Horror
Rose war gerade vom Frühstückstisch aufgebrochen, als buchstäblich die Hölle losbrach. Ein lautes Zischen und Krachen war zu hören. Rose sah sich erschrocken um. Am Lehrertisch stieg Rauch auf. Er schien von einem Brief vor den Onkel Neville auszugehen. Neville Longbottom war nach der Kündigung von Rektor Asherton zum Rektor ernannt worden.
Wie gebannt folgte Rose dem Rauch, der sich an der Decke sammelte. Mit dem gespiegelten Himmel als Hintergrund sah der Rauch aus, wie aufziehende Gewitterwolken. Immer noch war ein Quietschen und Zischen zu hören. Neville hatte seinen Zauberstab gezogen und schoss einen Zauber nach dem anderen auf das Blatt Pergament ab. Er wurde immer hektischer.
Rose hörte ein Raunen durch die Schüler gehen. Viele starrten noch immer an die Decke. Rose hob wieder ihren Blick. Der Rauch hatte sich mittlerweile zu festeren Formen gesammelt und langsam konnte man etwas erkennen. Die Rundung eines Totenschädels wurde sichtbar. Der Mund war zu einem Lachen verzogen und aus dem zahnlosen Schlund wandte sich langsam eine Schlange.
Alle Geräusche waren verstummte. Nach einem kurzen Augenblick der Stille erklang ein furchtbares irres Frauenlachen. Rose bekam eine Gänsehaut und wünschte sich, das Zischen und Quietschen wäre wieder zu hören.
Rose sah wieder zu Neville, um zu sehen, was mit dem Pergament passiert war. Erstarrt beobachtete sie, wie er mit einem Satz den Tisch überquerte und mit ausholenden Schritten durch die Halle lief. Rose verstand erst, als sie ihn schreien hörte.
„Malfoy!" Sein Schrei ließ die aufgeregten Rufe in der Halle verstummen. Nur das verrückte Lachen war noch zu hören. Neville hatte seinen Zauberstab in der Hand und richtete ihn drohend auf Scorpius. Rose hatte das Gefühl die Welt kippe ein wenig zur Seite. Was ging hier vor? Wieso war ihr immer ruhiger, ausgeglichener Onkel plötzlich ein furchterregender Racheengel?
Scorpius Malfoy stand mit weit aufgerissenen Augen am Tisch.
Neville rief laut, mit vor Wut zitternder Stimme: „Malfoy! Ich schmeiße dich raus! Das war das letzte Mal!" Dann war er vor Scorpius angelangt und zerrte ihn am Arm über die Bank hinweg, wie eine Stoffpuppe. Dann schleuderte er ihn mit unerwarteter Wucht Richtung Tür. Scorpius landete auf seinem Hintern. Das keckernde Lachen untermalte die schreckliche Szene.
Al griff plötzlich nach ihrem Arm und zerrte sie mit sich. Sie rannte willenlos an Als Seite zu Neville und Scorpius. Als sie fast bei ihnen angekommen waren, rappelte sich Scorpius auf und rannte zur Tür. Neville dicht auf seinen Fersen. Als Scorpius schon fast draußen war, traf ihn Nevilles Hand im Rücken. Scorpius stolperte noch einige Schritte und versuchte sich zu fangen, verlor dann aber doch das Gleichgewicht und landete auf Händen und Knien.
Neville stand drohend über dem am Boden kauernden Jungen. Er hob den Zauberstab. Erschrocken rief Rose nach dem Mann, den sie seit ihrer Geburt kannte. Den sie Onkel nannte, obwohl er kein Blutsverwandter war. Und der gerade im Begriff war seinen Schüler zu verhexen.
Aber Neville schien sie nicht zu hören. Durch zusammengepresste Zähne zischte er: „Ich hex' dich ins Vergessen, du mieser, kleiner, reinblütiger Bastard!"
„Nicht!" Albus trat mit erhobenen Armen auf Neville zu und lenkte ihn so ab. Scorpius nutzte die Chance, richtete sich auf und rannte Richtung Eingangstür.
„Expelliarmus!" Scorpius Zauberstab flog in Nevilles Hand. Immer noch wie in Trance beobachtete Rose, wie Neville einen zweiten Fluch auf Scorpius richtete. „Encarcerus!" Seile wanden sich um Scorpius Handgelenke und Füße. Wie ein gefällter Baum fiel er nach vorne.
Rose schrie, als sie Neville wieder auf Scorpius losgehen sah. Neville drehte ihn mit dem Fuß auf den Rücken. Rose konnte sehen, dass der Tritt heftiger als nötig ausfiel. Wieder richtete Neville seinen Zauberstab auf Scorpius. „Wir hätten damals alle Malfoys aus der Welt schaffen sollen. Du kleiner schleimiger ..."
Voller Angst fiel ihm Rose in den Arm. „Onkel Neville!" Der Mann wandte sein Gesicht ihr zu und sie erkannte ihn kaum. Hass loderte in seinen Augen. „Rose, verschwinde! Das hat nichts mit euch zu tun!" Rose erfasste Panik. Sie versuchte etwas zu finden, das Neville abhalten würde Scorpius zu verletzten oder noch schlimmer ... „Lass' uns Onkel Harry holen oder Papa! Bitte! Onkel Neville, du kannst ihn doch nicht ..." Das kalte Lachen, dass sie unterbrach, verursachte ihr eine Gänsehaut.
„Ich würde nichts tun, was sein Vater und seine Kumpanen nicht auch schon mit mir gemacht hätten!" Rose wurde übel. Würde Neville wirklich Rache an dem Sohn von Draco Malfoy üben? Nach so vielen Jahren? Rose verstand das alles nicht.
„Expelliarmus!" Nevilles Zauberstab flog davon. Erleichtert sah Rose, wie er in Albus Hand landete. Wütend drehte sich Neville nun zu Albus. „Albus Severus Potter! Du hast kein Recht dich einzumischen oder einem Lehrer den Zauberstab zu entwenden!"
„Onkel Neville, das hier ist außer Kontrolle geraten! Wir rufen Papa und er soll mit ein paar Auroren die Sache klären!" Albus schien den Kopf behalten zu haben. Zumindest klang er ruhig und selbstbewusst.
Plötzlich schien alle Wut und Kraft aus Neville zu weichen. Er ließ den Kopf hängen und atmete schwer. „Gut, holt Harry."
Dann wandte er sich wieder Scorpius zu. „Aber du wirst nach diesem Tag nie wieder einen Fuß auf das Gelände der Schule setzen, Mistkerl!"
Albus legte die Hand auf Nevilles Arm. Dabei schaute er zu Rose. „Ich rufe Papa über den öffentlichen Floanschluss hier unten. Aber wir müssen Neville und Malfoy aus der Halle bringen, bevor die gesamte Schülerschaft hier auftaucht." Er gab Neville seinen Zauberstab zurück. Warf aber Rose noch einen warnenden Blick zu.
Rose nickte und trat an Neville heran. Während Albus schon zu der ehemaligen Besenkammer sprintete, in die man einen öffentlichen Floanschluss installiert hatte, mit dem die Schüler in Kontakt mit ihren Familien stehen konnten.
Rose wandte sich an Neville. „Wir können ihn nicht in der Eingangshalle liegen lassen." Neville schnaubte. „Wir können ihn gerne nach draußen setzen!"
„Onkel Neville!" fassungslos sah Rose den Rektor an. Dieser schüttelte den Kopf. Dann grinste er ein grimmiges Lächeln. „Gut. Wir bringen ihn in das alte Hausmeisterbüro."
Neville zerrte Scorpius unsanft an der Schulter hoch. Kaum stand er auf seinen Füßen, schubste ihn Neville in die Richtung, in die er laufen sollte. Rose griff nach Nevilles Arm. Sie hörte ihn leise mit den Zähnen knirschen, aber er unterließ weitere Aggressivitäten. Da Scorpius so eingeschnürt war, konnte er nur Trippelschritte machen. Nach einer Ewigkeit erreichte die kleine Prozession einen Raum, der von der Eingangshalle abging. Neville öffnete die Tür mit einem uralten Schlüssel und sie betraten den dunklen, feuchtkalten Raum.
Neville gab Scorpius einem weiteren Schubs in den Rücken und er landete auf den Knien vor einem Stuhl. „Setzt' dich!" Neville ignorierte Scorpius und seine Versuche sich auf den Stuhl zu hieven, in seinem eingeschnürten Zustand. Rose überlegte kurz, ob sie ihm helfen sollte, aber dann wurde es in dem Raum hell und die Gegenstände, die sie sah, lenkten sie von Scorpius ab.
Der Raum war eine Folterkammer. Es gab eiserne Handschellen in zwei Meter Höhe in die Wand eingelassen, einen Stuhl, der Lederriemen an den Armlehnen und den Stuhlbeinen hatte.
Ein Geräusch erinnerte sie aber wieder an Scorpius, der wieder auf den Boden geplumpst war.
„Onkel Nev, kannst du ihm nicht die Seile lockern?" Neville zog den Stuhl hinter einem Ungetüm an Schreibtisch zurück. „Nein!" erklärte er eisern, während er sich setzte.
Wütend stapfte Rose zu Scorpius und griff ihm unter die Arme. So viel er an Gewicht verloren hatte, war er doch immer noch schwer. Sie holte tief Luft und zog ihn auf die Beine. Sie hätte sich gerne versichert, dass es ihm gut ging, aber sie wollte Neville nicht zu lange aus den Augen lassen. Sie traute dem frieden nicht. Daher drehte sie sich gleich wieder um und lief in eine Ecke des Raumes, die ihr einen guten Überblick versprach.
Während sie schweigend warteten, versuchte Rose die schaurigen Gegenstände auf dem Schreibtisch zu ignorieren. Sie versuchte zu verstehen, was passiert war, aber nichts ergab einen Sinn.
Als die Tür endlich aufgerissen wurde, trat aber nicht, wie erwartet ihr Onkel ein, sondern Draco Malfoy stürmte den Raum.
Er warf seinem Sohn einen kurzen besorgten Blick zu, bevor er sich an den Rektor der Schule wandte. „Longbottom! Das ist nicht akzeptabel! Ich verlange, dass mein Sohn SOFORT frei gelassen wird!"
Rose fragte sich, was heute mit den Erwachsenen los war. Alle schienen sich plötzlich in Krieger aus einer nordischen Sage zu verwandeln, inklusive der Blutlüsternheit.
„Malfoy! Ich glaube nicht, dass du irgendetwas verlangen kannst! Die Zeiten, das ein Malfoy die Dinge an dieser Schule mitbestimmen konnte sind schon lange vorbei!" Zumindest hatte Onkel Neville sich wieder so weit in den Griff bekommen, dass er nicht sofort auf Malfoy senior losging.
Scorpius Mutter betrat nun den Raum. Mit großen Augen sah sie ihren Sohn gefesselt auf einem Stuhl sitzen in einem Raum, der aus einem Alptraum entsprungen zu sein schien.
Entschlossen zog sie ihren Zauberstab und befreite ihren Sohn von den Seilen. Erleichtert seufzte Rose. Endlich jemand mit einem normalen Verstand! Astoria Malfoy trat zu ihrem Sohn und ging vor ihm in die Hocke. Rose konnte sehen, wie Scorpius erleichtert seine Mutter betrachtete. Ihr Herz krampfte sich kurz zusammen. So verletzlich hatte sie Scorpius noch nie gesehen.
Rose war so sehr in den Anblick vertieft, dass sie erschrocken zusammenfuhr, als Draco Malfoy zischte: „Wage es, meine Familie anzugreifen und du bist tot!"
Rose riss ihren Kopf herum, um eine Szene, wie aus einem schlechten Horrorfilm zu sehen. Draco hatte seinen Zauberstab nur einen halben Meter von Nevilles Hals entfernt, während dieser auf Astoria Malfoy zielte. Die Welt war verrückt geworden und diesen Männern, die zu allem bereit waren, sollte man keine Zauberstäbe überantworten.
Rose konnte ein hysterisches Lachen nicht unterdrücken. Dann setzte sie ihren Gedanken in die tat um. „Expelliarmus" Die Zauberstäbe von Neville und Malfoy flogen in Roses Hand. „Das hier ist vollkommen außer Kontrolle! Hier geht es nur um einen verdammten Schülerstreich!"
Sie spürte Tränen in ihren Augen brennen. Ihre Hände zitterten.
„Das bleibt noch zu beweisen." Kam eine ruhige Stimme von der geöffneten Tür. Im Türrahmen stand der Kopf des Aurorenbüros und Held der magischen Welt, Harry Potter. Mit ausholenden Schritten kam Onkel Harry auf Rose zu und nahm ihr die Zauberstäbe ab. Er legte ihr die Hand auf die Schulter. „Das hast du prima gemacht! Ich bin stolz auf dich!" Erleichtert sackte Rose in sich zusammen. Sie sah Albus in der Tür stehen und lächelte ihm schwach zu.
Potter trat an die Seite des Schreibtisches, so dass er alle im Blick hatte. „Malfoy!" grüßte er den Mann, der immer noch mit einem entschlossenen Gesichtsausdruck dastand. Er sah aus als würde er seine Drohung auch mit den Händen wahr machen, wenn das nötig wäre.
„Al hat mir kurz erklärt, was passiert ist. Nun möchte ich es aber von dir hören, Neville!" Potters Augen waren auf seinen Freund gerichtet. Man konnte nicht sagen, was er dachte.
Leben kam wieder in Rose. Vielleicht würde sie nun die Erklärung erhalten, die sie selbst nicht hatte geben können. Onkel Neville hatte eine ungesunde graue Gesichtsfarbe und fuhr sich fahrig über das Gesicht. „Ich habe heute Morgen beim Frühstück eine Eule erhalten. Als ich das Siegel brach, kam Rauch aus dem Brief und bildete das Dunkle Mal an der Decke der großen Halle. Und ...und das Lachen von Bellatrix Lestrange war zu hören."
Rose sah von Neville zu Scorpius. Das erklärte einiges. Aber Scorpius sah genauso erstaunt aus, wie alle anderen im Raum.
Draco Malfoy schnaubte verächtlich durch die Nase. „Das ist lächerlich! Meine Tante ist seit 25 Jahren tot. Woher soll ihr Lachen plötzlich kommen?"
Rose drehte sich gerade wieder zu den drei Männern am Schreibtisch, um zu sehen, wie Neville auf die Füße sprang. Aus den Augenwinkeln sah sie wie Albus in den Raum trat und sich neben sie stellte. Neville stützte sich schwer mit beiden Händen auf den Schreibtisch. „Das kann uns sicher dein Sohn erklären!" Auch Malfoy lehnte sich nach vorne. Kurz bevor sich die Nasen der zwei Männer berührten, hielt er inne. „Und warum sollte mein Sohn etwas darüber wissen?" Seine Stimme war nur ein Zischen.
„Weil dein unnützer Sohn seit Jahren im Club von Avery und van Zandt Mitglied ist!" Bevor Draco Malfoy handgreiflich werden konnte, trat Onkel Harry dazwischen.
„Malfoy, das führt zu nichts. Bitte verlasse den Raum. Du kannst später mit deinem Sohn sprechen!" Malfoy machte sich mit einem Ruck von Potter frei. „Auf keinen Fall! Ich lasse meinen Sohn nicht alleine! Wer weiß, was ihr mit ihm macht!"
Rose konnte es ihm nicht verübeln. Sie würde auch nicht von Scorpius Seite weichen, so lange niemand Onkel Neville unter Kontrolle hatte. Onkel Harry hatte wohl ähnliche Gedanken, denn er nickte.
„Gut, aber du begibst dich zu deinem Sohn und bleibst in dieser Ecke des Raumes!" Wiederstrebend folgte Draco Malfoy der Anweisung. Wortlos trat er an die Seite seines Sohnes.
Onkel Harry sah aus, als wäre er lieber nicht hier. Er wandte sich an seinen alten Freund. „Und was macht dich so sicher, dass Malfoy dahinter steckt?"
Longbottom lachte humorlos. „Weil er seit Jahren mit den beleidigten Reinblütern herumhängt, die sich gegenseitig bemitleiden, weil die guten alten Zeiten vorbei sind. Und weil ich weiß, dass er mit Avery immer noch unter einer Decke steckt. Und du weißt doch selber, dass der mit van Zandt eine neue Epoche der Reinblütigkeit ausrufen möchte. Außerdem: Wer sollte sonst an das Lachen seiner Tante kommen."
Harry Potter drehte sich zu den Malfoys um. Ernst sah er Scorpius an. „Hast du etwas zu den Anschuldigungen zu sagen?" Scorpius verzog sein Gesicht zu einem arroganten Grinsen.„Hier glaubt doch jeder, was er glauben will. Und das" Scorpius drehte sich zu seinem Schulleiter „seit dem ersten Jahr."
„Du weißt, welche Konsequenzen es hat das Dunkle Mal zu beschwören? Du bist 17, du wirst das volle Strafmaß erhalten." erklärte Harry Potter mit ernster Stimme. Mit hochgezogener Augenbraue musterte Scorpius den Auror. „Beweisen Sie es mir!"
Harry Potter nickte. Dann drehte er sich zu Rose und Albus. „Ihr seid mit ihm in einem Jahr und einem Haus – was sagt ihr zu den Anschuldigungen?"
Albus sah seinen Vater ernst an. „Vieles, was Rektor Longbottom gesagt hat, stimmt. Aber ich denke nicht, dass er ein Neo-Todesser ist. Das verlangt zu viel ...keine Ahnung. Aber das hier passt nicht zu Malfoy. Aber er hat sich im letzten Jahr sehr verändert."
Sein Vater nickte, dann blickte er auffordernd zu Rose. Sie blickte von ihren Händen auf. „Nein, das mit dem Mal sieht ihm nicht ähnlich." Ihr Blick traf den von Scorpius. Sie versuchte abzuschätzen, wie sehr er sich verändert hatte. Die Episode nach Geschichte fiel ihr ein. Er hatte ihr einiges erzählt und sie hatte ihn nicht ernst genommen. Aber trotzdem …
Sie sah wieder zu ihrem Onkel und zuckte mit unsicherem Gesichtsausdruck die Schultern.
Der altgediente Auror drehte sich wieder zu dem Raum. „In Ordnung. Eine Gruppe meiner Spurensicherung ist im Moment mit dem Brief beschäftigt." Er drehte sich zu Scorpius. „Wir werden jetzt eine Durchsuchung deiner privaten Dinge durchführen." Er machte eine auffordernde Geste. Scorpius erhob sich. Sein Vater legte ihn die Hand auf die Schulter und drückte ihn wieder in den Stuhl.
„Ich glaube nicht, dass das ohne richterlichen Befehl geht. Außerdem möchte ich einen Anwalt einschalten!" Zum ersten Mal verlor ihr Onkel seine ruhige Haltung.
„Malfoy! Wir sind in einer Schule und der Leiter kann eine Durchsuchung jederzeit anordnen! Wenn du es gerne offiziell hättest, dann kann ich Neville bitten, mir den Auftrag zu erteilen. Aber ich denke, das ist lächerlich! Und natürlich steht es dir frei einen Anwalt einzuschalten!"
Damit wandte er sich wieder an Scorpius. „Zeige mir bitte deine Unterkunft!"
Scorpius stand wieder auf und lief an allen vorbei auf den Gang. Da niemand etwas Gegensätzliches sagte, folgten Rose und Albus dem kleinen Zug zum Schlafraum von Scorpius und Albus.
Schweigend sahen Rose und Albus zu, wie Harry Potter anfing Scorpius Dinge zu durchsuchen, während Scorpius auf Albus Bett saß. Seine Eltern standen an der Tür. Astoria Malfoy stand eng an ihren Mann gedrückt.
Dann hielt Rose Onkel einen Klarsichtbeutel mit bunten Pillen in die Höhe. Neville trat näher an ihn heran. „Angels smile, Diabolitos und noch einiges andere. Das Zeug geht seid einer Weile an der Schule um!"
In der Tüte waren bestimmt hundert Pillen. Rose Magen machte sich unangenehm bemerkbar. Esther hatte es ihr gesagt. Sie hatte es einfach heruntergespielt. Ihr Onkel hatte sich mittlerweile an Scorpius gewandt. „Dealst du damit?" Scorpius zuckte nur die Achseln und starrte auf den Boden.
Ihr Onkel versuchte es noch einmal: „Scorpius, die Menge der Pillen lässt darauf schließen, dass sie nicht nur zum Eigenverbrauch sind. Das hat mindestens einen Schulverweis zur Folge."
„Wenn ich nach Azkaban muss, dann denke ich, kann ich am Unterricht sowieso nicht mehr teilnehmen!" Scorpius hatte sich scheinbar entschlossen, nicht zu kooperieren. Onkel Harry schüttelte unwillig den Kopf und beugte sich nun über Scorpius Nachtschränkchen.
Während ihr Onkel weiter die Habseligkeiten von Scorpius durchwühlte, schweiften Rose Gedanken wieder zu der Tüte mit den Pillen. Wieso nahm er sie? Er war intelligent und seine Eltern liebten ihn. Und er schien ein stabiles Elternhaus zu haben. Sie verstand Scorpius nicht. Wieso warf er alles weg?
Die Stimme ihres Onkels riss sie wieder in die Gegenwart. „Draco? Ich denke, das solltest du sehen." Draco Malfoy machte sich sanft von seiner Frau los und nahm ihrem Onkel das Buch aus der Hand, dass er gefunden hatte.
Scorpius Vater wurde blass. Fassungslos starrte er auf das Buch.
Onkel Harry sah ihn an. „Du weißt, was das ist?" Draco nickte. „Hast du es gelesen?" Draco Malfoy blickte von dem Buch auf. „Nein. Ich habe davon erzählt bekommen und ...wir haben Briefe erhalten, in denen mir vorgeworfen wurde, dass ich van Zandt diese Informationen gegeben habe. Diese kranke, verdrehte Version der Wahrheit."
Der Auror wandte sich an Scorpius. „Woher hast du das Buch?" Scorpius blieb stumm. „Junge, du wirst reden. Früher oder später. Aber deine Situation wird von Minute zu Minuten schlechter." erklärte Harry Potter mit ernster Stimme.
Was war das für ein Buch? Van Zandt? War dass das verbotene Buch der neuen Todesserbewegung? Woher Scorpius das Buch hatte, war keine Frage. Avery hatte diese Sprüche doch immer wieder von sich gegeben.
Ihr Onkel hatte sich einem Ordner auf dem Bett zugewandt und hielt nun Fotos hoch, so dass Scorpius Vater sie auch sehen konnte. Leider konnten Rose und Al sie nicht erkennen.„Sind die von euch?" fragte er.
Draco Malfoy besah sich die Bilder. „Das Familienfoto müsste meine Mutter noch haben. Die anderen zwei kenne ich nicht. Obwohl das Foto vom Manor eventuell eine Kopie von dem Gemälde aus der Eingangshalle sein könnte."
Ihr Onkel nahm die Fotos und packte sie zusammen mit dem Buch und den Pillen in eine Tasche. Er trat an Scorpius heran. „Du hast bis auf weiteres Hausarrest. Du wirst dieses Zimmer nicht verlassen, außer ein Lehrer oder Auror holt dich. Ich hoffe, dir wird bewusst, wie schlecht deine Lage ist. Wenn du mit uns sprichst, kann sich das ändern. Ich denke, deine Eltern sollten dir einen Anwalt besorgen." Damit wandte er sich an Scorpius Vater, der immer noch neben dem Bett stand und ins Leere starrte.
„Kann ich mit dir sprechen, Draco?" Dieser nickte und verließ mit Potter den Raum, ohne noch einmal seinen Sohn anzusehen.
Al packte Rose am Arm und zog sie aus dem Raum. Aber sie waren zu spät. Die zwei Männer waren schon weg, als sie aus dem Schlafsaal traten.
ooo
Rose saß auf der Fensterbank in ihrem Schlafsaal. Sie konnte von hier bis nach Hogsmeade sehen. Aber sie sah nichts von der Landschaft. Ihre Gedanken waren noch bei dem, was sie erlebt hatte.
Sie war immer noch erschüttert, wie heftig Neville reagiert hatte. Natürlich wusste sie, wer Bellatrix Lestrange war und was sie getan hatte. Auch, dass ihre Großmutter sie während der Schlacht getötet hatte.
Sie kannte viele Geschichten. Aber sie klangen immer, wie aus einem Buch. Nie so, als wären die Personen darin wirklich die gleichen, die sie kannte und liebte. Nachdem sie Neville heute gesehen hatte, konnte sie sich zum ersten Mal vorstellen, wie er das Schwert aus dem Hut gezogen und die Schlange erschlagen hatte.
Ein Schauer lief über ihren Rücken. Sie wollte sich ihre Mutter nicht so vorstellen. Oder ihren Vater. Hatten die zwei nicht auch gekämpft? Andere Zauberer getötet? Was wusste sie über ihre Eltern? Natürlich hatte Onkel Harry Voldemort getötet und alle waren dankbar, aber sie hatte sich nie Gedanken darüber gemacht, was es bedeutet hatte. Er hatte einen, zugegebener Maßen, wenig menschlichen Zauberer getötet. Sein Leben ausgelöscht, so gänzlich, wie wohl normalerweise es niemand konnte. Hatte er nicht alle Teile seiner Seele vorher zerstört? Und war nicht die Seele, der Teil, der den Tod überlebte?
Rose bekam Kopfschmerzen von diesen Gedanken. Sie wollte nicht weiter darüber nachdenken. Aber wenn sie nicht daran dachte, musste sie an Scorpius denken.
Er hatte es ihr gesagt. Damals als sie sich nach Geschichte unterhalten hatten. Unterhalten! Sie hatten sich wie immer gestritten. Aber trotzdem hatte sie das Gefühl gehabt, etwas würde sie verbinden. Seit dem ersten Kuss damals hatte sie das Gefühl immer mal wieder. Wenn sich ihre Blicke zufälligerweise trafen oder wenn sie sich stritten.
Scorpius hatte wirklich Drogen genommen und sie hatte Esthers Bedenken, oder besser Leos nicht Ernst genommen. Wie konnte sie das alles übersehen? Es war so deutlich gewesen! Scorpius hatte sich vollkommen verändert. Sie hatte ihn kaum in der Bibliothek gesehen, die bisher sein Zweites zu Hause gewesen war.
Dafür hatte es Gerüchte gegeben, dass er mit diesen zwei Schlampen aus Hufflepuff regelmäßig hinter den Gewächshäusern wer weiß, was machte. Wieso hatte er damit angefangen?
Entschlossen stand Rose auf. Sie würde ihn fragen. Dann hätte sie wenigstens auf ein paar Fragen eine Antwort. Und wenn Rose etwas nicht leiden konnte, dann das Gefühl ein Rätsel nicht lösen zu können.
ooo
Rose war in den Küchen vorbei gegangen. Sie war sich ziemlich sicher, dass sich keiner darum kümmerte, ob Scorpius etwas zu hatte. Mit dem schwebenden Tablett an ihrer Seite stand sie vor dem Schlafsaal der Jungen der 6. Klasse. Sie holte einmal tief Luft, dann öffnete sie die Tür und trat ein.
Das Zimmer lag im Dunklen und sie stellte das Tablett kurz ab, um die Kerzen im Raum mit einem Schlenker ihrer Hand zu entzünden. Scorpius lag auf seinem Bett und schien zu schlafen. Sie nahm das Tablett wieder auf und schritt langsam auf ihn zu.
Als sie das Tablett auf seinen Nachtisch stellte, sah Rose eine Flasche auf dem Bett. Sie roch den starken Alkohol nun auch.
„Wie, die Hungertour schon vorbei? So verwöhnt bin ich auch nicht, dass ich schon nach 10 Stunden ohne Essen alles ausplaudere." fragte er sarkastisch.
Rose seufzte. Wenn er in dieser Stimmung war, würde es schwer mit ihm vernünftig zu sprechen. Sie sah, wie er die Augen aufschlug und dann kicherte.
„Was ist an deiner Situation so lustig?" fragte Rose entnervt. Sie hatte wirklich alles erwartet, aber nicht, dass er betrunken war.
Er kicherte weiter. „Alles! Ich halte einen Hauself für Rose Weasley." Und schon kicherte er weiter.
Scorpius hatte ihr schon viel an den Kopf geworfen, aber sie einen Hauself zu nennen, war eine besonders schmerzhafte Beleidigung. Sie nahm ein Brötchen und warf es nach ihm. Zufrieden beobachtete Rose, wie es Scorpius genau zwischen die Augen traf.
Verblüfft sah Scorpius dem Brötchen nach, wie es an die Bettkante rollte. „Heh! Hauselfen dürfen so was nicht!" rief er empört.
Entrüstet und sehr undamenhaft schnaubte Rose durch die Nase. „Wenn du nicht so besoffen wärst, würde ich das für die unverschämteste Beleidigung halten, die du mir je an den Kopf geworfen hast. Ich sehe nicht wie ein Hauself aus!"
Rose konnte sehen, wie viel Mühe es ihm bereitete seine Augen auf sie zu fokussieren. „Rose? Was machst du hier?" fragte er dann verblüfft. Sie würde nie Antworten erhalten, so lange er in dem Zustand war. Wütend warf sie ein weiteres Brötchen an seinen Kopf. „Dein Essen bringen!" Er schnappte sich das Brötchen. „Aber du sollst mich damit sicher nicht bewerfen." Sie lachte kalt. „Nein, das ist meine persönliche Note daran." Frustriert ließ sie sich auf Albus Bett fallen und starrte auf ihre Hände. Die Mission war jetzt schon gescheitert.
Er schob sich das Brötchen in den Mund. „Rose, was machst du hier?" fragte er erneut. Wenn das Gespräch so weiter ging, würden sie besser gehen. Sie musterte ihn, um zu sehen, ob er wirklich so betrunken war. „Hatten wir das nicht gerade?" fragte sie dann.
Er machte eine Bewegung mit der Hand. Scorpius Bewegungen waren immer ausgewogen und elegant. Jetzt sah er aus, als hätte er alle Koordination seiner Arme verloren. Dann fragte er: „Wieso schickt man dich?"
Sie schaute wieder auf ihre Hände. Sie musste sich schnell etwas einfallen lassen. Obwohl er sich morgen sicher nicht mehr an das Gespräch erinnern, würden können. „Ich habe mich freiwillig gemeldet." eine etwas kreative Auslegung der Wahrheit, aber keine wirkliche Lüge.
„Wieso?" fragte er. Rose begann, ihre Finger zu kneten. Seine Augen blickten sie intensiver an als sonst. Das machte sie nervös. „Ich war neugierig."
Scorpius gab ein Geräusch von sich, dann schloss er wieder die Augen. Rose sah ihn einen Moment an. Er sah so jung aus, verletzlich. Und war es nicht auch das, was ihn in diese Situation gebracht hatte? Sie stand auf uns setzte sich dann an das Fußende seines Bettes.
Eine Zeit lang sah sie ihn nur an, wie er da lag. Er war gutaussehend und intelligent. Warum hatte er Drogen genommen? Er hatte Freunde, seine Familie war nett. Wieso sollte er sich betäuben wollen? Sie lehnte sich mit dem Rücken an den Bettpfosten und zog die Beine auf das Bett.
„Dealst du mit dem Zeug?" Rose war erstaunt, wie schnell er antwortete. „Was denkst du denn?" Frustriert stieß sie mit dem Fuß gegen sein Bein. „Wenn ich wüsste, was ich denken sollte, dann würde ich nicht fragen." Er kicherte. „Denken solltest du, Rose Weasley, dass ich ein böser, böser Junge bin und du dich von mir fernhalten solltest!"
Das wollte er immer allen weiß machen, aber sie konnte manchmal den netten Jungen hinter der Fassade sehen. „Das glaube ich nicht! Ich glaube nicht, dass du wirklich böse bist. Ich glaube, dass hier einiges schief gelaufen ist." Er schnaubte durch die Nase. „Ich sage dir, was schief gegangen ist: die Verhütung meiner Eltern! Weißt du, warum ich ein Einzelkind bin?"
Rose sah ihn fragend an, sie konnte nicht glauben, dass er das wirklich dachte. „Weil die Malfoys immer nur ein Kind haben?" Scorpius lachte trocken. „Weil mein Vater eigentlich keinem Kind antun wollte, mit seinem Namen durch die Gegend laufen zu müssen. Ich war nicht geplant, denn einen Plan für Kinder hätte es nicht gegeben!"
Rose runzelte die Stirn. Er übertrieb maßlos. „So schlimm kann es doch gar nicht sein." Wütend versuchte er sich aufzusetzen, aber er schwankte bedenklich. Er schloss die Augen und Rose überlegte, ob sie einen Eimer besorgen sollte. Aber dann öffnete er die Augen wieder uns sah Rose wütend an. „Was weißt du denn davon, wie schlimm es ist in einer Schule anzufangen, wo niemand mit einem redet. Wo man, nur weil man ein Malfoy ist, verhext und verspottet wird – von allen Schülern, auch den älteren? Du warst doch noch niemals alleine. Du hast doch den ganzen Karottenbund immer dabei!"
Sie kaute auf ihrer Unterlippe herum. Natürlich wusste sie nicht, was er durchgemacht hatte. Aber sie erinnerte sich an die blauen Flecken, die er im ersten Halbjahr manchmal im Gesicht hatte. Aber danach war es besser geworden.
„So schlimm kann es trotzdem nicht sein, schließlich hast du Freunde!" Er lachte humorlos. „Ja, die habe ich, aber die sind euch ja nicht gut genug. Deswegen sitze ich doch hier! Weil meine Freunde reinblütige ewiggestrige sind."
Er schwankte ein wenig. Dann fiel er, wie ein gefällter Baum nach vorne. Erschrocken zuckte Rose zurück. „Merlin, wie viel hast du getrunken?" Er lag mit seinem Kopf neben ihrem Oberschenkel und lächelte sie nur an.
Sie schüttelte den Kopf. Wenn er sie so anlächelte, konnte sie nicht wütend sein. Wenn er sie so anlächelte, war er ein ganz normaler Junge. „Nimmst du das Zeug selber?" Er sah zu ihr auf und fing mit einer Hand eine Strähne ihres Haares ein. Er begann es, zwischen seinen Fingern zu reiben. Dabei sah er ganz verträumt aus. Rose spürte, wie ihr Gesicht heiß wurde.
„Wenn du rot wirst, sieht das aus, wie bei den Rosen, die nur im Inneren eine dunklere Farbe haben." Entsetzt sah sie ihn an und wurde noch roter im Gesicht. Sie konnte nicht glauben, dass er das gesagt hatte.
Verlegen versuchte sie, das Thema zu wechseln.„Scorpius! Du versuchst nur vom Thema abzulenken" Er hatte sie mit glasigen Augen angesehen, nun wurde sein Blick wieder klarer. „Was?" Sie schüttelte missbilligend den Kopf. Er konzentrierte sich einfach nicht. „Nimmst du die Pillen selber?"
Er nickte ernsthaft und legte dann beide Hände unter seine Wange. Wie ein kleiner Junge. Am liebsten hätte sie ihn in die Arme genommen. „Dann ist mir alles egal. Das ist gut." Ihr Herz machte einen schmerzhaften Hüpfer. Er sah so verloren aus. Unbewusst streckte sie ihre Hand aus und strich ihm über den Kopf. Seine Haaren waren weich. In Gedanken verloren streichelte sie ihn weiter.
„Das ist gar nicht gut, wenn dir alles egal ist." Er rückte ein Stück näher an sie heran. „Doch, ich kann ja sowieso nichts ändern!" Eine Welle von Mitgefühl brach über sie herein. Zusammen mit dem schlechten Gewissen. Sie hätten sich alle mehr ihn kümmern sollen. Er war einer von ihnen, ein Ravenclaw. Aber sie hatten ihn einfach im Stich gelassen. Sie hatte ihn im Stich gelassen.
„Hast du deswegen aufgehört, dir in der Schule Mühe zu geben?" Er gähnte ungeniert. „Wozu soll ich denn noch lernen und mir Mühe geben, wenn ich doch nichts anderes erreichen, werde als in der Firma meines Vaters zu arbeiten?"
Hatten sie das Gespräch nicht schon mal gehabt? Hatte er ihr nicht genau das schon einmal gesagt. „Habe ich dir schon mal erzählt." Murmelte er. Rose hatte immer mehr das Bedürfnis ihn in die Arme zu nehmen, um ihm zu zeigen, dass er nicht alleine war.
Sie rutschte nach vorne und lag so neben ihm. Scorpius schlug die Augen auf. Sie konnte sehen, wie seine Pupillen sich weiteten, als er sie sah. Seine Augen waren wirklich unglaublich blau.
Leise sagte sie: „Tut mir leid, dass ich das nicht ernst genommen habe. Ich dachte, du kriegst das wieder in den Griff."
Trotzig sah er sie an. „Habe das im Griff!" Ihre Hand strich über seine Wange. Sie konnte sich nicht erinnern sich bewegt zu haben. „Nennst du das hier, es im Griff haben? Nennst du Drogen nehmen, es im Griff haben?"
Er griff nach ihrer Hand und drückte sie an seine Wange. Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals. „Rose, was regst du dich auf? Kann dir doch egal sein." Seine Augen brachten sie aus der Fassung und ihre Gedanken wurden schwammiger. Wenn sie weiter seinen Blick erwiderte, würde sie ihm Dinge erzählen, die sie sich nicht einmal selber erzählte. Sie schloss die Augen und seufzte. „Darüber haben wir auch schon gesprochen. Du hast so viel Potential!"
Er hielt immer noch ihre Hand und lachte. „Das hatten wir auch schon. Wir drehen uns im Kreis. Es ist egal, wie viel Potential ich habe, ich werde es nicht benötigen in meinem Leben."
Ihre Hand an seiner Wange war warm und kribbelig. Die Nähe wurde ihr zu viel, auch wenn sie sie selbst ausgelöst hatte. Sie drehte ihre Hand in seiner und verflocht ihre Finger mit seinen. Dann zog sie ihre gemeinsamen Hände auf das Bett zwischen sie. „Es tut mir weh, wenn du so redest. Ich finde es schrecklich, dass das so sein soll. Ich kann das nicht akzeptieren."
Er lachte wieder leise. „Du bist zu gut für diese Welt, Rose! Akzeptiere es. Du wirst eine wunderbare Karriere haben. Du wirst einen erfolgreichen, netten Mann kennenlernen und wundervolle Kinder bekommen, mit himmelblauen Augen und Locken.
Ich werde weiter mit meinen Freunden unterwegs sein und bei meinem Vater arbeiten. Vielleicht wird Avery mich über kurz oder lang in seine Vereinigung reinziehen und ich werde dann traditionell meine Zeit in Azkaban verbringen – falls ich das nicht schon bald machen werde. Meinst du, ich bekomme die Zelle von meinem Vater? Oder die von meinem Großvater? Vielleicht gibt es eine, die schon unser Namensschild trägt?" Er kicherte wieder.
Seine Stimmung wurde ihr zu schräg. Sie schlug mit ihren verschlungenen Händen nach seinem Oberarm. Er grinste sie an. „Sag' mal, Weasley, hat man dich mal wegen deiner latenten Gewalttätigkeit untersucht? Jedes Mal wenn wir uns länger unterhalten, schlägst du mich."
Rose war erleichtert, dass sie zu leichteren Themen wechselten. Sie verzog gespielt abschätzig das Gesicht. „Was? Doch kein so harter Kerl?" Er verzog kurz den Mund, dann schloss er die Augen. Gleich würde er einschlafen.
„Scorp?" Er öffnete wieder seine Augen. Sie nahm all ihren Mut zusammen und sagte ihm: „Ich bin der Meinung, dass es Zeit ist, dass du den Traditionen abschwörst. Du wirst weder jetzt, noch später in Azkaban landen."
Er schloss seine Augen wieder und lächelte. „Rose, du spinnst!"
Dann wurde sein Atem gleichmäßiger und kurz darauf fing er an zu schnarchen. Rose hielt seine Hand und strich ihm über das Gesicht. Er brauchte doch nur jemand, der ihn wieder auf den rechten Weg brachte. Ein paar normale Freunde, dann würde das alles wieder werden.
Mädchentoilette
Rose rannte von ihrem Klassenzimmer in die nächste Toilette. Wenn sie sich beeilte, würde sie es noch rechtzeitig in die Kerker zu Zaubertränke schaffen. Niemand hatte bei der Erstellung der Stundenpläne daran gedacht, dass man vielleicht auch mal auf Toilette musste.
Kaum hatte sich die Tür ihrer Toilette geschlossen, öffnete sich die Tür zum Waschraum erneut. „Ich schwänze die nächste Stunde! Keinen Bock auf Honeychurch!"
Rose verzog das Gesicht. Sie fand den Unterricht bei ihrem Hauslehrer auch langweilig, aber schwänzen würde sie deswegen niemals.
„Schade, dass Scorpius nicht mehr da ist!" Rose horchte auf. Sie hatte einen Verdacht, wer sich da unterhielt.
„Oh, ja. Mit ihm hat das schwänzen viel mehr Spaß gemacht!" Albernes Kichern folgte diesem Satz. Rose spürte, wie ihr Gesicht heiß wurde. Das waren die zwei Hufflepuffs, mit denen Scorpius in letzter Zeit immer zusammen gewesen war.
Ein theatralisches Seufzen folgte dem Kichern. „Aber das gehört ja wohl nun der Vergangenheit an." Ein Reißverschluss wurde gezogen, dann hörte Rose, wie scheinbar in einer Tasche gewühlt wurde. „Hast du meinen Lipgloss?"
War das alles, was die zwei zu dem Thema zu sagen hatten? Scorpius hatte ihr ja gesagt, dass er nur oberflächlich mit den Mädchen zu tun gehabt hatte, aber Rose war davon ausgegangen, dass zumindest sie das etwas anders sahen.
Verwirrt starrte Rose ins Leere. Ihre eigene Beziehung zu Scorpius schien so kompliziert zu sein. Sie verstand die Mädchen nicht. Wieso hatten sie Sex mit Scorpius, wenn sie sich nicht für ihn interessierten? Wieso hatte er sich auf so etwas eingelassen?
Hatte er die Mädchen so geküsst, wie er sie auf der Hochzeit geküsst hatte? Jetzt kamen ihr mehr Zweifel. Hätte er damals mit ihr Sex gehabt, wenn sie ihm die Möglichkeit geboten hätte? Bedeutete sie ihm so wenig, wie die zwei Hufflepuffs? Der Gedanke beunruhigte sie.
Ein winziger Teil in ihr hatte damals nach der Hochzeit gehofft, dass er sich ein wenig um sie bemühen würde. Auch wenn ihr Verstand ihr erklärte, dass das albern war. Trotzdem hatte ihr Verstand die Schmetterlinge nicht in den Griff bekommen, die sie immer noch manchmal spürte, wenn Scorpius sie ansah. Sie hatte versucht, sie in die hinterste Ecke zu verbannen. Oder zumindest zu ignorieren. Wer brauchte die schon, wenn es um Scorpius Malfoy ging?
Aber ihre Beziehung war so wechselhaft, dass man davon ein Schleudertrauma bekommen konnte. Ihre Auseinandersetzungen waren mit nichts zu vergleichen, genau so, wie ihre Küsse. Was das zu bedeuten hatte, wollte Rose gar nicht wissen.
Ihr letzter Streit, während der Nachhilfe, hatte ihr Angst gemacht. Jedes Mal hinterließ eine Auseinandersetzung mit Scorpius bei Rose nagende Zweifel. Sie beschäftigte sich noch wochenlang mit dem, was sie sich an den Kopf geworden hatten. Ihre Reibereien waren immer so intensiv. Sobald sie sich mit Scorpius stritt, hatte sie das Gefühl, sie müsse bis zum äußersten gehen. Deswegen hatte sie ihm damals die Nase gebrochen. Wenn sie daran dachte, schämte sie sich immer noch.
Und am Sonntag hatte Scorpius sie fast geschlagen. Sie hatte es in seinen Augen sehen können. Und trotz allem konnte sie ihn nicht einfach ignorieren und mit ihrem Leben weiter machen. Im Gegenteil schien sie fast besessen von dem Gedanken, dass er besser war, als er selber annahm. Er brauchte sich ja nicht einmal zu ändern. Scorpius benötigte nur eine positivere Einstellung und Freunde, die ihn auf neue Ideen brachten. Und am Wochenende hatte sie das Gefühl, einen Durchbruch bei ihm erzielt zu haben. Zumindest hatte er sich bei der Berufsgeschichte helfen lassen.
Wieso konnten diese zwei Mädchen ihn einfach so abschütteln? Sie hatten doch eine viel intimere Beziehung zu Scorpius gehabt!
Rose erinnerte sich, wie Esther im letzten Schuljahr ihr berichtet hatte, dass sie 'es' mit Leo getan hatte. Sie hatte rote Wangen und glänzende Augen gehabt. Esther hatte von Nähe gesprochen. Wie schön es war, dass sie das mit Leo hatte teilen können.
Da war Rose klar geworden, dass das mit Damian keine Zukunft hatte. Sie konnte sich diese Nähe mit Damian nicht vorstellen.
Ungebeten schob sie das Bild von Scorpius in ihre Gedanken. Wie er mit blitzenden Augen, roten Wangen und geballten Fäusten vor ihr stand. Ihr Herz begann, schneller zu schlagen.
Mit Gewalt riss Rose sich aus ihren Gedanken. Sie war schon viel zu spät für Zaubertränke. Eilig schnappte sie sich ihre Büchertasche und rannte los.
Wieder zurück zum Ausgangspunkt
Frustriert warf Rose das Buch in die Ecke ihres Bettes. Sie konnte sich nicht konzentrieren. Immer wieder sah sie den Brief vor sich.
Sie kam sich so dumm vor! Wie damals nach dem ersten Kuss beim Flaschendrehen.
Verzweifelt kämpfte sie die Tränen hinunter, als sie an die Feier zum Fall Voldemorts dachte. Sie hatte sich Hoffnungen gemacht. Und das war, wenn es um Malfoy ging, immer zum Scheitern verurteilt!
Aber es hatte so normal gewirkt. Sie hatten die offiziellen Feierlichkeiten zusammen mit Leo und Esther begangen. Selbst jetzt noch hatte Rose das Gefühl, dass alles so hatte kommen müssen. Es war alles darauf hinausgelaufen. Sie hatten die Nacht getanzt und dann am See auf den Sonnenaufgang gewartet.
Sie hatten gekuschelt und über Beziehungen gesprochen. Und Rose war so dumm gewesen, das ebenfalls als gutes Zeichen zu sehen. Er würde ihr wohl kaum sagen, dass man sie ausnutzen wollte, wenn das seine Absicht war. Sie war so naiv! Wütend schlug sie auf das Kissen.
Noch immer zog sich ihr Magen angenehm zusammen, wenn sie an den Kuss am See dachte. Endlich hatte sie sich selbst eingestanden, dass es genau das war, was sie wollte. Und dann war ihr natürlich Esther eingefallen. Ihr Gehirn konnte ja nie eine Pause machen. Sie wollte eine richtige Beziehung mit ihm. Aber sie war auch nicht bereit, den ganzen Ärger mit ihrer Familie für eine kurze Affäre in Kauf zu nehmen.
Und dann hatte er die Mitleidstour angefangen. Er sei nicht gut genug. Sie schämte sich vor sich selbst, wenn sie daran dachte, wie leicht sie darauf reingefallen war!
Und dann hatte sie es schwarz auf weiß gelesen. Er war nur der Handlanger von diesem Neo-Todesser! Nichts von all dem war echt! Nichts!
Für den Bruchteil einer Sekunde hatte er diesen Ausdruck in den Augen, der ihr sagte, dass er verletzt war, dass sie ihm den Laufpass gab. Aber dann war wieder seine gefühllose Maske da. Kalt hatte er sie angesehen. Er brauchte sie nicht. Und sie brauchte ihn nicht. Sie brauchte keinen Neo-Todesser, der sie für seine Machenschaften missbrauchte. Das war um Längen schlimmer, als Damian, der nur mir ihr schlagen wollte.
Sie war so wütend und enttäuscht. Rose warf sich in das Kissen. Plötzlich liefen ihr Tränen über das Gesicht. Sie hatte ihn wirklich gemocht.
ooo
„Hey, du!" Esther ließ sich neben Rose auf das Sofa fallen. Rose sah von ihrem Buch auf. Sie hatte sich seit Tagen in den Ravenclawturm zurückgezogen. Natürlich würde Esther sie früher oder später aufspüren, aber bis dahin hatte sie in ihrem Selbstmitleid baden können.
Als sie nun in Esthers Gesicht sah, vergaß sie aber ihren eigenen Kummer. Erschrocken stellte sie fest, dass Esther rotgeweinte Augen hatte. Sie ließ ihr Buch auf das Sofa fallen und legte den Arm um ihre Freundin. „Was ist passiert?"
Esther schluckte schwer. „Ich habe mit Leo Schluss gemacht." erklärte sie erstickt. Seit Jahren hatte Rose auf sie eingeredet, dass diese Beziehung keine Zukunft hatte. Dass Leo sich endlich zu ihr bekennen musste. Aber Esther hatte immer zu ihm gehalten.
„Was ist passiert?" Esther lachte freudlos. „Ich habe endlich eingesehen, dass di recht hattest. Wir hatten uns in dem Gang im siebten Stock verabredet, der immer leer ist. Naja, es kam jemand. Und Leo hat mich hektisch in eine Nische geschoben." Sie zuckte mit den Achseln. „Das war ja nicht das erste Mal, aber es war wohl das eine Mal zu viel. Ich konnte das nicht mehr ertragen. Das habe ich ihm gesagt und das war es dann."
Esther vergrub ihr Gesicht in den Händen. Rose zog sie hoch. „Komm' wir gehen in meinen Schlafsaal." Willenlos ließ Esther sich die Treppe hoch führen. Auf Rose Bett brach sie in Tränen aus. „Zwei Jahre. Rose, ich war zwei Jahre mit ihm zusammen. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie das ohne ihn sein wird."
Rose rieb ihren Rücken und starrte wütend vor sich hin. Jungs waren wirklich vollkommen sinnlos!
Duncan
Rose langweilte sich. Sie war von ihren Eltern auf diese Party mitgenommen worden. Aber es ging so steif zu, dass selbst ihre Mutter angestrengt wirkte.
„Hey, du bist Rose, nicht?" Rose drehte sich zu dem Neuankömmling. Sie kannte ihn von der Schule, aber er war nicht in ihrem Jahrgang oder Haus. Auch nicht in Gryffindor. Er lächelte sie schüchtern an. Dabei zeigte er zwei hübsche Grübchen. „Ich heiße Duncan. Ich bin ein Jahr unter dir in Hufflepuff."
Rose lächelte. „Hallo." Er strich sich nervös die braunen Haare aus der Stirn. „Ziemlich öde hier, nicht?" Duncan hatte sanfte braune Augen. Rose stimmte ihm zu, während sie ihn weiterhin in Augenschein nahm. Er sah wirklich nicht schlecht aus.
„Meine Eltern haben mich hergeschleppt." erklärte sie. Duncan nickte betrübt. „Meine auch. Keine Ahnung, wieso. Ist nicht so, als würden sie mich jetzt noch benötigen." Er deutete mit seinem Glas in eine Richtung, in der Rose mehrere Erwachsene in einem Grüppchen diskutieren sah.
„Was machen deine Eltern?" fragte Rose. Sie hatte den Zweck der kleinen Teegesellschaft noch nicht ergründen können. Es gab Leute aus dem Ministerium, aber sie hatte auch Leos Vater und Leo selber gesehen. Das ließ auf Wirtschaftsbosse schließen.
„Mein Vater ist der Eigentümer von 'Magic Gardens'." Rose sah ihn beeindruckt an. 'Magic Gardens' war der größter magische Gärtnereibetrieb. Außerdem belieferten sie sämtliche Apotheken und Zaubertrankhersteller in Europa. „Wow, übernimmst du mal die Firma?" fragte sie ehrlich interessiert. Duncan zuckte die Achseln. „Wahrscheinlich."
Rose sah wieder über die Menschen, die in kleineren oder größeren Gruppen zusammenstanden. „Sag' mal, hast du eine Ahnung, wozu diese Party gut sein soll?" fragte sie dann. Duncan lachte angenehm tief. „Brautschau und ein wenig Geschäfte machen." Rose drehte sich verblüfft zu ihm um. „Brautschau?"
Duncan wich verlegen ihrem Blick aus. „Naja, man stellt hier die Kinder untereinander vor und hofft, dass sich was ergibt." Rose drehte sich wieder zu den Gästen. Sie schäumte innerlich. Als Scorpius ihr davon erzählt hatte, hatte sie es nicht ernst genommen. Das war antiquiert und würde sicher nicht mehr vorkommen.
Wenn sie aber nun die Gäste betrachtete, konnte sie sehen, dass Duncan recht hatte. Die Kinder wurden einander vorgestellt, aber immer nur dem anderen Geschlecht und dann alleine gelassen.
Leo quälte sich gerade sichtlich mit einer Blondine, die offensichtlich ohne Punkt und Komma redete. Ihr eigener Bruder stand mit einer hübschen Brünetten und unterhielt sich. Dabei schielte er ihr in den weiten Ausschnitt.
Rose drehte sich zu Duncan um. „Kein Interesse!" erklärte sie ihm. Der begann zu lachen. „Oh, ich auch nicht. Glaube mir! Das hier ist lächerlich! Meinen Eltern ist das auch egal, aber sie machen das Spiel mit, damit sie ihre Kunden nicht vergrätzen. Am Ende werde ich aber machen können, was ich will."
Erleichtert atmete Rose auf. Vielleicht ging es den meisten hier so. Dann fiel ihr Blick auf ihre Eltern. Wussten sie davon? Sie konnte sich nicht vorstellen, dass ihre Mutter diese Sache unterstützen würde. Wahrscheinlich waren sie einfach nur einer Einladung gefolgt, die wichtig genug aussah. Sie würde sie auf jeden Fall später zur Rede stellen.
„Was machst du noch in den Ferien? Fahrt ihr weg?" Duncan holte sie wieder in die Realität zurück. Er schien ganz nett zu sein.
Rose blieb den Rest des Nachmittages an seiner Seite und langweilte sich keinen Moment dabei.
ooo
„Rose?" Rose lag auf einem Badetuch im Schatten eines Badesees. „Hmm?" Die Sonne hatte sie müde gemacht. Sie öffnete widerwillig die Augen und sah direkt in Duncans braune. Wieso war er so nah?
Kaum hatte sie den Gedanken zu Ende gedacht, spürte sie schon seine Lippen auf ihren. Sie würde Lügen, wenn sie sagte, sie hätte nicht damit gerechnet. Rose hatte sich häufig mit Duncan getroffen. Er war lustig, aber nicht aufdringlich. Sein Kuss war angenehm. Kurz schoss Scorpius ihr durch den Kopf. Aber der Gedanke wurde sofort unterdrückt. Malfoy war Vergangenheit. Das hier war viel besser! Enthusiastisch stürzte sie sich in den Kuss.
Der Überfall
Rose fühlte sich müde, zerschlagen, ausgelaugt. Ihr Körper kribbelte vor dem Verlangen nach Schlaf.
Honeychurch hatte sie und Al gestern spät abends aus dem Aufenthaltsraum geholt. Er hatte nur etwas von einem Notfall geredet und dass sie beide so schnell wie möglich nach St. Mungos mussten.
Al und Rose hatten sich kurz erschrocken angesehen. Das konnte nur heißen, dass etwas mit ihrem Vater, Onkel oder James passiert war. Eilig liefen sie neben Honeychurch zum Krankenflügel, wo es eine direkte Floverbindung zum magischen Hospital gab.
Vor der Tür zur Krankenstation trafen sie auf Onkel Neville, der Lily und Hugo im Schlepptau hatte. Lily hatte Tränen in den Augen. Hugo versuchte, sie tapfer zu beruhigen. Aber Rose konnte sehen, dass er am liebsten auch geweint hätte. Sie lief zu ihm und strich ihm kurz über die Schulter.
Der Flozugang war groß genug, dass man ihn zu zweit nutzen konnte, so trat Rose mit Hugo nach Al und Lily in den Kamin. Kaum waren sie in der Aufnahme des Krankenhauses angekommen, umfing sie der sterile Geruch. Unangenehm zog sich Rose nervöser Magen zusammen und Speichel floss in ihren Mund. Einen Moment kämpfte sie gegen das Verlangen, sich zu übergeben. Dann wurde sie von zwei starken Armen an die Brust ihres Vaters gerissen.
Erleichtert ließ sich Rose an seine Brust sinken. Über seine Schulter konnte sie Onkel Harry und James leise mit Tante Ginny diskutieren sehen. Alle drei sahen betroffen aus.
Eiseskälte breitete sich in Rose aus. Sie trat aus den Armen ihres Vaters und sah ihm zum ersten Mal ins Gesicht. Seine Haut war grau und die Augen glitzerten fiebrig.
Mit erstickter Stimme brachte sie nur ein leises: „Papa?" hervor. Ihr Vater ließ Hugo los und schluckte mehrmals schwer. Er wich ihrem Blick aus und öffnete den Mund, nur um ihn wieder zu schließen. Dann räusperte er sich, öffnete wieder den Mund, aber wieder sprach er kein Wort.
Rose wusste, was das bedeutete, sie wollte es aber nicht wahr haben. Hilfesuchend drehte sie sich zu den Potters. Unbewusst bemerkte Rose, dass Lily nun offen weinte. „Onkel Harry?" Rose Stimme war krächzend.
Harry Potter trat zu ihnen. Er sah besorgt auf seinen besten Freund und legte ihm eine Hand auf die Schulter. Dann räusperte er sich. „Hermine ..." er brach ab. Dann holte er tief Luft und fuhr in seiner Aurorenstimme fort. „Heute gegen 22 Uhr gab es mehrere Übergriffe in der Winkelgasse auf Läden von Muggelgeborenen. Alle Auroren waren im Einsatz. Gegen 22 Uhr 30 wurde ein Notsignal im Foyer des Ministeriums ausgelöst. Euer Vater und ich sin sofort zurück. Vor dem Eingangsbereich des Ministeriums fanden wir eure Mutter stark blutend. Wir haben sie sofort hierher gebracht. Sie wird gerade versorgt."
Rose spürte ihren Körper nicht mehr. Wahrscheinlich war er erfroren. „Aber sie ist in Chile!" Ihr Onkel nickte ernst. „Ja, das dachten wir auch. Meine Leute versuchen seitdem wir sie hergebracht haben unsere Botschaft in Chile zu erreichen, aber es ist dort auch Nacht und wir erreichen niemanden. Wir versuchen es weiter. Wir können es uns auch nur so erklären, dass man sie entführt und wieder hergebracht hat."
Jemand legte den Arm um sie, als sie aufsah, erkannte sie Al. „Können wir sie sehen?" Hugo liefen Tränen über die Wangen. Zum ersten Mal sprach ihr Vater: „Sie sind noch dabei, sie zu versorgen." Rose lief ein Schauer über den Rücken. Die Stimme ihres Vaters klang tot.
Danach hatten sie gefühlte Stunden in dem Gang gesessen, schalen Kaffee getrunken und waren abwechselnd Kilometer im Kreis gelaufen.
Endlich war einer der behandelten Heiler aufgetaucht. Er hatte nicht nur müde, sondern schockiert gewirkt. „Herr Weasley kommen Sie bitte sofort mit. Herr Potter, Sie vielleicht auch!" Hektisch hatte er die zwei Männer vor sich hergetrieben. Der Rest der Familie hatte ihnen nachgestarrt. Die Erleichterung, dass endlich etwas passiert, wich der Angst, dass etwas wirklich Schreckliches passiert war.
Als ihr Vater wieder auftauchte, sah er nicht mehr ganz so grau aus. Er lehnte sich erschöpft an die Wand und sagte: „Es ist nicht Hermine." Alle starrten ihn ungläubig an. Vielleicht war er ja durch den Kummer verwirrt?
„Während die Heiler versuchten sie zu behandeln, hatten sie sich gewundert, dass viele der Methoden nicht wirkten. Ihre eigene Magie war nicht zu animieren. Das hatte sie sehr besorgt und deshalb hat das alles auch so lange gedauert. Und gerade eben hat sich das Aussehen der Frau vor ihren Augen verändert. Es ist nicht Hermine!"
Die Geschichte war so seltsam, dass Rose ihren Vater einfach nur anstarrte. Vielleicht fantasierte sie nur. Müde genug war sie. Da kam Onkel Harry aus dem Behandlungszimmer. Er bestätigte die Geschichte. „Sie scheint eine Muggel zu sein, deshalb hatten die Heiler solche Probleme mit ihr. Aber jetzt, da sie es wissen, können sie sie retten."
Erleichterung breitete sich in Rose aus. Plötzlich fühlte sie sich schrecklich müde. Ihr Onkel sah seine Frau an. „Gin, nimm' die Kinder mit Heim. Da können sie noch einige Stunden schlafen, bevor wir sie wieder zurück in die Schule schicken."
Rose war zwar müde, aber sie war auch sicher, dass sie nicht schlafen konnte. Al sah sie kurz an, dann sagte er: „Rose und ich würden lieber gleich zur Schule." Hugo sah sie verblüfft an. Die Erwachsenen wechselten einen Blick, dann zuckte Ginny mit den Achseln. „Wenn ihr möchtet, könnt ihr sicher das Flo unten nutzen. Ich nehme dann nur Hugo und Lily mit nach Hause. Oder wollt ihr auch zurück?" Die zwei schüttelten die Köpfe.
„Gut! Ron, James und ich gehen ins Büro, ihr zwei zurück in die Schule und der Rest zu uns nach Hause." fasste Onkel Harry den Beschluss zusammen. Müde machte sich die kleine Gruppe auf den Weg nach unten.
„Was ist den nun in der Winkelgasse passiert?" fragte Al seinen Bruder. Der schüttelte den Kopf. „Mann, das war unglaublich! Fenster waren beschmiert und überall waren diese Anti-Muggel-Parolen zu hören. Die haben Musik-Kristalle mit ihren Parolen geladen und sie überall verteilt. Außerdem haben sie die Eingangstüren zu den Läden verhext. Wir hatten die Laden Besitzer gerufen, und als einer seinen Laden aufschließen wollte, hat sich die Türklinke in einen Aligatorkopf verwandelt und ihm glatt die Hand abgebissen. Danach haben wir einen Haufen mieser kleiner Zauber gefunden. Einzeln genommen ist das ja alles nichts Großes, aber es war in der ganzen Winkelgasse! Sogar bei Gringotts."
Rose hörte nur mit halbem Ohr hin. Wer war denn so krank? Türklinken, die Hände abbissen? Wer verwandelte denn eine Muggel in ihre Mutter und ließ sie halb verblutet vor dem Ministerium liegen? Was waren das für Leute?
Sie war so müde, dass sie den Abschied und die darauffolgende Floreise kaum wahrnahm. Sie taumelte aus dem Kamin in der Krankenstation und folgte dann blind Albus zu ihrem Turm.
Das Einzige, was sie wollte, war ihr Bett. Rose lehnte sich an die Wand während Albus das Rätsel der Sphinx löste. Er brauchte drei Anläufe. Manchmal wünschte sich Rose ein einfaches Passwort, wie in den anderen Häusern.
Als sie den Aufenthaltsraum betraten, sah sie, wie Malfoy gerade die Treppe herunter lief. Malfoy! Das waren die Leute, die sowas machten. Er und seine miese Gruppe von Neo-Todessern! Von einem Moment zum anderen raste rotglühende Wut durch Rose Körper.
Sie rannte geradezu in den blonden Jungen hinein. Er prallte gegen die Wand. Rose blieb dicht vor ihm stehen.
„Du Schwein! Du hast da mitgemacht! Das wirst du noch bereuen, du ..." Rose realisierte gar nicht, was sie sagte. All ihre Wut, Angst und Frustration brach aus ihr hervor. Sie schlug auf Scorpius ein, der sich versuchte mit den Händen zu schützen. Dann spürte sie Arme um ihre Mitte, die sie von Scorpius wegzogen.
„Rose! Beruhige dich doch!" Albus sah sie wütend an. Wieso hielt er sie zurück? Der Mistkerl hatte das alles verdient. Selbst wenn er mit der Aktion heute nichts zu tun hatte. Rose kochte. „Beruhigen? Wie soll ich mich beruhigen, wenn meine Familie bedroht wird? Und wenn das Schwein, das mitverantwortlich ist, vor mir steht?"
Albus lief rot an. Rose kannte die Warnsignale, aber es war ihr egal. Sollte er doch explodieren.„Das weißt du doch gar nicht. Lass' ihn doch erst einmal etwas dazu sagen!"
Rose warf einen Blick aus den Augenwinkeln auf Scorpius. Der kauerte sich immer noch an die Wand, wie der erbärmliche Feigling, der er nun mal war. „Wozu? Er wird uns belügen, so wie immer! Er kommt mit seinen netten Ausreden und alle glauben dem armen kleinen Scorpius!"
Sie drehte sich wieder zu Scorpius und trat dicht an ihn heran. Sie zog ihren Zauberstab und presste ihn an seinen Hals. „Ich falle nicht mehr auf dein Geschleime rein! Nie mehr - hörst du, Malfoy!"
Scorpius sah ängstlich von ihr zu Albus. Hinter sich hörte sie Albus in ruhigerem Ton sagen: „Rose hör zu! Wenn er was mit der Sache zu tun hat, kannst du ihn haben. Aber du kannst ihn nicht verurteilen, bevor er etwas zu der Sache gesagt hat. Deine Mutter würde dir das nie verzeihen!"
Rose spürte, wie ihr Tränen in die Augen schossen. Sie hatte plötzlich wieder das Gefühl in dem Krankenhausgang zu stehen und zu warten. Natürlich würde ihre Mutter dieses Verhalten nicht gutheißen. Das hatte Temperament hatte sie eindeutig von ihrem Vater geerbt. Als ihr bewusst wurde, dass sie den Zauberstab hatte sinken lassen, riss sie ihn wieder nach oben. „Aber wenn du versuchst, uns herein zulegen, bist du tot! Und ich werde sichergehen, dass es wie ein Unfall aussehen wird!"
Sie sah Panik in Scorpius Augen aufblitzen. Es war ein gutes Gefühl bei ihm endlich einmal die Oberhand zu haben. Albus trat neben sie und begann das Verhör.
„Wo warst du heute Nacht?" Scorpius sah ihn ungläubig an. „In meinem Bett, wo sonst!"
Rose hob wieder ihren Zauberstab. Scorpius straffte seine Schultern. „Was soll das denn? Ich bin gestern bis zehn in der Bibliothek gewesen, dann bin ich in mein Bett. Gegen zwei oder so bin ich dann auch eingeschlafen."
Albus schob Rose zur Seite und trat nun dicht an Scorpius heran. Unwillig trat Rose zur Seite. Aber Albus hatte oft genug mit seinem Bruder Verhörmethoden für dessen Aurorenprüfungen geübt. „Erzähl uns keine Märchen, Malfoy! Du warst gestern Nacht in London mit deinen Freunden von der Befreiungsfront!"
Rose musste gestehen, dass Scorpius ehrlich verblüfft wirkte. Sein normalerweise ausdrucksloser, kalter Gesichtsausdruck zeigte heute eine unerwartete Vielfalt an Gefühlen. Was nicht heißen musste, dass diese echt waren.
Wütend fuhr er nun auf. „Spinnt ihr? Wie soll ich denn nach London gekommen sein?"
Rose machte ein verächtliches Geräusch. „Du kannst doch apparieren, oder?" Scorpius ah sie mit hochnäsig an. „Ja, klar. Ich schleiche mich aus dem Schloss, latsche bis nach Hogsmeade und appariere nach London. Nur weil ich es kann? Wenn ich mich amüsieren möchte, kann ich das hier auch!" Er stellte sich gerade hin. Und seine Maske war wieder da. Ausdruckslos und kalt sah er von Albus zu Rose. Sie hasste diese Maske.
Und sie reizte sie nur noch mehr. „Du kleines, mieses Arschloch! Du hast gestern mit deinen Freunden die halbe Winkelgasse auf den Kopf gestellt!"
Scorpius sah Rose über seine Nase hinweg an. „Nein, ich glaube nicht!"
Albus mischte sich nun wieder ein. „Gestern Nacht ist ein Mob von Neo-Todesser-Idioten durch die Winkelgasse gezogen. Sie haben Schaufenster beschmiert und kleine Überraschungszauber für muggelgeborene Ladenbesitzer hinterlassen. Einer der Ladenbesitzer hat seine Hand abgebissen bekommen, als seine Türklinke sich in einen Alligatorkopf verwandelte. Außerdem wurden Geschäfte verwüstet. Gleichzeitig wurde das Ministerium von oben bis unten beschmiert und eine Brücke in Muggel-London brach zusammen. Und du willst von all dem nichts gewusst haben?"
Scorpius war weiß geworden. Er fiel geradezu in sich zusammen. Blicklos starrte er auf einen Punkt an der gegenüberliegenden Wand. Dann schob er Albus zur Seite und ließ sich schwer in den nächsten Sessel fallen. Albus warf ihr einen erstaunten Blick zu.
Scorpius vergrub sein Gesicht in den Händen. Rose erinnerte sich an die Auseinandersetzung, die sie damals bei der Nachhilfe hatten. Das hier ging ihm unter die Haut. Hatte er doch etwas gewusst?
Albus gab ihr ein Zeichen und sie setzten sich Scorpius gegenüber auf das Sofa. Unsicher sprach sie ihn an: „Scorpius?"
Er ließ die Hände fallen. „Ich weiß nichts davon. Gar nichts!" Rose war immer noch misstrauisch. Zu oft hatte er sie schon enttäuscht. Sie konnte an Albus angespannter Haltung erkennen, dass es ihm ähnlich erging.
„Ah!" Scorpius schrie frustriert auf. „Gebt mir Veritaserum oder so was. Ich wusste davon nichts! Ich …"
Dann schien ihm die Kraft auszugehen. Erschöpft lehnte er sich zurück. „Was ist noch passiert?"
Rose hatte endgültig genug von dem Theater. Sie würde die Wahrheit schon aus ihm herausbekommen. Sie sprang mit gezücktem Zauberstab auf.
„Rose!" Albus zog sie am Arm zurück. Er sah sie beschwörend an, die Nerven zu behalten. Sie blitzte ihn nur wütend an, dann stapfte sie im Raum herum. An irgendetwas musste sie aber ihre Wut auslassen, daher trat sie an einen Sessel und einen Tisch. Scorpius ließ sie dabei nicht aus den Augen, während Al erzählte, was vorgefallen war.
Als sie Al zuhörte, sah sie alles wieder vor sich. Wie sie alle in dem Gang des Krankenhauses gesessen hatten. Ihr Vater war wie ein eingesperrtes Tier im Raum herumgelaufen. Seine Augen hatten einen wilden Ausdruck. Rose war sich nie ganz sicher, ob ihre Eltern sich wirklich liebten. Sie waren schon so lange zusammen und stritten sich regelmäßig. Aber der Blick ihres Vaters sagte alles. Und dann war all die Angst umsonst gewesen. Das alles war ein schlechter, kranker Scherz gewesen. Die Wut war verschwunden, statt dessen fühlte Rose sich nun ausgelaugt. Sie hörte kaum noch zu, über was sich die Jungs unterhielten. Müde warf sie sich in einen Sessel. Mit einem der Zierkissen im Arm rollte sie sich zusammen.
Zerschlagen, wie sie war, konnte sie es nicht verhindern, dass sie zu weinen begann. Das war alles einfach zu viel gewesen. Der Streit mit Scorpius war nur der letzte Tropfen gewesen, der ihr emotionales Fass zum Überlaufen gebracht hatte.
Plötzlich spürte sie eine Hand auf ihrer Schulter. Sofort wusste sie, dass es Scorpius war. Sie hasste es, wie selbst jetzt ihr Herz einen Schlaf aussetzte und dann um so schneller wieder zu schlagen, begann. Wieso konnte sie ihn nicht endlich als das Arschloch sehen, das er war?
„Rose, so was würde ich nie machen! Auch wenn du mir das nicht glaubst – so was würde ich dir nie antun! Nie! Du warst immer nett zu mir. Wieso sollte ich dir weh tun wollen?"
Und trotzdem hatte er es immer wieder getan. Was glaubte er eigentlich, wie oft sie sich sein Süßholzgeraspel anhören und glauben würde? Es war eine Sache, dass ihr Herz immer auf ihn reagierte, aber ihr Verstand war nicht so getrübt, dass sie ihm jetzt in den Arm fallen und sich an seiner Schulter ausweinen würde. Auch wenn sie jetzt nichts lieber getan hätte. Trotzig sah sie ihn an und stieß hervor: „Weil dein Plan dich bei uns einzunisten nicht geklappt hat?"
Scorpius ließ seine Hand sinken. Sein Gesichtsausdruck wurde kalt. „Dieser Plan hat doch immer nur in deinem Kopf existiert! Verdammt, Rose!"
Sie stieß ihn weg, sodass er auf seinem Hintern landete, und schwang ihre Beine vom Sessel. Drohend zeigte sie auf ihn. „Du bist das Allerletzte!"
Langsam erhob sich Scorpius. Dabei ließ er sie nicht aus den Augen. Sein Blick war kalt und abwertend. „Ja, wenn du das sagst." Er wandte sich ab und lief langsam zu seiner Büchertasche, hob sie auf und wandte sich zur Ausgangstür.
Rose ließ sich wieder auf den Sessel fallen. Dabei hörte sie, wie Al Scorpius zurückhielt. „Nicht so schnell, Malfoy! Wir sind hier noch lange nicht fertig!" Scorpius zischte zurück. „Was willst du noch, Potter? Mehr hanebüchene Anschuldigungen vom Zaum lassen?"
Rose wünschte sich, Scorpius würde endlich verschwinden. Dieses Hin und Her kostete sie zu viel Kraft. Sie wollte nichts mehr hören oder sehen.
Aber Al war zu laut, um ihn zu überhören. „Du schläfst kaum noch, du hast Ringe unter den Augen, wie der leibhaftige Tod, deine Zensuren stürzen gerade in den Keller und dann passiert so was. Und das alles soll purer Zufall sein? Was ist los mit dir?"
Also war es Al auch aufgefallen, dass Scorpius schlecht aussah. Rose hatte das alles auch gesehen und dann ignoriert. Was ging es sie an? Scorpius interessierte sie nicht mehr. Er war Vergangenheit!
„Verpiss dich Potter! Mein Leben geht dich gar nichts an!" Natürlich konnte Scorpius es nicht schätzen, wenn sich jemand um ihn sorgte. Aber zumindest fiel endlich das Porträt hinter ihm zu.
Al stand im Raum und starrte Malfoy hinterher. Rose stand auf. „Ich leg mich hin." Immer noch gedankenverloren nickte Al.
Die Entscheidung
Rose saß auf ihrem Bett und überlegte. Sie ging das Treffen mit James in der Höhle noch einmal in Gedanken durch. Sie hatte Scorpius nicht glauben wollen. Al konnte das nicht verstehen. Natürlich nicht! Rose hatte nie jemandem etwas von ihrer Freundschaft mit Scorpius erzählt. Nur Esther hatte eine Idee, wie besessen sie wirklich von ihm war.
Und nun hatte James ihr die Möglichkeit gegeben, mit ihm zusammen zu sein. Als Scharade, aber nichtsdestotrotz würde sie täglich mit ihm zusammen sein. Ein Teil von ihr wollte das. Egal, wie albern es auch war.
Ihr Verstand sagte ihr, dass sie sich idiotisch verhielt. Verliebtes, albernes Teenie-Mädchen. Hatte sie sich nicht nach der Geschichte mit diesem Brief geschworen, die Finger von ihm zu lassen? Sie hatte es ernst gemeint. Selbst wenn der Brief nicht das war, wonach er aussah, so hatte er doch die Zweifel in Rose geweckt. Nicht, dass die all zu tief geschlafen hatten. Wenn es um Scorpius ging, wusste ihr Kopf immer, dass sie aufpassen musste. Nur ihr Herz machte da nicht mit.
Frustriert schlug Rose auf ihr Kissen ein. Und dann war da noch die andere Seite. Seit sie alt genug war, um die Geschichte zum ersten Mal zu hören, wollte sie auch ein Abenteuer, wie ihre Eltern erleben. Al und sie hatten als Kinder immer wieder im Zelt im Garten des Fuchsbaus übernachtet. Hatten sich vorgestellt, wie sie gegen dunkle Zauberer kämpften und siegten.
Und Scorpius Bericht von dieser Colonia Pura war grauenhaft. Man musste auf jeden Fall etwas unternehmen. Und wenn sie helfen konnte, dann wollte sie das auch!
Und sie hatte die Möglichkeit und jetzt stand sie sich selbst im Weg. Und alles nur wegen ihrer Gefühle für Malfoy!
Mit schlechtem Gewissen dachte sie an Duncan. Sie sollte gar nicht so über Malfoy denken, sie sollte keine Gefühle für ihn haben. Aber auch Duncan hatte an diesen Gefühlen nichts ändern können.
Und dann war Duncan selbst auch noch zu bedenken. Die Ferien waren ganz nett gewesen, aber mittlerweile langweilte sie sich immer häufiger mit ihm. Sie interessierten sich für vollkommen unterschiedliche Dinge. Und er fragte auch nie, was sie dachte oder machte. Eigentlich schien sie ihn nicht weiter zu interessieren. Und wenn sie ehrlich war, beruhte das auf Gegenseitigkeit.
Auch wenn sie nicht bei James Plan mitmachen würde, würde sie wohl in den nächsten Tagen mit Duncan Schluss machen. Das hatte keinen Sinn auf Dauer.
Also blieb nur noch Scorpius. Sie würde vorsichtig sein müssen. Ihn immer auf Abstand halten. Das sollte so schwer auch nicht sein.
Mit klopfendem Herzen dachte sie an James Worte: 'eine Schulparty zum Beispiel nach dem nächsten Quidditch-Spiel, ein bischen Alkohol, ein Kuss in Gegenwart einiger Mitschüler und voilà.' Ein Kuss. Sie erinnerte sich an die Küsse von Scorpius. Weder Damian noch Duncan hatte sie so geküsst. Aber ein Kuss – das sollte zu meistern sein. Sie hatte sie anderen auch wieder vergessen können.
Sie wollte dieses Abenteuer und Malfoy würde ihr nicht im Weg stehen!
ooo
Als Rose einige Tage später nach der Party in ihrem Bett lag, war sie sich gar nicht mehr so sicher, ob es eine gute Idee war, mit Malfoy ein Paar zu mimen.
Rose verfluchte Scorpius und seine Fähigkeit sie zu küssen, als würde es wirklich etwas bedeuten. Kurz fragte sie sich, ob er die zwei Hufflepuff-Schlampen auch so geküsst hatte. Dann verdrängte sie jeden Gedanken an Küsse von Scorpius Malfoy.
Sie hatten sich natürlich gestritten und das würde sicher ein Problem werden. Seufzend drehte sie sich auf die andere Seite. Aber Schlaf fand sie nicht so schnell.
Weihnachten
Rose saß in ihrem Zimmer in dem Haus, in dem sie aufgewachsen war. Im Sommer hatte sie renoviert. Aber da sie hier so selten Zeit verbrachte, erschien der Raum ihr irgendwie fremd. In Gedanken versunken spielte sie mit dem Armband, das Scorpius ihr geschenkt hatte.
Er war der perfekte Freund: Er war vorsorglich, interessiert, lustig – alles, was sie sich immer gewünscht hatte. Mit einer kleinen Ausnahme: Er war nicht ihr Freund. Manchmal hatte Rose das Gefühl schreien zu müssen. Die Realität schien immer mehr zu verwischen.
An der Weihnachtsfeier war das deutlich geworden. Sie hatte nicht das Recht ihn wegen eines flirtenden Mädchens die Hölle heißzumachen. Aber dann hatte er ihr gesagt, es gäbe nur sie. Und das hatte sich genauso angehört, wie sie es sich wünschte. Aber das bildete sie sich nur ein. Oder vielleicht verschwamm das alles für ihn genauso. Sie waren so oft zusammen. Auch wenn sie sich nie wieder geküsst hatten, waren sie sich körperlich immer nah. Wenn sie in einem Raum waren, berührte immer irgendein Körperteil von ihr Scorpius.
Im Unterricht saßen sie nebeneinander und entweder presste sie ihr Bein an seines, oder er hatte seinen Arm so dicht neben ihrem liegen, dass er ihn berührte. Beim Essen war es das selbe. Und im Gemeinschaftsraum kuschelten sie immer. Rose mochte das. Sie fühlte sich wohl in seiner Nähe.
Verwirrt schüttelte sie ihren Kopf. Ihr Vater hatte sich sogar bei ihr entschuldigt. Für das Theater, das er veranstaltet hatte wegen Scorpius. Alles wäre perfekt. Wenn er nur wirklich ihr Freund wäre. Wenn er sie wirklich lieben würde.
Sylvester
Rose Kopf schwirrte. Sie hatte zu viel getrunken. Al lag quer über ihrem Bett und kicherte.
„Du und Malfoy – ihr seit wirklich ein süßes Paar!" erklärte er. Rose lächelte vor sich hin. Sie erinnerte sich an ihre kleine Auszeit im Garten. Wie Scorpius sie geküsst hatte.
„Rose? Schläfst du schon?" quengelte Al. „Nein, du Idiot. Du liegst auf meinem Bett!" Rose schob ihn ein wenig zur Seite. Al drehte sich auf seine Seite und grinste sie frech an. „Wäre dir wohl lieber, wenn Malfoy hier läge, was?"
Rose spürte, wie ihre Wangen heiß wurden. „Blödsinn! Du weißt doch besser als jeder andere, wie wir zueinanderstehen!" Al grinste immer noch, als die Tür aufgerissen wurde. Dom und Lily stürmten herein.
„Al, mach dich vom Acker!" erklärte Lily mit fester Stimme. „Hey, kleine Schwester, benimm' dich! Ich bin immer noch stärker als du!" Lily rollte mit den Augen. „Klar. Aber ich bin nicht halb so besoffen. Raus mit dir!"
Al verzog das Gesicht, erhob sich aber doch schwerfällig. Beim Hinausgehen murmelte er etwas von 'Weibsbildern'.
Dom setzte sich Rose gegenüber und sah sie erwartungsvoll an. „Erzähl' schon!" Rose sah sie erstaunt an. „Was soll ich denn ..." Dom unterbrach sie. „Scorpius! Wie ist er so? Wie lange seit ihr schon zusammen? Ich will einfach alles wissen!"
Rose hatte keine Lust ihrer Cousine all das zu erzählen. Dazu war sie viel zu verwirrt. „Das ist sowieso nichts Ernstes!" erklärte sie.
Dom sah sie fassungslos an. „Hör' mal, der hat all meinen Versuchen widerstanden und du meinst, das ist nichts Ernstes? Und ich habe Augen im Kopf – du bist vollkommen verknallt in den Typ."
Den Veelazauber-Test hatte Rose schon wieder vergessen. Scorpius hatte wirklich nicht auf Dom reagiert. Gar nicht. Das hatte sie noch nie erlebt. Selbst Teddy war nicht ganz immun. Rose sah verlegen zur Seite. Vielleicht hatte der Zauber versagt?
„Rose!" holte Dom sie wieder aus ihren Gedanken zurück. „Ich habe ihm Nachhilfe letztes Schuljahr gegeben. Aber damals haben wir uns gestritten und jetzt hat er sich entschuldigt und naja, seitdem sind wir zusammen." Das klang so lahm, dass Dom nachhaken musste.
„Details, Süße! Ich will Details! Wie küsst er? Was habt ihr schon gemacht? Hast du ... ?" Dom sah Rose vielsagend an. Erschrocken hob Rose die Hand. „Nein! Haben wir nicht! Er ist supersüß und er küsst unglaublich. Das hat er mir zu Weihnachten geschenkt." Sie hielt ihr Handgelenk unter Dominiques Nase.
Begeistert besah diese sich das Armband.
„Kinder! Jetzt macht mal Schluss!" Ihre Mutter stand in der Tür und besah sich den Aufmarsch. „Dom? Lily? Was macht ihr denn hier?" Lily lief zu ihrer Tante. „Wir wollten nur noch kurz mit Rose sprechen, deswegen hat Dom uns herappariert. Wir gehen jetzt aber wieder. Ist Al noch da?"
Hermine schüttelte den Kopf. Sie war es gewohnt, dass das Haus ruhig war. Aber sobald Ferien waren, war es ein Einziges kommen und Gehen. Alle Weasley- und Potterkinder apparierten munter zu jeder Tages- und Nachtzeit von einem Familienhaus zum nächsten.
Rose war froh, als ihre Cousinen endlich verschwanden. Sie lag noch lange wach und dachte an die wunderschöne Party.
Der Morgen danach (nach Alfred's Hochzeit)
Rose saß in der Bibliothek und versuchte zu verstehen, was passiert war. Eigentlich war es simpel: Sie hatte sich wie eine billige Schlampe an ihn herangemacht und er hat sie zurückgewiesen. Scorpius Malfoy wollte sie nicht. So einfach war das.
Sie schämte sich so sehr. Dass alles war so peinlich! Und deprimierend! Sie hatte den Blick auf die Realität verloren. Wie hatte sie nur vergessen können, dass alles nur ein Spiel war? Aber Scorpius hatte das nicht aus den Augen verloren.
Rose war sich nicht sicher, ob sie wütend auf ihn sein sollte oder dankbar, dass er die Situation nicht ausgenutzt hatte.
Aber der Vorfall hatte nur gezeigt, dass sie nicht so weiter machen konnte. Jetzt wusste Rose nicht mehr, wieso sie sich je vorgestellt hatte, diese Situation im Griff zu haben. Sie hatte gar nichts im Griff, am allerwenigsten ihre eigenen Gefühle.
Scorpius hatte sie an diesem Wochenende durch eine Flut an Emotionen geführt.
Als sie im Hotel ankamen, waren sie beide gereizt. Seit den Ferien war Rose gereizt. Scorpius hatte sie an Sylvester im Garten geküsst. Und dann hatte er ihr diese Briefe und die Decke geschickt an diesem schrecklichen Tag. Als sie sich in der Schule zum ersten Mal wieder gesehen hatten, hatte sie gedacht, er würde etwas sagen. Endlich aus der Scharade eine richtige Beziehung machen. Aber dann war Albus aufgetaucht und es kam nicht wieder zu einer ähnlichen Situation.
Daher war Rose gereizt. Das Wochenende in einem Hotelzimmer mit Scorpius machte sie nervös. Und die Aussicht auf einer Hochzeit mit Neo-Todessern und Mitläufern zu tanzen, entspannte sie nicht gerade.
Nach der Ankunft hatten sie ausgepackt. Scorpius hatte Alfred getroffen. Rose hatte sehen können, wie ihm Zweifel kamen. Was auch immer Alfred mit ihm besprochen hatte, es hatte Scorpius zum Nachdenken gebracht.
Sie waren dann auf Erkundungstour gegangen. Und Scorpius war wieder wir immer. Es war schön gewesen, mit Scorpius die alte Stadt zu entdecken. Und dann hatte er beim Abendessen ihre Hand genommen. Rose hatte gedacht, man könne ihr Herz noch auf der Straße pochen hören. Im Hotelzimmer war sie dann schrecklich nervös gewesen.
Es hatte sie verwirrt, als Scorpius sie in die Arme genommen hatte und wirklich nur schlafen wollte. Wäre sie in der gleichen Situation mit Duncan oder Damian gewesen, hätte sie sich keinen der beiden vom Leib halten können. Aber Scorpius schlief einfach ein. Das hätte sie warnen sollen, aber sie hatte es nur schrecklich lieb gefunden.
Die Hochzeit war ein Alptraum. Alle feindeten sie an. Sie musste sich für die Publicityzwecke von Avery nutzen lassen, wurde von aufgetakelten, arroganten Zicken erniedrigt und Scorpius saß stoisch dabei. Natürlich wusste sie, dass er seine Tarnung nicht in Gefahr bringen konnte. Trotzdem hat es weh getan. Aber dann hatte er sie zur Seite genommen und sie im Arm gehalten. Und für die kleine Rose war alles wieder in Ordnung.
Rose hatte den Rest der Hochzeit mit einer großen Menge an Alkohol überstanden. Und als Scorpius sie im Garten küsste, hatte es sich alles gelohnt. Die Leidenschaft, die sie in ihm spürte, war aber scheinbar nicht da gewesen. Nicht für sie jedenfalls. Er hatte es nicht gewollt. Und sie hatte es weiter versucht. Wenn sie jetzt daran dachte, würde sie vor Scham am liebsten im Erdboden versinken.
Sie hatte es Scorpius ja schon heute Morgen gesagt: Sie konnten so nicht weiter machen. Er war wütend geworden. Rose verstand nicht, warum. Er wollte sie nicht, es sollte ihm nichts ausmachen, wenn sie die Sache endgültig beendete. Sie musste sich endgültig von dem Traum verabschieden, dass er ihr Traummann war. Vielleicht war er es, aber sie war nicht wichtig für ihn.
Sie würde jetzt und hier ihre Gefühle begraben. Wenn Scorpius kam, würde sie ihm erklären, dass sie diese Scharade nicht mehr mitmachte. Nachdem sie diesen Entschluss gefällt hatte, fühlte Rose sich schon besser.
Konzentriert begann sie, zu lernen. Sie war so konzentriert, dass sie Scorpius nicht bemerkte, als er an den Tisch trat. Erst als er seine Hand flach auf den Tisch schlug, sah sie auf.
„Ist was?" fragte sie nervös. Scorpius beugte sich zu ihr herab. Sie konnte sehen, wie wütend er war. „Sag' du es mir!" antwortete er kalt.
Ihr Temperament brodelt nun auch wieder auf. Sie ließ sich nicht einfach bedrohen. Wütend stand sie auf und er musste etwas zurückweichen. „Ich habe es dir heute Morgen schon gesagt, aber da du scheinbar doch nicht so clever bist: das mit uns funktioniert nicht! Ich bin raus aus dem Spiel!"
Einen Moment sahen sie sich nur wütend an. Aber bevor sie wirklich anfangen konnten zu streiten, ertönte die Stimme von Miss Miller, der Bibliothekarin neben ihnen. „Mr. Malfoy, wenn sie sich streiten wollen, dann nicht in meiner Bibliothek!"
Scorpius nickte grimmig. Er griff nach Rose Arm und zerrte sie hinter sich her. Um Streit mit der Bibliothekarin zu vermeiden, ließ Rose sich auf den Gang zerren, aber dort machte sie sich von ihm los. „Spinnst du? Bist du jetzt zum Neandertaler degeneriert?"
Scorpius hatte sich ihr zugewandt, als sie sich losgerissen hatte. „Was, zum Henker ist mit dir los, Rose?"
Scorpius schien wütend genug, um sich hier auf den Gang zu streiten. Rose zog ihren Zauberstab aus ihrer Hosentasche und breitete den Muffliato-Zauber über sie aus.
„Ich denke, die Hochzeit ist ein netter Schlusspunkt für unsere kleine Mission. Ich will aussteigen!" erklärte sie dann.
Scorpius Haltung entspannte sich. Seine Wut schien verpufft zu sein. „Wie kommst du denn nun darauf?" fragte er angenervt.
Rose spürte Tränen in ihren Augen. Für ihn schien das alles so einfach. Er hatte mit der ganzen Situation kein Problem. Er küsste sie, aber es schien ihn nicht zu verwirren, wie es sie verwirrte.
Scorpius holte tief Luft. Er schob Rose an die Wand und erklärte: „Warte hier!" Scorpius lief in die Bibliothek zurück. Rose stand an die Wand gelehnt und überlegte einen Moment, ob sie nicht einfach verschwinden sollte. Aber sie kannte Scorpius zu gut. Er würde dieses Gespräch führen, ob sie jetzt ging oder nicht. Sie würde es also nur hinauszögern. Aber sie wollte es endlich hinter sich haben. Je schneller sie die Sache beendete, um so schneller konnte sie das alles vergessen.
Als Scorpius wieder auftauchte, hatte er ihre Tasche bei sich. Solche Kleinigkeiten machten ihn so liebenswert. Aber diese Dinge durften sie nicht weiter beeinflussen. Scorpius nahm ihre Hand und zog sie in eine Nische einige Meter weiter.
Rose entfernte sich von ihm so weit es in der engen Nische möglich war. Während sie auf den Boden starrte, überlegte sie, wie sie das Gespräch führen würde.
„Rose, was ist heute mit dir los? Du verhältst dich vollkommen irrational. Du wechselst alle fünf Minuten deine Stimmung. Das machst du doch sonst nicht!"
Sie versuchte ihre Gefühle in geordnete Gedanken und Sätze zu verwandeln, aber das war fast unmöglich. Letztendlich sagte sie: „Ich bin durcheinander … ich … mich macht das ganze Theater wahnsinnig!"
Sie schlug die Hände vor das Gesicht und glitt an der Wand hinunter, bis sie auf dem Boden saß. Einen Augenblick blieb sie so sitzen. Dann sah sie zu Scorpius auf. Das konnte ihn doch nicht unberührt lassen. Er war doch kein Eisklotz. Aber er sah sie nur mit einem unlesbaren Gesichtsausdruck an. Sie presste die nächsten Worte geradezu aus sich heraus.
„Ich weiß langsam nicht mehr, was echt ist und was nur gespielt." Sie ließ den Kopf wieder sinken. „Aber du weißt das noch. Deswegen hast du gestern die Notbremse gezogen." Sie vergrub das Gesicht in ihren Händen.
Das Schweigen lastete schwer auf ihr. Wieso sagte er nichts? Dann spürte sie, wie er sich neben sie setzte. „Ich weiß ganz genau, was ich fühle. Ich fühle das schon lange und egal, wie viel Theater wir spielen, das wird sich nicht ändern!"
Rose Herz schlug in ihrem Hals. Sie hob den Kopf und sah zu Scorpius. Dieser hatte die Augen geschlossen. Dann öffnete er sie und sein Blick brannte sich geradezu in ihren. „Ich wünsche mir nichts mehr, als das wir endlich aufhören Theater zu spielen und alles real werden lassen!"
Rose konnte es nicht glauben. Endlich sagte er das, was sie schon so lange hören wollte. Dann brachen die Zweifel wieder über ihr zusammen. Alfred! „Du lügst!"
Ungläubig sah er sie an. „Was?"
„Seitdem du Alfred am Freitag zum ersten Mal gesehen hast, warst du anders. Glaubst du, ich habe das nicht gemerkt? Was ist passiert? Hast du bemerkt, dass seine Seite doch die bessere ist?"
Kalt erklärte er: „Wir haben vor der Hochzeit darüber gesprochen, dass ich dich nicht vor den anderen verteidigen werde! Wir haben darüber gesprochen, dass ich mich durch solche Dinge verdächtig machen würde."
Die Arroganz in seiner Stimme war ihr unerträglich. Plötzlich kamen alle verletzten Gefühle vom Morgen wieder in ihr hoch. „Und das hat dazu geführt, dass du es unerträglich findest, mich anzufassen, wenn wir alleine sind? Ist mein Blut nicht rein genug?"
Scorpius sah sie wütend an. „Das haben wir gestern Nacht doch schon besprochen! Verdammt, erzähle mir mal etwas Rose – hätten wir diesen Streit heute auch, wenn ich dich gestern einfach flach gelegt hätte? Wärst du dann davon überzeugt, dass ich auf der 'Seite des Lichts' stehe?"
Rose wich seinem Blick aus. Musste er es so billig hinstellen? Scorpius schüttelte den Kopf. „Ich verhalte mich respektvoll dir gegenüber und nutze die Situation nicht aus und dafür werde ich auch noch dumm angemacht. Sag' mal Rose, wärst du wirklich glücklich, wenn du dein erstes Mal stockbesoffen erlebt hättest?"
Rose riss den Kopf herum. Jetzt drehte er es so, dass er der Retter ihrer Unschuld war? „Wer sagt denn was von erstem Mal?" Scorpius sah sie einen Moment nur stumm an. Dann sagte er überzeugt: „Du hast mit dem Typ geschlafen und ihn dann wegen einer gespielten Beziehung mit mir verlassen? Nein, das glaube ich dir nicht!"
Rose senkte wieder den Kopf. Nun hatte er sie auch noch bei dieser armseligen Lüge erwischt. Schweigen breitete sich aus.
„Können wir ehrlich miteinander sein, Rose? Ich möchte das mit dir wirklich gerne klären, aber ich habe das Gefühl, das du mir ausweichst, sobald ich Antworten möchte!"
Rose kaute auf ihrer Unterlippe. Natürlich wich sie ihm aus. Sie wollte nicht ihr Herz herausgerissen bekommen und dann darauf herum getrampelt bekommen. Aber vielleicht sollten sie wirklich ehrlich zueinander sein.
„Ich habe Angst!" erklärte Rose dann kleinlaut. Aber Scorpius verstand sie falsch. „Rose, wenn du aussteigen möchtest, dann ist das ok. Aber ich denke nicht, dass man dich oder deine Familie ernsthaft ins Visier nehmen wird!"
Rose sah ihm ins Gesicht. „Nein, ich habe vor dem hier Angst." Sie machte eine kleine Bewegung zwischen ihnen. „Ich habe Angst, dass du mich verletzt. Ich habe Angst vor meinen eigenen Gefühlen." Ihre Kehle zog sich zusammen.
Scorpius sah sie einen Moment an. „Ich habe auch Angst, dass du mich verletzt. Aber ich will auch nicht weiter davor weglaufen. Ich habe das Gefühl, das wir seit Jahren davor weglaufen. Du hast gestern gesagt, dass wir im letzten Mai schon mittendrin waren. Jetzt sind wir noch tiefer drin."
Rose musterte ihn. Hoffnung breitete sich warm in ihrem Magen aus. „Du meinst das wirklich ernst, oder?" Scorpius lachte trocken. „Ich habe das Gefühl, ich sage dir seit gestern Nacht andauernd, dass ich es ernst meine, aber irgendwie scheint das nicht bei dir anzukommen."
Sein Gesicht sah ernst aus. Keine kalte Malfoy-Maske, sondern sein eigenes Gesicht mit Gefühlen und warmen, verunsicherten Augen.
Sie musste sich endlich entscheiden. Sie hätte es im letzten Schuljahr schon machen können und hatte es nachher bereut.
Rose nickte bedächtig dann seufzte sie. „Ich denke, an irgendeinem Zeitpunkt muss ich wohl ins kalte Wasser springen. Oder wir müssen endgültig einen Schlussstrich unter die Sachen ziehen!" Sie fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. Sie konnte ihn haben. Alles würde real werden. „Lass' es uns versuchen!" erklärte sie dann leise.
Scorpius sah sie nur stumm an. Dann zog er sie auf seinen Schoß. Rose schmiegte sich an ihn. Seine Arme schlossen sich um sie. Glück pulste durch sie hindurch. Sie spürte seine Nase an ihrem Nacken. „Wir werden das hinkriegen!" Erklärte er fest. Rose fiel plötzlich etwas ein. Es war eigentlich nicht witzig, aber sie war so glücklich, das sie kicherte. „Wir müssen nicht einmal unseren Eltern davon erzählen, das haben wir alles schon hinter uns!"
Auch Scorpius lachte. Er rückte ein Stück von ihr ab und sah ihr in die Augen. Rose hatte das ungewisse Gefühl, das sie sich wie zwei Trottel angrinsten.
„Wow!" erklärte Scorpius. Rose kicherte wieder. „Ja, man sollte meinen, wir hätten das schon früher geschafft." Scorpius zuckte mit den Schultern. „Wieso einfach, wenn es auch umständlich geht?"
Dann begannen sie, wie verrückt zu lachen. Rose war seit langer Zeit nicht mehr so erleichtert und glücklich gewesen.
Eingeständnis
„Nein, ich glaube, ich gehe ihr nicht nach. Ich glaube, es ist an ihr sich zu entschuldigen." Finn nickte Rose zu, drehte sich dann um und lief die Treppe hinab.
Rose konnte es nicht glauben. In den letzten Tagen hatten sich einige Dinge unerwartet entwickelt. Und nicht eine Entwicklung war positive. Sie drehte sich zu Scorpius. Sie hatte das Bedürfnis, sich an ihn zu kuscheln, um wenigstens die Gewissheit zu haben, dass ihre Beziehung in Ordnung war. Aber Scorpius sah sie wütend und beleidigt an.
Rose wusste nicht, ob sie die Kraft hätte, nun einen von Scorpius Selbstzweifel-Anfällen entgegen zu wirken. Jedes Mal, wenn sie es nicht erwartete, kam er mit so etwas. Das machte sie wütend. Sie wollte doch nur in den Arm genommen werden. Sie wusste, wie ungerecht sie war, trotzdem konnte sie eine gewisse Gereiztheit nicht unterdrücken. "Was ist?"
Scorpius sah sie einen Moment wortlos an. „Ist es das, was alle über uns denken? Arrogante, kaltherzige Wichser?"
Rose verstand nicht, was ihn daran erstaunte. Sie hatten sich doch immer wie kalte, arrogante Bastarde verhalten. War das nicht ihr Ziel gewesen? Hatte er gedacht, wenn er mit einer Gruppe herumhing, die sich an Mitschülern vergriff, würden ihn alle sympathisch finden? „Naja, ihr habt euch während der letzten Jahre nicht nur Freunde gemacht. Ihr habt euch abgekapselt und nicht gerade durch Nächstenliebe ausgezeichnet." antwortete sie dann mit einem Schulterzucken.
Über Scorpius Gesicht huschten unterschiedliche Emotionen. Aber sie wechselten so schnell, dass Rose sich nicht sicher war, was er wirklich empfand. Trotzig fragte er: „Was siehst du in mir?"
Hatte ihn das bewegt? Er sollte doch wissen, wie sie ihn sah. Schließlich waren sie ein Paar. Es versetzte ihr einen Stich, dass er an ihr zweifelte. „Was ich in dir sehe? Du bist doch nicht mehr so. Du bist mutig, warmherzig und lustig. Ich kann mich auf dich verlassen."
Scorpius sah zur Seite. Aber bevor er weggeschaut hatte, hatte sie Schuld und Scham in seinem Gesicht lesen können. Verwirrt trat sie näher an ihn heran und legte beide Hände auf seine Arme. „Scorp, was ist denn los?"
Er zuckte mit den Schultern. „Weiß nicht. Das mit Leo macht mich fertig. Und dann sagt dieses Großmaul, Leo sei kalt und jammert nur! Was ein Mist!" seine Augen blitzten sie wütend an.
Rose überlegte einen Moment. Aber sie hatte auch keine Lust ihm einfach recht zu geben. Dafür hatten er und seinen Freunde zu lange alle anderen terrorisiert. Hatte er nicht selbst zugegeben, dass sie damals ihrem Bruder eine 'Lektion' erteilt hatten?
„Du magst das jetzt vielleicht nicht hören, aber Leo ist selbst schuld, wenn keiner Mitleid hat. Die halbe Schule hat unter euch gelitten. Wenn es nun einem von eurem elitären Zirkus schlecht geht, sehen das die meisten als ausgleichende Gerechtigkeit an!" Während sie sprach, wurde sie immer wütender. Sie ließ die Hände von seinen Armen gleiten und trat einen kleinen Schritt zurück.
Scorpius sah sie erstaunt an. „Leo ist nicht so! Er hat da nie wirklich mitgemacht!"
Natürlich keiner hatte je mitgemacht, alle hatten nur zugesehen! Rose musterte ihn kalt. „Ist das die Geschichte? Ihr seid alle nur Mitläufer?"
Scorpius ballte die Hände zu Fäusten. Dann versteckte er sicher wieder hinter seiner Malfoy-Maske. Wie einem kleinen Kind erklärte er ihr, mit kalter Stimme: „Nein, das habe ich nicht gesagt. Ich habe gesagt: Leo hat nicht mitgemacht!"
Rose sah ihn betroffen an. Leo hatte nicht mitgemacht. Er hatte nicht gesagt, dass er nicht mitgemacht hatte. Sie versuchte sich vorzustellen, wie Scorpius einen anderen Menschen misshandelte. Hatte er Hugo etwas angetan? Sie schluckte den Kloß in ihrem Hals hinunter.„Hasst dich Hugo deswegen?"
Scorpius sah sie nur stumm und kalt an. Aber diese Antwort sagte ihr genug. Sie musste weg hier. Seine Gegenwart war plötzlich unerträglich. Sie drehte sich um, kam aber keinen Schritt weiter, weil Scorpius sie am Arm festhielt.
„Rose!" Sie konnte ihn jetzt nicht ansehen. Wieso ließ er sie nicht gehen? Scorpius Stimme klang hart. „Du hast doch gewusst, dass ich kein Engel bin." Rose hatte das Gefühl, er hätte sie geschlagen. Hatte sie es wirklich gewusst und nur einfach verdrängt. Wenn man nicht darüber sprach oder dachte, dann würde es ungeschehen werden? Sie musste darüber nachdenken. Aber das konnte sie nicht, wenn er in ihrer Nähe war.
„Ich kann dich jetzt gerade nicht um mich haben, Scorpius. Lass' mich gehen!" Ohne ein weiteres Wort ließ er sie gehen.
Rose lief in die nächste Mädchentoilette. Sie öffnete einen Wasserhahn und ließ das Wasser über ihre Hände rinnen. Ihre Gedanken waren ein einziges Chaos aus Bildern, Anschuldigungen und Gefühlen.
Sie musste sich beruhigen und in Ruhe darüber nachdenken.
ooo
Die nächsten Tage waren schrecklich. Rose vermisste Scorpius. Wenn sie ihn bei den Mahlzeiten oder im Unterricht sah, hätte sie sich am liebsten in eine Ecke gesetzt und geweint. Sie war immer noch durcheinander.
Sie hätte gerne mit Esther darüber gesprochen, aber die verbrachte jede freie Minute bei Leo.
„Rose? Was ist los mit dir und Scorpius?" Albus setzte sich neben sie. Rose sah ihn müde an. Sie musste mit jemandem darüber sprechen, sonst würde sie noch wahnsinnig werden.
„Wusstest du, das Scorpius mitgemacht hat?" Albus sah sie verwundert an. Rose kam sich albern vor. Wahrscheinlich war sie der einzige Mensch in dieser Schule, der Scorpius für unschuldig gehalten hatte. Sie holte tief Luft. „Wir haben uns gestritten und er hat mir erzählt, er war nicht nur ein Mitläufer von Avery. Er hat da mitgemacht."
Albus Miene verfinsterte sich. „Ich glaube, du bist die Einzige, die das nicht sehen wollte, Rose." antwortete er ihr dann. Rose sah bedrückt auf ihre Hände. „Aber ich denke auch, dass er sich geändert hat. Schau' mal, er wollte mitmachen. Er kam zu uns und hat alles von sich aus erzählt. Und ihm scheint wirklich viel an dir zu liegen. Glaubst du im Ernst, ich hätte ruhig zugeschaut, als das mit euch weiter ging als beabsichtigt, wenn ich Zweifel an ihm und seinen Absichten gehabt hätte?"
Verwundert sah Rose auf. „Wann ging es denn mit uns 'weiter als beabsichtigt'?" fragte sie neugierig. Albus legte die Stirn in Falten. „Um Weihnachten herum würde ich sagen." Rose sah wieder nachdenklich aus. Waren sie so offensichtlich gewesen? Sie hatte das nicht so gesehen und Scorpius sicher auch nicht, auch wenn es im Nachhinein ganz deutlich zu sehen war.
Sie hob den Kopf wieder. „Aber ich kann doch nicht mit einem Menschen zusammen sein, der andere … nur zum Spaß misshandelt und gemobbt hat." Albus sah sie mitleidig an. „Rose, ich will das nicht verharmlosen, aber Scorpius hat eine Menge mitgemacht. Er wurde ziemlich mies behandelt, bis Avery ihn zu sich geholt hat. Und dann die Drogengeschichte. Das kommt doch nicht von alleine. Und schau dir seinen Freund an. Der ist vollkommen am Ende mit den Nerven. Ich kann mir nicht vorstellen, was die alle mitmachen – ich will das auch nicht. Aber Scorpius ist nicht mehr so. Jedenfalls denke ich das nicht."
Rose rieb sich über die Stirn. Sie seufzte. „Ich weiß nicht." Al legte eine Hand auf ihren Arm. „Schau, Rose. Letztendlich kommt es darauf hinaus, ob du ihn so, wie er ist, willst. Seine Vergangenheit kann er nicht ändern. Aber seine Zukunft liegt in seiner Hand und da muss er nicht so sein, wie er war."
Rose sah ihn Als ernste Augen.
Plötzlich schien das Chaos in ihrem Inneren sich zu ordnen. „Du hast recht! Es ist vielleicht nicht egal, was er getan hat, aber es ist wichtiger, was er tun wird!" Und sie würde ihn nicht so lieben, wenn er ein schlechter Mensch war. Davon war sie felsenfest überzeugt.
Sie stand auf. „Ich muss mit ihm reden!" Al sah sie ermuntert an. „Ich habe ihn in der Bibliothek gesehen." Rose beugte sich zu ihm hinab und gab ihm einen Kuss auf die Wange, dann stürmte sie aus dem Gemeinschaftsraum auf der Suche nach Scorpius.
ENDE
Zu allererst: vielen Dank für die vielen positive Rückmeldungen!
Ich habe auf YouTube einen Kanal eröffnet mit Kurzfilmen (wirklich KURZ) zu meinen Stories. Ich werde da regelmäßig neue Sachen posten – wie zu meiner neuen Geschichte 'Blut' – da gibt es auch schon was!
Kanal: MyPinguin3
Ich bin jetzt auch auf Twitter: Pinguin_3 – hier werde ich updates zu postings zwitschern.
Einige hatten angemerkt, dass die Rechtschreibung oftmals zu Wünschen übrig ließ. Ich werde hier keine korrigierte Version hinterlegen – da ich die Geschichte auf mehreren Seiten gepostet habe und bei einigen das schwierig ist, möchte ich euch ein anderes Angebot machen: ich werde die Geschichte korrigieren und als pdf oder e-book zur Verfügung stellen. Zusammen mit der Original Geschichte – sozusagen im Doppelpack. Wer eine Kopie möchte, kann sich bei mir melden.
Ich habe vor demnächst eine Facebook-Seite zu machen, da meine Livejournal-seite mir nicht wirklich gefällt. Da werde ich auch alle Geschichten, Videos, Links und ich weiß noch nicht was alles posten. Also: emailen oder mir auf Twitter folgen :-)
So, nun ist das Nachwort fast so lange, wie ein Kapitel geworden.
Danke für Euer Interesse an der Geschichte!
Und wenn ihr mehr wollt: twitter, YouTube, demnächst Facebook und natürlich auch hier!
Alles Liebe,
Euer Pinguin3
