5. Kapitel - London - Highgate 7. Oktober 2003

Draco fuhr erschrocken in die Höhe und klammerte sich mit beiden Händen fest an die Kante des Tischs. Er atmete schwer. Seine Lungen brannten, als sei er soeben einen Marathon gelaufen, sein Herz raste und hämmerte hart gegen seine Rippen. Fahrig griff er sich in die Stirn. Kalter Schweiß netzte seine Finger und er starrte auf seine zitternde Hand, der Blick irr und voll Angst, als sei sie nicht die seine. Er drehte und wendete beide Hände, prüfte die Handflächen und die Kuppe seines Daumes. Nichts, kein Schnitt und auch kein Abdruck des Musters, das in seinem Traum der Holzrahmen hinterlassen hatte. Tief holte er Luft und versuchte sich zu beruhigen. Es schien nie genug Luft zu sein, die er mit einem Atemzug in seine Lungen sog.

Schwer schluckte er. Seine Kehle war trocken, der Rachen rau, während er heftig nach Atem rang und sich die Erinnerung mit eisig kaltem Griff um seinen Hals legte und zupackte. Er riss an dem Kragen seines Shirts und versuchte den Stoff von der Haut fortzuziehen, doch es half nichts. Die Furcht beherrschte ihn und wollte nicht wieder von ihm lassen. Erneut versuchte er zu schlucken, doch sein Mund fühlte sich an, als hätte man ihm Sand zu essen gegeben und seine Zunge war schwer wie Blei. Wasser, er musste unbedingt etwas trinken.

Sein Blick irrte durch den Raum. Erst jetzt wurde ihm gewahr, dass er in der Küche des St. Annas Closes saß und er erinnerte sich an den abscheulichen Moment, da er erkannt hatte, dass er das Haus nicht verlassen konnte. Er wandte den Kopf, um aus dem Küchenfenster zu sehen. Es war noch immer Nacht. Die Straßenlaternen und ein unnatürlich heller Mond tauchten alles um ihn her in ein fahles Zwielicht, das seine Augen nur mit Mühe durchdrangen und doch hatte er den Eindruck alles erkennen zu können, wenngleich weder in der Küche noch im angrenzenden Flur Licht brannte. Die Welt vor dem Fenster schien noch immer zu Eis erstarrt. Kein Luftzug regte sich in den Bäumen und Sträuchern der Gärten, kein Laut war zu hören – alles war totenstill.

Wieder packte er nach der Tischkante und stieß sich mit einem heftigen Stoß vom Tisch ab. Die Beine seines Stuhls scharten hart über den Boden, doch das Geräusch drang so dumpf und unwirklich zu ihm hinauf, das es ihn schaudern ließ. Erschrocken fuhr er von seinem Stuhl hoch und stieß dabei mit den Oberschenkeln an den Tisch. Er sah, wie dieser führ einen Moment unter dem Stoß wackelte und ehe er wirklich begriff, was geschah, griff er nach der kristallenen Vase, die auf dem Tisch gestanden hatte, ohne dass er sie entdeckt hätte. Das Gefäß entglitt seinen Fingern und fiel mit der Kante voran trügerisch langsam auf die Fliesen der Küche. Ein Riss zuckte von dem gezackten Rand des schweren Bleikristalls bis zum Boden der Vase, dann zersprang sie in tausende winziger Scherben, die stumm zu Boden rieselten. Für die Winzigkeit eines Augenblicks fühlte Draco sich an das lautlose Fallen des Schnees erinnert, der sich mit sanftem Schweigen auf Rias Haare und ihren Umhang setzte, während sie zusammengekauert auf einem der Türme Hogwarts saß. Doch so rasch diese Erinnerung gekommen war, so plötzlich war sie wieder vorüber und er blickte angespannt auf die Scherben herab. Er dachte an den zerbrochenen Bilderrahmen in seinem Traum. Aber war es denn ein Traum gewesen? War dies hier real? Oder waren das, was er für seine Träume hielt, die Realität und der Schmerz und der Kummer über den Verlust, den er nicht überwinden wollte, hockte schon längst faulig und eitrig in seinem Geist und trieb ihn in eine Welt, in der nichts wirklich war, er aber auch nichts wahrhaft empfinden konnte? Nicht einmal der grelle Laut einer zerspringenden Vase drang schmerzend an sein Ohr. Unwillkürlich fasste er sich mit der Hand auf die Brust und tastete nach seinem Herzen, das noch immer viel zu schnell schlug – doch es schlug und er spürte es. Alles, seinen Herzschlag, seinen schweren Atem nahm er überdeutlich wahr. Am deutlichsten aber war der Durst, der ihn fast wahnsinnig zu machen schien.

Er suchte mit seinem Blick das Spülbecken unterhalb des Fensters und stürzte hinüber. Seine Linke klammerte sich mit eisernen Griff an die Kante des Beckens, während er den Hahn aufdrehte und gierig trank. Er trank und trank, doch das schale Gefühl wollte nicht weichen, stattdessen schmeckte jeder Schluck nach Benzin und brannte in seiner Kehle. Hustend würgte er und fuhr sich mit der Hand über den Mund. Der widerwertige Geschmack haftete auf seiner Zunge und der Durst quälte ihn noch immer. Er presste die Handballen auf die Augen und schrie aus Leibeskräften. Ein toter, geräuschloser Schrei, der im Nichts verhalte, da niemand ihn hörte – außer Draco selbst und der Schrei hallte so schrill in seinem Kopf wieder, dass er seine Ohren zum Klingeln brachte. Er bebte am ganzen Leib, doch niemand war hier, um ihn zu halten oder gar nur zu hören. Niemand sah ihn oder konnte ihn spüren.

Doch so sehr ihn auch die Angst der Einsamkeit ergriffen hatte, so sehr ihn der Durst und das Brennen der Kehle marterten, so war all dies doch besser, als der Schmerz, das Leid und die Ohnmacht, die ihn in seinen Träumen überkamen. Draco umklammerte mit den Händen seine Schultern, als wollte er sich warm halten. Grausam war das hier und jetzt, doch noch entsetzlicher erschien ihm eine Welt, in der er mit der düsteren Gewissheit leben musste, dass seine Frau tot war. Gestorben, weil sie seinen Namen trug. Ermordet, durch die Hand seines Vaters, weil sein Sohn die falsche Frau geliebt hatte. Nichts konnte so erbarmungslos sein, wie eine Realität ohne Ria, in der er über den Schmerz ob ihres Verlustes fast verging und nicht einmal genug Kraft hatte, um sich um seine Kinder zu kümmern.

Die Totenstille des St. Annas Closes, das menschenleere, einsame Haus, dass er nicht verlassen konnte, waren für seinen Geist, seinen Verstand kaum zu ertragen und doch schwor er sich, er würde nicht wieder einschlafen – er würde nicht wieder träumen und nicht noch einmal am Grab seiner Frau stehen und mit tränennassen Augen den Engel betrachten, der ihr Antlitz trug und der doch bis in alle Ewigkeit tot dort liegen würde – ungerührt, nichts als kalter Stein, in den man eine Erinnerung gebannt hatte, die ihn ewig jagen würde.

Er versuchte den gräulichen Geschmack hinunterzuschlucken und fragte sich, ob er wohl tot sei oder ob tatsächlich sein kranker, geschundener Geist diese Spiel mit ihm trieb, als er plötzlich glaubt eine Poltern zu hören. Erstarrt horchte Draco in die Stille. Da war es wieder. Ein gedämpfter Schlag, wie von einem Schritt auf der Treppe. Gepackt von Hoffnung und Verzweiflung gleichermaßen, rannte er aus der Küche in den Flur und stürzte auf die Treppe zu. Mit ausladenden Schritten sprang er die Treppe hinauf, doch als er an der obersten Stufe anlangte, blieb er abrupt stehen. Er lauschte den schmalen Flur des oberen Stocks hinunter, doch er hörte nichts. Kein Licht brannte und das winzige, runde Fenster am Ende des Flurs ließ gerade so viel Helligkeit hinein, dass er den schmalen Gang ausmachen konnte. Dort war niemand und war wohl auch nie jemand gewesen. Er wandte sich um und hielt sich wankend am Handlauf fest, als wieder ein Geräusch an seine Ohren und in seinen Geist drang. Doch dieses Mal klang es wie ein leises, unterdrücktes Schluchzen.

Er rannte die Treppe so rasch wieder hinunter, wie er sie hinaufgesprungen war und stürzte in Richtung des Wohnzimmers. Die Tür war nur angelehnt und gab lautlos unter dem Druck seiner Hand nach, als er sie aufstieß. Nichts, auch hier. Die Polstermöbel waren noch immer mit weißen Laken verhängt, der Kamin war kalt und vor dem Fenster stand unbewegt die kleine Linde. Zorn und Wut gesellten sich zu seiner Angst, als Draco mit langsamen Schritten in den Raum hineintrat und die Stille und die Einsamkeit in seinen Geist sickerten – zäh und unnachgiebig und sie hinterließen nichts als giftige Galle und bitteren Zorn, der die Verzweiflung und die Angst betäubte.

Er ließ sich in einen der Sessel fallen und warf den Kopf zurück. Mit weit aufgerissenen Augen starrte er auf die Wand über dem Kamin, an der die Bilder, die einmal dort gehangen hatten, ihre schattigen Spuren hinterlassen hatten. Er wischte sich mit Daumen und Zeigefinger über die Augen und hielt plötzlich inne. Langsam richtet er den Blick auf den Kaminsims und stand aus dem Sessel auf. Nichts, der Sims war leer, doch auf dem Staub, der sich in einem dünnen Film auf den grauen Stein gelegt hatte, war deutlich noch der Abdruck der Uhr zu erkennen, die hier einmal gestanden hatte – und die dort noch gestanden hatte, als er das erste Mal in der toten Einsamkeit dieses Hauses erwacht war. Seine Finger fuhren über die trügerische Spur und verwischten den feinen Staub. Die Uhr war hier gewesen, zuckte es durch seinen Geist. Er war nicht allein, sagte er sich. Ein Zittern schüttelte seinen Körper, als er sich rücklings wieder in einen der Sessel fallen ließ. Er war nicht allein, wiederholte sein Verstand wieder und wieder, während er seine bleiernen Glieder ausstreckte. Die Müdigkeit fiel plötzlich auf ihn herab, wie eine warme, wollende Decke und hüllte ihn. „Nicht einschlafen", dachte er, „ich bin nicht allein!" Dann fielen seine Lider zu.


(London – Kensington (Linden Gardens) 8. Oktober 2003)

Die Wohnung war winzig und doch wusste Ria, dass es nicht die Enge der Räume war, die ihr so schwer auf der Seele lastete und sie zu erdrücken drohte. Sie saß auf dem Boden neben dem brennenden Kamin und beobachtete Mira, die bäuchlings auf den Dielen lag und malte. Corvus saß in dem kleinen Erker, der auf die Straße hinausblickte und sah dem Regen zu, der in kräftigen Böen vom Wind immer wieder gegen die Scheibe getrieben wurde. In der Ferne zuckte ein Blitz über den nächtlichen Himmel und erhellte kurz das spärlich beleuchtete Zimmer. Ein tiefes Grollen rollte über die Stadt hinweg, als der Donner seinem grellen Boten folgte.

Mira zuckte kurz, doch Ria legte ihre Hand auf die des kleinen Mädchens und lächelte sie beruhigend an. Alles an diesem Abend war so banal, so alltäglich, dass es sie schmerzte. Selbst das Gewitter erschien ihr absurd normal. Dies war London, es war Herbst und ein Gewitter so wahrscheinlich, wie der Wechsel der Gezeiten - es mochte überraschend kommen und doch gehörte es zu dieser Stadt und der Jahreszeit, wie Big Ben und der Tower. Tage, Abende und Nächte wie dieser würden noch unzählige auf sie warten, sie würden schön sein oder langweilig. An einigen würden die Kinder vielleicht streiten, sie würde mit ihnen schimpfen und sie würden sich wieder vertragen. Und durch all diese Tage und Abende würde sie dabei zusehen, wie ihre Kinder größer wurden, wie sie wuchsen und endlich alt genug würden, um nach Hogwarts zu gehen. Sie würde sehen, wie sie erwachsen wurden, sich verliebten und vielleicht einmal selbst Kinder bekämen. Doch sie würde all das allein erleben. Draco würde nicht da sein, um mit ihr zu lächeln oder zu weinen. Er würde nicht da sein, um ihr ein Stück der Last von den Schultern zu nehmen und er würde nicht da sein, um sie zu halten, wenn sie selbst nicht weiter wusste.

Sie wischte die Träne fort, die sich aus ihrem Auge gestohlen hatte, ehe die Kinder sie sehen konnten. Langsam stand sie auf, die erschöpften Glieder bleischwer. Ein pochender Schmerz hämmerte leise, doch stetig an ihre Schläfen. Ihr wurde schwindelig und sie stützte sich mit einer Hand am Kamin ab, da sie glaubte, ihr würden die Beine versagen. Mit gequälter Mine unterdrückte sie ein Schluchzen und rang die Tränen nieder. Ihr Verstand sagte ihr immer und immer wieder, dass es weitergehen würde. All diese Jahre lagen noch vor ihr und sie würden voll von Leben sein, auch wenn sie um diesen einen Menschen, von dem sie nicht lassen wollte, beraubt wäre. Sie wusste, dass sie irgendwann darüber hinwegkommen würde und dass es Lachen und Freude jenseits dieses grausamen Hier und Jetzt gab. Doch Ria wollte sich nicht damit abfinden.

Gedankenverloren griff sie nach dem Kettenanhänger um ihren Hals. Der grüne Stein fühlte sich warm und glatt in ihren Fingern an, als sie ihn zitternd umklammerte. Sie presste die Augenlider fest aufeinander und biss die Zähne zusammen, um ihre Wut, ihren Zorn und ihren Schmerz nicht hinauszuschreien. Alles in ihr verlangte danach, dass sie ihrem Kummer freien Lauf ließ und sie wünschte sich nichts sehnlicher, als laut schreien und weinen zu können, um die Angst loszulassen, die sie innerlich zu verbrennen drohte. Ihre Nasenflügel bebten, als sie tief Luft holte und ihre Finger rutschten über den rauen, warmen Stein des Kaminsims, während sie sich krümmte und jeden Muskel im Körper anspannte, um dem Verlangen in ihr nicht nachgeben zu müssen.

Seltsam glatt war das Holz im Gegensatz zum Stein des Kamins, als sie gegen die Kaminuhr stieß und die Augen öffnete. Die Uhr tickte leise und sie hörte das Uhrwerk sanft surren. „Zeit", dachte sie und sah im Geiste ihren Vater, der an seinem Schreibtisch ihr gegenüber saß und kaum von seinen Pergamenten zu ihr aufblickte. „Sie flieht uns nicht. Für jenen, der sie zu nutzen weiß, wird sie stets im richtigen Tempo vergehen." Ria glaubte laut und deutlich seine Stimme zu hören, als sie nach der Uhr griff und sie fest mit beiden Händen umklammerte. Und plötzlich fiel es ihr wieder ein, jener Moment vor so vielen Jahren, als sie in aller Heimlichkeit in einer winzigen Kirche direkten oberhalb der Klippen von St. Cyrus dem Mann das Jawort gegeben hatte, den sie stets geglaubt hatte aus tiefstem Herzen zu hassen und nun nicht gehen lassen wollte.

Der Tag war regnerisch gewesen, doch sie spürte noch die warme Abendsonne auf ihrer Haut, als sie am Rand der Steilküste gestanden und auf das offene Meer hinaus geblickt hatte. Und sie spürte ihren Vater, der neben sie trat und sie für einen kaum enden wollenden Moment einfach nur angesehen hatte. An jenem Tag hatte sie selbst die Würmer im Sand um ihre Freiheit beneidet – eine Freiheit, um die sie sich beraubt und betrogen gefühlt hatte. Nicht nur von Draco allein, vor allem durch ihren Vater, der darauf bestanden hatte, dass sie den Vater ihres ungeborenen Sohnes heiratete.

„Ich weiß, dass du mich hasst mein Kind", brach ihr Vater schließlich das Schweigen. Er war ein Stück an sie herangetreten und sie hatte für den Moment eines Wimpernschlages die Wärme seiner Hand an ihrer Schulter gespürt. Doch schließlich hatte er es nicht gewagt sein einziges Kind in den Arm zu nehmen. Stattdessen war er wieder zurückgewichen und hatte gesagt: „Ich habe nicht dein Schicksal für dich gewählt Furia. Ich habe dir den Weg gezeigt, von dem ich glaube, dass er der richtige für dich ist – du weißt es nur noch nicht. Mache nicht die gleichen Fehler wie deine Mutter und laufe nicht davon. Schlage nicht nach der Hand, die dir gereicht wird. Das Schicksal mag nicht immer gut zu dir sein, doch es ist nicht in Stein gemeißelt. Es ist an dir, ob du die Tage und das Leid stumm erträgst und darin ertrinkst oder ob du dich deinem Schicksal stellst und es besiegst. Das Leben nimmt dir nichts, dass es dir nicht zuvor gegeben hat. Doch ob du es kampflos aufgibst – das liegt an dir allen!"

Ria starrte noch immer auf die Kaminuhr und in ihren Ohren hallte das Knirschen seiner Schritte auf dem Kiesboden wieder, als ihr Vater zu der kleinen Kirche zurückging und sie allein gelassen hatte. „Vater", stammelte sie mit zitternden Lippen. Ihr wurde eiskalt und einmal mehr glaubte sie an diesem Abend, dass sie das Bewusstsein verlieren würde. Doch dann ließ sie die Kaminuhr je los und lief in den kleinen Flur. Sie hörte Corvus Stimme, die erschrocken nach ihr rief. „Es ist alles gut", antwortete sie über ihre Schulter hinweg und starrte an die Decke des schmalen Raumes, in deren Mitte die Luke zum Dachboden war. „Es ist alles gut", sagte sie wieder, doch schien es ihr, als spreche sie zu sich selbst. „Alles ist gut!" Ihre Augen blickten sich kurz um, doch als sie nicht fanden, was sie suchten, streckte sie sich und griff mit einem Sprung nach der Öse, mit der man die Luke öffnen konnte. Lautlos rutschte die Klappe aus dem Schließmechanismus, als sie das kalte Metall zu fassen bekam und mit Schwung und einem lauten Schlag fiel die Klappe nach unten und die Treppe rutschte herab. Die Luke hatte Ria hart an der Schulter getroffen, als sie herunterkam, doch sie ignorierte den Schmerz. Sie stieg die morsche Treppe hinauf und zog an der Kette für das Deckenlicht. Die alte Lampe flackerte und gab nur wenig Helligkeit ab. Für einen Augenblick überlegte sie, doch ihren Zauberstab zu holen, aber sie konnte nicht länger warten.

Während ihre Augen sich allmählich an das Zwielicht gewöhnten, stolperte sie voran. Vor einigen Umzugskartons, die sie ans äußerste Ende des niedrigen Dachbodens geräumt hatte, blieb sie stehen und begann einen nach dem anderen aufzureißen und etwas darin zu suchen.

„Mum", hörte sie Corvus von unten hinauf rufen. Wieder zerrte sie ungeduldig an einem Karton und warf den Inhalt achtlos auf den Boden, während sie voll Ungeduld und Verzweiflung suchte. Dann hielt sie inne, sank langsam auf die Knie und griff auf den Boden des offenen Kartons, der vor ihr stand. „Mum", rief Corvus erneut, „ist alles in Ordnung?" Er war die Treppe hinaufgekommen und lugte über den staubigen Rand des Bodens.

„Es ist alles gut, Corvus", sagte sie, die Stimme ungewöhnlich fest. Sie hatte ihm noch immer den Rücken zugedreht und er sah nicht das Lächeln, das über das Gesicht seiner Mutter glitt. Ihre blassen Finger umklammerten etwas und das Zittern, das sie bis eben noch geschüttelt hatte, begann nachzulassen. „Jetzt wird alles gut!"