Stürmische Zeiten -2

Als Elliot am Morgen aufstand, die Sonne war gerade erst aufgegangen, fiel er fast von der Couch. Nach der Diskussion, die sie am Abend zuvor geführt hatten, hatte Kathy ihm verweigert im Bett bei ihr zu schlafen.

Sie hatte ihn den restlichen Abend beschuldigt, dass er bereits mit Olivia schlafe und jetzt nur einen Vorwand bräuchte, um ihr die Schwangerschaft zu erklären. Manchmal war Kathy engstirnig, dachte sich Elliot, als er sein Bett auf der Couch errichtet hatte.

Alles was er wollte war, ihr eine Chance zu geben, Mutter zu sein. Sie würde ihr Kind lieben, egal was passieren würde. Er fütterte Eli und wollte noch einmal das Gespräch mit Kathy suchen aber sie wollte nicht. Es war keine Liebe mehr zwischen den beiden, beide waren sich dessen bewusst, aber sie waren beiden katholisch und eine Ehe sollte mehr bedeuten als liebe, es war ein Bund fürs Leben. Er hatte einst geschworen, in guten wie auch in schlechte Zeiten, bis das der Tod uns scheidet.

Ja, natürlich gab es Tage, an denen er sich nach seiner Freiheit sehnte, allerdings wollte er seine Kinder an seiner Seite haben und genau das würde das Problem sein. Er wollte eine Partnerin an seiner Seite haben, aber nicht seine Ehefrau. Ehe heißt Monogamie und das war ein wichtiger Teil seiner Lebenseinstellung, etwas das ihn prägte.

Olivia wusste nicht, dass sie sich ständig stritten. Sie hatten bereits Wochen zuvor keine private Konversation mehr geführt, seit dem Tag als Eli geboren worden war. Er war ihr dankbar gewesen aber hatte für sich selbst feststellen müssen, dass er ihr zu Nahe gekommen war, er mehr von ihr wollte, als er riskieren konnte, zu verlieren.

In der Küche stieß Elliot dann doch noch auf Kathy.

„Schau Kathy, ich habe dir davon erzählt, weil ich der Ansicht bin, dass du das Recht hast es zu wissen. Aber du kannst mich nicht umstimmen, ich habe meine Entscheidung bereits getroffen."

„Du riskierst deine Ehe, wenn du das machst", antwortete Kathy ihm verärgert.

„Wirklich? Ich schlafe nicht mit ihr …"

„Das ist das, was du mir seit Jahren erzählst und es fällt mir immer schwerer, es zu glauben. Die Art und Weise wenn du mit ihr sprichst, telefonierst, immer fein gewählte Worte, deine Stimme ist ruhig und sanft. Du würdest nie ein böses Wort über sie verlieren. Sie ruft um verrückte Uhrzeiten an und du läufst, beschützt sie. Ist es das, was Ehe für dich bedeutet?"

„Ich bin doch hier, oder? Ist es nicht das, was zählen sollte?"

„Natürlich. Aber wann haben wir das letzte Mal gemeinsam Urlaub gemacht? Eine ganze Woche gemeinsam verbracht? Du arbeitest ständig."

„Wir brauchen das Geld. Das ist der Grund, wieso ich arbeite."

„Wir brauchen das Geld nicht, Elliot. Wir würden dich viel dringender mehr zu Hause brauchen."

„Wir brauchen es, Kathy. Alle Kinder sollen aufs College gehen, wir wollen es und wir müssen immer noch die Hypothek für das Haus abbezahlen. Deswegen mache ich Überstunden!"

„Und wie sollen wir uns dann Alimente leisten können?" Ihre Stimme war nicht mehr ruhig und farblos wie zuvor sondern gefärbt von Hass und Eifersucht, sie war lauter und Elliot war sich sicher, dass mittlerweile auch das eine oder andere Kind diese Diskussion mitbekommen haben könnte.

„Ich erkläre dir das jetzt zum letzten Mal. Olivia will unser Geld nicht, sie hat selbst genügend." Um ihr den Inhalt seine Worte begreiflicher zu machen, legte er eine kurze Pause ein. „Wir werden einen Vertrag oder etwas in dieser Richtung aufsetzen und darin alles klären. Es geht wirklich nicht ums Geld." Olivia hatte ihm versichert, dass sie sich um die rechtlichen Angelegenheiten kümmern würde. Sie wollte ein Baby und er würde ihr dabei helfen, aus freien Stücken. Natürlich klang all dies einfacher, als es in Wirklichkeit war. Realität war, dass ihm der Gedanke, mit Olivia ein Kind zu haben, bis in seinen Traum begleitete, nicht verfolgte, begleitete. Olivia würde ein Kind haben. Olivia würde sein Kind haben.

„Ich bin immer noch der Ansicht, dass es die dümmste Idee ist, die du jemals hattest."

„Wovon sprecht ihr", fragte Maureen und trat aus dem Schatten hervor. Elliot drehte sich um und betrachtete seine älteste Tochter. Ihr langes blondes Haar war zu Zöpfen geflochten und sie trug noch ihren mädchenhaften Pyjama, in rosa mit hellblauen Schäfchen darauf.

„Nichts, mein Liebling, geh' doch wieder ins Bett."

„Ich kann so und so nicht schlafen, so wir ihr euch gegenseitig anschreit", erklärte sie und lehnte sich an die Küchenwand. „Manchmal frage ich mich wirklich, mit was ich diesen Scheißdreck verdient habe."

„Achte auf deine Wortwahl", sagte Elliot etwas harsch zu ihr. Er verstand, was sie meinte. Sie stritten sich oder gingen sich aus dem Weg, etwas anderes gab es im Hause Stabler zwischen den Eltern nicht mehr.

„Dein Vater hat sich entschlossen der Vater für Olivias Baby zu sein."

„Dad?"

„Ja, genau das werde ich." Die Stille die dann den Raum füllte, war gefüllt mit einer Schwere, die das Mädchen zuvor noch nicht erlebt hatte. Nur das Ticken der Uhr durchbrach sie immer wieder.

„Ich verstehe dein Problem nicht, Mom. Ich nehme einmal an, dass es um künstliche Befruchtung geht. Oder? Sie hat so oft ihr Leben für Dad riskiert, dass dies nur eine Kleinigkeit ist. Eine Art Gegenleistung. Und bedenke, Mom, sie hat auch dein und Elis Leben gerettet."

„Wenn dein Vater damals aber bei mir gewesen wäre, dann …"

„Gott, Kathy. Wie oft müssen wir das noch aufwärmen? Ich war nicht da. Okay?"

„Der Unfall wäre vielleicht so und so passiert. Und sie hat sich geweigert einen Arzt zu sehen, bis sie sich sicher war, dass du, Mom, und Eli in Sicherheit und gesund seid. Es geht hier nicht um Sex oder Fremdgehen. Wenn du im Internet nachliest, was es bedeutet, künstlich befruchtet zu werden, wirst du erkennen, dass es der unerotischste Akt ist, den man sich vorstellen kann."

Beide Elternteile starrten das Mädchen verwundert an. Wieso kannte sich Maureen mit solchen Sachen aus? Er hatte nicht daran gedacht, dass seine Älteste schon so erwachsen sein könnte. Er wollte der Person, um die er sich am meisten sorgte, etwas zurückgeben. Am meisten? Sollte das nicht seine Frau und seine Kinder sein? Aber er gestand sich ein, dass er sich um Olivia mehr sorgte, war sie doch stets in Gefahr, wenn er mit ihr zusammen war, auch wenn er es nicht war, machte er sich Gedanken, was sie eventuell im Moment gerade machte, dachte oder von ihrem Leben erwartete. Sie war ein fixer Bestandteil seiner Gedankenwelt, und vor allem ein größerer, als der katholischen Kirche wahrscheinlich recht war.

„Maureen?", fragte Kathy entsetzt, „Was meinst du? Er ist dein Vater … Ehe heißt …"

„Sich gegenseitig ständig anzuschreien? Wenn er dich nicht betrügt, was für ein Problem hast du damit?

Wie kann ein Kind dieses Alters so viel über das Leben wissen, fragte sich Elliot. Er hätte gerne gelächelt aber Kathy wäre ihm wahrscheinlich ins Gesicht gesprungen, würde er dies tun.

„Mom, ich bin der Überzeugung, dass es wichtig ist für ein Kind zu wissen, wer sein Vater ist." Elliot sah, wie sie tief Luft holte. „Olivia hat während ihrer Kindheit viel mitgemacht, daher ist es verständlich … Ich meine, Dad … Ich bin mir sicher, dass du es ihr angeboten hast und sie dich nicht gefragt hat. Hat sie nicht, oder?" Elliot schüttelte den Kopf. „Wie ich es mir gedacht habe. Wenn er es wirklich will und sie sich darüber im Klaren sind, welche Auswirkungen es auf ihre Freundschaft und Partnerschaft haben könnte, und es geht hier um künstliche Befruchtung, dann lass es ihn doch machen. Ich weiß, ich bin nur ein Teenager und was weiß ich schon vom Leben. Aber ich kann euch eines sagen, es ist besser einen Elternteil zu haben, der einen liebt, ohne diese Liebe zu hinterfragen, als zwei die sich ständig streiten, beschuldigen, eifersüchtig sind und damit das, was eine Familie sein könnte, zerstören."

Mit diesen Worten drehte sie sich um, verließ den Raum und hinterließ zwei äußerst sprachlose Erwachsene in der Küche.

Stille. Elliot blickte zu Kathy hinüber und merkte, dass sie nicht zu ihm zurückschaute, sie starrte auf ihre Hände und drehte an ihrem Ehering.

„Also wirst du der Vater von Kind Nummer sechs."

„Ja. Kathy, ich habe wirklich darüber nachgedacht bevor ich ihr das Angebot unterbreitet habe. Wir haben es diskutiert. Es ist nicht richtig einem Kind einmal zu sagen, dass sein Vater die Nummer 9747 sei."

„In Wahrheit geht es doch darum, dass du nicht willst, dass jemand anderer der Vater des Kindes ist. Niemand würde die Standards erreichen, die du aufgestellt hast, wenn es um Olivias Freunde geht. Wahrscheinlich bist du der einzige Mann, der diese …"

„Bitte Kathy, beginn nicht schon wieder damit. Wir sind Freunde, Partner und sie hat mich nicht darum gebeten sondern es war umgekehrt. Das Kind soll einen Vater haben, wenn es einmal darum geht, dass er oder sie es wissen möchte."

Kathy drehte sich um Fenster, zog den Morgenmantel enger um sich. „Genau," sagte sie und der Sarkasmus war unüberhörbar. „Kannst du dich überhaupt daran erinnern, wann wir das letzte Mal Liebe gemacht haben."

Eine wahrlich gelungene Frage und die Antwort war bereits auf seinen Lippen, aber er konnte nicht übers Herz bringen, ihr die Wahrheit zu sagen. Elliot hätte sagen müssen, dass die Nacht, in der sie Eli empfangen hat, der größte Fehler seines Lebens war. Und dass das Konzept von Liebemachen Liebe involvieren müsste, als er müsste sie lieben, aber die Nacht, in der sie Eli machten, war eine Nacht erfüllt von Lust und betrunkener Leidenschaft. Liebe war es nicht. Es war Sex, aber das konnte er ihr nicht sagen. Am Tag zuvor war er bereit gewesen, die Papiere zu unterschreiben, einen Strich unter seine Ehe zu ziehen. Und er war bereit gewesen, mit Olivia über seine Gefühle für sie zu sprechen.

„Ich weiß und ich erinnere mich daran. Ich bin hier. Ich kam zurück", und leise fügte er hinzu, „für die Kinder." Natürlich hörte Kathy seine letzten Worte.

„Sie ist nicht nur deine beste Freundin", sagte Kathy etwas bissig. Beide wussten, dass Kathy die Tendenz hatte, etwas bissig zu werden, wenn es um seine olivhäutige Partnerin ging, die mit den schokoladebraunen Augen und dem unendlichen Lächeln.

„Verdammt noch einmal, ich schlafe nicht mit Olivia."

„Ich sage nicht, dass du es tust. Aber du liebst sie mehr, als du solltest."

Konnte jemand einem sagen, wen man lieben dürfe oder nicht, fragte sich Elliot innerlich.

„Hör' auf! Es ist genug! Ich kam zurück und ich bin jetzt hier aber das ist immer noch nicht genug für dich?"

Die blonde Frau verließ den Raum, ohne ein weiteres Wort zu sagen. Elliot liebte sie nicht mehr, wahrscheinlich wusste Kathy es oder vermutete es zumindest. Er liebte seine Maureen, Kathleen, Elizabeth und Richard mehr als sein Leben, wie auch Eli, aber die Beziehung zwischen ihnen beiden war nicht mehr als Freundschaft