My grief lies in you

Kapitel 3

Lange Nacht in Hogwarts

Seine Hände zitterten noch immer, nachdem er Dumbledores Büro verlassen hatte. Er fühlte sich, als hätte er dem Teufel seine Seele verkauft. Und alles nur wegen des Schwurs, den er geleistet hatte.

Snape lehnte sich an die kalte Steinmauer, irgendwo im Schloss, legte den Kopf zurück und schloss die Augen. Wie konnte Dumbledore das nur von ihm verlangen? Der alte Narr würde dafür sorgen, dass die Welt ihn noch mehr verabscheuen würde, als sie es ohnehin schon tat.

Es war eine dieser einsamen, dunklen Nächte, in denen er durch die Gänge von Hogwarts irrte, lautlos und unentdeckt. Und so war es kein Wunder, dass sie ihn eine Fledermaus nannten. Doch es kümmerte ihn nicht. Nicht mehr. Er konnte sowieso nicht schlafen. Das konnte er nie. Aber diesmal hatte Dumbledore sich selbst übertroffen.

Gedankenverloren wickelte er sich in seinen schwarzen Umhang ein, auf der Suche nach etwas, was er nicht finden konnte: Wärme.

In den letzten Wochen war viel passiert. Es hatte ihn bewegt, auch dann, wenn er es sich nicht eingestehen wollte. Er konnte es nicht. Nicht nach so vielen Jahren der Isolation und Einsamkeit. Und trotzdem, da war der Spiegel gewesen ... Der verdammte Spiegel! Er log nie.

Er konnte ihre weiche Haut unter seinen Fingern spüren; konnte ihren Duft riechen.

Sie hatte ihn geküsst. Warum hatte sie das getan? Was fand sie nur an ihm, dass sie sich so vehement dagegen gewehrt hatte, ihn gehen zu lassen?

Verständnislos sackte er in die Knie und verbarg sein Gesicht in den Händen. Er wollte schreien, wollte lieber sterben, als alles weiter hinzunehmen. Aber er konnte es nicht. Er hatte sich geschworen, Lilys Sohn zu beschützen.

Lily.

Was war nur mit ihm geschehen? Was war aus ihm geworden? Sein Stolz schien verschwunden. Seine Träume waren zerplatzt wie Seifenblasen. Bis dieses Mädchen in sein Leben getreten war.

Wie konnte er das nur zulassen? Wieso hatte er sich nicht dagegen gewehrt?

Die Tatsache, dass er sie ziehen lassen musste, schien ihm die Luft abzuschnüren.

Warum konnte er nicht einmal etwas für sich haben?

Ein stummer Schrei drang in seine Ohren und er hielt inne.

Er fühlte, dass jemand in der Nähe war. Sogleich konnte er ein unterdrücktes Schluchzen hören. Lautlos stand er auf, schwebte vorwärts, dem Schrei entgegen. Die Falte zwischen seinen Brauen pochte angespannt.

Da war es wieder, das Geräusch, das seine Nasenflügel vor Wut zum Erzittern brachte. Es gab nicht viele Menschen, die sich heimlich nachts in die Schulbibliothek zurückzogen, um zu weinen. Und das aus gutem Grund. Er hatte seine Schüler immer im Griff gehabt. Und das würde auch so bleiben.

Ein fieses Grinsen legte sich über sein Gesicht, als er sich in Gedanken eine Strafe zurechtlegte. Nachsitzen war das Mindeste - er war ohnehin in schlechter Stimmung.

Als er dann um die Ecke trat, sah er sie. Auf dem Boden sitzend, in nicht mehr als einem albernen Schlafanzug.

Warum sie hier war, konnte er sich denken. Sie wirkte traurig und verloren. Aber es war kalt. Warum hatte sie sich nichts darüber angezogen?

Irritiert blieb er stehen und sah sie an.

xxx

Schon immer war Hermine in die Bibliothek gekommen, wenn sie Kummer oder Sorgen gehabt hatte. Doch diesmal würde ihr auch kein Buch über ihren Schmerz hinweg helfen.

Sie rang nach Atem. Das Bewusstsein, dass die Ferien vorbei waren, schien ihr die Kehle zuzuschnüren.

Ausgerechnet Snape hatte sie finden müssen! Wenn er sie nicht gefunden hätte, wäre das alles nie geschehen. Sie hätte niemals angefangen, sich zu ihm hingezogen zu fühlen. Und er, er hätte sie nicht von sich weisen können.

Sie bekam fast keine Luft mehr und sank mit dem Rücken an der Wand nach unten, bis sie auf dem Boden saß.

Warum hatte er sie gemieden?

Warum hatte er beim Essen so getan, als würde er sie nicht sehen?

Warum hatte er sich überhaupt von ihr verabschiedet?

Warum sollte sie weiter nach Hogwarts gehen, wenn alles so verworren war?

Sie wusste nicht, wie lange sie schon hier hockte, mitten in der Nacht, allein in der Bibliothek. Es spielte auch keine Rolle für sie. Sie tat einfach, was sie immer getan hatte. Nur diesmal ohne Erfolg.

„Miss Granger ..."

Hermine hatte sich zu tief in sich selbst zurückgezogen, um etwas wahrzunehmen. Die Stimme kam von scheinbar so weit her, dass sie dachte, sie wäre eine Illusion.

„Miss Granger!"

Sie zuckte zusammen. Diesmal klang es lauter.

Sie spürte, dass jemand sie bei den Schultern nahm. Zwei kräftige Hände, die sie in ihrem Griff hielten und schüttelten.

„Professor?"

Sie hob den Blick und dann sah sie ihn. Er wirkte wie ein Schatten der Nacht, wie ein Geist aus ihrer Vergangenheit. Sein fahles Gesicht, das von langen schwarzen Haarsträhnen umrahmt war, leuchtete hell im Schein ihrer Laterne. Snape war von Kopf bis Fuß in schwarz gehüllt. Wie damals, als er sie gefunden hatte. Wie immer.

Sie schauderte.

„Was tun Sie hier?", fragte er streng und mit gefestigter Stimme. Beinahe klang es so, als hätte es ihn nicht berührt, sie hier vorzufinden. Doch Hermine wusste es besser. Sie wusste, dass er ihr nur etwas vormachte, so wie er es immer getan hatte. Und trotzdem konnte sie es nicht begreifen: wohin war all die Fürsorge verschwunden, die er ihr während ihrer gemeinsamen Zeit in Spinner's End entgegengebracht hatte? Es war befremdlich für sie, dass er plötzlich so verändert reagierte. Dass er sie nicht sehen wollte und seither so tat, als wären sie sich noch nie zuvor begegnet.

Sie riss die Augen auf. „Ich – ich weiß es nicht ... Muss wohl weggedämmert sein."

Er ließ sie los, dann ging er vor ihr in die Hocke und sah sie an. „Miss Granger ..."

Hatten seine Augen schon immer so geglüht? Sie verlor sich in seinem Blick, driftete zurück, in die gemeinsame Zeit, zurück in die Ferien, zurück nach Spinner's End. Ihr ganzes Leben hatte sich verändert. Er hatte es verändert.

„Haben Sie mich gehört?"

Sie erzitterte. „Was?"

„Ich sagte, Sie sind eiskalt."

„Oh ..."

Noch ehe sie einen klaren Gedanken fassen konnte, hörte sie seinen tiefen Atem entströmen. Wieder einmal stellte sie seine Geduld auf eine harte Probe. Und wieder einmal gab er sich Mühe, sie zu verstehen, obwohl beide wussten, dass das Leben etwas anderes für sie vorgesehen hatte.

Es würde nicht lange dauern und er wäre wieder vollends Professor Snape. Ganz gleich, ob sie nun mitten in der Nacht hier saß und sich verloren fühlte oder nicht.

„Was tun Sie hier, Granger?"

Sie zuckte mit den Schultern. „Ich weiß es nicht."

Was hatte sie sich dabei gedacht? Gar nichts. Sie wollte allein sein, mit ihrem Kummer und ihrem Schmerz, in den sich ein neues Gefühl gemischt hatte: Sehnsucht.

Schweigen legte sich über sie. Und sie sahen sich einfach nur an.

Nicht lange darauf legte er seinen schwarzen Umhang ab und breitete ihn über ihr aus.

Sein Duft ließ sie schaudern, zu viele Erinnerungen waren damit verbunden. Der dicke Stoff auf ihrem Körper fühlte sich ganz warm an. Vertraut.

„Sie haben mich gemieden", sagte sie leise.

Er antwortete nicht, obwohl sie genau spüren konnte, dass es ihn getroffen hatte.

„Ich – ich habe das vermisst, was in Spinner's End zwischen uns passiert ist", murmelte sie verlegen. „Ich meine, ich habe Sie vermisst, Snape."

Er räusperte sich, ohne darauf einzugehen. „Kommen Sie, Sie sollten ins Bett gehen. Es ist spät. Morgen ist ein neuer Tag."

Hermine stieß ein bitteres Lachen aus. „Morgen ... Und was wird morgen sein? Wird es da besser sein? Erzählen Sie mir nichts von morgen, Professor."

Er kniff die Augen zu leuchtenden, engen Schlitzen zusammen. „Sie bewegen sich auf sehr dünnem Eis, Miss Granger. Es ist verboten, sich in der Nacht in der Bibliothek aufzuhalten. Das sollten Sie wissen."

„Ha. Und wenn schon, mein Leben ist nicht länger so, wie es sein sollte. Ausgerechnet Sie sollten das verstehen, habe ich Recht? Ich wurde von einem Todesser und seinen Komplizen missbraucht, gedemütigt liegen gelassen und dann auch noch von Ihnen zurückgewiesen, nachdem Sie mich gerettet hatten ... Hätten Sie mich doch nur ebenso liegen lassen! Im Moment weiß ich nicht einmal, was schlimmer für mich ist. Diese Männer sind tot. Aber Sie, Sie sind am Leben und trotzdem kann ich nicht bei Ihnen sein, obwohl es sich so anfühlt, als wäre es das einzig Richtige ..."

Sie war eindeutig verletzt und kümmere sich nicht darum, dass er es an ihrer Stimme hören konnte. Snape aber verlor keine Zeit, wütend auf ihren Ausbruch zu reagieren.

„Hören Sie augenblicklich auf damit!", zischte er barsch. „Geben Sie nicht mir die Schuld daran."

Sie schnaubte. „Es ist die Wahrheit."

„Sie wissen genau, dass ich nichts daran ändern kann." Er rollte verbittert die Mundwinkel zurück und entblößte seine Zähne. „Wollen Sie fortan jede Minute damit verbringen, darüber zu weinen, wie unfair das Leben ist?"

Hermine nahm all ihren Mut zusammen und sah ihm tief in die Augen. „Warum nicht?"

Er zuckte zusammen. Sein Gesicht wirkte schmerzverzerrt. „Das sind nicht Sie, Granger. Sie sind zu klug dafür."

„Richtig. Das bin nicht ich. Kommt Ihnen das bekannt vor? Es ist das, was das Leben aus uns gemacht hat, Professor."

Er drehte den Kopf zur Seite und atmete geräuschvoll aus. Seine Brust hob und senkte sich schnell. Es war zu offensichtlich, dass er sich fühlte, als hätte sie ihn in eine Ecke gedrängt.

„Sehen Sie mich an", sagte sie ernst. „Ich weiß, dass Sie dieses Leben genauso wenig wollen, wie ich es will. Den Schwur, das was Dumbledore seit Jahren von Ihnen verlangt. Voldemort. Es ist so ungerecht ..."

„Miss Granger", unterbrach er sie warnend und mit glitzernden Augen. „Ich muss Sie jetzt dringend auffordern, zu Bett zu gehen."

Sie zog die Nase hoch. „Warum?"

Er beugte sich über sie, bis er ihrem Gesicht ganz nahe war.

Hermine schauderte. Doch nicht aus Angst, dafür war er ihr zu vertraut.

„Sie haben mich nur zu gut verstanden", sagte er klar und deutlich in ihr Ohr. „Wir sind jetzt wieder in Hogwarts. Und hier gelten andere Regeln, als in den Ferien."

Hermine aber sah ihn scheu an. In ihren Augen spiegelten sich Tränen. „Snape, bitte!"

Er zischte sie wütend an. „Das muss aufhören, Granger! Jetzt!"

Sie fühlte eine eisige Kälte in sich aufsteigen und fröstelte. „Warum?", fragte sie leise.

Er seufzte tief und fuhr sich mit den Fingern durch die Haare. „Was für Gründe brauchen Sie denn noch? Sie sind meine Schülerin und unterstehen meiner Verantwortung. Ich kann es nicht riskieren, in einer … Beziehung mit Ihnen zu stehen."

Seine Kiefer arbeiteten hart, nachdem er das ausgesprochen hatte und Hermine brauchte einen Moment, um die Bedeutung seiner Worte zu realisieren.

„Aber … Sie wollten es", stammelte sie unbeholfen. „Ich konnte es an Ihren Augen sehen. Ich konnte es fühlen. Und Sie wollen es noch ..."

„Hören Sie auf damit!", donnerte er und schüttelte den Kopf, sodass ihm die Strähnen ins Gesicht fielen. „Das spielt alles keine Rolle für jemanden wie mich. Können Sie es denn nicht sehen? Wissen Sie denn nicht, wer ich bin? Es ist, als läge ein Fluch auf mir, ich bringe nichts als Verderben ..."

Er atmete in kurzen, heftigen Stößen, als er plötzlich wieder verstummte. Hermine aber sah ihn wie gebannt an. „Das ist nicht wahr", flüsterte sie ernst. „Ich war bei Ihnen, Snape. Sie haben mich nicht fallen gelassen ..."

„Versuchen Sie, zu verstehen, Miss Granger. Wir waren nie dazu bestimmt, zusammen zu sein."

„Aber unsere Wege haben sich gekreuzt", murmelte sie hilflos.

„Ja, das haben sie. Doch damit muss jetzt Schluss sein."

Er wendete sich von ihr ab und wirkte verletzt dabei.

Hermine schluckte. „Alles fühlt sich so kalt an", flüsterte sie ihm zu. „Nehmen Sie mich in die Arme, so wie Sie es damals getan haben."

Sie nahm ihre Hand und strich zärtlich mit den Fingern über seine Wange, noch ehe er wusste, wie ihm geschah. Seine Lippen bebten, als sie ihn berührte. „Miss Granger - Hermine … Tun Sie das nicht."

Augenblicklich erstarrte sie - er hatte ihren Namen gesagt.

„Halten Sie mich, Severus Snape", drang sie leise weiter. „Bitte."

Er fuhr herum und starrte sie an. Zweifelsohne konnte sie die Flammen in seinen Augen lodern sehen, die ihr damals aufgefallen waren, als sie sich geküsst hatten.

Langsam schüttelte er den Kopf. „Ich habe schon zu viel riskiert … Bitte verlangen Sie das nicht von mir."

Ein tiefer Seufzer entfuhr ihm und er wirkte dabei, als könne er es nicht länger ertragen, sie anzusehen; den Ausdruck auf ihrem Gesicht bezeugen, der von purer Verzweiflung sprach.

„Sie müssen weitermachen, Granger. Auch ohne mich", hörte sie ihn sagen.

„Nein!", rief sie aus den Tiefen ihrer Seele. „Ich wusste es! Ich hätte nicht zurückkommen sollen. Was habe ich noch hier verloren?"

Snape wirkte erstaunt. „Was – was wollen Sie dann tun?", fragte er abwesend. „Das Leben ist nicht fair. Wir beide wissen das. Aber wir können es nicht ändern!"

„Was wissen Sie schon darüber?", schluchzte sie bitter. „Es war nicht meine Schuld. Ich wollte das nicht! Und nicht Sie waren es, dem das angetan wurde."

Er wippte nachdenklich mit dem Kopf. „Richtig. Nicht ich war es. Aber ich habe Sie gefunden. Und ich habe eine neue Rolle in Ihrem Leben übernommen, die meine Verantwortung weit überstieg. Sie haben Recht, ich habe mich zu weit aus dem Fenster gelehnt. Aber denken Sie, es war leicht für mich, Sie so zu sehen? Immer waren Sie brillant gewesen, haben in allem geglänzt. Doch plötzlich, da waren Sie verletzt. Hilflos." Er seufzte. „Ich weiß, dass etwas in Ihnen gebrochen ist, Granger, aber Sie dürfen nicht aufhören zu kämpfen."

Hermine fühlte sich so verloren und zerrissen, dass ihr Tränen über die Wangen rollten. „Warum, Professor?", flüsterte sie kaum hörbar. „Warum kann ich nicht in Ihren Armen liegen und mich dort sicher fühlen?"

Sie sah, dass er nach Worten suchte, dass er ebenso verzweifel war, wie sie sich fühlte.

„Es gehört sich nicht, Granger", sagte er irgendwann mit rauer Stimme.

Es ließ sie schaudern und sie legte die Arme um die Beine und zog sie fest an sich heran, sog seinen Duft ein, der ihr von seinem Umhang entgegen strömte.

„Dann lassen Sie mich allein."

Sein Kopf zuckte unvermittelt zur Seite, wieder fielen ihm Strähnen in die Augen. „Ich kann Sie nicht hier sitzen lassen. Ich könnte Sie jedoch sehr wohl zum Nachsitzen verdonnern, wenn Sie nicht bald vernünftig werden."

Gleichgültig hob sie die Schultern. „Ist mir egal."

Es war die Wahrheit. Für sie machte es keinen Unterschied, ob sie nun hier saß, oder sonst wo. In der Lage, in der sie gefangen war, gab es kein Entrinnen.

„Das sehe ich", rief er fast schon spöttisch. „Ich muss Sie jedoch dazu auffordern, Vernunft anzunehmen ..."

Bitter kräuselte sie die Lippen. „Sie machen sich etwas vor, Professor. Ich habe Sie beim Essen gesehen, wie Sie lustlos mit der Gabel darin herumgestochert haben."

„Und?" Er hob fragend die Braue, ohne darauf einzugehen.

Hermine fuhr fort. „Warum haben Sie so getan, als würden Sie mich nicht sehen? Ich weiß, dass Sie mich beobachtet haben. Ich konnte es spüren, ebenso wie in Spinner's End, als Sie mich nicht aus den Augen ließen und dennoch vorgegeben haben, Sie hätten es nicht getan. Sie haben mich gemieden, Snape."

Er zuckte mit den Schultern. „Ich beobachte jeden der Schüler, Miss Granger. Jeden."

„Unsinn! Nicht so, schließlich haben Sie mich geküsst, Professor."

Sie wusste, was sie wollte: sie wollte ihn. Sie sehnte sich nach ihm und seiner Wärme, wollte ihn spüren. Verzweifelt und schmerzhaft. Er war ein wesentlicher Teil ihres Lebens geworden. So sehr, dass sie sich vor Leidenschaft und Sehnsucht nach ihm verzehrte.

„Sie haben mich geküsst", wiederholte sie stur.

Eine Weile lang kam nichts und sie fürchtete schon, er würde es leugnen. Doch sie wusste, was geschehen war. Sie war verzweifelt, verletzt. Aber sie wusste es.

Erst nachdem Sekunden vergangen waren, antwortete er. „Wie ich Ihnen bereits sagte, Miss Granger, war es unangemessen. Und wenn Sie sich erinnern, wird Ihnen einfallen, dass Sie den Anfang gemacht haben."

„Und wenn schon!", beharrte sie. „Sie haben mitgemacht. Es war ein richtiger Kuss, ein Zungenkuss ..."

„Ich war nicht ich selbst", zischte er zurück. „Und ich habe mich dafür entschuldigt."

„Ich glaube Ihnen nicht!" Sie stieß einen schmerzvollen Seufzer aus. „Ist es wirklich so einfach für Sie, Snape? So zu tun, als wäre alles nur ein Spiel? Sie sind ein Lügner. Jemand, der vorgibt, etwas zu sein, was er in Wahrheit nicht ist ..."

Seine Augen funkelten gefährlich. „Nennen Sie mich nicht einen Lügner!"

„Nein? Warum? Es ist die Wahrheit! Aber der Dunkle Lord ist nicht hier. Nur wir sind es. Sie und ich ..."

Er drehte den Kopf weg und sah entschieden in die andere Richtung. Die Anspannung in ihm wuchs mit jeder verstrichenen Sekunde an.

Hermine war es gleich. Sie konnte fühlen, wie sehr er mit sich rang. „Wie können Sie nur so leben?", fragte sie hart. „Unsere Wege haben sich gekreuzt. Sie können es nicht ändern. Ich habe Sie geküsst. Und Sie mich. Aber wenn Sie fortan nichts mehr mit mir zu tun haben wollen, habe ich hier nichts mehr verloren, nicht wahr? Warum wollten Sie, dass ich nach Hogwarts zurückkehre, nach allem, was mit mir geschehen ist?"

Hermine sah ihn an, doch Snape reagierte nicht darauf.

„Antworten Sie mir!", dröhnte sie mit der ganzen Kraft, die in ihr steckte.

Sie konnte seinen Kiefer arbeiten hören, dann das tiefe Brummen seiner Stimme. „Sie sollten jetzt besser gehen, bevor ich mich vergesse!"

Es war eine unmissverständliche Warnung gewesen, doch es scherte sie nicht. Sie wollte die Wahrheit und würde alles tun, um sie zu bekommen.

„Nein!", schluchzte sie traurig und streckte erneut die Hand nach ihm aus. Ihre Finger legten sich auf seine Wange und dann drehte sie seinen Kopf zu ihr, bis er sie endlich ansah.

„Nehmen Sie mich einfach nur in die Arme, Snape." Ihre Stimme war ganz schwach und sanft geworden. Sein Blick, der so unglaublich verzweifelt war, schien ihr den Rest zu geben. Zärtlich strich sie ihm eine Strähne hinters Ohr.

Er schluckte und seine Augen brannten sich erbarmungslos tief in ihre.

Hermine fühlte seine warme, raue Haut unter ihren Fingern und streckte ihren Oberkörper nach vorne, bis sie ihm ganz nahe war.

„Halten Sie mich", flüsterte sie. „Bitte."

Sie sah, wie schwer er gegen den Drang ankämpfte, sie zu berühren. Er war verwirrt und sah fast so aus, als hätte er Angst davor, einen Fehler zu machen.

Ihre Finger aber glitten zärtlich über seine Wange, ihr Mund lechzte danach, ihn zu spüren, ihn zu schmecken. Und dann, als sie ihn öffnete, kam er ihr entgegen. Ihre Lippen prallten wie magnetisch aufeinander und berührten sich. Sie legte ihre Hände in seinen Nacken und hielt sich an ihm fest. So fest, wie sie es nur konnte.

„Ich habe Sie vermisst, Snape", hauchte sie während des Kusses hervor, „so unendlich vermisst."

Er atmete schwer und keuchend. „Wir haben uns verabschiedet, Granger. So wie es sein sollte. Schon vergessen?"

Sie schüttelte langsam den Kopf. „Das ist mir gleich. Ich brauche Sie."

„Nein. Das ist nur eine Illusion."

„Glauben Sie das wirklich?" Sie nickte gedankenverloren. „Warum haben Sie mich dann gemieden?"

Er lehnte bebend seinen Kopf an ihre Stirn und umfing ihr Gesicht mit seinen Händen.

„Ich habe dem Teufel meine Seele verkauft", flüsterte er leise, während seine Daumen über ihre Wangen strichen.