Sie griff nach einem Zettel und entfaltete ihn. Irgendwer hatte sich offenbar in Poesie geübt, und zwar an einem der für Hermine unsäglichen Valentinstage, da das Pergament mit Rosen und geflügelten Kobolden bedruckt war. Sie warf den Zettel beiseite und öffnete den nächsten. Keine Kobolde oder Herzchen, aber eine vielversprechendere Version des Liebesgedichtes. Es schien eine feminine Handschrift zu sein. Dem Datum nach zu urteilen, konnten die Schreibversuche nicht älter als zwei Jahre sein. Hermine überlegte, ob Pansy versucht hatte zu dichten in den einsamen Stunden der Nacht. Sie wollte sie gerade fragen, da sah sie, dass Pansy eingedöst war.
Hermine las nicht weiter, sondern öffnete eine weitere Schublade. Ein Glas mit getrockneten Käferaugen stand darin. Als sie die vierte Schublade aufzog, konnte Hermine einen überraschten Ausruf nicht unterdrücken. Ein goldenes Diadem lag darin. Vorsichtig nahm sie es heraus. Hermines laienhafter Meinung zufolge sah es durchaus echt und alt aus. Pansy erwachte von dem Ausruf und stützte sich mit den Händen auf. „Woher hast du das denn?", fragte sie offenbar genauso überrascht wie Hermine. „Es war da in der Schublade.", sagte Hermine und ging damit zu Pansy. Hermine lächelte breit und setzte es Pansy auf.
„Es steht dir.", meinte sie und Pansy lachte. „Jetzt bin ich wohl deine Prinzessin." Hermine nickte und beugte sich über Pansy. Sie lehnte sich herunter und küsste Pansy vorsichtig.
„Du kannst gut küssen!", flüsterte Pansy. „Besser als alle anderen." „Mir gefällt es mit dir aber auch.", bestätigte Hermine. „Männer sind schrecklich." Sie kicherte albern. Pansy lachte. „Da kann ich dir nur zustimmen."
„Warum hasst Malfoy mich so?", fragte Hermine, nachdem sie eine Weile Zärtlichkeiten ausgetauscht hatten. Pansy zuckte mit den Schultern. „Seine Eltern haben ihm das Leben zur Hölle gemacht, in den großen Ferien, als sie zum ersten Mal erfahren haben, dass du besser warst als er. Du, als minderwertiges Wesen, als das sie dich betrachteten. Ich denke, wenn man dir immer sagt, das ist gut, das ist schlecht, dann prägt das deine Moralvorstellungen. Als Freundin von Harry Potter und Muggelgeborene hast du wahrscheinlich all das verkörpert, was er und seine Familie verachten."
„Und warum tust du das nicht? Warum glaubst du nicht daran, was er glaubt?"
Pansy schüttelte den Kopf und legte das Diadem neben sich ab. „Ich habe es auch geglaubt, weil meine Eltern es mir immer so vorgelebt haben, aber sie sind nicht so fanatisch wie Lucius und Narcissa. Dann aber fand ich heraus, dass ich mehr auf Frauen stehe. Das hat mich zum Umdenken gezwungen. Verstehst du, Hermine? Nur deswegen sollte ich ein minderwertiger Mensch sein, weil ich die falschen Personen liebe? Soll ich ein minderwertiger Mensch sein, nur weil ich nicht die ‚richtigen' Eltern habe?"
Sie machte eine Pause und küsste Hermine sanft auf die Wange.
„Draco weiß das auch, wie ich denke. Und es ist ihm egal, ob ich nun einen Freund oder eine Freundin habe. Wir waren seit unserer Kindheit miteinander befreundet – mein Geständnis hat ja keinen anderen Menschen aus mir gemacht…"
Hermine sah Pansy fest in die Augen. „Du weißt, mein Angebot steht. Wenn du dich loseisen kannst und willst, wirst du auf meiner Seite stets willkommen sein. Ich glaube, dass es bald zu einem Krieg kommen wird, bei dem jeder eine Seite wählen muss. Du weißt, dass ich mich immer für Harry entscheiden werde, auch wir dann zusammen sind."
Pansys Blick trübte sich. „Hermine, bitte… denk nicht darüber nach. Ich… kann jetzt keine Entscheidung treffen. Bitte, lass uns doch einfach in den Tag hineinleben und unser Abschlussjahr genießen. Ich weiß, dass du recht hast und wir werden in naher Zukunft wählen müssen, aber nicht jetzt."
Hermine nickte. Auch wenn sie auf das Gegenteil gehofft hatte, aber ihr war klar, dass sich ihre Freundin nicht ad hoc dazu entscheiden konnte, all ihre Freunde und ihre Familie zu verlassen. Aber Hermine wusste auch, dass sich Pansy richtig entscheiden würde, wenn der Zeitpunkt gekommen war.
Sie war froh, endlich über so vieles geredet zu haben.
Hermine schaute auf die Uhr. Es war sieben Uhr abends. „Oh, so ein Mist! Ich muss jetzt zu Malfoy." Pansy lachte. „Wie, freiwillig?" Hermine stieß einen genervten Laut aus. „Nein, wegen Dumbledore. Er will, dass wir beide mit euch Vertrauensschülern ein paar Probleme lösen. Malfoy hat den Zettel mit den Themen. Am Montag brauchen wir die Vorschläge, also würde ich sagen, müssen wir uns langsam darum kümmern."
Ohne zu wissen warum, ergriff Hermine das Diadem, das neben ihnen auf dem Bett lag und verstaute es wieder in der Schublade, aus der sie es hatte. „Mich würde interessieren, wie viele tausende Schülergenerationen hier schon ihre Sachen versteckt haben."
Sie gingen gemeinsam zurück zu Hermines Quartier. Sie blieben vor dem hässlichen Wandbehang stehen und Hermine fühlte sich extrem unsicher. Pansy schaute nach links und nach rechts, ob jemand in der Nähe war, dann zog sie Hermine an sich und küsste sie leidenschaftlich. „Wir sehen uns beim Abendessen!", flüsterte sie und ging. „Bis dann!", rief Hermine ihr nach.
„Quaffel.", murmelt sie und trat ein. Sie sah Malfoy auf der Couch fläzen. Er sah sie mit seinem typischen anzüglichen und höhnischen Grinsen an. Hermine reizte das zwar ungemein, aber sie entschloss sich, es diesmal zu ignorieren und sagte: „Was würdest du davon halten, wenn wir uns morgen mit den Vertrauensschülern treffen, ausmachen, wer an welchem Tag Aufsicht hat und die Probleme ausdiskutieren, wie Professor Dumbledore gesagt hat."
„‚Wie Professor Dumbledore gesagt hat.'", äffte Malfoy sie nach. „Hast du nichts Besseres zu tun, als das zu befolgen, was deine Lehrer sagen, Granger?", sagte er gedehnt.
„Gut, dann haben wir also abgemacht, dass wir uns morgen um zehn vormittags treffen.", sagte Hermine und überging seinen Kommentar völlig.
Sie setzte sich gegenüber von Malfoy hin und begann an jeden Vertrauensschüler eine kurze Notiz zu schreiben, um sie von dem morgigen Treffen in Kenntnis zu setzen.
„Na, Granger.", sagte Malfoy, aber Hermine ließ sich nicht beirren und schrieb weiter. „Du warst heute ganz schön lang weg mit Pansy." Hermine seufzte leise und ignorierte ihn weiterhin. „Ts, ts. Ich kann mir schon vorstellen, was ihr den ganzen Tag getrieben habt." Hermine nahm sich fest vor, seine Stimme auszublenden.
„Ich weiß von Pansys Raum der Wünsche und ich kenne das riesige Bett darin.", fuhr Malfoy genüsslich fort, „Ich habe dich ja immer für prüde und asexuell gehalten, Granger. Aber mittlerweile… hm."
Hermine umklammerte ihre Feder härter und presste ihre Lippen aufeinander.
„Mittlerweile… so wie ich Pansy kenne, hattet ihr sicherlich schon so richtigen dreckigen Lesbensex. Na, Granger, wie fühlt es sich an, wenn man mal ein bisschen lockerer wird?", sagte Malfoy in einem unbedarften Plauderton. „Und ich weiß, wie locker Pansy einen werden lassen kann."
Hermine fühlte Hitze in ihr Gesicht steigen. Wie war das noch gleich mit dem Waffenstillstand? Was für ein Arschloch. Sie knallte ihre Feder auf den Tisch.
Sie blickte auf und sah, dass Malfoy sich köstlich amüsierte. „Meine Beziehung geht dich einen feuchten Dreck an, Malfoy.", presste Hermine wütend hervor. „Und ich wollte ja nichts sagen, aber leider lässt du mir keine andere Wahl.", sagte sie beherrschter und stand auf. „Zufälligerweise weiß ich von einer sehr zuverlässigen Quelle, dass deine Qualitäten mehr als nur beschränkt und vor allem klein und wenig ausfüllend sind." Sie zeigte ihm ihren abgeknickten kleinen Finger und ging in ihren Schlafsaal, einen sprachlosen und wütenden Malfoy zurücklassend.
Wenn er unter die Gürtellinie zielte, konnte sie das auch. Er musste ja nicht wissen, dass Pansy nie etwas über ihn verlauten lassen würde.
