My grief lies in you
Kapitel 17
Erwachen
Hermine war bei ihm, als er aufwachte. Zuerst hatte sie noch neben ihm gesessen und gelesen, dann waren ihr die Augen zugefallen. Und dann, ganz plötzlich, hatte er sie mit seinen schwarzen Pupillen angestarrt.
Es geschah so unerwartet, dass sie erschrocken auffuhr.
„Severus!" Voller Erwartung hielt sie die Luft an.
„Hermine ...", raspelte er ihr entgegen.
Sie nickte. Seine Stimme klang keinesfalls wie gewöhnlich, dennoch war es ein Wunder, dass er überhaupt wieder sprechen konnte.
„Warum bist du hier?"
Ihr Herz schien auszusetzen. „Entschuldige?"
„Was tust du hier?"
„Ich ..." Sie verstummte, wusste einfach nicht, was sie sagen sollte. Die Erwartungen, die sie gehabt hatte, wurden nicht erfüllt. Im Gegenteil. Sie hatte sich lang genug verloren und allein gelassen gefühlt, mit all ihren unbeantworteten Fragen. Und jetzt hatte er es auch noch geschafft, ihre Illusionen von einer Wiedervereinigung zu zerstören.
Ihre Wangen glühten feuerrot. „Ich konnte dich nicht alleine lassen", gestand sie aufrichtig.
Snape nahm es mit einem unzufriedenen Brummen zur Kenntnis. Seine Laune war schon mal besser gewesen.
Hermine atmete dennoch auf. Er war zurück. Und vorerst musste ihr das genügen. Nach Tagen des Bangens war er wieder unter den Lebenden.
„Es tut so gut, deine Stimme zu hören", murmelte sie gedankenverloren vor sich hin.
Doch er ging nicht darauf ein. „Wie lange war ich weg?"
„Fast vier Tage."
„Wirklich?" Er wirkte mindestens ebenso verwirrt, wie sie sich fühlte. „Und … was ist passiert, nachdem du mir das Gegengift verabreicht hast?"
„Ich habe dich mit allen mir zur Verfügung stehenden Mitteln so gut versorgt, wie ich konnte. Das Zeug, das du zusammengestellt hast, hat wahre Wunder bewirkt. Sogar die offenen Stellen an deinem Hals sind verschwunden. Abgesehen von einigen Narben wird wohl über kurz oder lang nicht viel von den Bissen zu erkennen sein."
Snape kräuselte skeptisch die Mundwinkel. „Abwarten."
Sie räusperte sich. „Wie dem auch sei, es sieht so aus, als hättest du bei der Wahl der Zutaten für das Gegengift den richtigen Riecher gehabt."
Langsam wippte er mit dem Kopf auf und ab. „Wie gesagt, abwarten."
Hermine legte verwundert die Stirn in Falten. „Willst du vielleicht was trinken?"
Er nickte und sie reichte ihm ein Glas. „Das wird jetzt vermutlich brennen ..."
Mit finsterer Mine nahm er ihr das Wasser ab und setzte es an die Lippen. „Willst du mir etwa dabei zusehen?"
Schnell senkte sie den Kopf und starrte auf die Knöpfe, die seine Brust säumten.
„Ich bin so froh, dass du endlich zu dir gekommen bist", bemerkte sie wie beiläufig, obwohl sie das Gefühl hatte, bald vor Emotionen überzuquellen. „Es ist ein Wunder, dass du dich so schnell erholt hast. Was war eigentlich in dem Gegengift?" Gespannt machte sie eine Pause und hob den Kopf. „Severus?"
Augenblicklich erstarrte sie, als sie die harte Fassade sah, die ihr entgegenblickte.
„Was ist los?"
„Ich – ich kann meine Beine nicht bewegen."
Sie riss voller Horror die Augen auf. „Bist du – bist du sicher?"
Er nickte.
„Bestimmt ist es nur eine vorübergehende Lähmung, die durch das Gift zustande gekommen ist ..."
Snape knurrte „Lass mich allein. Ich brauche keine weiteren Vorhersagen von dir."
Damit war die Unterhaltung beendet.
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„Erinnerungen eines Helden oder eines Mörders?"
Die neuesten Schlagzeilen im Tagespropheten machten Hermine stutzig und sie las weiter. Es traf sie völlig unerwartet, als ihr bewusst wurde, was das zu bedeuten hatte. Endlich hatte sie Gewissheit: er hatte Dumbledore nicht ermordet. Er hatte ihm lediglich einen Gefallen getan.
„Potter geht an die Öffentlichkeit: Begnadigung für Snape?"
Ein Hoffnungsschimmer? Oder war es zu früh, um sich jetzt Gedanken darüber zu machen?
Nach und nach schien sich das Rätsel um sein merkwürdiges Verhalten aufzuklären.
Dennoch war sie alles andere als zufrieden mit dem, was er ihr an den Kopf geworfen hatte.
Es hatte keine Umarmungen gegeben, kein glückliches Wiedersehen. Nichts. Nicht einmal ein freundliches Wort zur Begrüßung, geschweige denn, der Dankbarkeit.
Selbst die Nachricht von Voldemorts Tod hatte er ohne große Emotionen hingenommen. Es überraschte sie kaum noch.
Die Situation zwischen Hermine und ihrem Patienten war weiterhin deutlich angespannt.
Zwar hatte er sie bereits zuvor in allen Möglichen Lebenslagen gesehen und auch ihre Zusammenbrüche miterlebt. Die Tatsache aber, dass es jetzt andersherum war, machte alles nicht gerade leichter.
Abgesehen davon, dass sie sich Mühe gab, ihre Enttäuschung zu unterdrücken, hatte sie genug anderes zu tun. Sie musste ihn pflegen und sich um ihn kümmern, ebenso wie er sich um sie gekümmert hatte.
Die meiste Arbeit konnte sie mit dem Zauberstab erledigen. Dennoch gab es hin und wieder Dinge, bei denen sie auf sich allein gestellt war, ohne Magie anwenden zu können.
Es war nicht leicht, ihn zu ernähren, geschweige denn, ihn dazu zu bewegen, zum Alltag über zu gehen. Dennoch sah sie nicht ein, warum er nicht anfangen wollte, sein Leben langsam wieder in den Griff zu bekommen.
Noch immer konnte er nicht aufstehen. Vielleicht war das eine Erklärung für den dunklen Zustand, in dem er sich befand. Doch es war nicht ihre Schuld, das es so war. Und es war alles andere als fair, dass er seine Launen auf ihrem Rücken austrug.
Hermine hatte sich bemüht, geduldig mit ihm zu sein. Irgendwann aber waren selbst ihre Grenzen erreicht, denn als er sich beharrlich weigerte, sich von ihr auf die Toilette helfen zu lassen, blieb ihr nichts anderes übrig, als ihm eine Flasche zur Verfügung zu stellen.
„Du kannst natürlich auch warten, bis deine Blase platzt und alles nass ist", kommentierte sie bissig. „An deiner Stelle würde ich aber die Zähne zusammenbeißen und jetzt in diese verdammte Vase pissen!"
Er riss ungläubig die Augen auf und verschränkte die Arme vor der Brust. „Bist du verrückt geworden? Das ist erniedrigend."
„Mag ja sein. Aber es ist nicht recht viel schlimmer als damals, wenn du dich erinnerst. Denkst du, es hat mir Spaß gemacht, so von dir gefunden zu werden? Du hattest wenigstens was an ..."
Damit drehte sie sich um und ließ ihn alleine.
Erst eine halbe Stunde später schaute sie wieder im Wohnzimmer vorbei.
Es wurde ein sehr ruhiger Tag. Keiner von ihnen sprach auch nur ein weiteres Wort.
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„Zieh dein Hemd aus."
Er sah sie fragend an.
„Ich habe mir erlaubt, dir frische Sachen zusammenzusuchen."
Seine Augen verformten sich zu dunklen, engen Schlitzen. „Du warst unerlaubt in meinem Schlafzimmer?"
Betreten nickte sie. Was so schlimm daran sein sollte, konnte sie nicht verstehen.
„Dazu hattest du kein Recht!"
„Kommen schon, Severus", seufzte sie und ließ sich erschöpft neben ihn auf die Kante des Sofas sinken. „Ich habe versucht, den gröbsten Schmutz mit dem Zauberstab zu beseitigen. Aber das kann nicht ewig so weitergehen. Jetzt, wo du wieder unter den Lebenden bist, solltest du dir wirklich frische Sachen anziehen. Du musst deine Muskeln bewegen, bevor sie verkümmern." Angestrengt holte sie Luft. „Bei der Gelegenheit möchte ich mich gleich vergewissern, dass du keine weiteren Verletzungen hast."
„Das fällt dir reichlich früh ein", gab er sarkastisch zurück.
„Ich meine es ernst."
Er schüttelte entschieden den Kopf. „Vergiss es! Das kommt gar nicht in Frage."
Hermine wusste, warum er sich weigerte: die Narben. Wahrscheinlich waren in der Zwischenzeit noch mehr dazu gekommen.
„Zieh das Hemd aus", drang sie weiter. „Bitte."
„Damit du mich wie einen Affen begaffen kannst? Den Gefallen werde ich dir nicht tun."
Sie rollte genervt mit den Augen. „Denkst du, das interessiert mich? Ron ist einmal vor meinen Augen zersplittert. Und glaube mir, das war kein schöner Anblick. Aber er war ein Freund. Und da ich etwas tun musste, habe ich ihm die Sachen ausgezogen, um ihn zu heilen." Energisch stemmte sie die Hände in die Hüften. „Ich werde nicht davor zurückschrecken, es wieder zu tun."
Leise grummelnd gab er schließlich nach und knöpfte seine Sachen auf. Den schwarzen Frack, das weiße Hemd...
Mit zusammengepressten Kiefern schälte er sich dann aus den Lagen, ohne Hermine eines weiteren Blickes zu würdigen.
Sie schluckte, als sie seinen blassen, sehnigen Oberkörper vor sich sah. Es waren wirklich neue Narben dazu gekommen.
Hermine war so in sich gekehrt, dass sie gar nicht bemerkte, dass er sie ganz plötzlich mit seinen schwarzen Augen anstarrte.
„Gefällt es dir?"
Es klang wie ein Echo aus Ihrer Vergangenheit. Schon damals hatte er sie dabei erwischt, wie sie abwesend und schweigsam das Bild seiner Mutter angestarrt hatte.
Wütend schnaubte sie ihn an. „Was willst du von mir hören, Severus? Dass ich scharf darauf war, dich so zu sehen? Ist es das? Ich bin erschöpft. Ich kann nicht mehr! Die ganze Zeit über habe ich mich bemüht, dir zu helfen und deine Privatsphäre so gut es ging zu respektieren. Ich habe mithilfe der Magie das Blut, den Urin und alles andere aus deinen Sachen entfernt. Was denkst du eigentlich von mir? Wir haben uns nackt in den Armen gehalten. Wir haben miteinander geschlafen! Und wenn ich dich erniedrigen wollte, hätte ich dich kurzerhand mit dem Zauberstab ausgezogen, um dich zu begaffen, wie du es so schön genannt hast. Also hör auf, dich zu beschweren!"
Er antwortete nicht und Hermine machte sich daran, ihn mit dem Zauberstab auf weitere Verletzungen zu überprüfen.
„Nichts", murmelte sie gedankenverloren. „Ich kann nichts finden ..."
„Bist du jetzt zufrieden?", knurrte er bitter.
Ohne ein Wort drehte sie sich um und reichte ihm einen Stapel frischer Kleidung.
„Ich dachte mir, du willst bestimmt das Übliche tragen."
Ihre Wangen waren hochrot angelaufen. Es war schon seltsam gewesen, sich in seinem Kleiderschrank zurechtzufinden. Noch seltsamer war es, ihn nach all der Zeit unbekleidet zu sehen. Es hatte sie nicht kalt gelassen. Im Gegenteil, es hatte sie zutiefst bewegt.
„Ich werde dann mal nach oben gehen ..."
Er nickte wortlos.
Verlegen ließ sie ihn alleine zurück.
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„Wir müssen reden."
„Wieder einmal?", fragte er sarkastisch. „Und was erwartest du diesmal von mir?"
Sie seufzte. „Nichts. Ich denke nur, dass du mir eine Erklärung zu all dem geben solltest."
„Denkst du? Warum?"
„Was?"
„Ich fragte, warum?"
„Deshalb." Angesäuert knallte sie ihm den Stapel Zeitungen auf den Tisch. „Ich dachte, wenigstens jetzt würdest du es mir freiwillig erklären. Aber da habe ich mich wohl getäuscht. Du hast Dumbledore nicht absichtlich ermordet, sondern ihm einen Gefallen getan. Richtig? Warum hast du mir nie etwas gesagt? Warum hast du mich einfach glauben lassen, du hättest ihn ermordet?"
Er zog die Brauen fest zusammen und sie konnte erkennen, dass er wütend war. „Hat Potter das etwa behauptet?"
„Harry ist mein Freund. Und ich vertraue ihm. Ich bin mir jedoch nicht sicher, ob ich der Zeitung glauben kann."
„Natürlich ...", grinste er süffisant.
Ihre Augen funkelten wütend. „Antworte mir! Wenigstens dieses eine Mal, Severus! Was ist dran an der Sache? Stimmt das?"
Gemächlich faltete er die Finger vor dem Schoß ineinander und schnaubte. „Ja."
„Ist das alles?"
Er presste die Kiefer aufeinander. „Was willst du denn noch hören?"
„Die Wahrheit."
„Natürlich!", schnaubte er leise vor sich hin. „Glaubst du, das würde irgendetwas ändern? Glaubst du, die Welt sieht mich jetzt in einem anderen Licht? Warum bist du noch hier, Hermine? Warum kehrst du mir nicht auch einfach den Rücken zu, wie der Rest der Menschheit es getan hat? Sie verachtet mich. Aber alle dachten, Dumbledore wäre ein Heiliger. Doch das war er nicht. Und selbst dann, wenn wir hier nicht von ihm reden, habe ich sehr wohl gemordet. Und du weißt, was ich meine, Hermine."
Sie schüttelte vehement den Kopf. „Natürlich ändert es etwas. Für mich. Und ich bin überzeugt, für viele andere auch. Im Tagespropheten steht, dass Harry dich entlastet hat. Mithilfe deiner Erinnerungen ..."
Er zog gereizt die Mundwinkel zurück und entblößte seine Zähne. „Vielleicht solltest du dann Potter fragen, was du wissen willst."
Hermine schüttelte den Kopf. „Warum? Warum bist du nur so verbittert? Ich will dir helfen, Severus. Obwohl du mich von dir geschoben hast."
Entschieden blickte er weg, ohne ihr darauf zu antworten.
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„Geht es dir wieder besser?"
Stille.
„Kannst du deine Beine bewegen?"
Wider nichts.
„Woher soll ich wissen, was ich tun soll, wenn du mir nicht antwortest?"
„Nein."
„Wie bitte?"
„Ich sagte, nein. Ich kann sie nicht bewegen."
Hermine klemmte unbewusst ihre Lippe zwischen die Zähne. Es war zermürbend.
„Was jetzt? Eine Runde Mitleid für den Krüppel?"
Sie fühlte einen Stich in ihrer Brust und schüttelte traurig den Kopf. „Warum sagst du so etwas?"
„Weil es die Wahrheit ist", knurrte er hart.
Jedes seiner bitteren Worte, erinnerte sie an die Zeit, die sie heimlich mit ihm verbracht hatte. Die Zeit, in der er sie getröstet hatte und für sie da gewesen war. Es schmerzte sie, ihn jetzt so zu sehen, am Rande der Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung, die einst sie selbst begleitet hatte.
Ihre Augen sahen ihn flehend an und sie legte ihre Hand auf seine. Snape aber zuckte wieder einmal wie erwartet zusammen. Dass sie sich näher gekommen waren, war lange her. Die Einsamkeit hatte ihn erneut eingeholt.
„Komm schon, Severus. Wir werden einen neuen Versuch starten. Ich bin sicher, es gibt eine Formel, die dir helfen wird, die wir noch nicht getestet haben."
Er schüttelte resigniert den Kopf. „Lass es gut sein. Du hast genug getan. Wenn das Gift die Nervenbahnen zerstört hat, wird auch ein weiterer Zaubertrank nicht helfen."
Hermine aber wollte nichts davon hören und drückte seine Hand. „Wir werden es versuchen ..."
Verloren blickte er ins Leere hinein. „Nein. Gönn der Küche etwas Ruhe. Sie ist nicht als Labor geeignet, glaube mir. Lass mich einfach nur hier liegen. Ich möchte allein sein."
„Ist es wirklich das, was du willst?", fragte sie mit Tränen in den Augen.
Als er erneut nicht antwortete, trottete sie auf ihr Zimmer und ließ sich aufs Bett fallen. Sie würde nicht aufgeben. Früher oder später würde sie eine Lösung finden, schließlich hatte er allerhand Nützliches in seinen Vorräten, was es ihr ohne weitere Schwierigkeiten erlaubte, die Aufgabe seiner Krankenschwester zu meistern. Trotzdem war die Situation unangenehm. Für beide, denn die Probleme, mit denen sie zu kämpfen hatte, lagen hauptsächlich bei seiner Sturheit. Doch so war er nun einmal.
Hermine seufzte. Sie wusste, dass er sich schämte. Sie selbst musste sich eingestehen, dass sie seinen Körper noch nie zuvor so verletzlich gesehen hatte. All seine Narben, ob alt oder neu. Die fahle Haut. Die Schlange an seinem Arm, die verblasst war - sie erinnerte sich genau an sie und würde sie nie vergessen. Er wirkte zerbrechlich, still und reglos, so dass sie alleine beim Gedanken daran schauderte.
Es machte ihr nichts aus, für ihn da zu sein. Im Gegenteil, sie tat es gerne. Doch wie lange würde sie es noch ertragen können, seine eisige Stimmung hinzunehmen? All die abweisenden, lieblosen Gesten und Worte kamen ihr vor, als sei er ein völlig anderer Mensch.
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„Ich habe dich geküsst."
Seine Augen weiteten sich. „Du hast was?" Mit einem Mal sah er unheimlich wütend aus.
„Du warst so schwer verletzt und ich hatte Angst um dich, Severus."
„Dazu hattest du kein Recht!", schnaubte er zurück.
„Bitte, lass es mich erklären ..."
Sie streckte die Hand nach ihm aus und wollte ihn berühren. Er aber verzerrte nur seine Mundwinkel und schob sie von sich.
„Erklären?", spuckte er säuerlich. „Schon wieder?"
Sie verstummte. Es waren Tage vergangen, ehe sie sich getraut hatte, ihn mit weiteren Überraschungen zu bombardieren. Der ganze Raum war erfüllt von der Anspannung, die zwischen ihnen lag.
„Ich möchte mich nicht dafür entschuldigen. Wir haben uns bereits zuvor geküsst. Aber du, Severus Snape, bist noch immer der Feigling von damals, wenn es um Gefühle geht. Du hast kein Recht mehr, mich so zu behandeln. Ich weiß, dass du an mich gedacht hast. Du hast immer noch das ganze Zeug im Schrank aufgehoben. Die Sachen, die ich getragen habe, als ich hier gelebt habe. Versuch nicht, mich zum Narren zu halten. Ich habe genug gelitten."
Er war sprachlos. In seinem Kopf jedoch arbeitete es trotzdem. Warum hatte sie das getan? Warum hatte sie ihn nicht aufgegeben und war ihren Freunden gefolgt, anstatt zu versuchen, ihn zu retten? Ihn, ihren alten, verhassten Professor.
Den ganzen Tag über versuchte er, es heraus zu finden. Mit mäßigem Erfolg, denn von selbst würde er nie auf eine befriedigende Antwort kommen. Doch er musste es wissen. Genauso wie damals konnte er nicht damit umgehen. Das war einfach nicht er!
„Warum hast du das getan?", fragte er schließlich, als sie ihm das Abendessen brachte.
Sie stellte ein Tablett auf dem Sofatisch ab und blinzelte ihn verwirrt an. „Was?"
„Warum hast du mich gerettet?"
Hermine öffnete den Mund, um nach Worten zu suchen, er ließ es jedoch nicht dazu kommen. Stattdessen starrte er sie an, mit seinen vor Wut glühenden Augen.
„Wie konntest du nur so selbstbezogen sein und mir das antun? Sie mich an! Ich bin ein nutzloser, von der Welt verstoßener Krüppel!"
Seine Stimme klang so gebrochen, dass Hermine unbewusst zusammenzuckte. Sie verstand gar nichts mehr.
„Selbstbezogen?", fragte sie irritiert. „Wie kannst du es wagen, mich so zu nennen! Du hast damals damit angefangen. Du hast mir zuerst das Leben gerettet. Aber wenn ich gewusst hätte, dass sich mein Dasein so entwickeln würde, hätte ich mir besser gewünscht, du hättest mich verbluten lassen."
Er rollte die Mundwinkel zurück. „Ist das alles?", fragte er dann.
„Was meinst du?"
„Warum hast du dich nicht einfach abgewendet und bist weiter deinen Freunden gefolgt?"
Hermine schluckte. „Es war nicht meine Entscheidung, das zu tun, Severus. Wenn du dich erinnerst, warst du es, der mich gebeten hat, weiter nach Hogwarts zu gehen. Und ich habe es getan. Für dich. Doch nie im Leben hätte ich gedacht, dass du mich derart verletzen würdest. Du hast mich aus deinem Leben ausgeschlossen, obwohl du gesagt hast, dass du mich liebst. Wenn du also wissen willst, warum ich in der Heulenden Hütte bei dir geblieben bin, dann hast du hiermit deine Antwort: ich konnte nicht gehen. Ich fühlte mich verantwortlich für dich."
„Erzähl mir nicht so etwas!", spuckte er wütend. „Du warst meine Schülerin. Nicht umgekehrt. Ich war damals verantwortlich für dich. Und das war etwas vollkommen anderes."
„Tatsächlich? Du warst verletzt. Du wärst gestorben, Severus."
„Hör auf damit!", bellte er.
Aber sie schüttelte ihren Kopf. „Nein. Du kannst nicht bestimmen, was ich zu sagen oder zu tun habe. Ich bin erwachsen und wir sind nicht länger in der Schule, Severus."
„Trotzdem hast du mir gegenüber Respekt zu zeigen."
Hermine seufzte traurig. „Ich habe dich immer respektiert", sagte sie ernst. „Andererseits hätte ich dich zu Tode bluten lassen." Es fühlte sich an, als hätte sie ein Deja-vu. Seine Zurückhaltung, die Kälte, die in seinen Worten lag, alles kam ihr vor wie damals, als sie in der Bibliothek mit ihm diskutiert hatte. „Doch ich konnte es nicht", setzte sie nach. „Genauso wie du."
Er starrte sie wortlos an und Hermine machte auf dem Absatz kehrt, um ihn da zu lassen, wo er war: auf seinem alten, heruntergekommenen Sofa.
Alleine.
