Am nächsten Morgen wachte Hermine um halb sechs in der Früh auf. Sie versuchte, sich an den vorangegangenen Traum zu erinnern, aber je mehr sie sich anstrengte, umso rascher verflüchtigten sich die nebulösen Bilder. Hermine ächzte und entschloss sich, dem Bad der Vertrauensschüler einen Besuch abzustatten und den Tag entspannt anzugehen. Bei einer Doppelstunde Zaubertränke mit Harry und Ron als Partner und das gleich in der Früh konnte sie das weiß Gott gebrauchen.

In dem Bad drehte Hermine ihre Lieblingshähne auf und sah, wie sich die Wasseroberfläche langsam mit roten und goldenen Riesenseifenblasen füllte und dazwischen weißer Schaum das ganze Wasser bedeckte. Dann ließ sie sich vorsichtig in das heiße Bad gleiten und schloss müde die Augen und dachte angestrengt über Harry und Voldemort nach.

"Hallo? Ist da jemand?", sagte plötzlich eine männliche Stimme und Hermine zuckte zusammen, tauchte unter, verschluckte sich an dem Schaum. "Wer ist da!?", fragte sie und tastete, von dem Shampoo blind, nach ihrem Handtuch. 'Oh bitte, lass es nicht Malfoy, sondern Ron sein!', schoss ihr durch den Kopf.

"Granger?" Malfoy. Verdammt auch! Und wo war das beschissene Handtuch? Und ihr Zauberstab? Und seit wann ließ die Nixe am Eingang jemanden herein, wenn das Bad schon besetzt war? Sie hörte, wie jemand in Badeschlappen näher heranschlurfte. Rasch machte sie sich kleiner, sodass wirklich nur noch ihr Kopf aus Wasser und Schaum herausschaute. "Gold und rot, das hätte ich mir ja denken können.", schnarrte Malfoy und blieb genau vor Hermine stehen.

"Komm du mir bloß nicht zu nahe!", fauchte sie. Malfoy lachte auf. "Als wärest du in der Position, mir zu drohen." Spöttisch ließ er ihr Handtuch vor Hermine am Beckenrand auf den Boden fallen.

"Und wo ist denn Pansy, Granger?", fragte er weiter und schnippte mit dem Fuß etwas Schaum in ihre Richtung. "Pansy? Wie – wo soll sie sein!?", fragte Hermine irritiert. "Ach komm schon, Granger, ich weiß das von euch beiden." "Was? Ich- Wir haben nur-" Malfoy hob seine Hand. "Uh-uh, Granger, zu viel Information. Ich hätte immer gedacht, du und das Wiesel, aber so kann man sich irren..." "Was willst du überhaupt hier, Malfoy? Spiel deine Spielchen mit wem anders und lass mich gefälligst baden, hau ab hier!", rief Hermine wütend aus. Der Schaum wurde langsam auch immer weniger.

Malfoy feixte nur, zog dann aber artig Leine.

Kaum war er aus dem Bad, sprang Hermine aus dem Becken, trocknete sich ab, zog sich an und hastete zurück zu ihrem Schlafsaal. Was zur Hölle war hier bloß los, fragte sie sich einmal mehr.

Hermine kämmte sich die Haare und ging dann, ohne auf ihre Freunde zu warten, hinunter zum Frühstück. Sie löffelte gerade ihr Müsli und las den Tagespropheten, als sich jemand auf die Bank neben sie setzte. "Pansy? Guten Morgen!", grüßte Hermine die Slytherin milde überrascht.

"Ich, ähm... ich wollte mich nur bei dir, eh, bedanken.", sagte Pansy und es klang, als habe sie lange überlegt, wie sie das sagen sollte. "Du hast Draco wegen mir zur Rechenschaft ziehen wollen.", stellte sie sicherer fest. Hermine öffnete den Mund, um zu widersprechen, aber Pansy redete weiter: "Das war sehr mutig von dir, wenn man bedenkt, wie er dir das Leben immer schwer macht." Hermine schenkte Pansy ein Lächeln. "Ist schon okay, es war keine Sache."

"Pansy? Was tust du da?", rief jemand quer durch die Halle vom Slytherintisch aus und die Angesprochene zuckte leicht zusammen. "Man sieht sich!", sagte sie noch leise, bevor sie an ihren Tisch zurückhastete. Hermine blickte ihr ausdruckslos nach. Heute war schon ein seltsamer Tag.

Doch der Tag, die ganzen nächsten zwei Wochen, wurden beinahe noch seltsamer. Hermine konnte gehen, wo sie wollte – kein Slytherin beleidigte oder belästigte sie und normalerweise war das etwas, was allein Malfoy jeden Tag fünf Mal machte, sofern sich ihm im Entferntesten auch nur die Gelegenheit dazu bot.

Hermine begann zu ahnen, dass Pansy dahinter stecken musste, denn welchen Freund hatte sie als Muggelgeborene schon in Slytherin? Vielleicht war das Pansys eigene Weise, sich für einen Gefallen zu revanchieren, obwohl Hermine das nicht nur für sie, sondern auch für Harry, Ron und Ginny getan hatte, dachte sie.

Hermine verspürte dennoch Dankbarkeit für die Ruhe. Was hatte sie denn schon getan, dass Pansy sie so in Schutz zu nehmen schien? Sie hatte nichts anderes getan als das, was sie tagtäglich auch für Harry und Ron tat. Und trotzdem, bei Pansy war es etwas anderes. Es steckten viel mehr Emotionen dahinter, denn so wütend war sie fast noch nie gewesen, wenn Malfoy sich daneben benommen hatte.


Einen Monat später hatte Hermine zufälligerweise zeitgleich mit Pansy Vertrauensschülerpflichten zu erledigen, sprich Gänge nach neun Uhr zu kontrollieren. "Hey!", begrüßte sie Pansy unsicher und fühlte sich bei dem Anblick des anderen Mädchens etwas seltsam. "Hallo, Hermine!", strahlte Pansy sie an, wieder mit ihrer normalen Stimme, nicht der offenbar aufgesetzten.

Schweigend gingen sie in den Gängen hin und her, bis Pansy schließlich sagte: "Ich glaube, Hermine, du bist meine erste Freundin außerhalb von Slytherin. Bei dir weiß ich, dass du mich um meiner willen verteidigt hast, nicht weil für dich etwas dabei herausspringen könnte."

Hermine war erneut erstaunt über Pansys Offenheit; sie selbst hatte Pansy nicht als Freundin in dem Sinne angesehen, wie Ginny, Parvati oder sogar Lavender. "Ich – ähm, danke, Pansy. Und trotzdem hast du auch etwas für mich getan." Pansy strahlte sie erneut an. "Das war doch nichts...", meinte sie bescheiden. „Nein", widersprach Hermine, "ich habe gerade die tollste Zeit hier auf Hogwarts, seit mich keiner mehr belästigt."

Pansy lächelte offen. Nachdem der Bann nun gebrochen war, fiel es den beiden Mädchen auf einmal leicht, über Gott und die Welt zu reden und sich gegenseitig Anekdoten zu erzählen. Hermine fühlte sich wirklich wohl in der Gesellschaft von Pansy. Sie bereute es wirklich, so vorschnell über die andere geurteilt zu haben, ohne ihr wahres Gesicht zu kennen. Andererseits machten es die Slytherins einem wirklich nicht einfach, hinter die Kulissen zu blicken.

Hermine nahm, als ihre Wache viel zu schnell vorüber war, all ihren gryffindor'schen Mut zusammen und fragte Pansy: "Also, wenn du übermorgen Zeit und Lust hast – gehen wir doch zusammen nach Hogsmeade!" Als Pansy nicht sofort antwortete, errötete Hermine ziemlich stark, erinnerte sie sich doch gerade eben daran, dass Harry Cho auch zum ersten Date ins Dorf eingeladen hatte. Aber, um Himmels Willen, das hier war doch kein Date, wie kam sie denn nur auf diese bescheuerte Assoziation? Das hier sollte einfach nur ein ganz normaler, lustiger Nachmittag unter Freundinnen werden, wie sie ihn mit Ginny auch schon des Öfteren gehabt hatte.

Ihre Verwirrung musste sich wohl auf ihrem Gesicht gespiegelt haben, denn Pansy blickte sie ihrerseits etwas desorganisiert an. Nach einer Sekunde jedoch antwortete Pansy: "Ja, gerne, Hermine, das wird bestimmt ein toller Nachmittag! Und-", fügte sie albern kichernd hinzu, "du musst mir alles über Weasley und dich erzählen!" Hermine verdrehte die Augen. "Wag es ja nicht, mich mit ihm zu verkuppeln!", drohte sie Pansy spielerisch. Pansy warf ihre Haare zurück und blickte Hermine vielsagend an.

Als Hermine ins Bett gekrochen war, machte sich ein warmes Gefühl in ihrem Bauch breit. Sie hatte eine neue Freundin gefunden, Pansy war wirklich nicht übel und man konnte mit ihr viel Spaß haben; soviel sogar, schalt sich Hermine in Gedanken, dass sie zeitweise ihre Aufsicht vergessen hatten. 'Aber dieser Blick am Schluss, den sie mir zugeworfen hat...', dachte Hermine mit einem Salto ihres Magens. Doch dann schüttelte sie im Liegen den Kopf.

Nein, geflirtet hatte Pansy nicht mit ihr. Nein, ganz sicher nicht. Das war nur situationsbedingt gewesen und Hermine hatte dieselbe Geste schon so manches Mal erlebt, wenn Ginny die Freundin ihres Bruders Bill, Fleur Delacour, nachgeahmt hatte. 'Ja, das war eine... ironische, satirische Haltung und hatte nichts mit mir zu tun.', sagte Hermine sich, bevor sie mit dem Gedanken an das Hogsmeadewochenende einschlief.