Ich weiß, es ist geradezu unverzeihlich lange her, dass ich mich dieser Story zugewendet habe, aber gut Ding will Weile haben. So überrasche ich euch heute mit einem extra langen Kapitel, welches langsam das Ende der Geschichte einläuten wird.
Aber keine Sorge, einmal wird es hier noch Nachschub geben *hugs*
Viel Spaß – Lia :)
Ps: Mit diesem Kapitel schließt sich der Kreis und der Rückblick ab Kapitel 6 findet sich in der aktuellen Gegenwart wieder.
Highway to hell
Teil 8
Sams Blickfeld flackerte, grelle Punkte blitzten auf und gesellten sich zu denen über ihm. Er keuchte und versuchte verzweifelt, die tötende Hand mit seinen Fingern zu lösen.
„Nun Sammy, wo ist deine große Klappe jetzt?" Gefährlich und vielsagend.
„Die Zeit des Spielens ist vorbei, was immer ich möchte-…", mit diesen Worten zog er Sam vorwärts, riss ihn hoch und schleuderte ihn wie eine Stoffpuppe mit dem Rücken auf den blutverschmierten Altar: „…Ich werde es bekommen!"
-sss-
Die Wucht des Aufpralls auf dem Stein erschütterte Sams gesamten Körper. Ächzend verlor seine Lunge jeglichen Inhalt und Schmerz schoss wie Säure sein Rückgrat hinauf, bis sich alles schwarz färbte und die Dunkelheit ihn unter sich begrub.
Das Letzte, was durch das Rauschen seiner Ohren sickerte, war ein Schrei, der durch die Kirche dröhnte und zu jemandem aus der Vergangenheit gehörte - aus einem anderen Leben, lange vor dieser Hölle.
„De-…", kam es geflüstert, dann war nur noch Stille.
-sss-
Eine zu kurze Ewigkeit später, als sich Sams Bewusstsein wieder hervorwagte, war die erhoffte Illusion eines harmlosen Alptraumes schnell verschwunden und der nackten Realität gewichen.
Die Augen noch geschlossen, tastete er mit seinen Sinnen in den Raum hinein. Weiter weg waren Stimmen zu hören; ein leises Murmeln, das in der Leere der Kirche seltsam verzerrt wirkte. Er versuchte verkrampft, seine Atmung gleichmäßig zu halten und sich nicht zu verraten, aber sein Körper war mindestens genauso stur wie er selbst – was hieß, er war selbstverständlich anderer Ansicht.
Sein Herz pumpte in einem gnadenlosen Rhythmus, der noch von Angst aufgepeitscht wurde. Sams Finger kribbelten, und die nagende Unruhe, die völlige Stille fast unmöglich machte, fraß sich an seinen Armen hinauf und strömte heiß durch seine Brust, bis hin zu den Beinen. Er war noch nicht bereit aufzuwachen, er konnte das nicht, brauchte eine Pause. Verzweifelt versuchte er das nervöse Krabbeln zu kontrollieren, das wie tausende kleine Spinnenbeinchen über seinen Körper jagte und durch ihn hindurch.
Seine Hände ballten sich - hoffentlich ungesehen - langsam zu Fäusten und pressten sich an seine malträtierte Hüfte. Seine Knöchel trafen auf wundes Fleisch, das unter den Lumpen seiner Kleidung mit ziemlicher Sicherheit in dunkelsten Lilatönen schimmerte. Aber der Schmerz half. Er brachte so etwas wie trügerische Ruhe, die alles andere überlagerte und nur noch zu einem dumpfen Pochen werden ließ.
Auf seiner Zunge rollte der eisern-süße Geschmack von Blut hin und her, als er sich mit Absicht in dieselbe biss.
Sam wagte sich weiter vor, immer vorsichtig, um sich nicht zu verraten. Er musste herausfinden, wo er war, denn sein brummender Schädel hatte aus allen Erinnerungen ein quirliges Durcheinander aus Bildern und Tönen gemacht, die wie ein defekter Fernseher in seinem Hirn rauschten.
Vorsichtig tasteten seine Hände über kalten Stein, der zwischen einem stellenweise zerrissenen, widerlich klebenden Tuch hervor lugte. Der Stoff fühlte sich rau an, schwer und die Platte darunter glatt poliert und eben. Er lag nicht auf dem Boden, so viel wusste Sam – also blieb nur der Altar.
Die Beule an seinem Hinterkopf applaudierte bei dieser Schlussfolgerung lauthals und der Schmerz, der mit den Erinnerungen seines krachenden, aufschlagenden Schädels kam, war Übelkeit erregend.
Sein Kehlkopf hüpfte bei dem plötzlichen Ansturm von unten, aber Sam schaffte es, sich zusammenzureißen – den Druck wegzuatmen.
Er lag in geronnenem Blut wie eine Opfergabe auf dem Granit-Podest unter dem großen Kreuz der Kirche, von dem aus ihm Jesus dabei zusah, wie er mit dem Teufel pokerte – und Sam hatte leider nicht gerade das beste Blatt.
Er schluckte schwer und öffnete die Augen einen winzigen Spalt breit. Unter klebrigen Wimpern blickte er hoch zu der Figur, die traurig auf ihn hinunter zu sehen schien. In Sams Brust flatterte es und ein beklemmender Knoten zog sich fest darum, als er still um Hilfe betete.
Aber er wusste, niemand würde ihn hören.
Niemand würde kommen, denn es gab keinen mehr, dem er wichtig war.
Seine Sicht verschwamm und er sperrte den gekreuzigten Mann wieder aus, indem er seine geschwollenen Lider schloss.
Feuchtigkeit lief warm und einsam seine Schläfe hinab und versteckte sich in den Haaren, die ausgebreitet wie die Ranken einer Pflanze seinen Kopf umrahmten.
Ein Windhauch strich kühl über sein linkes Ohr und brachte seinen eindringlich geflüsterten Namen mit: "Sammy…"
Der Luftzug trocknete die verräterisch feuchte Spur auf seinem Gesicht – beinahe wie eine liebevolle Berührung. Sam konnte nicht verhindern, an Dean zu denken, und die Hand, die ihm als Kind immer sanft die Tränen seiner Alpträume von der Wange gewischt hatte.
Aber das alles war lange her und er entschieden zu alt zum Jammern – wenn sein Bruder ihn so sehen könnte, würde der ihn wahrscheinlich mehr anbrüllen für sein weichliches Gehabe, anstatt ihn trösten wie ein kleines Mädchen, das in den Matsch geflogen war.
Das verstörende Bild von sich selbst in einem rosa Kleid mit den Knien im Dreck hätte um ein Haar einen hysterischen Lachanfall zu Folge gehabt, was ohne Zweifel das Ende seiner winzigen Verschnaufpause bedeutet hätte. Also machte Sam sich an eine stille Bestandsaufnahme seiner "schlammigen" Erscheinung…
„Bevor du auch nur einen Versuch unternehmen kannst, deinen Hintern aus einer brenzlichen Situation zu bekommen, die dir schon die Haare an deinen Juwelen ansengt – such deine eigenen Schwachpunkte und versteck sie, umgeh sie! Sie machen dich angreifbar. ZEIG KEINE SCHWÄCHE! Sie wird dich töten…"
„Bist du verletzt, denk dran: Der Schmerz wird schlimmer, wenn du dich bewegst, Sammy – schluck ihn runter, atme durch ihn durch – wimmern und zusammenbrechen, wie ein Mädchen, kannst du später! Alles was zählt ist zu leben…"
Die Erinnerung an Deans ernstes, in bester Lehrermanier verkniffenes Gesicht brachte erneut einen kurzen Anflug von Hysterie und verdrängte alles für einen winzigen Augenblick und machte aus Angst und Panik wieder Ruhe.
Erneut strich ein Hauch kühler Luft beinahe sanft über seine Schläfe und trocknete die Spuren darauf.
Sam hatte keine Ahnung, wie oft er Deans Version von Dads Überlebensmantra schon gehört hatte. Und jedes Mal hatte er, pflichtbewusst, wie es sich für einen jüngeren Bruder eben gehörte, angenervt die Augen verdreht. Doch, wenn er mit dem Hals metertief in Problemen steckte, waren die Worte immer wieder da – wie auf Dauerschleife im I-pod – und sie halfen.
Wie beim Pokern hieß es, bluffen und das denkbar schlechteste Blatt hinter einer Mauer aus Siegessicherheit verstecken.
Mit all seinen Sinnen horchte er weiter in sich hinein - ließ sie durch seine Adern fließen - durch Arme und Beine, tastete seinen Körper entlang und suchte nach Verletzungen, Brüchen und Wunden, so wie ihr Vater es ihnen beigebracht hatte. Er hatte definitiv eine saftige Gehirnerschütterung, die ohne Frage nicht gerade gut für das Gelichgewicht war. Sein Rücken hatte böse Prellungen, genau wie seine rechte Hüfte, die jetzt schon pulsierend ihren Standpunkt klar machte. Aber gebrochen war anscheinend – zumindest bis jetzt - nichts.
Seine Hände fühlten sich an wie in siedendes Öl getaucht, denn unzählige kleine Schnitte und Risse brannten unbarmherzig, als sie mit dem schmutzigen Blut unter ihm in Berührung kamen.
Sein Brustkorb brannte höllisch. Seine Lunge war nicht okay – die Rippen? Das war weniger gut, zum Kämpfen brauchte er Luft. Er schmeckte Blut auf den Lippen, aber es war zu wenig, um von einem Rippendurchbruch zu sein, oder?
Alles in allem, ganz klasse Aussichten.
Abgelenkt bemerkte er nicht gleich, dass sich etwas verändert hatte und das Murmeln ganz in seiner Nähe verschwunden war.
Er stockte, als frostige Luft die Haare an seinen Armen zu winzigen Nadeln aufstellte.
„Hallo Sam."
Ertappt.
Langsam zwang er die Barriere vor seinem Sichtfeld nach oben. Die am Kreuz hängende Gestalt war verdeckt von Luzifer, der mit schräg gelegtem Kopf seltsam wissend seine Beute taxierte. Im Halbdunkel der Kerzenschatten wirkte sein Schädel wie eine Karikatur des Todes, die mit toten Augen aus knöchernen Höhlen schaute.
Sam setzte zum Sprechen an, doch jedes Wort wurde von der Enge um seinen Brustkorb erstickt und ging in einem gequälten Husten unter, das ihn fast zerriss. Aus reinem Instinkt wollte er sich aufsetzen – scheiterte und erstickte mit jeder endlos langen Sekunde mehr.
Die Welt um ihn herum verschwamm und beinahe war es eine Gnade. Seinen Kopf nach hinten gerissen schlug er im wilden Kampf immer wieder auf Stein. Jede Beule war vergessen. Die Adern an seinem Hals traten beinahe durch die Haut, pulsierten wütend und aufgeregt.
Doch es gab kein Entkommen und die hängende Figur am Kreuz aus Holz blickte weiter traurig auf die liegende Gestalt auf Stein. Dieselbe Geste, dasselbe Leid und kein Entkommen außer im Tod.
Als Sams Wahrnehmung gerade flackernd ins Nirwana sackte, spürte er eiskalte Finger, die ihm die Haare aus dem Gesicht strichen und sanft an seiner Wange entlang fuhren, beinahe wie eine Liebkosung eines Kindes, das beruhigt werden musste.
„Shhh -…" leise, freundlich
Für eine kleine Unendlichkeit standen die Räder der Zeit still, bis die Hand sich von Sams Wange löste, sich auf seine Stirn legte und die Haut darunter beißend gefrieren ließ. Die Berührung fühlte sich an wie Tod, als er spürte, wie sein Schädel unbarmherzig nach hinten gedrückt wurde.
„Ich brauch dich noch – so schnell kommst du mir nicht davon!", raunte Luzifer.
Der schloss konzentriert die Augen und verstärkte den Druck seiner Handfläche, bis ein undefinierbares Knirschen die Luft durchschnitt.
Ohne Vorwarnung entbrannte die Hölle in Sams Brust. Seine Lippen formten tonlose Worte, die zu Schreien wurden, als er lebendig seziert wurde. Niemand, der nicht Zeuge dieser besonderen medizinischen Behandlung wurde, hätte die Laute einem menschlichen Wesen zugeordnet.
Sam spürte quälend langsame Bewegungen, als sich gebrochene Knochen – also doch - langsam aus wundem Fleisch zurückzogen und sich raspelnd wieder zusammenfügten. Er spürte das elektrisierte Kribbeln der Muskeln und Sehnen, als sie sich miteinander verbanden und heilten.
In seinen Ohren dröhnte das Echo seines donnernden Herzschlages und alles verschwamm in einem Wirbel aus kreischenden Tönen. Sams Augen waren in erzwungener Starre gefangen, und traten weit geöffnet beinahe aus ihren Höhlen. Sein Verstand spielte ihm Streiche, zeigte ihm immer wieder für Sekundenbruchteile Deans wutverzerrtes Gesicht ganz nahe bei Luzifer, der mit Fäusten auf den anderen eintrommelte – riss und zerrte. Doch der Griff um Sams Schädel wurde nicht schwächer und seine lächerliche Hoffnung auf Hilfe ertrank im Nichts.
Sengender Schmerz färbte seine Sicht weiß, als sein Herz für ein paar Takte bei den Bewegungen des Gewebes drum herum kapitulierte.
Babum.
Jede Welle aus drängender Bewusstlosigkeit ließ die Schreie wieder aufbranden, die so sehr nach Dean klangen. Oder waren es nur seine eigenen? Nichts machte mehr einen Sinn.
Bittere Galle zwang sich seine Kehle hinauf, als Sam schmatzendes Fleisch hörte und als sich etwas wie mit eiserner Faust durch sein Inneres wühlte. Schweiß rann in Bächen seinen Körper hinab, vermischte sich mit seinem Blut. Die Feuchtigkeit auf seinem Gesicht – ein Gemisch aus willenlosen Tränen, Blut und purer Qual – gefror unter der fremden Hand zu spitzen Blumen aus Eis, die wie beißende Ranken seine Schläfen hinab wuchsen.
Er wollte sterben – wünschte sich, nie geboren worden zu sein. Und nahe am Tod war er, hing in den dünnen Seilen, die nur allzu schnell rissen. Doch sein Gastgeber hatte ein Netz gespannt, was ihn immer wieder sicher abfing.
Plötzlich war es vorbei, hörte einfach auf. Mit einem Schlag löste sich alle Anspannung in dem ausgestreckt liegenden Körper. Der starre Bogen, den Sams Rückgrat gebildet hatte, gab nach und so schnell und überwältigend, wie der Schmerz gekommen war, verschwand er auch wieder. Er nahm jede Kraft mit sich, jeden Wiederstand und ließ das menschliche Häufchen Elend in sich zusammen sacken wie ein Kartenhaus am offenen Fenster.
Die winzige Tatsache, dass Sams Lungen sich wieder mit Luft füllten und die Enge in seiner Brust verschwunden war, war nur ein geringer Trost. Heißer Atem strich endlich wieder über zerbissene Lippen und Sam verfluchte seinen Körper für diesen Verrat.
~sss~
Sam musste vor Erschöpfung eingeschlafen sein, denn als er den nächsten klaren Gedanken zu greifen bekam, schüttelte eine Hand ihn behutsam an der Schulter aus seiner Schattenwelt.
„Trink…"
Ein leises Flüstern durchdrang die Watte in seinem Schädel. Eine Hand schob sich vorsichtig in seinen Nacken und ein Becher wurde wartend an seinen Mund gepresst.
Der erste Schluck Feuchtigkeit war der pure Himmel und befeuchtete eine Wüste. Vertrocknete Geschmacksknospen erwachten zum Leben und testeten das warme und würzige Aroma auf der Zunge. Schluck um Schluck rann es seine Kehle hinunter, bis sein Kopf entschieden zu spät begriff …
Einen Schwall instinktiv wieder ausspuckend riss er entsetzt die Augen auf und blickte direkt in schwarze Augen und ein hämisches Gesicht, das jetzt mit dem Inhalt seines Mundes besprüht war.
Die Zunge des Dämons, der den Kelch triumphierend in der Hand hielt, wagte sich hervor und kostete einen der blutroten Tropfen, der über dessen Mundwinkel rann und am Rande grinsender Lippen entlang lief.
„Er wusste, du würdest es mögen."
Schock wurde von Entsetzen verdrängt, als Sam begriff, was er gerade getan hatte, doch der Appetit in ihm war stärker und gierig taxierte er das verschmierte Gefäß vor sich.
„Mehr?" Eine fragende Stimme tauchte neben ihm auf, die er als Luzifers erkannte.
Sam schüttelte verzweifelt den Kopf. Sein Magen knurrte polternd vom Hunger der letzten Tagen, Wochen – die Zeit war endlos gewesen – unter den eingefallen Rippen und gegen jede Vernunft forderte sein Körper gierig das dickflüssige Nass.
Der gehaltvolle Duft im Raum, der nagende Schmerz hungriger Leere und die pure Hilflosigkeit ließen zu, dass er den Kopf nicht wegdrehte bei dem Angebot, das ihm erneut gemacht wurde.
„Trink!"
Nur dass der Kelch einem präzise aufgetrennten Handgelenk gewichen war, das nass und wartend vor seinem Gesicht schwebte.
Sam schloss die Augen, und noch ehe sein Verstand wieder die Oberhand bekam, hatte sein Körper entschieden und sich seine Zähne in kaltem Fleisch festgebissen. Wie ein Vampir ließ er das Blut dickflüssig seine Kehle hinablaufen, vom Ekel geschüttelt, als eine verzweifelte Geisel des Hungers.
Luzifer lachte schallend - das Echo davon, ließ jeden in der Kirche zusammenzucken und er fütterte, berauscht vom Triumph, seinen neuen Wirt mit dem Leben des alten.
All das wurde fassungslos von dem Schatten am Rand des Altarraumes beobachtet. Grüne Augen starrten wie hypnotisiert auf das Szenario davor, verfolgten das hungrige auf und ab des schluckenden Kehlkopfes eines ausgezehrten Körpers.
Deans Welt drehte sich, sackte ab und nur mühsam hielt er sich an eine kalte Marmorsäule gepresst aufrecht. Die Dunkelheit um ihn herum murmelte aufgeregt und hunderte toter Augen schienen auf seinen Bruder gerichtet zu sein, dessen bleiche Hautfarbe sich mit jedem Schluck mehr in Leben verwandelte.
Monster.
NEIN - Seine Gedanken erwürgten dieses Wort und erstickten es im Keim, denn vor ihm lag nichts dergleichen schmerzgekrümmt in seinem eigenen Blut – das dort war sein kleiner Bruder, durch Hunger und Folter an einer physischen und psychischen Grenze, die Dean selbst nur zu gut kannte.
Das hier war Sams Hölle auf Erden.
Die Geräusche vor ihm wurden zu halben Würgelauten, als sein Bruder verzweifelt versuchte, sich zu lösen, doch die Hand auf seinem Hinterkopf hielt ihn in einem eisernen Schraubstock gefangen.
Nasses rot lief schwer aus zitternden Mundwinkeln, verabscheut, ungewollt und doch aus reinem Reflex geschluckt.
Dean konnte nicht mehr. Zerrissen zwischen Ekel und Hilflosigkeit taumelte er vorwärts und stieß bei seiner Flucht strauchelnd gegen Säulen und Bänke. Er fühlte es kaum, war benommen von der Leere, die sich in ihm ausbreitete.
Er hätte es ändern können …
Damals.
„Pass auf deinen Bruder auf - du musst ihn beschützen!"
Die Erinnerung an den flehenden Blick seines Vaters, an die Hoffnung darin, brachte ihm beinahe körperliche Schmerzen. Es war seine Aufgabe gewesen, den Jüngeren vor diesem Schicksal zu bewahren und er hatte versagt.
Ein Wimmern hallte durch den Kuppelbau, als endlich von Sam abgelassen wurde. Das dumpfe Aufschlagen eines Körpers und das Geräusch eines Kriechenden zeugten davon, wie Sam sich zusammengekauert neben dem Altar einrollte.
Nicht fähig, noch mehr zu ertragen, stolperte Dean weiter und sank kraftlos auf eine der wenigen freien Bankreihen in der mit Toten gefüllten Kirche.
„Es tut mir leid -… so leid!", kam es leise, gepresst. Die Augen geschlossen saß er da, nicht fähig, das Grauen zu verarbeiten, das ihn umgab.
Er war Schuld an allem.
Selbstsüchtig.
Versager.
Dean sah seinen Vater beinahe vor sich stehen, das Gesicht verzerrt, jeden Ton mühsam um Beherrschung ringend, förmlich ausspuckend. Es waren Worte, die ein von Zorn gezeichneter John Winchester seinem Sohn an den Kopf warf. Worte geprägt von Hass, Abscheu und Wut. Selbst geformt aus alten Erinnerungen hatten sie die Schärfe eines Messers, das einen bis auf die Seele filetierte.
Dean wehrte sie nicht, hatte es nicht anders verdient und strafte so sich selbst.
Von diesen, wie von Säure alles verätzenden Gedanken verfolgt, saß er dort, das Gefühl von Zeit verloren, bis er den Blick erneut hob und nur wenig später in die ungläubigen, weit aufgerissenen Augen seines Bruders blickte, für den eine vermeintliche Halluzination zu einem Rettungsanker aus Fleisch und Blut geworden war.
Der kurze, frische Hauch von Hoffnung verflog zwischen dem beißenden Gestank der Leichen, als die Brüder zusammen dem König der Hölle entgegen blickten und der Jüngere erneut aus Deans Händen gerissen wurde, als das Dämonenblut in Sams Adern nur durch eine simple Berührung wie Lava aufkochte.
Doch Dean gab nicht auf. Die Hände zitternd und hilflos im Schoß wachte er über den Jüngeren, der eingerollt, leise wimmernd wie ein geprügelter Hund vor ihm lag. Nur Millimeter trennten sie voneinander, es hätten Meilen sein können. Dean bekämpfte mit jeder Faser seines Seins den Drang, seinem Bruder zu helfen, ihn zu berühren, zu beruhigen und Trost zu spenden.
Aber ein Winchester war nicht so leicht klein zu bekommen und zwei davon in einem Raum waren fast unschlagbar.
Den Kampf hatte Luzifer vielleicht gewonnen, aber der Krieg war noch nicht verloren.
Scheinbar …
„Du kannst es nicht verhindern Dean, das konntest du nie."
Eine zornige Antwort wurde zurück geschleudert, zusammen mit hasserfüllten Blicken aus wütenden Augen: „Er wird niemals ja sagen!"
„Oh doch, das wird er und das weißt du genau. Ich habe es dir gesagt: Es wird immer hier passieren, in Detroit."
Das jetzt lang unausgesprochen in der von Spannung knisternden Luft zwischen ihnen.
„Er wird eher sterben."
„Du hast so viel Vertrauen in deinen Bruder, den du so gut glaubst zu kennen, dabei ist alles nur eine Frage der passenden Argumentation…", sich mit dem Finger nachdenklich ans Kinn tippend, begann Luzifer langsam die beiden zu umkreisen.
Deans Herz raste in seinem Brustkorb, der sich schwer hob und senkte und es wurde noch schneller, als er plötzlich leise Schritte aus einem der unzähligen Seitengänge hörte, die langsam auf sie zukamen.
Immer lauter, immer näher.
Als die Schatten endlich freigaben, was sie verborgen hatten, wusste Dean, es war vorbei - Sams schockiertes Gesicht sagte es ihm - sie hatten verloren und Luzifer würde Recht behalten: Es passierte hier und es passierte jetzt.
~sss~
