Sie hatten die Große Halle erreicht und ihr Gespräch verstummte automatisch. Hermine sah kurz zum Tisch der Slytherins hinüber, wo Pansy bereits saß und mit Blaise Zabini plauderte.

Sie setzte sich neben Seamus und mischte sich ein Müsli zusammen. Ron fragte zwischen zwei Bissen: „Was hat jetzt eigentlich Pansy gewollt, Hermine?" Die Angesprochene zuckte zusammen und ein bisschen Milch schwappte aus ihrer Schale. „Ach, Pansy. Äh." Hermine überlegte fieberhaft. Es war wohl noch nicht der richtige Zeitpunkt, sich vor Harry und Ron zu outen. „Oh, also sie hat nur… weißt du Ron, ich wüsste eigentlich nicht, was es dich angeht, wenn zwei Freundinnen miteinander reden. Wir haben uns gestritten und die Sache aus dem Weg geräumt, wenn du's genau wissen willst." „Ach so.", sagte Ron.

Wahrscheinlich ahnte er, dass es nicht die ganze Wahrheit war, denn er tauschte mit Harry einen vielsagenden Blick aus, von dem er offenbar glaubte, Hermine bekäme ihn nicht mit, aber sie kannte ihre beiden Freunde einfach zu gut, als dass ihr so etwas entgangen wäre.

Nach dem Frühstück ging Hermine in die Bibliothek, um ein paar Recherchen zu betreiben. Dank Professor Dumbledore hatte sie eine Dauererlaubnis für die Verbotene Abteilung und konnte so überall hilfreiche Informationen über Voldemort suchen.

Hermine wusste nicht, wie lange sie schon gelesen hatte, es war aber schon Nachmittag, da spürte sie, wie sie jemand von hinten umarmte und den Kopf auf ihre Schulter legte. Sie zuckte zusammen und klappt hastig das Buch zu, das sie gerade las. „Merlin, Pansy, hast du mich gerade erschreckt!", sagte sie. Pansy lachte leise in Hermines Ohr. „Da bist du ja. Komm mit mir nach draußen.", schnurrte Pansy. Hermine nickte und stand auf. Wie selbstverständlich ergriff Pansy Hermines Hand und führte sie aus der Bibliothek.

Pansy führte Hermine zum Quidditchfeld. „Was wollen wir denn da? Heute ist doch gar kein Spiel!", sagte Hermine. „Nein", Pansy grinste breit, „aber Training." Sie führte Hermine die Stufen in das Stadion hinauf und suchte sich zwei Plätze genau in der Mitte aus. „Beste Sicht!", erklärte sie.

Ein paar Minuten später betraten grüngewandete Spieler das Feld. Hermine unterdrückte ein Verziehen des Gesichts. Sie mochte Slytherin nicht und das Team des Hauses schon gar nicht. Das ganze Team, einschließlich Malfoy, war fast talentfrei und kompensierte dies mit unfairen Mitteln. Die Treiber versuchten oft erst gar nicht, die Klatscher zu treffen, sondern zermanschten lieber die Gegenspieler, Malfoy verhöhnte die Gegner und die Jäger und der Hüter fegten auch nur allzu oft die anderen vom Besen.

Aber Hermine musste zugeben, dass Malfoy als Sucher nicht wirklich grottenschlecht war. Es war nur so, dass Harry einfach besser war und neben ihm alle schlecht aussahen. In Malfoys Fall war das war extrem befriedigend.

In keinerlei Hinsicht hatte Draco Malfoy das, was Hermine hatte. Keinen treuen Freund wie Ron, keine Freundin, die so hübsch und klug war wie Pansy, keine so guten Noten wie Hermine selbst und wenn man ihn mit Harry verglich… Malfoy und keiner seiner Freunde hatte je gegen Gryffindor im Quidditch gewonnen und Malfoy hatte auch noch nie den Hauspokal für Slytherin geholt.

Hermine grinste vor Schadenfreude in sich hinein. Pansy, die sich an sie gelehnt hatte, bemerkte dies und fragte Hermine, warum sie lachte. Doch Hermine schüttelte nur den Kopf. In wenigen Minuten jedoch verging ihr das Lachen.

Die Slytherins waren fertig mit ihrem Training und alle bis auf einen gingen in die Umkleiden. Pansy nahm Hermine beim Arm und sagte zu ihr: „Komm mit, ich will dir was zeigen. Damit du mir vertraust." Sie zog Hermine mit nach unten zu dem Slytherinspieler. Hermine sah, dass es Malfoy war.

Er zog in seiner typischen Art und Weise die Augenbraue hoch, als er die beiden näherkommen sah. „Na dann amüsiert euch mal gut.", sagte er. Pansy schnappte sich seinen Besen, bevor er ging. „Na los!", forderte sie Hermine auf, „Fliegen wir eine Runde!" Hermines Mund klappte auf. „Ähm, nein. Nein, danke, Pansy, ich bleibe lieber hier am Boden."

Pansy blickte sie leicht amüsiert an. „Flugphobie?" Hermine nickte. Pansy stieg wieder von Malfoys Besen herunter. „Du musst dich wirklich nicht fürchten. Ich bin früher mit Draco ziemlich oft geflogen, bis ich es mich selbst getraut habe. Halt dich einfach nur gut fest an mir." Hermine schüttelte den Kopf. „Mir hat ehrlich gesagt schon die erste Flugstunde in der ersten Klasse gereicht." „Bitte, Hermine, tu's für mich! Siehst du, ein Nimbus 2001, noch sicherer und eine noch ausgereiftere Technik als beim Feuerblitz – und nicht ganz so schnell. Bitte, vertrau mir einfach."

Hermine blickte in Pansys bittende, tiefblaue Augen. Sie seufzte. „Also gut." Sie kletterte ungelenk hinter Pansy auf den Besen und schlang die Arme um Pansys Bauch. Pansy stieß sich ab und sie gewannen für Hermines Geschmack viel zu rasch an Höhe. Pansy umkreiste einmal das Stadion. „Toll, oder?", rief sie aus. Hermine war da anderer Ansicht, aber sie sagte nichts in der Angst, dass ihr schlecht würde. Pansy flog weiter nach oben und driftete schließlich ab und flog über den Verbotenen Wald.

Hermines Angst schwand ein wenig und sie wagte es, nach unten zu blicken. Unter ihr sah sie jahrhundertealte Bäume, die ihnen ihre knorrigen Äste mit verfärbendem Laub entgegenstreckten, Lichtungen, wo sie einmal glaubte, einen Zentaur gesehen zu haben und einige andere Kreaturen, was Hermines Interesse weckte. Nach einer Weile flog Pansy einen Bogen um kehrte um zum Schloss.

Die Abendsonne leuchtete über der Landschaft. Hermine war wider Erwartung doch hingerissen von dem Bild, das sie sah. Hogwarts in seiner vollen Pracht, davor der dunkle See und unter ihr der schier endlose Wald. „Ja, es ist toll!", rief sie zu Pansy. Hermine erwartete, dass sie nun zu dem Quidditchfeld zurückfliegen würden, doch Pansy hielt auf das Schloss zu.

Hermine drückte Pansys Bauch, um sie zum Landen zu bewegen, denn so, wie es für Hermine aussah, flog Pansy geradewegs auf eine Mauer zu. Ein Déjà-vu Erlebnis für Hermine, die sich an die dritte Klasse erinnerte, als sie mit Seidenschnabel Sirius gerettet hatten. Was hatte Pansy vor? Sie flogen langsam parallel an der Mauer entlang, bis sie ein hell erleuchtetes Zimmer fanden. Pansy zog ihren Zauberstab hervor und öffnete das Fenster mit einem „Alohomora!" und flog geradewegs in den Raum.

Hermine unterdrückte ein überdrehtes Kichern, als sie sich vorstellte, wie sie zufällig gerade in Professor McGonagalls Büro vor deren Augen auf einem Kaminvorleger mit Schottenmuster landeten und... Hermine machte die Augen wieder auf, die sie ihrer Panik geschlossen hatte und bemerkte weder einen Professor noch geschmacklose Teppiche.

Etwas zittrig machte sie sich von Pansy los und stieg vom Besen herunter. Sie sah sich in einem Raum, in dem ein Bett mit absonderlich gemusterter Bettwäsche stand, einen Kamin, eine Kommode und ein Bücherregal… „Pansy, das hier ist der Raum der Wünsche!? Aber der ist doch eher auf der Südseite als hier im Norden!", sagte Hermine.

Pansy drehte sich um und grinste. „Ich sag ja, er erfüllt dir jeden Wunsch außer Essen." Hermine lächelte breit. „Ich weiß, wie ich Abhilfe schaffen kann. Dobby?" Es knackte laut und der Hauself erschien. „Miss Hermine hat gerufen? Harry Potters Freundin!" rief Dobby hocherfreut aus und verbeugte sich tief. „Wärest du so nett, uns ein bisschen was zu essen zu bringen, Dobby?", bat ihn Hermine. Dobby verbeugte sich noch tiefer und verschwand.

Alsbald tauchte Dobby mit völlig überladenen Platten wieder auf und stellte sie auf einen Tisch, der gerade praktischerweise zusammen mit zwei Stühlen erschien. „Vielen Dank, Dobby, dafür bekommst du an Weihnachten ein zusätzliches ungleiches Paar an Socken!", versprach Hermine und Dobby verbeugte sich erneut, bevor er verschwand.

„Ich wusste gar nicht, dass du Beziehungen zur Küche hast.", sagte Pansy, „War Dobby nicht bei den Malfoys?" „Doch", erwiderte Hermine, „aber Harry hat ihn mit einem Trick befreit. Er möchte frei sein und hier bezahlt ihm Dumbledore sogar einen Lohn und gewährt ihm Urlaubstage." Pansy lachte ungläubig. „Ich dachte immer, sie lieben ihre Arbeit." Hermine sagte zu dem Thema lieber nichts mehr, denn sie wollte keinesfalls mit Pansy streiten und es lag nahe, dass sie eine ähnliche Auffassung zu dem Thema hatte wie Ron, und der war ein Sturkopf, was die Rechte von unterdrückten Minderheiten anging.

Nach dem Essen ging Hermine zu der Kommode, weil sie wissen wollte, was sich Pansy wohl wünschen mochte, damit sie mit unnützen Dingen gefüllt war. Pansy legte sich auf das Bett und beobachtete Hermine stumm. Hermine zog die oberste Schublade heraus. Ein Kästchen war darin, das allerlei Kettchen und Anhänger beherbergte, allesamt grün und mit entweder einem Schlangen- oder Drachenmotiv. Sie zog die nächste Schublade auf. Zerknüllte Pergamentfetzen quollen heraus. Hermine lachte unwillkürlich.