My grief lies in you
Kapitel 16
Illusion
Sie war nicht sicher, ob er es schaffen würde, doch sie wollte daran glauben. Sie würde nicht aufgeben, ebenso wenig, wie er sie damals aufgegeben hatte.
Sein Gesicht zeigte stur geradeaus und sie fühlte sich wieder einmal dazu hingezogen, ihm ganz nahe zu sein. Ihre Hand streckte sich und legte sich auf seine Wange.
Er glühte. Sein Körper kämpfte gegen die Vergiftung an.
Sie wusste, dass es eine Lüge gewesen war, so zu tun, als wäre er ihr gleichgültig. Doch was hätte sie machen sollen? Die Umstände hatten sie dazu gezwungen.
Der Krieg war zwischen sie geraten. Er war an den Schwur gebunden gewesen, vielleicht war er es noch.
Er hatte Dumbledore getötet.
Trotzdem war sie bei ihm. Sie schuldete es ihm. Lange genug hatte sie sich selbst etwas vorgemacht, obwohl sie wusste, dass sie ihn nie vergessen würde.
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Der Krieg. War er vorbei? Oder waren sie da draußen immer noch am kämpfen?
Harry! Ron!
Sie schauderte und ein Gedanke holte sie ein: vielleicht bekam er ja immer noch den Tagespropheten ins Haus.
Vorsichtig löste sie ihre Hand von seiner los und stand auf. Ungeduldig eilte sie zur Tür.
Tatsächlich! Da lag er.
Sie hob ihn auf und überflog die Titelseite, erst das Bild, dann die Schlagzeile.
Die Botschaft war unmissverständlich: das Bild zeigte ein von der Schlacht zerstörtes Hogwarts.
„Glorreicher Sieg über Voldemort."
Ihr Herz setzte beinahe aus. „Severus! Es ist vorbei!", rief sie laut und blickte mit klopfendem Herzen zum Sofa hinüber.
Doch es blieb alles still. Keine Jubelschreie, keine Euphorie machte sich im Haus breit. Er konnte sie nicht hören.
Schnell verhärtete sich ihr Gesicht.
Glorreich?
Wie viele waren gestorben?
Wie viele würden noch sterben, über kurz oder lang?
Mutlos schlich sie zum Sofa und legte sich neben ihn, als wäre es ganz selbstverständlich, das zu tun.
Sie strich ihm die langen schwarzen Strähnen hinter die Ohren und musterte ihn.
Die Zeitung war vergessen. Wer wusste schon, ob nicht vielleicht alles nur ein Trick vom Ministerium war, um die Leute auf die Straßen zu locken und sie dann zu töten...
Sie würde nicht von hier fortgehen! Nicht ohne ihn. Hier war sie sicher.
Das war sie immer gewesen.
„Severus! Wach auf!"
Sie brauchte ihn. Jetzt.
Sie wollte mit ihm reden, wollte ihn spüren.
Durch ihre verschwommenen Augen hindurch sah sie den Verband, den sie um seinen Hals gelegt hatte. Seine Kleidung war zerknittert.
Mit dem Zauberstab brachte sie soweit alles in Ordnung, dass wenigstens die Falten und das Blut verschwunden waren.
Er war immer ordentlich und sauber gekleidet gewesen. Und so sollte es bleiben.
Eine weitere Erinnerung streifte sie.
Er war mit ihr einkaufen gegangen – von seinem Geld!
Sie schämte sich dafür.
Hatte sie es für zu selbstverständlich hingenommen?
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In Spinner's End hatte sich nicht viel verändert. Das Haus sah beinahe so aus, wie bei ihrem letzten Besuch.
Dennoch war etwas anders. Es waren Kleinigkeiten, die ihr erst nach und nach auffielen. Es war so ruhig geworden, viel ruhiger als gewöhnlich.
Seine Stimme fehlte ihr.
Sie sehnte sich danach, in seinen Armen zu liegen, von ihm an seine Brust gedrückt und gehalten zu werden.
Eine Illusion. Ein Traum.
Wie ein Geist der Vergangenheit glitt seine schwarze Masse durch ihre Gedanken, nahm sie in die Arme, drückte sie an sich...
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Hermine wollte nicht von seiner Seite weichen, so langsam aber musste sie etwas essen, obwohl sie keinen Appetit hatte.
Das Kochen hatte sie inzwischen gelernt, von Ron. Er hatte ihr gezeigt, wie man aus fast allen Dingen etwas Essbares zaubern konnte, während sie gemeinsam übers Land gewandert waren.
Träge stand sie auf und ging zur Küche. Der Weg war ihr bekannt. Sie könnte im Schlaf durch dieses Haus laufen. Alles wirkte so vertraut auf sie, als wäre sie erst gestern hier gewesen.
In der Küche angekommen, stellte sie fest, dass es tatsächlich etwas zu essen gab. Die Schränke waren mit haltbaren Lebensmitteln, wie Dosennahrung, Nudeln, Reis und etlichen anderen Dingen gefüllt – für seine spartanischen Verhältnisse ein echtes Wunder. Wasser zum Kochen konnte sie aus der Leitung nehmen, was erst mal reichen würde, um über die Runden zu kommen.
Schwieriger war es da schon für ihn. Seine Verletzungen und der Zustand, in dem er sich befand, machten ihr Sorgen.
Hermine zog die Nase hoch.
Er hatte Vorräte besorgt.
Wieso?
Der Gedanke trieb ihr Tränen in die Augen: er hatte es für sie getan. Ebenso, wie er ihr weiterhin den Zugang zu seinem Haus freigehalten hatte.
Sie schauderte. Hatte er etwa immer noch auf sie gewartet?
Warum hatte sie während der letzten Monate nicht versucht, zu ihm zu gelangen?
Die Antwort lag auf der Hand: er hatte Dumbledore getötet.
Und Severus? Er konnte es ihr nicht sagen...
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Ihr Zimmer. Eigentlich war es mal sein Jugendzimmer gewesen. Aber das war lange her. Schon damals, als sie hier gewesen war, war es lange her gewesen.
Sie öffnete den Kleiderschrank. Der alte Slytherin-Pulli, den er ihr geliehen hatte, hing noch immer am Bügel. Dazu fein säuberlich aufgereiht all die anderen Sachen, die er ihr gekauft hatte.
Wieso hatte er nach der Trennung immer noch alles für sie aufgehoben? Hatte er etwa gehofft, sie würde irgendwann zurückkommen? Obwohl er sich von ihr abgewendet hatte?
Sie fühlte sich bestätigt und brach erneut in Tränen aus.
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Als sie wieder nach unten ging, war ihr ganz übel. Warum war zwischen ihnen nur alles so verfahren gewesen?
Weil es verboten war.
Er selbst hatte es gesagt. Und natürlich wegen des Schwurs.
Sie hätte nicht nach Hogwarts zurückkehren sollen. Dann wäre er zumindest nicht mehr ihr Professor gewesen.
Aber was hätte sie dann tun sollen? Und was wäre aus Harry und Ron geworden? Sie hatten einander gebraucht. Wie sehr, war ihnen erst im Laufe ihrer gemeinsamen Reise bewusst geworden.
Severus jedoch hatte es gleich gewusst.
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Stunden vergingen und die Zeitungen fingen an, sich im Eingang zu stapeln, bis sie sich ein Herz fasste und sie nacheinander in Angriff nahm.
Bisher zählte sie drei Sonderausgaben, eine Eilmeldung jagte die Nächste.
„Nicht alle Leichen konnten ausfindig gemacht und identifiziert werden."
„Freundin aus dem Trio wird vermisst."
Hermine biss sich auf die Lippe, als sie das las. Harry und Ron waren bestimmt krank vor Sorge um sie.
Schnell entschied sie sich dafür, dem Orden eine verschlüsselte Botschaft zukommen zu lassen, damit sie zumindest wussten, dass ihr nichts fehlte.
Wenn die Zeitung auf besondere Weise Zugang zu seinem Haus erhielt, wäre es doch bestimmt möglich für sie, seinen Kamin zu benutzen...
Gesagt, getan. Schon bald darauf gab es Entwarnung.
„Anonymer Hinweis: Mitglieder des Phönix-Ordens bezeugen, Granger soll wohlauf sein."
Ein Lächeln streifte ihr Gesicht. Sie hatte noch immer keine Ahnung, wie sie den anderen das erklären sollte. Doch im Moment war es ihr gleich. Sie musste sich zuerst um Severus kümmern.
