HARRY POTTER UND DAS ANKH VON KHEPRI
KAPITEL 7 - Khepri
Nach ein paar Augenblicken konnte sich Harry aus dem Griff der Kreatur lösen und presste sich gegen das Kopfende des Bettes und starrte es, was auch immer es war, an. Die Kreatur musterte Harry kritisch von der anderen Seite des Bettes aus.
„Du siehst im wirklichen Leben anders aus", sagte es nach einem Moment mit eindeutig männlicher Stimme, in der ein seltsamer Akzent lag, den Harry noch nie gehört hatte.
„Was bist du?", knurrte Harry. „Warum bist du in meinem Zimmer?"
Die Kreatur grinste. Harry hasste dieses Grinsen so sehr. Es erinnerte ihn fast ein wenig an Lockhart, mit seinen glitzernden Zähnen – obwohl sie viel spitzer und weniger menschlich waren. „Nenn mich Khepri", sagte er. „Und ich bin hier, um dich zu sehen ... ist das nicht offensichtlich?"
„Warum?", fragte Harry misstrauisch. Seine Hand umschloss seinen Zauberstab fest und er war bereit, sich zu verteidigen, falls „Khepri" ihn angreifen sollte.
„Um dich zu warnen ...", sagte Khepri mit diesem seltsamen Akzent. Woher kam er? Harry konnte den Akzent überhaupt nicht zuordnen. „Um dich vor Gefahr zu warnen. Dich vor einer Bedrohung zu warnen. Es hat eine Weile gedauert dich zu finden. Du bist gut versteckt, Harry Potter. Und so gut beschützt ... du hast zwei Beschützer, nicht wahr? Einer ist jetzt hier." Er legte den Kopf zur Seite und Harry sah, dass er lange, schwarze Haare bis zur Hüfte hatte, die ordentlich geflochten und mit Goldfäden durchsetzt waren. „Aber er wird dich nicht beschützen. Und ich bin hier, um dich zu warnen."
„Wovor genau?", sagte Harry. Harry war sich bewusst, dass er noch immer am Kopfende des Bettes saß und Khepri besorgt gestresst ansah. Diese gelben, falkenähnlichen Augen waren nervenaufreibend.
„So ungeduldig?", flüsterte Khepri. „Wobei ich extra den weiten Weg hierher gekommen bin? Keine Zeit für nette Unterhaltung?"
Khepri hatte Harry bis jetzt ein wenig an Dobby den Hauselfen erinnert, obwohl Khepri einem Hauself nicht einmal entfernt ähnelte. Er war ziemlich klein, etwa so groß wie ein normaler Erstklässler, aber er wäre trotzdem größer als ein Hauself gewesen. Hauselfen hatten auch lange, spitze Ohren, aber Harry merkte, dass Khepris Ohren eher wie die einer Katze waren.
„Sie werden dich hier oben hören", warnte ihn Harry. „Ron und meine anderen Freunde. Oder ich werde nach ihnen schreien, wenn du mir nicht sagst, warum du hier bist und warum die in meinen Träumen herumspukst."
Khepri grinste und zeigte seine spitzen, weißen Zähne. „Du kannst soviel schreien, wie du willst. Es wird dir nichts bringen."
Harry lief ein kalter Schauer über den Rücken. „Was hast du mit ihnen gemacht?"
„Nichts, nichts", beruhigte ihn Khepri. „Ich darf niemanden außer dich kontaktieren ... darf nichts berühren, nicht erscheinen ... du bist der einzige Mensch auf der Welt, der mich sehen kann. Du und er..."
„Er?", wiederholte Harry misstrauisch. „Und welcher Er ist das?"
„Der, wegen dem ich dich warnen will", sagte Khepri und grinste ihn wieder an. Es war wirklich zum Verrückt werden.
„Oh ja?", schnarrte Harry. „Wer?"
Khepris Grinsen wurde noch breiter – falls das möglich war – und er flüsterte: „Er sucht danach. Darum bin ich hier, um dich zu warnen."
„Wer sucht nach was?", sagte Harry wütend, aber bevor Khepri antworten konnte öffnete sich knarrend die Tür.
Snape sah ihn stirnrunzelnd an. „Potter, was treibst du hier oben?"
„Können Sie es sehen?", sagte Harry schnell.
„Es?", murmelte Khepri geschockt.
Snapes Stirnrunzeln vertiefte sich. „Was sehen? Sag mir nicht, dass du Halluzinationen hast ..."
Harry deutete auf Khepri, den Finger nur ein paar Zentimeter vor Khepris Gesicht, und er bettelte darum, dass Snape verstehen würde, während er keuchte: „Da! Können Sie es sehen? Oder ihn? Oder was auch immer ... Khepri?"
„Potter ..." Snapes Augen wanderten zu Khepri und wieder zurück zu Harry. „Da ist nichts." Er streckte die Hand aus und fuhr mit den Fingern glatt durch Khepri durch, als wäre er nur ein Spiel des Lichts. Harry riss den Mund auf. Khepri strahlte ihn an und seine Zähne glitzerten. Snape starrte Harry nun an, zog dann seinen Kopf zurück, damit er ihm in die Augen schauen konnte, und runzelte die Stirn. „Deine Pupillen scheinen in Ordnung zu sein ..."
„Sie denken, dass ich Halluzinationen habe?", sagte Harry, riss sich los und deutete wild auf Khepri, der jetzt hinter Snapes Schulter grinste. „Sehen Sie! Er ist doch genau da! ... Er hat ... so was wie falkenähnliche Augen und Krokodilszähne!"
„Falkenähnliche Augen und Krokodilszähne", wiederholte Snape in dem Ton, den er normalerweise für verrückte oder betrunkene Menschen verwendete, und hob eine Augenbraue.
„Sie müssen mir glauben", bat Harry. „Professor, ich mache keine Scherze, da ist etwas!" Khepri kicherte leise und seine Lippe kräuselte sich, so dass seine scharfen Zähne sichtbar wurden. Harry packte Snape Arm. „Da! Haben Sie ihn nicht gehört?"
„Potter", sagte Snape ruhig. Er zog Harry auf die Beine und Harry wusste, dass Snape nur so ruhig mit ihm sprach, weil er dachte, er hätte den Verstand verloren. „Ich denke, du brauchst etwas frische Luft ..."
Khepri streckte die Pfote aus und umklammerte damit Harrys anderen Arm. Harry wollte Snape schon wieder davon überzeugen, dass er nicht verrückt war, aber Khepri unterbrach ihn mit leiser und ernster Stimme: „Dein schlimmster Feind sucht danach, und wenn er es findet, wird er Zugang zu einer Macht haben, die so schrecklich ist, dass dich niemand mehr retten kann. Finde es vor ihm. Ich werde mich wieder melden."
Und dann hüllte eine riesige Rauchwolke Harry und Snape ein und Khepri verschwand einfach. Harry streckte die Hand nach ihm aus und wollte ihn um mehr Antworten bitten, aber seine Hände fanden im Rauch nichts mehr. Snape zog ihn rücklings aus dem Zimmer; sein Griff war fester, als Harry es je für möglich gehalten hätte. Harry wehrte sich nicht. Er versuchte zu angestrengt, sich Khepris letzte Worte einzuprägen, und obwohl sie noch keinen Sinn ergaben, wollte er herausfinden, was los war.
„Galoppierende Gorgonen hörte Harry jemanden von unten herauf schreien, als er und Snape auf den Korridor über der Eingangshalle stolperten und eine schwarze Rauchwolke mit sich brachten.
„Holt sofort Lupin hier rauf!", schnarrte Snape und zog Harry aus dem Rauch. „Jemand hat etwas mit Potter gemacht!"
„Niemand hat etwas mit mir gemacht!", protestierte Harry.
Snape antwortete nicht, und als sie aus dem gröbsten heraus waren, hielt er inne und atmete tief durch und lehnte sich gegen das Geländer. Sein Gesicht war komplett schwarz, als ob ihn jemand mit schwarzem Make-up geschminkt hätte. Harry wusste, dass er wahrscheinlich ähnlich aussah. Schritte ertönten auf der Treppe und ein komplett verwirrt aussehender Lupin erschien neben ihnen.
„Was ist passiert?", fragte er.
„Potter hat Unsinn geredet – "
„Es war kein Unsinn!"
„ – und hat schließlich all den Rauch von sich gegeben."
„Das war ich nicht!", sagte Harry verzweifelt. „Es war Khepri!"
„Es ist in Ordnung, Harry", sagte Lupin mit beruhigender Stimme und zog den Zauberstab. „Entspann dich einfach ... dieser Rauch kann für ihn nicht gut sein ... Severus, pack ihn an den Knöcheln und wir bringen ihn raus ..."
„Ich bin nicht wahnsinnig!", rief Harry, obwohl es nichts brachte. Er wurde von Snape und Lupin aus dem Haus getragen und auf dem schäbigen kleinen Hof voller zerbrochener Steine und Mülltonnen abgesetzt.
„Nun?", fragte Snape. „Was ist mit ihm los?"
Lupin ignorierte ihn und überprüfte mit der Hand Harrys Temperatur. Harry wusste nicht, was er sagen sollte, um sie zu überzeugen, ihm zu glauben. Er war sich sicher, dass er Khepri gesehen hatte – absolut sicher. Harry hatte ihn sogar gefühlt. Aber alles was er nun sagte, würde wie das Geschwafel eines Verfluchten oder Verrückten klingen. Er lag nur still da und starrte Lupin und Snape traurig an.
„Er ist ziemlich warm", sagte Lupin ruhig. „Hast du einen Kühlungstrank? Ich denke, er würde ihm beim Beruhigen auch helfen ... was hast du gesagt ist passiert? Was genau?"
„Ich wollte nachsehen, warum er in seinem Zimmer herum schrie", sagte Snape. Er zog abwesend ein kleines, ledernes Säckchen aus der Tasche seines Umhangs, öffnete es und durchsuchte die Flaschen. „Es hat mich sofort gefragt, ob ich etwas sehen konnte ..."
„Khepri", sagte Harry verzweifelt, aber leise.
„Schhh, Harry ... sei einfach ruhig", sagte Lupin beruhigend. Er nahm die Phiole aus Snapes Hand, entkorkte sie vorsichtig und leerte etwas auf seine Hand. Dann verteilte er den Trank mit dem Daumen auf Harrys Stirn und wandte sich wieder Snape zu. „Was dann?"
„Es ergab wenig Sinn", sagte Snape. „Ich entschloss, dass ihm frische Luft am besten tun würde, aber bevor ich ihn nach draußen bringen konnte, gab er all den Rauch von sich."
„Das war nicht ich", versuchte es Harry schwach. „Bitte ... hören Sie mir nur einen Moment zu ..."
Aber niemand hörte zu. Er wollte sie fast anschreien und ihnen verständlich machen, dass er nicht verrückt war oder Halluzinationen hatte, aber es brachte nichts. Snape und Lupin waren davon überzeugt, dass er nicht ganz bei Sinnen war. Das einzige, was Harry tun konnte, war sich zurückzulehnen und sie reden lassen, und so tun als würde er nichts hören. Harry schloss erschöpft die Augen. Was konnte er tun, außer das, was sie von ihm erwarteten?
Er ließ die Augen geschlossen und nach ein paar Augenblicken hörte er, wie Lupin sanft sagte: „Schhh ... er ist ohnmächtig geworden." Lupins Finger pressten sich an seinen Puls. „Hm ... schläft nur."
Harry runzelte leicht die Stirn und tat so, als ob er schliefe und drehte dann leicht den Kopf. Snape schlug Lupins Hand zur Seite. Harry spürte, wie Snape sich neben ihn kniete und wie sich eine sehr kalte Hand sanft auf seine Stirn legte. Harry machte es eigentlich nichts aus, verletzt zu werden. Denn nur dann kam Snapes beschützende Seite so richtig zum Vorschein.
„Potter", sagte Snape leise. „Wach auf, Potter ..."
„Wo ... wo bin ich?", krächzte Harry und verzog in gespielter Verwirrung das Gesicht.
„Am Grimmauldplatz", murmelte Snape. Harry spürte, wie noch mehr Kühlungstrank auf seine Stirn gerieben wurde – diesmal von Snapes kalten und knochigen Fingern. „Was ist das letzte, an das du dich erinnern kannst, Potter?"
„Ich bin ... nach oben gegangen", sagte Harry und tat so, als wäre er verwirrt. Er ließ die Augen geschossen, weil er wusste, dass Snape sofort erkennen würde, dass er log, wenn sie Augenkontakt hatten. „Und dann ... ich weiß es nicht ... ich kann mich nicht erinnern ..."
Er hörte, wie sich die Hintertür öffnete und dann erklang über ihm Mrs. Weasleys besorgte Stimme. „Ist er in Ordnung? Ich hab Fred und George aufgetragen, den Rauch aus den Fenster zu blasen ..."
„Es war wahrscheinlich nichts ernstes", sagte Lupin mild. „Er kommt schon wieder zu sich, Molly ... scheint ein wenig verwirrt zu sein ..."
„Was ist passiert?", krächzte Harry und drehte den Kopf in die Richtung von Lupins Stimme. Er fühlte, wie ihn jemand an den Ellbogen packte und ihm beim Aufsitzen half, dann legten sich kalte Hände auf seine Schultern, um ihn aufrecht zu halten.
„Du hattest einen kleinen Anfall", sagte Snapes Stimme leise.
„Armes Ding", sagte Mrs. Weasley, kniete sich auf Harrys andere Seite, zerzauste ihm das Haar und strich es aus seiner Stirn. „Es muss von all den Farbdüften von Fred und George im Dachboden kommen ... ich wusste, dass die Düfte nicht gut sein konnten, ich hab die beiden gewarnt ... armer Harry ... braucht er etwas?"
„Frische Luft", sagte Lupin aufmunternd. „Vielleicht auch etwas Wasser ... wir sollten lieber alle anderen raus bringen, oder zumindest Ventilationszauber anwenden. Wenn das wegen den Düften mit Harry passiert ist, will ich nicht daran denken, wie es Fred und George dort oben geht. Entferne lieber alle scharfen Gegenstände, Molly. Eigentlich solltest du lieber alles wegbringen, so wie ich Fred und George kenne."
„Wo ... wo ist Ron?", sagte Harry heiser. „Ich will Ron sehen ... u-und Hermine ... und Draco ..."
„Ich werde gehen und sie holen", sagte Lupin und ging dann durch die Hintertür davon, gefolgt von Mrs. Weasley. Harry blieb mit Snape alleine, der noch immer Kühlungstrank auf seine Stirn rieb.
„Potter?", sagte er. „Kannst du mich hören?"
Harry nickte. „Ich fühle mich seltsam ..."
„Verständlich", sagte Snape. Er seufzte. „Potter, Potter ... warum musst du dich immer dort in Gefahr bringen, wo ich dich nicht beschützen kann?"
„Huh?", fragte Harry langsam
„In deinem Geist", sagte Snape. Er schüttelte den Kopf und Harry bemerkte vage, wie ein Taschentuch den Rest des Trankes von seiner Stirn wischte. „Wenn es ein Angreifer wäre, könnte ich dir den Gegenfluch beibringen. Wenn du dich verläuft, könnte ich dich finden. Wärst du krank, könnte ich dich heilen. Und trotzdem sind deine Feinde an dem einzigen Ort, wo nur du gegen sie kämpfen kannst ... an manchen Tagen, Potter, denke ich, dass du mit Absicht seltsam bist."
„Nicht meine Schuld", sagte Harry. Er öffnete seine Augen ein wenig, um Snape anzusehen. „Ich will nicht ..."
„Das ist genau das Problem", sagte Snape mit einem kleinen Lächeln.
Die Hintertür öffnete sich wieder und Ron und Hermine kamen heraus in die Nachtluft. Hermine sah wie immer besorgt aus, und Ron rieb seine Nase, runzelte die Stirn und murmelte: „Wer kam auf die Idee, eine Rauchbombe loszulassen? Und wie soll man durch den ganzen Rauch was sehen?"
„Harry?", sagte Hermine besorgt, als Snape aufstand, den Hof verließ und die Tür hinter sich schloss. „Bist du okay? Was ist passiert?"
Er setzte sich auf und ließ das verwirrte Spiel sofort sein. „Freunde ... versprecht mir, dass ihr mir glauben werdet, wenn ich es euch sage. Versprecht es mir."
„Wir versprechen es", sagte Hermine. „Warum? Was ist los?"
Harry wusste nicht so recht, wo er beginnen sollte – es war schwierig herauszufinden, was er sagen sollte, besonders weil er Angst hatte, dass Ron und Hermine ihn genau wie Snape und Lupin als wahnsinnig abstempeln würden. Also sagte er vorsichtig: „Als ich in mein Zimmer gekommen bin war dort eine Kreatur."
„Welche Art von Kreatur?", fragte Ron gedankenverloren, während er weiter seine Nase rieb.
„Es war ... ich weiß es nicht. Ich hab so etwas noch nie gesehen." Harry runzelte leicht die Stirn. „Er war ... etwa so groß wie ein Erstklässler. Aber er war nicht menschlich. Er hatte Fell, wie das eines Löwen, und einen Mund voller Krokodilszähne. Augen wie ein Falke, langes Haar, das geflochten war, und Pfoten. Die Pfoten eines Löwen." Er sah seine Freunde genau an und hoffte, dass sie verstehen würden. „Er sagte, sein Name wäre Khepri."
Er sah keine eindeutigen Anzeichen von Misstrauen, also fuhr er fort und beobachtete die ganze Zeit ihre Reaktionen.
„Er war schon da, als ich kam ... aber ich hab vor schon von ihm geträumt. Jede Nacht seit Schulschluss. Er ist einfach in meinen Träumen und lächelt. Und er war auch in meinem Zimmer ... er sagte, dass mein schlimmster Feind nach etwas sucht ... ich weiß nicht, wonach, aber er sucht danach. Und wenn er es findet ... dann wird er eine Macht erhalten, die so schrecklich ist, dass mich niemand mehr retten kann." Er sah sie besorgt an. „Glaubt mir ..."
Hermine sah nicht sehr überzeugt aus, aber Ron schon. „Ich glaub dir", sagte er ohne Zögern. „Du hast mit solchen Dingen immer Recht gehabt."
„Ähm ...", sagte Hermine nervös.
Ron warf ihr einen Blick zu. „Nun, stimmt doch." Harry merkte, dass Rons erste Reaktion gewesen war, auf sie wütend zu werden, weil sie Harry nicht glaubte, aber er änderte schnell die Meinung und sein Ton wurde sanfter.
„Nun ... was ist mit ... mit ... Sirius", flüsterte sie.
Harry wandte den Blick ab. „Du musst das Schlimmste immer in den schlimmsten Zeiten erwähnen, nicht wahr, Hermine?"
„Oh, Harry ... sei bitte nicht so ..." Sie seufzte leise und setzte sich neben ihn auf den Boden. „Ich glaube dir, das weißt du doch ... aber du bist doch jetzt gerade nicht in Gefahr, oder?"
Harry war eine Weile still, dann sagte er: „Ich weiß nicht ... es könnte schon sein. Voldemort muss mein schlimmster Feind sein ... es gibt niemand anderen, der wirklich ein Problem sein könnte ... und er sucht nach etwas. Aber ich weiß nicht einmal, was es ist." Er seufzte und starrte auf seine Knie, die von dem Rauch, den Khepri hinterlassen hatte, noch immer schwarz waren. „Warum können diese ‚Boten', die dauernd zu mir kommen, mir nicht einfach sagen, worum es geht? Mein zweites Jahr wäre um einiges weniger stressig gewesen, wenn Dobby einfach gekommen wäre und gesagt hätte: ‚Hallo Harry, Voldemort wird dieses Jahr von der kleinen Schwester deines besten Freundes Besitz ergreifen, aber es wird eine sechzehn Jahre alte Erinnerung sein, und um alles aufzuhalten, musst du nur ihre Bücher überprüfen, wenn ihr vom Einkaufen zurückkommt, dort wirst du ein Tagebuch finden, verbrenne es sofort.'"
„Woher wusste Dobby das überhaupt?", sagte Ron mit nachdenklicher Miene.
„Er hat es wahrscheinlich von Lucius Malfoy gehört", sagte Harry schulterzuckend. „Oder von Draco." Er sah auf und plötzlich wurde ihm etwas klar. „Hey, wo ist Draco?"
„Keine Ahnung", sagte Ron. Er sah sich um. „Hab ihn nicht mehr gesehen, seit der ganze Rauch aufgetaucht ist. Er war in der Küche und las die Zeitung."
„Er ist wahrscheinlich noch drinnen", sagte Hermine und begann zu zittern. „Es ist wirklich kalt ... gehen wir wieder rein. Inzwischen haben sie sicher schon Belüftungszauber gestartet. Harry, wenn du dieses ... Ding wieder siehst, sag es uns und wir werden mit Lupin oder Dumbledore darüber reden, okay?"
Sie und Ron halfen Harry vorsichtig auf die Beine und sie gingen nach drinnen. In der Nähe der Decke schwebten ein paar Ventilatoren, die sich langsam drehten und dabei den schweren, schwarzen Rauch vertrieben. Alle hockten bei der Eingangstür. Mr. Weasley umklammerte seinen wertvollen Fernseher und drückte ihn an seine Brust, als wäre er sein erstgeborener Sohn.
„Harry, mein Lieber?", rief Mrs. Weasley. „Komm aus dem Rauch raus, wir wollen nicht noch mehr Unfälle ... wie fühlst du dich?"
„Gut", meinte Harry abwesend. „Wo ist Draco?"
„Er war in der Küche und las die Zeitung, als der Rauch auftauchte", sagte Ginny und blinzelte ihm von der Tür her entgegen. „Er ist aber nicht rausgekommen. Ich dachte, er wäre bei dir draußen."
Ein unangenehmes Gefühl machte sich in Harrys Magen breit. Er lief in die Küche, gefolgt von einem sehr zögernden Ron und einer besorgten Hermine, doch die Küche war leer. Eine Ausgabe des Abendpropheten lag offen auf den Küchentisch und flatterte leicht in einer Brise, die durch die offene Tür neben dem Herd kam. Harry hatte diese Tür noch nie zuvor offen gesehen. Er warf einen Blick hinaus und sah eine sehr dunkle und dreckige Gasse, die sich zwischen den Häusern durch schlängelte.
Ron steckte den Kopf aus der Tür und kräuselte wegen dem Geruch die Nase. Er öffnete den Mund und rief: „Malfoy! Malfoy!" Er erhielt keine Antwort außer dem Echo seiner eigenen Stimme und das ferne Mauzen einer Katze. „Nicht hier draußen", sagte Ron schulterzuckend. „Außer er tut so, als wäre er eine Katze."
„Oh nein", keuchte Hermine plötzlich hinter ihnen.
Harry und Ron wirbelten herum. Hermine stand beim Tisch und starrte auf die flatternde Zeitung und ihre Hand lag flach auf der Seite, die Draco gelesen hatte, bevor er verschwunden war.
„Was ist los?", fragte Harry besorgt.
„Ich weiß, wo er ist", sagte sie. „Aber ... oh, dieser Dummkopf! In der Nacht! Der ganze Ort wird doch bestimmt voller Todesser sein!"
„Wohin ist er gegangen?", fragte Ron mit großen Augen.
Hermine nahm die Zeitung vom Tisch und streckte sie ihnen entgegen. Eine große Schlagzeile, die über zwei Seiten ging, gab ihnen alle Antworten, die sie brauchten –
DAS MALFOY ANWESEN WIRD ABGERISSEN – Ministerium erhält von der Muggelregierung eine große Summe für das Land. „Autobahn" geplant.
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Als alle drei endlich erkannten, was geschehen war, informierten sie die anderen. Mrs. Weasley lief nach oben zum Kamin, gefolgt von den meisten der besorgten Erwachsenen. Luna, Neville und Ginny waren fünfzehn Minuten später noch immer bei Vordertür und schnappten frische Luft, während Harry, Ron und Hermine über das Problem diskutierten.
„Okay, gehen wir das noch einmal durch", sagte Ron, der immer noch verwirrt aussah. „Malfoy ist ... ?"
„Zum Malfoy Anwesen gegangen", sagte Hermine.
„Weil ...?"
„Es morgen abgerissen werden soll."
„Und nun ...?"
„Oh, Ron, er ist dort aufgewachsen. Schöne Erinnerungen und so, du weißt schon."
„Und wir sind alle besorgt weil ...?"
„Wenn das Malfoy Anwesen morgen abgerissen wird, muss es dort nur so vor Todessern wimmeln, die versuchen, so viele von Lucius Malfoys dunklen Gegenständen wie möglich zu retten."
„Und ...?"
„Draco wird von Voldemort gesucht, Ron."
„Also ...?"
„Wenn die Todesser ihn dort finden, werden sie ihn bestimmt mitnehmen und wir werden ihn nie wieder sehen."
„Und das ist ein Problem, weil ...?"
Hermine runzelte ein wenig die Stirn. „Weil Draco ein wichtiger Mensch und guter Freund ist."
Harry, der all dem ziemlich benommen zugehört hatte, erkannte – im Gegensatz zu Ron – die Warnung, die Hermine ausgesprochen hatte. Er mischte sich in das Gespräch ein und versuchte, einen Streit zu verhindern. „Und er weiß außerdem viel über den Orden. Sie könnten Veritaserum verwenden oder ihn foltern."
Die Tür öffnete sich und Snape stürmte ins Zimmer; sein schwarzgrüner Umhang wehte hinter ihm und in der rechten Hand hielt er ein silbernes Säckchen. „Potter!"
„Was?", sagte Harry ziemlich überrascht. „Was habe ich jetzt getan?"
„Nichts", sagte Snape kalt. „Hol diesen verdammten Umhang, den du hast, und beeil dich. Es ist Zeit für dein erste Mission für den Orden."
„Warum?", wollte Harry wissen. „Was werde ich machen?"
„Zum Malfoy Anwesen gehen", sagte Snape. „Professor Dumbledore denkt, dass es wahrscheinlich ist, dass Draco eher auf dich und mich hören wird, als auf irgendwelche anderen Zauberer. Wir müssen sofort gehen."
Harry stand vom Tisch auf und, nachdem er Ron und Hermine kurz eine gute Nacht gewünscht hatte, führte Snape ihn die Treppe rauf. Nach einem kurzen Stop bei Harrys Zimmer, wo er sich seinen Tarnumhang holte, gingen sie zurück nach unten ins Wohnzimmer, wo der größte Kamin des Hauses war. Snape holte das Säckchen mit dem Flohpulver hervor.
„Wenn ich es dir sage, dann zieh deinen Umhang an", sagte Snape ruhig und nahm eine Prise. „Obwohl du ihn nur brauchen wirst, wenn wir sicher sind, dass Todesser dort sind. Bleib immer in meiner Nähe, Potter, und halt deinen Zauberstab bereit ... geh kein Risiko ein ... verstehst du das? Ich will verdammt sein, wenn du auf deiner ersten Mission für den Orden stirbst, noch dazu, wenn du mit mir unterwegs bist."
„Ich verstehe", sagte Harry. Er zog den Zauberstab heraus und trat (nach vor) in den Kamin.
Snape stellte sich neben ihn, den Zauberstab fest umklammert, und warf das glitzernde Pulver mit einer langen Armbewegung um ihre Füße. „Malfoy Anwesen", knurrte er.
Harry fühlte, wie seine Beine den Boden verließen und er drehte und drehte und drehte sich um sich herum, wirbelte durch das Flohnetzwerk als wäre nicht mehr als ein bisschen Rauch. Etwas verhängte sich an seinem Fuß, er schluckte viel Asche und wäre fast gestürzt, wenn Snapes kalte Hände ihn nicht am Arm gepackt hätten und ihn auf den Beinen gehalten hätten. Dann, so plötzlich wie alles begonnen hatte, fühlte Harry, wie seine Füße auf kaltem Stein landeten und er nach vorne viel, zerknautscht auf dem Boden landete und das Drehen aufhörte.
