My grief lies in you

Kapitel 19

Zu spät

„Zu spät? Was meinst du?", fragte er irritiert.

Hermine zog die Nase hoch. „Ich weiß es selbst nicht, Severus. Aber es ist so viel geschehen. Ich bin mir nicht mehr sicher, was ich mir erwartet habe, als ich dich in der Heulenden Hütte gesehen habe. Es hat mich schwer mitgenommen. Alles was ich wusste, war, dass ich dich nicht verlieren wollte. Ich wollte bei dir sein und mich um dich kümmern. Und das habe ich getan. Aber all die Dinge, die du seither zu mir gesagt hast, haben mir bewusst gemacht, dass der Krieg zwischen uns geraten ist. Er hat uns so weit voneinander entfernt, dass ich mir nicht mehr sicher bin, was ich eigentlich hier mache."

Sie verstummte und beobachtete, wie er sie mit einem leeren Ausdruck in den Augen anstarrte. Dann senkte er den Blick und schluckte hart. Erneut legte sich ein tiefes, bedrückendes Schweigen zwischen sie, bis er sie wieder ansah.

„Vielleicht hast du Recht", hörte Hermine ihn sagen.

Seine Stimme war immer noch rau und unvollständig, doch ihr Herz klopfte viel zu wild, als dass sie es weiter beachtet hätte. Verängstigt lag sie auf seinem Schoß und wartete darauf, was er zu sagen hatte.

„Es ist viel geschehen. Zu viel. Unsere Wege haben sich getrennt, weil der Krieg Opfer fordert." Er blinzelte sie unsicher an. „Es tut mir leid, Hermine. Was ich dir angetan habe, ist unverzeihlich. Ich kann es nicht rückgängig machen. Die Zeit ist nicht stehen geblieben. Im Gegenteil, sie hat mich erneut zum Mörder gemacht."

„Severus ..."

„Nein." Er hob die Hand und legte seinen Finger auf ihre Lippen. „Lass mich ausreden, Hermine. Bitte." Sie nickte matt und so seufzte er und fuhr fort. „Was Dumbledore von mir verlangt hat, war der einzige Weg für mich, meine Deckung vor Voldemort aufrecht zu erhalten. Ich war mir nicht sicher, was ich mir davon erwartet habe. Einerseits hatte ich die Hoffnung für mich aufgegeben, dich je wieder in den Armen halten zu können, aber andererseits dachte ich, dass ich es schaffen könnte, ihn zu besiegen. Ich wollte dich nie verlieren und hätte auch niemals damit gerechnet, dass er mich wegen eines Zauberstabs töten würde. Unzählige Male habe ich ihn hinters Licht geführt und ihn ausgespielt. Doch dieses Mal, als ihr dabei wart und den Mord an mir bezeugen konntet, war ich machtlos gegen ihn. Ich dachte, ich würde sterben. Doch diesmal war es anders, als zuvor. So oft hatte ich mit meinem Leben abgeschlossen. So oft wäre ich bereit gewesen, tatsächlich zu sterben. Und jedes Mal, wenn ich dachte, es würde geschehen, konnte ich meinen Kopf erneut aus der Schlinge ziehen. Nur diesmal nicht. Und es hat mir Angst gemacht. Vor allem, als ich dein Gesicht gesehen habe und mir dadurch wurde bewusst, dass ich nicht sterben wollte. Ich wollte bei dir sein. Für immer."

Hermine biss sich auf die Lippe und ließ den Blick auf seine zugeknöpfte Brust schweifen. Ihre Augen waren gerötet und ganz wässrig von all den Tränen, die sich in ihnen gesammelt hatten.

„Ich weiß nicht, was ich sagen soll, Severus", gestand sie tief bewegt. „Die ganze Zeit über habe ich mir gewünscht, wieder bei dir zu sein und in deinen Armen zu liegen. Es war alles, was ich wollte, als ich in diesen unzähligen Nächten in deinen Umhang gehüllt am Feuer saß und mir den Himmel angesehen habe. Ich wollte bei dir sein. Doch ich konnte es nicht. Ich habe immerzu geheult und deinen Namen gerufen. Aber es drang keine Antwort zu mir durch."

Sie schluckte die Tränen hinunter und strich mit den Fingern über seine Knöpfe, wie sie es immer getan hatte. Unter ihrer Hand konnte sie das unruhige Klopfen seines Herzens hören. Plötzlich hob sie wieder den Blick und sah ihn an.

„Ich wünschte, alles wäre anders gekommen. Ich wünschte, wir hätten das nicht durchmachen müssen. Und ich wünschte, du hättest versucht, mit mir zu reden. Denn genau das ist es: du hättest es wenigstens offen und ehrlich versuchen können."

Voller Erwartung starrte sie ihn an und ihre Augen konnten das Wasser nicht länger halten, als sich dicke Tropfen formten und nach unten liefen.

„Aber du hast es nicht getan, Severus. Kein einziges Wort."

Er sog die Luft scharf in sich ein und öffnete die Lippen, um etwas zu sagen. „Hermine ..."

Traurig schüttelte sie den Kopf. „Nein, Severus. Es ist zu spät. Ich bin mir nicht sicher, wie viel ein Mensch ertragen kann, aber so langsam glaube ich, dass ich meine Grenzen überschritten habe. Ich kann nicht mehr. Selbst dann, wenn ich nie aufgehört habe, dich zu lieben, bin ich mir nicht sicher, ob ich weiterhin zulassen kann, dass du mich immer wieder von dir schiebst." Ihr Kiefer bebte, als sie Luft holte. „Es ist genug."

Snape wurde von einem eisigen Schauder durchzogen. Sein fahles, eingefallenes Gesicht wirkte wie das eines Geistes, als er mit all seiner Kraft, die er aufbringen konnte, zu ihr sprach. „Ich verstehe." Dann schluckte er und verstummte wieder.

Hermine nahm wie in Zeitlupe ihre Hand von seiner Brust und nickte. „Morgen werde ich zum Fuchsbau abreisen. Ich bin Harry und Ron eine Erklärung schuldig." Sie wischte sich mit dem Ärmel die Tränen aus dem Gesicht. „Soll ich dir noch etwas besorgen? Ein paar Lebensmittel vielleicht?"

Snape schüttelte kaum merklich den Kopf. Seine Brust hob und senkte sich angespannt und seine Kiefer waren fest aufeinander gepresst. „Nein."

Hermine nickte. „Gut. Wenn ja, dann lass es mich bis morgen früh wissen."

Sein Kehlkopf vibrierte, doch er antwortete nicht darauf und wendete den Blick von ihr ab. „Es ist spät. Du siehst aus, als könntest du etwas Schlaf gebrauchen."

Sie fröstelte, als sie den monotonen Klang in seiner Stimme hörte. „Ja, vermutlich."

Langsam löste sie sich von ihm los. Dann stand sie auf und schritt an ihm vorbei in den Flur hinaus. Erst dort hielt sie inne und drehte sich noch einmal zu ihm um. „Severus?"

Er hob den Kopf und sah sie an. Sein Gesicht war plötzlich wieder von unzähligen Strähnen verdeckt, doch Hermine konnte die harte, altbekannte Fassade darunter deutlich erkennen. „Ja?"

„Ich bin stolz auf dich. Es war sehr mutig, was du für uns alle getan hast."

Ohne zu antworten senkte er den Blick und starrte die kalte Wand an, die er bereits damals genauestens studiert hatte, als er in jenem verhängnisvollen Sommer zusammen mit ihr in diesem Badezimmer gewesen war und sie in seinen Armen gehalten hatte.