My grief lies in you
Kapitel 21
Der Eindringling
Hermine brauchte einen Moment, um sich zu orientieren, nachdem sie durch den Kamin der Weasleys gereist war. Erleichtert stellte sie fest, dass sie immer noch Zugang zu Snapes Haus hatte, sonst wäre sie nicht soweit gekommen.
Sie klopfte sich den Staub von den Schultern, stieg aus der kalten Asche und sah sich um. Obwohl sie nur ein paar Stunden fort gewesen war, kam es ihr wie eine Ewigkeit vor und sie konnte es gar nicht abwarten, Severus wieder zu sehen. Doch schnell musste sie erkennen, dass das Haus auf den ersten Blick nicht gerade den Eindruck machte, als wäre jemand anwesend. Um sicher zu gehen, überprüfte sie die Küche. Dann raste sie die Treppe hinauf. Kaum war sie oben angekommen, stürzte sie in Snapes Schlafzimmer, doch dort musste sie ebenfalls feststellen, dass es verlassen war. Nachdem sie auch das Bad überprüft hatte, war sie mit ihrem Latein am Ende.
Er war nicht hier.
Er war fort.
Panik überkam sie. Warum hatte sie ihn einfach so zurückgelassen? Was hatte sie sich nur dabei gedacht, nach allem, was er für sie getan hatte?
Wie von Sinnen kehrte sie in sein Schlafzimmer zurück - nur um sicher zu gehen - und starrte auf das verlassene Bett. Er musste letzte Nacht hier gewesen sein, doch es war nur schwer zu erkennen, ob er das Bett überhaupt benutzt hatte, Severus hatte schon immer viel zu wenig geschlafen.
Hermine fröstelte. Dies war sein Zuhause. Wo sonst konnte er sein, wenn nicht hier? Schmerzvoll schoss ihr ins Gedächtnis, dass er das Haus nie gemocht hatte. Warum also sollte er hierbleiben, wenn es keinen Grund dazu gab?
Genau in dem Moment, in dem sich ihre Panik in Angst wandelte, hörte sie unten im Haus Geräusche. Angespannt hielt sie den Atem an und schlich sich zur Tür.
Da war es wieder. Ein Geklapper, ein Scheppern. Es klang eindeutig danach, als würde jemand verschiedene Gegenstände unachtsam herum werfen. Severus kannte sie inzwischen zu gut, um zu wissen, dass es nicht seine Art war, so achtlos mit seinen Dingen umzugehen. Irgendjemand - oder irgendetwas - musste dort sein.
Schnell zog sie den Zauberstab aus ihrer Hose und schlich zur Treppe vor. Stufe für Stufe tastete sie sich nach unten. Die Geräusche kamen mit jedem Schritt näher und Hermine schoss in den Sinn, dass sie aus dem Keller stammen mussten. Als sie das Erdgeschoss erreicht hatte und vorsichtig um die Ecke bog, setzte beinahe ihr Herz aus.
Die Tür zur Kellertreppe stand offen und als sie sich bückte, konnte sie am Ende der Treppe die Gestalt eines Mannes sehen, der eine große Kiste durchwühlte. Bereits auf den ersten Blick erkannte sie, dass es nicht Severus war, der lautstark im Lichtkegel seines Zauberstabs den Kellerraum auf den Kopf stellte.
Mit zittrigen Fingern umklammerte sie ihren Zauberstab und machte das Licht an. Der Fremde fuhr herum und starrte sie mit großen Augen an.
Hermine stieß einen Schrei aus.
„Miss … Granger."
Sie schluckte hart, ehe sie sich wieder halbwegs gefasst hatte. „Mr. Malfoy!"
Eine Weile sahen sie sich an, als wüssten beide nicht so recht, was sie aus der Situation machen sollten. Dann senkte er vorsichtig seinen Zauberstab, ohne sie aus den Augen zu lassen.
Hermine tat es ihm gleich, ohne den Griff ihrer Finger zu lockern. „Was – was tun Sie hier?"
Er legte den Kopf schief. „Dasselbe könnte ich Sie fragen."
Oh. So langsam dämmerte Hermine, dass er ja mit Severus befreundet war. Die Definition dieser Freundschaft aber war ihr nach wie vor ein Rätsel.
Sie nahm ihren ganzen Mut zusammen und räusperte sich. „Wissen Sie, wo Severus ist?"
Ein süffisantes Grinsen tauchte auf seinem Gesicht auf. „Ah, so langsam kommen wir der Sache näher." Er genoss es sichtlich, sie warten zu lassen, ehe er fortfuhr. „Er könnte überall sein."
Sie biss sich auf die Zunge, als ihr bewusst wurde, wie Recht er hatte. „Das war nicht meine Frage", kommentierte sie bissig. „Ich wollte wissen, wo er ist."
Er grinste selbstgefällig. „Wollen wir das nicht alle?"
Hermine legte angestrengt die Stirn in Falten und Malfoy bewegte sich auf die Treppe zu. Sofort riss sie ihren Zauberstab nach oben und richtete ihn auf seine Brust.
„Halt!"
Er stockte und sah sie abschätzend an. „Ich würde gerne diesen staubigen Keller verlassen, Miss Granger, wenn Sie nichts dagegen haben."
Ein bitteres Lachen entfuhr ihr. „Das glaube ich Ihnen gerne! Doch das kann ich leider nicht zulassen."
Genervt rollte er mit den Augen. „Schön. Wir können von mir aus die ganze Nacht hier stehen und uns gegenseitig anstarren, bis einer von uns tot umfällt. Doch um ehrlich zu sein, habe ich genug davon, meine Zeit auf diese Art zu verschwenden." Er seufzte. „Ich mache Ihnen einen Vorschlag, Granger. Sie lassen mich nach oben kommen und wir setzen uns gemeinsam ins Wohnzimmer, um die dringende Frage zu klären, die Sie eben noch so sehr bewegt hat."
Hermine klemmte die Lippe zwischen die Zähne und dachte nach. Es hatte fast den Anschein, als würde er tatsächlich selbst gern wissen wollen, wo Severus sich aufhielt. Gut. Das war ein Anfang. Doch wollte sie ihm die Genugtuung geben, ihr zuvorzukommen? Nein, wohl eher nicht.
„Wie sind Sie hier reingekommen?", fragte sie ausweichend.
Seine stechenden Augen blitzten auf und sie fühlte, dass er dazu versucht war, ihr einen Fluch auf den Hals zu hetzen, doch noch ehe er seine Knöchel angespannt hatte, schritt Hermine zur Tat und entwaffnete ihn mit einem gezielten „Expelliarmus!"
Sein Zauberstab sauste durch die Luft und sofort fing sie ihn mit ihrer freien Hand auf.
Malfoy hob beschwichtigend die Hände und machte einen Schritt zurück, ehe er sie anknurrte. „Sind Sie jetzt zufrieden?"
Hermine nickte und setzte sich erschöpft auf die Treppe. „Also", fing sie an. „Wie sind Sie hier hereingekommen?"
Sein Blick war alles andere als freundlich, dennoch begann er zu sprechen. „Er muss die Schutzzauber gelockert haben, als er verschwunden ist. Sonst hätte ich es wohl kaum geschafft, oder?"
Nachdenklich nickte sie. „Weiter. Was tun Sie überhaupt hier?"
„Bitte! Muss ich Ihnen das wirklich erklären? Sie sollten wissen, dass Severus und ich alte Weggefährten sind ..."
Sie lachte hysterisch auf. „Das ist noch lange kein Grund, sein Haus zu durchwühlen!"
Wieder einmal rollte er mit den Augen. „Denken Sie wirklich, ich hätte das nötig?"
Eigentlich nicht. Die Klamotten, in denen er steckte, waren wie immer nur vom Feinsten. Auch sein Duft stammte eindeutig von einem teuren Rasierwasser.
Zaghaft schüttelte sie den Kopf. „Was tun Sie dann hier?"
„Ich suche ihn."
Sie zog die Braue hoch. „In einer Kiste?"
Er holte Luft und war offenbar kurz davor, ihr etwas sehr Unschönes an den Kopf zu werfen, doch dann besann er sich eines Besseren.
„Nein, Miss Granger. Ich suche nach Hinweisen, die mir etwas über seinen Verbleib verraten könnten. Abgesehen davon weiß ich überhaupt nicht, was Sie das angehen sollte. Wenn ich Severus jedoch nicht finden kann, wird ihn früher oder später das Ministerium finden. Und glauben Sie mir, das könnte sehr unangenehm für ihn werden." Ihre Kinnlade sackte nach unten und Malfoy grinste verschlagen in sich hinein. „Dachte ich es mir doch."
Hermine schüttelte den Kopf. „Was hat das alles zu bedeuten?"
Er seufzte tief und lang anhaltend. „Der Krieg mag zwar vorüber sein, Miss Granger, aber solange das Ministerium keine Leiche von ihm gefunden hat, werden sie nicht aufhören, nach ihm zu suchen."
So langsam aber sicher bekam sie ein ungutes Gefühl bei der Sache. „Und was sollen wir jetzt tun?"
„Wir?", fragte er überrascht.
„Ja! Wir müssen ihn finden, bevor die Anderen es tun."
„Korrekt - bis auf das Wir ..."
Hermine starrte ihn ungläubig an. „Heißt das, Sie wollen mir nicht helfen?"
„Ha! Ich wüsste nicht, warum ich das tun sollte."
„Weil Sie sein Freund sind."
„Ah, verstehe. Doch leider muss ich Sie enttäuschen, Miss Granger. Die Definition einer Freundschaft kann doch oft sehr vage gesehen werden."
Als wäre ihr das nicht schon selbst in den Sinn gekommen, kniff sie die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen. „Aber ich dachte, Sie wollen ihn finden!", setzte sie verärgert hinterher.
Er nickte. „Das will ich tatsächlich. Aber ich tue es ausschließlich, weil mir mein Sohn klargemacht hat, dass er nichts mehr mit mir zu tun haben will, bis ich meine Fehler wieder gutgemacht habe."
Verwirrt blinzelte sie ihn an. „Sie tun das für Draco?"
Er stieß einen schrillen Schrei aus und wippte ungeduldig mit den Füßen auf und ab. „Natürlich Draco! Es sei denn, ich habe noch einen anderen Sohn, von dessen Existenz ich nichts weiß."
Jetzt war es Hermine, die mit den Augen rollte. „Könnten Sie sich bitte etwas genauer ausdrücken? Ich möchte nicht länger als nötig auf dieser Treppe sitzen."
Malfoy presste säuerlich die Lippen aufeinander, ehe er sich dazu herabließ, sie aufzuklären. „Schön. Es geht um diesen Schwur, den Severus für Draco geleistet hat ... Die Sache mit Dumbledore und dem Astronomieturm, wenn Sie wissen, wovon ich rede."
Hermine fletschte die Zähne. „Ich weiß nur zu gut, wovon Sie reden, Mr. Malfoy. Ihr Sohn war der Grund dafür, dass Severus all diese schrecklichen Dinge auf sich nehmen musste. Und das nur, weil Sie ihn auf die Seite der Todesser gezogen haben." Hermine konnte sehen, dass er die Hände zu Fäusten ballte und richtete ihren Zauberstab neu aus. „Wie konnten Sie das nur von ihm verlangen? Severus hat sich für Draco geopfert, während Sie ihren eigenen Sohn im Stich gelassen haben!"
Er verzog sein Gesicht zu einer schiefen Grimasse. „Ich denke wohl kaum, dass Sie das beurteilen können, Granger. Nebenbei gesagt finde ich es äußerst rührend, dass Sie sich so um Severus sorgen und so langsam glaube ich auch, dass ich den Grund dafür kenne, nicht wahr?"
Seine Augen funkelten sie gefährlich an, doch Hermine ließ sich davon nicht beirren.
„Es ist mir gleich, was Sie über mich denken, Mr. Malfoy. Severus verdient es, endlich zu leben. Er war es nämlich, der vor Nagini seinen Kopf hingehalten und um sein Leben gekämpft hat, während Sie sich heimlich aus dem Staub gemacht haben, richtig?"
Kaum hatte sie ausgesprochen, wurde es verdächtig ruhig im Keller. Hermine fühlte einmal mehr, wie erschöpft sie war und ließ ihren Zauberstab sinken. „Ich bin es leid, gegen Leute wie Ihresgleichen zu kämpfen, Malfoy. Gehen Sie mir aus den Augen! Ich bin fertig mit Ihnen, Sie Feigling!"
Mit diesen Worten erhob sie sich und ging, ohne ihn eines weiteren Blickes zu würdigen, die Treppe hinauf. Erst als sie oben angekommen war, drehte sie sich um und warf seinen Zauberstab nach unten. Mit einem dumpfen Aufprall landete er auf dem Boden, dann wurde es wieder still.
Nur wenige Sekunden später hörte Hermine die Geräusche des Disapparierens, dann war sie alleine in Snapes Haus.
