Wow, so ein langes Kapitel. Rowling rulz und lang lebe Moonsign. Ich bin klein und dreizehn, für den Inhalt der Geschichte kann ich nichts, für die Grammatik schon. Juhuu.
XXXXX
12. Remus Watching (Remus Beobachten)
Gertie the snow troll
Has a very orange nose
And a smell so bad
That it drives men mad,
And kills cats where'er she goes.
(Der erste Vers eines bekannten Zauberer – Weihnachtsliedes, von Moonsign)
SIRIUS:
„Wovon, denkst du, reden die da drinnen?", fragte James, während sie beide die Ohren gegen die Türe pressten und versuchten, etwas zu hören. „Ich hör überhaupt nichts, nicht einmal eine Bewegung. Ich schätze, Anders hat einen Schweigezauber über den Raum gelegt."
Sirius warf der Tür einen finsteren Blick zu verpasste der steinernen Wand neben ihm einen halbherzigen Tritt. Er fragte sich, ob es klug gewesen war, James in seine Entdeckungen und Vermutungen einzuweihen. Der Junge hatte seine Abgelenktheit mit Lupin letzten Endes bemerkt und ihm keine große Wahl gelassen.
„Vielleicht hat Professor Anders gemerkt, dass es ihm nicht gut geht, und hat beschlossen, ihn auszufragen. Vielleicht weiß er, dass Lupins Dad oder wer auch immer ihn schlägt."
James lehnte sich gegen die Wand und starrte die Tür nachdenklich an. „Ich glaube, du siehst Dinge, die nicht da sind," sagte er. „Ich habe ihn heute Morgen auf dem Weg in die Klasse wirklich genau beobachtet, und er ist kein bisschen gehumpelt."
„Ich liege nicht falsch!", schnappte Sirius. James zuckte zusammen und Sirius verzog das Gesicht zu einer entschuldigenden Grimasse. „Ich habe das Blut und die Narben gesehen. Was sollte es sonst sein? Außerdem, ich habe ihn noch viel genauer beobachtet als du, und ich habe gesehen, das er kein bisschen gehumpelt oder zusammengezuckt ist. Ich habe auch gesehen, dass das so war, weil er sehr, sehr vorsichtig gegangen ist. Er hat jeden Fuß so aufgesetzt." Er stellte seinen Fuß so vorsichtig er konnte und ganz ohne Druck auf dem Boden ab. „Er hat das Gesicht so ausdruckslos gemacht – du weißt doch, wie er es macht."
„Also, ich habe nichts gesehen. Außerdem kann es nicht sein Vater sein. Was für ein Vater würde seinem Kind solche Dinge antun?"
Sirius seufzte und beschloss, nicht mehr über diesen Punkt zu streiten. Es fühlte sich jedes Mal wie ein Vertrauensbruch an, und er hasste dieses Gefühl. „Lass uns einfach hier warten, bis er raus kommt," schlug er vor. James seufzte, nickte aber, warf seine Schultasche auf den Boden und fiel zurück gegen die Wand.
Es dauerte nicht lange, bevor die Tür ein wenig heftig aufgestoßen wurde und Lupin herauskam. Er schloss die Tür hinter sich und ließ einen Schwall leicht hysterischen Gelächters los, dass sich anscheinend in seiner Brust aufgestaut hatte. Es war ein seltsames, irgendwie gebrochenes, schluchzendes Lachen, das – wenn die zwei Jungen sein Gesicht nicht hätten sehen können – eher wie ein Weinen geklungen hätte. Lupin warf keinen einzigen Blick in ihre Richtung, als er in Richtung des Gryffindorturms davoneilte. Er humpelte stark und hielt sich die Seite, als ob das Lachen seine Rippen hatte schmerzen lassen.
„Verdammte Scheiße," murmelte James und starrte ihm hinterher. „Genauso hat er gelacht, als meine Mutter ihn am Bahnhof gefragt hat, wo seine Eltern sind."
„Jaah," sagte Sirius. Er fügte nicht hinzu, Hab ich doch gesagt, doch die Worte hingen deutlich in der Luft vor ihnen.
James räusperte sich unbeholfen. „Gehen wir zum Mittagessen."
„Er bleibt über Weihnachten hier," verkündete Sirius, stürmte in den Gemeinschaftsraum und warf sich auf das Sofa neben James und Peter.
„Wer?", fragte Peter verwirrt.
„Lupin natürlich," sagte James, verdrehte die Augen und griff gerade noch rechtzeitig nach seinem Tintenfass, das durch Sirius' Sprung auf das Sofa gefährlich zu wackeln begonnen hatte. „Von wem ist er denn sonst noch besessen?"
„Ich bin nicht von ihm besessen!", sagte Sirius, der eine Woge der Wut angesichts der Beschuldigung in sich spürte. „Ich denke nur, dass es gut ist, dass er hier bleibt, anstatt nach Hause zu fahren." Er funkelte James vielsagend an, der seufzte und wegsah, während er mit dem Ende seiner Schreibfeder gegen seine Zähne klopfte und so tat, als würde er seinen Aufsatz für Kräuterkunde durchlesen.
„Wen interessiert's, was die Lusche tut?" Peters Verwirrung war nicht gewichen. „Und selbst wenn, wäre es nicht besser für ihn, nach Hause zu fahren? Er hat doch ohnehin keine Freunde hier."
„Wer weiß? Wozu wird der Eiter des Bubotublers verwendet?", fragte James, um das Gespräch auf ein weniger heikles Thema zu bringen.
„Was fragst du mich?" Peter zog eine Grimasse. „Ich weiß nie etwas."
„Sirius?"
„Weiß nicht," sagte Sirius und starrte ins Feuer. „Hat was mit Akne zu tun. Vielleicht verursacht er sie. Oder heilt sie. Oder gibt sie Schildkröten. Interessiert mich nicht. Lasst uns einen guten Streich für Schniefelus planen. Reg hat geschrieben, dass Mum gehört hat er hätte sich mit Malfoy angefreundet, obwohl Malfoy drei Jahre älter ist als wir. Widerlicher Schleimer. Der macht das doch nur, damit er dem Schleimprinzen von Slytherin gefällt."
Er sah, wie James und Peter von dem Gedanken aufgemuntert wurden und grinste. „Und ihr erratet nie, was noch," fügte er hinzu.
„Was?", fragte James mit leuchtenden Augen.
„Während ich mir die Liste von denen, die über Weihnachten hier bleiben, angesehen habe, habe ich ein paar Sechstklässler darüber reden hören, wie man in die Küche kommt. Es gibt da anscheinend ein Bild von einer Schüssel mit Obst, und du musst die Birne kitzeln, um hineinzukommen."
„Absolut genial, Mann!" sagte Peter und James nickte enthusiastisch.
„Jetzt zu dem Streich…"
Sirius schaffte es die ganzen zwei Wochen bis Heiligabend hin, nicht an Lupin und dessen Probleme zu denken. Lupin half ihm dabei, indem er, sobald die Ferien begonnen hatten, ihre kleine Gruppe so viel wie möglich mied. Er neigte dazu, sobald er aufgewacht war in der Bibliothek zu verschwinden, oder trotz der klirrenden Kälte der schottischen Winter nach draußen zu eilen.
Weihnachten in Hogwarts war mit nichts vergleichbar, was irgendeiner der Jungen je erlebt hatte. Der riesige Mann, Hagrid, zerrte vier gewaltige, über sechs Meter hohe Tannen herein, die voll Schnee glitzerten und eine schmelzende Spur vom Haupteingang bis in die Große Halle hinterließen. James, Sirius und Peter hatten es gründlich genossen, als sie den Hausmeister, Filch einen Anfall bekommen sahen, als er versuchte zu entscheiden, ob er den riesigen Mann wegen der Unordnung von Schneewasser, Matsch und Tannennadeln konfrontieren oder lieber einen frühen und wahrscheinlich ziemlich brutalen Tod vermeiden und einfach hinter ihm aufräumen sollte.
Sobald die Bäume in der Großen Halle waren, beobachteten die wenigen übrigen Schüler entzückt und staunend, wie sie von den Professoren aufwändig verziert wurden. Flitwick ließ gewaltige, schimmernde Christbaumkugeln und Lametta auf die Äste schweben, sodass die vier Bäume am Ende in den verschiedenen Farben der Häuser dekoriert waren. McGonagall hob den Zauberstab und nie schmelzender Schnee und große, glitzernde Eiszapfen bedeckten die Bäume und die gewölbten Strebepfeiler der Großen Halle.
Professor Anders verzauberte die Rüstungen und ließ sie furchtbar falsch Weihnachtslieder singen und begleitend dazu tanzen, bis ein bewusstloser Drittklässler aus Hufflepuff im Verwandlungskorridor gefunden wurde, der während einer besonders enthusiastischen Wiedergabe von Gertrude the Snow Troll von einem eisernen Ellenbogen ausgeknockt worden war. Von da an durften die Rüstungen nur noch zu ihrem ohrenbetäubenden Gesang auf und ab hüpfen.
Um der Schule zu helfen, in Weihnachtsstimmung zu kommen, schafften es Sirius, James und Peter, einen Mistelzweig zu verhexen, sodass er Snape verfolgte und laute, schnulzige Kussgeräusche machte, bis sich jemand dem Slytherin auf mehr als zwei Meter näherte. Wenn das geschah, verwandelten die Geräusche sich in lautes Würgen. Daraus folgte, dass sie Nachsitzen bei Filch bekamen, der sie entzückt anwies, den Korridor von Hagrids Spur aus Matsch und schmelzendem Schnee zu säubern. Per Hand.
Eine andere, mysteriöse Person verwandelte die Böden der Verwandlungs-, Zauberkunst- und Hauptgänge in gewaltige Platten aus Eis. Nicht nur das, das Eis schien auch noch verschiedene Auswirkungen auf die verschiedenen Häuser zu haben. Die Hufflepuffs wurden zu Übelkeit erregend schnellen Pirouetten gezwungen, wann immer sie einen Fuß auf das Eis setzten.
Die Gryffindors konnten aus irgendeinem unerfindlichen Grund nur seitwärts schlittern, in einer sehr rückenverdrehenden Imitation altägyptischer Malerei. Sie konnten sich auch nur in geraden Linien bewegen, was zu einer Menge Kollisionen mit Wänden, Türen und anderen Schülern führte.
Die Ravenclaws waren dazu verdammt, auf einem Bein zu laufen, mit dem andern Fuß steif hinter sich ausgestreckt und mit den Oberkörpern nach unten, sodass sie nichts sehen konnten. Das führte zu noch mehr Zusammenstößen – meistens Schmerzhafteren als die der Gryffindors, da sie mit dem Kopf voran fuhren.
Die Slytherins schienen auf überhaupt keine Art und Weise laufen zu können. Sobald sie das Eis betraten, erlitten sie drastische, spektakuläre Stürze, die sie am Ende immer hart und schmervoll auf dem Eis landen ließen.
Da die betroffenen Korridore die einzigen Wege waren, um die Große Halle zu erreichen, mussten sich die Schüler ihren Weg über das Eis erkämpfen, wenn sie nicht verhungern wollten. Die Slytherins – sehr zum Entzücken der anderen Häuser – wurden einen ganzen Tag lang gezwungen, sich auf den Hintern in die Große Halle zu schieben, bevor Flitwick den Zauber auf den Häusern brach. Das Eis ließ er, wo es war, und sagte, es wäre eine eindrucksvolle Vorführung komplexer Zauberei.
Wie nicht gesagt werden muss, wurden Sirius, Peter und James wie schon so oft dieses Streiches beschuldigt, trotz ihrer Beteuerungen, nichts davon zu wissen. Um ehrlich zu sein wären sie begeistert gewesen, diesen Streich Ihren nennen zu können, und waren verzweifelt darum bemüht, herauszufinden, wer ihr Tunichtgut-Kamerad war und ihm kräftig die Hand zu schütteln.
Wenn sie an diesem ereignisreichen Morgen einmal aufgesehen hätten, hätten sie vielleicht einen flüchtigen Blick auf eine sehr kleine Gestalt oben auf der Säule eines elegant fliehenden Strebepfeilers im Hauptkorridor erhascht. Die Gestalt hatte wildes, goldbraunes Haar, bernsteinfarbende Augen und gerötete Wangen. Er lehnte sich an einen der Schulbesen und lachte so heftig, dass er sich die Faust in den Mund stecken musste, um sich nicht zu verraten. Niemand in der Schule hätte den Ausdruck von sorgenloser Freude und Schalk auf dem Gesicht von Remus Lupin erkannt, als er Das überarbeitete Buch fortgeschrittener Zauberei an die Brust drückte und seinem Inneren Tunichtgut erlaubte, frei über die Schule zu regieren.
Sirius erwachte am Weihnachtsmorgen zum ersten Mal im ganzen Jahr nicht nur von alleine, sondern auch sehr früh. Er setzte sich im Bett auf und sein Blick landete sofort auf dem gewaltigen Haufen Geschenke am Fuß seines Bettes. Er war niemals glücklicher über die Politik von Reinblütern und Slytherins als zu Weihnachten. Kein Mitglied der äußerst ausgedehnten und verworrenen Familie Black konnte es sich leisten, ihrem Erben (egal, wie sehr er in Ungnade gefallen war) kein Geschenk zu gönnen.
Er sah hinüber zu James' Bett. Der Junge hatte sich nur halbherzig die Mühe gemacht, seine Vorhänge zu schließen, als sie in der Nacht zuvor nach einer wilden Vorweihnachts-Party im Gemeinschaftsraum herein getaumelt waren. Sirius konnte sehen, dass sein Freund genauso viele Geschenke wie er bekommen hatte und grinste. Er beugte sich über seine Bettkante, hob einen Schuh auf und warf ihn auf James' Kopf. Der andere Junge zuckte zusammen und erwachte.
„Siiiiirius!", jammerte er, die Stimme undeutlich vom Schlafen. „Du bist ein Zauberer! Fällt dir keine elegantere Lösung ein, wie du mich aufwecken kannst, ohne dabei aus dem Bett kommen zu müssen?"
„Geschenke, Jamesie!"
James setzte sich sogleich auf, sogar zu aufgeregt, um Sirius zurechtzuweisen, weil er seinen verhassten Spitznamen benutzt hatte. Er sprang sofort zu seinem Haufen hinüber.
Sirius lächelte und betrachtete wieder seinen eigenen Berg. Plötzlich bewegten sich seine Augen und konzentrierten sich auf Lupins Bett gegenüber. Wie James hatte der Junge vergessen, seine Vorhänge ordentlich zu schließen, und von Sirius aus konnte man deutlich erkennen, dass nur zwei Pakete auf Lupins abgenutzter Bettdecke lagen. Eines war ziemlich groß und in leuchtendes Papier mit flatterndem Schnatz-Muster gewickelt. Das andere war klein und länglich und in braunes Papier verpackt. Lupin war am Kopfende seines Bettes zu einem kleinen Ball zusammengerollt, atmete gleichmäßig und schlief immer noch fest.
„James!", zischte Sirius so leise er konnte und lenkte die Aufmerksamkeit seines Freundes von seinem manischen Geschenkauspacken weg. Er deutete auf Lupins Bett und James Hände hielten inne, als er die zwei Päckchen sah. Er sah Sirius gequält an. Dann blickte er mit so etwas wie Verlegenheit oder Scham hinunter auf sein überfülltes Bett.
„Was können wir denn tun?", flüsterte er zurück.
Sirius betrachtete seinen Geschenkhaufen und erblickte die unverkennbare Gestalt einer Schachtel mit Schokofröschen. Die Aufschrift darauf, geschrieben in hässlicher, spinnenhafter, schwarzer Handschrift, zeigte deutlich, dass sie von seiner Großtante Beryll kam.
Er nahm es, schälte das Etikett vorsichtig und ohne das Papier zu zerreißen hinunter und schlüpfte aus dem Bett.
„Was machst du?", fragte James schockiert.
„Er wird nicht wissen, dass es von mir ist. Es gibt keine Aufschrift."
James zögerte, dann wühlte er in seinen Geschenken, bis er eine ähnlich geformte Box in violett und orange gestreiftem Papier fand.
„Zischende Wissbies. Von meiner Cousine, Doris. Ich hab sie sowieso nie gemocht." Er errötete ein wenig und entfernte das Etikett, dann reichte er Sirius die Box. Sirius schlich zu Lupins Bett und legte die Geschenke vorsichtig darauf ab, ohne seinen immer noch schlafenden Besitzer zu stören. Er betrachtete die zwei Geschenke, die bereits da lagen.
„Von wem sind die anderen?" Fragte James, als Sirius auf Zehenspitzen zurückkam.
„Ich weiß nicht von wem das Braune ist, aber das Größere ist von Frank. Sieht nach Bertie Botts Bohnen jeder Geschmacksrichtung aus."
„Merlin sei Dank hat Frank so ein riesiges Herz," murmelte James so leise, dass Sirius sich fast sicher war, dass er es nicht hätte hören sollen.
„Sollen wir Pete aufwecken?", sagte Sirius grinsend und wieder in normaler Lautstärke.
James begann als Antwort boshaft zu grinsen. Sie sahen einander einen Moment lang an, bevor sie plötzlich in gackerndes Heulen ausbrachen, Peters Vorhänge beiseite rissen und auf sein Bett sprangen, wo sie auf und ab hüpften. Peter erwachte mit einem Schrei, als er und seine Geschenke aus dem Bett gefedert wurden.
„Ihr! Sowas von nicht lustig!" , schrie er, versuchte, sich aus seinem Bettzeug zu befreien und machte Anstalten, in sein immer noch wackelndes Bett zurück zu klettern. James und Sirius kicherten nur über ihn hüpften noch wilder, bis Sirius sich den Kopf an einer der Vorhangstangen stieß und mit einer grunzenden Schmerzbezeugung vom Bett fiel.
„Geschieht dir verdammt recht!", sagte Peter, schob James zur Seite und sammelte seine verstreuten Geschenke ein. „Ihr könnt nur hoffen, dass da nichts Zerbrechliches dabei war."
Sirius bemerkte aus dem Augenwinkel, dass Lupins Vorhänge sich leise öffneten und ein schlafzerzauster goldbrauner Kopf herauslugte, um den Vorgang zu beobachten.
„Geschenke!", rief James und machte einen fliegenden Sprung von Peters Bett auf sein Eigenes gegenüber. Er versank mit erneutem Elan im Auspacken. Sirius sprang hinüber und leistete ihm Gesellschaft. Eine Weile sprach niemand im Schlafsaal, und die einzigen Geräusche stammten von zerreißendem Papier und vereinzelten entzückten oder überraschten Ausrufen.
Sirius blickte kurz auf und sah Lupin, der mit offenem Mund auf die drei Schachteln mit Süßigkeiten vor ihm starrte. Das Paket in dem braunen Papier lag immer noch unberührt da.
„Was hast du da bekommen, Lusche?", fragte Sirius grinsend.
„Von wem sind die?", fragte der Junge und sah Sirius verwirrt an.
Sirius zuckte mit den Schultern, insgeheim dankbar über seine schauspielerischen Fähigkeiten. „Weiß nicht. Deine Familie?"
„Nein, das da ist von meinem Vater," sagte Lupin und deutete auf das braune Paket. Als er das tat, fiel der Ärmel seines zu großen Schlafanzugoberteils nach hinten und entblößte sein dünnes, vernarbtes, kleines Handgelenk. Er schob ihn schnell zurück, doch Sirius spürte bei dem flüchtigen Blick wieder die Anspannung direkt unter seinem Zwerchfell.
„Was ist mit deiner Mutter?", fragte Sirius, und war erstaunt, dass seine Stimme so sanft klingen konnte.
„Sie ist gerade nicht in der… Verfassung, mir Geschenke zu schicken." Lupin sah weg und berührte mit einer Hand verwundert die Box mit Schokofröschen bei seinen Knien.
„Tut mir leid," sagte Sirius.
„Schon okay."
Es gab eine lange, unangenehme Pause, in der Sirius bewusst wurde, dass James und Peter ihrem Gespräch lauschten.
„Also, machst du es nicht auf?", sagte Peter endlich und deutete auf das Geschenk im braunen Papier.
Remus seufzte, hob es auf und befühlte es mit den Fingern. Er öffnete sehr vorsichtig eines der Enden und ließ das Geschenk heraus auf sein Bett fallen. Es war ein silberner Löffel. Für eine Sekunde war Sirius sicher, einen Ausdruck von Angst und Abscheu auf Lupins blassem Gesicht zu sehen, doch dann war es wieder ruhig. Er starrte leidenschaftslos auf den Löffel.
„Dein Vater hat dir einen Löffel zu Weihnachten geschickt?", fragte Peter ungläubig.
„Jaah," sagte Remus, sammelte seine Süßigkeiten auf und zog sich zum Kopfende seines Bettes zurück.
James räusperte sich. „Er sieht ziemlich wertvoll aus, wenn dir das etwas bringt," sagte er. „Solides Silber."
Remus brummte etwas, obwohl Sirius nicht sicher war, ob es Zustimmung war. Er schlüpfte aus dem Bett und arrangierte seine Schokofrösche, Zischende Wissbies und Bohnen jeder Geschmacksrichtung sorgfältig auf seinem Nachttisch, als würde er unbezahlbare Schmuckstücke in Pose bringen.
Als er bemerkte, dass die anderen drei Jungen ihn immer noch ansahen, errötete er. „Ich geh duschen," murmelte er, bevor er sein Handtuch nahm und ins Badezimmer eilte.
„Also," sagte James nach einer Weile, als man das Geräusch der Dusche aus dem anderen Raum hören konnte. „Das war seltsam."
„Aber wirklich," stimmte Sirius zu und sah zu dem Löffel hinüber, der unschuldig auf Lupins Bettende lag.
„Wen interessiert es, was die anderen denken?", fragte Sirius und funkelte James an, als sie eines Mittags Anfang Februar gemeinsam durch den Zaubertränkekorridor gingen. Peter war noch bei Slughorn, da er Nachsitzen bekommen hatte, nachdem er zum dritten Mal seinen Kessel in die Luft gesprengt hatte und allen, die er bespritzt hatte, langes, geflochtenes Haar aus den Nasenlöchern gewachsen war.
James beantwortete die Frage nicht und war offensichtlich gelangweilt von der Debatte, die sie seit Weihnachten führten.
„Es hat dich nicht interessiert, als du am Jahresanfang auf der Bank gestanden bist und für mich geklatscht hast," bemerkte Sirius leise.
„Das war anders. Ich wusste, dass du nett bist, und ich wusste, dass du nicht verrückt bist. Nicht so sehr wie die Lusche jedenfalls."
„Es ist nicht seine Schuld, James. Stell dir mal vor, dein Dad würde dich so sehr schlagen, dass du bluten würdest und überall Narben hättest. Du wärst auch ein bisschen verrückt. Können wir ihm nicht eine Chance geben? Wie eine… Bewährung?"
„Nein!"
„Wieso! Jetzt willst du ihm nicht einmal mehr eine kleine Chance geben?"
„Sirius, deshalb hab ich nicht nein gesagt. Ich meinte, wenn wir seine Freunde sein wollen, kann das nicht auf Probe laufen. Sogar ich kann sehen wie grausam das wäre – ihm so eine Chance geben und ihn dann wieder fallen lassen. Wir müssten richtig seine Freunde sein." James seufzte und fuhr sich mit der Hand durch das unordentliche Haar.
„Also wirst du es tun?"
„Warum wünschst du dir das so sehr?"
„James…" Sirius blieb plötzlich stehen, wandte sich um und starrte seinen Freund entschlossen an. „Meine Mutter hat mich einmal geschlagen. Richtig fest. Ins Gesicht. Ihr Ring hat mir die Wange aufgeschnitten und sie hat geblutet. Du hast keine Ahnung, wie mies ich mich gefühlt hab. Nicht nur, weil es wehgetan hat, sondern weil sie alles verraten hat, was eine Mutter sein sollte. Ich meine, es wäre anders gewesen, wenn sie mir einen Klaps auf den Hintern gegeben hätte oder so etwas – das würde ich wahrscheinlich verdienen – Aber ein richtig harter Schlag ins Gesicht, sodass ich geblutet hab…"
„Sirius.."
Sirius schüttelte heftig den Kopf. „Stell dir vor, deine Eltern tun das die ganze Zeit, und viel schlimmere Dinge als einen Schlag ins Gesicht. Seine Narben, Mann. Du hast sie ja nicht gesehen."
Sie standen eine Weile in der Stille da, dann sagte James, „In Ordnung. Wir werden seine Freunde."
Sirius spürte, wie sich das Ding, das sich unter seinem Zwerchfell verkrampft und verknotet hatte, plötzlich entspannte und ein erleichtertes Lächeln auf sein Gesicht trat. Er hatte gewusst, dass James seine Meinung am Ende doch noch ändern würde.
„Was machen die da?", fragte James plötzlich und deutete auf das Ende des Ganges, wo vier Slytherins - Snape, Malfoy, Nott und Lestrange - etwas in einem der anderen Korridore beobachteten. Snape sah sehr klein aus, verglichen mit den ungeschlachten Viertklässlern.
„Ihnen nach?", fragte Sirius.
„Hier drunter." James hatte seinen Tarnumhang aus der Tasche geholt (wo er für plötzlichen Unfug aufbewahrt wurde) und die beiden schlüpften darunter. Sie schlichen zum Ende des Korridors, gerade als die Slytherins aus ihrem Blickfeld verschwanden. Auch sie gingen um die Ecke und blieben schockiert stehen. Malfoy hielt einen kleinen, sich wehrenden Lupin an dessen schäbiger Robe gegen die Wand gedrückt.
„…Kleiner verrückter Löwe so ganz allein hier unten?", höhnte Malfoy, das Gesicht ganz nahe an Lupins.
„Oh nein, das wirst du nicht tun!", sagte Nott, schnappte Lupin den Zauberstab aus der Hand und warf ihn über die Schulter, sodass er ein kleines Stück weiter in Sirius' und James' Richtung gegen die Wand prallte.
„Was sollen wir tun?", zischte Sirius mit dem Mund ganz nahe an James Ohr, „Wir können es nicht mit vier Slytherins aufnehmen!"
„Einen Professor holen?", schlug James vor, dessen Blick über den menschenleeren Gang huschte.
„Ich habe von dir gehört, kleiner Löwe." Malfoy redete immer noch und schien sich über Lupins Bemühungen zu amüsieren. „Sogar die anderen Löwen wollen dich nicht in ihrem dickköpfigen Stolz. Du bist ein Außenseiter. Verrückt, alleine. Niemand würde dich vermissen, wenn wir dich jetzt umbringen würden, nicht wahr?" Die Worte schlugen sich Übelkeit erregend mit seiner honigsüßen Stimme.
Sirius wünschte sich verzweifelt, er könnte weglaufen und Hilfe holen gehen, doch er wollte Lupin auch nicht alleine mit den Schlangen lassen.
„Ich wette, deine schmutzigen Schlammblüter-Eltern würden dich nicht vermissen."
James und Sirius konnten Lupins Gesicht von da, wo sie standen, kaum ausmachen, doch es reichte aus, um ein Auflodern von etwas Wildem und Primitiven in den Augen des winzigen Jungen zu sehen. Ohne bewusste Gedanken traten sie beide einen Schritt zurück, und sogar die Slytherins versteiften sich.
„Sprich nicht so mit mir!", spie Lupin, die Stimme heiser von Malfoys Griff um seinen Brustkorb, aber auch so tiefer als gewöhnlich.
„Oder was? Willst du uns anbrüllen, kleiner Löwe?", fragte Malfoy, obwohl ein leiser Hauch von Unsicherheit in seinem Ton mitschwang. Sirius konnte sich nicht vorstellen, wie es sein musste, aus solcher Nähe in diese jetzt gelblichen Augen zu starren. Malfoy riss noch fester an Lupins Umhang und es gab ein Geräusch von zerreißendem Stoff.
Sirius bemerkte die verschwommene Bewegung kaum, doch plötzlich hatte sich die Szene verändert. Malfoy hatte sich vor Schmerz zusammengekrümmt, die Hände über seinem Gemächt, und schnappte nach Luft. Seine Augen wirkten etwas benebelt und auf seiner Stirn wurde bereits eine leuchtende Beule sichtbar. Nott lag auf dem Boden und umklammerte seine Nase, aus der Blut schoss, und Lestrange schien bewusstlos. Snape, anscheinend unverletzt, starrte Lupin mit eiskaltem Entsetzen an, der sich keuchend gegen die Wand lehnte.
Lupins Gesicht war zu einem Knurren verzogen und seine Augen schienen tatsächlich gelb zu leuchten anstatt in ihrem gewöhnlich verträumten Gold. Er atmete einige Male tief durch, bevor er hinüberging und seinen Zauberstab aufhob. Dann näherte er sich wieder den Slytherins und richtete den Stab auf den Brustkorb des nach Luft schnappenden Malfoy. Er stand jetzt mit dem Rücken zu Sirius, sodass er seinen Gesichtsausdruck nicht sehen konnte.
„Das nächste Mal, wenn du mich kommen siehst, du Schleimball, dann geh lieber zur Seite," zischte Lupin dem anderen Jungen direkt ins Gesicht. „Viele haben es nicht getan," er lehnte sich noch weiter vor, „Und viele sind gestorben*."
Er trat einen Schritt zurück, hob seine Schultasche von dort, wo sie hingeworfen worden war, auf und sah beriet zum Gehen aus.
„Du Missgeburt!", sagte Nott plötzlich, sah auf und deutete auf Lupins Brust und ignorierte das Blut, das über sein Gesicht rann. Sirius brauchte einen Moment, um zu begreifen, dass Remus' Umhang zerrissen sein musste.
Malfoy blickte auf und auf einmal deutete auch er, grausam und ein wenig hysterisch lachend. „Ah! Missgeburt, Freak!Ich weiß es! Ich weiß was du bist! Du bist wirklich eine Missgeburt! Warte nur! Warte nur, bis ich es allen erzähle, du - "
Er bekam keine Gelegenheit mehr, zu Ende zu sprechen. Lupin war bei seinen Worten erstarrt, doch jetzt warf er einen entsetzten, bernsteinfarbenen Blick über die Schulter, bevor er seinen Zauberstab auf Malfoy richtete und schrie: „Obliviate!"
Malfoys graue Augen wurden groß und leer. Bevor die Anderen reagieren konnten, gab es zwei weitere „Obliviate! Obliviate!" – Schreie und die Viertklässler entspannten sich, als ihre Augen ebenfalls leer wurden. Lupin warf Snape, der immer noch gelähmt vor Entsetzen daneben stand, einen traurigen Blick zu. „Obliviate."
Die Slytherins blinzelten ihn wie Eulen an, als Lupin mit zitternder Stimme sagte: „Das hier ist nie passiert. Nichts davon." Dann drehte er sich um und rannte denn Gang entlang davon.
Sirius spürte, wie James an seinem Arm zog, und sie beide drehten sich ebenfalls um und eilten in die andere Richtung.
„Mein Gott! Oh, Merlin!" James beugte sich nach vorn und schnappte nach Luft, sobald sie in den Korridor, der zu den Glashäusern für Kräuterkunde, geplatzt waren. Sirius zog ihnen mit zitternden Händen den Mantel von den Köpfen.
„Was, verdammte Scheiße, was ist da gerade passiert?", stammelte er.
„Lupin ist wirklich verrückt. Und vielleicht böse," sagte James, die rehbraunen Augen weit und angstvoll. „Elfjährige sollten kein Obliviate beherrschen. Das ist ein schwieriger Fluch, und er ist vollkommen illegal. Und er hat ihn viermal verwendet."
„Was hat er mit ihnen gemacht?", fragte Sirius. Seine Knie gaben nach und er sank auf den Boden.
„Dunkle Magie," sagte James zittrig. „Einmal sogar ohne Zauberstab. Ich wusste nicht einmal, dass das möglich ist."
Es war einen Moment lang still, beide waren immer noch zu durcheinander um gerade zu denken.
„Meinst du, wir sollten zu einem Lehrer gehen?"
„Nein," sagte Sirius. „Sie haben es nicht anders gewollt. Ihn so anzugreifen. Er hat uns noch nie so etwas getan. Wir sollten ihn einfach meiden. Ihn nicht wütend machen. Oder vielleicht haben wir das schon. Denkst du, er hat uns schon ge-obliviate-d?"
James schauderte, schüttelte aber den Kopf. „Nein. Er hatte schreckliche Angst. Hast du sein Gesicht gesehen? Ich denke, das muss das erste Mal gewesen sein."
„Er ist einfach durchgedreht. Hast du seine Augen gesehen?"
Es dauerte lange, bis beide sich ruhig genug fühlten, in den Gryffindorturm zurück zu gehen. Lupin kam erst viel später in dieser Nacht und schlich ins Bett. Sirius spürte, wie sein Herz vor Angst hämmerte, bis er plötzlich ein seltsam ersticktes Schniefen aus dem Bett des kleineren Jungen hörte. Es klang wie unterdrücktes Schluchzen. Vielleicht war Lupin besessen. Vielleicht fühlte er sich schuldig. Aber Sirius konnte sich nicht dazu bringen, diese gelben, wilden Augen und den Ausdruck unterwürfigen Entsetzens auf Malfoys aristokratischen Zügen zu vergessen.
Und so war es den Rest des Schuljahres lang. James, Sirius und Peter mieden Lupin sogar noch entschlossener als bisher und Lupin schien so still und verschlossen, dass es nicht weiter schwer war. Sirius beobachtete ihn nicht mehr, er hatte Angst davor, was der Junge tun würde, wenn er ihn erwischte.
Er, Peter und James beschäftigten sich damit, Streiche zu spielen und sich aus Starfarbeiten herauszuwinden. Der Sommer kam, und mit ihm das Ende des Schuljahres. Die Schüler drängten in den Hogwarts-Express, bereit, zum Gleis Neundreiviertel zu fahren.
Als Sirius aus dem Zug sprang und, den Koffer hinter sich her zerrend, auf seine sauertöpfisch dreinblickende Mutter zueilte, erblickte er Lupin, der klein, kränklich und mager aussah. Er stand neben einem stämmigen, dunkelhaarigen, brutal wirkenden Mann.
Der Mann packte Lupins Arm, der trotz der Hitze in einen langen Ärmel gehüllt war. Er schob den Ärmel zurück und Sirius sah mehr von dem narbigen kleinen Arm als je zuvor. Sein verräterisches Herz schauderte vor Mitgefühl. Der Mann sah sich um, um sicher zu gehen, dass niemand direkt hersah, dann grub er in seiner Tasche und holte etwas hervor, das er in seiner Handfläche hielt und dann auf Lupins entblößte Haut presste. Der kleine Junge wurde totenbleich und biss sich in die Unterlippe. Sirius sah ein kleines Blutrinnsal sein Kinn hinunter rinnen, als seine Zähne sich hinein gruben.
Der Mann lehnte sich vor und murmelte Lupin etwas zu, der ruckartig nickte. Sein Arm wurde losgelassen, und einen Moment stand er sichtbar bebend da. Dann rollte er still seinen Ärmel hinunter, zuckte zusammen, hob das eine Ende seines Koffers auf und folgte dem Mann vom Bahnsteig.
*= Anmerkung der Autorin: Ok, ja, ich gebe zu, Remus und ich haben diese Zeile schamlos aus dem alten Lied „Sixteen Tonnes" gestohlen. Remus hat es wahrscheinlich bei seiner Mutter gehört und hat es in dieser Situation zu seinem Vorteil genutzt.
