6. Kapitel – London – Westminster. 8. Oktober 2003 (Zaubereiministerium; 2. Stock; Abteilung für magische Strafverfolgung; Aurorenzentrale)
Irritiert blickte Harry von einem Stapel Papiere auf, als die Tür zu seinem schmalen Büro aufgerissen wurde und Draco Malfoy hineinstürmte, die Augen blutunterlaufen und eine wild gestikulierende Amanda Pierce auf den Fersen.
„Es tut mir so leid", stammelte Amanda mit einem kurzen Seitenblick auf Harry und war sogleich wieder bemüht einen offensichtlich aufgebrachten Draco aus dem Büro ihres Vorgesetzten zu befördern. Energisch sprach die betagte Hexe mit der beigen Hornbrille und der großen Nase in ihrem faltigen Gesicht auf den gehetzt wirkenden Draco ein, der stoisch wieder und wieder den einen Satz wiederholte: „Es kann nicht warten!". Sie stammelte etwas von nicht gemachten Terminen, Unverschämtheiten und Rücksichtslosigkeit, doch als Harry sie mit der Hand an der Schulter fasste und ein Stück zurückzog, verstummte sie je.
„Amanda", sagte Harry beruhigend, sein Blick aber haftete auf Draco. „Lass uns allein, ich kläre das!" Der Leiter der Aurorenzentrale nahm seine Hand von der Schulter seiner Mitarbeiterin. „Gib uns fünf Minuten", Harry wandte Amanda das Gesicht zu und lächelte. „Bitte!"
Amanda seufze leise und presste dann die Lippen aufeinander, als habe sie etwas sagen wollen und sich schließlich doch noch eines Besseren besonnen. Mit einem Schulterzucken strich sie ihren Blazer glatt und verließ festen Schritts das Zimmer. Mit einem letzten zweifelnden Blick zog sie die Tür hinter sich ins Schloss.
Harry sah ihr nach und wollte sich soeben an Draco wenden, als dieser ihn fest an beiden Schultern packte und ihn zwang ihm ins Gesicht zu sehen. „Sie lebt", rief Draco aufgebracht und der scharfe, beißende Gestank von billigem Feuerwhiskey schlug Harry entgegen. Angewidert schob er Draco von sich.
„Bei Doctor Mirabilis rechter Hand, wovon in drei Teufels Namen sprichst du?" Er trat einige Schritte zurück. „Es ist kaum drei Uhr durch, doch du stürmst Zeter und Mordio schreiend in mein Büro, stinkst, als hattest du nicht nur zu tief ins Glas geschaut, sondern gleich im Fass gebadet und bringst meine Mitarbeiterin auf." Harry hob die Hand, als Draco ihm ins Wort fallen wollte. „Nein," sagte er, „ich will deine Hirngespinste und Phantastereien nicht hören Malfoy."
Harry zog seinen Stuhl zurecht und setzte sich. „Ich habe dich gewarnt Malfoy. Mehr als einmal." Mit einem tiefen Ächzen nahm er den Stapel Papiere, über dem er eben noch gesessen hatte und begann ihn flüchtig zu ordnen, als wollte er seinen vor Zorn zitternden Händen etwas zu tun geben. Wutdurchwirkt prasselten seine Worte auf den schweigend da stehenden Draco ein.
„Es reicht!", hob Harry an. „Ich habe mich das letzte Mal für dich stark gemacht Draco. Viel zu lang schon sehe ich mir an, wie du dich und alle um dich her mehr und mehr in die Tiefe ziehst. Du ignorierst deine Kinder und versäufst den letzten Rest Verstand, der sich noch irgendwo in dir verbergen mag. Du kommst hier her, kompromittierst mich, in dem ich einmal mehr vor meiner Mitarbeiterin Partei für dich ergreifen muss und der erste Satz, der über deine Lippen kommt, ist die Behauptung, Sie lebe noch!"
Aufgebracht warf Harry die Papiere bei Seite und blickte zu Draco auf. Stumm wie ein Fisch sah der andere Zauberer auf ihn hinab, offenkundig unfähig sich gegen Harrys Vorwürfe zur Wehr zu setzten. Einmal mehr fiel dem Auroren auf, wie schlecht sein einstmaliger Gegenspieler aussah. Seine Haut war aschfahl, die Augen starrten trüb und grau durch Harry hindurch. Er schien in seinen Sachen geschlafen zu haben, das stumpfe Haar stand wirr von seinem Kopf ab. Draco schwitzte und atmete schwer, als sei er gerannt. Die Arme hingen schlaff und kraftlos an seinen Seiten.
Harry wischte sich mit den Händen über Augen und Wangen und seufzte einmal mehr. „Du warst dort Draco!", sagte Harry, bemüht nicht wieder aufzubrausen. „Ich war dort, Hermine war dort. Wir haben sie sterben sehen Draco. Du hast ihre Hand gehalten, als der letzte Lebenshauch ihren geschundenen Körper verließ. Das Gift, das dein Vater ihr gegeben hatte, war stärker gewesen als sie." Mit festem Blick beobachtete Harry, wie auch der letzte Rest Farbe aus Dracos Gesicht entwich. Draco begann fast unmerklich zu zittern. Seine Lippen bebten und seine Augen glänzten, als er auf Harry hinabsah. Doch Harry war es leid, gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Er konnte und wollte nicht länger für Draco einstehen, wenn dieser sich weigerte der Wahrheit ins Auge zu sehen und ins Leben zurückzukehren – auch dann nicht, wenn es sich anfühlte, als würde er eine tote Freundin verraten.
„Du hast sie gesehen, in ihrem Sarg liegend, kalt, bleich und tot. Ausgezehrt von Gift und Todeskampf und umringt von einem Meer aus Rosen. Du hast ihr Abbild in Stein meißeln lassen, Du bist es, der jeden Tag aufs Neue an ihr Grab geht und auf die Statur hinab sieht. Du hast gesehen, wie sie in die Erde hinabgelassen wurde und du warfst es, der die erste Schaufel warf."
Unvermittelt trat Draco an Harrys Schreibtisch, lehnte sich vor und schlug mit beiden Fäusten laut donnernd auf die Tischplatte. Einige Stifte sprangen aus einer alten, angeschlagenen Kaffeetasse und der Stoß Papiere, den Harry eben noch geordnet hatte, rutschte auseinander.
„Ich habe sie –," Draco stockte und schien nach den richtigen Worten zu suchen. „Sie gespürt!", sagte er schließlich mit bebender Stimme. In seinem Rücken hatte Amanda Pierce die Tür geöffnet und stand mit erschrockenem Blick im Rahmen. Weder Draco noch Harry schienen sie wirklich wahr zu nehmen, als sie mit dünner Stimme fragte, ob hier alles in Ordnung sei.
„Gespürt?", fragte Harry und spuckte das Wort geradezu aus. Angestrengt erwiderte er Dracos starren, kalten Blick. „Wann? Wie? Ist sie dir vielleicht erschienen, als der Feuerwhiskey deinen Geist vernebelt hatte? Ist sie im Traum zu dir gekommen und hat deine Hand gehalten, wie du ihre, als sie im Sterben lag?" Langsam lehnte er sich in seinem Stuhl zurück. „Hör auf damit Draco. Du siehst Geister und entdeckst Hoffnung, wo keine ist. Seit dem Tag, an dem ihr Herz aufhörte zu schlagen, gibst du dir die Schuld an ihrem Tod und wünscht dir nichts so sehr, als das sie noch am Leben sei und dir das Schicksal noch einmal eine Chance geben."
Mit jedem Wort wurde Harrys Stimme dunkler. Zorn und Wut über Dracos Unvermögen mit dem Tod seiner Frau umzugehen waren zurück. „Es gibt keine weitere Chance für dich - du hast dein letztes Blatt gespielt. Nimm es hin Malfoy. Als du alles haben konntest, hast du es von dir gestoßen. Nun ist es zu spät. Sie ist tot und sie kommt nicht zurück."
Draco richtete sich auf. „Nein!", sagte er, die Stimme überraschend fest und voller Überzeugung. „Sie war dort. Ich habe es gespürt, auch wenn ich sie nicht sehen konnte."
Ungläubig blickte Harry zu Draco auf. Amanda Pierce stand noch immer in der Tür, steif und stumm und beobachtete das sonderbare Schauspiel. „Ich habe sie gespürt. Nicht als ich schlief, nicht als ich betrunken war. Ich habe nicht halluziniert, ich habe sie mir nicht eingebildet. Sie muss dort gewesen sein, in unserem Haus. Ich habe sie gespürt, nicht in diesem Leben, das ein Traum ist Harry. Sie war dort, Ria war dort, als ich wach war und doch nicht Teil dieser Welt."
Ungläubig starrte Harry zu ihm hinauf, Entsetzen und Verzweiflung zugleich zeichneten seinen Blick. „Du hast den Verstand verloren", presste er zwischen zusammengebissenen Zähnen hinaus und klammerte sich fest an seine Stuhllehnen, um den Drang zu widerstehen aufzuspringen und Draco zu schütteln.
Draco streckte das Kreuz durch. „Nein Harry. Doch wenn du mir nicht hilfst, werde ich noch viel mehr verlieren, als nur meinen Verstand!"
London – Waltham Forest – Manor Road No. 10. 9. Oktober 2003
Die Nacht war finster und kalt, als Ria in einer Seitengasse in Waltham Forest apparierte. Das Herz schlug ihr bis zum Hals und die Aufregung stand ihr deutlich ins Gesicht getrieben. Offensichtlich von etwas getrieben und in Eile, hatte sie den Ort, an den sie apparieren wollte, um eine Meter verfehlt und stieß unsanft mit der Mülltonne im Hof einer Mugglefamilie zusammen. Bevor der metallene Deckel scheppernd zu Boden fallen konnte, fing sie ihn mit einem Zauber auf und ließ ihn leise zurück auf die Tonne schweben.
Mit einem stummen Fluch auf den Lippen presste sie sich in den Schatten einer Häuserwand, als sich dennoch die Hintertür eines Hauses öffnete und ein betagter Muggle im Morgenrock und Schlappen hinaus trat. In der Hand hielt er eine Taschenlampe, mit der die Gasse hinauf und hinab leuchtete. Der Lichtkegel der Lampe streifte Rias Schuhe, doch sie blieb für den Alten unentdeckt. „Verdammte Katzen!", schnaubte der Muggle und verschwand wieder im Haus.
Erleichtert atmete Ria auf und schlich aus der Gasse, immer darauf bedacht, möglichst nicht aus dem Schatten der Häuser zu treten. Zum ersten Mal war sie dankbar für den kühlen Herbstregen, der mit dicken, dunklen Wolken den Himmel verhängte und so Sterne und Mond verbarg. Eilens lief sie die nächste Biegung hinab. Als sie auf die nächste Kreuzung traf, warf sie einen flüchtigen Blick auf das Straßenschild. Im nächtlichen Zwielicht war der Name Manor Road kaum zu lesen, doch Ria war schon so oft an diesem Ort gewesen, dass es keiner echten Rückversicherung bedurfte.
Vor dem Haus mit der Hausnummer zehn blieb sie stehen. Mitternacht war bereits durch, dennoch brannte hinter den dünnen Vorhängen im Erdgeschoss ein fahles Licht. Ein Schatten bewegte sich hinter dem Fenster. Noch immer hüpfte ihr Herz wild in ihrer Brust und wollte sich auch nicht beruhigen, als sie erleichtert feststellte, dass in dem großen Haus mit der von Bleiglas umrahmten Tür noch nicht alle Bewohner schliefen. Fest presste sie etwas an ihre bebende Brust und ging mit leisen Schritten durch das Gartentor. Ein Kiesweg führte von der nun bunten Laubhecke zum Haus und die Steine knirschten unter ihren Füßen.
Ria blieb stehen und warf ein Blick zu den dunklen Fenstern in Obergeschoss hinauf. Kurz überlegte sie, dann bückte sie sich nach einem Kiesel und warf ihn vorsichtig an das Fenster, hinter dem sie eben noch den Schatten gesehen hatte. Ein Vorhang wurde auf die Seite geschoben und ein schlaftrunken und verwirrt dreinblickender Harry Potter warf einen Blick in seinen Vorgarten.
Ein fast stummes Lumos ließ die Spitze Rias Zauberstab erglühen und erhellte so ihr gerötetes Gesicht. Harrys Augenbrauen hoben sich, als er sie erkannte. Der Vorhang fiel zurück an seinen Platz und Augenblicke später öffnete sich die Haustür.
„Was machst du hier?", fragte Harry in einem Ton zwischen Verwirrung und Ärger, während Ria sich an ihm vorbei in die kleine Halle des Hauses zwängte. „Weißt du, wie spät es ist? Ginny und die Kinder schlafen schon längst." Er versuchte zu flüstern, war aber viel zu aufgebracht, um leise zu sprechen.
„Ich habe die Lösung", stammelte Ria aufgeregt und begann das in ein Tuch gewickelte Bündel zu entwirren, das sie bis eben fest an sich gepresst hatte. Verständnislos sah Harry sie an. Er trug einen ausgewaschenen Pyjama und darüber seinen Morgenmantel. Seine Füße waren nackt und Ria kam nicht umhin festzustellen, dass er wohl auch soeben auf dem Weg in sein Bett gewesen war. Doch ihr Anliegen konnte nicht warten. Sie brauchte Harrys Hilfe und sie brauchte sie rasch. Ihr blieb nicht mehr viel Zeit und sie wusste, dass sie es über ihren Tod hinaus bereuen würde, wenn sie es nicht wenigstens versuchte, diesen letzten Rest Zeit zu nutzen.
Das vom Regen feuchte Tuch fiel zu Boden und ein Buch kam zum Vorschein, in Leder gebunden, mit einem Messingriegel verschlossen und ergrautem Schnitt. Ein altes Buch, das gut und gern mehr als ein Jahrhundert auf dieser Erde erlebt haben mochte. Ria drehte den ledernen Einband herum und hielt Harry den Buchdeckel entgegen. „Ich brauche deine Hilfe", sagte sie, „heute noch!"
Sekundenlang starrte Harry schweigend auf das Buch. Ria sah, wie die Gedanken in seinem Geist zu tanzen begannen. Eine Falte legte sich auf seine Stirn und ein Schatten legte sich um seine Augen. Als er tief die Luft in seine Lungen sog und sich mit Daumen und Zeigefinger über die Augen wischte, wusste sie, dass es kein Leichtes sein würde, ihn zu überzeugen. Harry hob den Blick und starrte sie aufgebracht an: „Das ist Wahnsinn!", sagte er.
