Nach viel zu langer Zeit melde ich mich zurück mit einem kleinen Kapitel – nachdem es gefühlte tausend Mal umgeschrieben, gekürzt, überarbeitet und wieder verändert wurde, habe ich heute von meiner lieben Beta Mystery das finale Okay bekommen ;)

Sie hat es schon nicht leicht mit mir * gg * und meinen Schachtelsätzen.

Nun denn, als ich einmal ins Schreiben gekommen war und die Seitenzahlen den Rahmen eines normalen Kapitels sprengten, habe ich beschlossen es zu Teilen. Demnach wird es also noch Nachschub geben.

Auf dem Highway to hell nehmen wir langsam wieder an Fahrt auf und befinden uns laut Navigation auf dem direkten Weg in die Hölle ;)

Viel Spaß und lasst mich wissen was ihr denkt :D

Liebe Grüße

Lia


Highway to hell

Kapitel 9

~sss~

Das Lächeln auf Luzifers Gesicht war so kalt wie der Boden, auf dem die Brüder kauerten, als er den Arm langsam hob und den Neuankömmling beinahe liebevoll begrüßte. Die falsche Freude hob einen Mundwinkel und graue Augen strahlten kühl im dämmrigen Licht der Kirche.

Der Sturm, der von außen an dem Gemäuer gezerrt hatte, ließ nach und das Seufzen des Windes in den Gängen und an den Ritzen der Fenster wurde zu einem ehrfürchtigen Flüstern. Es vermischte sich mit dem der heimlichen Beobachter, die sich in der Dunkelheit verbargen.

Luzifer stand starr wie eine Statue ein Stück abseits des Altars, zu seinen Füßen einen dunklen Spiegel aus geronnenem Blut. Sein durch Kerzenlicht erzeugtes Spiegelbild war nur ein schwarzer Schatten darin.

Die Luft war eisig, ließ Atemluft zu kleinen, weißen Wolken gefrieren und die Flüssigkeit am Boden allmählich erstarren. Nach und nach fraßen sich an der Stelle, die Luzifer mit seinen Schuhen berührte kleine Adern aus Frost an der Oberfläche entlang. Knirschend breiteten sie sich aus, wurden größer, raschelten, flüsterten und brachen die Fläche auf, über die sie schlichen, aber das leise Knacken wurde überdeckt von den fremden Schritten, die seltsam fern durch die Kirche echoten.

„Willkommen …" – raunte Luzifer bedeutungsschwer, das Gesicht dem Neuankömmling zugewendet, als sich endlich eine Hand federleicht in seine legte.

Dean verfolgte die Szene vor sich mit einer Mischung aus Unglauben und dem fahlen Beigeschmack einer Vorahnung, der ihm immer mehr die Kehle hoch kroch.

Er sah nach unten und zwei paar Augen trafen sich.

Sammy?

Ein kurzes Blinzeln war Frage und Antwort zugleich, auch wenn Sam beinahe überfordert mit der Schnelligkeit der Geschehnisse um ihn herum wirkte. Bleich war er vorher schon gewesen, doch jetzt war der letzte Rest an Farbe von seinem Gesicht verschwunden, das gezeichnet von purem Entsetzen wieder zu dem eines verängstigten Jungen wurde.

Deans Stirn legte sich fragend in Falten. Es war eine fordernde Geste, die der Jüngere nur zu gut kannte und Sams Blick glitt zögerlich zurück zu den beiden Stehenden.

Deans Augenbrauen wanderten in die Höhe: Wer zum Henker ist sie?

Die Frage war stumm, doch die Antwort in Sams Augen war es nicht.

Dieser Blick …

Weit aufgerissene Augen, die so viel mehr sagten als es Worte je konnten, klammerten sich an Dean. Sie schrien nach Hilfe, nach dem einzigen Menschen auf der Welt, der alles wieder hinbekommen konnte.

Sams Hände krallten sich zitternd in den zerrissenen Stoff seines Hemdes und Dean wollte zugreifen, Halt geben und musste nur Millimeter vor den Fingern seines Bruders stoppen.

Seine Hand verharrte dort, denn er wusste, was passieren würde – noch mehr Qual.

Für beide.

~sss~

Sam hatte keine Wahl mehr, keinen anderen Weg. Er saß in der Falle, hatte sich selbst dort hinein gebracht und schon wieder versagt.

Beinahe wollte Sam wieder alleine sein und sterben - immer und immer wieder sterben, bis er keine Worte mehr in der zerstörten Hülle seines Körpers fand.

Wie lange wohl eine Ewigkeit war?

Zum ersten Mal fragte er sich, wie es wohl war, sich selbst aufzugeben.

Würde Dean doch nur wieder verschwinden, um das nicht mit ansehen zu müssen.

Nur mühsam konnte Sam sich dazu bringen, seine Hände still zu halten und sich nicht wie ein kleiner Junge hilfesuchend an seinen Bruder zu klammern.

Es waren nur wenige Zentimeter. Sam fühlte die Wärme der Haut so dicht über seiner.

Lange Wimpern umrahmten besorgtes Grün, als er sich traute und hochsah und Dean direkt anblickte.

„Es tut mir so leid." Es war fast nur ein Lufthauch und mehr hatte es nicht gebraucht.

Es war ein Abschied – sie wussten es beide.

~sss~

Dean beobachte die Emotionen, die über Sam zusammenbrachen wie Wellenberge auf dem Pazifik. Er konnte sie lesen wie ein Buch, was es nicht besser machte, denn jedes Kapitel endete darin mit Hoffnungslosigkeit und Selbstaufgabe.

So wie Sams Körper gebrochen worden war, schien es jetzt auch dem kläglichen Rest der Seele zu gehen, der das alles stur überstanden hatte. Dean schluckte, als er die unterdrückten Tränen beim anderen sah, dessen Kehlkopf nervös im Hals hopste, um die Gefühle zu schlucken, die dabei waren, das Ruder zu übernehmen.

Immer wieder der Blick hoch und dann zu Dean - er war verzweifelt, entschuldigend.

Verdammt Sammy, was hast du getan?

Okay, auch wenn die Frage wohl überflüssig war, denn die Tatsachen waren unübersehbar. Hier eins und eins zusammenzupacken war nicht schwer – nur dass das Ergebnis ihre Probleme zu einem Berg stapelte, der sie gnadenlos zermalmen würde.

Endstation.

Der Ältere hatte das ungute Gefühl - nein er wusste - dass sie aus der Sache nicht mehr heraus kamen, egal wie. Und ein Wort echote laut durch seinen Kopf: - NEIN - immer wieder und doch wusste er nur zu gut, dass sich ein anderes dahinter verbarg.

Dean gab es auf, sich sein bisschen Hirn zu zermartern, das er hatte. Vergangenheit, Gegenwart – alles war ein Gemisch, bei dem die Realität erbarmungslos unterging.

Der Körper vor ihm rollte sich immer mehr zusammen – gefangen in erzwungener Einsamkeit.

Dean konnte es nicht mehr ertragen.

Scheiß drauf - …

Seine linke Hand wagte sich vor, legte sich zögerlich auf die Schulter seines Bruders.

Zwei vor Aufregung schmerzende Herzschläge später, durchflutete ihn Erleichterung und stupide, simple Dankbarkeit für die kleinsten Geschenke des Schicksals.

Offensichtlich wurden Sams Anfälle nur von direktem Hautkontakt ausgelöst und die erwartete Reaktion blieb aus.

„Sammy?"

Der zerbiss seine aufwallenden Emotionen zwischen den Zähnen – zu abgelenkt, um die Wärme des anderen bewusst durch den Stoff seines Hemdes zu spüren.

Behutsam legte Dean jetzt seine Hand auf den Brustkorb des Jüngeren, um ihn zu beruhigen. Aber das Herz darunter donnerte verzweifelt wie ein Güterzug in dem Käfig aus Knochen und Fleisch.

Babum. Babum. Babum - Babum.

Immer schneller, holpriger übernahm aufkommende Panik das Ruder. Der Sauerstoff zu zähflüssig zum Atmen und das Blut zu dick, um vom schlagenden Muskel in der Brust transportiert zu werden, japste Sam wie ein Erstickender, die Lippen bereits mit einem Hauch von blau.

Alles brannte, der Rhythmus seines Herzens stolperte und kleine, tanzende Blitze raubten Sam die Sicht.

Babum-Babum-Babum- Babu-…

Redete Dean mit ihm?

Sam versuchte zu hören …

Vergeblich. Die Panik machte seine Ohren taub.

Er versuchte zu sehen …

Unmöglich. Denn seine Welt sackte ins grelle Weiß.

„Hey beruhige dich -…", aber Sam sah nichts, hörte nichts und hatte Mund und Augen fest zusammengekniffen in einem letzten Versuch, allem zu entkommen.

Nur wage nahm Sam wahr, dass ihn jemand an dem Stoff seines Hemdes hoch zog. Was dann kam war der Himmel. Wärme durchströmte ihn, als sich Arme schützend um ihn schlossen und Sam lehnte sich hungrig der Quelle entgegen, die sich so vertraut anfühlte, so vertraut roch.

~sss~

Der erwartete schwere Brocken von Bruder war ein erschreckend abgemagertes Häufchen Elend, dessen Gerippe unter dem löchrigen Hemd hervorstach. Dean konnte nicht nur Sams Zähne, sondern auch seine Knochen klappern hören. Instinktiv zog er den bibbernden Körper näher.

Sammy.

Warm spürte Dean die Feuchtigkeit über seine Wange laufen, ehe er sie verstohlen zur Seite wischte.

Schnell verbarg er diesen kleinen Augenblick der Schwäche in Sams Scheitel, als er darin sein Gesicht vergrub.

Dean hatte wieder das Gefühl, den kleinen Jungen von damals im Arm zu haben, den furchtbare Alpträume zu früh aus der Kindheit gerissen hatten.

Nacht für Nacht hatten sie so im Dunklen gesessen, bis die Tränen versiegt waren und Erschöpfung über Starrsinn siegte.

Ob dieser Alptraum auch ein Ende hatte?

~sss~

Sam flüchtete sich in den Augenblick der menschlichen Nähe und Millimeter für Millimeter sackte er in sich zusammen, nur gehalten durch den festen Griff um seine Schultern.

Aber mit der Nähe erwachte auch Es wieder, fraß sich weiter durch seine Adern und übernahm schleichend den geschwächten Körper, machte ihn bereit.

Sam fühlte es.

Babum.

Die Veränderung, die sich hinter dem Angriff von außen versteckte.

Babum.

Schwer atmend vergrub er sich in der Wärme und lehnte gegen seinen großen Bruder – fühlte ihn, solange er es noch konnte. Bevor das Blut, das er getrunken hatte, ihn zu jemand anderem machte.

Sam wurde gehalten, als wäre er zerbrechliches Glas … oder eine scharfe Bombe – was auf eine gewisse Art ja auch stimmte.

Sein Atem beruhigte sich, seine Gedanken wurden klarer und alles um ihn herum ebenso. Etwas, auf das er gerne verzichtet hätte. Innerlich zerrissen stierte er durch den zotteligen Vorhang, den seine Haare bildeten, auf die zwei Personen, die ganz in ihrer Nähe standen und die Brüder schweigend beobachtet hatten.

Das selbstsichere Grinsen auf Luzifers Gesicht verursachte Sam Übelkeit. Still musterte er die beiden und nahm nicht einmal wahr, wie seine Hand sich ungesehen einen Anker an Deans Rücken suchte.

~sss~

Dean verzog keine Miene bei dem klammernden Verhalten seines kleinen Bruders, das unter normalen Umständen wochenlange Häme nach sich gezogen hätte.

Aber was war bei ihnen schon normal?

Wieder sah er den kleinen Wuschelkopf von damals vor sich und lächelte bei dem Gedanken.

Das hier war stärker als aller Hass und alle Wut der Vergangenheit, das hier war etwas, das weder Himmel noch Hölle zerreißen konnten. Echter Winchesterrismus.

Dean grinste noch mehr.

Es wärmte ihm das Herz zu wissen, dass diese kleine Verbindung noch immer da war.

`Sammy`

Und wie damals strich sein Daumen federleicht als beruhigende Antwort über Sams Rücken. Kaum sichtbar und doch da.

Ihr Geheimnis.

~sss~

In der Kirche war es so still wie in einem Grab – man hörte nur den eigenen Atem darin, alles andere wurde von den Schatten verschluckt.

Luzifer stand erstarrt wie eine Säule, immer noch die fremde Hand in seiner und musterte Sam interessiert. Nicht weniger, als dieser ihn ebenso in Augenschein nahm. Abschätzend, fast schon fragend. Doch was das Wichtigste war – unsicher.

Luzifer ließ dem anderen Zeit, sich aufzurappeln. Er spürte einen Teil seines eigenen Blutes in den Adern des Jungen, fühlte, wie er kräftiger wurde.

Nicht mehr lange würde es dauern und er könnte diese zerfallende Hülle hier ein für alle Mal loswerden.

Nick trug schon den schimmligen Geruch des Todes auf der Haut.

Und so wartete er weiter, stand da und verbreitete alleine durch seine Anwesenheit Grauen in den Köpfen der Männer auf dem Boden.

Es war das herbe Aroma der Angst in der Luft, das er so liebte. Herb und alles durchdringend.

Wieder traf der zurückhaltende Blick von Sam den seinen. Luzifer gab ihm Zeit, sich jedes nur mögliche Szenario ab diesem Punkt ihres Zusammentreffens vorzustellen. Und er wusste, dass Sam genau das tat – er belauschte ihn und fügte seine eigene kleine Note zu dessen Gedanken hinzu.

Nicht mehr lange -…

~sss~

Dean rüttelte Sam leicht, versuchte, seitlich in sein Gesicht zu sehen. „Sam?", flüsterte er, kaum hörbar. Doch der war zu abwesend im Kampf mit sich selbst, immer einen gehauchten Namen auf den rissigen, blutverkrusteten Lippen.

Sam schien um Jahre gealtert, alleine in den wenigen Minuten, seit Luzifer ihren Gast zu sich gerufen hatte. Und doch sah Dean unter all den Verwüstungen des Körpers die alte Sturheit durchblitzen, die jede Schwäche in die Knie zwang.

Der Kehlkopf des Jüngeren hopste aufgeregt, als er jetzt gestützt, halb sitzend hoch sah und versuchte zu sprechen. Doch seine raue Kehle hielt die Worte gefangen, die auf den Stimmbändern entlang balancierten, als wenn sie wüssten, dass es diesen Alptraum zur Wirklichkeit machen würde, wenn diese entwischten.

Deans Vermutung wurde zur bitteren Gewissheit, als er den Hauch des Namens verstand, den Sam endlich hervor brachte. Sein Bruder hatte vage von der Zeit erzählt, die sie getrennt verbracht hatten.

- Lindsey -

Und Luzifer lachte.

„Schau, wen uns der Wind ins Haus geweht hat, Sam." Eine bedeutungsschwere Pause folgte, ehe er weiter redete: „Ich dachte mir, ich helfe dir ein wenig bei der weiteren Entscheidungsfindung – jetzt da dein Körper fast soweit ist, nicht in seine Einzelteile zu zerspringen, wenn ich ihn übernehme."

„Niemals …", doch es kam leise, zu schwach und mit zu wenig Widerstand, als dass man es hätte glauben können.

Ein erneutes Lachen verhöhnte Sam, forderte ihn heraus, auf dieses Spiel einzugehen, bei dem es nur ein Opfer geben konnte … oder zwei.

Und das war das Schlimmste für den Jüngeren – jeder andere Weg war versperrt und selbst seinem Starrsinn waren Ketten angelegt worden. „Lass sie gehen … sie-… hat nichts damit zu tun!", echote es schwach durch die Kirche, bevor die bröckeligen Silben an alten Mauern zerbrachen.

Doch der König der Hölle grinste nur und zog die junge Frau enger an sich. Er legte ihr die eiskalten Finger unter das Kinn und zwang so ihren Blick nach oben.

„So wunderschön …", flüsterte er. Seine Finger wanderten weiter, strichen an der zarten Haut ihrer Wange entlang hinauf zu der losen Strähne einer Locke, die ihr halb über den Augen hing. Mit einem anerkennenden Brummen musterte er sie weiter, brannte sich in ihren Blick und plünderte ihre gefangene Seele. Luzifers Daumen strich über ihre Unterlippe, der er mit seiner immer näher kam, fast so, als wollte er die Verlockung kosten.

„STOP!", brüllte Sam plötzlich mit erstaunlich kräftiger Stimme.

Dean zuckte zusammen, überrascht von dem Ausbruch und der geballten Energie, die er plötzlich vor sich aufbrodeln spürte. Sam vibrierte förmlich, die Finger vor Zorn bebend. Der Ältere spürte die Welle des Hasses, die von der Angst immer höher getrieben wurde. Jeder Muskel des Mannes arbeitete in hämmerndem Rhythmus.

„Lass -… sie … gehen!", zischte er leise.

Doch nur ein Prusten war die Antwort, gefolgt von einem tödlich wissenden Blick halb über die Schulter, ehe Luzifer die fremden Lippen mit seinen berührte. Es lag nichts Behutsames darin, es war einzig und alleine eine brutale Inbesitznahme, eine Markierung.

Eine Herausforderung.