Alles, was ihr hier lest, gehört Joanne K. Rowling, den Leuten von Warner Bros und Moonsign. Ich bin dreizehn, also werft mir nichts vor.
18. Sirius the Impertinent (Sirius der Impertinente)
Why when we do our darkest deeds
Do we tell?
They burn in our brains
Become a living hell
'Cause everybody tells
Everybody tells…
Got a secret
Can you keep it?
Swear this one you'll save
Better lock it, in your pocket
Taking this one to the grave.
If I show you then I know you
Won't tell what I said
'Cause two can keep a secret
If one of them is dead.
(Aus 'Secret' von The Pierces)
REMUS:
Am nächsten Morgen wurde Remus von einem heftigen, stechenden Schmerz in seinem Körper und einem vertrauten, scharfen Brennen, das, wie er wusste, von einem tiefen Schnitt in seiner Seite stammte, geweckt. Was war letzte Nacht passiert, dass den Wolf so wütend gemacht hatte?
Der Geruch der Tränke auf seinen Wunden lastete schwer auf seinen scharfen Sinnen. Im ersten Jahr war ihm davon noch übel geworden, doch jetzt tröstete er ihn mit dem Wissen, dass sich jemand um ihn kümmerte. Auch die Geräusche von Madam Pomfrey neben ihm beruhigten ihn.
„Bist du wach, Rem?"
Remus glaubte, sein Herz bliebe stehen. Was zum Teufel ging da vor sich? Was machte Sirius in seinem Privatzimmer im Krankenflügel? Wussten sie Bescheid? Würden sie dem Ministerium von ihm berichten?
Und dann kehrte die Erinnerung langsam zu ihm zurück, und er spürte, wie er sich verkrampfte, als die Erinnerung über ihn hinwegfegte. Die Männer in den schwarzen Umhängen, Peter bewusstlos, Kämpfe, die Heulende Hütte… Sirius' Gesichtsausdruck, als er von Remus zu dem blutigen Handabdruck an der Wand blickte. In diesem Moment hatte Remus seine ganze Welt um sich herum zerfallen gespürt. Er wusste, es würde nicht mehr lange dauern, bis sie herausfinden würden, was er war, und er entweder hingerichtet oder in ein Reservat gesteckt werden würde.
Remus wusste auch, dass das schwerste sein würde, ab sofort nicht mehr mit den anderen Jungen befreundet zu sein. Er hatte jetzt Freunde und das war etwas… Wertvolles. Und unersetzliches. Auch wenn es nur für kurze Zeit gewesen war.
„Remus? Bist du wach, Kumpel?" Sirius klang sehr besorgt. Er sprach in diesem leisen, sanften Ton, der schmerzhafte Wärme in Remus' Brust aufsteigen ließ.
„Er ist wach?", fragte James' Stimme, und seine Schritte näherten sich.
Hatte er nicht bemerkt, dass sie beide hier waren? Verdammte Tränke mit ihren verwirrenden Gerüchen. Er überlegte, ob er sich weiterhin schlafend stellen oder die Augen öffnen sollte. Es erschien ihm unglaublich anstrengend, diese kleine Bewegung durchzuführen, doch die Sorge in ihren Stimmen machte ihn entschlossen. Mühsam zwang er sie auf.
Zwei verschwommene Flecke lehnten sich über ihn, und es dauerte einige Sekunden, bis ihre Umrisse scharf wurden.
„Gott sei Dank!", sagte Sirius, und sein Gesichtsausdruck erhellte sich. Remus spürte eine Hand, die seine drückte. Er schaffte es, den Kopf zu drehen. Sirius saß neben seinem Bett auf einem Stuhl – einer dieser typischen Krankenhausstühle, die extra gemacht werden, um unbequem zu sein. James stand zu seiner Seite und grinste sein kürbisbreites Grinsen der Erleichterung. Hinter ihm konnte Remus Peter in dem Bett neben ihm erkennen, der zu ihnen hinüber schaute. Also war er im Krankenflügel, und nicht hinten in seinem Privatzimmer.
„Geht's dir gut?", fragte Peter. Er sah hoffnungsvoll drein, und seine Stirn war vor Sorge gerunzelt. Sein pummeliges Gesicht war sehr blass.
Remus wollte sagen, dass er okay war, doch er brachte lediglich ein unverständliches Krächzen zustande, das ihn trocken husten ließ.
„Hier." Sirius hob ein Glas mit Wasser hoch, das Remus nur anstarren konnte. Er sah es sehnsüchtig an, doch als er versuchte, sich zu bewegen, protestierte jeder einzelne seiner Muskeln schmerzhaft dagegen.
Sirius stellte das Glas wortlos wieder ab und schob die Hand in Remus' Nacken. Er fasste ihn um die Schultern und hob ihn ein wenig vom Bett an. Ein kleines, bemitleidenswertes Wimmern entkam Remus' Kehle, dass er nicht zurückhalten konnte. James nahm das Glas und hielt es Remus an die Lippen, während Sirius ihn hochhielt. Remus spürte, wie er rot wurde. Es war unangenehm, dass sie ihn so schwach und verwundbar sahen. Es war nicht sicher. Jeder Instinkt in seinem Körper schrie es. Doch er war furchtbar durstig und schluckte das Wasser ungeschickt hinunter, wobei er auf ziemlich wolfsartige Weise automatisch die Tropfen aufleckte, die aus seinen Mundwinkeln und das Glas hinunter rannen. James war von Natur aus nicht so übermäßig mütterlich veranlagt und dachte nicht daran, das Glas an Remus' langsame Schlucke anzupassen.
Als das Glas leer war, ließ Sirius Remus vorsichtig zurück ins Bett gleiten. In diesem Moment öffnete sich die Tür zu Madam Pomfreys Büro und sie eilte heraus.
„Remus? Bist du wach?"
Sie schubste die zwei dunkelhaarigen Jungen zur Seite und sah auf ihn herab, dann drückte sie ihm eine Hand auf die Stirn und fuhr mit ihrem Zauberstab an seinem Körper entlang, während sie irgendwelche Zauber murmelte.
„Warum fühle ich mich so mies?", schaffte er, sie zu fragen. Seine Stimme war immer noch ein Krächzen, doch zumindest erkannte man sie jetzt. Er wusste, dass sie die wahre Frage dahinter verstand. Warum fühlte er sich so viel schlimmer als normalerweise? Er erlebte bei Vollmond doch sicherlich Schlimmeres?
„Blutverlust," sagte sie und strich ihm das Haar zurück. „Massiver Blutverlust. Ich dachte zuerst, ich könnte dir nicht helfen. Dieser Schnittfluch hat eine deiner Arterien getroffen, und so, wie du gelaufen bist, ist noch mehr Blut aus der Wunde geflossen. Ich habe wirklich keine Ahnung, wie du es von Hogsmeade bis hierher geschafft hast, du dummer Junge."
„Musste laufen."
Sie schüttelte den Kopf und runzelte dann die Stirn. „Ich weiß. Die anderen haben es mir erzählt."
Remus warf einen äußerst alarmierten Blick über ihre Schulter, als sie sich vorbeugte, um den Verband an seiner Hüfte zu inspizieren. Wenn Madam Pomfrey wusste, wie unbedacht er sein geheimes Versteck preisgegeben hatte, waren seine Probleme weitaus größer, als er vermutet hatte. James und Sirius warfen ihm beide den gleichen Blick zurück, der deutlich sagte, „Wir sind professionelle Tunichtgute. Du denkst nicht im Ernst, dass wir ihr die Wahrheit erzählt haben?". Remus hatte keine Ahnung, was ihnen da für eine Lüge eingefallen sein mochte, doch er spürte gleichzeitig, wie er sich entspannte.
„Hat es deshalb so gebrannt?", fragte er Madam Pomfrey, als sie sich wieder aufrichtete.
„Was?"
„Als ich gelaufen bin. Alles hat gebrannt. Meine ganzen Gelenke und Muskeln."
„Deine Blutgefäße sind kollabiert, Mr. Lupin. In ihnen war kein Blut mehr, und das hat Reibung verursacht."
Aus Peters Bett kam ein würgendes Geräusch. „Bitte hört auf, das B-Wort zu sagen," flehte er. „Mir ist schon schlecht genug. Und auch nicht das V-Wort."
„Blut," sagte James sofort und sah entzückt aus, als Peter erneut grün wurde.
„Venen," fügte Sirius hinzu.
„Arterien."
„Muskeln."
„Sehnen."
„Knochenmark."
„Toast."
Sirius öffnete den Mund, dann sah er James an. „Was?"
„Toast. Er isst so viel davon, ich schätze, es macht eine gute Portion seines Körpers aus."
Peter hielt sich die Hand vor den Mund, während seine beiden sogenannten Freunde sprachen. Er sah sehr, sehr ungesund aus.
„Seid nicht so gemein," krächzte Remus, der nicht mehr tun konnte, als den Kopf ein wenig zu heben, um James und Sirius anzuschauen, die anscheinend völlig ohne Reue waren. „Der arme Peter sieht aus als würde er gleich kotzen."
„Wirst du wirklich?", fragte Sirius den pummeligen Jungen und begann zu grinsen.
„Hast du heute was gegessen, Pete?", fragte Remus, während Madam Pomfrey die beiden Dunkelhaarigen finster und missbilligend ansah und weiter an Remus' Bandagen zupfte.
„W'stch'n'n T'st," murmelte Peter hinter seiner Hand.
„Würstchen und Toast?", sagte Remus. „Gut. Das wird wundervoll aussehen, wenn du es über sie verteilst. Ziel auf Sirius' Haare."
„Iiih!" Sirius und James entfernten sich sofort aus der Kotze-Reichweite und Peter sah enttäuscht aus.
„Wirklich, Jungs," sagte Madam Pomfrey. „Müsst ihr euch in meinem Krankenflügel so aufführen? Ich muss jetzt gehen und mit dem Direktor sprechen, also kann ich mich darauf verlassen, dass ihr euch in Gegenwart meiner Patienten benehmt?"
„Natürlich!" Sirius' und James' Gesichtsausdrücke waren so verletzt und unschuldig, dass sogar Remus ihnen fast geglaubt hätte. Madam Pomfrey sah nicht überzeugt aus, doch sie seufzte und verließ den Krankenflügel mit einem letzten, strengen Blick zurück.
„Endlich!", sagte Sirius und fiel zurück auf seinen Stuhl. „Macht einem echt Angst, die Lady."
„Tut sie nicht," sagte Remus und verteidigte instinktiv die junge Frau, die seine Wunden jeden Monat so sanft behandelte. „Sie kümmert sich bloß um ihre Patienten."
„Du bist viel zu nett und leichtgläubig, Remus. Irgendwann wird es zurückkommen und dich beißen, und dann wird es dir leidtun."
„Ist es schon. Tut es schon."
Sirius warf ihm einen komischen Blick zu. „Was?"
Remus verfluchte sich. Warum wurde seine Zunge immer so eifrig, seine Geheimnisse preiszugeben, wenn er zu viele Tränke intus hatte? Sein Hirn – das wegen seines Fluches sehr geübt in der Kunst der überzeugenden Lügen war – lieferte ihm eine passende Alternative zur Wahrheit. „Ich war so naiv und bin mit euch nach Hogsmeade gegangen. Jetzt schaut euch an, wozu das geführt hat." Er gestikulierte ziemlich bitter zwischen sich und Peter. Die Bewegung verursachte ein Brennen wie das eines äußerst verkrampften Muskels in seinem Arm.
„Es war eher so, dass wir versprochen haben, auf dich aufzupassen und dich überzeugt haben, mitzukommen, und du hast uns vertraut, und am Ende warst du es, der die Bösewichte verprügelt und uns das Leben gerettet hat." Sirius sprach sehr leise und vermied Remus' Blick. „Das tut uns wirklich leid, Rem."
Leid genug, um keine unangenehmen Fragen über bestimmte Sachen zu stellen?, dachte Remus still. Er hatte kein Glück.
„Wie hast du das gemacht?", wollte Peter plötzlich wissen. „Du hast mich aufgehoben, als würde ich nichts wiegen. Und was du mit diesen Typen in den Umhängen gemacht hast. Ich bin vielleicht halb bewusstlos gewesen, aber daran erinnere ich mich."
Remus versuchte verzweifelt, sein langsames, vernebeltes Gehirn dazu zu bringen, sich eine überzeugende Lüge auszudenken. „Das war Adrenalin," versuchte er es. „Tolles Zeug. Ich hab mal was über eine Muggelfrau gelesen, die nur mit Adrenalin ein ganzes Auto hochgehoben hat, das über ihr Kind gefahren war."
„Nachdem sie drei riesige, mit Zauberstäben bewaffnete Männer verprügelt hat und dann ihr ziemlich großes Kind getragen hat und dabei über eine Meile gerannt ist, während sie aus einer Wunde blutete, die in eine ihrer Arterien geschnitten hat?", sagte James.
Remus war still. Er spürte ihre Blicke auf ihm und versuchte, ihnen auszuweichen.
„Wir wissen, dass es Dinge gibt, die du uns nicht erzählst, Remus," sagte James mit für in untypisch sanfter Stimme. Sirius' Schweigen war sogar noch untypischer als James' Sanftheit.
„Du musst es uns nicht sagen, wenn du nicht willst," sagte Sirius. Er sah nicht weg. Er lehnte sich vor, nahm Remus' Hand und drückte sie leicht, woraufhin Remus versuchte, nicht zusammenzufahren. Alles seine Gelenke schmerzten noch immer – als ob sie rostige Angeln wären, die geölt werden mussten.
„Doch, tut er!", sagte Peter. „Freunde machen sowas!"
„Nein," sagte Sirius entschieden, ohne Remus' Hand loszulassen. „Freunde sind für einander da, wenn sie gebraucht werden. Sie versuchen nicht, ihre Freunde zu überreden, ihnen Sachen zu erzählen, wenn sie nicht wollen. Sie bringen sie nicht dazu, sich schuldig zu fühlen, weil sie ihnen das Leben gerettet haben." Er wandte sich um und sah Peter vielsagend an. „Freunde tun alles, um einander zu schützen. Ein Freund wird dich tragen und von einer Gefahr wegbringen, wenn du nicht mehr laufen kannst. Sogar wenn er selber blutet."
Es war eine recht gemeine Zurechtweisung, und Peter lief beschämt rot an. „Stimmt. Tschuldigung, Remus."
James starrte Sirius mit leicht geöffnetem Mund an. „Okay, wer bist du, und was hast du mit Sirius gemacht? Wenn du dich als er verkleiden wolltest, solltest du bedacht haben, dass er niemals nett oder eloquent ist."
„Wer bist du, und was hast du mit James gemacht?", neckte Remus, der sich nicht zurückhalten konnte. „Ich weiß, dass er keine großen Wörter wie eloquent, volatil oder Vokation kennt."
Sirius lachte. „Da hat er dich erwischt, Mann. Oder wer auch immer deinen Körper geklaut hat."
„Ich sag euch, ich kenne viele solcher großen Wörter," sagte James und reckte die Nase in die Luft. „Massenhaft! Wie… Avocado und impertinent und martialisch und delinquent und Marmelade."
„Die kennst du nur, weil Remus sie dir erklären musste, sodass du wusstest, ob du von einem Lehrer beleidigt oder gelobt worden bist," machte Sirius ihn aufmerksam.
„Außer Marmelade," warf Peter grinsend ein. „Das glauben wir dir."
„Ich versuche immer noch, herauszufinden, was das mit der ‚Aufmerksamkeit einer Avocado' heißen sollte," überlegte James. „Man würde doch meinen, Gemüse wäre sehr geduldig und aufmerksam, aber Professor McGonagall klang nicht so, als würde sie es als Kompliment meinen."
„Obst," korrigierte Remus, „nicht Gemüse."
„Du solltest ein Wörterbuch für uns zusammenstellen, Remus," sagte Sirius. „Das Wörterbuch der Rumtreiber für Lange Wörter, die der Rumtreiber Remus Lupin und Verschiedene Autoritätspersonen während von Brillanten Streichen Herrührenden Strafpredigten Anwenden."
„Ich denke, dann sollten wir uns noch einen schnittigeren Namen dafür einfallen lassen," sagte James.
„Seid ihr Herren immer noch hier?", fragte Madam Pomfrey, die gerade zurückkam und seufzte, als sie Sirius und James sah. „Es gibt Mittagessen. Geht und esst was. Ihr dürft ein bisschen später wieder herkommen, wenn ihr euch benehmt."
Murrend gehorchten Sirius und James ihr, aber nicht bevor Sirius sich vorgebeugt und in Remus' Ohr gemurmelt hatte, „Trotzdem dürfen Freunde die Geheimnisse von anderen Freunden auch selbst lüften. Und wir werden es herausfinden, Rem."
Dann war er weg und Remus fühlte sich ziemlich verzweifelt, während seine gute Laune rasch verschwand.
„Also bekommen wir eine Strafe, weil wir uns nach Hogsmeade geschlichen haben?", fragte Remus James, als der ihn nach dem Unterricht im Krankenflügel besuchte. Peter war schon entlassen worden, aber er war immer noch im Schlafsaal und erholte sich. Sirius wurde derzeit von Professor Vector aufgehalten, der ihm einen Vortrag über die Nachteile davon hielt, drei Viertklässler aus Slytherin ins Badezimmer der Maulenden Myrte einzusperren und einen Zettel mit „Schlangengrube – nicht betreten: Voller Schlangen" an die Tür zu hängen.
„Keine schlimme Strafe," sagte James. „Ich glaube, sie sind der Meinung, dass ein Kampf gegen Todesser - so nennen sie sich übrigens – gecruciot und aufgeschnitten werden und dann davonlaufen Strafe genug ist. Sirius und ich haben trotzdem eine Moralpredigt bekommen. Du hättest das hören sollen! Und Dumbledore hat enttäuscht dreingeschaut. Ich hasse das. Warum hat er keine unverständlichen Sachen über meine Aufmerksamkeit und über Avocados sagen können, wie die anderen Lehrer?"
„Weiß nicht." Remus lächelte. „Vielleicht weiß er, dass du sowas nicht kapierst."
„Mit Sicherheit. Schlauer alter Trottel."
Remus begann zu lachen, hörte aber wieder auf, als es einen stechenden Schmerz in seiner Seite verursachte. Er fühlte sich viel besser als am vorigen Tag, aber immer noch wie eingerostet. James sah ihn besorgt an und legte eine Hand auf seine Schulter. „Bist du okay, Remus? Du siehst wirklich nicht so gut aus. Ich hab irgendwie gehofft, du hättest spezielle Schnell-Heil-Kräfte zu deinen ganzen anderen Geheimnissen dazu."
„Schön wär's!", sagte Remus und dachte daran, wie sehr ihm so etwas bei Vollmond helfen würde.
„Naja, du schlägst dich recht gut für jemanden mit einem riesigen Schnitt an der Seite. Ich dachte, du hättest sowas vielleicht."
Remus wollte nicht sagen, dass das daran lag, dass er Schmerzen gewöhnt war. Massenhaft Schmerzen. Jeden Monat.
„Habe ich aber nicht."
„Was hast du dann? Du bist unglaublich stark und schnell. Und du kennst lange Wörter. Was noch?"
Remus konnte nicht anders, als innerlich bei dem Gedanken zu grinsen, dass man als Werwolf automatisch lange Wörter kennen musste, doch der Großteil von ihm war damit beschäftigt, angesichts dieses Verhörs in Panik zu geraten.
„James, bitte…"
„Du musst mir überhaupt nichts erzählen. Ich hab mich nur gefragt. Und Sirius tut das auch. Du weißt ja, er ist fest entschlossen, es herauszufinden. Und das wird er letzten Endes."
Remus sah hinunter auf seine Bettdecke und zupfte mit den Fingern an einem verirrten Faden herum. „Wird er nicht," murmelte er, und hoffte verzweifelt, dass das stimmte. „Sirius ist nicht gut in sowas. Er bemerkt einiges nicht."
„Was zum Beispiel?"
Remus antwortete nicht und rutschte unbehaglich im Bett herum.
„Du bist eine Ausnahme, weißt du," sagte James schließlich, als ihm klar wurde, dass Remus nichts sagen würde.
„Wovon?"
„Von Sirius' … wie war das Wort? Nicht-Bemerkerei?"
„Selbstvergessenheit," schlug Remus kläglich vor.
„Jaah, das. Er bemerkt dich. Es ist so… Die meisten Leute auf der Welt scheinen die ganze Zeit aus seinem Fokus heraus und wieder hinein zu kommen, ohne das es ihm auffällt. Sogar ich und Peter manchmal. Nicht ständig. Aber manchmal. Aber du bist immer drin. Er bemerkt alles an dir. Sogar, als wir noch nicht befreundet waren." James war für einen Moment still, und sein Blick wanderte zu Remus' Oberkörper, der von einem langen Baumwollschlafanzug des Krankenflügels bedeckt war. „Er hat deine Narben bemerkt."
„Die sind auch verdammt schwer zu übersehen," sagte Remus bitter.
„Nein, sind sie nicht. Das hast du sichergestellt. Ich habe nur ein bisschen was von deinem Arm gesehen, als du dort in der Kutsche ohnmächtig geworden bist. Sind sie überall, Rem? Oder nur auf deinen Armen? Hast du am ganzen Körper solche Narben?"
Remus spürte Tränen der Verzweiflung ins einen Augen aufsteigen. Er spürte, wie der Wolf interessiert erwachte. Töten? Verletzen?, schlug er in seinem Hinterkopf vor.
„Wie ist das passiert? Wer würde dir so etwas antun?", fragte James. „Du bist so klein. Ich weiß nicht, warum jemand so etwas machen würde."
Remus versuchte, leise einzuatmen, doch die Luft rauschte mit einem zittrigen Schluchzen in seine Lungen. Er würde sterben. Das Ministerium würde ihn umbringen, wen sie es herausfänden. Er wusste, was sie taten. Sie peitschten verurteilte Werwölfe mit silberbestückten Peitschen aus und richteten sie dann mit einer Silberaxt hin.
„Oh, hey, Remus. Es tut mir leid. Es tut mir leid. Ich hätte das nicht sagen sollen. Ich wollte nicht, dass du weinst." James stand von seinem Stuhl auf, setzte sich auf Remus' Bett und legte ungeschickt einen liebevollen Arm um seine zitternde Gestalt.
„Ich w-weine nicht."
Das stimmte. Es gab keine Tränen, er zitterte nur heftig.
„Wovor auch immer du Angst hast, wir werden dir helfen," sagte James zu ihm. „Auch wenn wir nicht alles über dich wissen. Wir sind jetzt die Rumtreiber. Wir halten zusammen, egal was passiert."
„Das sagst du jetzt…"
„Das sagen wir für immer." Es war Sirius' Stimme, die das gesagt hatte. Remus und James sahen auf und sahen ihn ein paar Meter vom Bett entfernt stehen, die Hände in den Taschen.
Es war einen langen Moment lang still und Remus' Zittern begann allmählich zu verebben. „Also, wie lief es mit Vector?", fragte er in dem Versuch, dem Gespräch eine hellere Note zu verleihen.
„Ich bin mir nicht ganz sicher," sagte Sirius und setzte sich auf das Fußende von Remus' Bett, während James sich wieder auf den Stuhl setzte. „Was bedeutet ‚unverbesserlich'?"
Remus spürte seine Lippen zucken. „Es heißt, du ungezogen bist. Unmöglich zu ändern oder zu verbessern."
„Oh. Dann ist es ja in Ordnung," sagte Sirius fröhlich. „Ich dachte schon, es heißt etwas Schlimmes."
Lieber Remus,
Ich kann nicht glauben, dass du nach Hogsmeade gegangen bist, obwohl du gewusst hast, dass dort gefährliche Leute sein könnten. Ich habe mir solche Sorgen gemacht, als Professor McGonagall mir erzählt hat, was passiert ist. Ich dachte, du wärst vernünftiger.
Ich bin trotzdem froh, dass es dir besser geht. Ich schätze, der Nachteil an Freunden wie diesen ist, dass man früher oder später in Gefahr gebracht wird. Bitte schau, dass es später wird. Um meinetwillen. Ich will nicht, dass du stirbst, Remus.
Noch eine etwas fröhlichere Nachricht, hier sind ein paar Schokobrownies, die Angela gemacht hat. Sie will dich unbedingt kennenlernen, aber sie sagt, das ist das Zweitbeste (Frauen und Schokolade, hm?).
Was machst du zu Weihnachten? Bleibst du in Hogwarts wie letztes Jahr? Wir haben uns gedacht, dass wir dich vielleicht besuchen kommen könnten. Ist das in Ordnung?
Liebe Grüße,
Neil Anders
PS: Die ganzen Würstchen, die du Brutus fütterst, machen ihn fett und faul. Er will jetzt nur noch dir Briefe bringen!
„Neil Anders?", fragte Sirius und Remus zuckte zusammen und zerknüllte den Brief. „Wie in Professor Anders?"
Remus blickte finster drein und wünschte sich, er hätte bei diesem Frühstück nicht neben Sirius gesessen.
„Er ist der, dem Brutus gehört? Ich wette, du schreibst ihm nur, weil du seine Eule magst."
„Tu ich nicht!", protestierte Remus.
„Du kannst sagen was du willst, aber du hast dem fetten Ding gerade alle deine Würstchen verfüttert," sagte James und grinste ihn über den Tisch hinweg an.
Brutus schuhute glücklich und stibitzte eines von Peters Würstchen. Peter versuchte zu protestieren und bekam am Ende einen Hustenanfall, da er seinen Mund voll Speck inhalierte.
Remus versuchte, böse dreinzuschauen und scheiterte. Er war zu glücklich. Es dauerte nur noch eine Woche bis zu den Weihnachtsferien, sie hatten vor, ihren neuen Trank in zwei Tagen anzuwenden, und er würde Weihnachten mit seinen Freunden verbringen.
„Mittwoch wird so lustig," sagte Sirius, rülpste fröhlich und lehnte sich neben Remus auf der Bank zurück. „Ich kann es nicht erwarten, ihre Gesichter zu sehen, wenn sie alle Federn und Schnäbel und sowas bekommen."
„Du bist widerlich, Black," sagte Lily Evans, als sie vom Tisch aufstand.
„Was?", fragte Sirius defensiv.
„Haben deine Eltern dir keine Tischmanieren beigebracht?" Sie stampfte davon.
„Ein unschuldiger Rülpser und sie tickt gleich so aus."
„Sei nicht gemein, Sirius," sagte James und sah Lily hinterher.
Sirius Augen begannen zu leuchten. „Ooh! Verteidigst du deine zukünftige Frau? Ich hab's dir doch gesagt!"
James lief scharlachrot an. „Was? Nein! Sei nicht ekelig, Sirius! Das hab ich nicht gemeint und das weißt du."
Remus und Peter kicherten und James wurde noch röter. „Idioten!"
„Jedenfalls, das wird ein toller Weihnachtsstreich," sagte Sirius. „So gut wie der, den letztes Jahr jemand gespielt hat. Besser."
„Nicht besser," protestierte James. „Der war unglaublich."
„Danke," sagte Remus und senkte bescheiden den Blick. Es war lange still, als die anderen ihn mit offenen Mündern anstarrten.
„Merlin, Rem. Im Ernst jetzt1?"
„Wirklich, das warst du mit dem Eis?"
„Jep."
„Glaub ich dir nicht. Das war ein Sechstklässler-Spruch."
Remus seufzte, schwenkte den Zauberstab in Richtung der Tür zur Großen Halle und murmelte einen Zauber. Evan Rosier ging dort gerade und lag plötzlich einen urkomischen Moment mit rotierenden Armen in der Schräge, bevor er auf dem Rücken aufprallte, die Beine in der Luft und den Umhang über dem Gesicht, als seine Füße auf dem unerwarteten Eis ausglitten.
Während jeder in der Halle in Gelächter ausbrach, murmelte Remus schnell den Gegenspruch. Als Slughorn ankam, um seinem wütenden Schüler zu helfen, war der Boden wieder aus Stein.
„Es war Eis, sage ich Ihnen! Eis!", protestierte Rosier laut, als er humpelnd aus der Halle geführt wurde.
Remus wandte sich um und grinste die anderen Rumtreiber süffisant an. „Remus, du bist mein Held!", sagte Sirius, zog ihn in den Schwitzkasten und wuschelte ihm durchs Haar.
„Sirius! Lass mich los!"
Sirius gehorchte und grinste weiterhin breit, als Remus mit rotem Gesicht und atemlos wieder auftauchte und ihn böse anfunkelte.
„Trotzdem, Mann," sagte Peter und sah Remus bewundernd an. „Das war einfach nur… wow."
Remus sonnte sich in ihrer Aufmerksamkeit. In diesem Augenblick war er glücklicher, als er es je seit den Nächten vor dem Wolf gewesen war.
Sehr früh am Mittwochmorgen gingen die vier Rumtreiber zusammengequetscht unter James' Tarnumhang hinunter in die Küche. Die Hauselfen schauten verwirrt auf, als die Portraittür aufschwang und keiner da war. Sie lugten um die Ecke und schnatterten leise miteinander, dann schlossen sie die Tür und bereiteten weiter das Frühstück vor.
Die Speisen und Getränke, die fertig für den Transport in die Große Halle waren, wurden auf Tischen bereitgestellt. Sie schlichen hinüber, und James' Hand schlüpfte unter dem Umhang hervor und leerte den Zaubertrank in alle Kürbissaftkrüge, die für die vier Häuser waren.
„Manche Leute werden auch Tee oder Kaffee trinken," zischte Remus so leise er konnte.
„Guter Einwand," sagte James, und leerte den Trank auch in die Tee- und Kaffeekannen. Seine Hand schwebte über den Getränken für den Lehrertisch.
„Wag es bloß nicht," sagte Remus, und James und Sirius verdrehten die Augen. James zog die Hand zurück. „Na schön," sagte er beleidigt. „Aber ich hätte alles dafür gegeben, die fette Schlange sehen zu können, in die Slughorn sich verwandelt hätte."
Sie schlichen wieder hinaus, ohne dass die Hauselfen es bemerkten.
Bis zum Frühstück hingen sie in der Bibliothek herum, weil sie nicht wollten, dass es seltsam aussah, wenn sie alle (besonders Sirius und Peter, die dafür bekannt waren, das genaue Gegenteil von ‚Morgenmenschen' zu sein) so früh zum Frühstück kamen. Endlich sprang Sirius auf die Füße. „So! Zeit, die Show zu genießen."
Sie eilten hinunter zum Frühstück, setzten sich alle an den Gryffindortisch und versuchten, nicht zu sehr zu grinsen, während sie sich Essen nahmen. Remus war so abgelenkt, dass er mit der Hand gegen die Silberplatte mit dem Speck. Er atmete zischend ein, zog schnell die Hand zurück und rieb die Verbrennung.
„Remus? Lass mal sehen."
Bevor er protestieren konnte, schnappte Sirius seine Hand und hob sie vor sein Gesicht. „Das ist 'ne ziemlich üble Verbrennung, Rem. Fasst die Platten nicht an Leute. Die sind heiß."
Remus war unglaublich erleichtert, dass alle daraufhin den Platten auswichen. Er wusste nicht, wie er erklärt hätte, dass die lauwarme Platte seine Haut dazu gebracht hatte, Blasen zu werfen.
Der Trank brauchte einige Minuten, um zu wirken, doch er wirkte. Die ersten Schreie kamen vom Ravenclawtisch, was kaum überraschen konnte. Sie kamen an Wochentagen immer früh herunter, um fertig für den Unterricht zu sein. Die Rumtreiber sahen entzückt zu, wie rund um den Tisch Federn aus Armen wuchsen und sich Gesichter verformten, um Schnäbel statt Mündern zu bilden, was die Schreie eher nach Krächzen klingen ließ. Jetzt brach das Geschrei in der ganzen Halle los. Den Slytherins wuchsen Schuppen, und ihre Arme und Haare verschwanden. Ihre Zungen wurden dünn und gegabelt. Den Hufflepuffs spross weißes und schwarzes Fell auf den Gesichtern und sie bekamen kleine flauschige Ohren auf den Köpfen. Ihre Arme wurden kurz und stummelig.
Auch in ihrer Nähe herrschte Chaos. Die Ohren der Gryffindors bewegten sich ebenfalls und wurden zu runden, goldenen oben auf ihren Köpfen. Ihnen wuchsen lange, buschige Schwänze und ihr Haar - vor allem das der Jungen - wurde länger und wuchs ihren Rücken hinunter. Ihre Finger bekamen Krallen anstelle von Nägeln.
Die Rumtreiber brüllten vor Lachen, vor allem, als einige Slytherins versuchten, zu sprechen, und lediglich zischeln konnten.
„Wir trinken jetzt besser auch, bevor uns jemand bemerkt, Leute," sagte James und hob sein Glas.
„Ja. Prost!", sagte Sirius.
„Prost!", wiederholten die anderen und stießen die Gläser aneinander.
Remus versuchte, nicht an die Käferaugen zu denken, die in diesem Trank waren, während er trank. An keine der Zutaten, eigentlich. Der Trank benötigte ein paar Minuten, um zu wirken, dann begann seine Haut merkwürdig zu kribbeln. Es war anders als die Verwandlung in einen Werwolf. Es tat kein bisschen weh. Er sah hinunter und sah, wie Krallen an seinen Händen wuchsen.
Und da begann er, Panik zu bekommen. Die Hände verwandelten sich immer als erstes. Was, wenn dieser Trank bei Werwölfen anders wirkte? Was, wenn er die echte Verwandlung auslöste?
Als er spürte, wie sein Fleisch sich um seinen Körper verschob, ging sein Atem schneller. Er musste hier raus! Was, wenn er jemanden umbrachte? Und sie würden es alle wissen! Merlin! Alle würden es wissen!
Er stand stolpernd auf, gerade als er Fell auf seinem Rücken wachsen spürte. Es war ein vertrautes Gefühl und da begann er zu schreien.
„Rem? Guter Gott! Remus, was ist denn!"
Remus konnte Sirius über das Geräusch seiner eigenen und der Schreie aller anderen Leute in der Halle kaum hören. Er versuchte, von seinen Freunden wegzukommen, seine grässlichen, verwandelnden, krallenbewährten Hände vor sich ausgestreckt. Er wusste, dass er vor Angst hysterisch wurde, aber er konnte nicht aufhören zu schreien. Das letzte Mal, als er solche Angst gehabt hatte, hatten sich die Zähne eines Werwolfs in seine Schulter geschlagen.
„Was ist denn mit ihm? Remus? Remus!" Plötzlich waren James und Sirius und Peter da, drängten sich um ihn und versuchten, ihn anzufassen. Er drehte sich um und stolperte vom Tisch weg und rannte zur Tür. Er lief hinaus und weiter in Richtung der Peitschenden Weide. Er musste irgendwo hin, wo es sicher war, er musste.
Er war schneller als die anderen und hatte sie schnell hinter sich gelassen, obwohl sie ihm immer noch so schnell sie konnten hinterherjagten. Er raste nach draußen und auf den Baum zu. Als er ihn erreicht hatte, rannte er ohne nachzudenken auf den Tunneleingang zu, wich den peitschenden Ästen aus und hämmerte blindlings auf den Knoten am Baumstamm. Die Äste erstarrten und er sprang hinunter in den Tunnel, rannte furchtsam auf die Heulende Hütte zu und die Stufen hinauf, wo er auf das Bett sprang und sich dort zusammenkauerte. Er bekam nicht mehr genug Luft, um zu schreien, doch er schluchzte hysterisch.
Er wusste nicht, wie lange er da lag. Sein Körper kribbelte nicht mehr von der Verwandlung, doch immer noch kam lautes Keuchen von ihm. Ihm war schlecht vor Angst und Entsetzen. Er vergrub das Gesicht in dem zerrissenen und übel zugerichteten Kissen und weinte.
Er bemerkte nicht einmal, dass die anderen das Zimmer betraten, bis er eine Hand auf seinem Rücken spürte.
„Oh Merlin, oh Merlin," wimmerte Peter. „Was ist das hier. Da ist Blut an den Wänden!"
„Rem? Rem? Komm, das hier ist kein guter Ort." Sirius versuchte, ihn hochzuziehen. „Hier sind Dinge! Hier ist Blut, Remus! Was ist los? Sag es mir! Was ist!"
Und dann schluchzte seine eigene Stimme, „Ich d-d-dachte, Ich w-würde mich v-v-verw-wandeln!", schniefte er. „Es i-ist noch nicht m-mal V-V-Vollmond und ich dachte ich w-w-w-würde mich v-verwandeln!"
XXXXXXXXX
1Wenn jemand weiß, wie ich denn tollen serious/Sirius-Witz ohne das wahrhaft grässliche Wort „seriös" übersetzen kann, soll er's mir bitte sagen. Bis dahin lass ich es weg. Tut mir leid.
