Als Hermine am nächsten Morgen aufwachte und über die ganze Sache mit dem Kuss geschlafen hatte, fasste sie einen Entschluss: Pansy würde ihre Freundin bleiben, aber Hermine würde sich von ihr distanzieren. Sprich: nicht mehr jeden Tag etwas mit ihr unternehmen, schon gar nicht so lange wie dieses Wochenende und absolut und definitiv kein Händchenhalten mehr.
Hermines Kopf schwirrte und sie begab sich ins Vertrauensschülerbad. Diesmal war sie so weise, sich ihre Badebekleidung anzuziehen und ihren Zauberstab mitzunehmen, für den Fall, dass sie ungebetene Besucher bekam. Hermine lobte sich für ihre Intention, als sich die Türe öffnete und sie hörte, wie sich jemand näherte.
Hermine nahm ihren Zauberstab und wartete, bis Malfoy – wer war denn sonst noch Frühaufsteher – in Sicht kam. "Du schon wieder, Granger.", schnarrte er ungehalten. "Dasselbe könnte ich auch sagen, Malfoy. Warum gehst du überhaupt hier herein, wenn du doch draußen die Nixe fragen könntest, ob hier schon besetzt ist.", sagte Hermine ärgerlich.
"Hört, hört, Pansys neue Freundin spricht!", höhnte Malfoy, ganz offensichtlich um Hermines Frage zu umgehen, was auch prächtig funktionierte, denn Hermine fragte offensiv: "Warum betonst du das Wort 'Freundin' so seltsam, Malfoy? Gibt's da was, das ich wissen sollte? Oder spricht da einfach nur der Neid, weil Pansy etwas hat, was du nicht kennst, nämlich Freundschaft und Loyalität."
Malfoys Augen verengten sich zu Schlitzen. "Sei vorsichtig, Schlammblut." "Lass dir mal was neues einfallen.", spottete Hermine und schnippte etwas Schaum auf ihn. Malfoy zog aus seinem Bademantel seinen Zauberstab hervor. "Ich würde das an deiner Stelle lassen, Malfoy, ich bin nämlich schneller, wie du sehr wohl weißt.", sagte Hermine verächtlich und hob ihre zweite Hand mit ihrem Zauberstab aus der schaumigen Deckung. Malfoy schnaubte.
Die Badezimmertür ging erneut auf und beide Streithähne wandten ihren Kopf um. Hermine jedoch konnte nicht sehen, wer hereinkam, weil der aufgetürmte Schaum ihre Sicht komplett verdeckte. Aber Malfoy verriet es ihr auch so. "Pansy! Sag bloß, ich störe euch bei eurem Tête a tête!", sagte Malfoy glatt. "Was, wer soll denn hier sein?", fragte Pansy sichtlich verwirrt. Malfoy lachte. "Na, dann stör ich euch mal nicht weiter, Pans. Ciao, Schlamm-" Es gab ein ätzendes Klatschen und Malfoy schrie: "Autsch, Pans, was soll denn das?" „Nenn sie nicht so!", zischte Pansy wütend, "Und jetzt hau ab!"
"Hermine?", fragte Pansy nun wieder mit normaler Stimme. "Tut mir leid, ich wollte dich ganz sicher nicht beim Baden stören. Ich hoffe, Draco hat dich so weit in Ruhe gelassen." Hermine kletterte aus dem Schwimmbecken. "Ja, ja, ich bin okay." Wie kamen die Slytherins hier herein, wenn doch besetzt war?
Obwohl sie Hermine diskret den Rücken zugewandt hatte, bemerkte Pansy offenbar die Anspannung in Hermine, denn sie sagte: "Lass dich von ihm nur nicht beeindrucken. Er ist nur neidisch, weil du die Bessere bist, und das als Muggelgeborene. Du müsstest mal hören, was Malfoy Senior dazu sagt. Das ist auch so ein Punkt, warum ich das Dummerchen spielen muss – dann erwartet nämlich schon mal keiner von mir, dass ich mit der brillantesten Hexe der Schule mithalte oder gar konkurriere."
Hermine senkte den Kopf, als sie Pansys indirektes Kompliment hörte. "Danke, Pansy. Nun... ähm." Hermine dachte rasch nach, sie wollte auf keinen Fall mit Pansy über gestern reden. "Ich muss gehen, wir sehen uns dann in Geschichte. Bis nachher!", sagte sie hastig und verschwand beinahe fluchtartig aus dem Bad. Sie bekam nicht mehr mit, dass sie eine enttäuschte Pansy zurückließ.
Zurück im Schlafsaal ließ Hermine sich auf ihr Bett fallen. Ihre Beine garantierten ihr keinen Halt mehr. Dank Pansy. "Ach, verdammt.", murmelte Hermine verzweifelt. 'Was ist das nur für ein beschissenes Gefühl...', stöhnte sie innerlich. Hermine hoffte wider besseres Wissen, dass das Gefühl möglichst schnell wieder vergehen würde.
Sie fasste sich und frühstückte mit Harry und Ron und plauderte so locker sie konnte über den anstehenden benoteten Aufsatz in Verwandlung. "Boah, Hermine, hör mir bloß auf damit!", seufzte Ron verzweifelt, "McGonagall hat mich auf dem Kieker, seit ich ihren Hut versehentlich in Mimbulus Mimbeltonia- Schleim verwandelt hab... jede Wette, sie gibt mir 'ne schlechte Note heute..."
Hermine und Harry lachten bei der Erinnerung laut auf. "Tja, Ron, ich weiß leider auch nicht, wie du es geschafft hast, derartig falsch zu zielen und dann auch noch das falsche Suffix bei dem Spruch zu verwenden...", grinste Harry. Ron zog eine Grimasse und verpasste Harry einen derben Stoß gegen die Schulter. Hermine dachte an Professor McGonagalls schleimüberzogenes Haupt und kicherte vergnügt.
Später, in der Verwandlungsstunde, stellte sich heraus, dass Ron unrecht gehabt hatte. McGonagall behandelte ihn genauso fair wie alle anderen auch. Im Gegenteil, heute schien sie die Gryffindors sogar schonen zu wollen, denn nach dem theoretischen, schriftlichen Teil des Tests, wurden ausschließlich Slytherins dazu aufgefordert, Verwandlungen durchzuführen, nämlich ein Porzellanbehältnis in ein flugfähiges Objekt zu transformieren.
Goyle brachte es nicht einmal ansatzweise fertig, seine Blümchendose in einen nicht gemusterten Vogel zu verzaubern. Harry und Ron grinsten zufrieden; Seamus und Dean feixten. Malfoy dagegen lieferte eine perfekte Arbeit ab. Der letzte wurde nun aufgerufen. "Miss Parkinson, bitte verwandeln Sie Ihre Vase in einen fliegenden Gegenstand.", wiederholte der Professor die Aufgabenstellung ein letztes Mal.
Ron begann bereits zu grinsen, weil er ein ähnliches Versagen erwartete wie sie es gerade bei Goyle gesehen hatten. Jeder wusste, dass Parkinson nicht gerade die schlaueste Schülerin war.
Pansy stand auf und wandte sich ihrer Vase mit Schottenmuster zu. Ein hässliches Ding. Hermine drückte ihrer Freundin im Geiste die Daumen. Wie gut würde ihr der Zauber gelingen?
Es gab ein knisterndes Geräusch und das Porzellan hatte sich in einen Pergamentflieger verwandelt, der auf Hermine zuflog. Rasch fing sie ihn aus der Luft, bevor sich Harrys Sucherreflexe auf den Flieger ausdehnten. "Sehr gut, Miss Parkinson. Sie dürfen sich setzen.", sagte McGonagall.
Hermine entfaltete das Pergament und tippte es sanft mit ihrem Zauberstab an. Doch keine Schrift erschien. Irgendwie enttäuschte sie das. Hermine hätte schwören können, dass eine Nachricht für sie dort stehen würde, aber es war wohl doch nur Zufall, dass der Pergamentflieger genau auf sie zugeflogen war.
Sie warf einen Blick auf Pansy, die scheinbar konzentriert dem Unterricht folgte und mitschrieb. Hermine blickte wieder zurück auf ihren Tisch und wollte gerade das Pergament zerknüllen, da erschienen Buchstaben in schwarzer Tinte.
Hey Hermine, was war denn heute Morgen los? Es tut mir wirklich leid, dass ich so ins Bad geplatzt bin und dass Draco so ein Arsch ist, ich kann verstehen, wenn du sauer bist. Also... sorry! Hast du nicht Lust, nach dem Unterricht ein bisschen in der Bibliothek zu lernen? Ich gestehe, ich bräuchte noch ein bisschen Hilfe in Verwandlung… einen Vogel bekomm ich noch nicht ganz hin.
Pansy
'Aha, das hat sie also gerade geschrieben, von wegen aufpassen...', dachte Hermine halb belustigt, halb mit schlechtem Gewissen. Sie schrieb unter Pansys schöne geschwungene Schrift:
Hey Pansy, ich wollte sicherlich nicht patzig oder so sein. 'Nein, ich wollte einfach nur weg von der von dir ausgehenden Verwirrung.' Malfoy hat mich gereizt, und blöde Kommentare gemacht als wüsste er etwas, das ich nicht weiß. 'Ja, was sollte das eigentlich, tête a tête!?' Und dann ist da noch der Kuss, Pansy. 'Ich muss ihr sagen, dass es so nicht geht.' Es war schön, weißt du, aber für mich hat eine solche Geste eine andere Bedeutung als für dich. Für dich war es nur Spaß gestern, aber für mich ist das Ernst, Pansy. Das alles verwirrt mich. Diese Nähe, verstehst du? Keine meiner Freundinnen ist mir je näher gekommen als eine flüchtige Umarmung. Ich bin nicht der Typ-
"Miss Granger! Was, beim Barte Merlins, schreiben Sie hier!? Accio-" Hermine zuckte bei Professor McGonagalls schneidender Stimme zusammen und versetzte dem Pergament einen Hieb mit dem Zauberstab, sodass es zu Asche zerfiel, anstatt zu McGonagall zu fliegen. "Zehn Punkte Abzug für Gryffindor, Miss Granger!", schimpfte der Professor, „Ich bin enttäuscht von Ihnen!"
Hermine sank tiefer in ihren Stuhl und senkte beschämt den Kopf. Sie konnte die Blicke aller auf sich ruhen spüren und hörte die Slytherins schadenfroh lachen: wann kostete sie, die Streberin und Musterschülerin, schon mal ihr Haus Punkte?
Als es läutete, war Hermine ausnahmsweise die Erste, die das Klassenzimmer verließ. Hermine fürchtete, dass sich Pansy wieder bei ihr entschuldigen würde, für nichts und wieder nichts, und dass sie selber wieder dieses klamme, bange Gefühl in der Nähe des anderen Mädchens haben würde.
Hermine hastete in ihren Schlafsaal, wo sie auch Harry und Ron nicht stören konnten und machte ihre Hausaufgaben. Als sie fertig war, überkamen sie erneute Zweifel. Heute hatte sie, Hermine, sich wie eine komplette Vollidiotin benommen. Wegen absolut gar nichts war sie vor Pansy und ihren Freunden davongelaufen, hatte sich von dämlichen Anspielungen von Malfoy beeinflussen lassen und saß nun hier alleine im Schlafsaal – wie bescheuert.
Die Türe ging auf. "Oh, hallo Hermine, da bist du!", rief Ginny aus. "Wir haben dich schon überall gesucht! Was machst du denn hier?" "Ach, ähm, hey Ginny. Nichts.. also ich wollte einfach nur in Ruhe meine Sachen erledigen." "Oh, ach so.", sagte Ginny stirnrunzelnd. "Jedenfalls, ich wollte dir nur sagen, dass unten eine Eule auf dich wartet."
"Was? Wer sollte mir denn schreiben...", murmelte Hermine und legte ihre Feder beiseite, um mit Ginny mitzukommen. Im Gemeinschaftsraum wartete tatsächlich eine Eule auf Hermine und lieferte einen Brief ab. Hermine erkannte die Schrift und riss den Brief förmlich an sich, während sie zurück zum Schlafsaal rannte.
Hastig entfaltete sie die Nachricht.
Hermine! Der Zwischenfall heute in Verwandlung tut mir wirklich leid! Ich hätte dich nicht anstiften sollen. Ich verstehe, wenn du sauer auf mich bist, aber lass was von dir hören! Ich sitze hier im Gemeinschaftsraum der Slytherins bei Daphne und Draco und langweile mich zu Tode! Liebe Grüße, Pansy
Hermine stöhnte auf. Das war ja fast schon Erpressung. Pansy erwartete von ihr, dass sie sie vor Malfoy rettete. Aber selbst wenn sie sich nicht mit Pansy traf, um etwas zu unternehmen, heute Abend hatten sie wieder zusammen Vertrauensschülerdienst. Dumbledore hatte es neuerdings so eingeführt, dass immer Vertrauensschüler von unterschiedlichen Häusern zusammen Runden gehen mussten, nicht wie bisher immer mit einem aus demselben Haus. Das lag daran, dass Slytherins und Gryffindors einander immer unverhältnismäßig Punkte abzogen.
Hey Pansy! Muss noch Snapes Extrahausaufgabe für alle Gryffindors erledigen! Sehen uns heute Abend um neun bei McGonagall – haben doch heute zusammen Patrouille!,
kritzelte Hermine rasch auf die Rückseite der Nachricht, die Dringlichkeit ignorierend und schickte sie zurück. Dann legte sie sich auf ihr Bett und dachte über ein Arithmantikproblem nach, um sich abzulenken.
Pünktlich um neun kam Hermine zu dem Büro ihrer Verwandlungsprofessorin, um instruiert zu werden. Sie sah, dass Pansy bereits davor wartete, an die Mauer gelehnt, den Fuß an der Wand und den Kopf so weit gesenkt, dass die braunen lange Haare in ihr Gesicht fielen. Sie hielt ein Buch in den Händen. Hermines Herz schlug schneller.
Sie holte tief Luft und trat schließlich hinzu. Pansy blickte endlich auf, ließ ihre Lektüre sinken und lächelte Hermine offen an. Hermine rang sich ihrerseits ein kurzes Lächeln ab und fragte: „Shakespeare, Pansy? Wirklich?" „Auch Muggel schreiben gute Bücher. Ich mag den altertümlichen Schreibstil und…", erklärte Pansy. Sie brach ab, denn in dem Moment kam der Professor und teilte sie für ihre Patrouille ein.
"Was ist eigentlich los mit dir, Hermine?", fragte Pansy, sobald McGonagall verschwunden war. Hermine zuckte mit den Schultern. "Weiß nicht, ist wohl nicht mein Tag heute.", antwortete sie einsilbig. "Also, wenn's um heute Morgen geht – es tut mir leid, ehrlich, Hermine.", sagte Pansy.
Hermine blickte zu ihr herüber und sah in besorgte marineblaue Augen. Schnell wandte sie ihren Kopf ab und ging weiter. "Ach nein, das passt schon.", murmelte Hermine leise. Nach einer Weile sagte auch Pansy nichts mehr und beide schwiegen die ganze Zeit.
