Kapitel – 4

Olivia saß auf ihrem Bett, den Kalender im Schoß, den Brief mit den Testresultaten in der Hand, etwas verängstigt was diese ihr sagen würden. Vielleicht würde es heißen, dass sie unfruchtbar war oder, dass Elliots Spermien doch nicht so fertil waren, wie alle immer dachten.

Stets hatte sie gedacht, dass die Zeugung eines Kindes auch für sie anders von statten gehen würde, andererseits hatte sie einem Mann niemals genug vertraut, um den Schritt zu wagen, die Latex-Hülle wegzulassen. Immer hatte sie darauf bestanden, dass die dünne gummiartige Schicht eine Barriere darstellt. Und nun versuchte sie mittels Injektion schwanger zu werden.

Sie brauchte keinen Mann in ihrem Leben, um ein Kind großzuziehen. Sie konnte es alleine. Alleine. Natürlich würden einige Sachen komplizierter werden. Ihre Beziehung zu Elliot würde auf die Probe gestellt werden. Selbst wenn er jetzt behauptete, dass er sich nicht einmischen würde, würde er es sein, der dann doch da sein würde wollen für das Kind. Vater sein. Natürlich könnte es passieren, dass er sich zurückzieht, sie dann doch alleine lässt, weil sie ihn wieder von sich wegschiebt. Etwas, das sie besonders gut konnte.

Langsam riss sie das Kuvert auf, schloss ihre Augen ein letztes Mal und atmete tief ein, bevor sie zu lesen begann. Beide fruchtbar. Jeden Tag könnten sie mit der Befruchtung beginnen. Nächsten Monat. Olivia hatte ihre Temperatur einige Monate genau gemessen, wusste, wann ihr Eisprung stattfand, spritzte sich Hormone, um alles möglich zu machen.

Aber trotzdem war sie sich immer noch nicht sicher.

Sich in ihrem Zimmer umsehend, stellte sie fest, dass sie auch in ihren eigenen vier Wänden wirklich zu Hause fühlte. Ihr Bestes hatte sie getan, damit es heimelig aussah, damit sie sich wohlfühlte. Ihre Schlafzimmerwände waren in einem leichten Violett gestrichen, der Bettüberwurf war etwas dunkler, passte aber zu den Wänden. Ihre früheren Apartments waren immer dunkel gewesen, dunkel, grau und braun. Unpersönlich. Distanziert. Dieses Mal hatte sie alles versucht, Persönlichkeit einzubringen. Immer wollte sie ein Haus haben, einen kleinen Garten, mehr als ein Schlafzimmer. Diese Wohnung hatte immerhin ein kleines Gästezimmer, Gäste hatten niemals dort geschlafen, da immer noch unausgepackte Kisten dort darauf warteten, dass ihr Inhalt in der Wohnung verteilt werden würde.

Viele Sachen gingen im Moment durch Olivias Kopf, die meisten involvierten Elliot. Ihren Partner. Ihren verheirateten Partner. Ihren verheirateten Partner der dabei war, der Vater ihres Kindes zu werden. Vielleicht würde das Baby seine Augen haben? Sein Lächeln und wenn es ein Junge werden würde, würde er seinen Charme haben? Seine großen Hände? Oder ihren dunkleren Hautton, wenn es ein Mädchen werden würde? Zu viele Wünsche und trotzdem waren sie noch nicht so weit, um diese Wünsche Realität werden zu lassen.

Drei Monate später begannen diverse Sachen sich zu entwickeln. Olivia setzte sich selbst die Hormonspritzen im Locker-Room, als eines Tages Elliot hereinkam und seine Faust gegen einen der Spinds knallte. Er hatte nicht gewusst, dass sie auf einem der Betten saß, ihr Shirt hochgezogen hatte. Sich selbst zu spritzen war jeden Tag aufs Neue eine Herausforderung, immer hatte sie Angst, die Nadel in die Haut zu stoßen. Langsam gewöhnte sie sich an den kurzen Schmerz, das lange Brennen danach. Jetzt, drei Monate später war sie ein Profi. Keine Schmerzen mehr, keine blaue Flecken.

„Was ist los?", fragte Liv, ahnend, dass er sie noch nicht gesehen hatte.

„Gott, sorry Liv. Ich hätte klopfen sollen", sagte er und wollte flüchten, schnell.

„Du musst nicht gehen. Ich bin bereits fertig. So, was ist los El?"

Er setzte sich auf das Bett neben sie, seine Hüfte berührte die ihre, seine Wärme strahlte auf ihren Körper aus. „Maureen und Kathy hatten einen großen Streit. Einen sehr großen. Meine älteste hat einen Freund seit fünf verfluchten Monaten und wollte ihn einladen. Zum Abendessen. Fünf Monate, Liv! Und wir hatten keine Ahnung. Und was tat Kathy? Hat ihr Hausarrest gegeben, kein Telefon, kein Internet, einfach nichts. Dann hat Kathy seine Eltern angerufen und ihnen erklärt, dass unsere Tochter eine Missgeburt wie deren Sohn nicht sehen dürfe. Sie wäre zu gut für ihn!".

„Nein, das hat sie nicht gemacht?", fragte Olivia ungläubig. Sie war zwar keine Mutter, noch nicht, aber Hausarrest hatte meistens genau die gegenteilige Wirkung.

„Wieso macht sie solche Blödheiten ohne diese mit mir abzusprechen? Scheiße, Liv … Maureen hat ihre Sachen gepackt, ist aus dem Fenster geklettert und ist nicht mehr zu Hause aufgetaucht. Ich habe keine Ahnung, wo Mo im Moment ist."

Freundlich und tröstend legte Olivia ihm ihre Hand um die Schulter und sein Kopf lag kurz auf ihrer Schulter

„Wir werden sie finden, El. Hast du ihre Freunde bereits angerufen? Ideen, wo sie sich verstecken könnte?

Am folgenden Nachmittag hatte er jeden angerufen, den er kannte, alle gebeten, ihn zu informieren, falls seine Tochter irgendwo auftauchen würde. Aber niemand wusste etwas von Maureen. Niemand. Doch sie hatte auch einen Freund seit fünf Monaten und niemand hatte davon gewusst. Niemand hatte von ihnen gewusst. Ihm. Callum Joyce. Ein guter irischer Junge, soweit er das wusste. Nicht dass er ein guter Junge war, weil er irischer Abstammung war. Kathy schob alle Schuld auf die Iren, hatte es immer schon gemacht. Vielleicht weil ihre Familie italienische Wurzeln hatte? Es kümmerte ihm nicht.

Olivia hatte etwas Abstand gehalten in den letzten Wochen. Er wusste, dass die Hormone es ihr nicht leicht machten, ihre Launen. Elliot kannte ihren Menstruationszyklus ohne jemals mit ihr darüber gesprochen zu haben. Ihre Tampon-Marke. So war es nun einmal, wenn man Jahre lang einen Menschen beobachtete.

Das feine Schlagen seines Stiftes gegen das Keyboard während er telefonierte, machte sie wahnsinnig. Sechs Stunden war der Telefonhörer bereits zwischen seinem Ohr und seiner Schulter eingeklemmt und keinerlei Resultate. Keinerlei. Nichts. Olivia sah fertig aus, müde. Er hatte keine Ahnung wen er als nächstes anrufen sollte, er hatte mit jedem auf der Liste gesprochen.

„Ich fahre dich nachhause, Liv", stellte Elliot fest und begann seinen PC auszuschalten.

„Danke", stimmte sie indirekt zu, schaltete den Monitor aus und ging zu ihrer Jacke, um sie anzuziehen. Sie war hungrig, wollte es ihm aber nicht sagen, da sie alleine essen wollte. Eigentlich redete sie sich das nur ein, aber er sollte nach Hause zu seiner Familie, mit Kathy und den Mädchen sprechen. Sie liebte es, Zeit mit ihm zu verbringen aber er war nicht ihr Mann, nur ihr bester Freund. Er hatte eine Familie, eine Frau.

Elliot fuhr zu ihrem Haus zu, wenn sie eine Gestalt vor ihrer Eingangstüre sitzen sahen, auf den Stiegen. Olivia sprang aus dem Auto und bevor er auch nur festgestellt hatte, dass es seine Tochter war, die auf ihren Stiegen auf sie wartete. Seine Tochter. Auf ihren Stiegen.

„Mo, was machst du hier? Es ist eiskalt."

„Ich wusste nicht, wohin ich gehen sollte", erklärte ihr das blonde Mädchen unter Tränen, als sie sich gegen Olivias Körper presste, die Wärme und Zuneigung suchend, die ihr in den letzten Tagen verwehrt geblieben war. Olivia legte ihre Arme um sie und ließ sie weinen.

„Beruhig dich", sagte sie sanft, während ihre Hand dem Mädchen über den Rücken strich.

„Maureen ….", sagte Elliot laut, harsch, unfreundlich. Er klang verärgert, was er auch war, aber auch glücklich, dass sie wohlauf war.

„Kann ich bei dir bleiben Olivia? Ich gehe nicht zurück zu dieser Schlampe."

„Achte auf deine Sprache junge Dame", ermahnte Olivia.

„Sorry", murmelte sie, sich in den Armen der brünetten Frau sicher und geliebt fühlend.

„Lass uns raufgehen und dort sprechen", schlug sie vor und gemeinsam gingen sie die Stufen hinauf.

„Du kommst mit mir mit und wir sprechen mit deiner Mutter", forderte Elliot.

„Ich bleibe hier", wiederholte Elliots Tochter und wich nicht von Olivias Seite.

„Es ist okay Elliot."

„Nein, das ist es nicht. Sie ist meine Tochter und ich will, dass sie nach Hause …"

„Wenn ich nach Hause gehen muss, dann laufe ich wieder weg und …"

Vielleicht war die ganze Situation brisanter als Elliot vermutet hatte. Alle drei gingen gemeinsam die Stiegen in Olivias Apartment hinauf. Maureen stellte ihre Tasche in das nie benützte Gästezimmer, bevor sie auf das Sofa setzte, neben Liv. Elliot stand ihnen gegenüber, sein Gesicht zeugte immer noch von seiner Wut. Olivia schien auf der Seite seiner Tochter zu sein, sie wollte stets das Beste für seine Kinder. Gott, sie würde eine großartige Mutter sein. So viel besser als Kathy.

„So erzähle uns, was passiert ist", forderte sie das junge Mädchen auf.

Maureen erzählte ihnen von Callum und dass sie ein Paar seien, miteinander ausgingen und sie wollte, dass er ihre Eltern kennen lerne. Sie sollte, dass er ihren Vater kennenlerne, weil sie dachte, dass es wichtig und vor allem richtig sei. Wieso war all dies ein großes Geheimnis gewesen? Weil Kathy ihnen, den Mädchen, den Kontakt zu Burschen verboten hatte, nicht einmal an Lerngruppen, wo Burschen involviert waren, durften sie teilnehmen. Stets rief sie deren Eltern an, fragte nach den teilnehmenden Schülern. Ihre Noten waren immer noch gut, aber sie fühlte sich einsam. Dann traf sie Callum. Er war katholisch, wie sie auch, und sie war glücklich, sobald sie ihm sah. Sie versicherte ihnen, dass nichts Sexuelles zwischen ihnen vorgefallen sei. Während sie dies sagte, sah sie ihrem Vater direkt in die Augen. Er wusste, dass sie die Wahrheit sagte, noch nie war sie in der Lage gewesen, ihm ins Gesicht zu lügen.

„Ich kann nicht nach Hause gehen. Sie würde mich nur anschreien, mich schlagen." Als das Wort „schlagen" aus Mos Wort gekommen war, warf Olivia Elliot einen Blick zu und er nickte zustimmend. Kathy schlug seine Kinder, nie in seiner Gegenwart, daher hatte er niemals etwas dagegen tun können, außer mit ihr sprechen. „Ich kann nicht, Daddy! Ich will hier bleiben, bei Liv. Bitte!" Olivia konnte nicht anders als das Mädchen zu umarmen, es näher an sich zu bringen.

„Es geht in Ordnung Elliot, sie kann hier bei mir bleiben. Keine Männer in meiner Wohnung. Du kannst keinen Mann hier her bringen, wenn ich keinen habe", erklärte sie dem Mädchen mit einem Lächeln auf ihren Lippen.
Sogar ein Mädchen in ihrem Alter hatte einen Freund. Und sie? Sie spritzte sich Hormone und war mit ihrem Job verheiratet. Die längste Beziehung, die sie jemals hatte, war mit Elliot, ihrem verheirateten Partner.

„Eine Nacht Mo, eine Nacht", sagte Elliot. „Und du wirst morgen mit deiner Mutter sprechen. Ich werde es heute tun, sie wissen lassen, dass es dir gut geht. Und du Olivia wirst ihr erklären, dass das was sie gemacht hat nicht richtig ist. Mich anlügen."

„Wir werden uns unterhalten", stimmte sie zu und küsste Mo auf die Stirn. „Wir werden reden. Mädchenabend."

„Glaubst du wirklich, dass es gut war, es so weit zu treiben, dass sie wegläuft?", schrie Elliot Kathy an.

Lizzie und Dickie saßen im angrenzenden Wohnzimmer und hörten nur zu gut, um was es dieses Mal in ihrem Streit ging. Sie wussten, dass Maureen weggelaufen war und sie kannten auch den Grund, von Anfang an. Es ging in Wahrheit nicht nur um Callum sondern auch darum, dass Kathy ihr die Schuld gab, ihr Leben verpfuscht zu haben.

„Was willst du Elliot? Dass sie schwanger wird?"

„Sie ist nicht so dumm, wie wir damals gewesen sind. Sie weiß, dass man Kondome benutzen sollte und sie hat mir erklärt, dass sie keinen Sex hatten."

„Gott, erinnere dich doch, was ich meinem Vater gesagt habe."

„Konntest du ihm währenddessen in die Augen schauen? Sie tat es. Sie schwur Liv, dass nichts passiert sei."

„Olivia?"

„Ja, Olivia. Sie ist bei ihr und weigert sich nach Hause zu kommen."

Es dauerte nur Sekunden, bis es offensichtlich war, dass dieser Fakt Kathy noch wütender machte. „Sie ist bei Olivia? Lass sie doch bei ihr. Lass sie doch Familie spielen … lass sie sehen, wie es wirklich ist, Mutter zu sein."

„Verstehst du es nicht? Sie ist weggelaufen, weil du seine Eltern angerufen hast. Sie wollte ihn uns nur vorstellen, nicht mehr und nicht weniger. Ich bin auch nicht glücklich darüber, dass sie uns zuvor nichts gesagt hat aber wir können die Vergangenheit nicht ändern. Es ist passiert. Ich bin mir sicher …"

„Es ist mir egal. Du bist nie zuhause und ich habe versucht mit all dem Mist, den sie mir an den Kopf werfen, umzugehen. Auf meine Art und Weise. Ich mache die Regeln. Kein Freund bevor sie 19 Jahre alt ist. Das sind meine letzten Worte zu dem Thema. Es ist für alle dasselbe, auch für Dickie."

„Du willst nicht, dass sie dasselbe erleben wie wir? Gut, Kathy. Ja, wir haben früh geheiratet und Kinder bekommen, aber du wolltest das."

„Wirklich?", schrie sie ihn an. „Hast du nie daran gedacht, dass ich auch Pläne hatte?" Sie umklammerte ihre Teetasse fest, ihre Knöchel wurden bereits weiß. „Irgendwann einmal? Ich denke nicht. Ich wollte aufs College gehen. Ich wollte …"

„Was wolltest du? Ich habe dir mehrmals angeboten, aufs College zu gehen, nachdem Maureen geboren war, nachdem Kathleen geboren war. Aber du wolltest immer bei dem Kind zuhause bleiben."

„Wir hatten nie das Geld dafür."

„Es wäre möglich gewesen aber das ist jetzt unbedeutend, weil wir uns alle anders entwickelt haben, als du es dir vorgestellt hast. Du kannst all das Maureen nicht antun." Elliots Stimme war lauter, aggressiver – er wollte es nicht, konnte es aber nicht ändern. Plötzlich hörte er Eli schreien. Lizzie hatte versucht ihn ruhigzuhalten aber es war ihr irgendwann einmal nicht mehr gelungen. Kathy bewegte sich nicht, bleib dort stehen, wo sie die ganze Zeit gestanden hatte. Elliot war müde, müde von der Suche nach seiner Tochter, müde von der Arbeit. Er gab seinem jüngsten Sohn ein Fläschen.

„Wird Maureen zurückkommen?", fragte Dickie etwas zurückhaltend und nervös. Im selben Moment konnte der Junge den Ellenbogen seiner Schwester in seinen Rippen spüren.

„Sie ist bei Olivia. Sie wird …." Er konnte den Satz allerdings nicht vollenden, da er nicht wusste, wie rasch sich all dies auflösen würde, ob es Tage, Wochen oder Monate dauern würde, bis alles zu seiner gewohnten Normalität zurückfinden würde.

+++ Ende Kapitel 4 +++