In den nächsten vier Wochen flüchtete Hermine regelrecht vor Pansy. Dass die Prüfungen anstanden und Hermine ohnehin lernen musste, kam ihr als Ausrede gerade recht, denn so musste sie sich nicht mit ihren seltsamen Gefühlen für Pansy auseinandersetzen.

Denn jedes Mal, wenn Hermine ihre Klassenkameradin sah, wurde sie nervös und errötete leicht. Und hinzu kam, dass sie ständig an Pansy denken musste. Je mehr sie sie mied, umso öfter weilten Hermines Gedanken bei ihr.

Pansy fragte sie schon lange nicht mehr, ob Hermine etwas unternehmen wollte. Dafür bemerkte Hermine, wenn sie Pansy im Unterricht oder beim Essen heimlich beobachtete, dass die andere einen geknickten Eindruck machte, und das, obwohl sich Pansy anscheinend wieder mit anderen Slytherinjungen traf und mit ihnen ausging.

Hermine fühlte sich schlecht dabei, Pansy mit anderen Jungs zu sehen, aber sie sagte sich, dass es Pansys gutes Recht war, nach Malfoy wieder einen Freund zu haben. Auch wenn sie es kaum ertrug, Pansy draußen am See herumknutschen zu sehen. Es machte Hermine ziemlich wütend. Und auch ihre Freunde bemerkten ihren Stimmungsumschwung.

"Was ist eigentlich mit dir los, Hermine?", fragte Ginny sie eines Morgens. "Ich.. oh, Ginny. Ich bin gerade total verwirrt und ich weiß nicht mehr, was weiß und was schwarz ist, metaphorisch gesprochen, ich weiß nicht mehr, was ich will!", platzte es aus Hermine heraus.

"Geht es um Pansy?", fragte Ginny. Hermine verstummte und blickte sie schockiert an. "Meinst du ich merke nicht, dass etwas mit euch beiden nicht stimmt? Ihr habt euch gestritten, oder? Und keiner will einlenken.", mutmaßte Ginny. "Dann rede mit ihr, verdammt noch mal, Hermine!"

Doch Hermine tat nichts dergleichen, sie beobachtete Pansy einfach weiter, die Hermines Empfinden nach alle zwei Wochen mit einem anderen herummachte. Und Malfoy war Hermine gegenüber hämischer denn je. Er schien zu wissen, was mit Pansy vorging, im Gegensatz zu Hermine.

Hermine fiel auch auf, dass Ron sich immer mehr um sie bemühte und sie konnte nicht anders, als das niedlich zu finden. Ihr bester Freund Ron war verliebt. Seine Gefühlswelt erweiterte sich… von einem Teelöffel zu einem Esslöffel.

An einem Abend schließlich, als alle – bis auf Hermine, natürlich – nach einem Quidditchsieg gegen Slytherin zu viel getrunken hatten, fand er schließlich den Mut, Hermine in aller Öffentlichkeit zu küssen. Hermine war verdutzt, denn eigentlich passte sowas wie vor allen Leuten geküsst zu werden eher zu Lavender. Wenn man ihren Geschichten Glauben schenkte.

Hermine ließ es jedoch geschehen, in der Hoffnung, die Verwirrtheit, die Pansy hinterlassen hatte, zu vergessen und Ron aufrichtige Gefühle entgegenbringen zu können.

Ron brachte eine ziemlich durcheinandergebrachte Hermine nach draußen, unter eine Weide am See. "Hermine, ich liebe dich, schon so lange...", sagte er und setzte sich neben Hermine ins Gras. Hermine schloss angstvoll die Augen. Was, wenn es falsch war, was sie tat? Aber taten das nicht alle? Seit wann tat sie, was alle taten? Sie spürte, dass Ron sie hielt und seine Lippen hingebungsvoll auf ihren. Sie stellte sich vor, es sei wieder Pansy. Mit geschlossenen Augen funktionierte es fast. Nur, dass Ron nicht so gut roch, dass seine etwas stoppelige Wange immer wieder die ihre berührte und sich gar nicht so seidig anfühlte wie Pansys Haut.

Hermine spürte, wie Ron sich mit einer Hand vorsichtig an ihrem Körper entlang tastete und ihren Rücken streichelte. Irgendwie war es seltsam. Es war ein gutes Gefühl, aber trotzdem fühlte es sich total falsch an. Hermine begann ein wenig zu zittern in der abendlichen Kälte. Ron störte sich nicht daran, sondern schob ihre Bluse ein wenig hoch und fuhr fort. "Weißt du Hermine, ich dachte, du würdest nie sehen, was ich für dich empfinde.", sagte Ron träumerisch. "Oh, Ron...", murmelte Hermine hilflos und ließ zu, dass er sie mit seinen Händen liebkoste, während er ein weiteres Glas von dem mitgebrachten Feuerwhiskey leerte. Nein, es war nicht richtig.

Ron nahm wieder Hermines Lippen in Beschlag. Hermine richtete sich auf und versuchte, Rons Kuss zu erwidern, was er als Erlaubnis sah, an ihren Hemdknöpfen herumzunesteln. Hermine drückte Ron weg. "Ron, nein!", sagte sie fest, "Das geht mir zu weit! Ich kann das nicht!" "Warum nicht, Hermine?", fragte Ron langsam; offenbar konnte er auch keinen klaren Gedanken fassen.

Sie seufzte. "Darum." Ron zog Hermine auf seinen Schoß und küsste sie wieder. Hermines Kopfe wurde plötzlich klarer und zugleich verwirrter. Das Chaos in ihrem Kopf ließ langsam nach und sie merkte wieder, was sie tat.

Oh nein! Sie saß hier auf Ron, seine Hände überall, und knutschte mit ihm herum! Das betäubende Hochgefühl des Quidditchsieges verebbte schlagartig. Er bedeutete ihr doch nichts mehr! Hermine wollte sich vor Scham und Entsetzen losreißen, als sie einen lauten Schrei hörte.

"Nein! Hermine, wie kannst du nur!" Eine fassungslose Pansy Parkinson stand ein paar Meter weiter weg, ihren Slytherinschal vom Quidditchspiel immer noch am Handgelenk festgeknotet. Sie starrte entgeistert auf das Pärchen vor ihr. Dann drehte sie sich mit einem weiteren, fast unmenschlichen Schrei um und rannte davon.

Hermine sprang auf und rief Pansys Namen. "Pansy! So warte doch! Es ist nicht so, wie du denkst!" Hermine begann ebenfalls zu rennen, während sie ihre Kleidung wieder in Ordnung brachte. Das Schwindelgefühl und die latente Verwirrtheit waren auf einmal verschwunden. "Was habe ich nur getan?", flüsterte sie, während Tränen der Wut und Scham aus ihren Augen schossen.

Hermine schrie immer wieder Pansys Namen, sogar im Slytherinkerker, doch nirgendwo konnte sie das Mädchen finden.

Hermine schämte sich zutiefst für das, was sie und Ron getan hatten. Sie hatte sich nicht besser als Lavender benommen, die sich im Schlafsaal immer damit brüstete, mit wie vielen Kerlen sie schon geschlafen hatte.

Hermine hatte das Gefühl, sich irgendwie reinwaschen zu müssen und so rannte sie schnell zum Vertrauensschülerbad. Nach einer Stunde endlich entspannte sich Hermine so weit, dass sie sich fit fühlte, Harry und Ginny wieder unter die Augen zu treten. Seltsamerweise begegnete sie keinem der beiden in dem Gemeinschaftsraum, wo die Party noch in vollem Gange war. Nach einer Weile ging Hermine langsam zu ihrem Schlafsaal.

„Hey, Hermine!", wurde sie von Ginny begrüßt. „Ginny.", sagte Hermine schwach. „Na, du und Ron, habt ihr's endlich getan!?", fragte Rons kleine Schwester aufgeregt und klang betrunken. „Wa… was? Oh, Ginny, bei Merlin, nein!", rief Hermine empört aus. „Wir haben nur…", Hermine errötete stärker, „…ein bisschen herumgeknutscht, bis... ähm, bis ich mir sicher war, dass ich das eigentlich gar nicht wollte. Dann bin ich weggerannt und habe gebadet."

„Oh, das tut mir leid, Hermine, dass er es schon wieder versaut hat.", sagte Ginny mitleidig. Doch Hermine entgegnete: „Nein, das ist es nicht. Ron hat mich nicht verärgert. Das habe höchstens ich selber, mich so gehen zu lassen. Ich war einfach… neben der Spur. Ich wusste nicht mehr, was ich wollte und was nicht." „Hermine.", sagte Ginny streng. „Irgendetwas verheimlichst du mir doch." Hermine seufzte ergeben und fasste ihren Mut zusammen.

„Na gut. Gerade, als Ron und ich… naja, Pansy kam zufällig vorbei und sie hat geschrien, dass ich das doch nicht machen könne und ist dann weggelaufen. In dem Moment wurde mir klar, dass das, was ich tat, nicht nur falsch war, sondern total falsch. Ron ist… er ist wie ein Bruder, mein bester Freund. Aber bestimmt nicht mein Freund, verstehst du, was ich meine?"

Ginny nickte nachdenklich. „Ich glaube, ich weiß, was du meinst, und wo dein Problem liegen könnte. Aber du musst mit dir selbst ins Reine kommen, dann geht es dir auch wieder besser." „Vielen herzlichen Dank für die Psychologiestunde, Ginny. So abgefüllt bist du mir ja auch eine große Hilfe.", fauchte Hermine. Ginny zuckte mit den Schultern und ging hinaus, um weiter zu feiern.

Hermine warf sich auf ihr Bett und las so lange ein Buch, bis sie schließlich einschlief. In ihren unzusammenhängenden Träumen tauchten immer wieder Ron und Pansy auf, die vorwurfsvolle Gesichter machten und Hermine schließlich auf Pansy zuging und sie küssen wollte.

„Ahh!", rief Hermine und fuhr hoch. Sie schüttelte ihren Kopf. Hermine war zu verstört, um jetzt noch zu schlafen. Sie schlich auf Zehenspitzen nach draußen und wanderte in den Astronomieturm, wo sie sich auf ein Fensterbrett setzte und nach draußen starrte. Der sichelförmige Mond war gerade am Untergehen und viele hundert Sterne leuchteten weit oben.

Hermine beobachtete den Nachthimmel und beruhigte sich langsam. Sie überkam ein gewisses Gefühl der Einsamkeit, wie sie so alleine nachts dort am Fensterbrett saß und mit einem Mal kam sich Hermine ganz klein vor. Gemessen an der unendlichen Weite des Universums, wie sie es hier sah, war sie wahrhaftig nicht mehr als ein kleines Atom. Hermine wurde ganz ruhig bei dem Gedanken und alle Erinnerungen an Ron und Pansy verblassten für den Moment. „Ich bin so unwichtig in dieser Weite hier…", flüsterte Hermine zu sich selbst, „…was spielen meine Probleme da für eine Rolle?" Sie zog die Knie an die Brust und versuchte, ihre kalten Zehen zu wärmen, denn auch wenn es eine relativ laue Nacht war, so war die Mauer immer noch kalt.

„Hermine?", hörte sie es da auf einmal flüstern, „Bist du hier irgendwo?" „Ginny!?" „Ja, ich bin es!" „Wie hast du mich gefunden?" Ginny lachte leise. „Ich hab mir Harrys Karte mal ‚ausgeborgt'. Warum bist du hier?" „Warum bist du hier?"

Ginny seufzte. „Weißt du, ich komme manchmal hierher, wenn ich mich schlecht fühle… wegen Harry. Er… ihn mit Cho zu sehen, ist nicht einfach. Ich… ich liebe ihn einfach, du weißt schon. Und wenn ich darüber nachdenken will, dann ertrage ich die Nähe der anderen im Schlafsaal einfach nicht. – Und was tust du hier?"

Hermine schluckte. Aber hier in der Dunkelheit, wo sie Ginny nicht in die Augen blicken musste, war es einfacher zu reden. „Ginny… ich – ich habe geträumt und in dem Traum wollte ich Pansy küssen... und mehr. Verstehst du? Ich weiß gar nicht mehr, was ich denken soll, was ich will. Ihre Gegenwart macht mich nervös, mein Herz rutscht in die Hose, wenn sie mich ansieht und nun… hat sie mich mit Ron gesehen. Es tut mir so leid. Ich wollte alles nicht wahrhaben. Ich weiß nicht mehr, was ich fühle."

Sie atmete langsam aus, erleichtert, sich ein bisschen etwas von der Seele geredet zu haben.

„Hm.", machte Ginny. „Sowas in der Art hab ich schon vermutet. Weißt du, so fühle ich mich, wenn ich Harry sehe. Hermine, du bist in Pansy verliebt und – naja, ich meine nur, ich finde das gar nicht schlimm, für mich ist es voll okay. Ich denke, sie ist besser als Ron." Hermine hörte, wie Ginny ein Auflachen unterdrückte.

Hermine schüttelte ihren Kopf. „Ach, Unsinn, Ginny, ich hab mich doch nicht verliebt, und schon gar nicht in eine Frau! Und Pansy… schon vergessen, ihr Ex ist Malfoy?" „Ach, Hermine. Du musst es wissen. Weißt du was? Ich gehe wieder schlafen und du solltest mitkommen, bevor uns noch Mrs Norris oder Snape erwischen."

Hermine ließ sich von dem Fensterbrett gleiten und ging mit Ginny zurück in den Gryffindorturm. Diesmal schlief sie bis zum Morgen durch.