Hier, wie versprochen, Kapitel 24, einer meiner persönlichen Lieblingskapitel. So absurd das klingt, irgendwie mag ich unseren Johnny. *Wird von Fangirls ermordet*
Äh ja. Dieses Kapitel ist meiner allerbesten Agnes (Hallo! *winkewinke*) gewidmet, der wahrscheinlich einzigen Person, die diese Übersetzung tatsächlich noch liest. Sie hat mich auch mehr oder weniger dazu gezwungen, die letzten eh-nur-noch-neun-Seiten in dem Rekordtempo von zweieinhalb Stunden zu übersetzen. Agnes, nur dass du das weißt, du hältst mich davon ab, zumindest am Wochenende ein Leben zu besitzen. Ich mag dich aber trotzdem (;
Und noch etwas: Am Ende jedes Kapitels gibt es einen netten kleinen Link mit „Review this Story" Ich erwarte, dass du da drauf klickst und mir schreibst, wie wundervoll ich nicht bin^
Alles gehört Moonsign, der ich hier noch für ein wundervolles Kapitel 77 danken möchte, und JK Rowling, die immer die falschen Leute umbringt. Viel Spaß.
24. The Price Of Belonging To You (Ein Zu Hoher Preis)
Jede Belastung hinterlässt eine untilgbare Narbe, und der Organismus bezahlt sein Überleben nach einer belastenden Situation, indem er ein bisschen älter wird. (Hans Selye)
REMUS:
Die Gerichtsverhandlung sollte im April stattfinden, und dafür war Remus sehr dankbar. Sicherlich würde er bis dahin die Zeit gefunden haben, den Konflikt in seinem Kopf zu lösen? Die ganze Zeit wütete er dort, in jeder Schulstunde, am Tisch in der Großen Halle, abends im Gemeinschaftsraum. Er fand kein bisschen Schlaf, und er musste sich zwingen, zu essen. Die ganze Zeit über hörte er die Worte in Gedanken; Familie oder Freunde, Familie oder Freunde, Familie oder Freunde...
Es war eine qualvolle Entscheidung, und Remus fühlte sich nicht dazu ausgestattet, sie zu treffen. Er wusste, dass die anderen sich Sorgen machten. Er spürte dauernd ihre Blicke auf sich. Es war wie im ersten Jahr, als er bemerkt hatte, dass jeder einzelne seiner Schritte beobachtet wurde. Diesmal konnte er sich nicht in die Bibliothek zurückziehen, sich auf den Boden setzen, ein Buch lesen und sich seiner Mutter näher fühlen. Das machte es nur schlimmer, denn dann begann die Stimme in seinem Kopf zu rufen, Familie, Familie, Familie... Es sollte IMMER Familie sein!
Die einzige Zeit, zu der er befreit war, war über Vollmond, wo der unerbittliche Schmerz für eine Weile die Oberhand gewann. Er war sich nicht sicher, ob das eine Verbesserung war. Die Rumtreiber blieben nach Vollmond bei ihm, und keiner von ihnen erwähnte sein beschämendes kindliches Verhalten, wenn sie nicht unbedingt mussten, doch das Wissen darüber war immer da, ungesagt. Selbst in diesem Zustand bemerkte er die freundlichen Stimmen, sanften Berührungen und Geschenke in Form von Schokolade. In diesen Momenten rief die Stimme in seinem Kopf, Freunde, Freunde, Freunde!
Nach einer erschreckend kurzen Zeitspanne lag der April in naher Zukunft vor ihm. Er war nicht wirklich überrascht, als eines Nachts ein Drittklässler mit der Nachricht vorbeikam, dass Dumbledore mit ihm reden wollte.
„Geht das in Ordnung?", fragte James, als Remus sein Buch zuklappte und sich von dem Teppich vor dem Kamin erhob, auf dem er zusammengerollt gesessen hatte.
„Ja, natürlich," sagte er und versuchte zu lächeln. „Er will wahrscheinlich nur über die V-Verhandlung reden."
Er wusste, dass er aufgeflogen war, denn plötzlich blickten James, Sirius und Peter von dem Schachspiel vor ihnen auf und sahen ihn besorgt an.
„Ich komm mit dir mit," sagte Sirius und stand auf.
„Nein, Sirius," protestierte Remus. „Er hat nicht gesagt, dass du kommen darfst."
„Er hat nicht gesagt, dass ich nicht darf. Außerdem wird es langweilig, James zum vierten Mal dabei zuzusehen, wie er Pete schlägt." Er grinste die zwei Jungen entschuldigend an, bevor er sich wieder Remus zuwandte. „Dann mal los."
Remus brachte es nicht über sich, noch mehr zu protestieren, denn in Wahrheit war er mehr als dankbar für die Gesellschaft. Sie machten sich auf den Weg zu Dumbledores Büro.
„Karamell-Eclair," murmelte Remus dem Wasserspeier zu, der sich daraufhin zur Seite verschob und die Treppe hinter sich freigab.
„Ah, Mr. Lupin!", rief Dumbledore, als sie das Büro betraten. „Wie ich sehe, hast du auch Mr. Black mitgebracht? Das muss das erste Mal sein, dass er diesen Raum ohne die Worte „Was auch immer es ist, ich wars nicht" betritt." Er zwinkerte, und Sirius wirkte ein wenig verlegen.
Remus sah sich im Büro um und erkannte, dass Dumbledore nicht alleine war. Eine große Hexe in einer schwarz-violetten Ministeriumsrobe saß bei seinem Schreibtisch. Sie hatte ziemlich krauses graues Haar und der Ausdruck auf ihrem gealterten Gesicht war gestresst, aber freundlich.
„Remus, dies ist Marjory Oblen von der Abteilung zum Schutz junger Hexen und Zauberer. Sie leitet den Fall deines Vaters. Ms. Oblen, dies ist Remus Lupin und sein Freund Sirius Black – beide Zweitklässler aus dem Hause Gryffindor.
Remus entging nicht, wie ihre Augenbrauen sich bei dem Namen Black ein wenig zusammenzogen, und dann noch etwas mehr, als sie Gryffindor hörte.
„Mr. Lupin," sagte sie, erhob sich und schüttelte seine Hand. „Ich bin nur hier um Sie zu informieren, dass Ihr Vater um eine Gelegenheit gebeten hat, vor dem Prozess noch einmal mit Ihnen zu sprechen."
Remus erbleichte, und sie bemerkte es offensichtlich, denn sie fügte hastig hinzu," Sie sind natürlich in keinster Weise verpflichtet, zuzustimmen. Und wenn Sie es tun, werden Sie die ganze Zeit unter Beobachtung stehen, um sicher zu gehen, dass er Ihnen nicht wehtun kann."
Wenn sie glaubte, dass diese letzten Worte ihn beruhigt hatten, lag sie falsch. Remus spürte, wie seine Magengegend sich verkrampfte und machte einen kleinen Schritt rückwärts. Er spürte Sirius' tröstende Hand auf sich, die seine Schulter drückte.
„Soll ich ihm mitteilen, dass Sie nicht mit ihm sprechen wollen?", fragte Ms. Oblen und blickte ihn besorgt an.
„N-n-nein, ich w-werde mit ihm reden," brachte Remus hervor.
„Sind Sie sich sicher?" Sie sah sehr skeptisch drein. „Sie müssen nicht."
„Ja," sagte er ein wenig energischer. „Ich bin mir sicher." Sein Gesicht fühlte sich heiß und feucht an, und er hob die Hand, um sich die Haare aus den Augen zu wischen. Er zuckte zusammen, als er sie scharf Luft holen hörte und sah, dass ihre Augen auf sein Handgelenk fixiert waren, wo sein Ärmel hinuntergerutscht war und den Blick auf seine Narben freigab. Er schüttelte ihn schnell wieder hinunter und wurde rot.
„Vielleicht sollten wir doch nicht -" begann sie, doch Remus unterbrach sie mit einem scharfen Kopfschütteln. Familie oder Freunde, Familie oder Freunde...
„Nein, ich will mit ihm reden."
Er spürte, wie Sirius seinen Arm noch fester umfasste und warf einen Blick in die äußerst besorgten grauen Augen. „K-kann ich meine F-F-Freunde mitnehmen?", fragte er unsicher.
Ihr Blick wurde weicher. „Natürlich, Liebes. Bringen Sie, wen immer sie dabei haben wollen. Sie sollten sich so wohl wie möglich fühlen. Ist Samstag in Ordnung?"
Remus nickte und wollte langsam nur noch weg von hier. „Kann ich jetzt gehen?", fragte er und hasste es, wie klein und schwächlich seine Stimme klang. Er wusste, dass er zitterte, und er wusste, dass Sirius es auch spüren musste.
„Natürlich. Dumbledore wird Sie nächsten Samstag über das Flohnetzwerk hinbringen." Sie warf einen Blick auf Sirius, der immer noch Remus' Arm umklammert hielt. „Ich wusste gar nicht, dass es einen Black im Hause Gryffindor gibt. Schon gar nicht der Erbe des Black'schen Vermögens."
Remus erstarrte und trat automatisch einen Schritt vor, um seinen Freund vor eventuellen Beleidigungen zu beschützen. Sirius hob trotzig den Kopf. Remus sah, wie Ms. Oblens Brauen sich noch ein Stück weiter hoben, als sie diese kleinen Reaktionen bemerkte. „Das meine ich nicht negativ," erklärte sie eilig. „Wenn ich Sie wäre, Mr. Black, wäre ich sehr stolz. Sie werden ihrem Namen alle Ehre machen."
„Das bezweifle ich stark, Ms. Oblen," sagte Sirius, und Remus sah überrascht auf angesichts des schieren Adels, der glatt von seiner Stimme tropfte. Sirius hatte noch nie so nach Reinblüter geklungen. „Der Name Black steht für viele Dinge, die ich nicht bin."
Sie sah ihn einen langen Moment lang an, dann murmelte sie, „Dann freue ich mich auf den Tag, da Sie ihr Erbe erhalten, und diese Ideale sich mit Ihnen ändern."
Sirius beäugte sie einen Augenblick lang, bevor er mit einem kurzen Nicken das Kinn senkte und sich der Tür zuwandte. „Komm, Rem." Remus erlaubte sich, von ihm mitgezogen zu werden. Als sie die Tür erreichten rief Sirius über die Schulter, „Bis dann, Dumbie!"
„Mr. Black, ich habe Sie doch freundlichst darauf aufmerksam gemacht, diesen herabwürdigenden Spitznamen nicht mehr zu gebrauchen!", rief Dumbledore ihm nach, klang aber eher amüsiert als wütend.
„Sirius!", sagte Remus schockiert, als sie sich auf den Weg zurück in ihren Gemeinschaftsraum machten.
Sirius lachte angesichts seines Gesichtsausdrucks. „Du bist so ein Heuchler, Moony. Tu nicht so empört. Ich weiß ganz genau, wer letzten Monat Dumbies Wasserspeier so verhext hat, dass er ihm jedes Mal nachgepfiffen hat, wenn er aus dem Büro gekommen ist."
„Ja, aber er weiß es nicht," machte Remus ihn aufmerksam. „Er weiß allerdings genau, wer ihn Dumbie nennt. Die Lehrer haben recht – du bist unverbesserlich. Ich weiß nicht, warum ich mir deine Gesellschaft eigentlich antue."
„Doch, das weißt du," sagte Sirius und sah empört drein. „Als du das das letzte Mal gesagt hast, habe ich dir eine ganze Liste von Gründen zum Auswendiglernen geschrieben. Sag nicht, du erinnerst dich nicht and sie."
„Tu ich," sagte Remus. „Ich frage mich nur langsam, ob „Sirius' Haare sehen wirklich fantastisch aus" mich auch dieses Mal überzeugen wird."
Als er vor dem Sprechzimmer des Gefängnisses stand, war Remus übel vor Nervosität.
„Also, wir haben seinen Zauberstab konfisziert," erklärte ihm Ms. Oblen. „Und es wird ein Auror dabei sein, damit er Ihnen in keinster Weise wehtun kann. Ich befürchte, alle anderen werden ihm Raum nebenan warten müssen, aber sie können euch durch das Fenster sehen und hören. Wir können nicht zu viele Leute da drin haben."
Remus sah auf zu den Rumtreibern und Neil Anders, die schützend hinter ihm standen. „Okay," sagte er und versuchte, seine Stimme nicht allzu zittrig klingen zu lassen.
„Sehr schön. Würden Sie mir bitte folgen?"
Remus atmete tief durch und folgte ihr durch die Tür.
Das Zimmer war klein und kahl. Es gab nur zwei Stühle, die einander gegenüber an einem Tisch standen, und ein ungemütlich aussehender Auror stand in der Ecke. Rechts von ihm war ein Kamin, und links war eine große Glasscheibe in die Wand eingelassen, durch die seine Freunde ihn vom anderen Raum aus beobachteten.
Der Kamin leuchtete grün auf, und zwei weitere Auroren erschienen. Sie hielten John Lupin zwischen sich. Remus stockte der Atem. Sein Vater sah schrecklich aus; unglaublich dünn, schmutzig und blass. Sein Haar war strähnig, und er sah aus als habe er sich die letzten Tage nicht rasiert. Seine bernsteinfarbenen Augen jedoch waren dieselben, und in ihnen brannte Zorn und Wut, als er Remus ansah.
„Setzen," befahl einer der Auroren und stieß ihn in den Stuhl gegenüber von dem, in dem Remus Platz genommen hatte. Er murmelte einen Zauberspruch und hielt den Zauberstab kurz über Johns Körper, der augenblicklich gegen den Stuhl gedrückt wurde, als hätte man ihn dort festgenagelt.
„Bereit?", fragte der Auror und sah Ms. Oblen an.
„Ja, wir werden Sie rufen, wenn er wieder in seine Zelle zurückmuss."
Sie nickten und stiegen wieder ins Feuer, um zu ihren Abteilungen zurückzukehren. Ms. Oblen stellte sich neben den stummen Auroren in der Ecke, um Vater und Sohn ein Gefühl von Privatsphäre zu geben.
„Remus."
Obwohl Remus wusste, dass der Mann sich in seinem Stuhl nicht bewegen konnte, krümmte er sich innerlich, als er diese Stimme hörte.
„D-Dad?"
„Du hast mir das angetan. Das hier ist deine Schuld."
Er sagte es mit solcher Kälte und Selbstsicherheit, dass Remus noch mehr auf seinem Stuhl zusammensank. Er warf einen kurzen Blick aus dem Fenster und sah, dass seine Freunde und Neil abwechselnd ihm besorgte und seinem Vater finstere Blicke zuwarfen.
„I-Ist es nicht," brachte er hervor. „Ich h-habe ihnen gesagt, dass sie dich nicht verhaften sollen."
„Und das soll ich dir glauben, du undankbare Kreatur!"
Remus spürte, wie er heftig zu zittern begann und ballte seine Hände im Schoß zu Fäusten. Er fühlte, wie seine Fingernägel halbmondförmige Wunden in seine Handfläche gruben.
Ms. Oblen trat vor. „Ich denke, wir sollten vielleicht -"
Remus schüttelte den Kopf. Er wusste, dass er das hier tun musste. Er musste die Stimmen in seinem Kopf zum schweigen bringen, und das war die einzige Möglichkeit.
„D-Dad. Du h-hast mir w-w-w-wehgetan," sagte er, und er hasste es, wie dieser Mann es schaffte, ihn in ein erbärmliches, stotterndes Häufchen Elend zu verwandeln.
„Du weißt ganz genau, dass alles, was ich getan habe, nur zu deinem eigenen besten war," sagte John kalt, und seine Augen musterten Remus' Körper voll bösartiger Grausamkeit.
„N-Nein...", sagte Remus. Er dachte an den Tag nach Vollmond. Er dachte daran, wie er dazu gezwungen war, in Ein-Wort-Sätzen zu sprechen und mit dem Stofftierwolf zu kuscheln, den James für ihn herbeigezaubert hatte, als er sich das letzte Mal aufgeregt hatte. Eine Schamwelle überrollte ihn, und er spürte, wie seine Entschlossenheit sich ein wenig festigte.
„Nein, das stimmt nicht."
„Entschuldige?", höhnte John. „Ohne mich wärst du nichts weiter als ein Tier!"
„Ich denke wirklich -", begann Ms. Oblen und schrak zurück, als beide Lupins „Nein!" riefen.
„Du hast mich zu einem Tier gemacht, Dad!", sagte Remus und spürte wie Wut in seiner Brust aufstieg. „Ich habe Mum versprochen, keines zu werden, aber du hast mich zu einem gemacht!"
„Ohne deine Mutter wärst du jetzt hier an meiner Stelle," sagte John, bebend vor Zorn. Remus hörte die Worte, die der Mann nicht dazusagte. Ich hätte ihnen längst erzählt, dass du ein Werwolf bist, und ihnen erlaubt, dich zu töten.
„Du denkst, Mum würde es gefallen, was du mir angetan hast?, wollte Remus wissen. „Denkst du, sie fände es richtig, mich in den Keller zu sperren und m-mich zu schlagen und mich zu v-verbrennen? Ganz egal, was ich getan habe?"
„Das ist egal!", sagte John und kämpfte gegen den Zauber, der ihn zurückhielt. „Sie ist tot und es ist deine Schuld!" Er lehnte sich vor so weit er konnte und flüsterte hasserfüllt, „Du hast sie getötet."
„H-h-habe ich nicht!", sagte Remus und spürte, wie die ersten Tränen seine Wangen hinunterliefen. Er ignorierte Ms. Oblen, die mit hilflosem Gesicht wünschte, dazwischen gehen zu dürfen.
„Das weißt du ganz genau. Es war ein Unfall. Ich habe ihr nichts getan!"
„Du wirst mich hier rausholen, Remus," fuhr John fort. „Ich habe dich jahrelang beschützt, obwohl ich deinen Anblick nicht ertragen kann."
„Warum sollte ich?", rief Remus wütend. „Warum sollte ich das für dich tun, wenn du nie etwas anderes getan hast, als mir wehzutun?"
„Weil ich dein Vater bin. Wir sind eine Familie, sosehr ich dich auch hasse. Blut geht immer vor. Ich hätte gedacht, gerade du solltest die Macht des Blutes kennen."
Remus wand sich.
„Es gibt einen Preis, den man für seine Familie zahlen muss," sprach John weiter, und seine Augen wanderten zielgenau zu der Schulter, wo Remus' Werwolfbiss versteckt war. „Es gibt einen sehr hohen Preis. Und du gehörst du mir."
Remus fühlte, wie er erstarrte. Das war es also. Das war das, worauf er gewartet hatte: der Moment, da er die Entscheidung treffen musste. Blut oder Liebe. Er warf erneut einen Blick zum Fenster, wo seine Freunde schockiert und voll Sorge zusahen. Sein Blick fiel auf Anders. Wir wollten dir unser Zuhause anbieten, wenn du es willst.
Langsam stand er auf und ging auf seinen Vater zu, dessen Augen sich um einen Bruchteil weiteten. Er schob einen seiner Ärmel nach oben – bis hinauf zur Schulter. Er ignorierte das schockierte Keuchen, als ihre Beobachter die Narben und Verbrennungen sahen, die seinen Arm übersäten. Natürlich waren ein paar davon das Werk des Wolfes, aber die meisten hatte sein Vater verursacht.
„Ist das der Preis?", fragte er leise und starrte in die bernsteinfarbenen Augen, die seinen eigenen glichen. „Ist das der Preis, den man zahlen muss, um zu dir zu gehören?"
Johns Augen weiteten sich noch mehr, und der Atem blieb ihm in der Kehle stecken. Er sah etwas in Remus' Augen, dass er nicht erwartet hatte. Remus wusste nicht, was es war. Vielleicht war es der Wolf, doch das bezweifelte er. Normalerweise verursachte der Anblick des Wolfes in seinen Augen bei seinem Vater einen Anfall von Zorn und Hass. Nein. Vielleicht erhaschte er zum ersten Mal einen Blick auf den Mann, den Menschen, zu dem der gebrochene Junge vor ihm wurde. Remus wollte, dass er diesen Mann sah, der er sein wollte. Er wollte, dass sein Vater ganz genau sah, was er verloren hatte.
„Weil," beendete Remus leise seinen Satz, und er warf noch einen weiteren, kurzen Blick auf das Fenster, „Ich glaube, ich will diesen Preis nicht länger zahlen."
Es war totenstill zwischen ihnen, als die Worte verklangen, und Remus sah, wie das Gesicht seines Vaters sehr, sehr blass wurde. Für einen Moment – nur einen kurzen Augenblick, den er verpasst hätte, wäre er nicht so nahe gewesen – sah er ein Aufflackern von Schuld in diesen Augen. Dann wurde ihr Platz von Wut eingenommen, und er legte den Kopf zurück, um Remus hasserfüllt anzusehen.
„Dann fahr zur Hölle!", spie er.
Remus konnte nicht anders, als bitter zu lachen. „Ich war schon dort. Weißt du noch? Ein dunkler Raum mit Blut an den Wänden, und ein Schürhaken, der mich verbrannt hat, bis ich nur noch nach jemandem geschrieen habe, der mich umbringt. Du musst dich erinnern, Papa. Du hast mich dorthin gebracht."
„Du Monster!"
„Ich bin das Monster?", fragte Remus mit tränenerfüllter Ungläubigkeit. „Dann liegt es wohl in der Familie." Er wandte sich zu Ms. Oblen, die mit weit offenem Mund den Schlagabtausch verfolgt hatte. „Ich gehe jetzt."
Er drehte sich um und verließ den Raum, ohne zurückzusehen. Er hatte keine Angst, dass sein Vater sein Geheimnis verraten würde. Von der hilflosen Wut in Johns Augen wusste er, dass seine Mutter sogar jetzt ihre schlanken Finger um seine Stimmbänder gelegt hatte. Der Mann würde es nie verraten. Und er würde deswegen für lange Zeit in Askaban verrotten. Remus kümmerte es nicht.
„Remus?"
Seine Freunde standen vor ihm; sie sahen entsetzt, hilflos und mitfühlend aus. Er warf Neil einen Blick zu, der kurz zögerte, und dann unsicher die Arme ausstreckte. Remus wusste, dass er mehr anbot als nur eine Umarmung. Es war eine stumme Einladung, sein Zuhause und seine Familie mit ihm zu teilen. Remus dachte nicht mehr darüber nach. Er fiel praktisch in Neils Arme und vergrub das Gesicht in der Brust des Mannes, um die heißen Tränen zu verstecken, die in seinen Augen brannten.
„Es ist alles gut," murmelte Neil in seine Haare hinein. „Jetzt ist alles gut."
Als der Gerichtsprozess endlich vor der Tür stand, wünschte Remus sich mehr als alles andere, nicht gehen zu müssen. Sowohl Neil und Angela als seine neuen Vormunde, als auch die Rumtreiber und Dumbledore, der Mitglied des Zaubergamots und damit der Geschworenen war, waren dabei.
Remus hatte sich noch nie so unbehaglich gefühlt wie jetzt, da er den Gerichtssaal in Sirius' kleinster förmlicher Robe betrat, da er selbst keine besaß. Obwohl sie Sirius nicht mehr passte, war sie Remus etwas zu groß, aber das Gefühl des schwarzen und burgunderroten Samts auf seiner Haut gab ihm mehr Selbstsicherheit. Es war ein halbkreisförmiger Raum, und an der runden Seite waren Tribünen voller Sitze. Die Gruppe wurde zu den Sitzen in der vordersten Reihe geführt – nicht ohne ein kleines Theater von James, Sirius und Peter, die man fast zu den hinteren gebracht hätte. Sie saßen gegenüber einer kleinen Plattform, auf der ein riesiger hölzerner Stuhl mit Ketten für Arme und Beine stand. Remus starrte ihn entsetzt an. Erwarteten sie, dass er während der Befragung auf diesem Ding saß?
Eine ernst aussehende Hexe im schwarzen Ministeriumsumhang erhob sich und blickte durch ovale Brillengläser in den Raum. „Wenn sich alle gesetzt haben, würde ich gerne damit fortfahren, dem Gericht den Fall John Lupin präsentieren. Zuerst, würde Mr. Remus Lupin, Opfer der mutmaßlichen Misshandlung, bitte vortreten?"
Nach einem sanften Stoß von Neil und einem beruhigendem Lächeln von Angela und den Rumtreibern kam Remus stolpernd auf die Füße und ging auf die Plattform zu. Die streng aussehende Hexe zauberte einen etwas weniger furchteinflößenden Stuhl neben dem, von dem die Ketten baumelten, herbei, und Remus setzte sich unsicher.
„Ich bin Grizelda Clearwater," sagte sie und wandte Remus ihren harten Blick zu. „Ich werde sie unter Einfluss des Wahrheitszaubers befragen. Dieser Spruch funktioniert anders als Veritaserum. Er wird Sie nicht zwingen, etwas gegen ihren Willen zu sagen. Über ihrem Kopf wird ein grünes Licht erscheinen, und wenn sie die Unwahrheit sagen, wird es sich rot färben. Sie sind nicht verpflichtet, die Fragen zu beantworten, wenn sie nicht wollen. Verstehen Sie mich, Mr. Lupin?"
Remus nickte wortlos und sie schwenkte ihren Zauberstab in seine Richtung. Eine kleine Kugel hellgrünen Lichts leuchtete über seinem Kopf auf.
„Bitte sagen Sie ihren vollen Namen."
„R-Remus John Lupin," sagte Remus sehr leise. Der Raum musste allerdings unter irgendeinem Zauber stehen, denn es schien, als hätte jeder ihn gehört.
„Wissen Sie, weshalb Sie hier sind?"
Remus widerstand dem automatischen Drang, ihr mitzuteilen, dass er andernfalls gar nicht erst hier wäre. Stattdessen murmelte er, „Meinem Vater wird die K-Kindesmisshandlung vorgeworfen."
„Unterstützen Sie diesen Vorwurf?" Alle lehnten sich bei dieser Frage ein wenig vor. Remus sah, dass sogar seine Freunde und neuen Vormunde interessiert wirkten, was seine Antwort sein würde.
„Ich... Ich wollte nie, dass man ihn anklagt," sagte er, und er spürte, wie ihm heiß wurde und er zu beben begann. „Aber ich kann die A-Anklage nicht bestreiten."
„Also hat Ihr Vater Sie misshandelt?", bohrte Grizelda weiter.
„J-j-ja," flüsterte er.
Von den Sitzen der Geschworenen kam ein kollegiales Rascheln.
„John Lupin wird der schwerwiegenden Vernachlässigung und des sowohl körperlichen als auch emotionalen Missbrauchs beschuldigt. Stimmen Sie dieser Anklage zu?"
Remus kämpfte mit sich selbst, ihm war klar, dass seine Antwort komplett der Wahrheit entsprechen musste, damit das Licht über seinem Kopf grün blieb. „Ich weiß nicht, was Sie mit emotionalem M-Missbrauch meinen," sagte er leise. „Aber er hat mich geschlagen und so."
„Bitte definieren Sie das genauer," sagte sie streng, und runzelte über ihrer Brille die Stirn. „Was genau hat Ihr Vater Ihnen angetan?"
Remus spürte, wie sein Beben heftiger wurde und er klammerte sich fest an die Armlehnen des Stuhls, wobei er sich darauf konzentrieren musste, das Holz nicht mit seiner Werwolfkraft zu zersplittern. „Er h-hat mich geschlagen. Er hat mich auch viel g-getreten. Manchmal hat er mich mit einem Zauber oder einem M-Messer geschnitten. Er h-h-hat mich verbrannt. Mit einem Schürhaken. Und er hat mich in den Keller unter der K-Küche gesperrt und einen Schrank d-darübergeschoben und manchmal hat er mit T-T-Toast zu essen gegeben."
Er hasste sein Stottern wirklich. Er wusste, wenn James oder Sirius hier gesessen hätten, hätten sie klar und selbstsicher gesprochen. Sie waren richtige Gryffindors. Nicht falsche wie er, der nur dorthin gesteckt worden war, weil der Sprechende Hut nicht wusste, was er sonst mit ihm machen sollte.
„Wie oft hat er Ihnen zu essen gegeben?"
Remus schrak ein wenig zurück angesichts ihrer harten, emotionslosen Stimme. „Ich w-weiß es nicht genau. In m-m-meinem Zimmer gab es kein Fenster."
„Der Keller war Ihr Zimmer?" Diesmal hob sie überrascht eine ihrer eleganten Augenbrauen, und eine Welle von Gemurmel ging durch den Raum.
„Ja."
„Wie lange waren Sie dort unten?"
„Ähm... Wenn Sie über W-Weihnachten meinen, dann so ungefähr einen Monat, glaube ich. Aber ich w-w-war davor auch schon dort.
„Warum haben Sie diese Misshandlungen nicht früher jemandem mitgeteilt?"
Remus wurde rot und senkte den Kopf. „Ich w-wusste nicht, was es war. Ich wusste nicht, dass ich anders war. Ich h-habe nie wirklich andere Kinder gesehen, bevor ich in die Schule gekommen bin. Er- Er hat gesagt es wäre zu meinem besten. Um mich n-n-normal zu machen."
„Haben Sie ihm das geglaubt?", fragte sie ungläubig.
Remus sank noch weiter zurück, als er all die Blicke auf sich spürte. „J-j-ja. Er war mein Dad. Natürlich habe ich ihm geglaubt. Er sagte, dass alles an mir f-f-falsch wäre und dass ich normal werden müsste." Als ob ein Werwolf das je sein könnte, fügte er im Stillen bitter hinzu.
Diesmal war das Gemurmel lauter, und Remus brachte es nicht über sich, aufzublicken und all die mitleidigen Gesichter zu sehen.
„Mr. Lupin," sagte Grizelda, und ihre Stimme hatte einen etwas weicheren Tonfall angenommen, von dem Remus annahm, dass er nichts Gutes bedeutete. „Würde es Ihnen etwas ausmachen, Ihren Ärmel für die Geschworenen aufzurollen?"
Remus erschrak und drückte seine Arme dicht an seinen Körper, während er Neil und Dumbledore einen verzweifelten Blick zuwarf, um sie um Rat zu bitten. Dumbledore traf seinen Blick mit Besorgnis, dann zuckte er leicht mit den Schultern, wie um zu sagen, „Das ist deine Entscheidung."
Langsam, sein ganzer Körper gewahr, dass auf seiner rechten Schulter die Werwolfsnarbe prangte, schob er seinen Ärmel bis zum Ellenbogen hinauf und streckte den Arm aus. Diesmal war es nicht nur Gemurmel, sondern tatsächliche Ausrufe des Entsetzens, als alle Anwesenden seinen rechten Unterarm anstarrten. Er war mir Narben übersäht, und die Verbrennungen waren immer noch rosa. Madam Pomfrey arbeitete an einem Trank, um die Narben zu reduzieren – vor allem die der Verbrennungen – aber bis jetzt war sie erfolglos geblieben.
„Kann ich jetzt gehen?", flüsterte er, als es ihm schien, als würden alle für immer dasitzen und seinen Arm anstarren.
„Ja, ja. Die Befragung ist vorbei," sagte Grizelda Clearwater mit abwesender Stimme und hob den Zauberstab, um, den Blick immer noch auf seinen Arm gerichtet, das grüne Licht über ihm zu entfernen. Er wurde rot, rollte seinen Ärmel wieder hinunter und kehrte zu seinem Sitz zurück.
Grizelda schien sich wieder zu sammeln und wandte sich erneut den Geschworenen zu. „Es gibt jetzt eine kurze Pause, bevor wir John Lupin befragen, den Angeklagten."
Remus griff nach Neils Arm. „Können wir bitte gehen?", flehte er. „Ich will ihn nicht noch einmal s-sehen."
„Bist du dir sicher?", fragte Angela.
Remus nickte heftig. „Bitte, können wir einfach gehen?"
Neil nickte und stand auf, legte einen Arm um Remus' Schultern und drückte ihn. „Natürlich. Du musst das nicht mit ansehen."
Erleichtert erlaubte sich Remus, aus dem grässlichen Raum geführt zu werden und zurück zu der Flohstation, um nach Hogwarts zurückzukehren. Ihm wurde übel bei der Vorstellung, seinen Vater noch einmal sehen zu müssen.
„Du musst ihn niemals wieder sehen," murmelte Angela ihm ins Ohr, als sie darauf warteten, das Flohnetzwerk zu benutzen. „Das verspreche ich dir, Remus. Nie wieder."
Die Gerichtsverhandlung war am nächsten Tag in den Schlagzeilen des Tagespropheten. Das Bild von John Lupin, der von zwei Auroren nach Askaban abgeführt wurde, zeigte einen völlig gebrochenen Mann. Seine Augen waren trübe, leer und eingesunken, das Haar war noch strähniger als vorher. Sirius, James und Peter versteckten den Artikel vor Remus, der seinerseits nie danach fragte, ihn zu sehen.
