My grief lies in you
Kapitel 22
Wie Spuren im Sand
Hermine hatte sich auf dem Bett in Snapes Schlafzimmer zu einer Kugel eingerollt und weinte. Wie lange sie dort schon lag, spielte keine Rolle, denn er war fort.
Sie wusste, dass es dumm gewesen war, Lucius einfach so ziehen zu lassen. Doch es war ihr gleich. Sie hatte keine Angst vor ihm gehabt. Nicht mehr. Der Krieg war vorüber und ihre alten Fehden sollten damit endlich beglichen sein.
Das Einzige, was jetzt für sie zählte, war Severus. Beide hatten sie unglaubliche Torturen überstanden und sich dennoch aus den Augen verloren. Alleine das Bewusstsein, dass er nicht hier war, schien ihr die Luft abzudrücken und so wünschte sie sich nichts sehnlicher, als ihn endlich wieder bei sich zu spüren.
Tief in sich selbst zurückgezogen bildete sie sich ein, seinen vertrauten Duft zu riechen. In Wahrheit aber konnten es nur verblasste Erinnerungen sein, die sie mit ihm verband, als sie ihre Nase in das Kissen drückte.
„Hermine ..."
Wie ein Echo aus einer längst vergangenen Zeit hörte sie seine Stimme in ihrem Kopf.
„Hermine."
Plötzlich riss sie die Augen auf und fuhr herum. Nur langsam wurde ihr bewusst, dass sie tatsächlich die vertraute Gestalt ihres einstigen Professors im Türrahmen stehen sah, die sie beobachtete.
„Severus!"
Vollkommen von Sinnen richtete sie sich auf und blickte ihm in die Augen.
„Du warst fort!", flüsterte sie ungläubig. „Wie konntest du mir das nur antun?"
Er sah sie weiterhin an, unfähig, auch nur eine Silbe über seine dünnen Lippen zu bringen. Sein Ausdruck aber verriet ihr nur zu deutlich, dass er nicht weiter wusste.
In Hermine überschlug sich alles. Sie kroch aus dem Bett und ging mit zittrigen Beinen und unruhig klopfendem Herzen auf ihn zu.
Dann stand sie vor ihm. Sie fühlte, dass sich Tränen in ihren Augen bildeten und ohne zu wissen, was sie tat, hob sie den Arm und schlug ihm mit der flachen Hand ins Gesicht.
Snape zuckte nicht einmal mit der Wimper.
Hermine aber stand wie eingefroren vor ihm und starrte ihm in die Augen, als wäre er ein Geist. All die Emotionen, die sich in den vergangenen Monaten in ihr angesammelt hatten, holten sie ein. Von Trauer über Wut, bis hin zu unbändigem Schmerz. Ihre Erschöpfung, die Hoffnungslosigkeit. Einfach alles.
War er immer noch derselbe Mann, der sie gerettet und mit zu sich nach Hause genommen hatte? Der Mann, der sie mehr als einmal von sich gewiesen und sich von ihr verabschiedet hatte, um Dumbledores Auftrag auszuführen? Der Mann, der fast in ihren Armen gestorben wäre?
„Scheiße, Severus! Warum hast du das nur getan? Nach allem, was wir zusammen durchgestanden haben?"
Er schluckte und seine Lippen bebten, doch erneut kam nichts hervor.
Hermine holte aus und schlug ein weiteres Mal zu, diesmal auf die andere Wange. Noch immer zeigte er keine Regung. Nicht einmal ein Zucken. Lediglich seine langen, ungezähmten Strähnen gerieten beim Aufprall durcheinander.
„Was bist du?", rief sie wütend. „Wie kannst du nur so kalt sein?"
Nichts.
„Antworte mir!"
Langsam tauchten die Abdrücke ihres Schlags auf seinem Gesicht auf und Hermine kam wieder zu sich.
Erst jetzt riss sie ihre Hand zurück und bedeckte ihren Mund damit, um einen Aufschrei zu unterdrücken.
„Ich – es - es tut mir leid", stammelte sie unbeholfen und starrte mit weit aufgerissenen Augen auf die roten Flecke, die sie ihm verpasst hatte.
Noch bevor sie etwas anderes tun konnte, spürte sie, dass er die Arme um sie legte und sie zu sich an seine Brust zog.
„Du hattest jedes Recht dazu, das zu tun", sagte er gefasst. Seine Stimme wirkte leise und eindringlich zugleich, obwohl noch immer ein leichtes Raspeln darunter gemischt war, das er Nagini zu verdanken hatte. „Ich habe es verdient."
Sie schüttelte geschockt den Kopf. „Nein, hast du nicht. Ich habe die Beherrschung verloren ..." Ihre Worte gingen in einem Schluchzen unter.
„Doch. Nach allem, was du für mich getan hast, hätte ich dich nicht gehen lassen dürfen. Niemals."
Was er gesagt hatte, löste etwas in ihrem Innern aus, das sie schon längst verloren geglaubt hatte: eine verzweifelte Sehnsucht nach Vollkommenheit. Etwas Fürsorgliches und lag in seiner gebrochenen Stimme und schien all das fortzuschwemmen, was er bei seinen grausamen Abschieden in ihr zerstört hatte.
Vorsichtig machte sie sich von ihm los, um ihn anzusehen, als würde sie noch immer nicht begreifen, dass er es tatsächlich war. Nur nach und nach erkannte sie, dass seine äußerliche Erscheinung verändert wirkte. Er trug ein schwarzes Hemd und eine schlichte schwarze Hose, sowie schwarze Schuhe. Die Knöpfe an seinem Hals waren nicht geschlossen und die frischen Narben darauf gut sichtbar. Erst jetzt bemerkte Hermine, wie sehr er wirklich an Gewicht verloren hatte.
„Was ist mit deiner Hand passiert?", fragte sie besorgt, als sie den Verband an seinen Knöcheln sah.
Er setzte ein schwaches Lächeln auf und wirkte dabei äußerst beschämt. „Das ist eine lange Geschichte."
Hermine nahm seine Hand in ihre und drückte einen Kuss darauf. Für einen winzigen Moment schloss er die Augen.
„So lang, dass du nicht aufhören konntest, dich selbst zu verletzen, als sie dir zu Kopf gestiegen ist?"
Voller Erwartung blickte sie ihn an und seine Lider sprangen auf. Ein Funkeln lag in seinen schwarzen Augen. Dann zuckte er mit den Schultern und senkte den Kopf.
„Es ist eine Geschichte über Schmerz und Verlust. Eine Geschichte über Stolz und Schande." Langsam hob er den Kopf und sah sie wieder an. „Vor allem jedoch eine Geschichte über das zu sich selbst finden und über die Liebe."
Sie zog die Nase hoch. „Severus ..."
Er schüttelte kaum merklich den Kopf. „Es tut mir leid."
Hermine nickte. „So wie mir."
Ein sanftes Lächeln lag auf seinen Lippen und Hermine stellte fest, dass er gealtert war. Nicht schlimm, doch er sah definitiv älter aus, als noch vor einigen Monaten. Alleine die dunklen Ringe unter seinen Augen waren beachtlich gewachsen. In den Tiefen seiner schwarzen Pupillen aber konnte sie noch etwas ganz anderes sehen. Ein Schimmern, ein Leuchten.
„Ich liebe dich", sagte er ernst und sie zögerte nicht länger und sprang ihm entgegen.
Hermine fühlte, wie ihre Körper aufeinander prallten und so schlug sie die Beine um seine Hüften, während er sie fest an sich presste.
„Du bist zurück, Severus!"
Er verbarg sein Gesicht tief in ihren wirren Haaren und nickte. Als wollte sie sicher gehen, dass sie nicht träumte, drückte sie ihn an sich und so hielten sie sich wortlos fest.
„Ich hätte nicht einfach gehen dürfen", flüsterte sie irgendwann. Ob erst Minuten oder schon Stunden vergangen waren, spielte keine Rolle. „Es war ein Fehler ..."
Er schnaubte sanft. „Nein. Tu das nicht. Du musst dich nicht bei mir entschuldigen. Du hast mehr für mich getan, als ich verdient habe."
Sie legte den Kopf zurück und sah ihn an. „Trotzdem war es dumm von mir ..."
„Pssst", zischte er milde und legte seinen Zeigefinger auf ihre Lippen. Dann starrte er abwesend in die Ferne. „Vielleicht sollten wir uns erst einmal setzen, bevor wir weiter machen."
Hermine nickte. „Ja, vielleicht sollten wir das."
Ohne von ihr abzulassen trug er sie zum Bett hinüber und legte sie darauf nieder. Ihre Blicke trafen sich und Hermine griff nach seiner Hand. „Komm zu mir."
Lautlos glitt er hinter sie und drückte seinen Körper fest und innig an ihre Rückseite.
„Also. Wo hast du gesteckt?", fragte sie vorsichtig.
Er schluckte. „Ich habe Lucius besucht." Hermine fiel überrascht die Kinnlade hinunter, doch er fuhr fort, noch ehe sie etwas sagen konnte. „Ich – ich wusste nicht, wo ich sonst hin sollte. Zuerst war er nicht da, also habe ich gewartet. Wir haben geredet und er hat mir von dir erzählt … Er war sehr aufgebracht, als er mir über seine Vermutungen mit uns erzählt hat. Dann haben wir miteinander diskutiert und alles ist aus dem Ruder gelaufen, bis plötzlich Draco aufgetaucht ist und ihn zum Schweigen gebracht hat ..."
Hermine drehte den Kopf nach hinten, um ihn anzusehen. „Draco? Also weiß er Bescheid, was mit uns geschehen ist?"
Er nickte matt. Doch sofort darauf schüttelte er ungläubig den Kopf und seine Strähnen verdeckten sein Gesicht, sodass sie den Ausdruck darauf nicht länger sehen konnte.
„Sieh mich an, Severus", sagte sie fordernd und strich ihm die Haare aus den Augen. „Was ist passiert?"
Etwas unbeholfen blinzelte er. „Ich habe mit ihm gesprochen - mit Draco."
„Und? Was hat er gesagt?"
Nur mühsam konnte sie die Ungeduld in sich bändigen. Es war nicht so, dass sie auf Dracos Meinung Wert legte, dennoch begriff sie, dass es für Severus von enormer Bedeutung sein musste, was der Junge, für den er den Schwur geleistet hatte, über ihn dachte. Die Reaktionen der Menschen auf ihn waren in den vergangenen Jahren alles andere als positiv gewesen. Es war mit ein Grund für ihn gewesen, warum er es im Leben so schwer gehabt hatte und warum er sich vor der Welt verschlossen hatte.
„Er meinte, er könnte die Tatsache akzeptieren, obwohl es ihm schwer fiel, es zu begreifen."
Hermine hielt den Atem an. „Das hat er gesagt?", flüsterte sie leise.
Er nickte kaum merklich. „Das hat er gesagt."
Erleichtert drehte sie sich mit dem Körper zu ihm um und schlang ihre Arme um ihn.
„Severus! Das ist mehr, als ich je zu Hoffen gewagt hätte. Ist dir bewusst, was das für uns bedeutet?"
Unsicher hob er seine Brauen an.
„Wenn Draco bereit ist, damit zu leben, werden andere es ebenso tun. Er muss begriffen haben, was du für ihn getan hast. Das heißt, du wirst endlich frei sein! Niemand wird mehr über dein Leben bestimmen. Nur du allein wirst entscheiden, was für dich richtig ist."
Strahlend sah sie ihn an. Snape jedoch machte alles andere als ein erfreutes Gesicht.
„Doch, Hermine", sagte er mit belegter Stimme. „Es wird immer Dinge geben, die mein Leben beeinflussen. Was ich getan habe, lässt sich nicht rückgängig machen."
„Wie – wie meinst du das?"
Er seufzte. „Das Ministerium hat mir geschrieben."
„Und?"
„Es geht um eine Anhörung."
Hermine biss sich auf die Lippe „Oh." Alleine bei dem Wort stellten sich ihr in böser Erinnerung an Harrys Anhörung die Nackenhaare auf.
Er nickte. „Ganz recht. Sie haben ihre Mittel, gewisse Dinge herauszufinden, verstehst du?"
Um ehrlich zu sein, war sie sich nicht sicher, ob sie das tat. Vielleicht wollte sie es auch einfach nur verdrängen.
„Seit sie herausgefunden haben, dass ich am Leben bin, haben sie ein unermessliches Interesse an meiner Person bekommen. Sie haben darüber diskutiert, mich schuldig zu sprechen - für die Dinge, die ich als Todesser getan habe." Er holte Luft und sah auf eindrucksvolle Art niedergeschlagen aus, als er fortfuhr. „Es ist paradox, doch im Moment hält sie nur Potters Wort davon ab, mich unter Arrest zu stellen." Er schüttelte sich. „Ich wollte nie in Askaban sterben."
Hermine schluckte mit trockenem Mund. „Niemand will das. Und das wirst du auch nicht."
Er seufzte bitter.
„Severus, bitte. Wie kommst du nur darauf, dass das passieren könnte? Harry hat für dich gesprochen. Seit die ganze Welt weiß, dass er in Bezug auf Voldemort und seine Auferstehung von vornherein die Wahrheit gesagt hat, steht sein Wort über allen anderen. Und wenn nur ein Bruchteil von dem wahr ist, was im Tagespropheten abgedruckt war, kann dir niemand was anhaben."
Bedrückt schüttelte er den Kopf. „Das mag sein. Aber es wird vielleicht nicht ausreichen, Hermine. Ich bin, was ich bin. Ich habe getötet. Und ich werde immer wissen, was ich getan habe."
Er klang kühl und rationell, als er redete und es schmerzte sie zutiefst, ihn so zu hören.
„Ging es die ganze Zeit darum? Warst du deswegen so schlecht gelaunt?" Als er nicht antwortete, fuhr sie fort. „Wie viele Briefe hast du inzwischen bekommen? Und wie lange weißt du schon davon?"
Seine schwarzen Augen funkelten sie überrascht an.
„Komm schon, Severus. Ich kann es dir ansehen."
Er antwortete nicht und Hermine schüttelte den Kopf.
„Warum bist du nur so stur? Du hast mich vermisst. Genauso wie ich dich vermisst habe. Voldemort ist tot, Severus. Was hast du also zu verlieren, wenn du es zugibst? Der Krieg ist vorüber."
Plötzlich senkte er den Blick und sie wurde still.
„Es geht nicht um mich", sagte er kaum hörbar. „Begreifst du das denn nicht? Du bist es, die dabei ist, alles zu verlieren ..."
Seine Stimme klang rau und unvollständig und Hermine wurde bleich im Gesicht, als sie begriff, was er gesagt hatte.
„Severus, nein!", flüsterte sie ungläubig.
Sein Blick traf sie hart. „Deine Zukunft steht auf dem Spiel. Dein Ruf. Du könntest alles verlieren, wenn heraus kommt, was du für mich getan haben. Du bist ohnehin schon zu lange von der Bildfläche verschwunden. Damit machst du dich nur verdächtig. Es wird Zeit für dich, wieder einen normalen Weg einzuschlagen."
„Was?"
Er nickte. „Es ist an der Zeit, dass du dein Leben lebst."
„Nein! Ich werde nirgendwo hingehen. Nicht ohne dich!"
„Was willst du dann tun, Hermine? Wieder hier mit mir leben? Bei mir wohnen? In diesem schrecklichen Haus? Wovon sollen wir leben, wenn ich keine Arbeit finden kann?"
Sie schüttelte den Kopf, als sie endlich die Wahrheit erkannte und eine ungeheure Erleichterung durchströmte sie dabei.
„Ich will diese Sache zwischen uns ein für alle Mal klären, Severus. Und versuch nicht schon wieder, dich rauszureden! Du bist furchtbar darin." Er zog verletzt die Mundwinkel zurück, doch sie ließ ihn nicht zu Wort kommen. „Ganz gleich, was auch passiert, ich werde zu dir stehen, so wie du damals für mich da warst, als du mich gefunden hast. Wir werden es schaffen, denn wir haben uns. Ich weiß, dass Harry bereit sein wird, für dich auszusagen, ganz gleich, wie mühsam es sein wird und wie lange es dauern wird. Ich werde dich nicht schon wieder aufgeben. Nicht jetzt, nachdem ich dich endlich gefunden habe, Severus."
„Wie dem auch sei. Das Ministerium wird Fragen stellen, wo du so lange warst und warum du bei Kriegsende so plötzlich verschwunden bist. Und was dann? Denkst du, es wird einfach werden, wenn die Welt erfährt, dass du deine Zukunft für mich aufs Spiel gesetzt hast?"
„Das ist mir gleich!"
Er schnaubte. „Das sagst du jetzt! Aber du musst zurück nach Hogwarts, sobald es wieder aufgebaut ist. Du musst deinen Abschluss machen. Und ich wäre dir nur im Weg, Hermine." Angestrengt fuhr er sich mit den Händen durch die Haare. „Du bist noch so jung und ich würde alles geben, um noch einmal die Chance zu bekommen, in deinem Alter zu sein. Ich würde alles ändern. Alles! Was ich bin, was ich getan habe ... Mein ganzes Leben ..."
Da waren sie nun und Hermine wusste nicht, was sie sagen sollte. Er hatte ihr die Bestätigung gegeben, die sie von ihm verlangt hatte. Nach all der Zeit, die sie in Einsamkeit und Trauer verbracht hatte, hatte er ihr gesagt, dass sie ihm wichtig war. Doch der Preis dafür war hoch, wenn er im Gegenzug von ihr verlangte, dass sie ihn verlassen sollte.
„Was kümmert mich das?", fragte sie bitter. „Ich interessiere mich nicht für diesen dämlichen Abschluss! Nicht nach allem, was mit mir passiert ist. Wenn sie mich nicht wollen, werde ich eine andere Arbeit finden, solange ich nur bei dir sein kann. Kannst du das denn nicht verstehen, Severus? Ich kann nicht gehen, wenn alles, was ich liebe, hier ist."
Sie sah ihm in die Augen und wartete auf eine Antwort. Laut hörbar atmete er ein und legte seine Hand auf ihre Wange.
„Warum bist du nur so stur, Hermine?"
Das war der Moment, in dem ihr erneut die Tränen kamen. Der Moment, in dem sie seine Wärme und Nähe spürte, die sie so sehr in Erinnerung hatte.
Sie schluchzte auf. „Es hat mich am Leben gehalten. Gott, Severus! Ich dachte, du würdest sterben ..." Ungehalten heulte sie los, mitten in sein schwarzes Haar hinein.
„Das dachte ich auch", sagte er beschwichtigend und holte Luft. „Es – es tut mir leid, dass du das sehen musstest."
Ebenso wie damals, als er ihr in ihren dunkelsten Stunden Trost gespendet hatte, drückte er sie an sich. Hermine spürte die Umarmung, die sie über alles andere in ihrem Gedächtnis verankert hatte. Eine der Sachen, die sie nie vergessen würde, ganz gleich, wie viel Zeit vergehen würde. Alles andere schien in diesem Augenblick unwichtig zu sein.
All die Tränen, die sie geweint hatte, wurden fort gewaschen vom kribbelnden Fluss des Blutes, das durch ihre Venen strömte, dem unruhigen Klopfen, das ihr Herz auslöste, indem sie ihn einfach nur ansah. Ihn, ihren Professor, den sie mehr als alles andere liebte, ohne jemals wirklich Hoffnung gehabt zu haben, mit ihm vereint sein zu können.
„Kannst du mir vergeben?"
„Wofür?"
„Dafür, dass ich dich beschimpft habe. Ich hatte kein Recht dazu."
„Es gibt nichts zu vergeben. Ich bin genauso schuldig wie du."
Er warf ihr ein gebrochenes Lächeln entgegen. „Warum?"
„Ich habe dich heimlich geküsst, erinnerst du dich?"
„Ja, das hast du."
„Es war falsch von mir."
„Von jetzt an darfst du mich immer küssen, wenn dir danach ist."
Scheu lächelte sie zurück. Und dann spürte sie, wie er seine Lippen auf ihre presste und sie küsste. Hermine konnte ihre Tränen nicht zurück halten und heulte weiter, während seine Zunge in ihren Mund drang, um sich mit ihrer zu vereinigen. Sie fühlte die Hitze seines Körpers, die ihr einen wohligen Schauder über den Rücken jagte und das Verlangen in ihr weckte, für immer und ewig bei ihm zu sein.
Schwer atmend brachen sie schließlich auseinander.
„Severus?"
„Ja?"
„Wirst du mir etwas versprechen?"
„Was?"
„Dass du dich nicht darum kümmern wirst, was irgendjemand über uns sagt."
Er schluckte schwer. „Ich bin nicht sicher, ob ich das kann. Aber wenn es so wichtig für dich ist, werde ich es versuchen. Ich schulde dir was, wie du weißt."
„Ja, das tust du. Ebenso wie ich dir."
Er seufzte sanftmütig. „Es hat wohl keinen Zweck, weiter darüber zu diskutieren, oder?"
„Richtig. Dann wirst du mich nicht fortschicken?"
„Nein."
„Weißt du, ich hatte viel Zeit, über dich nachzudenken, als ich mit den Jungs gereist bin, obwohl ich versucht habe, nicht daran zu denken. Aber ich bin kläglich gescheitert." Sie schnaubte. „Wann immer ich es verdrängen wollte, ist alles nur noch schlimmer geworden. Ich wollte immer in deinen Armen liegen, Severus. Und ich weiß, dass ich dich nicht verlassen werde. Ich habe so lange auf dich gewartet."
„Lass dir Zeit, bevor du dich entscheidest, Hermine. Ich bin viel älter, als der Mann, der an deiner Seite sein sollte. Ich habe einen schlechten Ruf. Und ich weiß nicht, ob ich jemals wieder dazu in der Lage sein werde, zu arbeiten."
„Du hast tapfer gekämpft, Severus. Auf unserer Seite. Und niemand sollte mehr von dir verlangen. Ich weiß das. Harry weiß es. Und es wird der Tag kommen, an dem auch andere das einsehen werden."
„Aber es wäre nicht richtig von mir, dir falsche Hoffnungen zu machen und dich in mein Leben mit hinein zu ziehen."
„Dafür ist es zu spät. Ich stecke bereits mitten drin."
Er rollte verspielt mit den Augen und Hermine atmete befreit aus, als er nichts dagegen sagte. Dann lächelte sie ihn an.
„Und jetzt küss mich endlich. Alles andere kann warten."
Sein Gesicht bekam etwas Sanftes, als er sich über sie beugte und mit seinen Lippen die ihren berührte.
Nicht lange darauf wurde ihr Kuss stürmischer und das Verlangen, das sie in all den Monaten ihrer Trennung in sich begraben hatten, immer stärker.
Ungeduldig befreiten sie sich aus ihrer Kleidung, bis sie nackt beieinander lagen und mit Augen und Händen die Oberflächen ihrer Körper erkundeten, die sich so sehr nacheinander gesehnt hatten.
Hermine konnte Snape über sich zittern spüren. Seine Hände berührten sanft die Innenseiten ihrer Schenkel. Dann sah er ihr in die Augen und drang in sie ein. Er stöhnte auf und seine dünnen Lippen pressten sich fest auf ihre.
Für Hermine war es der Himmel auf Erden, ihm so nahe zu sein. Sie war sich sicher, noch nie zuvor solch eine Schönheit gesehen zu haben, als sie sich in den endlosen Tiefen seiner schwarzen Augen verlor.
Es war ein weiter Weg bis hierhin gewesen. Ein Weg voller Kummer und Schmerz. Doch jetzt, da sie in seinen Armen lag und gedankenverloren mit den Fingern über seinen linken Unterarm strich, wurde ihr bewusst, dass sie beide frei waren.
„Ich liebe dich, Hermine", hörte sie ihn sagen. Und diesmal waren es Tränen der Freude, die sich in ihren Augen formten.
Ihre Hand streckte sich nach seiner und sie nahm sie wie selbstverständlich in ihre und fühlte die angenehme und vertraute Wärme, die dabei durch ihren Körper floss. Eine Wärme, die ihr ganzes Leben verändert hatte, von dem Moment an, als er sie gefunden hatte; ihr Retter, der in ihrer dunkelsten Stunde ihr Leben verändert hatte.
Selbst dann, wenn keiner von ihnen wusste, wo die Zukunft sie hinführen würde, so war doch das Dunkle Mal wie ein Schatten seiner Vergangenheit verblasst. Und die stummen Schreie ihrer Seele hatten endlich Gehör gefunden.
xxx Ende xxx
Auch dann, wenn mir die Figuren nicht gehören, steckt im Kern dieser Fiktion wie immer ein Teil von mir selbst - eine Bürde, schwarz wie die Nacht.
Schreiben ist mein einziger Weg, mich einigermaßen auszudrücken. Es ist ein Versuch meinerseits, mit Dingen umzugehen. Bitte respektiert, wenn ich persönliche und schmerzvolle Erfahrungen mit einbringe.
-houseghost-
