich hart gegen seine Finger und plötzlich gab der Rahmen nach und das Glas zerbarst.

Das herbe Krachen des brechenden Glases riss ihn aus seiner Betäubung. Er öffnete bebend die Augen und blickte auf die Scherben in seinen Händen hinab. Die scharfen Kanten des Glases hatten die Kuppe seines Daumes zerschnitten, ohne, dass er es bemerkt hatte. Ein dünner Film blassroten Blutes bahnte sich seinen Weg durch die Risse und färbte das Bild, das dahinter lag.

Draco sog hörbar die Luft ein und erschrak, als eine Hand plötzlich nach dem gesprungenen Rahmen griff und ihn auf den Tisch legte. Verwirrt sah er auf und erkannte Harry, der ohne ein Wort Dracos blutender Hand in seine nahm und die Spitze des Zauberstabes auf den Schnitt presste. „Episkey!" murmelte der Schwarzhaarige und die Wunde war verschwunden.

Draco fuhr unwillkürlich mit dem Zeigefinger über die Kuppe seines Daumens und verrieb das feuchtglänzende Blut zwischen den Fingern. Er ließ Harry nicht aus den Augen, als dieser sich einen Stuhl zurechtrückte und sich neben Draco setzte. Harry lehnte sich vor und stützte die Ellenbogen auf die Knie, während er Draco fest in die Augen sah.

„Du musst sie endlich loslassen Draco", begann Harry ohne Umschweife und zeigte auf das Bild. Jeder Muskel in Darcos Leib spannte sich an, als er unwillkürlich dem Handzeichen des anderen mit dem Blick folgte und seine Augen auf das Antlitz fielen, das hinter den blutbefleckten Scherben kaum mehr auszumachen war. „Ich habe mit deinem Abteilungsleiter, Jacob Brownlow, gesprochen Draco", fuhr Harry fort und rieb sich die Nasenwurzel mit beiden Daumen. „So kann es nicht weiter gehen! Ich kann dich nicht ewig decken."

Ein tiefer, abwehrender Laut entfuhr Dracos Kehle, als er in die Höhe fuhr schoss und sich von Harry abwandte. „Hör auf Potter!" zischte er und seine Brust hob und senkte sich, als er sich schwer atmend mit der Rechten an der Wand abstützte und aus dem Fenster starrte, hinter dem ein unwirkliches Abendrot den Himmel färbte. Für einen kurzen Moment fragte er sich, ob es in jenem London, der wirklichen Welt über ihren Köpfen nun gerade nicht vielleicht regnete, doch dann drehte er sich wieder zu Harry. „Im bin dankbar für alles, was du für mich getan hast, seit-", er stockte und rang sichtlich nach Worten. Wie giftige Galle würgte er jede Silbe hervor und glaubte, sich jeden Augenblick übergeben zu müssen. „Seit Rias Tod", fügte er hinzu. „Aber es ändert die Wahrheit nicht. Die Wirklichkeit lässt sich mit noch so viel Zauberei und gutem Willen nicht verkehren – wir waren nie Freunde und werden nie welche sein. Also tu nicht so, als wäre es anders und versuch nicht mir ins Gewissen zu reden, nur weil du glaubst, es Ria schuldig zu sein." Harry musterte ihn skeptisch und legte die Stirn in Falten.

„Was ist mit deinen Kindern?" fragte er und stand seinerseits auf.

„Mach dir deswegen keine Sorgen", zischte Draco. Ein dunkler Schatten lag auf seinen eiskalten Augen.

Harry schob die Hände in seine Hosentaschen und wippte auf den Fersen. „Ich weiß, dass man dich Mia und Corvus seit Wochen nicht hat sehen lassen Draco. Das Ministerium glaubt nicht, dass du dich um sie kümmern könntest – du schaffst es kaum, für dich selbst zu sorgen." Zornig fraß sich Dracos Blick in Harrys. „Ich habe nie viel von dir gehalten Draco und es so auszudrücken ist im Grunde maßlos untertrieben. Doch deine Kinder brauchen dich, jetzt mehr denn je und du lässt sie im Stich." Er griff nach der Lehne des Stuhls, auf dem er eben noch gesessen hatte und schob ihn wieder beiseite. „Um ehrlich zu sein, es überrascht mich nicht. Ich hatte nicht erwartet, dass die Liebe zu deinen Kindern groß genug wäre, um dir und ihnen über diesen Verlust hinweg zu helfen. Es war zu erwarten, dass dein ichbefangenes Selbst sich in seinem eigenen Leid suhlen würde."

Mit einem langen Schritt war Draco bei Harry und wollte ihn am Kragen packen, doch Harry wich vor ihm zurück und hob seinen Zauberstab. Seine grünen Augen loderten, als er auf Draco zuging und ihm die Spitze seines Zauberstabs auf die Brust setzte. Das dünne Holz bohrte sich hart in Dracos Fleisch, doch er ignorierte den Schmerz und stemmte sich dem anderen entgegen. „Nur zu Draco", sagte Harry, die Stimme ein dumpfes, halblautes Donnern. „Gib mir einen Grund!" Langsam neigte er den Kopf vor. „Gib mir einen Grund und du bist die längste Zeit im Ministerium angestellt gewesen. Ich bin es leid, für dich einzutreten und gerade zu stehen, während du deine Arbeit nicht machst und deinem Schmerz nachhängst. Du wirst Mia und Corvus nie wieder sehen und es wird besser für sie sein, zu vergessen, dass es dich je gegeben hat." Langsam zog er die Hand mit seinem Zauberstab zurück und richtete sich zur vollen Größe auf. Er war gut einen halben Kopf kleiner als Draco und doch hatte der Slytherin das Gefühl, Harry blicke auf ihn hinab.

„Wach endlich auf Draco", sagte Harry mit kräftiger Stimme. „Du hast Ria verloren, doch noch-", er stockte. Für einen Moment schien er seine Worte genau abzuwägen und musterte Dracos zornige Züge. „Es wartet noch immer ein Leben auf dich." Seufzend rieb er sich den Nacken und wandte sich zur Tür. „Wirf es nicht weg!" Er stand im Türrahmen, die Klinke in der Hand. Ein letztes Mal sah er Draco ins Gesicht. „Ria hätte mehr von dir erwartet. Enttäusche sie nicht im Tod noch mehr, als du es im Leben bereits getan hast." Dann war er verschwunden.

Am ganzen Leib bebend starrte Draco ihm hinterher. Seine Hände zitterten und kalter Schweiß perlte auf seiner aschfahlen Stirn. Der Zorn und die Wut lagen bleiern auf seinem Herzen, das so heftig in seiner Brust schlug, dass es schmerzte. Er ertrug es nur schwer sich den Worten eines anderen zu beugen und er ertrug es noch viel weniger, zugeben zu müssen, wie sehr ihn ausgerechnet Harrys Worte getroffen hatten – denn ein jedes war wahr. Er hatte noch immer etwas zu verlieren, auch wenn die Ohnmacht, die ihn seit Rias Tod gefangen hielt, zu ersticken drohte. Der Boden unter seinen Füßen wankte, er ließ sich auf seinen Stuhl zurückfallen und starrte auf seinen Schreibtisch. Das zerschlagene Bild starrte zurück, ein Bündel blutverschmierter Scherben, die unter sich eine Erinnerung bargen, die ewig nur noch Erinnerung sein konnte – nie wieder mehr! Das Blut in seinen Ohren rauschte und er spürte und hörte, wie das Schicksal sich auf seine Schultern setzte und ihn hämisch schallend auslachte.

Der Zorn umfasste mit eiserner Klammer sein Herz und mit einer wütenden Bewegung riss er den Arm hoch und fegte den kaputten Rahmen vom Tisch, der mit einem lächerlich dumpfen Laut an die Wand schlug und in Einzelteilen auf den Boden hinab fiel, wo er stumm liegen blieb. Dann war alles still.

(St. Mungo; 4. OG; Janus-Thickery Station für Langzeitpatienten mit irreversiblen Fluchschäden)

Ria lief den Flur hinab. Einmal mehr stellte sie fest, dass es in einem Zauberer-Krankenhaus nichts so roch, wie es ein Muggle gemeinhin von einem Krankenhaus erwartet hätte und doch roch es für sie nach Krankheit, Tod und Verzweiflung. Sie blieb vor der Tür des Zimmers, in dem Draco lag, stehen. Die Tür stand einen Spalt weit offen und aus dem Innern vernahm sie ein schmerzliches Schluchzen und Jammern, das ihr in Mark und Bein fuhr und ihr die Kehle schnürte.

„Es tut mir so leid Mrs Thorburn." Die helle Stimme von Miriam Strout schwebte auf den Flur hinaus und Ria schluckte. Langsam hob sie den Arm und schob die Tür weiter auf. Als sie den Raum betrat, erkannte sie Anna Thorburn, die auf einem Stuhl neben dem Bett saß, in dem ihr Mann lag und das Gesicht in den nicht mehr ganz jungen Händen vergraben hatte. Sie Stationsschwerster stand auf der anderen Seite des Bettes und tippte mit ihrem Zauberstab an eines der vielen Fläschchen, die über dem Kopfende von Bryan Thorburns Bett schwebten. Als Mrs Strout Ria entdeckte, schenkte sie ihr ein flüchtiges Lächeln. Sie ließ ihren Zauberstab in ihrem hellen Kittel verschwinden und ging auf die Tür zu, in der Ria noch immer stand, unfähig sich zu bewegen. Mit einem seufzen blieb die Schwester neben ihr stehen und blickte über die Schulter zu Mrs Thorburn. „Er stirbt", flüsterte sie Ria zu. „Wir haben getan, was wir konnten, doch das Gift wollte sich nicht aufhalten lassen, es hat heute früh sein Herz erreicht."

„Wie lange hat er noch?", fragte Ria und blickte zu Mr Thorburn. Er lag wie schlafend da, die Augen geschlossen und den Mund einen winzigen Spalt geöffnet, als müsse man nur einmal kräftig an seiner Schulter rütteln, um ihn wieder ins Reich der Lebenden zurückzuholen. Selbst in seinem Krankenbett, umgeben von allerlei Apparaturen und umschwirrt von den Zaubertränken, die man ihm verabreichte, um das Gift, das sich langsam von der Wunde am Bein durch seinen Körper ausbreitet, aufzuhalten, sah er noch immer aus wie ein Bär von einem Mann. Mit seinen breiten Schultern und dem kräftigen Kreuz erweckte er den Eindruck, als könne nichts ihm so leicht etwas anhaben und doch war das, was ihn nun tötete, so winzig, das keiner es sah. Denn es zerfraß ihn von innen und nicht einmal Magie vermochte es zu bändigen.

Ria schloss für einen Moment die Augen und kämpfte mit den Tränen. Bryan Thorburn war ein Tränkemeister im Dienste des Ministeriums gewesen und von einer Schnabelseeschlange gebissen worden, als das Tier einen seiner Lehrlinge anfallen wollte, nachdem die Schlange dessen Stupor-Zauber entwichen war. Er hatte zwei halbwüchsige Söhne und eine wundervolle Frau, die an den Wochenenden auf einem Markt in Highgate selbstgekochte Marmelade verkaufte. Das Schicksal war nicht gerecht, wenn es einen Mann wie Bryan Thornburn forderte und Menschen wie Anna, deren Welt mit ihrem Mann begann und die vermutlich auch mit ihm enden würde, allein zurückließ. Ein halbes Jahr lang hatte Bryan Thornburn gekämpft und schließlich doch verloren.

„Ein paar Tage", sagte Miriam Strout, „vielleicht eine Woche." Sie verkniff den Mund zu einer dünnen Linie und schüttelte gedankenverloren den Kopf. „Andere wären schon lang an dem Gift gestorben. Er ist so stark und doch konnte ihn seine Kraft nicht retten." Die Hände in den Taschen ihres Kittels vergraben trat sie auf den Flur hinaus und sagte im Gehen: „Das hasse ich am meisten an meiner Arbeit. Wer hier her kommt, ist dem Tode immer näher, als dem Leben. Doch Mr Thorburn hätte es wirklich schaffen können. Trotzdem ist er unseren Händen entglitten. Was nützt uns all unsere Magie, unser Wissen und unsere Fähigkeiten, wenn alles, was wir am Ende ausrichten konnten, war, sein Leiden zu verlängern." Wieder schüttelte sie den Kopf und Ria glaubte, Tränen in ihren hellgrauen Augen glänzen zu sehen. Dann war die Stationsschwester verschwunden.

Einen Atemzug lang sah Ria ihr nach. Schließlich aber schloss sie die Tür hinter sich und trat ins Zimmer. Mrs Thorburn blickte nicht auf. Ihr schluchzen war nur noch ein leises Weinen und ohne sie anzusprechen trat Ria auf die andere Seite des Vorhangs, der die einzigen beiden Betten im Zimmer voneinander trennte und blickte auf Draco hinab. Auch er lag da, als würde er schlafen, jedoch weniger friedlich und ruhig. Seine Augen waren geschlossen und erweckten den Eindruck, als hielte er sie angestrengt zusammen gekniffen. Seine Mundwinkel waren herabgesunken und seine Haut aschfahl, fast grau. Das helle Haar klebte auf seiner Stirn und jeden einzelnen Tag, den Ria St. Mungo betreten hatte und an sein Bett gekommen war, hatte sie für einen winzigen Moment geglaubt, es sei der Tag gekommen, an dem sie sein Haar beiseite strich, seine Stirn küsste und ihn aus seinem nicht enden wollenden Alptraum endlich weckte.

Mit müden Gliedern ließ sie sich auf den Stuhl neben seinem Bett sinken und sah ihn stumm an. Es war erst gestern gewesen, dass Augustus Pye ihr gesagt hatte, dass er nichts mehr für ihren Mann tun könnte und doch schien ihr dieser Moment unendlich fern – unwirklich, zu grausam und gnadenlos, um wahr zu sein. Doch sie wusste, es war die Wahrheit und sie konnte sie weder mit Flehen oder Betteln noch mit Magie aufhalten. Sie wusste nicht, welche Gewissheit schwerer auf ihr lastete, die Tatsache, dass er sterben würde, oder jene, dass sie nichts daran ändern konnte. Beides drohte sie innerlich zu verbrennen. Die Angst ihn zu verlieren lähmte ihre Gedanken und ihre Machtlosigkeit schürte ihren Groll gegen die Welt und das Schicksal, der mit jedem Tag wuchs.

Die Tränen rannen heiß über ihr Gesicht und fielen in ihre noch immer bebenden Hände, die sie steif im Schoß hielt, während sie verzweifelt versuchte nicht laut aufzuschreien und ihren Zorn hinauszubrüllen. So lang hatte sie an ihm und seiner Liebe zu ihr gezweifelt und beides schließlich verraten. In ihrer Erinnerung sah Ria ihn immer wieder vor sich, an jenem Tag in St. Annas Close, als sie auf den Treppenstufen des Hauses saß, dass er für seine Familie kaufen wollte und um eine Chance flehte, um einen Aufschub rang. Heut wusste sie, dass sie ihm diese Frist nicht allein der Kinder wegen gewährt hatte. Sie hatte ihn einmal geliebt und allein Widerständen zum Trotz diese Liebe nie vollkommen aufgegeben, so sehr sie ihn auch versucht hatte zu hassen. Verzweifelt ballte sie die steifen Finger zu Fäusten und wiegte sich auf ihrem Stuhl vor und zurück. Es war, als hätte das Schicksal ihn ihr ein weiteres Mal entrissen. Doch dieses Mal blieb keine stumme Hoffnung zurück, dieses Mal würde es keinen Aufschub geben.

Sie hörte, wie die Tür geöffnet wurde und jemand das Zimmer betrat. Sie holte tief Luft und versuchte die Tränen mit dem Ärmel ihrer Bluse fortzuwischen, als Harry um den Vorhang trat und sie ansah. Seine Augen waren so voll Mitleid und ehrlichem Kummer, dass sie es nicht ertrug seinen Blick zu erwidern. „Was tust du hier?", fragte sie ihn, nur um etwas zu sagen. Sie verschränkte die Arme vor der Brust und starrte auf den sterbenden Draco herab.

Harry kam zu ihr und legte eine Hand auf ihre Schulter. „Hermine hat es mir gesagt", begann er. „Es tut mir so leid Ria." Sie schloss die Augen und spürte erneut die Tränen in sich aufsteigen. „Tut es das?", fragte sie mit wutgetränkter Stimme. „Du bist in all den Jahren nicht müde geworden mir zu sagen, dass er nicht gut für mich war, nie gut für mich sein würde." Sie schob seine Hand fort und stand auf. „Es mag nicht die Art und Weise sein, die du dir erdacht hast und doch bleibt das Ergebnis das Gleiche. Er wird weit fort sein – fort von mir und fort von seinen Kindern. Erfüllt es dich nicht mit Genugtuung zu wissen, dass der Todesser in ihm am Ende doch noch seine gerechte Strafe bekommen hat?"

Sie wusste, dass sie Harry Unrecht tat und konnte doch nicht die Worte zurückhalten, die sich gallebitter über ihre Lippen bahnten. Sie spürte seinen Blick auf sich lasten, als sie ihm den Rücken zudrehte, um ihre Tränen vor ihm zu verbergen. Eine Ewigkeit lang sagte er nichts, doch dann kam er zu ihr und nahm sie schweigend in den Arm. Etwas zerbrach in Ria, sie krallte ihre Hände in den dünnen Stoff Harrys Jacke, barg das Gesicht an seiner Schulter und brach in ein qualvolles Jammern aus. Ihre Tränen durchnässten den Stoff seiner Jacke, als er sie einfach nur festhielt.

Schließlich jedoch löste er sich von ihr und blickte ihr in das nasse, rote Gesicht. Ihre Augen waren glasig und der Blick trüb. Alles tat ihr weh und sie fürchtete, das Zittern, das ihre Hände gepackt hatte, würde nie wieder aufhören. „Du musst ihn loslassen", sagte Harry. „Du kannst nichts mehr für ihn tun und er hätte nicht gewollt, dass du in deiner Trauer über ihn am Ende selbst ertrinkst."

Ria schluchzte und hielt ihre linke Hand fest mit der rechten umschlossen, als sie sich zwang ihn anzusehen. Sein Blick schmerzte noch immer und wieder waren es Wut und Verzweiflung, die sich in ihrem Innern ausbreiteten, wie Forstblumen, die in einer kalten Winternacht an einer Glasscheibe wuchsen. "Ich kann nicht", stammelte sie. „Er hat so lang um mich gekämpft Harry. Ich kann ihn nicht einfach aufgeben – ich kann nicht aufhören um ihn zu kämpfen, bis sein Herz tatsächlich aufhört zu schlagen. Ich bin es ihm schuldig Harry. Ich kann ihn nicht noch einmal verraten."

Mit beiden Händen wischte sie sich die Tränen von den Wangen und rang mühevoll das Schluchzen nieder. Sie versuchte zu Lächeln, als sie Harry noch einmal ansah. Es verwirrte sie, dass der junge Mann, den sie immer als so stark und mutig erlebt hatte, so wehr- und sprachlos ob ihrer Trauer war. Er erwiderte stumm ihr Lächeln und hielt sie nicht auf, als sie auf dem Absatz kehrt machte und ging.

(London Tube – District Line – Irgendwo zwischen Westminster und Nottinghill Gate)

Das stete Rattern des fahrenden Zugs in seinen Gleisen beruhigt Ria. Müde lehnte sie ihren Kopf an die Scheibe und späte in das schwarze Nichts des Tunnels hinaus. Sie hätte apparieren können oder auch das Flohnetz nehmen, doch es war die Zeit für sich allein, die sie gewinnen wollte, als sie in die Untergrundbahn gestiegen war. Sie dachte an Harrys Worte, die sie nicht los lassen wollten und musste sich fragen, ob er Recht hatte. Vielleicht wär es besser, sie würde Abschied von Draco nehmen und ihn gehen lassen. Sie nahm den Gedanken zur Hand und wandte ihn hin und her, doch sie war so erschöpft und ihr Geist so taub, dass sie ihn nicht wirklich fassen konnte.

Der Zug fuhr in den nächsten Bahnhof ein und das grell flackernde Licht der Neoröhren stach in ihre Augen. Sie drehte ihren Kopf zur Tür, die sich mit einem leisen Surren öffnete und ihr Blick blieb an einem der Plakate auf dem Bahnsteig hängen. Es war eines jener Kunstprojekte, die sie schon so oft gesehen hatte und so oft doch nicht. Am oberen Rand war es mit „Handlungsanweisung" überschreiben und darunter war in einer einfachen Handschrift zu lesen: „Ertrage nicht dein Schicksal, besiege es!". Verwirrt starrte sie auf die schwarzen Lettern und etwas regte sich in ihr. Einen Herzschlaglang glaubte sie, die Worte schon einmal gehört zu haben, doch sie konnte sich nicht erinnern. Dann schlossen die Türen wieder und der Zug verschwand in die undurchdringliche Finsternis des Tunnels.