My grief lies in you

Kapitel 10

Harrys Entdeckung

Nachdem Snape sie nach Hogwarts gebracht hatte, verabschiedeten sie sich in seinem Zimmer voneinander. Hermine legte sich kurzerhand auf sein Bett, schlüpfte mitsamt Jeans und Pullover unter die Decke und blickte sich um.

Die Einrichtung in seinen privaten Räumen war karg und zweckmäßig. Überall standen Regale, die mit Büchern gefüllt waren - im Grunde genommen fühlte sie sich fast so, als wäre sie in Spinner's End.

Selbst seine vertrauten Gerüche waren allgegenwärtig und hüllten sie ein. Dennoch war sie zu aufgeregt, um einzuschlafen, und so dauerte es nicht lange, bis sie aufstand und unruhig umherwanderte.

Gedankenverloren öffnete sie die Tür und schlenderte die Treppe hinab, die in das Klassenzimmer für Verteidigung gegen die Dunklen Künste führte.

Erst an seinem Schreibtisch hielt sie inne und setzte sich auf seinen Stuhl, jenen Platz, den sie in den vergangenen Wochen so intensiv mit ihren Blicken studiert hatte.

Endlich ergriff die Müdigkeit von ihr Besitz und so merkte sie kaum noch, wie ihr Kopf auf den Tisch sank und sie in einen tiefen Schlaf fiel.

Es war immer noch mitten in der Nacht, als Hermine erwachte. Sie spürte, dass jemand an ihrer Schulter rüttelte und öffnete träge die Augen. Dann sah sie einen schwarzen Haarschopf vor sich und hob den Kopf.

„Harry? Was tust du hier?"

Er starrte sie über seine Brille hinweg an. „Die Frage ist wohl eher, was du hier tust", gab er verwundert zurück.

„Wie meinst du das?", fragte sie unschuldig.

„Es ist weit nach Mitternacht, Hermine. Wir haben keinen Unterricht. Und trotzdem bist du hier, in Snapes Klassenzimmer."

„Ich konnte nicht schlafen", gähnte sie ausweichend.

Er aber sah sie eindringlich an. „Ist das wahr? Und was tust du dann ausgerechnet hier?"

„Ich - ich dachte, ich habe mein Buch unter der Bank vergessen", stammelte sie unbeholfen, in der Hoffnung, dass er ihr glauben würde. Doch dann, als er ein Stück Pergament aus seiner Hosentasche zog, zerstreuten sich ihre Illusionen.

Langsam setzte er sich gegenüber von ihr auf einen leeren Stuhl und faltete die Karte des Rumtreibers auseinander, bevor er sie demonstrativ vor Hermine auf Snapes Pult legte.

Hermine schluckte.

„Bist du immer noch der Meinung, dass du einfach nur nicht schlafen konntest?"

Ungläubig klemmte sie die Lippe zwischen die Zähne und starrte die Karte an.

„Was ist los mit dir, Mione? Was tust du hier? Und was hast du vor zwei Stunden hier getan, bevor du plötzlich wie vom Erdboden verschluckt wurdest - gemeinsam mit Snape. Und vor allem, wo ist Snape jetzt?"

Etwas unbeholfen schüttelte sie den Kopf. „Ich kann es dir nicht sagen."

„Warum?"

„Weil du es nicht verstehen würdest."

„Und das sagst ausgerechnet du?"

„Harry ..."

„Nein. Ich will die Wahrheit. Was läuft da zwischen dir und Snape?"

„Oh Gott, Harry! Es ist nicht so, wie du vielleicht denkst ..."

„Ehrlich gesagt, bin ich mir nicht sicher, was ich denken soll", schnaubte er. „Eigentlich war ich mit Hilfe der Karte hinter Malfoy her, doch der scheint zu schlafen. Und dann habe ich entdeckt, dass du durch das Schloss wanderst – mit Snape zusammen. Und – was soll ich sagen … ich fand die Tatsache, dass sich meine beste Freundin heimlich in der Nacht zu ihrem Professor schleicht, viel interessanter, als einen schlafenden Malfoy."

„Oh Harry!", stöhnte sie schuldbewusst. „Du verstehst das nicht!"

„Vielleicht tue ich das wirklich nicht", entgegnete er fahrig. „Hast du – hast du etwa mit ihm geschlafen?"

„Nein, so war es nicht! Wir haben geredet ..."

„Warum seid ihr dann plötzlich verschwunden?"

Hermine fröstelte. Was sollte sie tun? Die Karte hatte noch nie gelogen, soweit sie das sagen konnte. Wie sollte sie sich also herausreden?

„Es gibt da etwas, das uns miteinander verbindet", sagte sie wahrheitsgemäß. „Er ist mir in manchen Dingen sehr ähnlich. Und er ist mir gewachsen, was ich nicht von jedem Menschen behaupten kann."

Schnell verstummte sie wieder und lächelte ihn an, in der Hoffnung, dass er nicht weiter drängen würde. Nur ohne Erfolg.

„Stehst du auf ihn?"

Sie hielt die Luft an, ehe sie antwortete. „Es ist anders, Harry."

Er schnaubte unbeeindruckt.

„Hör zu! Dachtest du wirklich, ich würde mich zu jemandem hingezogen fühlen, der mich früher oder später langweilt? Wir sind einander ebenbürtig. Er fordert mich heraus, er schätzt mich ..."

„Bitte!", unterbrach er sie sarkastisch. „Hör auf damit, alles schön zu reden."

Doch Hermine ging nicht darauf ein und fuhr fort. „Du weißt nicht, was er für mich getan hat!", stieß sie verzweifelt aus.

„Was – was meinst du? Sag schon!"

Wütend rollte sie mit den Augen. „Wozu? Du würdest es ja doch nicht verstehen."

„Nein? Erzähl es mir, Hermine. Was läuft da zwischen euch?"

„Nein, Harry! Vertrau mir einfach. Bitte."

„Das würde ich ja gerne tun, aber irgendwie werde ich den Gedanken nicht los, dass hier etwas furchtbar faul ist ..."

„Und ich dachte, du bist mein Freund", wimmerte sie verletzt.

Er sog scharf die Luft in seine Lungen ein. „Ich bin dein Freund. Vielleicht hast du es einfach nur vergessen."

Nachdenklich schloss sie die Augen. Sie hatte genug davon, den Sündenbock zu spielen, vor allem, nachdem sie es gewesen war, der man wehgetan hatte.

Mit belegter Stimme begann sie schließlich zu erzählen. „Es hat im Sommer angefangen. Mir ist etwas zugestoßen und ich war während der Ferien bei ihm und er hat sich um mich gekümmert ..."

„Was?"

„Nicht, Harry! Du musst mir versprechen, nicht auszuflippen. Und auch, es niemandem zu sagen. Vor allem nicht Ron. Bitte!", flehte sie.

Er seufzte angespannt, doch letztendlich nickte er und Hermine nutzte die Pause, um ihre Erzählung auf den Punkt zu bringen.

„Jemand hat mich gefangen genommen."

„Wer?" Seine Stimme war schlagartig mit kalter Wut erfüllt, seine Hände zu Fäusten geballt.

Hermine schluckte und schlang fest ihre Arme um den Körper. Sie hasste es, auch nur daran zu denken.

„Ein Todesser und zwei Rekruten."

„Aber wie konnte das passieren?"

„Ich war abends allein in der Winkelgasse unterwegs. Ich weiß, dass das dumm von mir war. Aber … Jedenfalls haben sie mich fortgeschleppt und ..." Sie konnte nichts weiter sagen. Eine gewaltige Kraft schien ihr die Kehle zuzuschnüren. Einzig und allein Tränen brachen aus ihr hervor.

„Haben sie … haben sie dich misshandelt?"

Sie nickte, ohne ihn dabei anzusehen. „Das volle Programm." Es war leichter gewesen, mit Snape darüber zu reden, denn schließlich hatte er sie gefunden. Obwohl sie Harry schätzte, wie kaum jemand anderen, wurde sie das Gefühl nicht los, dass es falsch war, es ihm zu sagen.

Harrys Kiefer arbeiteten laut hörbar. „Und Snape? Ich - ich verstehe das nicht! Was hatte er damit zu tun?"

Langsam schlug sie die Augen auf. „Er hat mich gefunden und gerettet, Harry. Und von dort fortgebracht, zu sich nach Hause."

„Wie – wie meinst du das?", fragte er sichtlich überrascht.

„Ich war nicht ich selbst und er konnte mich wohl schlecht dort liegen lassen, nicht wahr?"

„Das meinte ich nicht", dröhnte er hart. „Aber zu sich nach Hause? Wieso? Er hätte dich genauso gut in ein Krankenhaus bringen können. Er hätte den Orden informieren können ..."

„Nein!", fuhr sie ihn an. „Hast du auch nur eine Sekunde an mich gedacht, Harry? Diese Demütigung, all der Schmerz, den ich empfand? Offensichtlich nicht ..."

Wortlos schluckte er und starrte auf den Tisch.

„Denk nach, Harry! Die Todesser glauben, er untersteht Voldemort. Er musste alle Spuren verwischen und sein Zuhause war der einzig sichere Ort, an dem er mich lassen konnte, während er sich aufgemacht hat, um diese Kerle zu töten."

Sein Kinn sackte schwer nach unten. „Er hat sie ermordet?"

„Ja."

Ungläubig schüttelte er den Kopf. „Weiß Dumbledore davon?"

Sie zuckte mit den Schultern. „Ich glaube nicht, dass er die Details kennt. Aber ich bin sicher, dass er weiß, was Severus so tut. Er spioniert für ihn, schon vergessen?"

Harry blinzelte. „Severus?"

„Ja." Ein kalter Schauder lief ihr über den Rücken. „Bitte versuch, es zu verstehen. Wir konnten beide nichts dafür, dass es so gekommen ist. Fest steht jedenfalls, dass ich ihm mein Leben verdanke. Und so hat eins zum anderen geführt."

Er schob seine Hände durch die zerzausten Haare. „Gott!"

Hermine biss sich schmerzhaft auf die Lippe. „Es war ein Fehler, es dir zu sagen. Vergiss es einfach!" Wütend und traurig zugleich stand sie auf und deutete unmissverständlich mit dem Kopf zur Tür. „Bitte geh jetzt."

„Was? Nein, Mione! Es – es tut mir leid … Aber bitte gib mir etwas Zeit, das zu verarbeiten. Er ist selbst einer von ihnen, verstehst du? Woher willst du sicher sein, dass das alles mit rechten Dingen zugeht?"

Sie schüttelte resigniert den Kopf. „Nein. Sag das nicht, Harry. Er ist auf unserer Seite. Und er hat jede Menge für mich riskiert. Ich dachte, wenigstens das hättest du begriffen."

„Aber Hermine ..."

„Schluss jetzt! Ich will nichts mehr davon hören. Du und dein ewiger Hass auf ihn! Du bist genau wie dein Vater, Harry. Oder hast du vergessen, was du im Denkarium gesehen hast? Wie James ihn behandelt hat? Was weißt du schon über Severus? Oder darüber, wie sehr er darunter leidet, was in seiner Vergangenheit geschehen ist? Was man ihm angetan und angehängt hat oder ihm heute noch anhängt, so wie du es gerade eben getan hast?"

„Das hat er sich selbst zuzuschreiben!"

Hermine rollte ungläubig mit den Augen. „Er war jung. Und er hat einen Fehler gemacht, als er sich Voldemort angeschlossen hat. Einen verdammten Fehler, für den er seither jeden Tag büßen muss."

„Ebenso wie ich. Ich habe meine Eltern seinetwegen verloren. Du solltest das wissen, Hermine. Es sei denn, du hast die Sache mit der Prophezeiung vergessen."

„Gott, Harry! Pettigrew hat deine Eltern auf dem Gewissen. Nicht Severus."

„Eins hat zum anderen geführt, nicht wahr?", fragte er bitter. „Das waren deine Worte."

Sie seufzte erschöpft. „Warum sagst du das jetzt? Wie viele Beweise brauchst du denn noch, damit du siehst, dass er auf unserer Seite steht? Er hat mir das Leben gerettet, obwohl er sich damit selbst in Gefahr gebracht hat. Und er hätte mich ebenso gut zu Tode bluten lassen können. Niemand hätte es je erfahren."

Harry schüttelte sich, als er das hörte. „Mione ..."

„Nein. Lass es", keifte sie in einem Anflug blinder Wut. „Entweder, du glaubst mir, oder wir sind die längste Zeit Freunde gewesen."

Er hob beschwichtigend die Hände und ein tiefer Seufzer entfuhr ihm. „Es tut mir leid, dass du das durchmachen musstest. Aber … Aber, warum hast du denn nichts gesagt?"

„Was hätte ich denn sagen sollen? Hey, Harry! Ich wurde in den Ferien von ein paar Todessern vergewaltigt. Leider hatte ich dann keine Lust, euch im Fuchsbau zu besuchen ... Ach ja, da ist noch was. Ich glaube, ich bin jetzt mit Snape zusammen." Sie verstummte schlagartig wieder und senkte beschämt den Blick.

Kopfschüttelnd stand er auf und legte seine Arme um sie. „Es tut mir aufrichtig leid."

Sie nickte. „Ich wollte Hogwarts verlassen, Harry. Aber er hat mich gebeten, zu bleiben. Und so habe ich es getan – für ihn. Und nur für ihn. Das solltest du vielleicht noch wissen. Was geschehen ist, hat nichts mit unserer Freundschaft zu tun, aber es hat etwas in mir zerstört. Ich wusste nicht weiter ..."

Betreten löste er sich von ihr los und blinzelte sie an. „Ich wünschte, ich könnte etwas für dich tun."

„Danke, Harry. Aber das ist unmöglich. Ich bezweifle, dass jemand das je verstehen wird außer ihm. Er hat mich schließlich gefunden und er war für mich da."

„Und jetzt?", fragte er vorsichtig. „Seid ihr seither so richtig zusammen?"

Hermine verschränkte die Arme vor der Brust. „Keine Ahnung. Ich meine, wir sprechen nur wenig über unsere Zukunft, wenn du verstehst. Schließlich ist er mein Professor."

Unbeholfen rückte Harry seine Brille zurecht. „Nein, eigentlich kann ich es mir nicht mal vorstellen. Aber ich möchte, dass es dir gut geht. Dass du glücklich bist. Und du siehst nicht gerade so aus."

„Wundert dich das? Er ist mir wirklich wichtig, Harry. Ich habe das Gefühl, nicht atmen zu können, wenn er nicht bei mir ist. Aber es liegt nicht an ihm, sondern an dem, was mit mir passiert ist. Bei ihm fühle ich mich sicher und befreit. Er weiß, was ich durchgemacht habe und war für mich da, als ich vollkommen durchgedreht bin. Er versteht mich und mein Handeln."

Fragend legte er die Stirn in Falten. „Das klingt ziemlich ernst."

Sie nickte. „Ja. Das ist es mir auch."

„Und er? Was ist mit ihm?"

„Ich glaube, dass er mich wirklich mag. Oh Gott, Harry! Was soll ich nur machen? Er könnte dafür nach Askaban kommen, wenn heraus kommt, was er für mich getan hat. Immerhin habe ich bei ihm gewohnt ..."

Er zuckte hilflos mit den Schultern. „Du solltest herausfinden, wie ernst ihm das ist, denn wenn er vorhat, dich nur auszunutzen, werde ich nicht tatenlos dabei zusehen."

Sie schüttelte den Kopf. „Nein, so ist er nicht. Glaub mir."

„Wir werden sehen."

„Harry, bitte versprich mir, dass du Ron nichts sagst, in Ordnung? Du weißt selbst, wie eifersüchtig er sein kann, selbst jetzt, wo er was mit Lavander hat."

Er fuhr sich verunsichert mit den Fingern durch die Haare. „Okay."

„Versprich es mir."

„Ich verspreche es, Hermine."

Erleichtert nickte sie.

Harry hingegen sah sie voller Erwartung an. „Und? Kommst du jetzt mit?"

Hermine schüttelte vehement den Kopf. „Nein. Ich wollte in seinem Zimmer auf ihn warten, um zu sehen, ob es ihm gut geht, wenn er zurückkommt."

„Er ist bei Voldemort, oder?", bemerkte er kühl.

„Ja."

„Um diese Zeit?"

„Am Tag unterrichtet er, wie du weißt", antwortete sie süffisant. „Harry, weißt du was? Bitte tu mir einen Gefallen und tu bloß nicht so, als ob es dich interessieren würde. Ich konnte genau heraus hören, was du darüber denkst."

Verlegen senkte er den Blick. „In Ordnung. Gute Nacht, Mione. Wir sehen uns dann in ein paar Stunden, schätze ich."

„Bis dann, Harry."