My grief lies in you
Kapitel 6
Frei sein
„Das Risiko ist zu groß, Hermine", hörte sie ihn sagen, nachdem das tiefe Summen verstummt war. Als hätte sie es geahnt. „Für uns beide."
Sie hob den Kopf und sah zu ihm auf, sah ihn einfach nur an. Sein Gesicht, mit all den Furchen und Falten, die sich so tief in ihr Inneres eingebrannt hatten. Die Haare, die ihm jedes Mal über die Augen fielen, sobald er verlegen war, oder so wie sie, nicht weiter wusste. Und seine Augen. Diese Augen, die so unendlich schwarz und voller Leben waren, sobald sie mit ihm alleine war. All seine Emotionen spiegelten sich darin wider. All das, was er vor anderen zu verbergen versuchte.
Sie spürte einen Stich in ihrem Herzen. Was sollte sie ihm darauf antworten? Sie war es leid, nichts tun zu können, alles über sich ergehen zu lassen, ohne Einfluss auf ihr Schicksal nehmen zu können.
„Ich möchte nicht alleine sein", flüsterte sie irgendwann.
Ein Windhauch kam auf und einzelne, buntgefärbte Blätter segelten verspielt durch die Luft.
Er atmete ein, seine Nasenflügel bebten. „Das wirst du nicht sein. Ich werde über dich wachen, Hermine, so gut ich kann."
Ihre Augen brannten. Erneut klangen seine Worte nach Abschied.
„Ich bin es leid", gestand sie ihm leise, „dass du versuchst, mich zu retten, Severus." Sie schluckte gequält ihre Tränen hinunter und legte ihr Kinn auf seine Brust. „Warum können wir nicht zusammen sein? Ich könnte Hogwarts verlassen. Dann wäre ich frei."
Er sog die Luft hart und hörbar in sich ein. Seine Hand rutschte über ihren Rücken nach oben, verließ wehmütig ihren Körper und legte sich auf ihre Wange. „Sieh mich an", sagte er ernst. Seine Stimme jedoch war alles andere als gefestigt. Sie wusste es genau, kannte jede dieser winzig kleinen Schwankungen, die er all die Jahre, bis zu dem verhängnisvollen Vorfall im Sommer, so gekonnt vor ihr zu verbergen vermochte.
Traurig hob sie den Kopf und richtete den Blick nach oben. Das Funkeln seiner Augen war verschwunden. Sie sprachen von Schmerz und Verzweiflung.
„Du darfst Hogwarts nicht verlassen. Ich könnte es nicht ertragen. Außerdem wird Potter dich brauchen, er ist verloren ohne dich." Er hielt inne und schluckte. „Ich kann nicht gehen, Hermine. Der Schwur, Dumbledore, der Dunkle Lord … ich habe keine Wahl. Ich muss mich ihm stellen, muss meinen Part weiterspielen. Mein Leben hängt davon ab. Und noch so viel mehr."
Sie biss sich schmerzhaft auf die Zunge und unterdrückte ihren Schrei. Es war grausam, dass das Leben so spielte.
„Ich werde über dich wachen. Ich verspreche es - ganz gleich, wo du bist."
Tränen liefen über ihr Gesicht, sie war zu schwach, um sie länger aufzuhalten. „Severus ..." Sein Daumen strich über ihre Haut, die Brise kühlte ihre feuchte Wange und ließ sie frösteln. „Werde ich dich sehen?", fragte sie kaum hörbar.
Er zuckte mit den Schultern. „Ich bin dein Lehrer."
Sie schüttelte sich von all der Kälte, die in sie fuhr. „Das meinte ich nicht."
Sanft rutschten seine Mundwinkel nach oben. „Wenn du es wünschst", hauchte er leise.
Hermine blinzelte. „Wie?"
Ein tiefer Atemzug blähte seine Lungen. „Komm in mein Büro. Aber sieh zu, dass es nicht zu oft ist, hörst du?" Er warf ihr einen mahnenden Blick zu. „Wir können nichts riskieren. Und wenn jemand dich aufhält oder dumme Fragen stellt, sag einfach, ich hätte dich nachsitzen lassen."
Verständnisvoll nickte sie.
Er nahm sie bei den Schultern und senkte den Kopf zu ihr hinab. „Hermine?"
„Ja?"
„Pass auf dich auf. Bei Zeiten werde ich nicht im Schloss sein."
Sie nickte. „Ich weiß." Es schmerzte sie, auch nur daran zu denken, wo er dann war. „Ich weiß …"
„Gut", seufzte er, sich langsam von ihr loslösend. „Und jetzt geh." Schon war er etliche Schritte von ihr entfernt. Lautlos, auf dem Weg in den dunklen Wald hinein.
Alarmiert riss sie die Augen auf. „Severus, warte!"
Er zuckte zusammen, schaudernd beim Klang ihrer Stimme fuhr er herum. Die schwarze Masse seines Umhangs wehte im Wind. „Ja?"
Sie klemmte nachdenklich ihre Lippe zwischen die Zähne, fühlte ihr Herz kräftig schlagen, bei dem, was sie ihm sagen wollte. Doch sie konnte es nicht und schüttelte den Kopf. „Nichts."
Er nickte ihr zu und drehte sich um. Schon hatte ihn der Wald, über den sich die einsetzende Dämmerung legte, mitsamt all dem Glanz und den Wundern, die ihn umgaben, verschluckt.
