My grief lies in you
Kapitel 15
Zuhause
Sie schaffte es irgendwie, mit ihm von dort zu verschwinden, an den einzig sicheren Ort, der ihr in den Sinn kam: nach Spinner's End. Dort legte sie ihn auf dem schäbigen Sofa in seinem Wohnzimmer ab, das sie an diesem Tag nicht zum ersten Mal zu Gesicht bekam. Und sofort wirkte alles vertraut auf sie, obwohl sie versucht hatte, es zu verdrängen.
Bei Gott! Wie sehr sie es gewollt hatte, doch es war vergeblich gewesen.
Ihre Gedanken spielten verrückt. Wieso konnte sie nicht einfach damit aufhören, für ihn zu fühlen? Schließlich hatte er sie von sich gewiesen. Und wie konnte es sein, dass sie nach all der Zeit immer noch Zugang zu seinem Haus hatte?
Snape schien inzwischen bewusstlos geworden zu sein. Sie konnte nicht klar denken, wusste nicht, was sie tun sollte. Sie war erschöpft und ließ ihren Kopf für einen Moment auf seine Brust sinken. Nur einen Moment Ruhe...
Wärme.
Doch er war eiskalt.
Ohne es zu merken, heulte sie los.
Sie konnte seinen Duft riechen, der sich unbarmherzig tief in ihr Gedächtnis gebrannt hatte. Dann spürte sie, wie er mit den Fingern über ihre Wange streifte und alles holte sie ein: ihre Erinnerungen, ihre Vergangenheit. Die Zeit, die sie gemeinsam hier mit ihm auf eben jenem Sofa in seinem Haus verbracht hatte, in Spinner's End, das ihr ein Zuhause gewesen war.
Seine Hand war ganz kühl und zitterte. Vollkommen anders, als sie sie kannte. Sie war immer warm und fürsorglich zu ihr gewesen, zärtlich und sanft.
Schnell blickte sie auf. Sie musste die Gelegenheit nutzen, in der er bei sich war, schließlich hatte er viel Blut verloren.
„Hast du ein Gegengift?"
Er musste eines besitzen, denn jemand wie er überließ nichts dem Zufall. Außer das eine Mal vielleicht, als sie sich in sein Leben eingeschlichen hatte...
Ihr Herz pochte wie wild. Seit einer gefühlten Ewigkeit hatte sie nicht mehr vertraulich mit ihm gesprochen. Aber sie war es ihm verdammt nochmal schuldig, ihn zu retten! Selbst nachdem er ihr den Rücken zugekehrt hatte.
„Blicken Sie nicht zurück", sagte er.
Sie nickte stumm.
Und er drehte sich um und ging, um dem Tod ins Auge zu blicken.
Sie wusste, dass sie keine andere Wahl hatte, als irgendwie weiter zu machen.
Doch die Narben würden bleiben.
Tief in ihrer Brust war etwas gebrochen.
Was hatte sie überhaupt erwartet?
Zuerst gar nichts. Doch je länger sie bei ihm gewesen war, je mehr sie ihn kennen gelernt hatte, umso mehr musste sie sich eingestehen, dass es unvermeidbar gewesen war, sich Hoffnungen zu machen. Sie hatte sich an seine Gegenwart gewöhnt, an die Nähe und Wärme, die er ihr in den dunkelsten Stunden ihres Lebens gegeben hatte. Eine ungeahnte Fürsorglichkeit.
Vor allem aber hatte sie gelernt, etwas in ihm zu sehen, das anderen bisher verborgen geblieben war. Sie hatte gelernt, ihn zu schätzen, für ihn zu fühlen.
Hatte sie tatsächlich geglaubt, dass Snape sie mit offenen Armen empfangen würde, als sie sich in Hogwarts begegneten? Dass er sie für immer und ewig an sich drücken und ihr Trost spenden würde, genauso wie damals, als er sie blutend auf der Straße gefunden hatte?
Wie dumm sie doch gewesen war! Der Abschied war unausweichlich gewesen. Doch warum hatte sie es nicht begreifen wollen? Warum hatte sie versucht, sich an dem Gedanken festzuklammern, dass er genauso fühlte, wie sie es tat?
Er konnte es nicht tun. Er durfte es nicht tun. Schließlich war er an den Schwur gebunden...
Snapes Lippen bewegten sich und sie reckte den Kopf, bis sie seinem Gesicht ganz nahe war. Sein Atem klang schwer und rasselnd. Die Schatten um seine Augen, die sich so eindringlich in ihr Gedächtnis gebrannt hatten, waren noch da. Ebenso wie die markanten Furchen in seiner Haut. Blass war er – nein - das war gar kein Ausdruck! Blass war er immer schon gewesen. Doch jetzt hatte sein Gesicht eine gräuliche Farbe angenommen, mal abgesehen von dem ganzen Blut, das über ihn gespritzt war. Der Geruch würde ihr wohl nie mehr aus dem Kopf gehen.
„Severus!" Sie griff nach seiner Hand und hielt sie ganz fest.
„Ba-ba-badezimmer", raspelte er kaum hörbar.
Ein Schauder überkam sie. Wo war seine Stimme geblieben? Die tiefe, eindrucksvolle Stimme?
Sie nickte und warf ihm einen letzten Blick zu, erleichtert darüber, dass sie sich nicht getäuscht hatte mit ihrer Vermutung: wenn jemand ein Mittel gegen Naginis Bisse im Haus hatte, dann Snape. Er kannte Voldemort und seine listige Schlange zur Genüge.
Dann ging alles ganz schnell. Das Fläschchen mit dem Gegengift sauste durch die Luft und in ihre Hand und schon flößte sie es ihm ein.
Er konnte kaum schlucken. Seine Kehle war brutal zerfetzt. Doch irgendwie schafften sie es, das Zeug in seinen Körper zu bekommen.
Nachdem sie ihn mit verschiedenen Zaubern und einem Verband versorgt hatte, sank sie erschöpft neben ihm auf dem Sofa zusammen.
Mehr konnte sie nicht für ihn tun. Nicht einmal Hilfe holen, denn sie wusste ja nicht, wem sie in diesen dunklen Stunden noch trauen konnte.
xxx
Draußen war es bereits hell, als sie aufwachte. Die Sonne hatte sich durch die grauen Schleier gekämpft und tauchte alles in ein eigenartiges Licht. Vermutlich kam es von den milchigen Fenstern.
Blitzartig fielen weitere Erinnerungen über sie herein, die sie in den vergangenen Monaten, während sie mit Harry und Ron übers Land gereist war, in den Tiefen ihres Herzens vergraben hatte. Entgegen all ihrer Meinungen und Vorurteile, die sie zuvor über ihn gehabt hatte, hatte sie erkennen müssen, dass Snape ein Mann aus Fleisch und Blut war. Mit allen Facetten, die es mit sich brachte, gemeinsam mit ihm in diesem Haus zu leben.
Seine Nähe war es nun, die sie alles wieder fühlen ließ, die sie wieder lebendig werden ließ. Bereits damals, in den Sommerferien, war sie hier neben ihm aufgewacht. Seither war viel geschehen. Und nichts würde mehr so sein wie früher.
Immer noch lag er neben ihr und dämmerte in einem Zustand zwischen Leben und Tod dahin, doch irgendetwas musste in dem Gegengift gewesen sein, das ihn stabilisiert hatte. Bei ihm konnte man nie wissen. Er hatte wohl damit gerechnet, dass das eines Tages passieren würde. Den Zeitpunkt jedoch hatte er nicht gekannt.
Besorgnis spiegelte sich in ihren Augen. Und Trauer, als sie auf seine friedliche, schlafende Gestalt hinabblickte. Es schien so unwirklich, dass er dort lag, ohne sie mit seinen durchdringenden Augen anzusehen, die bis tief in ihre Seele drangen, dass er dabei ganz verändert auf sie wirkte. Verzweifelt wollte sie ihn berühren, um das festzuhalten, was sie verloren hatte. Aber sollte sie es wagen, seine friedvolle Ruhe zu stören?
Warum nicht, dachte sie bei sich. Er hatte damals ihre Wange berührt. Vor scheinbar langer, langer Zeit. Und er hatte sie mindestens zweimal aus dem Schlaf gerissen. Aus Sorge. Hatte sie jetzt etwa kein Recht dazu, sich um ihn zu sorgen? Nach allem, was sie zusammen durchgestanden hatten?
Vorsichtig streckte sie sich und berührte seine Wange mit ihren Fingern. Ihr Puls raste, als sie seine Haut spürte. Sie konnte sich daran erinnern, als wäre es erst gestern gewesen, als sie ihn an eben jener Stelle berührt hatte.
Sein Gesicht war rau von all den Stoppeln. Und dennoch kehrte die Wärme und Vertrautheit in ihn zurück. Er war nicht länger die Fledermaus, die rastlos in den Gängen von Hogwarts umher streifte. Für sie war er ein Freund. Jemand, den sie verloren und wiedergefunden hatte. Der Mann, der sie in ihren Träumen mit unerfüllter Leidenschaft verfolgte. Nach ihm hatte sie sich gesehnt. Nach seiner Nähe und seiner Wärme.
Hermines Blick glitt über sein Gesicht und sie zögerte einen Moment, doch dann beugte sie sich über ihn und berührte seine Lippen mit ihren. Sie hielt inne und schloss die Augen. Der Duft, an den sie sich erinnerte, strömte in ihren Kopf.
Sie gab ihm einen Kuss. Ein kleines Geheimnis, zärtlich, sanft. Und doch nichts im Vergleich zu damals.
