My grief lies in you
Kapitel 20
Der engste Freund
Severus hörte, wie unweit von ihm die Tür zu ihrem Zimmer ins Schloss fiel. Die Kälte, die in ihm steckte, wurde schlagartig zu Hitze. Sein Puls begann zu rasen und seine Hände ballten sich zu wütenden Fäusten. Das Feuer in seinen Augen war erwacht und glühte tiefschwarz. Er unterdrückte den Schrei, der in seiner Kehle steckte und biss sich auf die Zunge, bis er das Blut hervorquellen spürte, das in seinen Mund strömte. Er presste die Lippen fest aufeinander und schluckte das metallische Aroma hinunter, ohne auch nur einen Laut auszustoßen. Binnen Sekunden wurden seine Augen glasig und seine Hände zitterten unkontrolliert, doch er war es gewohnt, jeglichen Schmerz stumm zu erdulden. Sein Lehrmeister war nicht zimperlich mit ihm gewesen.
Er sog die Luft scharf in seine Lungen ein, hielt den Atem an und spürte für einen Moment lang nichts anderes, als den rasenden Herzschlag in seiner Brust. Und dann, dann schlug er mit der Hand auf die schäbigen Fließen ein, auf denen er saß.
Die Wut, die in seinem Inneren steckte, absorbierte einen Teil des Schmerzes, der durch seine Knöchel zuckte. Erneut holte er zum Schlag aus und ließ ungebremst seine Faust auf den Boden hinabsausen.
Etwas in seiner Hand knackte. Dann wurde es still im Haus.
Hermine konnte die unterdrückten Schmerzensschreie im Badezimmer nicht hören. Sie lag auf dem Bett in ihrem Zimmer und hatte sich zu einer verkrampften Kugel zusammengerollt. Tränen liefen über ihre Wangen und verloren sich in Snapes Bettzeug.
Ihr Entschluss, zum Fuchsbau abzureisen, kam nicht von ungefähr, doch die Tatsache, dass er auf seinen eigenen Beinen zu ihr in den ersten Stock gekommen war, hatte sie darin bestätigt, dass der Moment gekommen war, ihn sich selbst zu überlassen. Sie hatte getan was sie konnte. Die ganze Zeit über hatte sie auf ein Zeichen gewartet und darauf gehofft, dass es zwischen ihr und Severus wieder so sein könnte wie früher. Doch wieder einmal hatte er es nicht geschafft, über seinen Schatten zu springen und sich seine Gefühle für sie einzugestehen. Vielleicht, so dachte sie betrübt, hatte sie sich aber auch nur etwas vorgemacht.
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Die Aufregung im Fuchsbau war riesig, als Hermine früh am nächsten Morgen dort eintraf. Alle drängten sich um sie, um sich davon zu überzeugen, dass es ihr wirklich gut ging.
Alle bis auf einen.
Die Trauer im Haus war groß, Freds Tod ein unbeschreiblicher Verlust. Dennoch spürte sie die Freude, die die Familie erfüllte, als sie sie Willkommen hieß.
Harry wartete stumm in einer Ecke, bis sich der größte Rummel gelegt hatte. Erst dann, als Hermine den anderen verständlich machen konnte, dass sie erschöpft war und Ruhe brauchte, bekam er Gelegenheit, ungestört mit ihr zu sein.
Sie gingen langsam aufeinander zu und fielen sich um den Hals, ohne auch nur ein Wort miteinander zu wechseln. Hermine schossen Tränen in die Augen, als sie sich in den Armen lagen.
„Was ist passiert?", fragte Harry leise.
Sie schüttelte ungläubig den Kopf. „Es tut mir unendlich leid, dass ich euch einfach im Stich gelassen habe", schluchzte sie. Es war unübersehbar, dass sie ein schlechtes Gewissen hatte. „Ich bin so froh, dass es dir gut geht, Harry!"
„Das bin ich ebenfalls. Ehrlich! Ich hatte tierische Angst, dass etwas mit dir nicht stimmt."
Hermine seufzte und ging nicht darauf ein. Noch nicht. „Was hast du Ron über mich erzählt?"
Er löste sich behutsam von ihr los und führte sie zum Sofa hinüber. „Ich habe ihm nur gesagt, dass du unter dem Krieg leidest, eben wie jeder andere auch. Du konntest nicht einfach jemanden sterben lassen, der uns sechs Jahre lang unterrichtet hat. Nicht einmal jemanden wie Snape. Zum Glück warst du schon immer sehr fürsorglich, also hat er es mir abgenommen. Sonst habe ich nichts weiter gesagt. Nichts über Snape. Ich war mir nicht sicher, ob Ron die Nachricht mit dem Professor und dir verkraften würde."
Hermine nickte tief in Gedanken versunken. Sie wusste kaum noch, was schlimmer war: die Tatsache, dass sie Harry beichten musste, dass nun alles ganz anders gekommen war, oder ihr schlechtes Gewissen, weil sie mitten in den Kriegswirren ihre Freunde alleine gelassen hatte.
„Später habe ich dann versucht, allen zu erklären, dass du einfach eine Auszeit bräuchtest. Und du wirst es nicht glauben, sie haben es mir sogar abgenommen."
Erleichtert nickte sie. „Danke, Harry. Ich schulde dir was. Mehr, als du ahnst. Ich wollte nicht, dass du meinetwegen lügen musst."
Er lächelte zaghaft. „Es war ja nicht ganz gelogen, oder? Du hattest tatsächlich eine Auszeit."
„Ja, die hatte ich."
„Und? Wie war es sonst noch so bei dir?" Seine Augen sahen sie verhalten und dennoch fragend an.
Hermine schluckte. „Er lebt."
Harry sog die Luft tief in seine Lungen ein. „Das sind gute Neuigkeiten, oder?" Etwas verunsichert fuhr er sich mit den Fingern durch die Haare. „Und was jetzt?"
Sie zuckte mit den Schultern. „Es ging ihm verdammt schlecht, Harry. Er wäre fast gestorben. Aber das weißt du ja selbst. Es ist wie ein Wunder, dass er das überlebt hat."
Nachdenklich wippte er mit dem Kopf. „Und was ist dann passiert, Hermine?"
Sie seufzte. „Irgendwie ist es mir gelungen, ihn zu sich nach Hause zu bringen. Er hatte ein Gegengift vorbereitet und das habe ich ihm gegeben. Dann habe ich ihn mit allem versorgt, so gut ich konnte. Ich wusste nicht, wem ich trauen konnte, bis ich in der Zeitung gelesen habe, dass du seine Erinnerungen an die Öffentlichkeit weiter gegeben hast."
Harrys Wangen wurden plötzlich feuerrot. „Oh ..."
Sie nickte. „Allerdings. Er war nicht gerade begeistert davon, als ich ihn darauf angesprochen habe. Aber wenigstens wusste ich dann, dass es stimmte und der Krieg tatsächlich vorbei war."
Verlegen rückte er seine Brille zurecht. „Verstehe."
Hermine klemmte ihre Lippe zwischen die Zähne. „Ich glaube nicht, dass er das jemals verkraften wird, Harry. Ehrlich, er ist ziemlich wütend gewesen. Es ist einfach nicht sein Ding, so in der Öffentlichkeit zu stehen. Aber trotzdem möchte ich dir danken, dass du es getan hast. Die Welt soll wissen, was er geleistet hat. Er verdient es, nur ist er einfach zu stur, um es sich einzugestehen. Außerdem war es der einzige Weg, um der Welt zu zeigen, dass er Dumbledore nicht böswillig ermordet hat." Sie lächelte zaghaft. „Das war sehr clever von dir."
Harry legte die Stirn in Falten. „Tatsächlich? Ich bin froh, dass du das so siehst. Um genau zu sein, hatte ich ziemliche Bedenken deswegen. Ich wusste ja nicht, ob er es schaffen würde ..."
Hermine schluckte. „Ja, kann ich verstehen. Doch ich glaube, du hast die richtige Entscheidung getroffen. Er war nicht einfach nur Dumbledores Mörder, wie wir alle dachten. Er hat seinen Befehl ausgeführt und sich damit selbst geopfert. Ich glaube nicht, dass auch nur einer von uns geahnt hat, in welcher Gefahr er sich befand ..."
Schnell verstummte sie wieder. Alleine der Gedanke, dass Severus all diese Dinge durchstehen musste, ohne sich jemandem anvertrauen zu können, ließ sie schaudern.
Für eine Weile wurde es still zwischen ihnen, ehe Harry sich traute, sie über weitere Details zu befragen.
„Hermine, bitte versteh mich jetzt nicht falsch, aber so langsam habe ich das Gefühl, du verschweigst mir da was. Du siehst nicht gerade glücklich aus, wenn du weißt, was ich meine."
„Hmmm", brummte sie leise. „Wir – wir sind nicht zusammen, wenn du das meinst. Glaube ich jedenfalls." Sie seufzte.
Harrys Kinnlade sackte nach unten. „Hermine … Wie? … Warum nicht?"
Sie konnte die Besorgnis in seiner Stimme hören und blinzelte ihn mit wässrigen Augen an. „Ich weiß auch nicht. Es ist so viel passiert. Er wirkte einfach verändert … Ich meine, das ist ja auch kein Wunder, wenn man bedenkt, dass er die ganze Zeit allein damit war, ohne sich jemandem anvertrauen zu können, aber als wäre das nicht genug, musste ich feststellen, dass ich mit dieser Enttäuschung nicht umgehen konnte." Sie zog zitternd die Nase hoch. „Er hätte es mir sagen können, Harry. Das mit Dumbledore. Oder es zumindest versuchen … Ich dachte die ganze Zeit über, er hat ihn tatsächlich ermordet. So wie wir alle es dachten. Und er hat mir nichts gesagt. Nicht ein Wort. Obwohl er es war, der im Forest of Dean war, um uns das Schwert zu bringen. Verstehst du das? Er hätte es wenigstens versuchen können!"
Harry schluckte. „Ich weiß, Hermine. Ich habe es in seinen Erinnerungen gesehen. Er war da und hat dich beobachtet. Er war ganz nah bei dir, als du am Feuer gesessen bist, mit seinem Umhang über deinen Schultern."
Hermine starrte ihn an. „Mein Gott, Harry!" Tränen schossen aus ihren Augen und sie fiel ihm erneut um den Hals. „Er hätte etwas sagen können!", schluchzte sie mit erstickter Stimme.
Seine Hände strichen sanft über ihren Rücken. „Ja, das hätte er. Aber er konnte es nicht. Und ich bin mir sicher, dass er es auch jetzt nicht konnte, als du ihn zurückgelassen hast, oder?"
Hermine hob den Kopf und sah ihn ungläubig an. „Was meinst du?"
Harry räusperte sich. „Weißt du, ich hätte nie gedacht, dass ich das jemals sagen würde, aber ich glaube tatsächlich, dass er dich liebt. Nein. Ich weiß es! Ich habe es gesehen. Fast all die Dinge, die er mir mit seinen Erinnerungen hinterlassen hat, drehten sich um dich. Mal abgesehen von der Sache mit dem Schwur, den er für Draco geleistet hat und das mit Dumbledore und Voldemort. Und einige Dinge über meine Mutter ... Weißt du, sie war der ursprüngliche Grund, warum er sich dazu entschlossen hat, mich über all die Jahre zu beschützen. Und das, obwohl er uns allen das Gefühl gegeben hat, er würde das Gegenteil tun."
Sie schlug die Hand vor den Mund. „Oh, Gott! Ich habe es im Tagespropheten gelesen und konnte nicht glauben, dass das alles wahr ist. Aber dann stimmt es, Harry? Es ist wahr?"
Er sah sie eindringlich an. „Allerdings. Auch das mit dir und ihm. Es tut mir leid, dass ich an dir gezweifelt habe. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass ihr tatsächlich so füreinander empfindet. Aber dann musste ich einsehen, dass ich mich geirrt habe ..."
Wie auf Kommando röteten sich seine Wangen und Hermine konnte nur erahnen, was er alles in Snapes Erinnerungen zu Gesicht bekommen hatte.
„Du meinst doch nicht etwa, du hast gesehen, wie wir ..." Sie verstummte plötzlich.
„Weißt du", begann er zögerlich, „es gab da gewisse Dinge, die ich lieber nicht gesehen hätte, aber abgesehen davon muss ich sagen, dass es mich sehr überrascht hat, dass er überhaupt zu solchen Gefühlen fähig ist." Er holte Luft. „Hermine, Snape liebt dich."
Sprachlos starrte sie ihn an.
„Das tut er wirklich. Und du kannst mir glauben, sonst würde ich dir das nicht sagen."
Endlich kam Bewegung in Hermine. „Harry!", rief sie überschwänglich aus. „Ich weiß nicht, was ich tun soll. Ich habe ihn heute Morgen vor meiner Abreise nicht einmal mehr gesehen. Als ich gegangen bin, war die Tür zu seinem Schlafzimmer geschlossen und ich wollte ihn nicht wecken, also bin ich einfach ... gegangen ..."
Ihre Stimme verlor sich und sie biss sich auf die Lippe.
„Hermine", sagte er ernst und legte seine Hand auf ihre. „Wenn nur die Hälfte von dem stimmt, was ich in seinen Erinnerungen über dich gesehen habe, weiß ich ehrlich gesagt nicht, warum du noch hier herum sitzt." Er räusperte sich verlegen. „Ich bin bestimmt kein Experte, wenn es um Snape geht, aber nach allem, was geschehen ist, denke ich, er könnte etwas Hilfe wirklich gebrauchen. Du bist die einzige Person, der er sich anvertraut hat, mal abgesehen von Dumbledore."
Hermine nickte betreten. „Und der ist tot ... Oh! Du hast Recht. Er braucht wirklich jemanden, der für ihn da ist." Unsicher drückte sie seine Hand. „Ich muss zu ihm! Eigentlich hätte ich ihn überhaupt nicht alleine lassen dürfen! Gott! … Harry, tust du mir einen Gefallen und sagst den anderen, dass ich weg musste?"
Mit einem Schlag wurde ihr wieder bewusst, wie sehr sie um Severus gebangt hatte. Sie musste sich vergewissern, dass es ihm gut ging, ganz gleich, um welchen Preis. Ihre Augen blitzten voller Tatendrang auf.
„Sag einfach irgendwas, mir ist es gleich. Von mir aus sollen alle erfahren, dass ich die ganze Zeit über bei Severus Snape war. Der Krieg ist vorüber, was soll da noch groß schief gehen?"
Harry legte die Stirn in Falten, als er sie betrachtete und lächelte verhalten. „Das ist vermutlich keine so gute Idee, Mione. Denk mal an das Ministerium und auch an Ron. Aber mach dir darüber keine Sorgen, ich werde mir schon was einfallen lassen, wie ich sie beschwichtigen kann. Du hast all die Jahre über zu mir gehalten, da ist es das Mindeste, dass ich dir etwas zurückgebe."
Hermine nickte kaum merklich. „Das hast du bereits getan, Harry. Du warst immer mein Freund. Und ich kann mich glücklich schätzen, dass ich dich als solchen bezeichnen kann."
Ein letztes Mal hielten sie sich in den Armen, dann sprang Hermine auf und rannte zum Kamin der Weasleys, um nach Spinner's End zurückzukehren.
