My grief lies in you
Kapitel 9
Zurück nach Spinner's End
In Spinner's End hatte sich nichts verändert, soweit Hermine das auf den ersten Blick sagen konnte, dennoch fühlte sie eine eigenartige Verbundenheit mit diesem Ort. Es war Snapes Zuhause, es war das, wo er herkam. Hier hatten die Dinge stattgefunden, die sie einander näher gebracht hatten. Und hier war es gewesen, wo er sie hergebracht und ihr neues Leben eingehaucht hatte, als sie sich umarmt und geküsst hatten. Die Gefühle, die sie mit diesem Ort verband, waren sonderbar, aber auch einzigartig. Sie wusste, dass ihr das niemand jemals nehmen könnte.
Nachdem sie festen Boden unter den Füßen spürte, lösten sie sich langsam voneinander los und Hermine blickte sich um. Die einzige Veränderung, die ihr auffiel, war der alte Fernseher, der in einer Ecke seines Wohnzimmers stand, die damals leer gewesen war.
Sie starrte ihn mit offenem Mund an. „Du hast den Fernseher repariert."
Er nickte nur, ein leichtes Lächeln erschien auf seinen Lippen. Hermine drückte seine Hand, innig und fest.
„Hast du das für mich getan?", fragte sie vorsichtig. Die Erkenntnis traf sie wie ein Schlag auf den Kopf.
Er senkte den Blick, ohne ihr zu antworten.
Hermine streichelte mit dem Daumen über seine Hand. „Versteh mich nicht falsch", sagte sie sanft. „Das ist wundervoll. Du bist wundervoll. Aber warum hast du mir nichts gesagt?"
Er sah beschämt und überrumpelt zugleich aus. „Niemand hat je Interesse an mir oder meiner Person gehabt, es sei denn, ich war nützlich für ihn, so wie ich es für Dumbledore oder den Dunklen Lord bin. Ich bin nicht daran gewöhnt, ich weiß nicht wie – wie ich es hätte sagen sollen."
Sie streckte sich und strich mit den Fingern über seine Wange. „Aber ich habe dir gesagt, wie viel du mir bedeutest. Du weißt, wie sehr ich dich brauche, Severus." Sie lächelte schwach. „Ohne dich wäre ich nicht hier."
„Sag so etwas nicht", schnaubte er unbeeindruckt. „Was ich getan habe, geschah aus der Verantwortung heraus, die ich als dein Professor für dich hatte."
Hermine sah ihn eindringlich an. „Aber es ist die Wahrheit. Du hättest mich nicht bei dir aufnehmen müssen, trotzdem hast du es getan."
Snape blickte entschieden von ihr weg und fast bereute sie, dass sie damit angefangen hatte.
„Traust du mir etwa nicht, Severus?"
Er seufzte und wendete sich gänzlich von ihr ab. Hermine ließ ihn gewähren. Sie wusste, wie schwer es ihm fiel, über sein Leben und die Erfahrungen, die er gemacht hatte, zu reden.
„Es liegt in meiner Natur, den Menschen zu misstrauen", sagte er hart. „Ich wurde von meinem Vater verstoßen. Er war nicht so, wie ein Vater sein sollte. Alles, was ich von ihm zu spüren bekommen habe, waren sein Hass und seine Gewalt." Er deutete mit dem Kopf zu einem Regal hinüber. „Das ist meine Mutter."
Hermine wusste zuerst nicht, was sie sagen sollte, als sie das Bild wiedersah, in dem sie sich damals vor einer gefühlten Ewigkeit verloren hatte.
„Ich entsprach nicht seinen Erwartungen, als sich herausstellte, dass ich, genauso wie sie, Magie in mir hatte. Er hat sie dafür verantwortlich gemacht und sie geschlagen, bis nicht mehr viel Lebenswillen in ihr steckte. Sie hat sich in sich zurückgezogen. Eines Tages ist sie dann gestorben."
Hermine schauderte. Eine eisige Kälte breitete sich in ihrem Inneren aus und sie suchte hilflos nach den richtigen Worten. „Es – es tut mir leid, Severus ..."
Er aber zuckte wie gleichgültig mit den Schultern. „Sie sind tot."
Als sie den kalten Unterton in seiner Stimme hörte, fühlte sie sich daran erinnert, wie er gewesen war, nachdem er die Männer, die sie misshandelt hatten, zur Strecke gebracht hatte. Sekunden des Schweigens vergingen, ehe sie sich traute, ihm zu antworten. „Hat er dich auch geschlagen?"
Er nickte, sah sie jedoch nicht mehr an. Dann streckte er ihr völlig unerwartet die Hand entgegen. „Komm."
Hermine konnte ein eigenartiges Glitzern in seinen Augen erkennen. „Was hast du vor?", fragte sie vorsichtig.
„Ich möchte dir was zeigen."
Scheu nahm sie seine Hand und blickte ihn an. Ein sanftes Lächeln legte sich über sein Gesicht. Dann zog er sie mit sich fort, die alte Treppe hinauf, die in den ersten Stock führte. Oben angekommen öffnete er die Tür zu dem Zimmer, in dem er sie während ihres Aufenthaltes in Spinner's End untergebracht hatte. Nacheinander traten sie ein.
Erst vor dem Kleiderschrank blieb er stehen, öffnete ihn und trat beiseite, damit sie hineinsehen konnte.
Hermine verschlug es fast den Atem, als sie sah, was er ihr zeigen wollte. „Du hast alles aufgehoben?", flüsterte sie ungläubig.
Er stand mit vor der Brust verschränkten Armen neben ihr und ließ sie nicht aus den Augen.
„Severus?", fragte sie leise. Dann drehte sie sich zu ihm um. „Warum?"
Verlegen blinzelte er, als er in ihre verwunderten braunen Augen blickte, die sich einmal mehr nach Bestätigung sehnten. Ganz plötzlich sah er um Jahre jünger aus, beinahe wie ein verunsicherter Teenager.
Hermine konnte nicht anders, als sich von seinem Anblick hinreißen lassen. Die Mischung aus Stärke und Wärme die er ausstrahlte, dazu seine Unerfahrenheit in gefühlsmäßigen Dingen, die für andere vollkommen selbstverständlich waren, faszinierte sie.
„Ist das nicht offensichtlich?", hörte sie seine Stimme fragen, die sie aus ihren Gedanken riss.
Sie starrte ihn an. „Du wolltest, dass ich zurückkomme", stellte sie fest.
Die Erkenntnis schien ihr den Boden unter den Füßen wegzuziehen. Alles in ihr drehte sich. Warum hatte sie so viel Zeit damit verbracht, sich die Augen rot zu heulen, wenn er die ganze Zeit über darauf gewartet hatte, sie wieder in seiner Nähe zu haben? Warum hatte er es ihr nicht gesagt? Warum hatte er sie gemieden?
Sie stolperte einen Schritt zurück, um am Schrank nach Halt zu suchen. Snape jedoch war schneller. Er fing sie auf, noch ehe sie begriff, was geschah.
Etwas benommen legte sie die Arme um seine Hüften und lehnte ihre Stirn an seine Brust.
„Alles in Ordnung?", fragte er in einem tiefen Brummen, das diesmal deutlich besorgt klang.
Hermine schüttelte den Kopf. „Ich weiß es nicht, Severus. Es überwältigt mich, dass du die Sachen hierbehalten hast. Die Jeans, die ich getragen habe, den Pullover, den du mir geliehen hast ... Alles ist noch da, fein säuberlich aufbewahrt - aber wofür, wenn du nicht vorhattest, es mir zu sagen?"
Alarmiert blitzten seine Augen auf. „Ich weiß nicht, was ich tun soll, Hermine", sagte er mit einem verletzten Unterton in seiner Stimme. „Ich konnte nicht – ich darf das nicht tun. Die Umstände erlauben mir nicht, mich mit dir zu treffen, geschweige denn, auch nur so etwas zu dir zu sagen ..."
Sie war sichtlich bewegt von seinem Geständnis. Natürlich hatte er Recht, doch schließlich hatten sie beide es sich nicht ausgesucht, als sie begonnen hatten, etwas füreinander zu empfinden.
„Aber … Severus, das ist dein Leben!", platzte sie heraus. „Ich wollte Hogwarts verlassen. Deinetwegen ... Unseretwegen. Und nicht Dumbledore, auch nicht Voldemort – niemand hat das Recht, darüber zu bestimmen, was mit uns geschieht. Wir alle haben Dinge, die wir mit anderen teilen müssen. Wir alle brauchen unsere Gefühle und die Nähe unserer Mitmenschen, um nicht verrückt zu werden."
Langsam und resigniert schüttelte er den Kopf. „Nicht ich, Hermine."
„Wa – was?", stotterte sie mit geweiteten Augen. „Warum sagst du so etwas?"
„Weil ich anders bin. Ich kann mit diesen Dingen nicht umgehen."
Hermine hob mit Tränen in den Augen die Hand und legte sie auf sein Herz. „Nein, Severus. Das ist nicht wahr. Du musst nur daran glauben. Ich weiß, dass du es schaffen kannst. Tief in dir streckt Vertrauen. Und ich möchte dir helfen, es wiederzufinden." Ihre Finger strichen sanft über die Knöpfe auf seiner Brust. „Ich werde dir helfen", fügte sie an. „Ganz gleich, wie lange es dauert."
Reglos stand er da und hielt sie in seinen Armen. Er schien über das nachzudenken, was sie gesagt hatte, bis er nach einer Weile seinen Kopf an ihre Stirn legte und die Augen schloss.
Sein Atem ging ruhig und gleichmäßig. Dennoch wurde sie das Gefühl nicht los, dass sich in seinem Inneren die Gedanken überschlugen. Zurecht, wie sie bald erfahren sollte.
„Warum ich, Hermine?", fragte er nach Minuten des Schweigens.
Sie biss sich auf die Zunge, als sie seine verletzte Stimme hörte. Dann nahm sie seinen Kopf in ihre Hände.
„Sieh mich an, Severus."
Er gehorchte matt und sie hatte alle Mühe, ihre Tränen zurückzuhalten, die sich in ihren Augen sammelten, als sie die Verzweiflung in seinem Gesicht sah.
„Wir sind miteinander verbunden, durch das, was wir miteinander geteilt haben. Du bist für mich da gewesen. Vielleicht wird niemand das jemals verstehen. Vielleicht sollte es auch nie jemand erfahren. Doch eigentlich ist es mir gleichgültig, solange ich nur bei dir sein kann."
Seine schwarzen Pupillen leuchteten ihr entgegen. Dann streckte er die Hand nach ihr aus und strich ihr mit den Fingern über die Wange. „Du weißt nicht, was du da sagst", flüsterte er leise. „Mit mir zusammen zu sein, wird dein Leben komplett verändern."
Hermine schüttelte träge den Kopf. „Das ist mir gleich. Ich möchte einfach nur bei dir sein, dich spüren ..."
Ihre Stimme verlor sich in ihrer Sehnsucht, auf die er keine Antwort wusste. Und so hielten sie sich gegenseitig in den Armen, ohne auch nur ein Wort zu sagen.
Erst nachdem Minuten vergangen waren, räusperte er sich, um zu sprechen. „Ich kann nicht lange bleiben, Hermine." Seine Worte klangen rau und gequält.
„Was meinst du?", fragte sie irritiert.
Er senkte ausweichend den Blick. „Es tut mir leid. Aber ich muss gehen."
Besorgnis lag auf seinem Gesicht und sie wollte ihm keinen Vorwurf dafür machen, schließlich hatte sie ihn vollkommen unerwartet aufgesucht. „Du gehst zu ihm", stellte sie traurig fest, ohne es so recht zu wagen, den Umstand für seine Zerrissenheit auszusprechen. Doch ihr Herz klopfte stärker vor Wut, als sie an Voldemort dachte.
Zuerst antwortete er nicht, bis er dann tief Luft holte. „Das ist mein Leben, Hermine", hauchte er in ihr Ohr. „Ich kann es nicht ändern."
„Ich weiß", sagte sie bedrückt und ihre Augen füllten sich dabei einmal mehr mit Tränen. „Aber du wirst zu mir zurückkommen." Es war ein verzweifeltes Flehen, das in ihrer Stimme lag, doch es war ihr gleich. Sie wollte ihn wissen lassen, dass sie sich nach ihm sehnte.
„Nein." Er schüttelte den Kopf. „Nicht heute Nacht. Aber ich denke, wir sehen uns morgen im Unterricht." Ein schwaches Lächeln tauchte auf seinen Lippen auf, wirkte jedoch zu verunsichert, um sie zu beruhigen.
Sie seufzte. „Wenn du es sagst."
Er fuhr sich mit seinen langen Fingern durch die Haare und wirkte dabei so gebrochen, wie sie es nie zuvor für möglich gehalten hätte.
„Severus?", fragte sie vorsichtig, um die eigenartige Stille zu durchbrechen, die sich zwischen sie gelegt hatte.
„Hmmm?"
„Kann ich in deinem Zimmer bleiben, während du fort bist?"
Er blinzelte sie verwirrt an. „Was?"
„Du weißt sehr wohl, was ich meine. Ich möchte lieber dort auf dich warten, als in den Mädchenschlafsaal zurückzukehren."
„Ich … ich bin mir nicht sicher ...", stammelte er unbeholfen. „Jemand aus deinem Haus könnte deine Abwesenheit bemerken."
„Ich werde einfach sagen, dass ich in der Bibliothek war. Ich bin so oft dort, dass es selbst dann nicht weiter auffallen dürfte, wenn ich in der Nacht dort bin …"
Er legte fragend die Stirn in Falten.
„Nun, jedenfalls war ich es vor den Ereignissen im Sommer."
„Ja", antwortete er klar und deutlich, noch ehe sie so richtig zu Ende gesprochen hatte.
Hermine riss die Augen auf. „Oh, Severus!" Schwungvoll schlang sie die Arme um seinen Hals und drückte sich an ihn. „Danke! Ich werde mich auch benehmen, ich verspreche es."
Die Erleichterung stand ihr ins Gesicht geschrieben und sie drückte ihm einen fordernden Kuss auf die Lippen, der mit jeder Sekunde leidenschaftlicher wurde. Das Feuer in seinen Augen loderte auf, als ihm in den Sinn kam, was sie damit beabsichtigte.
„Hermine ..." Schnell senkte er den Kopf und Strähnen fielen ihm ins Gesicht.
Vorsichtig schob sie sie beiseite, bis sie ihn wieder ungehindert betrachten konnte. „Lass mich bei dir sein", sagte sie leise und öffnete die Lippen, um ihn erneut zu küssen. Diesmal noch inniger.
Sie hörte seinen Atem, der ihm geräuschvoll entströmte, spürte, wie er sie an sich presste.
„Ich möchte mit dir schlafen, Severus", hauchte sie weiter, während seine Zunge in ihren Mund drang. „Lass mich dich fühlen."
„Ich weiß", flüsterte er leise. „Aber es sollte nicht jetzt sein. Wir sollten uns dafür Zeit nehmen." Vorsichtshalber trat er einen Schritt beiseite und blickte sich irritiert um. „Besser, ich bringe dich jetzt zurück, bevor wir noch etwas überstürzen, was wir hinterher bereuen."
Hermine nickte knapp. Er hatte Recht. Es wäre nicht richtig gewesen, so etwas zu voreilig zu tun. „Danke, Severus", sagte sie aufrichtig.
„Wofür?"
„Für dein Verständnis. Dafür, dass du so bist, wie du bist - für alles."
„Ich wünschte, ich könnte bei dir bleiben. Hier, mit dir. Aber ich muss gehen."
Sichtlich beschwichtigt lächelte sie zu ihm hoch. „Ich werde dich daran erinnern. Nur du und ich."
Er gab ein tiefes Lachen zurück und ein genüsslicher Schauder durchfuhr sie.
„Ständig versuche ich, mir ein Leben mit dir vorzustellen, das nichts mit Hogwarts zu tun hat", flüsterte sie leise. „So, wie es hier mit dir in den Ferien war."
Er antwortete nicht, Hermine aber wusste, dass er besorgt war. Genauso wie sie. Sie wollte daran glauben, eine Zukunft mit ihm zu haben, fernab der Mauern von Hogwarts, fernab der Unsicherheiten und Sorgen, die sie beide umgaben.
Irgendwann.
