My grief lies in you

Kapitel 18

Alte Wunden und Narben

Es war mitten in der Nacht, als Hermine schweißgebadet aus dem Schlaf aufschreckte. Wieder einmal hatten sie ihre Träume heimgesucht. Und wieder einmal machte sie sich heimlich auf ins Bad, um sich Gesicht und Hände zu waschen. Als sie dann ihr Spiegelbild vor sich sah, konnte sie ihre Tränen nicht länger zurückhalten. Warum hatte sie all das zu erdulden? Warum war bei Severus noch immer keine Besserung in Sicht? Warum stieß er sie immer wieder von sich?

Sie war am Ende ihrer Kräfte und so sackte sie, genauso wie damals, auf dem Boden in seinem alten, schäbigen Badezimmer zusammen, leise vor sich hin schluchzend. Das Beben und das Zittern ihres ausgelaugten Körpers wollte nicht aufhören, ebenso wenig wollten die Tränen versiegen.

„Habe ich nicht das Recht, glücklich zu sein?", wimmerte sie leise zu sich selbst. Ihr Kopf dröhnte, als würde er zerplatzen. „Das Recht auf Anerkennung? Warum ist er nur so stur? Warum missachtet er mich so?"

Es war alles zu viel für sie gewesen und die Erlebnisse, die sie in eben jenem verhängnisvollen Sommer gemacht hatte, waren erst der Anfang eines nicht enden wollenden Kampfes gewesen. Ein Kampf um ihre Liebe, die im Schatten Voldemorts gestanden hatte.

„Ich kann nicht mehr!", schrie sie mit aller Kraft aus ihrem Inneren heraus. „Was soll ich nur tun?"

Hermines Muskeln schmerzten. Alles in ihr hatte sich zusammen gekrampft, als eine Stimme zu ihr vordrang.

„Hermine."

Sie hatte ihn nicht gehört, bis er plötzlich hinter ihr stand, etwas wackelig zwar, aber auf seinen eigenen Beinen.

„Ich missachte dich nicht."

Überrascht schluckte sie alles hinunter und fuhr herum. „Severus!"

Sie robbte erschöpft über den kalten Boden auf ihn zu und umklammerte mit den Armen seine Beine. „Du bist gelaufen!"

Es klang so ungläubig, so zweifelnd, dass beide kein weiteres Wort darüber verloren. Im Augenblick zählte nur, dass er es geschafft hatte.

Severus stützte sich auf ihre Schultern und ließ sich neben ihr auf die Knie sinken.

Hermine sackte vornüber und ihr Kopf fiel schwer auf seinen Schoß hinab. Ungehalten heulte sie los. Sie spürte seinen Blick, der sich brennend über ihren Rücken legte. Mit aller Kraft drückte er sie an sich, während seine Finger sanft durch ihr Haar fuhren.

„Es wird alles gut", sagte er beruhigend, so wie er es damals getan hatte, obwohl seine sonst so starke Stimme noch immer geschwächt war. Plötzlich aber hielt er wie erstarrt inne. „Was ist mit dir passiert? Woher hast du diese Narbe auf deiner Schulter?"

Ihr Schluchzen verstummte und sie blickte auf, ohne den Kopf von seinem Schoß zu nehmen. „Bellatrix Lestrange. Die Greifer hatten uns gefangen und nach Malfoy Manor gebracht."

Die Erkenntnis schien ihn hart zu treffen. „Ich habe davon gehört", sagte er leise und schluckte. „Hermine es - es tut mir so leid, aber das mit Bella wusste ich nicht ..."

Sie wippte nachdenklich mit dem Kopf. Es gab da so einiges, was er nicht wusste. Und sie konnte nur erahnen, dass es andersherum genauso war. Die Gerüchte, die sie über die Zustände in Hogwarts gehört hatte, während sie mit den Jungs auf der Flucht gewesen war, waren mehr als beunruhigend.

Leise murmelte sie vor sich hin: „Ehrlich gesagt war das noch das geringste Übel von allem ..."

Er wendete den Blick ab und starrte abwesend ins Nichts hinein. „Ich war im Wald", sagte er dann. „Ich - ich habe dich dort gesehen. Im Forest of Dean."

Fassungslos fuhr sie hoch und starrte ihn an. „Du hast was? Severus! Sieh mich an."

Wie mechanisch gehorchte er, doch seine Augen wirkten schwer und müde, als er antwortete. „Ich war dort, um euch das Schwert zu geben. Du saßt am Feuer, in meinen Umhang gehüllt."

„Du? Das Schwert war von dir?"

Er nickte matt.

„Jetzt ergibt alles endlich einen Sinn!"

„Was du getan hast, war sehr unachtsam, Hermine", sagte er besorgt. „Wenn auch nur einer der Greifer dort gewesen wäre ..."

„Ich weiß, Severus. Wir hatten Schutzzauber. Aber manchmal – manchmal war ich einfach nicht ich selbst. Du hast mir so gefehlt. Ich habe mir deinetwegen die Augen wund geheult ... Und überhaupt, warum bist du nicht zu mir gekommen? Warum hast du nichts gesagt? Du hättest mir alles erklären können."

Er stieß ein verbittertes Schnauben aus. „Hätte ich das? Ich bin nicht besonders gut in solchen Dingen, Hermine. Und denkst du, du hättest mir geglaubt?"

Sie konnte die Unsicherheit in seinen Augen sehen und spürte ein schmerzliches Stechen in ihrer Brust. Er hatte Recht. Was zwischen ihnen geschehen war, war schon kompliziert genug gewesen. Angenommen, er hätte ihr von Dumbledore und seinen Plänen erzählt, wer weiß, was das ausgelöst hätte.

„Ich weiß es nicht", gestand sie nachdenklich. „Aber du hättest es wenigstens versuchen müssen."

„Ich wusste, dass es kein Zurück mehr geben würde, wäre ich auch nur in deine Nähe gekommen. Es war nicht meine Absicht, dich zu verletzen. Das musst du mir glauben."

Sie schüttelte bedrückt den Kopf. „Wie soll ich dir glauben, wenn du mich immer noch von dir stößt?"

Er antwortete nicht. Stattdessen schloss er traurig die Augen und schwieg vor sich hin, wie er es schon unzählige Male zuvor getan hatte. Hermine sah ihn an. Sie wusste selbst nicht, was sie tun sollte. Sie wollte ihn an sich pressen und ihn küssen. Doch sie konnte es nicht. Sie fühlte sich schwach und ausgelaugt. Es war zu viel geschehen, um es in einer einzigen Nacht zu klären.

„Ich hatte ihn die ganze Zeit bei mir", murmelte sie nach einer schieren Ewigkeit gedankenverloren in die Stille hinein.

„Was meinst du?", fragte er überrascht. Seine Lippen hatten sich kaum bewegt, als er gesprochen hatte.

„Deinen Umhang. Du hast ihn damals in der Bibliothek zurückgelassen ..." Ihre Stimme verlor sich in der Kälte des Raumes. Die Erinnerungen waren zu schmerzhaft.

Tief betroffen nickte er. „Ja."

„Die ganze Zeit über hatte ich ihn in meiner Nähe. Ich habe ihn vor den Jungs in meiner Tasche versteckt und ihn mir Nachts über die Schultern gelegt, wenn ich Wache hatte. Es war alles, was ich von dir hatte, Severus."

Er schluckte, als ihm bewusst wurde, wie sehr sie unter ihrer Trennung gelitten hatte. „Es tut mir leid. Es hätte nicht soweit kommen dürfen."

Mit Tränen in den Augen sah sie ihn an. „Ja. Doch dafür ist es jetzt zu spät."