Stürmische Zeiten – 3
An dem Tag an dem er wieder zurück eingezogen war, wusste er, dass es ein großer Fehler gewesen war. Aber er wollte es noch einmal versuchen, für die Kinder. Er liebte Maureen, Kathleen, Elizabeth und Richard mehr als sein eigenes Leben aber die Beziehung zwischen seiner Frau und ihm selbst war nicht einmal mehr Freundschaft, eher eine äußerst lose Freundschaft. Sie waren nie wirklich ein sehr verliebtes Paar gewesen, alles war einst zu schnell passiert. Sie waren ausgegangen, waren einmal mitsammen intim geworden und dann war sie schwanger. Man heiratete und er trat den Marines bei. In den letzten Wochen zu Hause bemerkte er, dass sie eigentlich keinerlei Gemeinsamkeiten hatten, nichts teilten – außer den Kindern.
Auf der Couch sitzend, versuchte er ein Buch zu lesen, welches Olivia ihm geborgt hatte. Und falls Kathy ihn fragen würde, ob er nichts Besseres zu tun hätte, musste er dies verneinen, er hatte nichts Besseres zu tun als dieses wahrscheinlich sinnloses Buch zu lesen. Er war über sich selbst schockiert.
Ein anderes Mal war er im Badezimmer gewesen und hatte die neue Seife verwendet, die er einmal von Olivia geschenkt bekommen hat, vor einigen Weihnachten. Kathy fragte ihn, wieso und nach was er stinke. Maureen und Kathleen hatten ihm erklärt, dass er gut rieche und sie diesen Geruch an ihm mögen würden. Seit diesem Tag verwendete er das Badezimmer der Mädchen, natürlich war ihm bewusst, dass sie auch dort seine Sachen durchsuchte. Anfänglich hatte er die Hoffnung gehabt, dass es sie abhalten würde, aber schon bald stellte sich heraus, dass sie es trotzdem tat.
Kathy versuchte krampfhaft ihm nachzuweisen, dass er mit Olivia schliefe. Ihren Geruch an seinen Hemden wiederzuerkennen, bis sie einsehen musste, dass Livs Parfum auch im Auto, wenn sie nebeneinander saßen, von seiner Kleidung aufgenommen wurde. Niemals fand sie die erhofften Lippenstiftspuren auf seinen Hemden, Kratzspuren auf seinem Rücken oder etwas annähernd Ähnliches.
In manchen Nächten rief Kathy ihn mehr als zweimal an, wenn er Dienst hatte, um zu fragen, wann er endlich nach Hause käme, brachte zufällig Abendessen vorbei, um zu sehen, ob er wirklich seinem Job nachging oder bereits bei Olivia im Bett läge. Es war ihm peinlich, alles andere wäre eine Lüge gewesen, besonders vor Liv.
Es trieb ihm in den Wahnsinn aber allmählich auch Olivia.
Vor der Klink stehend, an diesem heißen Maitag, war Olivia kurz davor einen Rückzieher zu machen. Er hatte sie gefragt, ob sie in die Klinik mitkommen wolle, wenn er seine Samenspende abgebe und aus reinem Reflex hatte sie zugestimmt, ihm nicht alleine dorthin gehen lassen wollend.
„Ich bin mir nicht sicher … Elliot … ist das wirklich eine gute Idee?", fragte Olivia und trat von einem Fuß auf den anderen. Mehrmals hatte sie sich bereits gesagt, dass es seine Entscheidung war aber irgendwie war es ja sie gewesen, die ihn dazu gebracht hatte.
„Wir machen das heute, Liv."
Sie nickte nur, als sie gemeinsam durch die Schiebetüre traten. Seine Hand war auf ihrem Rücken. Die Schwester am Empfang reichte ihm, ohne viele Worte, den Becher und sie zeigte ihm das Zimmer, fragte Olivia, ob sie mit in das Zimmer kommen wolle. Sekundenschnell antwortete sie, dass sie draußen warten werde.
Als sie sich hinsetzte, fragte sie sich, wieso Maureen bereits jetzt von all dem wusste, wieso er es jetzt schon den Kindern gesagt hatte, wo noch nicht einmal irgendetwas passiert war.
Elliot setzte sich auf das kleine, klinisch wirkende Sofa in dem Zimmer hin. Die Wände waren in einem typischen Weiß-Beige gehalten, ein Fernseher war in einer Ecke, einige pornographische Zeitschriften auf einem Tisch neben ihm.
Die ganze Zeit hatte er sich bemüht, Liv nicht merken zu lassen, dass er nervös war, genau so nervös wie sie wahrscheinlich.
Endlich konnte er wieder durchatmen.
Es dauerte nur wenige Sekunden, bis er seine Augen geschlossen hatte, seinen Penis in der Hand und fantasierte, wie die Nacht wohl vonstattengehen würde, die sie gemeinsam in seinen Träumen verbringen würden, um dieses Kind zu zeugen.
Zuerst musste er sich eingestehen, dass es nicht langsam und romantisch sein würde, eher heiß, schnell und leidenschaftlich. Er würde sie an ihre Eingangstüre pressen, innerhalb von Millisekunden hätte er sie entkleidet, würde in ihre Schulter beißen, an ihren Brustwarzen saugen und sie über die Rückenlehne ihres Sofas beugen, ihren Rücken noch einmal mit Küssen übersäen bevor er von hinten in sie eindringen und …
… er füllte den Becher mit seinem Sperma.
Anfänglich versuchte Olivia sich mit diversen Magazinen, die im Wartezimmer auf dem Tisch verteilt herumlagen, abzulenken. Immer wieder blickte sie auf ihre Uhr. Sekunden vergingen, aber ihr kam es vor als wären es Stunden.
Sie studierte die restlichen Leute, mit denen sie sich nun aufhielt. Aber auch diese Abwechslung machte sie nicht glücklich, immer wieder glitten ihre Blicke zu der Türe, hinter der Elliot saß und masturbierte.
Olivia lehnte sich zurück und schloss ihre Augen, versuchte sich nicht vorzustellen, wie ihr Partner das tat, um was sie ihn gebeten hatte. Für sie.,
So viele Sachen waren in all den Jahren zwischen ihnen passiert und er war immer noch ein verheirateter Mann. Einsame Nächte ließen sie immer an seinen perfekten, muskulösen Körper denken, die Augen, die die das Blau des Ozeans hatten.
Und sie verbrachte viele einsame Nächte in ihrem Bett. Dreihundert und fünfundsechzig im Jahr. Kein Mann hatte in Wahrheit eine Chance, jeder wurde mit ihm verglichen. Ihrem Partner. Ihrem verheirateten Partner.
Sein Ehering war der Grund, wieso sie ihn niemals haben würde, ihn niemals in ihre Arme schließen könne – nicht in der Art und Weise wie sie es gerne tun würde. Es war auch der wahre Grund gewesen, wieso sie ihn nicht gleich gefragt hatte, der Vater ihres Kindes zu sein. Und weil sie genau wusste, wie sehr Kathy sie mochte, ihre Partnerschaft und Freundschaft respektierte.
Sie sollte nicht über seinen muskulösen Körper nachdenken, während sie auf ihn wartete, wartete, dass er seine Spermien der Schwester übergebe, damit man danach einen Kleinen Benson-Stabler kreieren könnte. Bis jetzt war sie nicht sicher, ob es wirklich eine gute Idee war, wegen Kathy. Seiner Ehe. Seiner Kinder. Auf der anderen Seite hatte er sich freiwillig angeboten. Aber sie hatte niemals eine Chance gehabt nein zu sagen.
Eine endlos scheinende Woche später hatten sie die Resultate der Spermienuntersuchung in der Post. Kathy hatte das Kuvert geöffnet, Elliot fand es auf dem Küchentisch. Im Grunde hatte er ihr nicht genau gesagt, dass er es machen würde, allerdings hatte er sie über die Pläne in Kenntnis gesetzt.
Wieso sie das Kuvert geöffnet hatte? Es war ein unschuldig aussehendes weißes Kuvert gewesen, er hatte in der Klinik extra darum gebeten. Diese haben ihm versichert, dass sie immer neutrale Umschläge verwenden würde, niemals mit Logo-Aufdruck.
„Jetzt bist du glücklich?", fragte die blonde Frau ihn, die immer noch ihren Flanellnachthemd trug. Er musste sich in diesem Moment eingestehen, dass es Jahrzehnte her war, seitdem er sie in etwa gesehen hatte, das sexy war, ihren Körper betonte, einfach etwas weibliches. Dieses Outfit erinnerte ihn an seine Großmutter.
„Ich habe dir gesagt, dass ich der Vater ihres Kindes sein werde. Egal was du davon hältst."
„Ist sie denn schon schwanger?"
„Nein, natürlich nicht. Im Moment sind sie dabei ihren Zyklus genau zu …"
„Und dabei bist du etwa keine Hilfe?", fragte sie etwas sarkastisch. „Du wirst ihren wahrscheinlich besser kennen als den meinen, dieses unerwartete Erlebnis hatten wir ja bereits mit der Tampon-Marke."
Elliot setzte sich an den runden Tisch, die Flasche Bier in der Hand und nahm einen langen Schluck aus dieser. Sie hatte recht. Er kannte Olivias Zyklus in- und auswendig. Ihre Launen, ihren Heißhunger, wenn sie bissig war, konnte er dies bereits von Kalender ablesen, dass es dieser oder jener Tag war. Nichts war unerwartet, wenn es darum geht. Bei Kathy hingegen hatte sich der Zyklus mit jedem Kind etwas verändert. Mit Eli kam … was kam damit? Im Grunde verstärkte sich nur all das, was er seit Jahren an ihr nicht mehr leiden konnte.
„Weißt du was, Kathy? Ich bin glücklich ihr meinen Samen spenden zu können, weil ich weiß, dass sie eine großartige Mutter sein wird. Sie wird nicht jedes Mal durchdrehen, wenn etwas nicht so ist, wie es gerne hätte. Sie hat in ihrem Leben bereits so viel durchgemacht und mehr als nur einmal hat sie mir das Leben gerettet. Und die eine Sache, die ich ihr zurückgeben kann, ist dieses Baby. Sie verdient es."
Eine Sekunde lang war Kathy ruhig, schwieg, und Elliot hoffte, dass sie es etwas sinken ließ aber auf der anderen Seite konnte er ihre Anspannung, ihre Wut schon spüren.
„Es ist nur einen Schritt davon entfernt, mit ihr zu schlafen. Das Resultat ist dasselbe. Jeder wird glauben, dass es das deine ist. Jeder wird denken …"
„Das ist es also, was das alles ist? Es geht nur um deinen Stolz? Erinnere dich nur daran, sie ist der Grund, wieso wir nicht geschieden sind."
„Sie war der Grund, wieso ich die Scheidung wollte."
„Glaubst du wirklich, dass ich dir nicht treu bin?"
„Elliot, du verstehst es nicht? Du musst nicht mit jemandem schlafen, um untreu zu sein. Es sind so viele Stadien dazwischen. Wir haben keinen Sex mehr. Du schläfst seit Wochen auf der Couch. Wie lange jetzt? Vier Monate? Fünf? Das ist keine Ehe mehr!"
„Hast du jemals darüber nachgedacht, wieso ich auf der Couch schlafe?"
„Weil du … scheiße … weil du in sie verliebt bist", sagte Kathy und warf ihm ein herumliegendes Handtuch an den Kopf.
Stille.
Man konnte den Wind hören, der sich gegen die Fenster presste, wie ein Liebhaber gegen seine Geliebte, immer näher an ihr sein wollte, keinen Platz lassen wollte.
„Wieso sagst du solche Sachen, Kathy?", fragte er sie ruhig. „Ich bin hier, oder bin ich es etwa nicht?"
„Ich kann so nicht mehr weiterleben, Elliot. Seit Jahren spielen wir dieses Spiel. Du liebst sie und du möchtest bei ihr sein, deswegen machst du das jetzt. Also mach es doch einfach, verlasse mich und die Kinder doch einfach und laufe in Olivias Arme. Du gibst mir einen Teil deines Lohns und du gehst zu den Veranstaltungen der Kinder aber du bist nicht mehr mein Mann. Seit einer langen Zeit bereits."
Elliot stand auf, etwas geschockt über die deutlichen Worte, die seine Frau gefunden hatte, und goss sich ein Glas Scotch ein. Eine Sekunde lang hatte er die Hoffnung, dass Kathy bereits das Zimmer verlassen hatte, für eine Sekunde.
„Vielleicht bin ich so wie ich im Moment bin weil deine Verrücktheit mich immer weiter von dir wegtreibt?" Es war eine Idee, weil er eigentlich nicht verstand, wieso er sich in Olivia verliebt hat. Damals, als sie frisch Partner waren, er war glücklich verheiratet gewesen, natürlich hatte es den einen oder anderen Streit gegeben aber nichts Weltbewegendes. Aber bereits nach einer Woche hatte sie ihm den Kopf verdreht, ohne wirklich etwas gemacht zu haben, sie war einfach nur sie selbst gewesen. Vielleicht weil Olivia, Liv, seine Seelenverwandte war? Seine bessere Hälfte?
„Ich bin der Grund wieso du so wenig zu Hause bist? Wieso bist du dann überhaupt zurückgekommen?"
„Wir sind verheiratet. Wir haben Kinder. Wir haben einst zugestimmt, in guten wie auch in schlechten Zeiten zusammen zu sein."
„Das sind keine schlechten Zeiten mehr Elliot, realisierst du das nicht? Ich wollte niemals ein fünftes Kind. Niemals. Ich wollte die Scheidung. Ich … ich habe keine Verbindung zu dem Kind, fühle nichts für ihn und ich empfinde auch nichts für dich mehr, Elliot. Ich wollte niemals so viele Kinder haben aber du warst ja stets für jede Form der Verhütung."
„Zum Teufel … wir sind katholisch!"
„Bring jetzt ja nicht die Kirche ins Spiel! Ich spreche immerhin nicht von Abtreibung, sondern einfach nur von dem nicht schwanger werden!
Jetzt dachte er, bemerkt zu haben, was ihr Problem sei. PPD. Kindbettdepressionen. Er könnte damit umgehen. Sie hatte eine leichte Depression nach Maureens Geburt gehabt. Er hatte sich einst drei Wochen freigenommen und war bei ihr zu Hause geblieben. Jetzt konnte er dies nicht tun, doch mehr zu Hause sein, das könnte er versuchen. Vielleicht versuchen. Versuchen.
„Geh doch schlafen Kathy. Eli wird in kurzer Zeit wach sein und Hunger haben."
Ohne ihm zu antworten, ging sie die Treppen zum gemeinsamen Schlafzimmer hinauf und er begann die Resultate der Untersuchung zu studieren. Seine Spermien waren gesund. Elliot musste lächeln. Wahrscheinlich würde es nicht lange dauern und sie hätten ein Baby kreiert. Einen kleinen Benson-Stabler. Natürlich wollte er wieder ein Mädchen haben, er liebte seine Töchter über alles, aber im Besonderen die Vorstellung, dass sie aussehen würde wie Olivia, ließ ihn hoffen – schokoladebraune Augen, dunkle Locken.
Selbstverständlich wusste er, dass das was er nun dabei war zu machen, Kathy gegenüber nicht fair, es einfach nicht korrekt war. Aber er konnte einfach nicht anders …
+++Ende Kapitel 3 +++
