My grief lies in you
Kapitel 5
Vollkommenheit
Hermine war wie vor den Kopf gestoßen, als sie in die Dunkelheit hinein starrte, auf den Fleck, an dem er eben noch gestanden hatte. Sie konnte nicht glauben, was geschehen war. Snape hatte sie leidenschaftlich geküsst und dann hatte er sie mit seinem harten Körper gegen die Wand gepresst. Sie waren kurz davor gewesen, hemmungslos die Hüllen voreinander fallen zu lassen und er hatte sogar mit ihr über die Verhütung gesprochen. Doch dann, dann hatte er sie einfach zurück gelassen. Schlimmer noch, er war vor ihr und der Realität davon gelaufen.
Sie verstand nicht, was er vor sich hin gefaselt hatte. Noch seltsamer aber war diese eigenartige Entschuldigung von ihm gewesen, denn Professor Snape entschuldigte sich nie. Diesmal jedoch hatte er es mehr als einmal getan. Und das mit aufrichtigen und ehrlichen Absichten, soweit sie es an seinem Verhalten erkennen konnte.
Was wollte er ihr damit sagen? Oder was war so schrecklich, dass er es ihr nicht sagen konnte?
Das einzige, was für sie feststand, war der Umstand, dass irgendetwas mit Dumbledore und Voldemort im Gange war. Etwas Geheimnisvolles. Und etwas, das mit diesem Schwur zu tun haben musste – dem Schwur, der schon einmal der Grund dafür gewesen war, dass er sie von sich gewiesen hatte.
Es kam ihr fremdartig vor, dass ausgerechnet jemand wie er, der immer so stark und absolut auf sie gewirkt hatte, derart verunsichert und verloren gewesen war. Doch Hermine sollte keine Möglichkeit bekommen, mit ihm darüber zu reden, denn seit diesem Vorfall in der Bibliothek hatte sie ihn nicht mehr vertraulich gesehen. Und seither war schon eine Woche vergangen. Lediglich im Unterricht oder beim Essen in der Großen Halle begegneten sie sich. Doch dabei blieb er wie gewohnt auf Abstand oder wich ihr wieder einmal gekonnt aus. Nicht einmal hatte er ihren Blick gesucht.
Was war nur los mit ihm? Es sah ihm nicht ähnlich, dass er sich so verhielt, fast so, als würde er sich vor ihr verstecken.
Dabei wollte sie ihn so dringend sehen. Sie brauchte Klarheit, denn ihr war bewusst, dass sie etwas mit ihm geteilt hatte, obwohl er sie bereits zuvor verstoßen und allein zurück gelassen hatte.
Dass es nun wieder geschehen war, traf sie hart. Sah er denn wirklich keinen anderen Ausweg? Oder sah er immer noch ein hilfloses Mädchen in ihr, so wie an dem Tag, an dem er sie gefunden hatte?
Alles in Hermine schien sich zu drehen. Selbst dann, wenn das nicht der Fall war, war er immer noch ihr Professor. Er könnte seinen Job dafür verlieren und in Askaban landen.
Mein Gott! Was hatte sie sich nur dabei gedacht? Dass er sie mit offenen Armen empfangen und eine heimliche Liebschaft mit ihr eingehen würde?
Es war Snape, um den es sich handelte. Professor Snape. Ihr Snape. Der Snape, der sie in seinen Armen gehalten und an sich gedrückt hatte, als niemand sonst für sie dagewesen war; als sie niemanden sonst sehen wollte.
Hermine hatte genug davon, das Opfer zu sein. Sie musste handeln. Vor allem aber musste sie herausfinden, was mit ihm los war. Doch da er sich so zurückgezogen hatte, sah sie keine andere Möglichkeit, als ihm eine Nachricht zukommen zu lassen.
Schweren Herzens schrieb sie ihre Botschaft auf ein verzaubertes Stück Pergament, das so präpariert war, dass nur er es entfalten konnte, andernfalls würde es zu Asche verglimmen.
Ich muss Sie sehen. Wir müssen reden. Bitte, Hermine.
Genau genommen erwartete sie nichts von ihm, als sie ihre flüchtige Notiz durchlas, hoffte aber, dass er den nötigen Anstand besaß, wenigstens darauf zu reagieren.
Nachdem sie alles sorgfältig geplant hatte, legte sie die Nachricht mit ihrem Aufsatz zusammen am Ende der Unterrichtsstunde in Verteidigung gegen die Dunklen Künste im Vorbeigehen auf seinem Schreibtisch ab.
Jetzt blieb ihr nur noch übrig, auf seine Antwort zu warten.
Ungeduldig brachte Hermine den Tag hinter sich. Und noch einen. Und noch einen.
Am Ende der Woche machte sie sich keine Hoffnungen mehr, eine Antwort von ihm zu erhalten. Im Gegenteil, Ihre Frustration und die damit verbundene Enttäuschung steigerte sich ins Unermessliche.
Selbst Harry und Ron bemerkten, dass etwas mit ihr nicht stimmte. Darüber reden konnte sie jedoch nicht mit ihnen, also schluckte sie ihren Ärger hinunter und zog sich zurück, so wie sie es in den letzten Wochen ohnehin schon hunderte Male getan hatte.
Es sollte bis zur nächsten gemeinsamen Unterrichtsstunde dauern, ehe sie ein Zeichen von ihm erhielt, in genau dem Moment, in dem er die Aufsätze an die Klasse zurückgab.
Ihr Herz schien stillzustehen, als er vor ihr auftauchte und ihr, ohne sie dabei anzusehen, die Arbeit entgegenstreckte, an die ein zusammengefaltetes Stück Pergament geheftet war. Kaum hatte sie ihren Aufsatz entgegengenommen, war er schon wieder zum nächsten Schüler weiter geschwebt. Nachdem sie vollkommen aufgelöst einige Minuten gewartet hatte, drehte sie sich vorsichtig zur Seite, um die Nachricht zu öffnen.
Samstag, fünfzehn Uhr auf der Lichtung im Wald.
Hermine wusste, wo die Lichtung war, schließlich hatte sie den Wald öfter aufgesucht, als es ihr lieb gewesen war. Sie atmete tief durch und faltete die Nachricht zusammen. Ein Hoffnungsschimmer keimte in ihr auf. Samstag war morgen. Die meisten Schüler wären dann wohl in Hogsmeade und vielleicht würde sich endlich eine Gelegenheit für sie ergeben, Klartext mit ihm zu reden.
xxx
Hermine konnte es kaum erwarten, Snape wieder zu sehen. Sie war so nervös, als hätte sie eine Verabredung mit ihm, was, wie ihr in den Sinn kam, kaum der Fall war.
Es könnte alles passieren, sobald sie sich gegenüberstanden. Er könnte sie in die Arme schließen, obwohl sie sich eingestehen musste, dass diese Möglichkeit sehr unwahrscheinlich war. Viel eher machte sich der Gedanke in ihr breit, dass er wieder einmal versuchen würde, ihr bewusst zu machen, wie unmöglich es für sie beide wäre, eine Beziehung miteinander einzugehen.
Deutlich verunsichert durch ihre eigene Paranoia machte sie sich am Samstag Nachmittag auf den Weg zu ihrem gemeinsamen Treffpunkt.
Hermine erinnerte sich nur ungern daran, wie sie im letzten Schuljahr mit Harry hier unterwegs gewesen war, um Hagrids Bruder zu besuchen. Es war so viel geschehen seither, dass sie sich kaum vorstellen konnte, dass erst wenige Monate vergangen waren.
Mit erhobenem Zauberstab stolperte sie vorwärts, stets auf der Hut vor fremden Geräuschen und womöglich in ihren Verstecken lauernden Tieren. Doch je weiter sie ging, umso mehr wurde ihr bewusst, dass der Wald einen beruhigenden Einfluss auf sie hatte. Es war alles ganz anders, als sie gedacht hätte und so kam sie erstaunlich entspannt bei der Lichtung an. Von Snape aber gab es dort keine Spur.
Hermine seufzte wehmütig und setzte sich mit gekreuzten Beinen auf ein sonnenbeschienenes Plätzchen am Rand. Kurz darauf schloss sie die Augen.
Zum ersten Mal seit langem hatte sie das Gefühl, frei zu sein. Sie hörte das sanfte Rauschen der Blätter im Herbst und atmete die klare, leicht modrige Luft tief in ihre Lungen ein. Alles um sie herum wirkte friedlich und im Einklang. Selbst in dem Moment, in dem sich eine Hand auf ihre Schulter legte, verspürte sie keine Angst. Im Gegenteil: erleichtert legte sie ihre auf die warmen Finger, deren Vertrautheit und Nähe ihren Körper durchflutete.
Für einige Minuten herrschte vollkommenes Schweigen zwischen ihr und Snape. Sie genoss seine Anwesenheit in Dankbarkeit und sog seinen herben Duft in sich ein, ohne die Augen zu öffnen.
Irgendwann begann sie, seine Finger zu streicheln, die immer noch reglos auf ihrer Schulter ruhten. Dann drehte sie den Kopf und sah zu ihm auf.
„Danke, dass Sie gekommen sind."
Er schluckte, während er mit ausdruckslosem Gesicht auf sie hinabsah. Die Strähnen seiner langen Haare fielen ihm vor die Augen und erschwerten es ihr, etwas an seinem Blick zu deuten.
Als er nicht antwortete, stand Hermine auf und schritt die Lichtung entlang. Sie fühlte, dass er ihr mit seinen Augen folgte und hielt kopfschüttelnd inne, um ihn anzusehen.
„Warum hier?", fragte sie irritiert. Erst jetzt fiel ihr auf, dass er wie gewohnt aufrecht - und auch etwas versteift - vor ihr stand, die Arme fest an seinen Seiten herabhängen ließ und einen schwarzen Umhang trug, obwohl sie den, den er in der Bibliothek zurückgelassen hatte, immer noch fein säuberlich in ihrem Koffer verstaut und wie einen kostbaren Schatz behütet in ihrem Besitz hatte.
Seine Kiefer arbeiteten, während er überlegte, ob er ihr überhaupt antworten sollte. „Ich komme oft hier her, wenn ich nachdenken muss."
Langsam nickte sie. „Ich weiß, dass Sie ihre Geheimnisse vor mir verbergen möchten, aber bitte, lassen Sie mich zu Ihnen vordringen. Es gibt so vieles, das ich nicht begreife." Schaudernd schüttelte sie den Kopf. „Ich kann so nicht weiter machen. Verstehen Sie? Es macht mich verrückt. Lassen Sie mich mit Ihnen reden. Lassen Sie uns das teilen, was wir haben können. Und lassen Sie mich Ihnen helfen, so wie Sie mir geholfen haben."
Seine schwarzen Augen wirkten verunsichert, als sie ihn beobachtete. Er wollte es, wollte ihr sagen, was ihn bewegte. Doch er konnte es nicht.
„Miss Granger ...", begann er nach einer schieren Ewigkeit mit schwacher und rauer Stimme, „Hermine, es ist mir nicht erlaubt, dir irgendetwas darüber zu sagen. Andernfalls wärst du in großer Gefahr." Er blinzelte. „Kann du das verstehen?"
Seine Stimme klang so tief und aufrichtig, dass sie fröstelte. Verwirrt schüttelte sie den Kopf. „Nein, ehrlich gesagt nicht." Sie seufzte. „Severus ..."
Augenblicklich zuckte er zusammen. Offensichtlich fühlte er sich unwohl in seiner Haut. Doch Hermine wollte nicht aufgeben und versuchte erneut, zu ihm durchzudringen.
„Severus. Was ist so schlimm, dass du es mir nicht sagen kannst? Ich bin nicht dein Feind."
Er lachte bitter und fuhr sich mit den Fingern durch die Haare, das Gesicht plötzlich ganz starr auf den Boden gerichtet.
„Es gibt Dinge, die ich tun muss, den Dunklen Lord betreffend, die niemand erfahren darf. Es steht zu viel auf dem Spiel. Für uns alle."
Es war die Wahrheit, sie wusste es instinktiv.
„Ich verstehe", sagte sie knapp und biss sich auf die Lippe. „Aber … aber, wird es jetzt immer so zwischen uns sein, dass du vor mir fliehst und mich meidest?"
Er zögerte und sah verstohlen auf. „Ja."
„Warum?"
Snape antwortete nicht.
Sie atmete schwer ein und machte einen Schritt auf ihn zu, jeden seiner Atemzüge, die seine Brust sich angespannt heben und senken ließen, genau beobachtend.
„Selbst dann, wenn es mich verletzt?"
Kaum merklich zuckten seine Mundwinkel. Abgesehen davon kam nichts von ihm.
„Und wenn das nicht wäre, was dann?", fragte sie traurig weiter.
Er schluckte und sah sie nicht mehr an. Stattdessen schien er beschämt zu sein, als er antwortete. „Ich bin zu alt für dich, Hermine. Es würde nicht gutgehen."
Erleichterung durchströmte sie. Es war nicht das gewesen, was sie sich in diesem Moment als Antwort von ihm erhofft hatte.
Ermutigt kam sie erneut näher und langte nach seiner Wange. Als er nur zusammenfuhr, ohne sie von sich zu weisen, nahm sie sein Gesicht in ihre Hände.
„Nein. Bist du nicht. Glaubst du wirklich, ich möchte einen von diesen jungen Dummköpfen? Sie sind kaum in der Lage, vollständige Sätze zu sprechen, geschweige denn, ordentliche Manieren vorzuweisen. Sie langweilen mich." Sanft lächelnd blinzelte sie ihn an. „Du kennst mich seit Jahren. Ich brauche Herausforderungen, jemanden mit einem wachen Verstand, der sich mit mir messen kann. Jemanden, der mir das geben kann, was ich brauche und meine Bedürfnisse befriedigen kann." Seine Augen blitzten überrascht auf und sie fuhr schnell fort, noch ehe er etwas dagegen einwenden konnte. „Andernfalls … würde ich es vorziehen, alleine zu bleiben."
Spätestens nach diesen Worten bohrten sich seine schwarzen Pupillen einmal mehr erbarmungslos und tief in ihre.
Hermine fühlte eine Gänsehaut in sich aufsteigen. Da war es wieder: dieses Verlangen, diese Leidenschaft. Sein kaltes und trainiertes Selbstbewusstsein, das sie so sehr vermisst hatte.
„Du musst keine Angst vor mir haben, Severus."
„Ich ..." Er räusperte sich. „Ich ..."
„Habe keine Angst. Du warst immer mutig. Ich weiß es. Du hast mich gerettet, erinnerst du dich? Ohne an dein eigenes Risiko zu denken. Und ich werde nie diesen Moment vergessen, als du kamst und mich auf deine Arme gehoben hast. Es war dein Herzschlag, der mich zu neuem Leben erweckt hat, Severus. Mit dir fühle ich mich vollkommen."
Erneut öffnete er den Mund, um zu sprechen, wusste jedoch nicht, was er antworten sollte.
Hermine schloss die Distanz zwischen ihnen mit ihrem Körper und schlang die Arme um seine Hüften. „Halt mich einfach nur fest, Severus."
Langsam senkte er den Kopf und legte sein Kinn auf ihrem Haupt ab. Dann nahm er seine Arme hoch, die bisher unbeweglich an seinen Seiten geruht hatten und drückte sie an sich.
Mit Tränen in den Augen atmete Hermine aus. „Du weißt, wie ich fühle, Severus. Du weißt, wie sehr ich dich brauche."
Sie spürte, dass er hart schluckte. „Was – was erwartest du von mir?", fragte er mit rauer Stimme. „Was denkst du, dass ich dir geben kann?"
Hermine zog die Nase hoch. „Gib mir das, was du kannst, Severus. Nicht mehr und nicht weniger. Aber hör endlich auf, vor mir davonzulaufen. Es sei denn, ich bin dir gleichgültig."
Seine Antwort war wie üblich mehr als alles, was sie erwarten konnte. Er begann leise zu summen und sie fühlte, dass er anfing, sie sanft mit sich auf und ab zu schaukeln. Tränen liefen über ihre Wangen und verschwanden in dem dicken, schwarzen Stoff auf seiner Brust; und keiner von ihnen sagte ein Wort.
