My grief lies in you

Kapitel 2

Crawling further

Er hatte noch nie dazu tendiert, die Dinge auf die leichte Schulter zu nehmen. Wieso sollte er es also jetzt tun? Jemandem ein Versprechen zu geben, war eine Sache, es einzulösen eine weitaus kompliziertere. Genau aus diesem Grund behagte ihm die Situation keineswegs.

Seine wütenden schwarzen Augen starrten aus dem Fenster und suchten verzweifelt nach einem Ausweg. „Warum ich, Albus?", fragte er kühl.

„Muss ich dir das wirklich beantworten?", brummte der alte Mann hinter seinem Schreibtisch.

Snape konnte seinen brennenden Blick förmlich auf seinem Rücken spüren und schauderte. Es war nicht so, dass er Angst vor seinem Schulleiter hatte, im Gegenteil, denn seit er diesen Fehler gemacht hatte, sich den verfluchten Ring an den Finger zu stecken, war ihm wieder einmal bewusst geworden, dass der große Albus Dumbledore ebenso schwach wie alle anderen Zauberer auch sein konnte. Was ihn also beunruhigte, lag viel tiefer in seinem Inneren begraben, nämlich die Tatsache, dass er bald alleine hier stehen würde.

Tief einatmend kniff er die Augen zusammen und spielte auf Zeit. „Wenn ich das tue, werden sie mich in Stücke reißen. Das Ministerium und der Orden sitzen mir ohnehin schon im Nacken, daher behagt es mir gar nicht, dass alle auf meine Kosten ihren Spaß damit haben werden, mich als Ihren Mörder zu brandmarken." Er drehte sich herum und sah seinem Gegenüber direkt in die Augen. „Ihnen ist doch wohl bewusst, dass es in diesem Fall keinen Ausweg für mich geben wird?"

Es klang vielmehr nach einer Feststellung als nach einer Frage und veranlasste Dumbledore dazu, sich vorsichtig zu räuspern.

„Das verstehe ich, Severus. Das verstehe ich durchaus."

Snape schnaubte unbeeindruckt und wendete den Blick von ihm ab. „Und dennoch wollen Sie mir das aufbürden. Als hätte ich nicht schon genug Last auf meinen Schultern!"

„Ich kann dich nur darum bitten", setzte Dumbledore milde nach.

„Eben noch hat es sich ganz anders angehört, Albus. Ich bin nicht so naiv, zu glauben, dass ich hinterher ein freier Mann wäre. Also, was springt für mich dabei heraus?"

„Du hast mein Wort, dass ich dir Hogwarts so überlasse, wie es jedem rechtmäßigem Schulleiter gebührt."

„Was für ein Trost", spuckte Snape bitter. „Es ist ein Gebäude aus Stein. Was soll ich also damit anfangen, wenn ich alleine auf mich gestellt bin?"

Dumbledore lehnte sich nach vorne und sah ihn eindringlich über seine Brille hinweg an. „Es ist dein rechtmäßiges Zuhause, Severus. Seit du ein Junge warst, hast du hierher gehört, vielmehr noch als mancher sonst."

„Vielleicht", murmelte der dunkle Zauberer abwesend vor sich hin. „Aber es wird mir nicht das ersetzen was ich verloren habe."

„Dazu hast du selbst deinen Teil beigetragen, wenn du dich erinnerst."

Er nickte. „Ja, als ob ich es je vergessen könnte ..."

Dumbledore holte tief Luft. „Komm zu mir herüber."

Seine Worte ließen kaum einen Raum für Überlegungen und so setzte Snape sich in Bewegung, lautlos und mit erhobenem Haupt, als würde es ihn nicht kümmern, obwohl es in ihm arbeitete.

Nachdem er sich auf dem Stuhl vor Dumbledores Schreibtisch niedergelassen hatte, verhärtete sich sein Gesicht. „Was wird aus meinem Ruf, Albus? Meinem Andenken?"

Dumbledore nickte und faltete gemächlich seine Finger ineinander. „Hat dich das je interessiert, als du dich dazu entschlossen hast, dich ihm anzuschließen?"

Snape strafte ihn mit einem finsteren Blick aus seinen schwarzen Augen. „Mein Stolz war der Grund, mich dazu verleiten zu lassen, es zu tun, Albus. Oder haben Sie das vergessen?"

„Nein. Doch inzwischen sind Jahre vergangen. Du hast viele Dinge getan, die …"

„Ich habe nicht gesagt, dass ich es heute ebenso machen würde", unterbrach er ihn forsch. „Aber es gibt einen Unterschied zwischen einem Fehler und dem was Sie von mir verlangen. Es würde aussehen wie kaltblütiger Mord. Das ist Ihnen doch bewusst, nicht wahr?"

„Durchaus, Severus."

„Sie wären also fein raus, während ich Potters Wut über mich ergehen lassen müsste", bemerkte er spitz. „Ist es nicht so?"

„Ihr konntet euch noch nie leiden, Severus. Erzähl mir jetzt nicht, dass du dich darum sorgst, was für eine Meinung er von dir haben wird, wenn du das tust."

„Nein. Natürlich nicht. Doch Ihr Tod wird einiges an Aufmerksamkeit erregen."

„Anders als die Sachen mit den Muggeln?"

„In der Tat."

„Nun gut, was hast du mir zu sagen?"

Snape atmete tief und lang aus. Seine Lippen waren zu schmalen, verbitterten Linien geworden, die sich kaum bewegten, als er antwortete.

„Niemand darf davon erfahren. Ich habe mich entschieden."

Überrascht legte Dumbledore die Stirn in Falten. „Warum, Severus? Gerade hast du noch gesagt, dass ..."

„Ich weiß sehr wohl was ich gesagt habe", unterbrach er ihn barsch. „Doch im Grunde genommen macht es keinen Unterschied, nicht wahr? Die Welt war noch nie freundlich zu mir. Also würde sich dadurch nichts für mich ändern."

„Du nimmst es also in Kauf, ohne Ruhm und Ansehen dein Leben zu riskieren?"

Snape zuckte gelassen mit den Schultern. „Wenn ich dadurch wenigstens einen Teil meiner Schuld begleichen könnte, wäre es ein Anfang, finden Sie nicht?"

Dumbledore nickte kaum merklich. „Aber das hast du, Severus. Bereits seit Jahren hast du dich in Gefahr begeben, um Tom Einhalt zu gebieten. Niemand sonst hat erreicht was du geschafft hast. Ich wünschte, ich könnte sagen, dass Lucius auf demselben Weg wäre, doch er ist weit davon entfernt."

„Lucius", schnaubte Snape bitter. „Er prahlt mit Dingen, die er selbst nicht versteht. Würde, Einfluss … Macht."

„Es ist eine traurige Ausrede für ihn, den Tatsachen ins Auge zu blicken. Aber du bist anders. Das warst du schon immer. Deine Herkunft, Severus, mag dir grausam erscheinen, aber sie ist dein größer Trumpf. Sie lässt dich nicht vergessen, was es heißt, arm zu sein; anders zu sein."

„Ich bin heute ebenso wenig gewillt darüber zu sprechen wie damals, Albus, also hören Sie auf damit, etwas in mir zu sehen, was ich nicht bin. Und niemals sein werde."

„Vielleicht. Doch im Kern deines Seins bist du unverdorben dadurch. Es ist der Grund, warum du Tom entgegentreten kannst, was Lucius niemals konnte. Er ist zu voreingenommen von sich und seiner Herkunft. Er lebt eine Illusion."

„Wenigstens musste er nicht sein ganzes Leben um Anerkennung kämpfen."

„Das nicht. Aber das macht ihn zu einem eitlen Pfau, der die Welt und ihre Ordnung nicht versteht."

„Das ist ein schwacher Trost, finden Sie nicht?"

Dumbledore setzte ein mildes Lächeln auf. „Wo bleibt dein Stolz, Severus?"

„Ersparen Sie mir dieses Geplänkel und alles ist wieder wie es sein sollte."

„Wenn du es wünschst ..."

„Es macht vieles einfacher, wenn man sich keine Gedanken darüber macht, nicht wahr?"

„Vermutlich. Doch es würde dir nicht ähnlich sehen, den Dingen einfach ihren Lauf zu lassen, ohne dass du dich damit befasst. Und wenn es dabei nur um das Mädchen geht, nicht wahr?"

Snape antwortete nicht darauf. Er wusste, dass der Schulleiter einen wunden Punkt getroffen hatte und wollte ihm keine Gelegenheit geben, näher darauf einzugehen. Es war ohnehin alles zu spät.