My grief lies in you
Kapitel 7
Eingeständnisse
Hermine fühlte sich einsamer denn je. Sie sehnte sich danach, in der Nähe ihres Professors zu sein. Und das nicht nur während des Unterrichts, denn dort hielt er sie wie gewohnt auf Abstand, als wäre nie etwas zwischen ihnen vorgefallen.
Sie wusste, dass es nur Fassade war, trotzdem traf es sie jedes Mal erneut mitten ins Herz, wenn er kühl an ihr vorüberging, ohne ihr auch nur einen dieser leidenschaftlichen Blicke zu schenken, die sie so sehr an ihm liebte.
Warum konnte er nicht zugeben, dass er sie sehen wollte? Er war ihr Lehrer, ja. Und gewiss sahen sie sich im Unterricht. Doch das war nicht dasselbe. Sie hatte erlebt, dass er sie gemieden hatte - vielleicht gerade deshalb, weil die Tatsache, dass er sie brauchte, schmerzhaft für ihn war. Ein Eingeständnis aber war noch viel schmerzvoller. Außerdem hatte sie es kaum besser gemacht, hatte sie doch das, was sie ihm sagen wollte, zurückgehalten.
Fest eingehüllt in seinen schwarzen Umhang, den sie so sehr behütete, lag sie auf ihrem Bett im Mädchenschlafsaal der Gryffindors und weinte. Sie war ein emotionales Wrack und wusste es auch. Ihr Verstand sagte ihr, dass sie Severus ziehen lassen sollte. Ihr Herz aber konnte es nicht. Sie fühlte sich zerrissen und unverstanden. Doch was weitaus schlimmer für sie war, war die Tatsache, dass sie nicht einfach bei ihm sein konnte. Er kam diesmal nicht, um beruhigend auf sie einzuwirken und mit seinen warmen Händen ihre Wange zu berühren, ihr das Haar zurück zu streichen, so wie er es in Spinner's End getan hatte. Sie war allein mit ihrem Schmerz und ihrem Kummer.
So plötzlich, als hätte sie beim Baden eine eiskalte Welle erwischt, brach die Realisation über sie herein.
Was für eine Zukunft hätte sie denn schon mit ihm zu erwarten? Erst dann, wenn Voldemort besiegt wäre, könnte er frei sein, ohne ihm weiter zu unterstehen. Doch was dann? Würde er es jemals schaffen, sich frei und ungebunden in der Welt zu bewegen? Könnte er sich ihr je so öffnen, wie sie es brauchte? Angenommen, es gäbe den Dunklen Lord irgendwann nicht mehr, was würde dann aus ihm werden? Was würde aus ihnen beiden werden?
Hogwarts war sein Leben. Er brauchte es und die Vertrautheit, die gewohnte Umgebung und die Abläufe des Alltags, denn das waren die Dinge, die ihm eine Konstante lieferten. Etwas, das ihm Beständigkeit und Halt gab.
Leise schluchzend und zitternd gab sie sich den Erinnerungen an ihn hin. Es gab nichts, wonach sie sich mehr sehnte, als von ihm in seinen Armen gehalten zu werden. Doch es passierte nicht.
Als sie es emotional nicht mehr aushielt, richtete sie sich auf. Es war Zeit, etwas zu unternehmen und da es vollkommen ruhig um sie herum war, weil alle anderen schon längst schliefen, wollte sie die Gelegenheit nutzen, um Severus zu sehen. Vorsichtig glitt sie aus dem Bett, versteckte den Umhang in ihrem Koffer, legte einen Schutzzauber darüber und zog sich eine alte Jeans und einen ausgebeulten Pullover über. Dann schnappte sie sich ihren Zauberstab und schlich auf Zehenspitzen hinunter in den Gemeinschaftsraum, entschlüpfte durch das Portrait der Fetten Dame nach draußen und setzte so ihren Weg durch das Schloss fort.
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Nervös klopfte sie an der Tür zu seinem Büro. Ob er überhaupt da war? Sie biss sich auf die Zunge. Er musste einfach hier sein! Auch in Spinner's End war er immer wach gewesen, wenn sie ihn gebraucht hatte...
Sie drückte ihr Ohr an die Tür und lauschte. Dann hörte sie sie, seine tiefe und vertraute Stimme.
„Ja."
Mit klammen Fingern drückte sie die Türklinke und trat ein. Beim Anblick seiner Gestalt, die tief über einen Stapel Pergament gebeugt war, lief ihr ein Schauder über den Rücken.
„Du schläfst noch nicht?", fragte er, ohne aufzublicken. Seine Feder kratzte unaufhörlich weiter drauf los.
Hermine schüttelte den Kopf und kam ein Stück näher. „Nein."
Noch immer schrieb er weiter, abgesehen davon war es vollkommen still um sie herum.
„Ich – ich wollte dich sehen", sagte sie zaghaft und blieb mit etwas Abstand vor seinem Schreibtisch stehen. Sein Verhalten machte es ihr nicht gerade leichter, ihr Anliegen hervorzubringen.
Seine eleganten Finger legten den Federkiel beiseite, dann endlich blickte er auf.
Hermine biss die Zähne zusammen und hielt den Atem an. „Ich habe dich vermisst."
Er richtete seinen Oberkörper auf und sah sie eindringlich an. „Du hast geweint", stellte er fest.
Sofort zuckte sie zusammen. Musste er ihr auch noch unter die Nase reiben, dass sie sich schlecht fühlte?
Er nickte ihr zu. „Deine Augen sind ganz rot, Hermine."
„Oh."
Fast lautlos stand er auf, kam auf sie zu und blieb erst unmittelbar vor ihr stehen. „Willst du darüber reden?"
Trotz der Anspannung hörte sie Besorgnis in seiner Stimme. Eindringlich sah sie ihn an. „Ich weiß es nicht. Alles kommt mir so unwirklich vor", flüsterte sie leise. „Ich habe dich wirklich vermisst, Severus. Ich – ich wollte dir schon im Wald etwas sagen. Doch ich wusste nicht wie. Es gibt niemanden, dem ich es sagen kann." Sie fühlte, dass er sich verspannte. Trotzdem fuhr sie sanft fort. „Und niemanden, dem ich es sagen möchte, mit Ausnahme von dir ..." Verunsichert hielt sie inne und wartete, was geschehen würde.
Er räusperte sich, offensichtlich bewegt von ihren Worten. „Fahr fort", sagte er dann mit rauer Stimme.
Hermine schluckte. „Der Moment, in dem du mich gefunden hast, hat mich und mein Leben verändert. Ich fühle mich zu dir hingezogen. Und du weißt, dass es wahr ist. Aber bevor ich mich hier weiterhin vor dir zum Trottel mache, muss ich wissen, wie es dir ergeht."
Voller Erwartung blinzelte sie ihn an. Er blickte zurück, sprachlos und mit offenem Mund ließ er seinen zitternden Kiefer herabhängen. Seine Augen aber, jene dunklen Augen, in denen sie sich so unendlich tief verlieren konnte, sagten ihr alles was sie wissen musste.
Gebannt von seinem Blick hielt sie inne und wartete. War das genug für sie? Nein. Sie wollte seine Stimme zu ihr sprechen hören – zu ihr allein.
„Severus … Was denkst du über mich? Was fühlst du?", fragte sie schließlich.
Er sah sie mit einer Mischung aus Anspannung und Überraschung an. Erst nach Sekunden, in denen er sich scheinbar wieder gefasst hatte, antwortete er und seine wunderbare, tiefe Stimme ließ sie schaudern.
„Hermine – hast du vergessen, wer wir sind? Wer ich bin?"
Sie schüttelte langsam den Kopf. „Nein." Es klang traurig und enttäuscht, doch sie wollte nicht daran denken.
Seine Brauen rutschten eng zusammen und hoben die dunkle Furche in ihrer Mitte hervor. „Was möchtest du von mir hören?", fragte er eindringlich, ohne sie aus den Augen zu lassen.
„Das was du denkst", sagte sie knapp. „Und das was du fühlst."
Hermine spürte, dass ihr Herz kräftiger schlug, Sie fürchtete sich vor seiner Reaktion, obwohl sie die Wahrheit hören wollte.
Snape drehte sich von ihr weg und entfernte sich einige Schritte. Erst mitten im Raum blieb er stehen.
Sie hörte seinen Atem, unruhig und besorgt, sah seine aufrechte dunkle Gestalt, die Haare, die ihm über die Augen fielen, um seine Unsicherheit zu verbergen. Ihr Herz pochte immer schneller. Dann, als sie schon fast davon laufen wollte vor Verzweiflung, begann er zu sprechen.
„Ich begehre dich mit jeder Faser meines Körpers. Du bist wunderschön. Du bist klug."
Hermine fühlte sich beschämt. Bestimmt sah sie alles andere als vorteilhaft aus, mit ihrer alten Jeans, dem ausgeleierten Pullover und ihren verheulten Augen. Dennoch wusste sie, dass er seine wahren Gefühle für sie offengelegt hatte, als wäre sie die wunderbarste Frau auf dieser Welt. Sie starrte ihn mit großen Augen an und konnte kaum glauben, dass er das gesagt hatte.
„Ich möchte dich spüren. Ich möchte dich berühren, Hermine. So sehr, dass es wehtut."
Ebenso schnell wie er begonnen hatte, verstummte er wieder und machte eine Pause, um sie zu betrachten. Seine Augen spiegelten die Verunsicherung seines Inneren wider.
„Ich möchte dich in meinen Armen halten."
Hermine schluckte. Ihr wurde ganz schwindlig, je länger sie ihn beobachtete.
„Ich möchte mit dir sein, bei dir sein ..."
Er senkte den Blick und hielt inne. Minuten des Schweigens schienen zu vergehen, die Spannung im Raum wuchs ständig an.
Plötzlich, vollkommen unerwartet, sah er sie wieder an. „Was soll ich also deiner Meinung nach tun?"
Ihr Hals fühlte sich eng und trocken an. Er wusste nicht weiter, genauso wenig wie sie.
„Das ist mir gleich. Bring uns einfach weg von hier, nur dich und mich. Ich weiß, dass du es kannst."
Flehend sah sie zu ihm auf. Der Wunsch, einfach mit ihm alleine zu sein, war so unbeschreiblich groß, dass sie alles andere um sich herum vergaß.
Einen Moment später fand sie sich fest in seinen schwarzen Umhang eingehüllt an seiner Brust wieder. Sie verlor den Boden unter den Füßen, ihr Körper schien mit seinem zu verschmelzen, Zeit und Raum eine andere Bedeutung zu erlangen.
Ehe sie sich versah, hatten sie Hogwarts verlassen.
