17. A Marauder's Vocation (Die Berufung zum Rumtreiber)
Straight from your eyes it's barely me,
Beautifully so disfigured
This other side that you can't see,
Just praying you won't remember.
…
There's blood on my hands
Like the blood in you,
Some things can't be treated, so…
Don't make me,
Don't make me be myself around you.
(Blood On My Hands – The Used)
SIRIUS:
Es war nicht halb so schwer wie Sirius zuerst angenommen hatte, James zu überreden, Remus Lupins Freund zu werden. Sirius war der Meinung, dass das viel mit Schuldgefühl zu tun hatte. James war immer am gemeinsten zu dem kleinen Jungen gewesen, und er wusste, dass er dessen Hilfe nicht verdient hatte, als ihr Plan in Zaubertränke fast geplatzt wäre.
Bei Peter war es ein wenig schwerer gewesen. Nachdem er von dem Zwischenfall im Kerker und von den Mondschatten erfahren hatte, war er Remus gegenüber sehr misstrauisch gewesen. Er hatte Angst vor ihm- sie hatten immer noch keinen Schimmer, wie ein so kleiner und bescheidener Junge wie Remus Lupin vier Slytherins besiegen hatte können - und außerdem war Remus zweifelsohne äußerst wunderlich. Peters größter Wunsch war es, dazuzugehören und beliebt zu sein, und Sirius wusste, dass der Rest der Schule sie mit Remus in ihrer Gruppe meiden würde.
Doch Sirius war es eigentlich egal, was die Leute dachten. Aus irgendeinem Grund rief Remus bei ihm eine Art Beschützerinstinkt hervor, der nicht mehr verschwinden wollte.
Und er war nicht der einzige, der es spürte. Bereits nach wenigen Tagen in Remus' Gesellschaft begannen die anderen - vor allem James - ebenfalls Anzeichen davon zu zeigen. Eines Tages wurde das besonders deutlich. Sie waren auf der Suche nach Remus in die Bibliothek gegangen, wo er mal wieder mit gekreuzten Beinen am Boden im Verwandlungstrakt saß (er benutzte nie die Tische und Sirius hatte es als einer seiner vielen Eigenheiten hingenommen). Madam Pince, die sonst immer penibel auf gutes Benehmen in ihrer Bibliothek achtete, schien ihn einfach zu übersehen, als wäre er ein Teil der Einrichtung, der dorthin gehörte.
Er, James und Peter wollten sich gerade an ihn heranschleichen und von hinten überrumpeln (etwas, das sie schon oft versucht hatten. Remus hatte anscheinend einen sechsten Sinn und wusste immer, wann jemand hinter ihm war), als ein Sechstklässler aus Slytherin durch die Regale geschlendert kam, nicht nach unten sah und Remus beinahe auf die Finger trat. Remus schrie leise auf vor Überraschung und zog die Hand weg. Der Slytherin sah wütend auf ihn hinunter und bellte „Beweg dich, du Freak!"
Er holte mit dem Fuß aus und versenkte ihn mit einem dumpfen Geräusch hart in Remus' Seite. Remus wurde blass und krümmte sich.
Sirius handelte, ohne Nachzudenken. Sein Zauberstab war gezückt und sein Mund schon zum Sprechen geöffnet, doch es war James' Stimme, die wutentbrannt den Wabbelbeinfluch aussprach, bevor Sirius noch einen Ton gesagt hatte. Der Slytherin grunzte überrascht, bevor seine Beine zu Gummi wurden und er anfing, unansehnlich herumzustolpern.
Remus fuhr herum und starrte sie an; alle drei hatten den Zauberstab auf den älteren Jungen gerichtet.
„Komm, Remus," murmelte Sirius, beugte sich hinunter und zog ihn auf die Füße.
„Du kleiner - ", begann der Slytherin, doch er brach ab, als sich die Spitze von James' Zauberstab in seinen Nacken bohrte.
„Wag es nie wieder, unserem Freund wehzutun!" James stach nochmal in den Hals des Jungen, was ihn auf seinen wackeligen Beinen stolpern und hart zu Boden gehen ließ. Sirius lächelte, als er den Zorn auf James' Gesicht sah.
„Er kommt mir einfach so… nicht schwach… wir wissen, dass er nicht schwach ist… vielleicht… verletzlich vor?" sagte James, als Sirius es am Abend noch einmal ansprach. Sie waren oben im Schlafsaal und brüteten über dem letzten Zaubertrankrezept für ihren Streich, während Remus unten im Gemeinschaftsraum versuchte, Peter mit seinen Hausaufgaben für Verwandlung zu helfen.
„Verletzlich." Sirius überlegte und fand, dass das Wort sehr passend war. „Ja. Wir wissen, dass er es mit diesen komischen Superkräften, die er hat, leicht mit diesem Slytherin aufgenommen hätte, aber wir wissen auch, dass er es nicht getan hätte."
„Genau das mein ich. Und er ist so seltsam. Er hat diese ganzen komischen Ticks, und die Hälfte davon bemerkt er gar nicht."
Sirius runzelte die Stirn. „Was hast du für ein Problem mit Ticks?"
„Gar keines, Mann." James seufzte und kniete sich auf Sirius' Bett, um seinen Freund ansehen zu können. „Du musst mich nicht gleich so angehen. Ich hab dir ja gesagt, mir geht's genauso. Wobei," korrigierte er sich, „vielleicht nicht ganz genauso. Du verteidigst ihn die ganze Zeit wie ein Irrer."
„Tu ich nicht!"
„Tust du doch, Sirius. Es ist okay. Ich weiß warum. Es sind diese ganzen kleinen Dinge, wegen denen es mir jetzt so leid tut, dass ich jemals gemein zu ihm gewesen bin. Du weißt schon, wie er alle seine Würstchen für diese verdammte Eule aufhebt, wenn sie kommt. Oder lieber auf dem Boden statt auf einem Sessel sitzt." James schüttelte den Kopf und wedelte mit der Hand, als er versuchte, weitere Beispiele zu finden.
„Ist dir aufgefallen, dass er sich das Essen immer ganz vorsichtig nimmt - wie bei einem komplizierten Trank, der jederzeit in die Luft gehen könnte? Oder dass er ständig liest, und dass man ihn tatsächlich zusammenzucken sehen kann, wenn jemand schlechtes Englisch verwendet? Und dass er über Sachen lacht, die sonst keiner lustig findet. Oder dass er immer dieses komische Jaul-Geräusch macht und versucht, zur Seite zu springen, wenn jemand ihn berührt ohne es ihm vorher zu sagen. Und selbst, wenn er weiß, dass gleich jemand an ihm ankommt, verkrampft er sich. Es ist, als würde er gar nicht wissen, wie man sich normal verhält, nur aus Büchern, und deshalb… keine Ahnung… schaut er sich immer selbst über die Schulter und sieht nach, ob er es richtig macht. Und wenn er erkennt, dass er etwas Komisches gemacht hat, bekommt er Angst, als ob jemand ihn dafür bestrafen würde."
Sirius nickte. James war definitiv redegewandter als er. „Ich denke, es ist sein Dad."
„Was?"
„Wenn er Angst hat, dass jemand ihn bestraft. Ich glaube, es ist sein Dad."
„Sirius!" James stöhnte und warf seine Feder nach ihm. „Fang nicht wieder damit an."
„Werde ich nicht. Zumindest nicht Remus gegenüber. Aber ich muss doch irgendetwas unternehmen. Was würdest du tun, wenn du zu hundert Prozent sicher wärst, dass sein Vater ihn missbraucht?"
„Ich…" James rang mit sich. „Er ist jetzt unser Freund. Ich würde ihm h-helfen wollen."
„James, ich verspreche dir, sein Vater tut ihm weh."
Sie saßen eine lange Weile lang still da.
„Was können wir tun?", fragte James schließlich.
„Ich weiß nicht…" Sirius brach ab als er Schritte die Treppe hinaufkommen hörte. Remus kam ins Zimmer und lächelte sie an, bevor er zu seinem Koffer eilte.
„Hey, alles klar, Remus?", fragte Sirius plötzlich, rutschte vom Bett und ging zu ihm. Sein Lächeln hatte irgendwie müde und kränklich ausgesehen. Remus drehte sein Gesicht weg.
„Ja, sicher," murmelte er. Er zog einen Mantel aus dem Koffer.
„Warte, wo gehst du hin?"
Remus mied Sirius' Blick und versuchte, den Kopf abgewandt zu halten. „Ähm… nach Hause. Meine Mutter besuchen."
Sirius spürte, wie etwas in ihm aufblitzte, und ohne zu Überlegen griff er nach Remus' Kinn und zwang ihn, den Kopf zu drehen. Remus versuchte, wieder aus dem Licht zu gehen, doch er war nicht schnell genug, und Sirius erhaschte einen deutlichen Blick auf sein Gesicht. Es war leichenblass, und unter seinen Augen waren schwarz-violette Ringe. Seine Haut unter Sirius' Fingern fühlte sich heiß an, und auf seiner Stirn glänzte eine dünne Schweißschicht.
„Du bist krank. Du kannst nicht gehen!"
„Sirius, bitte."
Remus zog das Gesicht aus Sirius' Griff, und seine Augen wandten sich von Sirius ab. Sie sahen goldgelb und wild, eingesperrt, aus.
„Du siehst wirklich nicht besonders gut aus, Kumpel," sagte James, stellte sich hinter Sirius und sah Remus besorgt an.
„Lass den Besuch doch aus, nur dieses eine Mal," flehte Sirius verzweifelt. Was würde Remus' Vater ihm antun, wenn er ohnehin schon krank war?
„Ich kann nicht, Sirius. Bitte – Ich muss jetzt gehen."
Sirius stöhnte frustriert auf und James versuchte, Remus am Arm zu nehmen. Remus zuckte zusammen und sprang zurück. Er umklammerte seinen Mantel und ging zur Tür.
„Remus, bitte."
Remus schüttelte krampfhaft den Kopf. Er sah völlig gebrochen aus und Sirius spürte, wie etwas in seiner Brust sich schmerzhaft zusammenzog. „Tut mir leid," murmelte Remus, dann wandte er sich um und stolperte aus dem Zimmer und die Stiegen hinunter.
„Wir können ihn nicht einfach gehen lassen!" sagte Sirius und sah James flehend an.
„Was sollen wir denn sonst noch tun? Wir sind nicht seine Wächter. Wir können ihn nicht zwingen, hierzubleiben."
Sirius stampfte hinüber zum Schlafzimmerfenster und starrte wütend hinaus. Die Sonne ging unter und die rosa- und pfirsichfarbenen Wölkchen, die die letzten Strahlen auffingen, schienen seine schlechte Stimmung zu verhöhnen.
„Wir sollten zu Professor McGonagall gehen," sagte Sirius, der plötzlich ihre Hilflosigkeit in dieser Situation erkannte. „Wenn wir ihr sagen was los ist kann sie Remus vielleicht aufhalten."
„Aber Remus würde nicht wollen, dass wir was sagen," sagte James. „Das weißt du doch. Es ist, als würden wir ihn verraten."
Sirius knurrte frustriert, wandte sich vom Fenster ab du trat gegen sein Bett, als er daran vorbeikam. „Manchmal muss man um jemandes willen etwas tun, was ihm nicht gefällt."
„Also…" James verzog das Gesicht und dachte nach. „Vielleicht ist es auch überhaupt nicht so wie du denkst. Vielleicht verstehst du da was völlig falsch und ihm passiert gar nichts."
„Aber du weißt doch, dass etwas passiert!"
„Aber vielleicht nicht das was du denkst!"
„Was sollte es denn sonst sein?"
James war still, er hatte keine Ahnung. Auch ihm wollte keine andere Erklärung einfallen, Sirius konnte es an seinem Gesicht sehen.
„Ich fühl mich einfach so schlecht," sagte er und mied Sirius Augen. „Ich hab ihm schon so oft wehgetan, und ich will es nicht noch mal machen." Er fuhr sich mit einer Hand durch das unordentliche Haar und sah Sirius kurz an, bevor er wieder den Kopf abwandte.
„Hey, weiß ich doch," sagte Sirius, setzte sich neben seinen Freund und drückte seine Schulter. „Ich sag dir was. Wir gehen nicht jetzt. Wir warten und schauen, ob er diesmal okay ist, wenn er zurückkommt. Wenn er wieder so schlimm aussieht, dann gehen wir. Okay?"
James saß eine ganze Weile still da, bevor er sich umwandte und Sirius ein kleines Lächeln und ein Nicken schenkte.
Die nächsten Tage kamen ihnen noch länger vor als beim letzten Mal, als Remus nach Hause gegangen war. Es war sein erster Besuch seit sie offiziell Freunde waren, und Sirius war unglaublich besorgt.
Er war nicht der einzige. Er konnte die Anspannung auf James' Gesicht sehen, und sogar Peters Augen huschten im Unterricht zu Remus' Platz hinüber, und eine kleine Sorgenfalte erschien dann zwischen seinen Brauen.
Es war spätabends am zweiten Tag von Remus' Abwesenheit, als die drei nach ihrer Strafarbeit, die sie bekommen hatten, weil sie die Worte „Hundert Galleonen für jeden, der eine Flasche Shampoo findet, die nicht in Deckung geht wenn sie meine Haare sieht" auf die Rückseite von Snapes Umhang gehext hatten, hinauf in den Schlafsaal eilten.
James hatte gerade den Mund geöffnet, um etwas zu sagen, als Sirius Remus Mantel bemerkte, der auf seinem Koffer am Fußende seines Bettes lag. Er legte die Hand auf James' Mund und deutete darauf.
Die drei schlichen hinüber und lugten durch den Spalt in Remus' Bettvorhängen. Der kleine Junge lag zu einem kleinen Ball zusammengerollt am Kopfende des Bettes und trug wie üblich einen langen Schlafanzug. Die Decke war im Schlaf von seinem Rücken gerutscht, und durch die abgenutzte, verblichene Baumwolle des Schlafanzuges Sirius konnte deutlich den Rand einer Bandage sehen. Sie schien um seine Hüfte gebunden zu sein.
Er lehnte sich vor und hob vorsichtig den Saum von Remus' Oberteil an, um einen Teil des cremefarbenen Verbandes freizulegen. Er hörte, wie Peter scharf luftholte und tauschte einen vielsagenden Blick mit James. Remus rührte sich ein wenig, und die drei zogen sich schnell zurück.
Sirius bedeutete ihnen, ihm aus dem Schlafsaal und hinaus auf den Korridor zu folgen.
„Pete, du bleibst hier und schaust, dass es ihm gut geht, wenn er aufwacht," flüsterte Sirius ihrem pummeligen Freund zu. „James und ich gehen zu McGonagall."
„Seid ihr sicher, dass ihr das tun solltet?", fragte Peter und sah zu Remus' Bett hinüber. „Wird ihn das nicht aufregen?"
„Wir erzählen ihm doch nicht, dass wir gehen, du Trottel," sagte James und verdrehte die Augen. „Aber vielleicht kann sie ihn dazu bringen, nicht mehr nach Hause zu gehen."
Peter zögerte, dann nickte er. „Ich hasse es, wenn er verletzt ist," sagte er. „Er ist so klein. Das ist echt gemein."
Sirius nickte. „Bis später dann."
James schlich zurück nach drinnen und holte seinen Tarnumhang. Es war schon Ausgangssperre, doch wenn sie gehen würden, wenn Remus wach war, würde er sie wohl fragen, wo sie hin wollten. Gemeinsam schlüpften sie aus dem Portraitloch und eilten so leise sie konnten in Richtung McGonagalls Unterkunft. Sie klopften an der schweren Tür, auf dem ein Schild verkündete: Professor Minerva McGonagall – Verwandlung und Hauslehrerin von Gryffindor.
James zog den Tarnumhang von ihnen und sie warteten still bis sich die Tür öffnete und Professor McGonagall herauslugte. Sie trug einen Morgenmantel, doch ihr Haar war ordentlich und makellos wie immer.
„Mr. Black, Mr. Potter, warum sind Sie um diese Zeit nicht im Bett sondern vor meiner Tür?"
„Wir müssen mit Ihnen über Remus sprechen," sagte Sirius. „Wir wissen etwas über ihn, dass Sie erfahren sollten."
So etwas wie eine Spur von Angst huschte für den Bruchteil einer Sekunde über ihr Gesicht, dann war es wieder verschwunden. Sirius blinzelte.
„Kommt herein, meine Herren."
James und Peter schlichen in ihr Wohnzimmer und fühlten sich – wie jeder gute Regelbrecher – im Wohnbereich einer Autoritätsperson völlig am falschen Platz. Sie setzten sich zusammen in eine Sofaecke, während Professor McGonagall hoheitsvoll auf dem Lehnsessel gegenüber Platz nahm.
Das Wohnzimmer spiegelte ihre Persönlichkeit perfekt wieder. Die Stühle waren burgunderrot, und auf dem Boden lag ein einfacher brauner Vorleger, auf dem ein schlichter Couchtisch stand. Die Wände waren voller Bücherregale mit hunderten von Büchern, und Sirius mochte wetten, dass sie alle perfekt geordnet waren. An der einzig freien Wand hing ein großes Portrait eines erhaben aussehenden Mannes mit ordentlichem schwarzem Bart und einem roten Umhang. Derzeit schnarchte er leise in seinem Rahmen, und die Kupferplakette neben dem Bild ließ verlauten, dass es sich um Godric Gryffindor handelte.
„Also? Worum geht es?", fragte Professor McGonagall barsch und lenkte Sirius' bewundernde Aufmerksamkeit von dem Portrait weg.
„Na ja, wir wissen etwas über Remus, bei dem Sie uns helfen müssen," sagte James, neigte beim Sprechen den Kopf du schob seine Brille nach oben.
„Und zwar?", fragte sie und beobachtete sie beide mit fast so etwas wie Beklommenheit. Sirius hatte das Gefühl, irgendetwas an ihrem Gesichtsausdruck zu übersehen.
„Wir denken, dass sein… Vater… ihm wehtut," sagte Sirius und fühlte sich vollkommen elend angesichts dieses Vertrauensbruches.
Professor McGonagalls Gesichtsausdruck war völlig nichtssagend, doch Sirius hatte den Eindruck, dass er nur eine Masse Emotionen unterhalb maskierte. Es erinnerte ihn beunruhigend an Remus.
„Warum vermuten Sie das, Mr. Black?"
„Na ja, Sie wissen doch, wie er jeden Monat nach Hause fährt und seine kranke Mutter besucht?"
Es war kurz still, dann nickte sie knapp.
„Also," übernahm James, „Wenn er zurückkommt sieht er schrecklich aus und ist manchmal wirklich verletzt, und heute Abend ist er zurückgekommen und hat geschlafen als wir hereingekommen sind, und wir haben Bandagen durch seinen Schlafanzug durch gesehen."
Professor McGonagall war sehr lange sehr still, dann sagte sie, „Es könnte hier einige Dinge geben, von denen Sie nichts wissen. Sie könnten voreilige Schlüsse ziehen."
Sirius starrte sie schockiert an. Er hatte er gerade erzählt, dass einer ihrer Schüler nach einem Besuch zu Hause ernstlich verletzt war, und alles was sie sagen konnte war dass sie voreilige Schlüsse zogen?
„Was?", sagte er. „Er ist verletzt! Ist Ihnen das egal?"
Sie schloss die Augen und rieb ihren Nasenrücken, als versuchte sie, etwas sehr heiklem Ausdruck zu verleihen. „Es gibt Dinge über Mr. Lupin, die Ihnen nicht bekannt sind," sagte sie. „Ich kann sie Ihnen nicht verraten, da es nicht meine Geheimnisse sind, und ich bitte Sie dringend, ihn nicht damit zu bedrängen. Manchmal sind die Dinge nicht so, wie sie zu sein scheinen."
Sirius runzelte die Stirn als er versuchte ihren Worten zu folgen und kläglich scheiterte. An James' Gesichtsausdruck konnte er erkennen, dass er dasselbe Problem hatte.
„Wollen Sie also sagen dass Sie wissen, dass sein Vater ihn misshandelt?", wollte James nach einer Weile wissen.
Sie zuckte zusammen. „Ich will damit sagen, dass Sie keinerlei Beweis haben, dass es sein Vater ist, und dass eine solche Anschuldigung ernsthafte Folgen haben könnte."
„Das wissen wir!", sagte James. „Deshalb sind wir zu Ihnen gekommen. Wir dachten, Sie könnten ihn ein paar Monate davon abhalten, nach Hause zu gehen, damit wir sehen, ob er dann auch nicht mehr verletzt wird. Das wäre ein Beweis."
„Und ich habe gesehen, wie sein Vater ihm wehgetan hat," warf Sirius ein.
Diesmal schien Professor McGonagall völlig erstarrt. „Was?"
„Am Bahnhof letzten Sommer. Ich habe ihn mit seinem Vater gesehen. Sein Vater hat etwas aus der Tasche gezogen. Ich dachte zuerst, es wäre ein Silbersickel, aber ich glaube es muss etwas magisches gewesen sein, weil er hat Remus' Ärmel hochgetan und es auf seinen Arm gedrückt - der übrigens voller Narben ist - und Remus hat das Gesicht verzogen vor Schmerz und in seine Lippe gebissen, bis sie geblutet hat. Dann hat sein Vater etwas zu ihm gesagt und er hat genickt und ist mit ihm vom Bahnsteig gegangen."
Professor McGonagalls Gesicht war sehr blass, obwohl ihre Miene unbewegt blieb. Ihre Stimme aber klang plötzlich etwas besorgt, als sie sprach. „Sind Sie sicher, Mr. Black?"
„Ja, Ma'am."
Es war wieder lange still, dann seufzte Professor McGonagall und rieb sich über die Stirn. „In diesem Fall kann ich Ihnen wohl erzählen, dass Madam Pomfrey bereits Missbrauch vermutet und mich informiert hat. Ich habe versucht mit Mr. Lupin zu sprechen, aber er… wollte nicht darüber reden."
Sirius zuckte zusammen. Er wusste nur zu gut, wie Remus' Widerwille aussah. McGonagall lächelte ein wenig, als sie es sah, und nickte leicht. „Wie ich sehe haben Sie es ebenfalls versucht."
„Ja. Er wollte auch mit mir… nicht darüber reden."
„Sie verstehen doch, dass weder wir noch das Ministerium Remus ohne überzeugenden Beweis der Misshandlung davon abhalten können, nach Hause zu fahren, wenn er und sein Vater es so wünschen."
„Es gibt einen Beweis," sagte Sirius. „Sein Körper ist voller Narben."
„Und was ist mit seiner Mutter?", sagte James. „Ich weiß, dass sie krank ist, weil er sie ja immer besuchen muss, aber kann sie nicht etwas unternehmen wenn wir ihr sagen was los ist? Vielleicht weiß sie ja nichts davon?"
„Mr. Black…", sie brach für eine Sekunde ab und suchte nach ihre Blicke. „Ich vertraue darauf, dass nichts, was ich hier sage, diesen Raum verlässt?"
„Nein, Ma'am," sagten Sirius und James gleichzeitig.
„Auch die Narben auf Remus' Körper würden als Beweis nicht ausreichen. Remus hatte einen… Unfall, als er jünger war. Der gleiche Unfall, der seine Mutter so irreparabel verletzt hat. Er hat viele Narben von diesem Unfall. Es wäre schwer zu beweisen, dass sie nicht alle davon kommen. Vor allem wenn Remus die Misshandlung leugnet.
Sirius war sprachlos. Von was für einem entsetzlichen Unfall mochten solche Narben herrühren?
„A-aber ein paar davon sind frisch," sagte James. „Die Wunden, meine ich."
„Ich versichere Ihnen, Mr. Potter, wenn es eine Gerichtsverhandlung gäbe, und sein Vater ihn wirklich misshandelt – was wir immer n och nicht beweisen können – würde er sicherstellen, dass man nichts davon sieht. Und ich befürchte dass Remus' Mutter nicht in der Verfassung ist, irgendwelche wichtigen Entscheidungen zu treffen.
„Also was zur Hölle sollen wir tun?", rief Sirius aus. „Wir können nicht einfach nichts tun!"
„Schön sprechen, Mr. Black!", sagte Professor McGonagall streng. „Ich habe mit allen Lehrern gesprochen, die Mr. Lupin unterrichten, und auch sie halten die Augen offen. Ich glaube auch, dass Professor Anders, oder jetzt ehemaliger Professor, irgendwie Remus' Sympathie gewonnen hat – ähnlich wie ihr – und ihm regelmäßig schreibt. Er kennt die Situation und vielleicht kann er Remus überzeugen, gegen seinen Vater auszusagen.
„Professor Anders?", fragte Sirius ungläubig. „Er ist derjenige, mit dem Remus schreibt?
„Ja. Nun, meine Herren, ich denke, es ist einiges nach Ausgangssperre und Zeit für Sie, ins Bett zu gehen."
„Aber - "
„Das war keine Frage, Mr. Black."
Grummelnd erhoben sich James und Sirius und gingen zur Tür. Als James sie aufstieß wurden sie von McGonagalls Stimme zurückgehalten.
„Sie wissen, dass Sie außer Anders seine einzigen Freunde sind?"
„Ja, Ma'am," sagte Sirius. „Deshalb wollen wir ihm ja helfen."
„Mr. Lupin hatte eine schwere Vergangenheit. Ich nehme doch an, dass Sie ihn weiterhin mit der Fürsorge und Achtung behandelt, die er verdient, falls er sich entschließen sollte, gewisse… Aspekte mit Ihnen zu teilen."
„Natürlich," sagten sie gleichzeitig.
„Er hätte keine besseren oder loyaleren Freunde finden können."
Sirius spürte, wie sich sein Herz bei diesen Worten zusammenzog. Er und James gingen ohne zu antworten.
„Was sollte das alles heißen?", flüsterte James, als sie zurück zu ihrem Schlafsaal eilten.
„Ich hab echt keine Ahnung."
„Ich denke nur - "
„SCHÜLER NICHT IN IHREN BETTEN, SCHÜLER NICHT IN IHREN BETTEN!"
Sie schreckten beide zusammen, als sie die schrille Stimme hörten, und fuhren herum, wo sie Peeves sahen, der im Schneidersitz grinsend in der Luft vor ihnen saß.
„Ooh!", gackerte er. „Peevesy liebt es, Schüler zu finden, die nicht im Bett sind! Vor allem so böse, böse Schüler wie Black und Potty! Filch wird SO wütend sein! SCHÜLER NICHT IN IHREN BETTEN, SCHÜLER NICHT IN IHREN BETTEN!"
Sirius und James drehten sich um und sprinteten fluchend den Korridor hinunter, während James versuchte, den Tarnumhang zu entfalten, den sie beim Verlassen von McGonagalls Wohnung vergessen hatten anzuziehen. Sie hörten eilende Schritte und schlitterten um eine Ecke. James' Fuß glitt aus, und er taumelte nach vorne und hielt sich um nicht hinzufallen am Rahmen eines großen vergoldeten Spiegels fest, der in diesem Korridor hing. Es gab ein lautes, rostiges Knirschen, als der Spiegel in Angeln zur Seite schwang und einen düsteren Gang preisgab.
„Hinein da!", sagte Sirius und als James nur dastand und den Durchgang anstarrte, packte er dessen Hand und zog ihn hinein. Er schwang den Spiegel genau in dem Moment wieder zu, als sie Schritte um die Ecke kommen hörten. Sie standen einige Augenblicke totenstill da, während die Schritte vorbei und den Korridor hinunter eilten, etwas später gefolgt von Peeves' Gackern.
Sie warteten, bis alle Geräusche verklungen waren, bevor sie erleichtert aufatmeten.
„Also, das war knapp," kommentierte James atemlos.
„Jaah. Wohin, glaubst du, führt der? Lumos." Sirius schaute den staubigen, spinnennetzverhangenen Gang hinunter. „Ich find es einfach genial, dass du immer über Geheimgänge stolperst, wenn Filch hinter dir her ist. Wir sollten ihn öfter auf dich loslassen."
„Lass uns weitergehen," sagte James und ignorierte den Kommentar. „Was glaubst du, wohin er führt?"
„Hm, er geht in die gleiche Richtung wie der hinter der buckligen Hexe," machte Sirius ihn aufmerksam. „ Ich denke, es ist noch einer nach Hogsmeade." Sie begannen vorsichtig, Zentimeter für Zentimeter den engen Tunnel entlangzugehen, hielten die leuchtenden Zauberstäbe über ihren Köpfen. „Sieht ein bisschen alt und bröckelig aus."
„Bis jetzt haben wir schon sechs Geheimgänge gefunden," sagte James aufgeregt. „Ohne die Küche dazuzuzählen. Wir sollten eine Karte dafür machen. Eine geheime Karte, die nur wir lesen können."
„Hm," sagte Sirius, „ich denke nicht, dass wir schon gut genug für die Zaubersprüche sind, mit denen man das anstellt."
„Ich wette, Remus kennt ein paar."
Sirius lächelte. „Wahrscheinlich, so viel wie er liest."
Es war ein langer, gewundener Weg den Gang entlang und sie sprachen gerade darüber, umzukehren, als er plötzlich in einer Sackgasse endete.
„Es ist nur 'ne Steinmauer," sagte Sirius enttäuscht.
James hielt den Zauberstab in die Höhe und untersuchte die Wand vor ihnen. Plötzlich lachte er auf. „Es ist eine Kopie von der Mauer in der Winkelgasse!" Er berührte mit dem Stab die gleichen Steine, die in der Winkelgasse in London den Weg freigaben, und die bewegten sich, und sie wurden mit altem Staub und Spinnweben überpudert. Dann standen sie in einer Seitengasse hinter dem Pub Die Drei Besen in Hogsmeade.
„Mann, du bist echt ein Genie," murmelte Sirius ehrfurchtsvoll und starrte die Mülltonnen und den Abfall an, die die Gasse einnahmen. „Das wäre mir nie aufgefallen."
James grinste. „Ich weiß. So brillant bin ich eben."
„Wir sollten jetzt trotzdem gehen," sagte Sirius bedauernd. „Wir sollten zurückgehen und nach Remus sehen."
„Jaah," sagte James, verdrehte die Augen und schenkte Sirius einen halb belustigten, halb verärgerten Blick. „Aber zumindest haben wir's gefunden. Komm, lass uns gehen, bevor du vor Sorge in die Luft gehst."
Sie entfernten sich wieder vom Ausgang, und er schloss sich. Dann gingen sie wieder den Gang entlang und zum Gryffindorturm.
Einige Tage nach ihrem Gespräch mit Professor McGonagall, kam im Tagespropheten ein Artikel über einen Angriff von Anhängern des neuen dunklen Magiers, Voldemort, auf eine kleine Stadt in Devon. Die schrecklichen Dinge, die sowohl den Zauberern und den Muggel aus der Gegend angetan worden waren, schockierten die Gemeinschaft der Zauberer und die neuen Sicherheitsvorkehrungen in Hogwarts machten es sehr schwer, sich hinauszuschleichen.
Sirius, James und Peter wollte nichts mehr einfallen, was sie wegen Remus' Misshandlung noch tun konnten – besonders, da es anscheinend auch Professor McGonagall unmöglich war, irgendetwas zu unternehmen. Als Remus sie fragte, erzählten sie nichts von ihrem spätabendlichen Ausflug, und sie waren erleichtert, dass der kleinere Junge sich gut von seinen Verletzungen erholte. Als er nächsten Monat ein weiteres Mal still aus dem Schlafsaal ging, blass und kränklich aussehend, konnten sie nur hilflos daneben stehen.
Als man über die nächsten Monate nichts mehr von Voldemort oder seinen Anhängern hörte, außer Gerüchte, er würde Zauberer auf seine Seite holen, wurden die Sicherheitsvorkehrungen langsam weniger streng.
Die Tunichtgute von Gryffindor konnten sich nach dem Unterricht wegschleichen, um in einem versteckten Alkoven hinter der Statue eines Koboldes im dritten Stock den Trank für ihren Streich zu brauen. Es war unwahrscheinlich, dass man sie dort stören würde, und das war wichtig, da es im Rezept hieß, wenn man den Trank falsch zubereitete, konnte er „volatil" werden. Sobald Remus den andern erklärt hatte, was „volatil" bedeutete, wurde es ihm und Peter untersagt, sich dem Kessel auch nur zu nähern, bei dem Sirius und James arbeiteten.
„Nichts gegen euch, Leute, aber ihr schafft es, dass ein Kessel explodiert, wenn ihr ihn nur anseht. Vor allem Peter hier," sagte James in einem Tonfall, den er offenbar für freundlich hielt. Er warf vorsichtig einen Löffel Käferaugen in den Trank.
„Das ist doch langweilig!", beschwerte sich Peter. „Remus und ich wollen auch ein bisschen Spaß haben, und euch beiden beim illegalen Trankbrauen ohne uns zuzuschauen zählt nicht."
„Hm, die Vertrauensschüler umkreisen uns nicht mehr wie die Aasgeier," meinte Sirius. „Wir könnten den neuen Gang hinter dem Spiegel ausprobieren und uns nach Hogsmeade schleichen. Ich muss sowieso meine Vorräte an Stinkbomben auffüllen."
„Meinst du?", fragte Remus. „Was ist mit diesem Typen, Lord Voldemort? Er dürfte ziemlich gefährlich sein."
Sirius sah von seinem provisorischen Schneidebrett hinüber in den hintersten Winkel des kleinen Alkovens, wo Remus und Peter zusammengekauert saßen. Peters Miene hatte sich beim Gedanken an ein Abenteuer in Hogsmeade aufgehellt, doch Remus' Gesichtsausdruck war dunkel vor Sorge.
„Wir schauen schon, dass dir nichts passiert, Rem," sagte er und spürte eine Welle der Zuneigung, als er das bernsteinfarbene Augenpaar über den Rand des gewaltigen Verwandlungsbuches lugen sah, das der kleine Junge las.
„Ich weiß, aber - "
„Komm schon, Remus," warf Peter ein. „Es wird sicher lustig."
„James, denkst du nicht, wir sollten warten, bis sie Voldemort gefasst haben?", fragte Remus.
James schien mit sich zu ringen, obwohl Sirius nicht ganz sicher war, ob es sein Schuldkomplex war, der es ihm unmöglich machte, Remus nach allem, was er ihm angetan hatte, nicht zuzustimmen, oder ob er sich Sorgen wegen Voldemort machte. Schließlich sagte er, „Wie wäre es, wenn wir versprechen, nirgendwo hinzugehen, wo es gefährlich ist? Nur zu Zonko und vielleicht zum Honigtopf und wieder zurück?"
Remus seufzte und sah immer noch besorgt aus. „Okay. Wenn ihr unbedingt wollt."
„Remus, warum machst du dir solche Sorgen?", fragte Sirius, rutschte von dem Kessel weg und kniete sich vor ihn.
„Ich…" Remus senkte den Blick und mied Sirius Augen. „Manchmal sind Dinge… Leute… so stark, und man denkt, man kann sie besiegen, aber man kann es nicht. Man geht dumme Risiken ein, g-geht in der Nacht raus oder - oder - oder durch einen verbotenen Weg nach Hogsmeade, und es können schreckliche Dinge passieren, und man wünscht sich danach für immer, man hätte es nicht getan, weißt du?"
Es war lange, lange still. Sirius wusste, dass auch James an den Unfall dachte, von dem McGonagall ihnen erzählt hatte. Der, von dem Remus seine Narben hatte. Er wusste auch, dass dies ein kleiner Blick in Remus' dunkle Kindheit war, der vielleicht etwas mehr Licht auf die anderen Geheimnisse dieses Jungen warf.
„Remus…" Er brach ab, er wusste, was er sagen wollte, aber nicht, wie er anfangen sollte. „Wenn du dein ganzes Leben lang nie ein Risiko eingehst, dann machst du am Ende überhaupt nichts. Verstehst du das nicht? Du kannst nicht dein Leben lang alles umgehen, was vielleicht gefährlich ist, nur weil es schlecht ausgehen könnte. Das wäre unglaublich langweilig."
Remus sagte nichts. Er hob auch nicht den Kopf. Sein hellbraunes Haar war nach vorne gefallen und verdeckte sein Gesicht, sodass er ihm nicht mehr in die Augen sehen konnte.
„Remus?" Sirius lehnte sich vor und schob ihm das Haar von der Stirn, damit er sein Gesicht wieder sehen konnte. „Wir gehen nicht, wenn du nicht willst."
Zögernde Augen sich und trafen Sirius', Remus seufzte, und sein seltsames Lächeln zuckte in seinen Mundwinkeln, als er Sirius' ernsten Gesichtsausdruck sah. „So seriös, Sirius*?"
James und Peter stöhnten, und Remus' Lächeln wurde ein wenig breiter. „Es ist okay. Wir können gehen. Du hast recht – es wäre schlimm, nie was Lustiges zu machen. Mein Innerer Tunichtgut würde sterben vor Langeweile."
„Dein was?", fragte Peter.
„Mein Innerer Tunichtgut. So n-nennt meine Mutter ihn. Er stellt meine Vernunft ab und sorgt dafür, dass ich Blödsinn mache."
Die anderen drei lachten.
„Nur du hättest ihm einen Namen gegeben," sagte Sirius und wuschelte ihm durch die Haare, bis Remus seine Hand wegschob.
„Ich habe auch einen," sagte Peter.
„Und ich," meldete sich James. „Sirius hat keinen. Er hat einen äußeren Tunichtgut und eine innere Vernunft, die manchmal durch den Lärm von sich hören lässt."
„Das klingt aber eher nach einer Beschreibung für euch beide," sagte Remus trocken.
„Ja, na und?", sagte Sirius. „Es ist viel mehr lustig, ein Rumtreiber zu sein, als eine normale Person."
„Lustiger," berichtigte Remus.
„Genau!", sagte Sirius. „Wir sind die Rumtreiber und es ist unsere Pflicht, in dieser Schule so viel Unruhe und Chaos wie möglich zu stiften. Es ist praktisch eine Berufung."
„Eine Vokation," warf Remus ein, und sein halbherziges Lächeln wurde zu einem breiten Grinsen.
„Eine was?", fragte Peter.
„Vokation."
Es war kurz still.
„Jaah," sagte James schließlich. „Sowas in der Art."
„Jaah!", sagte Sirius entschieden.
„Jaah!", stimmte ihnen Peter zu.
„Jaah!", sagte James nochmal.
Wieder war es kurz still.
„Ihr habt keine Ahnung, was eine Vokation ist, oder?", sagte Remus und verdrehte die Augen.
Sie planten ihren Ausflug nach Hogsmeade für das letzte Novemberwochenende. Ihr Trank war fertig, musste aber noch zwei Wochen ruhen, bevor sie ihn verwenden konnten. Am frühen Samstagabend machten sie sich auf den Weg durch den Tunnel.
Als sie aus der Gasse hinter den Drei Besen kamen, gingen die vier Jungen sofort zu Zonko. Es war ein ruhiges Wochenende in Hogsmeade und sie waren die einzigen im Laden, während sie in einem Zustand vollkommener Glückseligkeit in den Regale stöberten.
„So viel zu kaufen und so wenig Geld dafür," sagte Sirius und betrachtete sehnsüchtig ein rotzschießendes Taschentuch und eine Flasche mit einem Trank für sprießendes Zehennägelwachstum.
„Ich weiß was du meinst," stimmte ihm James zu, der bereits beide Arme voller Waren hatte.
„Ich hab schon mein ganzes Geld ausgegeben," sagte Peter. „Ich krieg nicht so viel Taschengeld wie ihr glücklichen Mistkerle."
„Ich kriege gar keines," sagte Remus, steckte die Hände in die Taschen und versuchte so auszusehen, als ob es ihm nichts ausmachte.
Sirius sah in schockiert an. „Wie, gar nichts?"
„Naja, ich bekomme zweimal im Jahr eine Galleone von einem Konto, das meine M… das mir einer meiner Verwandten hinterlassen hat. Aber ich gebe sie meistens für Federn und Pergament und solches Zeug aus."
„Was ist mit deinen Eltern?"
„Wir haben nicht besonders viel Geld," sagte Remus, sah zu Boden und errötete. Offensichtlich wünschte er sich, nie etwas gesagt zu haben.
„Warum hast du denn nichts gesagt?", wollte Sirius wissen.
„Wozu? Damit ihr mir aus Mitleid was gebt?"
„Es wäre kein Mitleid, Remus. Es wäre Freundschaft. Freunde machen sowas."
Remus sah einen Moment lang unsicher aus, wie immer, wenn das Thema „Was Freunde tun" angesprochen wurde. Dann schüttelte er den Kopf. „Ich will sowieso kein Geld."
„Blödsinn. Du liebst Schokolade. Ich wette du würdest töten, um dir im Honigtopf was kaufen zu können," sagte James. „Wir werden dir welche besorgen. Wir sind es dir sowieso schuldig, weil wir dich hierher geschleppt haben."
„Ihr habt mich nicht hergeschleppt, ich bin selber ge- "
Remus brach ab, als von draußen plötzlich mehrere laute Knalle zu hören waren. Die vier eilten zur Tür und lugten hinaus. Auf der Hauptstraße von Hogsmeade stand eine Gruppe von etwa zwölf Gestalten in schwarzen Umhängen. Sirius spürte, wie sei Herz einen Schlag aussetzte, als ein paar die Köpfe wandten und er sah, dass sie weiße, skelettartige Masken trugen.
„Oh Merlin!", wimmerte James neben ihm. „Ihr wisst, wer die sind, nicht wahr?"
„Ich hab euch doch gesagt, dass Voldemorts Leute hier sein würden!", zischte Remus.
Es gab einen langgezogenen Schrei, und zwei Frauen wurden von einem Zauber aus den Drei Besen und auf die Straße gezerrt. Die schwarzgekleideten Gestalten lachten. Zwei von ihnen bellten das Wort „Crucio!", und belegten die Frauen mit einem Fluch. Die Frauen begannen, noch lauter zu schreien, ihre Gliedmaßen zuckten und zitterten, als hätten sie Anfälle.
„Seid ihr verrückt?"
Die vier fuhren herum und sahen den alten Mann, der drinnen hinter Kassa gestanden hatte. „Geht von der verdammten Tür weg! Schnell! Nehmt die Hintertür und lauft so schnell wie möglich zurück nach Hogwarts!"
Sirius, der vor Angst vwie erstarrt war, spürte eine kleine Hand auf seinem Rücken, die ihn nach vorne stieß. „Geh schon, du Idiot!"
Remus schob James, Peter und ihn zur Hintertür und hinter die Theke – die anderen beiden schienen ebenfalls starr vor Angst.
„Schnell!", sagte der Mann und brachte sie nach draußen, während er verängstigte Blicke über die Schulter warf. „Ihr solltet überhaupt nicht hier sein."
Zu den Schreien der Frauen draußen gesellten sich jetzt noch mehr Stimmen. Männer und Frauen.
Sirius spürte, wie seine Beine sich bewegten. Plötzlich waren sie alle draußen in der kleinen Gasse hinter dem Laden, und dann rannten sie so schnell sie konnten durch Straßen und Gassen, fort von den Schreien, ihr Atem so schwer, dass es klang, als würden sie schluchzen, obwohl sie alle zu geschockt zum Weinen waren.
„Schnel…ler!", keuchte Sirius. Seine Lungen fühlten sich an, als würden sie brennen.
Aus der Gasse hinter ihnen kamen vier laute Knalle und Peter schaffte es trotz ihres Laufes vor Angst laut aufzuschreien. Dann schrie er nochmal, diesmal vor Schmerz. Sirius fuhr herum und blieb entsetzt stehen. Peter hing mitten in der Luft, schaukelte über vier lachenden maskierten Gestalten.
„Pete!", sagte James, und die maskierten Gesichter wandten sich ihnen zu.
„Ausreißer?", sagte einer amüsiert. „Aber laut euren kleinen Ansteckern hier seid ihr Gryffindors. Ich dachte, ihr wärt mutig."
Sirius, James und Remus standen wie erstarrt da und starrten ihren pummeligen Freund an, der schluchzend über ihnen hing.
„L-l-lass ihn runter!", schaffte James zu sagen und hob zitternd den Zauberstab.
„Netter Versuch!", spottete ein anderer der Schwarzgekleideten. „Probier's noch mal ohne zu stottern. Crucio!"
Peter begann zu kreischen und zucken und schreien, genau wie die Frauen auf der Straße. Ein kleines Blutrinnsal floss aus seiner Nase.
James versuchte den Wabbelbeinfluch, doch der Mann wehrte ihn so lässig ab, als würde er eine Fliege verscheuchen. Er lachte. „Oh! Das war ja genial! Sowas bringen sie euch also auf dieser Schule bei?"
Er senkte kurz den Zauberstab, und Peter hing ein paar Sekunden lang schlaff und zitternd da, bevor er in wieder hochhob und das Schreien erneut begann.
Neben Sirius gab es eine goldbraune, verschwommene Bewegung. Ihm war nicht ganz klar, was passiert war, bis er die Gestalt die Peter gefoltert hatte zusammengekrümmt auf dem Boden liegen sah, die Hände über seinem Schritt, wie Malfoy es an jenem Tag in den Kerkern getan hatte. Außerdem blutete seine Nase und sein Zauberstab war auf den Boden gefallen. Peter fiel aus der Luft, landete mit einem lauten Aufprall auf dem Boden und rang nach Atem.
Bevor die anderen drei Männer reagieren konnten, wurde einer von ihnen gegen die Wand geknallt, stieß sich hart den Kopf und fiel bewusstlos zu Boden.
Remus zögerte, und Sirius sah, wie die letzten beiden ihre Zauberstäbe hoben und gemeinsam zu einem Zauber anhoben.
„REMUS!"
Remus fuhr herum und wich einem Fluch mit scheinbar unmenschlicher Schnelligkeit aus, wurde aber vom zweiten getroffen. Sirius sah, wie dieser tief in seine Seite schnitt und Blut herausfloss. Der Mann keuchte triumphierend auf und war nicht vorbereitet, als Remus aufsprang und ihn zu Boden warf, seinen Schädel packte und ihn mit lautem Krachen auf den Boden knallte. Der Mann zuckte und rührte sich nicht mehr, ebenfalls bewusstlos.
Die letzte Gestalt setzte zu einem Fluch an, doch dieses Mal war Sirius bereit und die Angst um seinen Freund half ihm, sich an einen Zauber zu erinnern, den Remus ihm in einem Buch für Verteidigung Gegen die Dunklen Künste der vierten Klasse gezeigt hatte
„Petrificus Totalus!", schrie er und traf den Mann in den Rücken. Alle seine Gliedmaßen wurden starr und er fiel zu Boden.
Sirius wollte zu Remus hinüberlaufen, doch der Junge war schon wieder auf den Beinen. But tropfte an ihm herab. „Schnell! Mir nach!", keuchte er.
„Was ist mit Pete?", sagte James und deutete auf ihren Freund, der zwar bei Bewusstsein aber bewegungsunfähig schien.
Remus beugte sich vor und hob ihn hoch. Sirius und James standen mit offenen Mündern da, als er sich Peter über die Schulter warf, als wöge er nicht mehr als seine Schultasche.
„Schnell, verdammt!" Er begann wieder, die Gasse entlang zu rennen, während Peters Kopf gegen seinen Rücken schlug. Sirius und James tauschten einen schnellen Blick, dann stolperten sie ihm hinterher.
„Wohin... laufen… wir?", keuchte Sirius Remus' Rücken zu, als sie um eine Kurve schlitterten.
„Wir… können… nicht… nochmal… durch… die… Mitte," antwortete Remus und sah über die Schulter zurück. „Sonst… kriegen… sie… uns… wieder."
„Wo… zur Hölle… laufen… wir… dann… hin?" wollte James wissen.
„Heulende Hütte."
„WAS?", riefen James und Sirius gleichzeitig und wären fast stehen geblieben.
„Lauft, ihr Idioten!", schrie Remus.
Sie liefen wieder los und versuchten verzweifelt, soviel Abstand wie möglich zwischen sich und die Angreifer zu bekommen.
„Die Heulende… Hütte?" rief Sirius im Laufen. Sie brachen aus der letzten Häuserreihe hervor und Sirius erkannte, dass sie tatsächlich nicht weit entfernt von dem Hügel waren, auf dem sich die Heulende Hütte befand. „Da spukt es!"
„Vertrau… mir…", sagte Remus. Mehr nicht. Aber Sirius und James gehorchten, weil er der einzige war, der die Situation im Griff zu haben schien, und auch derjenige, der beständig aus einer Wunde an der Seite blutete, einen Jungen trug, der ungefähr zweimal so viel wog wie er selbst und immer noch rannte.
Sie wurden langsamer, als sie den Hügel hinaufliefen. Sirius meinte, der Schmerz in seinen Lungen würde ihn umbringen. Jeder Atemzug war ein eiserner Kampf und seine Oberschenkel brannten wie Feuer. Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis sie das alte, mit Brettern zugenagelte kleine Haus erreichten, das sich auf der Spitze des Hügels zusammenkauerte. Aus der Nähe sah es noch furchterregender aus. Größer, verlassener, dunkler.
Die Tür sah aus, als wäre sie in ihren Rahmen hinein gerostet, doch als Remus „Alohomora" keuchte, klickte das Schloss und sie öffnete sich mit einem lautem Krachen, als er dagegen trat.
„Rein da!", sagte Remus und James und Sirius eilten ihm hinterher. Remus schloss die Tür hinter ihnen und sie waren in der Dunkelheit gefangen.
„Merlin und Mordred", flüsterte James. Es klang wie ein Gebet.
Aus Remus Richtung vernahmen sie einen leisen Aufprall und ein geflüstertes „Lumos", dann war der Raum vom schwachen Licht seines Zauberstabes erhellt. Peter lag am Boden und Remus stand blass und schwitzend da und umklammerte seine blutende Seite. „Peter lebt. Nur bewusstlos, denk ich."
„Merlin, Merlin, wir kriegen solchen Ärger!", stöhnte James.
„Halt einfach mal die Klappe, okay?" schnappte Remus. „Wir leben doch noch, oder? Lass mich nur kurz ausruhen."
Er fiel auf die Knie, das Gesicht weiß.
„Oh Gott, Rem," flüsterte Sirius, ging neben ihm in die Knie und versuchte seine blutige Hand wegzuschieben, um etwas sehen zu können. „Bitte stirb nicht. Bitte, bitte."
Remus brachte ein schwaches Lächeln zustande und verstärkte den Griff um seine Seite. „Tu ich nicht. Ich hab schon Schlimmeres erlebt."
„Wann?", wollte Sirius wissen, dem übel und bange wurde angesichts der Menge Blut, die jetzt Remus' ausgeblichenen Umhang verdunkelte.
„Dafür ist jetzt keine Zeit." Remus zog sich auf die Beine und griff wieder nach Peter. „Wir müssen zurück."
„Können wir nicht", machte James ihn aufmerksam. „Dort draußen sind böse schwarze Magier, falls dir das nicht aufgefallen ist."
„Nicht dort. Geheimgang."
„Was?"
„Keine Zeit."
Remus nahm die Hand von der Seite und begann, Peter wieder hochzuheben.
„Sei nicht blöd." James schlug seine Hände beiseite. „Du bist verletzt. Sirius und ich werden ihn nehmen."
„Aber -"
„Komm schon, wo ist der Geheimgang?"
Remus seufzte und ließ James und Sirius Peter zwischen sich hochheben. „Folgt mir."
Sie stolperten ihm nach, weiter in das schäbige Haus hinein, bis sie in einen Korridor kamen, von dem aus eine Treppe nach oben führte. Ein starker, metallsicher Geruch hing hier in der Luft, zusammen mit etwas herbem und moschusartigem und tierischem. Sirius spürte sein Herz gegen seine Rippen hämmern. Er spähte verängstigt umher, schwankte ein wenig und streckte die Hand aus, um sich an der Wand abzustützen. Er berührte etwas Klebriges. Schnell zog er die Hand weg und starrte es im schwachen Licht von Remus' Zauberstab an.
Noch jemand hatte sich hier an der Wand abgestützt. Es war ein deutlicher Abdruck. Es war ein Abdruck aus altem, getrocknetem Blut, und die Hand, von der er stammte, war sehr klein. Eine Kinderhand.
„Sirius, komm weiter!", sagte Remus, und Sirius fuhr herum und starrte ihn an. Remus warf besorgte Blicke auf die schattige Stiege. Er streckte die Hand aus und zog an Sirius' Ärmel, und aus dieser Nähe konnte Sirius das Blut an ihm riechen. Es roch metallisch, und Sirius begriff, dass es der gleiche Geruch war wie der, der von der Treppe kam. Remus' Hand auf seinem Ärmel war sehr klein, und Sirius sah wieder den Abdruck an. Remus folgte seinem Blick.
„Sirius, bitte…", und seine Stimme klang traurig.
„Kommt schon, Leute," sagte James, „Ich glaube mein Rücken geht unter diesem Gewicht kaputt."
Sirius setzte sich langsam wieder in Bewegung, sein Kopf war voll mit Bildern von Blut und Mondschatten und kleinen, narbigen Händen. Was hatte das alles zu bedeuten?
Remus führte sie durch eine Tür am Fuß der Treppe und einen Tunnel hinunter, der so lang war, dass Sirius glaubte, er werde nie zu Ende sein. Peter schien schwerer und schwerer zu werden.
„Wartet kurz," sagte Remus, als sie wenigstens schon ein wenig Tageslicht am Ende des Ganges sehen konnten. Er ging nach vorne, lehnte sich in eine kleine Öffnung, zwängte einen Arm nach draußen und tat irgendetwas. Ein rauschendes Geräusch, das Sirius bis zu diesem Moment gar nicht wahrgenommen hatte, hörte plötzlich auf.
„Kommt schnell!"
Remus sprang aus dem Tunnel und Sirius und James folgte ihm, Peter hinter sich her zerrend. Als sie draußen waren und erkannten, wo sie waren, beeilten sie sich noch mehr.
„Guter Godric, das ist die Peitschende Weide!", wimmerte James und stolperte so schnell wie möglich weg. Der Baum begann wieder sich zu bewegen, gerade als sie Peter außer Reichweite geschleift hatten. „Wie zum Teufel hast du das Ding zum Stehen gebracht?"
„Dafür ist jetzt keine Zeit," sagte Remus. „Wir müssen in den Krankenflügel kommen. Ich glaube, ich werde gleich ohnmächtig."
„Dann los," sagte Sirius und beobachtete ihn besorgt. „Du gehst vor."
Remus führte sie zur Schule, und dann durch eine kleine, kaum sichtbare Tür, die sie, wie sich herausstellte, direkt in den Korridor vor dem Krankenflügel führte.
Mehr Fragen, mehr Fragen. Sirius Gedanken schienen herumzuwirbeln und gleichzeitig träge zu sein.
Sie schafften es bis auf die Krankenstation, bevor Remus zusammenbrach.
„Da seid ihr ja! Oh, Merlin sei Dank!" Und plötzlich war Madam Pomfrey da und Sirius ließ Peters schlaffen Körper los und fiel seinerseits zu Boden, als die Tränen schließlich kamen.
