Am nächsten Tag hielt Hermine seit langem einmal wieder Ausschau nach Pansy Parkinson. Doch sie erschien weder zum Frühstück, noch zu Zaubertränke und auch nicht zu Geschichte. Hermine ging nach dem Unterricht zurück zum Gemeinschaftsraum, wo Harry und Ron vollkommen fertig in den Sesseln vor dem Feuer hingen. Hermine fasste kurzerhand einen Entschluss und setzte sich auf die Stuhllehne von Ron.
„Ron, ähm. Das wegen gestern. Ich wollte dir nur sagen, dass es mir schrecklich Leid tut, was passiert ist. So kann es nicht weitergehen." Ron unterbrach Hermine. „Ey, 'Mine, wovon sprichst du überhaupt? Ich weiß gar nicht mehr, was gestern passiert ist, nach dem Sieg… und würde es dir etwas ausmachen, etwas leiser zu sprech…-"
„Ronald Weasley! Du erzählst mir, dass du einen Filmriss hattest!?", rief Hermine lauter als beabsichtigt. Sofort drehten sich viele Köpfe in ihre Richtungen. „Psst, Hermine…", stöhnte Ron. „Was auch immer passiert ist, es war nicht so gemeint und es tut mir leid.", fügte er gequält hinzu. „Dein Kater geschieht dir ganz recht, Ronald!", fauchte Hermine. Insgeheim war es ihr aber auch gar nicht so unrecht, dass Ron - und Harry scheinbar auch – die gestrige Feier komplett vergessen hatten. Das machte es leichter für sie, die Freundschaft mit Ron aufrechtzuerhalten, ohne ihm eine Abfuhr erteilen zu müssen.
Mit erhobenem Haupt stolzierte sie in Richtung der Mädchenschlafsäle davon. Aus den Augenwinkeln sah sie noch, dass Ron seinen Kopf in seine Hände fallen ließ und hörte, wie er leise stöhnte. „Alter, du hast's schon wieder versaut!", sagte Harry seufzend. „Vielen Dank für deine Aufmunterung!", fauchte Ron zurück. „Gib mir lieber etwas Felix felicis, damit ich's wieder gut machen kann!"
Hermine kam sich etwas heuchlerisch, gemein und wie Lavender Brown vor, so einen Abgang zu machen, aber es war das Beste für Ron – nicht, dass er sich doch noch an den vorherigen Tag erinnerte und Hermine in Erklärungsnöte käme. Andererseits geschah ihm die Abfuhr im Nachhinein betrachtet gerade recht, wenn er Harrys Zaubertrank, den dieser nur dank dieses verdammten Halbblutprinzen gewonnen hatte, gegen sie benutzen wollte. Und Harry würde den Trank dringend brauchen, wenn sie auch dieses Jahr wieder gegen Voldemort kämpfen müssten.
In den nächsten zwei Wochen hatten sie alle viele Prüfungen, weswegen Hermine nicht die Zeit hatte, über ihr Gefühlsleben und Harrys größten Widersacher nachzudenken. In der letzten Schulwoche allerdings quälten sie die Gedanken an Pansy. Ihr braunes Haar, ihre blauen Augen, ihr wohlgeformter Körper, ihr Lachen… Nein, sie konnte einfach nicht in ein Mädchen verliebt sein! Sie war doch nicht lesbisch! Das war etwas, das man nur aus dem Muggelfernsehen kannte, aber in der realen Welt?
Hermine fasste schließlich den Entschluss, mit Pansy zu reden. Aber Pansy ließ sich nirgendwo blicken. Hermine suchte oft nach ihr, doch nie war das andere Mädchen auffindbar. Hermine wollte aber diese Sache mit Ron, die Pansy mitangesehen hatte, mit ihr klären. Hermine hatte das ätzende Gefühl, ihre Freundin verloren zu haben und das schmerzte sie ungemein, auch wenn sie sich auf Pansys Reaktion keinen rechten Reim machen konnte: Pansy selbst ging doch oft genug mit Jungen aus, und ein Mann war nun wirklich kein Grund, der zwischen ihrer Freundschaft stehen würde.
Harry und Ron merkten wohl, dass mit Hermine etwas nicht stimmte, aber sie sagten nichts dazu. Hermine hatte Ginny im Verdacht, die ihren beiden Freunden vermutlich gesagt hatte, dass sie sie in Ruhe lassen sollte, wofür Hermine ziemlich dankbar war. Oder Ron hatte einfach noch ein schlechtes Gewissen.
Hermines Sorgen dehnten sich neuerdings nun auch ganz besonders auf Harry aus, da Dumbledore angefangen hatte, ihn zu der Horkruxsuche mitzunehmen und sowohl Harry als auch der Schulleiter Voldemorts Anhängern, den Todessern, des Öfteren nur knapp hatten entkommen können. Hermine blieb stets solange wach, bis ein erschöpfter Harry im Gemeinschaftsraum unter seinem Tarnumhang erschien. Ron leistete ihr dabei Gesellschaft, aber er versuchte nie, sich ihr zu nähern, wozu ihm sicherlich der Mut fehlte.
In ihrer Wartezeit forschte Hermine in allen erdenklichen Büchern zu dem Thema Horkruxe. Nachdem Tom Riddles Vorliebe für wertvolle Antiquitäten und Kleinodien bekannt war, durchforstete sie alles, das mit den Sagen um die vier Gründer von Hogwarts, Merlin, Morgana und weiteren bekannten Hexen zu tun hatte, in der Hoffnung, auf ein als verschollen geltendes Relikt zu stoßen.
Diese Arbeit hielt Hermine mehr auf Trab als die zurückliegenden Prüfungen, denn Harry zu helfen war noch wichtiger als ein paar Ohnegleichen. Als Hermine diese Einstellung als die ihre realisierte, musste sie wieder an das Gespräch mit Pansy denken, als sie beide am See gesessen hatten und Pansy von ihr wissen wollte, warum sie nicht in Ravenclaw gelandet war. Pansy.
Am letzten Schultag wurde wie immer ein Fest abgehalten. Gryffindor hatte endlich den Quidditchpokal gewonnen und zugleich die Hausmeisterschaft. Hermine vergaß ihre Sorgen für eine Weile und feierte ausgelassen mit – auch wenn sie wie immer nur Kürbissaft und Butterbier statt dem heimlich mitgebrachten Feuerwhisky trank; allein der Geruch machte Hermine betrunken und sie bezweifelte, dass der Whisky gut schmecken würde. Außerdem hatte sie nicht die geringste Lust, schlechte Erinnerungen zu sammeln. Sie tanzte sie mit Ron, Dean und Seamus und genoss es einfach, gewonnen zu haben, während Malfoy vom Slytherintisch nur missmutig zusehen konnte.
Als der inoffizielle Teil der Feier begann und Dumbledore alle seine Abschluss- und Dankesreden gehalten hatte, sah Hermine, wie sich jemand mit langen braunen Haaren aus der Halle stahl. Hermine ließ ihren Muffin sinken und hastete rasch hinterher. Auch wenn sie die Person nur aus den Augenwinkeln hatte sehen können, so war sie sich ziemlich sicher, dass es Pansy gewesen war.
„Hermine!", rief Harry ihr noch hinterher, doch Hermine kümmerte sich nicht darum. Sie rannte aus der Großen Halle hinaus und lauschte dann. In der Ferne hörte sie das Klackern von sich entfernenden Schuhen und Hermine hastete hinterher. Sie sah einen schwarzen Umhang um die Ecke wirbeln und Hermine rannte schneller. Doch Pansy beschleunigte ebenfalls ihre Schritte und war bald schon außer Sicht.
Hermine rannte, bereits außer Atem, hoch in den Gryffindorturm und lief in Harrys Schlafsaal, wo sie seine Karte des Rumtreibers mit dem Acciozauber aufrief. Harrys Koffer klappte auf und offenbarte eine grauenhafte Unordnung. Daraus erhob sich ein löchriger, senffarbener Socken, den Hermine geschickt auffing und die flatternde Karte aus dem Stoff befreite.
„Ich schwöre feierlich, dass ich ein Tunichtgut bin!", keuchte Hermine und die Karte füllte sich. Hastig und zitternd vor Anstrengung ließ Hermine ihren Zeigefinger über die Karte gleiten, bis sie Pansy gefunden hatte. Sie saß oben auf der Plattform des Ravenclawturms. Hermine seufzte, rannte den Gryffindorturm herunter und den von Ravenclaw wieder herauf. Oben bei der Plattform, sah sie eine zusammengekauerte weinende Gestalt.
Hermine trat unsicher näher und kniete sich schließlich neben Pansy hin. Sie hob ihren Kopf und Hermine sah, wie wunderschön die Haare ihr Gesicht rahmten. „Wie hast du mich gefunden?", fragte Pansy heiser, „Was willst du?"
Hermine brannte die Gegenfrage auf der Zunge, wieso Slytherins immer ins Vertrauensschülerbad kamen. Stattdessen sagte sie: „Ich wollte mich bei dir entschuldigen. Für alles. Auch wenn ich nicht verstehe, warum du so auf mich und Ron reagiert hast… du triffst doch selber andere Jungs." Pansys Kopf ruckte hoch. „Und du willst die intelligenteste Hexe deiner Zeit sein? Dass ich nicht lache." Hermine setzte sich vor Pansy hin und nahm deren Hand in die ihre. Sie war eiskalt und Hermine konnte spüren, wie es Pansy fröstelte.
