Die siebente Etage ist totenstill. Wahrscheinlich ist das aber im Anbracht der Dinge nicht die gerade die geschmackvollste Weise dies zu beschreiben.

Außer mir sollte noch jemand anderes hier sein. Blight, ein weiterer Distrikt 7 Sieger. Er ist vor zwei Jahren mein Mentor gewesen. Nicht dass ich ihn gebraucht hätte. Ich hatte damals den Plan gehabt so schwach und erbärmlich wie möglich zu wirken. Daraufhin hörte Blight und auch so ziemlich jeder andere auf, mir Beachtung zu schenken und das war genau das was ich wollte.
Seit ich Mentorin geworden bin war Blight frei. Er war eine lange Zeit der einzige Mentor gewesen; unsere anderen Sieger sind schon viel zu alt dafür.
Die Spiele nehmen dir als Tribut so viel und tun es weiterhin wenn du Sieger bist. Blight ist schon fast ganz weg, so viel haben sie ihm genommen. Ich gönne es ihm, dass er es dieses Jahr vollkommen mir überlassen hat.

Ich gehe an den nun leeren Schlafzimmern der Tribute vorbei und direkt zu meinem eigenen. Ich zieh die Kleider aus, die ich für zwei Tage getragen habe und fühle den luxuriösen Teppich unter meinen nackten Füßen. Der Teppich hier ist weicher als das Bett in dem ich als Kind geschlafen habe. Von dem Bett hier, fang ich erst gar nicht an. Ich hatte schon so viele Albträume in diesem Bett, dass ich fast das Gefühl habe dass es mich verschlingt.

Ich nehme eine schnelle Dusche in einer Wanne mit mindestens zwanzig verschiedenen Knöpfen, die nicht nur die Temperatur und die Wasserstärke kontrollieren, sondern auch verschiedene Seifen, Bürsten und Trockner. Ich habe nie versucht genau herauszufinden wofür jeder Knopf zuständig ist. Ich schließe meine Augen und wähle zufällig einen aus. Nie ist das Duschen dasselbe; manchmal ist es besser als ein anderes Mal.

Ich halte mich gar nicht mit den Trocknern auf und schlüpfe einfach unter die sanften Tücher des menschenfressenden Bettes und versuche zu schlafen.
Aber der Schlaf kommt nicht. Stattdessen denke ich an Alders Familie. Schlafen sie jetzt gerade? Wahrscheinlich nicht. Es ist immer noch früher Nachmittag da draußen, vor dem Trainingscenter. Möglicherweise sind sie mit ihm wach geblieben, wie ich.
Während der Spiele wurde auf jedem Marktplatz ein gigantischer Fernsehbildschirm errichtet, damit die Leute ihren Tributen zuschauen konnten. Und jedes Haus hat einen Fernseher um die verpflichtenden Kapitol-Nachrichten anzuschauen.
Alders Familie waren Kaufleuten, die einen Einrichtungsladen besaßen. Hatten sie ihren Laden heute geschlossen, um ihren Sohn zu betrauern?
Vermisst irgendjemand Camellia? Die Eltern tot, keine Geschwister. Wegen ihrer Großmutter blieb sie vom Gemeindezentrum für Waisenkinder verschont. Die arme, alte Frau litt jedoch so unter Demenz, dass Camellia sich selbst um sich kümmern musste. Sie bekam einen Job als Holzhackerin als sie zwölf war. Sie war körperlich sowie geistig stark, was ihr unglücklicher Niedergang war. Sie blieb nicht bei Alder. Sie hätte ihm beim Jagen helfen können und er hätte sie versteckt. Stattdessen war sie zum Füllhorn gerannt, wo die Waffen waren. Sie beseitigte einige Tribute, bevor sich das Messer in ihren Schädel bohrte. Aber sie hätte so viel länger überleben können. Beide von ihnen hätten das. War es meine Schuld? Hätte ich auf ein Bündnis bestehen sollen anstatt es vorzuschlagen? Hätte ich sie härter trainieren sollen? Hätte ich sie getrennt betreuen sollen, um der Trennung vorauszugreifen? Würde die Familie mich verantwortlich machen? Würde ich-

Eine Hand berührt meine Schulter und ich schlage instinktiv zu.

„Pass auf, Mason!" Finnick weicht meiner Faust mit Leichtigkeit aus. „Zeit fürs Abendessen. Hast du geschlafen?"

„Nein. Aber ich bin gleich auf." Ich sammle die Tücher um meinen Körper.

„Bist du schon wieder nackt?" Er zieht eine Augenbraue hoch. „Versuchst du mich zu verführen?"

Ich lache. Er ist einer der wenigen Personen, die mir noch geblieben sind, die mich zum Lachen bringen können.

„Natürlich", antworte ich. „Jetzt hast du den Augenblick zerstört. Also geh und warte beim Tisch."

„Hast du schon jemals gesehen, dass ich einer nackten Frau eine Abfuhr erteilt habe, Jo?" Er zwinkert mir zu und ich weiß sofort was er machen würde.

„Nein! Nein!"

Er reicht unter die Tücher, greift meine beiden Füße und zieht mich raus aus dem Bett und auf den weichen Teppich, was einen heftigen Stoß für meinen Rücken bedeutet.

„Ich werde dich umbringe, Odair!" Vergeblich versuche ich ihn zu treten, als er mich aus meinem Zimmer zum Esstisch zieht. Er macht nur eine Pause um eine Decke von der Couch zu nehmen, um meine Bescheidenheit vor den servierenden Avox zu verdecken.

Wir sitzen einander am Tisch gegenüber. Ich reibe den milden Brand auf meiner Schulter, den ich vom Teppich bekommen habe und er schmunzelt in sich hinein, während er sich die kleinen Appetithappen nimmt, die wir für unser Essen bestellt haben.

Wir könnten das ideale Paar sein, er und ich. Er ist muskulös gebaut, was ihn wie einer dieser klassischen Statuen aussehen lässt. Und das buschige, jungenhafte, bronzene Haar erwies sich als unwiderstehlich für die Frauen des Kapitols.
Ich bin auch nicht ohne meine Reize. Physische Reize, natürlich. Ich bin nicht unbedingt bekannt für meine freundliche und liebenswerte Art. Mein dunkelbraunes Haar kitzelt mein Genick, jetzt nachdem ich es vor zwei Jahren komplett abgeschnitten habe. Und Leute haben sich schon zu der Tiefe meiner braunen Augen geäußert. Das reiche Essen des Kapitols und der Überfluss an Essen zu Hause, jetzt wo ich Siegerin bin, bedeutete dass sich an meinem Körper durchaus auch feminine Kurven erkennen lassen.
Ja, wir sind ein sehr attraktives Paar. Aber Aussehen kann täuschen. Wir sind ein wenig mehr als Freunde, aber auch kein Liebespaar.

„Isst du nicht?", sagt er, den Mund voll mit einer Art Blätterteig, der überall hinstreut, als er spricht.

„Ich denke nur daran, wie attraktiv du bist wenn du mit vollem Mund sprichst", erwidere ich und nehme schließlich eine gekochte Kartoffel und lasse einen Klumpen Butter darauf fallen.

„Es ist ein Fluch begehrenswert zu sein." Er verstreut wieder Blätterteig. Er versucht witzig zu sein, aber ich weiß dass er die Wahrheit sagt. Also wechsele ich das Thema.

„Wie machen sich deine Tribute?"

Finnick schluckt den Rest des Teiges und reinigt seinen Mund mit einem Schluck von der pinken Flüssigkeit, die wir serviert bekommen haben.

„Okay. Sie waren noch am Leben als Sandy übernommen hat."

Er ist von einem Distrikt, wo Kinder dafür trainiert werden in den Hungerspielen teilzunehmen, was bedeutet dass es viel mehr Sieger gibt, die die Distrikt 4 Tribute betreuen können. Ich war für 53 Stunden am Stück im Hub, Finnick hingegen zusammengerechnet etwa 14 über zwei Tage hinweg.

„Celeste sieht aber nicht gut aus. Die Wunde in ihrem Gesicht schaut entzündet aus. Wenn sie herauskommt wird sie nicht mehr so hübsch sein wie früher."

„Niemand von uns ist das", überlege ich traurig. Seine Hand nimmt meine über den Tisch hin.

„Du bist hübsch." Er drückt meine Hand.

„Nur meine Außenseite, jetzt wo meine Haare wieder länger werden."

Er schiebt seinen Sessel zurück und kommt auf meine Seite. Er legt seine Arme von hinten um meine Schultern.

„Außenseite, Innenseite, jede Seite. Du versteckst es nur gut." Er küsst meine Wange.

„Hast du heute etwas vor?", murmele ich.

„Hab morgen zu Mittag ein Date, aber für ein kleines Honorar bin ich heute Abend dein."

„Wie viel?"

„Was hast du im Sinn?"

„Über die Leute im Shoppingkanal lachen und dann schlafen?"

„Wirst du dir was anziehen?"

„Ja."

„Dann kann ich das umsonst machen."

Wir nehmen uns eine Schale mit Essen hinüber zur Couch, wo wir uns über den neusten Kapitol Trend - seinen gesamten Körper grün zu färben - lustig machen und uns fragen wozu jemand ein Set aus Wegwerfhandtüchern braucht.

Ich denke nicht an Alder oder Camellia. Oder an ihre Familien. Ich schlafe mit dem Kopf an Finnicks Brust und seinem Kopf auf meinem ein.

Wir sind mehr als Freunde, aber doch kein Liebespaar.