Als beide draußen waren, um die doch schon recht warme Aprilsonne zu genießen, nahm Pansy wie selbstverständlich zum Spazierengehen Hermines Hand in ihre. Hermines Herz schlug schneller. Zum einen war ihr das Händchenhalten unangenehm – das war etwas, das Harry mit Cho machen sollte, irgendwelche Pärchen, nicht sie und Pansy. Und außerdem hatte Hermine das halb ängstliche Gefühl, dass ihre Hände im Gegensatz zu denen von Pansys Exfreund Malfoy bei dem dauerhaften Hautkontakt zum Schwitzen anfangen würden – was ihre Hände bei ihrer Nervosität natürlich sofort taten – und dass Pansy das bemerken und eklig finden könnte.
Wie, jetzt verglich sie sich schon mit einem Exfreund Pansys!?
Andererseits wusste Hermine von einigen ihrer Muggelfreundinnen, dass die bei Londoner Einkaufstouren auch Hände hielten, dass diese aber glücklich an irgendwelche Jungs vergeben waren. Also sollte das Händchenhalten mit Pansy auch in Ordnung gehen, oder?
Pansy schien das Schwitzen von Hermines Hand auch nichts auszumachen. Als sie längere Zeit schweigend nebeneinander gegangen waren und Hermine über ihr "Handproblem" nachdachte, brach Pansy die Stille und fragte: "Hast du Viktor Krum eigentlich jemals geküsst?"
Hermine errötete. "Also, ja, da auf dem Weihnachtsball.", antwortete sie einsilbig. Pansy lachte. "Kein Grund, so rot zu werden", zog sie Hermine auf, "nicht wegen einem einzigen Kuss. Schau mal mich und Draco an, wir haben uns sogar täglich in der Großen Halle geküsst, und da war nichts dabei."
"Ja", beschwerte sich Hermine leicht, "du hast auch viel mehr Selbstvertrauen als ich, Pansy. Ich bin doch nur der Bücherwurm." "Sag das nicht, Hermine!", rief Pansy leidenschaftlich, "Du bist der netteste, liebste, beste Mensch, den ich kenne!" "Okay, okay.", beschwichtige Hermine sie.
"Hm, also da auf dem Ball. Als Viktor uns Drinks gebracht hat, sind wir zum Abkühlen nach draußen gegangen. Dort hat er mir dann den Drink abgenommen und wir haben langsam zu der leisen Musik, die nach draußen klang, weitergetanzt. Ja, und dann irgendwann war er mir total nahe und hat mich einfach geküsst. Ehrlich gesagt wusste ich gar nicht, wie mir geschah, da war es auch schon wieder vorbei. Und ich war auch ein bisschen angetrunken, fürchte ich. Ich hab das alles gar nicht so mitbekommen, es ging so schnell. Jedenfalls war Viktor dann klar, dass es zu keiner Beziehung kommen würde. Warum weiß ich nicht, er wusste es einfach.", erzählte Hermine weiter und lachte scheu bei der Erinnerung an damals.
"Oh.", sagte Pansy nur dazu. Hermine zwang sich zu fragen: "Und, wie war es bei dir?" Sie hatte etwas Angst vor der Antwort, warum wusste sie selbst nicht so genau. "Oh", machte Pansy wieder. "Ich glaube, ich war dreizehn oder vierzehn, es war in den Ferien, und da habe ich Draco während dem Abendessen geküsst, als meine Familie im Manor zu Besuch war."
"Das hört sich ja sehr einseitig an?", wunderte sich Hermine. "Ja", kicherte Pansy, "alle einschließlich Draco selbst fielen aus allen Wolken, aber ich kann dir versichern, Draco hat sich schnell gefasst und mich nach einer kurzen Pause zurückgeküsst." Pansy lachte. „Er war noch nie der Typ, der etwas anbrennen lässt."
"Und warum hast du ihn einfach so geküsst? Alles ohne Vorgeschichte?", fragte Hermine belustigt nach. Das klang alles sehr nach der Pansy, wie sie sich in der Öffentlichkeit gab. "Nicht so ganz. Ich habe an der Tür gelauscht, hinter der meine Mutter und Mrs Malfoy saßen und sich über ihre Kinder – also mich und Draco – unterhalten haben. Meine Mutter hat das Bedenken geäußert, dass ich vielleicht etwas zurückgeblieben sei, weil ich mich einfach noch nicht für Jungen interessierte und dass man da Maßnahmen ergreifen müsse. Lächerlich, oder?"
Pansy wartete gar nicht auf Hermines Zustimmung, sondern fuhr mit einem Glucksen fort: "Ich wollte natürlich nur, dass meine Eltern das Beste von mir denken würden und ich keine wie auch immer gearteten Maßnahmen zu spüren bekommen würde. Also habe ich beim Abendessen all meinen Mut zusammengenommen, bin aufgestanden, zu Draco herübergegangen, und habe ihn einfach so gut ich konnte, geküsst."
Hermine lachte; sie konnte sich die ganze Situation richtig gut vorstellen. "Naja, danach waren wir eben mehr oder weniger offiziell zusammen.", schloss Pansy. "Bis letztens.", hängte sie noch dazu. "Du bist wirklich einmalig, Pansy!", stieß Hermine zwischen zwei Lachanfällen hervor, „Mir wäre das in hundert Jahren nicht eingefallen."
"Schön, dass ich dich so amüsiere. Da braucht man keine Feinde mehr!", mokierte Pansy spaßhalber. Hermine streckte ihr kindisch die Zunge heraus und schubste Pansy spielerisch. Diese schubste zurück und rief: "Na warte, ich werfe dich in den See!" Hermine ließ es nicht darauf ankommen, ließ Pansys Hand los, packte ihre Tasche fester und begann zu rennen, Pansy dicht auf ihren Fersen. Nach ein paar Metern blieb Hermine japsend stehen, um dem Feind ins Angesicht zu blicken und Pansy, die nicht mehr bremsen konnte, flog ihr wortwörtlich in die Arme, sodass beide das Gleichgewicht verloren und ins Gras plumpsten.
Hermine lachte atemlos. Pansy rang auch nach Luft und presste hervor: "Was war das denn? Du hast mich auflaufen lassen!", sie piekste Hermine in die Seite. "Argh, Pansy, lass das!", rief Hermine, während sie sich einrollte. Doch Pansy dachte gar nicht daran, sondern stach Hermine wieder in den Bauch, nur diesmal fester. "Hör auf!", rief Hermine hilflos, "Ich bin kitzlig!"
Pansy war stärker als Hermine, deswegen bereitete es ihr auch keine Schwierigkeiten, Hermines Hände festzuhalten, während sie ihr spielerisch immer wieder in die Seiten piekste. Hermine rang vor Lachen immer wieder nach Atem, bis Pansy plötzlich aufhörte und sich zu ihr herunterbeugte.
Hermine hörte zu lachen auf und blickte in Pansys Augen, die sie gefühlsvoll anblicken, nicht so kalt, wie sie einst gewesen waren. Pansy ließ Hermines Arme los und berührte Hermines Haar, um eine der Strähnen aus Hermines Gesicht zu streichen. "Du hast so schönes Haar, Hermine!", murmelte sie offenbar voll in Gedanken. Sie streichelte nachdenklich über Hermines Kopf und wickelte eine lockige Strähne um ihren Finger.
Hermine betrachtete Pansy mit halb geöffnetem Mund. Hermines Glieder fühlten sich mit einem Mal kraftlos und schwach an. Was stellte Pansy nur mit ihr an!? Pansy flüsterte: "Soll ich dir zeigen, wie ich Draco damals geküsst habe?" Hermine konnte weder denken, noch sich bewegen. Pansy lähmte sie völlig. Nervös blickte sie weiter in Pansys Augen, die sie erwartungsvoll anblickten.
Pansy schien es nichts auszumachen, dass Hermine nicht antwortete, stattdessen sagte sie leise: "Ich glaube, du brauchst noch ein bisschen Übung für Weasley..." Dann, ganz langsam, lehnte sie sich noch weiter herunter, fragte mit ihren Augen nicht weiter um Erlaubnis und berührte dann mit ihren Lippen Hermines.
Hermines Herz rutschte in diesem Moment ungefähr dreißig Zentimeter tiefer. Pansys weiche Lippen berührten ihre, ganz sanft, doch schon bald vertiefte sie denn Kuss und Hermine schloss die Augen. Vorsichtig berührte sie mit ihren Armen Pansys Körper und hielt sie fest, ohne groß darüber nachzudenken. Dann konzentrierte sich Hermine endgültig auf den Kuss und erwiderte ihn.
Nach einer Zeitspanne, die Hermine wie eine Ewigkeit vorkam, lösten sie sich voneinander und Hermine ließ Pansy los. Pansy ließ sich neben Hermine ins Gras sinken und spielte nun statt mit Hermines Haar mit einem Grashalm herum. "Uh, Hermine?", fragte sie nach einer Weile Stille, in der sie beide nachdachten. "Ja?", sagte Hermine, mit unsicherer wackliger Stimme und vermied es, Pansy anzusehen. "War das jetzt ein Kuss, bei dem du weißt, was geschehen ist?"
Hermine lachte leise und unsicher. "Ich denke schon. Es war... schön. Nicht so kratzlig.", sagte sie aufrichtig. Nun war es an Pansy zu lachen. "Ich wusste doch, dass ich es besser kann als ein bulgarischer Quidditchstar. Jedenfalls, jetzt bist du vorbereitet, wenn du das nächste Mal einen... jemand küssen willst."
"Schau mal, es ist schon beinahe Zeit zum Abendessen, wollen wir nicht hereingehen?", fragte Hermine ziemlich verunsichert und wollte sich im nächsten Moment selbst im See ertränken, dafür, dass sie so einen so vertrauten Moment versaute. "Ja, okay.", stimmte Pansy mit neutraler Stimme zu.
Hermine war froh über die Dämmerung, denn so würde Pansy nicht die Röte in ihrem Gesicht sehen. Sie hatte gerade mit Pansy Parkinson herumgeknutscht. 'Ich glaub's ja nicht', dachte sich Hermine, 'Warum hast du das getan? Tun das nicht immer Mädchen in irgendwelchen dummen Filmen, so zum Üben? Und Pansy bedeutet das sicher nur Spaß und sonst nichts, im Gegensatz zu mir ist sie selbstbewusst und lässt sich nicht durch einen lächerlichen Kuss aus der Bahn werfen.'
In der Eingangshalle verabschiedeten sie sich kurz und etwas befangen in Hermines Fall und Hermine stürmte, kaum war Pansy außer Sicht, in ihren Turm und in den Mädchenschlafsaal. Sie setzte sich auf ihr Bett und sagte leise zu sich selbst: "Sie hat angefangen mich zu küssen. Sie hat mich geküsst. Nicht ich sie."
'Warum war ich dann so nervös, wenn es mir nicht gefallen hätte, wenn Pansy mir nichts bedeuten würde?', fragte sich Hermine. "Ich stehe auf Ron- und ich bin definitiv nicht lesbisch!", sagte Hermine laut, während sie einen Fetzen Pergament herbeizog und zur Bestätigung „ICH BIN NICHT LESBISCH!" darauf kritzelte und fett unterstrich.
"Was bist du nicht? Hey, Hermine!" Ginny streckte ihren Kopf zur Tür herein. Hermine zuckte zusammen und ließ das Pergament in Flammen aufgehen. "Wir haben dich beim Abendessen vermisst – mein dummer Bruder hat doch nicht etwa schon wieder was ausgefressen? Dem werd' ich helfen!", sagte sie, immer lauter werdend. "Psst! Nein, ich bin nicht auf Ron sauer!", beschwichtigte Hermine ihre Freundin. "Und was habe ich da draußen gehört?", bohrte Ginny nach. "Wer hat gesagt, dass du auf Frauen stehst?"
Hermines Augen weiteten sich vor Schreck. Mentale Notiz: Nie wieder laute Selbstgespräche führen!
"Eh, niemand... es.. ist... nur..." Hermines Stimme verlor sich langsam, während ihr Gesicht einmal mehr die Farbe einer Tomate annahm. "Ja?", fragte Ginny ermunternd und gleichzeitig misstrauisch nach. "Pansy hat mich geküsst. Ich meine, so richtig, nicht nur auf die Wange...", gab Hermine zögerlich zu.
"Wow.", sagte Ginny stirnrunzelnd. "Wer hätte das gedacht. Mit Zunge?" "Ähmm…nein? Und was soll das denn heißen, ‚wer hätte das gedacht', Ginny?" "Nichts, nichts." Hermine schenkte ihrer besten Freundin einen tödlichen Blick. "Wehe, du erzählst irgendwem davon!", drohte Hermine Ginny. Diese schüttelte den Kopf. "Hey, das ist deine Sache – und Pansys. Nicht meine. Außerdem war es wahrscheinlich eh ein singuläres Ereignis, oder? Pansy war schon immer komisch." Hermine war froh, dass Ginny nicht ein Typ von Frau wie Lavender war und man ihr ruhig Sachen anvertrauen konnte, ohne dass es am nächsten Tag auch der letzte Schüler wusste.
Kaum war Ginny weg, brütete Hermine weiter. Nein, es konnte einfach nicht sein. Immerhin war sie einmal ein kleines bisschen in Ron verliebt gewesen. Eine boshafte Stimme in Hermines Kopf aber widersprach. Als sie Pansy zum ersten Mal gesehen hatte, war Hermine sprach- und atemlos gewesen; und jetzt hatte sie Herzklopfen, wenn sie nur an Pansy dachte. Und bei Ron? Nun, da war das irgendwie anders gewesen... sie hatte ihn irgendwie ein bisschen bewundert, seine Haare, die er damals etwas länger getragen hatte, waren echt schön gewesen, so feminin, aber mehr war da definitiv nicht gewesen. Wie sie Pansy schon in Hogsmeade erzählt hatte: eine kurzzeitige Schwärmerei, mehr nicht.
'Nein, nein, nein. Ich kann mich doch nicht in Pansy verliebt haben. Nein, das geht gar nicht.', dachte Hermine. 'Erstens war für sie das heute eh nur ein Spaß, um mir meine Unerfahrenheit zu demonstrieren und zweitens ist sie definitiv hetero. Siehe Exfreund Malfoy. Und drittens hält sie mich bestimmt für pervers, wenn ich ihr zu Verstehen gebe, dass mir der Kuss gefallen hat... ich will bestimmt nicht meine Freundschaft zu ihr ruinieren, weil ich meinen verwirrten pubertären Hormonen nachgebe...' Hermine schlief während dieser Gedanken ein.
