Charaktere, Orte, etc.: JK Rowling

Geschichte: Moonsign

11. The Irony of Double Hurts (Die Ironie doppelter Schmerzen)

Must there be a secret I'm forced to hide?

I won't pretend that I'm someone else all the time.

When will my reflection show who I am inside?

(Christina Aguilera – Reflection, aus Disney's Mulan)

REMUS:

Ich weiß nicht, wen er hier zu verspotten glaubt, dachte Remus. Er spürte das mittlerweile vertraute Starren in seinem Rücken, während er versuchte, sich auf Professor Anders' Vortrag über Duellflüche zu konzentrieren. Nein, warte, eigentlich weiß ich es. Er denkt, er hält einen schüchternen, verrückten und verprügelten Elfjährigen zum Narren, und keine boshafte dunkle Kreatur, die sich einmal im Monat in einen geifernden Wolf verwandelt und den Rest der Zeit Tiersinne hat.

Er rutschte auf seinem Stuhl herum und bekämpfte den natürlichen Instinkt, sich umzudrehen und sich dem zu stellen, was der Wolf in ihm für den Blick eines Raubtieres hielt. Er sollte sich eigentlich schon daran gewöhnt haben. Es war die letzten vier Monde so gewesen. Es war jetzt eine Woche vor Weihnachten, und Black hatte noch immer nicht aufgegeben.

Remus konnte nur dankbar sein, dass Black nicht noch einmal versucht hatte, mit ihm zu reden. Wenn er nach seinen Verwandlungen aus dem Krankenflügel kam, konnte Remus diese grauen Augen auf sich spüren, wie sie nach Anzeichen dessen suchten, was Remus an jenem ersten Mond, der nun so lange her schien, so unvorsichtig entblößt hatte. Er benötigte all sein schauspielerisches Talent und seine hohe Schmerztoleranz, um in den Tagen nach Vollmond ruhig durch die Gänge, die Klassen und den Gemeinschaftsraum zu gehen. Er wusste, wenn er irgendeine Andeutung von Schwäche zeigte, würde Blacks zögerliche Fassade brechen und er würde Remus erneut konfrontieren.

Remus wusste, dass er ein guter Schauspieler war. Er konnte beinahe jeden mit den Geschichten täuschen, mit denen er sich vor der Entdeckung schützte. Aber er wusste auch, dass man nicht alles überspielen konnte. Black glaubte, dass es jemand bei ihm zu Hause war, der ihn verletzte, und das war einfach ein wenig zu nahe an der Wahrheit, um es auf sich beruhen zu lassen. Wenn Black, mit seinen stechenden grauen Augen und seinen geradeheraus gestellten Fragen schon diese beschämende Wahrheit aus ihm bekommen konnte, was würde er dann vielleicht sonst noch alles zum Vorschein bringen? Trotz seiner leichtsinnigen Gryffindor-Natur war ein Teil von Blacks Slytherin-Erbe deutlich in seinen schlauen Augen und seinem geschickten, vorsichtigen Einschätzen erkennbar.

Remus schauderte bei dem Gedanken, was Potter, Black und Pettigrew tun mochten, wenn sie herausfanden, dass sie sich ein Zimmer mit einem Werwolf teilten. Im besten Fall konnten sie die Information dazu benutzen, ihn zu erpressen, irgendetwas Schreckliches zu tun, aber im schlimmsten Fall…

Sie konnten es allen erzählen. Remus würde der Schule verwiesen werden. Dumbledores Job wäre in Gefahr. Werwölfe durften nicht unterrichtet werden, und Remus hatte in der Schulbibliothek genug Bücher gelesen, um zu wissen, wie schlimm die Voreingenommenheit der Zaubererwelt gegen seine Art war. Wenn das Ministerium etwas erfuhr, dann war er wirklich in Schwierigkeiten. Vielleicht würde sein Alter als mildernder Umstand gelten, doch es war mehr als wahrscheinlich, dass sie ihn in eine dieser schrecklichen Werwolf-Reservate sperren würden – vor allem, wenn seine Mitschüler ihnen erzählten, wie verrückt er ihnen erschien. Oder sie würden ihn sogar einschläfern. Das geschah mit den meisten Werwölfen, die ein Verbrechen begangen hatten.

Remus spürte, wie er vor Angst zu zittern begann und klamm wurde. Es war einen Tag her, dass er den Krankenflügel verlassen hatte, und seine Abwehrkräfte waren am Tiefpunkt, während er mit den Schmerzen seiner Wunden kämpfte. Das Gewitter in der Nacht zuvor hatte den Wolf aufgehetzt, und seine Verletzungen waren so schlimm, wie sie am ersten Vollmond des Schuljahres gewesen waren. Der Wolf hatte ein beeindruckendes Stück Fleisch aus seinem Bein gebissen, direkt über dem Knie. Es hatte Remus' gesamter Willenskraft bedurft, in die Klasse zu gehen und nicht zu humpeln.

Remus sah auf, als er plötzlich einen Schatten auf sich spürte.

„Mr. Lupin, können Sie mich hören?" , fragte Professor Anders, der über ihm stand.

„Ich… ähh…"

„Ich stelle Ihnen seit fünf Minuten die gleiche Frage."

Remus zerbrach den Kopf sich in der Hoffnung auf eine vage Idee, was die Frage gewesen sein könnte.

Der junge Auror beugte sich auf einmal ein wenig vor und studierte Remus genauer. Remus sah, wie seine Augen zum Fenster hinüber huschten, wo man den immer noch stürmischen Himmel sehen konnte. Er konnte die Erkenntnis auf dem Gesicht des Mannes einrasten sehen und bereute erneut die Tatsache, dass man alle Professoren über seinen Zustand unterrichtet hatte.

„Sie sehen nicht sehr gut aus, Mr. Lupin," stellte Professor Anders fest, und der Ausdruck seines jungenhaften Gesichts wechselte von ernst zu besorgt. „Vielleicht sollten Sie zu Madam Pomfrey gehen?"

Remus wünschte sich nichts mehr als eine Ausrede, um dem Klassenzimmer und den grauen Augen, die ihn beobachteten, zu entkommen. Doch er wusste auch, dass er das nicht tun konnte. Zu gehen wäre ein Zeichen der Schwäche, und er war sicher, dass Black Schlüsse daraus ziehen würde. Er dachte auch an seine Mutter und wie er sich selbst geschworen hatte, in der Schule sein Bestes zu geben, um Noten zu bekommen, die sie stolz gemacht hätten. Das war einer der Gründe, warum er Madam Pomfrey überredet hatte, ihn so früh gehen zu lassen.

„Nein, mir geht's gut. Ich habe nur vor mich hin geträumt. Könnten Sie die Frage wiederholen, bitte?"

Er starrte trotzig zurück, als der Professor ihn besorgt musterte und dann sagte: „Ich fragte Sie, ob Sie den Wabbelbeinfluch an Mr. Longbottom hier demonstrieren würden." Er machte eine Geste in Franks Richtung, der bei der Tafel stand und empört darüber aussah, dass er als Versuchskaninchen ausgewählt worden war.

„Äh, okay. Eine Sekunde."

Remus durchsuchte das Archiv seiner Gedanken nach der Erinnerung an den Zauber. Er war länger, als er gedacht hatte, in seine eigene Welt versunken gewesen, da er sich nicht einmal an die Vorführung erinnerte.

Glücklicherweise hatte er sein Buch für Verteidigung Gegen die Dunklen Künste faszinierend gefunden, und da sein Vater ihn für den Großteil des Sommers in sein Zimmer gesperrt hatte, hatte er genug Zeit gehabt, es zu lesen.

Er stand auf und versuchte, nicht zusammenzuzucken, als die Bewegung sein verletztes Bein schmerzen ließ. „Tut mir Leid, Frank."

„Schon klar, Mann. Sammle die Magie." Er grinste Remus an und zwinkerte.

Remus holte tief Luft und sagte den Fluch. Er erwartete nur halb, dass er funktionieren würde, da er wusste, dass seine Magie schwach wirkte, wenn er so erschöpft war, doch zu seiner Überraschung begann Frank durch die Klasse zu schwanken, als ob seine Beine aus weichem Gummi bestünden.

„Hervorragend, Mr. Lupin!" Professor Anders grinste ihn mit einem Gesichtsausdruck, der Erstaunen sehr nahe kam, an. „Ich hoffe ihr alle habt diese präzise Zauberstabbewegung gesehen. Bei schwachen Flüchen wie diesen geht es weniger um die Kraft hinter dem Zauber, sondern vielmehr um Genauigkeit. Finite Incantatem!" Frank hörte auf zu schwanken. „Ihr könnt euch beide setzen."

Remus setzte sich erleichtert hin und beschloss, für den Rest der Stunde aufzupassen. Als die Klasse zum Mittagessen aufbrach, spürte Remus eine Hand auf seinem Arm, als er aufstand und zur Tür ging. Er versuchte, sein Zusammenzucken zu verbergen, als die Hand – obwohl sie sanft war – auf eine Wunde an seinem Arm drückte.

„Mr. Lupin, würden Sie bitte noch einen Moment hier bleiben?"

Remus blickte sehnsüchtig zur Tür und bemerkte Black und Potter, die beide neugierig hereinspähten. Er befand, dass er Professor Anders' Fragen leichter handhaben konnte als deren. Er nickte dem Professor zu.

„Ab mit euch, meine Herren!", sagte Anders zu Black und Potter, dann schloss er die Tür und schnippte mit dem Handgelenk, um einen Schweigezauber zu erschaffen.

„Neugierige Freunde haben Sie da," kommentierte er, als er sich hinter seinen Schreibtisch setzte. „Setzen Sie sich."

Remus ließ sich nervös auf einem Schülertisch vorne in der Klasse nieder. „Das sind nicht meine Freunde."

„Nicht?", fragte Anders. Er sah Remus gelassen an. „Wer sind dann Ihre Freunde?"

Remus sah nach unten auf den Tisch. „I-Ich habe eigentlich keine Freunde."

„Wieso nicht? Haben Sie Angst, dass sie Ihr Geheimnis herausfinden?"

Remus wusste nicht, was er sagen sollte. Er konnte dem Mann nicht in die Augen sehen. Er starrte hinunter auf die zerkratzte Schreibtischplatte und schüttelte den Kopf.

„Also?"

„Ich - Also, natürlich will ich nicht, dass es jemand herausfindet," sagte Remus, errötete und sah nach draußen auf den Himmel. „Aber das ist nicht der Grund, weshalb ich keine Freunde habe."

„Warum dann?"

„Ich weiß es nicht!" Remus sah plötzlich auf, als er erkannte, dass hier jemand war, der ihm womöglich sagen konnte, was er falsch machte. „Ich versuche, nett zu Leuten zu sein, und sie denken alle nur, ich wäre verrückt und nennen mich Lusche. Und selbst wenn sie mich hassen, tue ich ihnen leid, weil ich keine Freunde habe, aber weil ich keine Freunde habe will auch niemand mein Freund sein, weil er dann auch keine Freunde hätte. Ich weiß nicht, was ich falsch mache."

„Remus, Sie müssen verstehen, dass Sie durch Ihren Fluch und die Prüfungen, durch die Sie in Ihrem Leben schon mussten, die Welt anders sehen als die meisten Kinder Ihres Alters. Sie sehen die Welt ein wenig so wie ein Erwachsener. Sie haben keine Illusionen über die Gerechtigkeit im Leben. Ein gewöhnlicher Elfjähriger musste sich noch nie um etwas sorgen, außer in welches Haus er kommen wird und dass er in der Klasse gut ankommt. Sie urteilen schnell und schließen jeden aus, der ein wenig anders scheint."

„Aber ich weiß nicht, wie ich so sein kann wie sie!" Remus schlug frustriert mit den Fäusten auf den Tisch. Die Tischplatte brach und zersplitterte, und seine linke Faust durchschlug sie glatt. „T-Tut mir leid," flüsterte er und fühlte sich noch gedemütigter. Er hasste seine Werwolfkraft. Sie war noch eine Sache, die ihn von den anderen unterschied.

„Remus, versuchen Sie nicht, so zu tun, als wären Sie wie sie," sagte Professor Anders. Er stand auf, kam zu Remus hinüber und schwenkte den Zauberstab. „Reparo." Der Schreibtisch reparierte sich.

„Black verbringt viel Zeit damit, Sie zu beobachten," fuhr Anders fort. „Deshalb dachte ich, ihr wäret befreundet."

Remus schüttelte den Kopf. „Ich bin im gleichen Schlafsaal wie er. Er hat einmal ein paar von meinen… äh… Narben und so gesehen. Ich denke, er glaubt, dass m-mir zuhause jemand wehtut."

„Warum glaubt er das?", fragte Professor Anders und runzelte ein wenig die Stirn.

„Ich erzähle ihnen, dass ich an Vollmondnächten meine kranke Mutter besuche. Ich schätze, es ist klar, warum er das denkt."

Es war still im Raum und Remus konnte sehen, wie Anders versuchte, sich etwas einfallen zu lassen, um ihm zu helfen, und wusste, dass es nichts gab, was er tun konnte, ohne seine Lykanthropie preiszugeben.

„Ich versuche, meine Wunden vor ihnen zu verstecken," sagte Remus. „Deshalb habe ich den Unterricht nicht verlassen können."

„Also geht es Ihnen nicht gut? Und Sie haben immer noch einen beispielhaften Wabbelbeinfluch geschafft. Eine ziemliche Leistung, Mr. Lupin."

„Danke."

„Ihre Eltern werden stolz auf Sie sein."

„Meine Mutter ist tot."

„Das tut mir leid. Dann Ihr Vater."

Remus fühlte ein Beben jenes aufgelösten Gelächters in seiner Brust, dass ihn schon am Bahnsteig bei Potters Mutter überkommen war, und stand schnell auf, bevor es entwischen konnte. „Ich denke, ich gehe jetzt in den Krankenflügel," murmelte er und eilte, so schnell sein verletztes Bein es ihm erlaubte, auf die Tür zu.

„Mr. Lupin!" Der scharfe Tonfall ließ ihn zögern und er blickte über die Schulter. „Ihnen tut doch zuhause niemand weh, oder?"

Remus spürte sein Herz vor Furcht hämmern. Sein Vater würde ihn umbringen, wenn irgendjemand es herausfand. „Der Wolf, Sir. Der Wolf tut mir weh, wo auch immer ich bin." Er war überrascht, wie entschlossen seine Stimme klang. Er wandte sich um und hastete aus dem Raum bevor Anders noch mehr sagen konnte. Er konnte das leicht hysterische, eher wie ein Schluchzen klingende Gelächter nicht mehr unterdrücken, als er sich der Ironie des ganzen bewusst wurde. Bei Black nutzte er die Schläge seines Vaters als einen Vorwand, um seine Lykanthropie zu verstecken, und bei Anders nutzte er seine Lykanthropie, um die Schläge seines Vaters zu verbergen.

Er eilte in Richtung des Gryffindor-Turms, da er sich jetzt nicht mit dem Aufsehen herumschlagen wollte, das ihm, wie er wusste, zuteilwerden würde, wenn er in den Krankenflügel ginge. Es interessierte ihn nicht länger, ob er humpelte oder nicht.

Er bemerkte die beiden dunkelhaarigen Jungen nicht, die im Korridor geblieben waren und ihm jetzt verwirrt hinterher starrten.