*Schleicht leise rein und bringt ein neues Kapitel mit* ó-ó

Nach viel zu langer Pause habe ich euch heute endlich neuen Lesestoff mitgebracht – leider habe ich in den letzten Wochen nur sehr wenig Zeit zum Schreiben gefunden und bin daher sehr spät dran, bitte verzeiht. Der Tag hat manchmal einfach zu wenige Stunden für meinen Geschmack ;) …

Nun denn, es geht rasant weiter mit unseren Jungs, die sich nicht sicher sein können, wohin sie ihre Reise führen wird, auf dem „Highway to hell"

Viel Spaß und liebe Grüße

Eure Lia :)


Highway to hell

Teil 6

Dean Winchester hatte geglaubt zu wissen, was Grausamkeit war, dachte, er hatte jeden nur möglichen menschlichen Abgrund gesehen und sprichwörtlich die Hölle erlebt, aber 40 Jahre Blut und Schmerz waren nichts gegen das hier.

Qual hatte so viele hässliche Gesichter.

In sich zusammen gesunken saß Dean in einer der vorderen Bankreihen der Kirche, so weit wie möglich entfernt von all den Toten, die das Gotteshaus jetzt zu einer Grabkammer machten.

Das alte Gemäuer aus der Gründerzeit der Stadt war nur erleuchtet von ein paar Kerzen, die im vorderen Bereich brannten. Alles andere war in zähflüssige Dunkelheit getaucht, als die prachtvollen Mosaike der Fenster im schwindenden Tageslicht erloschen und sich die Abbilder darauf von all dem abwandten um den verfluchten Ort zu verlassen.

Seinen Kopf gesenkt und nur mühsam Luft holend, klammerte er sich verzweifelt an das von jahrelangem Gebrauch beinahe glatt polierte Holz unter ihm. Seltsam deutlich spürte Dean die übrig gebliebenen Rillen der Maserung, die über viele Jahrzehnte hinweg zu einem verwaschenen, runden Muster geworden war. Er hielt sich daran fest, krallte sich an diesen Anker, um nicht auch noch den letzten Rest Verstand zu verlieren - denn für alles andere schien es keine Rettung mehr zu geben. Seine Augen glitten über den Steinboden, der dunkel unter seinen Füßen lag und plötzlich wurde alles zu viel, zu schwer zu ertragen und seine Schultern sackten weiter vor. Langsam legte er seine Stirn auf die Rückenlehne der Bank vor ihm und versuchte, die kleinen schwarzen Punkte, die in seinem Blickfeld tanzten mit purer Willenskraft verschwinden zu lassen.

Das Leben war einfach nur scheiße und er hatte gehörig die Schnauze voll davon.

Luft holen - ein und aus. Aber mit jedem Atemzug roch er das Verderben um ihn herum und nahm den Gestank von Tod auf, der sich über alles gelegt hatte wie ein moderndes Leichentuch. Dean spürte ein widerliches Pressen in seinem Hals und nur mühsam bezwang er den Drang, sein Innerstes nach außen zu kehren. Die Knöchel seiner Hand knackten bei dem stillen Kampf, den sie mit alter Eiche austrugen und die nicht weniger unnachgiebig war als er.

Ein leises Wimmern klang vom Altar zu ihm hinüber, kaum zu hören und doch war es ohrenbetäubend und brannte sich tief in Deans Herz ein. Die Geräusche eines schwer verwundeten Tieres waren zu menschlich, zu-… vertraut.

Feuchtigkeit sammelte sich in seinen Augenwinkeln, floh daraus, lief heiß an seiner Wange entlang und tropfte schließlich vergessen auf kalten Stein. Mühsam hob Dean seinen Kopf, der bleischwer auf seinem Körper hing und quälte sich immer weiter. Sein eben noch starrer Blick löste sich, glitt über den Boden, über Holzbänke und erschreckend leere Augen von Frauen und Kindern, die sein scheinbares Gebet, im Tode erstarrt, beobachteten. Erschöpftes Grün wanderte weiter nach vorne, streifte flackernde Kerzen und fand schließlich sein Ziel.

Schluckend hielt er inne und zwang sich, die Augen nicht abzuwenden, ließ sie über den zusammengekauerten Körper auf dem Boden gleiten, der schwer gegen den Steinsockel lehnte und erfolglos versuchte, sich in sich selbst zu verstecken. Kleine Beben erschütterten das menschliche Häufchen Elend vor ihm und ließen Arme und Beine in erbarmungslosen Krämpfen zucken wie die Gliedmaßen einer Marionette. Dean suchte unter den schweißnassen Strähnen des anderen nach vertrauten Gesichtszügen, die nicht von den Schatten des Kerzenlichtes verschluckt wurden. Er suchte nach Sammy und einem Hauch von Hoffnung, aber die war für immer verloren, ertrunken in blutroten Fluten, genau wie sein Bruder, denn Sam hatte genau vor einer Stunde aufgegeben sich zu wehren…

Wütende Tränen raubten ihm erneut die Sicht und eine einzelne dieser verhassten Dinger bahnte sich ihren Weg hinaus, fand den ihrer Vorgänger und ging schließlich für immer verloren, als der Stoff seines Hemdes sie auslöschte. Das Zittern seiner Hände wurde stärker und eine kleine sarkastische Stimme in seinem Hinterkopf erinnerte ihn daran, dass er erbärmlich war, erbärmlich schwach und sich selber das erlaubte, was er an anderen verabscheute. Wie ein Kieselstein, der die Ruhe einer glatten Wasseroberfläche beim Auftreffen zerstörte, breiteten sich die Wellen in Deans Körper immer weiter aus, wurden größer und gewannen an Kraft. Er wollte stark sein - stark für seinen Bruder - doch war da wieder dieses kleine Flüstern, das ihm zuraunte, dass es den wahrscheinlich sehr bald nicht mehr gab und das reichte, um den coolsten Typen aus der Umlaufbahn des Planeten Selbstbeherrschung zu befördern und direkt hinein in ein schwarzes Loch, aus dem es kein Entkommen gab.

Ohne Sam gab es keine Zukunft-… Dean hatte gesehen, was für ein seelenloses, brutales Monster aus ihm werden würde.

Ohne Sammy war er ein Nichts – ein Soldat ohne Auftrag.

Wertlos.

Pass auf deinen Bruder auf-…", der alte Mann hatte gut Reden, wie konnte man etwas beschützen, das vom Teufel persönlich gejagt wurde?

Wenn du ihn nicht retten kannst, musst du ihn vielleicht töten!" Wäre er nicht van Anfang an zu feige gewesen, hätte er das alles hier verhindern können und Sam die Hölle auf Erden erspart. Es wäre ein leichteres Schicksal gewesen, zwei Kugeln die Entscheidung über ihr Leben fällen zu lassen, das jetzt in fremden Händen lag.

Luzifer würde Sam nicht gehen lassen – niemals.

Wahrscheinlich hätte er das nie.

Und Michael? Was würde der tun?

Ein leises Murmeln zog ihn aus seinen trüben Gedanken, lenkte seine Aufmerksamkeit zurück und ließ seinen Blick wieder scharf werden.

Babum.

Ein Adrenalinschub riss ihn hoch und ließ ihn erschrocken mit voller Wucht gegen die Rückenlehne knallen. Seine Augen klammerten sich an Braune, die ihn direkt ansahen und nicht einfach durch ihn hindurch. Sam sah seinen Bruder wirklich und der Schatten eines Lächelns huschte über das von Schmerzen zerfurchte Gesicht des Jüngeren. Rissige Lippen bildeten lautlos Deans Namen und eine viel zu dünne Hand hob sich flehend.

„Sammy-…"

Dean wusste später nicht mehr, wie er die Bankreihen vor sich überwunden hatte, als er nur Sekundenbruchteile danach vor Sam schliddernd zum Stehen kam und krachend mit den Knien auf dem Boden aufschlug. Er fühlte es nicht. Seine eben noch wackeligen Beine hatten den Weg von alleine gefunden, ohne dass sein Kopf den Befehl dazu gebraucht hatte.

Sams ausgestreckte Hand zitterte, krampfte halb in verzweifelter Notwenigkeit nach dem anderen. Dean sah Verwirrung und tausende von Fragen im von Schmerzen verschleierten Blick, er sah den Unglauben, als sein Gesicht gemustert wurde und Sams Finger unsicher nur Millimeter davor stoppten.

So nahe hörte Dean seinen geflüsterten Namen deutlicher – ein Flehen lag darin, Hoffnung.

„Es ist okay Sammy, ich bin da…", halb erstickt vor Emotionen mit einer Stimme, die er nicht als seine eigene erkannte.

Dean wagte kaum, seinen Bruder zu berühren, glaubte nicht daran, dass dieser Versuch anders sein würde, als die unzähligen davor, aber noch ehe er den Gedanken zu Ende gebracht hatte, lag Sams Hand plötzlich in seiner und er spürte sie, die Haut, die Knochen, die viel zu spitz darunter lagen, spürte die Wärme, die Leben bedeutete. Langsam und vorsichtig legte er seine zweite schützend darüber, gab ihnen beiden, was sie brauchten: Menschlichen Kontakt zueinander. Sam sackte weiter in sich zusammen, ehe er die vor Erschöpfung schweren Augenlider wieder schloss.

„Shh-… ist okay, ich hol dich hier raus, irgendwie schaffe ich das schon, hörst du kleiner Bruder – halte durch, ich hold dich hier raus!"

Ein tiefes Lachen hallte plötzlich hämisch durch die Gänge der Kirche.

„Da bin ich aber ein kleines bisschen anderer Meinung!" Echote Luzifers Stimme leise aus den Schatten neben dem Altarraum. Als er sich daraus löste, hatte Dean das Gefühl, der andere war die Schwärze, die alles umgab, kein Teil davon.

Die Kerzen flackerten aufgeregt, als sie ihren Herren zurück begrüßten und loderten ein Stückchen heller, als wollten sie die Kälte vertreiben, die der Fürst der Hölle mit sich brachte.

„Hallo Dean-...", seinen Kopf leicht zur Seite gelegt, musterte er den Angesprochenen und ließ seinen Blick abschätzend über die beiden Männer am Boden gleiten, bis er lächelnd auf den klammernden Griff der Brüder blickte.

„Schön dich zu sehen…", bedeutungsschweres Schweigen folgte, ehe er fortfuhr: „Ich beobachte dich schon eine Weile, auch wenn ich den Sinn deiner flatterhaften Anwesenheit nicht ganz verstehe-…" Luzifers Stirn legte sich in grüblerische Falten, ehe er mit seltsam abwertenden Unterton weiter sprach: „Manche meiner Brüder scheinen einen etwas seltsamen Sinn für Humor zu haben und halten dabei mich für das `Monster' in der Familie." Bei dem Wort Monster bröckelte die beinahe schon sympathische Fassade für einen Augenblick und Dean gefror das Blut in den Adern bei all dem Hass, der durch die Risse sickerte und aus dem Gesicht eines normalen Mannes für einen Wimpernschlag das eines irren Massenmörders machte.

Dean schwieg – was hätte er dazu auch sagen können?

Nach einem kurzen, theatralischen Seufzen redete Luzifer weiter: „Ich dachte mir, du wolltest nach all den Tagen, die du jetzt schon bei uns verbracht hast, `Hallo` zu deinem Bruder sagen, wo er doch fast soweit ist."

Dean spürte Sams erschrockenes Zusammenzucken und Verstehen blitze in dessen Augen auf, als sie sich kurz öffneten und entsetzt Deans Blick suchten. Der nickte, drückte beruhigend die Hand in seiner: „Ich war da und ich bin da, kleiner Bruder…"

Das leichte Zittern von Sam, das Dean der puren Erschöpfung zugeschrieben hatte – alles andere versuchte er noch zu verdrängen - wurde stärker und Zähne schlugen klappernd aufeinander.

Dean musste dieses Katz-und-Maus-Spiel hier so schnell wie möglich beenden, denn es war offensichtlich, dass es körperlich rasant bergab ging mit dem Jüngeren.

„Du kannst ihm nicht helfen-…"

Dean fühlte sich ertappt und wusste, er war nicht alleine in seinen Gedanken.

Ein kurzes Nicken von Luzifer, ehe der beinahe mitleidig lächelnd weiter redete: „Und habe mich schon gefragt, wie lange es noch dauert-… aber ich weiß, was es heißt, Geduld zu haben und zu warten, da kommt es auf zwei, drei Stunden auch nicht an."

Die Frage, was ‚es' genau war, wurde verdrängt von mörderischer Wut, die brüllend in Dean zum Leben erwachte und seine Augen verdunkelten sich vor Zorn. In dieser einen kleinen Sekunde war Dean dankbar für all die Dinge, die er von Alastair gelernt hatte. Er wünschte sich nichts mehr, als diesen Bastard, der hier neben ihnen stand und Sam gequält hatte, Stück für Stück zu filetieren und ihm zu zeigen, was wirklich die Hölle war. Auch Engel konnten leiden, so viel wusste er von Cas Erzählungen. Unter bestimmten Umständen fühlten sie Schmerzen, man musste nur die richtigen Mittel und Wege kennen.

Und er würde sich Zeit nehmen.

„Ich mag dich Dean-…", sagte der andere wissend, mit einem Stupser eines Fingers an die eigene Stirn: „Und du bist dir ganz sicher, dass du nicht an unserer Seite stehen willst? Zusammen wären wir unschlagbar – okay, das bin ich auch so, aber sagen wir: Es würde bedeutend interessanter werden, der Menschheit ein neues Aussehen zu geben."

Dean verschluckte die giftigen Worte auf halbem Weg, die ihm auf der Zunge lagen und war irritiert von dem beinahe zufriedenen Ausdruck in Luzifers Gesicht, der seine Augen abwandte und den Blick jetzt auf etwas anderes richtete. Worauf, erkannte Dean nur Augenblicke später, als Sams Oberkörper zuckend nach hinten sackte und er anfing, sich in spastischen Krämpfen auf dem Boden zu winden. Finger, in Agonie erstarrt, brachen mit purer Gewalt beinahe Deans, der entsetzt aufkeuchte.

„Was zum-…", das Wort Teufel, sparte er sich.

Sams Gesicht war dunkelrot verfärbt und seine Haut durchzogen mit schwarzen Adern, die scharf darunter hervortraten und sich immer weiter bis unter den Haaransatz hoch fraßen. Mit jedem Millimeter die sie wuchsen, wurde der Ansturm, der Sam schüttelte, schlimmer. Schmerzerfülltes Keuchen und gequälte Schreie hallten gespenstisch durch die Kirche, als dessen Schädel immer und immer wieder in einem scheinbar endlosen Stakkato auf dem Granitboden aufschlug.

Dean versuchte, Sams Kopf zu stützen und ihm mehr Verletzungen zu ersparen, doch jede Berührung des Älteren schien es nur schlimmer zu machen. Es dauerte einen Moment, bis er begriff und seinen furchtbaren Fehler erkannte. Sams Finger in seinen waren komplett verfärbt, Blut brodelte dicht unter der Haut und pulsierte mit einem seltsamen Eigenleben gegen die Hand, die darüber lag. Jetzt spürte Dean die Hitze deutlicher, die davon ausging und ihn wie Lava versenkte. Seine Augen folgten den Adern, die sich wie Schlangen den Arm in immer größer werdender Zahl hinauf fraßen und Stück für Stück den Körper verbrannten, der dem dämonischen Parasit in ihm gnadenlos ausgeliefert war.

Er selber war der Zünder gewesen für diese Bombe.

„SAM…," panisch, hilflos.

Doch die einzige Reaktion, die kam, waren härtere Schübe, die den sich windenden Körper an eine gefährlich hohe Klippe brachten, deren Abgründe in der Hölle endeten.

„Es tut mir Leid-…" kam es nur als ein Flüstern, als Dean schweren Herzens die einzige Verbindung abbrach, die Sam zeigte, dass er nicht alleine war. Der innere Teil, der sie als Brüder verband, der ihn seit Sams Geburt spüren ließ, wenn der andere ihn brauchte, sagte ihm, dass er seine Hand nicht nur durch die Krämpfe schwerer lösen konnte. Sam wusste, was passierte und wollte nicht loslassen.

Finger für Finger, ein Kampf – und dann nur Leere.

Das Zittern des Jüngeren wurde schwächer.

Ein leises Lachen flammte neben ihnen auf, von einem Zuschauer, der das Schauspiel sichtlich genoss und dann beinahe mitfühlend sagte: „Du kannst es nicht verhindern Dean, das konntest du nie."

Eine zornige Antwort wurde zurück geschleudert, zusammen mit hasserfüllten Blicken aus wütenden Augen: „Er wird niemals ja sagen!"

„Oh doch, das wird er und das weißt du genau. Ich habe es dir gesagt: Es wird immer hier passieren, in Detroit."

Das jetzt lag unausgesprochen in der von Spannung knisternden Luft zwischen ihnen.

„Er wird eher sterben."

„Du hast so viel Vertrauen in deinen Bruder, den du so gut zu kennen glaubst und dabei ist alles nur eine Frage der passenden Argumentation…", sich mit dem Finger nachdenklich ans Kinn tippend, begann Luzifer langsam die beiden zu umkreisen.

Deans Herz raste in seinem Brustkorb, der sich schwer hob und senkte und es wurde noch schneller, als er plötzlich leise Schritte aus einem der unzähligen Seitengänge hörte, die langsam auf sie zukamen.

Immer lauter, immer näher.

Als die Schatten endlich freigaben, was sie verborgen hatten, wusste Dean, es war vorbei - Sams schockiertes Gesicht sagte es ihm - sie hatten verloren und Luzifer würde Recht behalten: Es passierte hier und es passierte jetzt.