My grief lies in you
Kapitel 4
Verführung
„Was meinten Sie?", fragte sie benommen. Es schien alles zu unwirklich, um wahr zu sein. Dass er hier alleine mit ihr in der Bibliothek war, war schon ein Wunder an sich. Aber dass sie sich geküsst hatten überstieg alles, was sie sich erhoffen konnte, nachdem er sich seit ihrer Rückkehr nach Hogwarts so rar gemacht hatte, dass sich keine Gelegenheit für Hermine ergeben hatte, ungestört mit ihm zu sein, geschweige denn, einfach nur mit ihm zu reden.
Seit dem Tag, an dem er sie aus Spinner's End fortgebracht hatte, um sich am Bahnhof von ihr zu verabschieden, war er wieder ganz dazu übergegangen, Professor Snape zu sein. Selbst die Tatsache, dass er bei Schuljahresbeginn seinen begehrten Posten in Verteidigung gegen die Dunklen Künste ergattert hatte, hatte sie stillschweigend hinnehmen müssen, obwohl sie ihn in Zaubertränke, wie auch sonst, deutlich vermisste.
„Nichts." Snape schüttelte den Kopf. Dann stand er lautlos auf und ging auf gebührenden Abstand zu ihr. Seine schwarze, aufrechte Masse schien beinahe mit den Schatten der Nacht zu verschmelzen, als er vor ihr zurückwich.
Hermine ließ sich dadurch nicht beirren. Sie wusste, dass er dazu tendierte, seine Schutzmauer um sich und seine Gefühlswelt so schnell wie der Blitz aufzufahren. „Lügen Sie mich nicht an", sagte sie sanft. „Ich kann an Ihren Augen sehen, dass da etwas ist." Langsam erhob sie sich, wickelte sich in seinen Umhang und kam auf ihn zu. Erst als sie stehen blieb, bemerkte sie, wie stark ihr Herz pochte.
Er aber wendete den Blick ab, als sie vor ihm angekommen war. „Verzeihen Sie, Granger, ich kann es Ihnen nicht sagen", bemerkte er knapp.
Sie sah überrascht zu ihm auf, wagte es aber nicht, weiter danach zu fragen, nachdem sie erkannte, dass er nicht darüber reden wollte oder gar durfte. Stattdessen streckte sie ihre Hand, grub ihre Finger leidenschaftlich in seinen Nacken und zog ihn fest zu sich heran. Ihre Lippen suchten zärtlich nach seinen und so drückte sie ihm einen weiteren Kuss auf den Mund.
Im ersten Moment wirkte er überrascht, doch als er sie spürte, reagierte er auf sie und küsste sie ebenfalls.
Es war ein inniger, sehnsüchtiger Kuss. Beide hatten die Augen geschlossen, um sich ineinander zu verlieren und zu schmecken.
Atemlos brachen sie auseinander und er wagte es nicht, ihren fordernden Blick zu erwidern.
„Sehen Sie mich an, Snape", flüsterte sie berauscht. „Können Sie es fühlen? Ich bin hier."
Er versuchte zu lächeln. „Ja, das sind Sie, Hermine, obwohl Sie es nicht sein sollten." Ganz plötzlich wurde sein Ausdruck wieder ernst und er sah immer noch nachdenklich in die Ferne. „Sie sind meine Schülerin. Und Sie sind viel zu jung, um sich in der Nacht mit einem Mann hier herumzutreiben."
Sie schüttelte den Kopf. „Ich bin inzwischen volljährig. Vor ein paar Tagen hatte ich Geburtstag."
Erst jetzt sah er sie wieder an und wirkte dabei ziemlich sprachlos.
„Machen Sie sich keine Gedanken deswegen, ich erwarte nicht, dass Sie mir gratulieren, Professor. Ich möchte einfach nur, dass Sie sehen, wie lange Sie mich gemieden haben. Und ja, es hat mich verletzt."
Kaum merklich nickte er, die Wangen in zartes Rosa getaucht, das selbst im Schein der Laterne zu erkennen war. „Es – es tut mir leid. Ich dachte, es wäre besser so." Er hielt inne und schluckte. „Offensichtlich ohne Erfolg."
Nervös blickte er um sich. Ihm war bewusst, dass sie jeden Augenblick von Filch und seiner Katze entdeckt werden konnten. Doch er sah so durcheinander und verzweifelt aus, dass Hermine nicht aufhören konnte, ihn anzusehen. Vorsichtig legte sie ihre Hände auf sein Gesicht.
„Snape. Ich habe Sie so vermisst."
Mit dem Aufblitzen seiner Augen, die völlig unerwartet auf ihre trafen, war offensichtlich, dass er dasselbe gefühlt hatte. Es lag Verlangen und Lust in ihnen und Hermine beobachtete ihn neugierig. Snape brannte förmlich vor Leidenschaft. Je länger sich ihre Augen in die des jeweils anderen bohrten, umso mehr veränderte sich sein Ausdruck. Er brauchte Erlösung von den Schmerzen, die er in seinem Inneren verbarg.
Ihre Hand wanderte an seinem von der Kleidung fest verschlossenen Hals hinunter.
„Hermine ...", keuchte er mit schwacher Stimme und sein Adamsapfel vibrierte unter ihrer Berührung. „Was haben Sie vor?"
Es war eine sehr stimulierende Situation für beide, an der Hemmschwelle zwischen dem Erwischt-werden und all den verbotenen und unausgesprochenen Sehnsüchten, von denen sie beherrscht wurden.
„Professor", flüsterte sie. „Lassen Sie mich Sie fühlen."
Er starrte sie mit weit aufgerissenen Augen an und schluckte. Dann nahm er sie plötzlich bei den Handgelenken und presste sie mit der Kraft seines Körpergewichts vor sich her, bis sie nicht weiter konnte und zwischen ihm und der Mauer in ihrem Rücken gefangen war.
Obwohl er seine Kleidung anhatte, konnte sie seine heiße und harte Erregung stechend und fordernd zwischen ihren Beinen fühlen und ein Schauder durchfuhr sie.
Augenblicklich hielt er inne und rang nach Fassung.
„Ich - ich kann nicht", stammelte er ungläubig.
Sie wusste zuerst nicht, was sie sagen sollte, als sie ihn so innig und bebend vor Lust bei sich spürte. Sein Gesicht wirkte merkwürdig verzerrt im Schein der Laterne, sein Mund stand offen und er atmete schwer.
Er hatte Recht. Er konnte das nicht tun. Er war ihr Lehrer. Er hatte sie gefunden, nachdem sie missbraucht worden war. Er hatte sich um sie gekümmert und bei sich aufgenommen, als sie niemanden sonst sehen wollte. Und jetzt wollte sie ihn bei sich spüren; ihn in sich spüren. Wie konnte sie das nur von ihm verlangen? Wie konnte sie das nur von sich selbst verlangen?
Sie erzitterte bei dem Gedanken daran. Doch nur einen winzigen Moment, dann schien alles wieder klar und deutlich vor ihr zu liegen: die Erkenntnis, die Wahrheit. Es war Snape. Ihr Snape. Und es wäre anders mit ihm. Das war es schon jetzt; sie fühlte es.
„Sie werden mich nicht verletzen", sagte sie leise. Er zuckte zusammen und sein Haar fiel nach vorne und bedeckte seine Augen. Mit der sanftesten Berührung ihrer Fingerspitzen schob sie es ihm beiseite. „Ich gehöre Ihnen."
Seine Lider schienen sich in Zeitlupe zu senken, als er blinzelte. Noch nie hatte sie ihn so verunsichert erlebt.
Langsam beugte er sich zu ihr, um ihr etwas ins Ohr zu hauchen. „Ich möchte Ihnen nicht wehtun."
Ihre Knie fühlten sich butterweich an, als sie seine verruchte Stimme hörte. „Das werden Sie nicht."
Er nickte. „Doch, das werde ich."
Ohne eine weitere Warnung presste er seine dünnen, kirschroten Lippen auf ihre.
Hermine atmete hörbar aus, als seine Zunge gegen sie stieß und dann in ihren Mund drang.
„Severus ..."
Seine Hände glitten suchend an ihrem Körper entlang, und rissen ihr den schwarzen Umhang von den Schultern. Es war ihm gleich, dass sie in diesem albernen Schlafanzug vor ihm an der Wand kauerte, denn er hatte ohnehin nur Augen für sie.
Mit einem Ruck packte er ihren Po und hob sie in die Luft. Er hielt sie fest, ganz fest, während Hermine ihr Gesicht in seinen Haaren verbarg und er mit Zunge und Lippen ihren Hals bearbeitete. Noch immer presste sich sein harter Unterleib gegen ihr weiches Fleisch. Sie stöhnte auf und krallte ihre Finger fest in seinen Nacken.
„Severus … Severus ..."
Seine Hände gruben sich in die Muskeln ihrer Pobacken und er hörte nicht auf, sie auf seine Weise zu liebkosen, bis ihr Hals ganz rot davon war.
Erst nach einer Weile ließ er von ihr ab und blickte sie schwer atmend an.
„Hermine?"
Sie spürte, dass sich seine Finger an ihrem Po lockerten und sah ihm tief in seine unglaublich schwarzen Augen. „Ja, Severus?"
„Wir müssen das nicht tun. Nicht hier und nicht jetzt."
Er klang so ernst, dass ihr Herz dabei einen Schlag auszusetzen schien.
„Ich will dich, Severus", sagte sie unmissverständlich. „Ich will dich spüren. Mit jeder Faser deines Körpers."
Ein Teil von ihm wirkte, als würde er sich gleich vor Ungeduld überschlagen. Dennoch gab es sichtlich Gründe, die ihn zurückhielten, sich weiter auf sie zu stürzen.
Hermine beugte sich tief zu ihm hinab. „Lass mich dich spüren, Severus", hauchte sie in sein schwarzes Haar hinein. „Ich möchte, dass du es bist, dem ich meinen Körper schenke."
Ein paar unruhige Atemzüge später schien er alles noch einmal überdacht zu haben.
„Was ist mit … Verhütung?"
Eine böse Erinnerung flackerte in ihr auf und für einen Moment spürte sie einen Stich in ihrem Inneren. Doch gleich darauf war es vorbei. „Ginny hat mir was besorgt. Ich wollte sicher gehen, nach dem Vorfall im Sommer ..."
Er schluckte. „Verstehe." Dann wippte er nachdenklich mit dem Kopf. „Und ist es sicher?"
„So heißt es zumindest. Ja - ich denke, so sicher, wie Verhütung eben sein kann." Sie lächelte verlegen und legte ihren Kopf an seine Stirn. „Ich wollte dich schon in den Ferien, Severus."
Eng und fest drückte er sie an sich und nickte. „Das wird alles ändern, Hermine, das ist dir doch bewusst?"
„Ich weiß. Doch nichts ist mehr so, wie es war."
Gedankenverloren strich sie ihm die Strähnen hinter die Ohren. „Ich kann es nicht länger leugnen, Severus. Und ich weiß, dass du es ebenfalls spürst." Etwas überrumpelt blinzelte er sie an und sie fuhr fort. „Die Verbindung unserer Seelen."
Seine Kehle war ganz trocken geworden, als er den Mund öffnete, um etwas zu sagen. „Hermine – ich ..."
Als schien ihm etwas zu dämmern, was tief in ihm verborgen geschlummert hatte, ließ er sie zu Boden sinken, löste sich dann mit leeren Augen von ihr los und wich einen Schritt zurück.
Hermine sah auf und suchte seinen Blick. Snape aber hob abwehrend die Hände. Er wirkte verändert und verstört, als hätte er einen unheilvollen Geist vor sich gesehen.
„Was ist los?", fragte sie verunsichert.
Er schüttelte den Kopf, seine Strähnen fielen ihm vor die Augen und verbargen seinen Ausdruck vor ihr. „Meine Seele gehört nicht länger mir", raspelte er langsam und mit rauer Stimme. Dann senkte er den Kopf. „Ich bin an den Schwur gebunden. Ich unterstehe Dumbledore und zugleich dem Dunklen Lord." Er klang wie eine Maschine, als er das von sich gab. „Ich habe keine Seele mehr. Unsere Wege müssen sich trennen. Hier und jetzt."
Nachdem er verstummt war, stand sie wie gelähmt vor ihm und wusste nicht, was sie sagen sollte. „Wa-was meinst du?", stammelte sie unbeholfen. „Severus? Was ist los?"
Er zuckte zusammen, die Kiefer angespannt und die Hände zu Fäusten geballt. „Nennen Sie mich nicht so, Granger."
Hermine konnte sehen, dass er zitterte. Verwirrt streckte sie ihre Hand nach ihm aus, doch er drehte den Kopf zur Seite und äußerte ein hartes „Nicht".
„Severus – was soll das?"
„Ich sagte, Sie sollen mich nicht so nennen. Ich bin Professor Severus Snape, Miss Granger. Alles andere, alles was war oder sein könnte, ist nicht von Belang."
Sie wagte es nicht, ihm zu widersprechen und nickte verdattert.
Eine lang unterdrückte Wut keimte in ihm auf und er fuhr so schnell herum, dass seine Strähnen durch die Luft sausten. Für einen Moment lang konnte sie einen funkelnden Blick aus seinen zusammengekniffenen Augen erhaschen. Sein Brustkorb hob und senkte sich angestrengt.
„Es tut mir leid", murmelte er leise und sah ihr ein letztes Mal schmerzverzerrt in die Augen. Seine Hand aber legte sich sanft auf ihre Wange, sein Daumen strich zärtlich über ihre Haut, so wie es bereits zuvor geschehen war. „Ich kann das nicht tun. Es ist nicht Ihre Schuld. Doch vergessen Sie, dass ich hier gewesen bin … Ich ..." Er stockte und suchte gequält nach Worten. „Vergeben Sie mir."
Damit zog er seine Hand zurück und die Wärme auf ihrem Gesicht verschwand augenblicklich. Hermine fühlte die gefürchtete Kälte in sich aufsteigen, die sie schon damals gespürt hatte, als er sich von ihr verabschiedet hatte.
Snape machte auf dem Absatz kehrt und rannte ohne ein weiteres Wort durch die dunklen Gänge davon.
Ungläubig starrte sie ihm nach. „Severus! Was soll ich dir vergeben?… Snape! Warten Sie!"
Sie hörte seine Schritte in der Ferne verstummen und blieb allein zurück, mit seinem schwarzen Umhang, der leblos und kalt wie ein gespenstisches Abbild seines Besitzers zu ihren Füßen lag.
