HARRY POTTER UND DAS ANKH VON KHEPRI
KAPITEL 14 – Nox Sanguinis
Ron und Ginny stritten bis spät in die Nacht. Als Hermine herausfand, was Ron und Harry beobachtet hatten, schloss sie sich dem Streit ebenfalls an; sie sagte, dass Ron glücklich für Ginny sein sollte und nicht immer versuchen sollte, sie zu kontrollieren. Harry tat sein Bestes, um sich aus der Sache rauszuhalten. Nach vielen Tränen und lautem Schreien stürmte Ginny nach oben ins Bett und schrie Ron an, dass es ihr Leben war und sie machen würde, was sie wollte. Harry war wirklich froh, dass Hermine nicht lange wütend auf Ron war, denn sein bester Freund tat ihm ziemlich Leid. Hermine schien zu merken, wie schwer die ganze Sache für Ron war, und um ihn aufzumuntern, ließ sie es zu, dass er sie spektakulär im Zaubererschach schlug. Danach fühlte sich Ron ein wenig besser, und zur Abwechslung schaffte er es, ein Gespräch zu führen, während dem er zu niemandem unfreundlich war.
Die Stimmung beim Frühstück war sehr angespannt. Ron redete nicht mit Ginny oder Draco und sie ignorierten ihn genauso entschlossen. Neville, Luna und Kainda hatten keine Ahnung, was in der vorherigen Nacht geschehen war, und die anderen überließen ihm den Job, es ihnen zu erzählen, was Harry sehr unfair fand. Er erklärte es kurz. Neville sah angesichts der Nachricht geschockt aus und sogar Kainda war überrascht, aber Luna lächelte nur sanft.
„Wie süß", murmelte sie. „Romeo und Julia. Sie ignorieren die Wünsche der anderen, um zusammen sein zu können."
„Draco ist doch nicht Romeo", sagte Kainda mit einem schwachen Lächelnd. „Und Ginny ist keine Julia. Wer will darauf wetten, wie lange es dauern wird?"
„Das ist nicht fair", sagte Luna. „Ich denke, wir sollten glücklich sein, weil wir jetzt drei Paare in unserer Gruppe haben. Nur Neville und ich sind jetzt noch alleine. Aber wer weiß."
Neville rückte ein Stück von ihr weg, um sich hinter Harry zu verstecken.
Nach dem Frühstück ging Draco mit seinem Zeichenblock hinaus auf die Schlossgründe. Ginny verschwand in der Bibliothek, wahrscheinlich um Rons düsterem Blick auszuweichen. Ron und Hermine gingen zurück zum Turm der Gryffindors, Neville hinterdrein, und Luna machte sich auf den Weg zum Gemeinschaftsraum der Ravenclaws. Harry sah auf die Uhr und merkte, dass seine Stunde mit Professor Lupin bald beginnen würde. Kainda, die gerade aus der Große Halle rollte, bemerkte seine Miene und kam zu ihm herüber.
„Harry? Ist etwas nicht in Ordnung?"
„Ja ... ich habe eine Extrastunde", sagte er. „Ich will aber eigentlich nicht gehen."
„Ist es wegen Zaubertränke? Ich hab gehört wie jemand vor einer Weile gesagt hat, dass du Nachhilfe nimmst", sagte sie und rollte neben ihm her, während er in Richtung des Korridors für Dunkle Künste ging.
Er lächelte. „Kannst du ein Geheimnis für dich bewahren?"
„Aber klar doch."
„Ich hab keine Nachhilfe", sagte er lächelnd. „Das muss ich nur allen sagen. Ich mache Okklumentik und Legilimentik. Geistestechniken und so was."
Kainda starrte ihn an. „Ist das dein Ernst? Bei wem?"
„Snape", antwortete er.
„Oh, ist das warum ... du dein komisches Halsband hast ...?"
„Nein, das ist etwas anderes."
„Sagst du es mir?"
Er lächelte. „Es ist ... wirklich, wirklich, wirklich kompliziert. Und ich würde eine Menge Gold wetten, dass du es mir sowieso nicht glauben wirst."
„Oh, ich habe schon eine Menge Schwachsinn geglaubt. Weiß sonst noch jemand von dieser wirklich komplizierten Sache?"
„Nein. Ich hab dir wahrscheinlich am meisten gesagt, als du letztes Jahr den Krankenflügel verlassen hast. Mit all den Heilern. Erinnerst du dich, dass ich gesagt habe, dass Dumbledore Snape und Peter beauftragt hat, auf mich Acht zu geben?"
Sie nickte ein wenig. „Verschwommen. Ich habe mich aber damals nicht darauf konzentriert, mir jedes deiner Worte zu merken. Wie wär's, wenn wir uns nach deiner Stunde treffen? Dann können wir besser reden."
„Sicher", sagte er. „Ich werde dich dann suchen ... wo wirst du sein?"
„Wahrscheinlich in der Bibliothek oder in der Großen Halle", sagte sie. Sie winkte, als sie sich umdrehte, rief ihm zum Abschied zu und verschwand dann in einem Korridor. Er wollte irgendwie, dass sie bei ihm blieb, so dass er zumindest seinen Unterricht mit Lupin verschieben konnte, obwohl er gehen musste. Er wusste, dass es wichtig war. Auch wenn er keine kleinen Kreaturen töten wollte.
Als Harry an die Tür von Lupins Büro klopfte, öffnete sie sich fast sofort, obwohl es nicht Lupin war, der ihn begrüßte. Madam Ivy lächelte ihn an; heute trug sie ein orientalisches, rotes Kleid und hatte ihr Haar mit Haargel aufgestellt.
„Ah, hallo Potter. Sie müssen hier sein, um Professor Lupin zu sehen? Er ist drüben in seinen privaten Zimmern."
„Danke, Madam", sagte Harry. Sie öffnete die Tür des Büros und ließ ihn ein, dann führte sie ihn hinüber zu einer anderen Tür. Sie klopfte dreimal und dann ertönte von drinnen Lupins Stimme.
„Ja?"
„Harry Potter ist hier um Sie zu sehen, Professor", sagte Madam Ivy.
Die Tür öffnete sich und Lupin sah sie an; er wirkte krank und bleich. Er warf Harry ein freundliches Lächeln zu. „Morgen, Harry. Wie geht es dir?" Und in dem Moment, als Harry den Raum betrat, schlug er Madam Ivy die Tür vor der Nase zu.
„Gut", sagte Harry und versuchte, ein Grinsen zu unterdrücken. „Sind Sie ...?"
„Müde, aber in Ordnung", sagte Lupin, lächelte schwach, setzte sich auf einen Lehnstuhl beim Feuer und bedeutete dann Harry, sich ebenfalls zu setzen.
Während er sich setzte, sah sich Harry neugierig um. Lupins private Räume waren wirklich ganz anders als die von Snape. Die Wände waren cremefarben, im Gegensatz zu
Snapes dunkelblauen Räumen, und der Boden war nicht aus Stein, sondern von beigem Teppich bedeckt. Sie hatten wahrscheinlich etwa gleich viel Möblierung, aber Lupins war viel mehr verteilt und einladender. Harry fühlte sich von seiner Umgebung ein wenig beruhigt. Er wusste, falls er das Töten unten in Snapes dunklen Zimmern lernen würde, könnte er wahrscheinlich einen Monat lang nicht mehr schlafen.
„Wie war deine erste Woche?", fragte Lupin freundlich.
Harry lächelte, während er darüber nachdachte. „Ereignisreich. Und anstrengend."
„Dann wirst du froh sein, dass sie heute Stunde nicht besonders anspruchsvoll sein wird", sagte Lupin mit einem kleinen Lächeln. „Ich werde damit beginnen, dir ein paar extra Zauber beizubringen, die du in einem Duell benutzen kannst. Ich verstehe, dass du dich nicht darauf freust, zu lernen wie man tötet, und ich weiß auch warum, deswegen werde ich dir zuerst einige Flüche beibringen, mit denen zu deinen Gegner entwaffnen kannst. Wir werden langsam anfangen, Harry."
Von dieser Nachricht immens ermutigt nickte Harry. Lupin schien bereit sein, zu beginnen. Er stand auf, zog seinen Arbeitsumhang aus und hängte ihn an einen Haken neben dem Fenster, bevor er seinen Zauberstab zog. Er bedeutete Harry, sich auf den freien Raum in der Mitte des Zimmers zu stellen.
„Beginnen wir mit etwas Einfachem. Wie zerstört man den Zauberstab des Gegners."
Ein paar lange Stunden später humpelte Harry aus Lupins Zimmer; er besah sich einen blauen Fleck, der sich auf seinem Handrücken bildete, und überprüfte seinen Zauberstab auf Kratzer. Er hatte nicht nur gelernt, wie er den Zauberstab seines Gegners komplett zerstörte und sich dann vor dem Schwall Roher Magie schützte, der daraus hervorbrach, er konnte jetzt auch einen fortgeschrittenen Knochenbruchzauber, er wusste, wie er einen einzelnen Muskel lähmen konnte, anstatt die Ganzkörperklammer verwenden zu müssen, einen Stechzauber, der sehr schmerzhaft sein konnte, und eine nette Auswahl von nützlichen Zaubern. In der nächsten Stunde würde Harry lernen, wie er während dem Laufen Flüche aussprechen konnte. Es war gut zu wissen, dass er nicht von einem Startzeichen weg töten musste.
Als Harry die Bibliothek betrat war sie ziemlich voll. Fast jeder Tisch war von Schülern besetzt, die sich durch ihre ersten Hausaufgaben kämpften, und nachdem er sich ein paar Minuten umgesehen hatte sah Harry, dass Kainda nicht da war. Er verließ die Bibliothek und ging stattdessen in die Große Halle. Ein paar Leute saßen hier und dort und spielten Schach oder unterhielten sich einfach. Das bei weitem auffälligste Paar saß an einem Tisch am Fenster und diskutierte über etwas, das wie ein Musikmagazin aussah. Professor Chetry trug heute ein ziemlich schmuddeliges, weißes Hemd mit einer Jacke im Schottenmuster, dazu eine Hose, die wie von einem Pyjama aussah, und einen kleinen Golfhut, ebenfalls mit Schottenmuster. Ein riesiger, flauschiger, regenbogenfarbener Schal war um seinen Hals gewickelt, und obwohl er drinnen war, steckte eine sternförmige Sonnenbrille auf seinem wilden, knallbunten Haar. Kainda saß ihm gegenüber. Sie trug einen warmen, dunkelbraunen Pullover, der sicher komfortabler war als er gut aussah, aber verglichen mit Professor Chetry wirkte sie verblüffend fein.
„Na, na", sagte er und deutete mit einem seiner dicken Finger auf den Artikel, über den sie sich stritten. „Du mussta olle Artn von Musik von de Muggel onhörn, bevor du sogn konnst, dass de Zauberermusik bessa is. Ah, ich sog ned, dass die gonze Muggel Musik brillant is, oba de meistn mochn ihrn Job okay. Selestina Worbeck könnt sich von Celine Dion a paar Tipps holn, glaub mia des."
„Sie müssen sich aber die ganze Brandbreite ansehen", sagte Kainda weise. „Ja, sie haben Celine Dion, aber dann gibt es auch noch Sänger wie The Cheeky Girls. Und sehen Sie sich die Zauberermusik an, wir haben die Schwestern des Schicksals, Selestina Worbeck ..."
„Ah, oba die Muggeln hobn die Bay City Rollers", sagte Chetry stolz und tippte einen der vielen Sticker auf seinem Schal an. „Es gibt koan einziges Liad auf da Welt, des an die Bay City Rollers au nua nohe ron kommt."
Harry ging zu ihnen herüber und setzte sich an ihren Tisch. Kainda sah auf, als sie ihn bemerkte, und Harry sah, dass es eine magische Zeitschrift war, die offen auf dem Tisch lag. Der Titel des Artikels war: „Muggelmusik Soll Der Zauberergemeinschaft Zugänglich Gemacht Werden: Behaltet euren Müll, sagen die Schwestern des Schicksals."
„Hey, Harry", sagte sie lächelnd. „Wie war deine Stunde?"
„Gut", sagte er. „Zumindest einfacher, als ich gedacht hätte."
„Wunderbar." Sie lächelte Professor Chetry an. „Ich habe Harry versprochen, dass wir einen Spaziergang machen, Sir ... Es macht Ihnen nichts aus, oder? Übrigens, wenn Sie wollen, können Sie die Zeitschrift behalten."
„Ah, danke", sagte er strahlend. „Ne, des macht mia nix aus. Ihr zwoa geht und genießt eian Spaziergang – ia hobts doch nix gefährlichs vor, oda?"
Kainda lächelte höflich. „Nein, nein, natürlich nicht, Professor."
Harry nahm die Griffe ihres Rollstuhls und gemeinsam verließen sie die Große Halle. Professor Chetry ging in die andere Richtung davon; er sang sehr melodielos das neueste Lied von Kylie Minogue und sprang ein wenig hin und her. Kainda lachte leise.
„Er ist verrückt", sagte sie kopfschüttelnd. „Seine Unterrichtsstunden sind witziger als alle anderen, aber er ist verrückt."
„Was macht ihr in Muggelkunde gerade?", fragte Harry.
„Musik", antwortete sie. „Professor Chetry ist da so eine Art Experte. Er hat in Karaokebars der Muggel gesungen und all das. Obwohl sein Geschmack doch ein wenig altmodisch ist. Die Bay City Rollers, also wirklich."
Harry fühlte sich ein wenig besorgt, als sie eine Seitentür zum Hof mit dem neuen Brunnen nahmen. Er wollte Kainda alles sagen, denn seit die Dinge immer gefährlicher und verdächtiger wurden, wollte er jemanden haben, mit dem er darüber reden konnte. Jemand, mit dem er noch nie gestritten hatte, der jedes Wort glauben würde, und der nicht andauernd nach mehr Informationen graben würde, die er dann gegen ihn verwenden konnte. Die einzige Person, die all diese Kriterien erfüllte, war Kainda, obwohl sich Harry nicht um ihre Reaktion Sorgen machte. Es war Snapes. Erwartete Snape, dass Harry den Bund für immer geheim hielt?
Doch als sie den Schulhof betraten, merkte Harry, dass er wohl nicht der ruhigste Ort um zu reden war, denn er sah Ron und Hermine auf einer Steinbank auf der anderen Seite des Hofs sitzen. Er hielt inne und wollte sich umdrehen, aber Ron hatte ihn schon gesehen.
„Hey, Harry! Wo bist du gewesen?"
„Meine Extrastunde mit Lupin", sagte Harry. Er beschloss, dass er immer noch später privat mit Kainda reden konnte und rollte sie über den Hof hinüber zu Ron und Hermine.
Ron sah ziemlich glücklich aus und Harry war dafür nicht undankbar. „Ich hab dir doch davon erzählt, erinnerst du dich?"
„Oh, klar", sagte Ron nickend.
„Also, was habt ihr beiden so gemacht?", fragte Kainda.
„Wir sind nur hier gesessen und ich hab meinen Rücken an dieser Bank verkommen lassen", sagte Ron schulterzuckend. „Es gibt nichts anderes zu tun. Ich hab meine ganzen Hausaufgaben schon erledigt. Keine Ahnung, wie ich es geschafft habe."
Ron und Hermine rutschten auf der Bank zusammen, damit Harry sich setzen konnte. Dann kuschelten sie sich zusammen, wie Pinguine in einem Wirbelsturm, und Harry konnte ein Lächeln nicht unterdrücken. Es war schön, unter Menschen zu sein, die sich nicht ständig an die Gurgel gingen. Er fragte sich gerade, ob er sein ganzes Leben so verbringen konnte, einfach nur hinter Ron und Draco herlaufend, als eine kleine Stimme in seinem Kopf sprach.
„Potter ...?"
Harry wollte fast laut antworten, aber er hielt gerade noch rechtzeitig inne und dachte stattdessen: „Professor?", während seine drei Freunde begannen, Professor Chetrys Musikgeschmack zu diskutieren.
„Sag mir, warum ich hier sitze und das Gefühl bekomme, dass du etwas tust, das du lieber lassen solltest?", sagte Snapes Stimme.
Harry versuchte, seine Miene neutral zu halten, damit seine Freunde nicht dachten, er hätte Halluzinationen. „Das tue ich nicht", dachte er mit unschuldiger Stimme. „Ich sitze mit Ron, Hermine und Kainda hier im Schulhof."
„Was macht ihr?"
„Nur reden", dachte Harry.
„Worüber?"
Harry hatte Schwierigkeiten, sein Gesicht und seine Gedanken zu kontrollieren, bevor er ruhig dachte: „Professor Chetry."
„Und was sind deine Pläne für nach diesem Gespräch?"
„Wollen Sie es für die nächste Woche wissen, oder einen Monat, oder mein gesamtes Leben, oder ...?"
„Fang nicht mit diesem Ton an, Potter. Ich meinte kurzzeitig."
Harry zuckte ein wenig. „Ich will es ihnen irgendwie sagen."
„Was sagen?", sagte Snapes Stimme scharf in seinen Gedanken.
„Alles über den Bund", dachte Harry.
Er hatte ein scharfes und ungeduldiges Nein erwartet, oder vielleicht, dass Snape ihn über Telepathie anschreien würde, aber Snape schaffte es, ihn zu überraschen. Er sagte nicht Ja, aber es war bemerkenswert, dass er auch nicht Nein sagte. „Wem planst du, es zu sagen und aus welchen Gründen?"
„Ron, Hermine, Kainda. Wegen zusätzlicher Sicherheit. Falls ich jemals in Schwierigkeiten komme, aber Sie mich ignorieren oder beschäftigt oder denken, dass ich einfach mein normales, riskantes Ich bin, dann können sie Sie holen. Oder wenn ich vermisst werde und Sie mich nicht finden können, können Sie fragen. Ich werde immerhin auch von Rons Anwesenheit geschützt, also passen sie beide auf mich auf. Er sollte es immerhin wissen." Um dem ganzen noch das I-Tüpfchen aufzusetzen, fügte er sehr hoffnungsvoll und schmerzhaft hinzu: „Bitte ..."
„Ich kann mir diesen traurigen Hundeblick auf deinem Gesicht gut vorstellen, Potter." Snape seufzte in seinen Gedanken. „Inzwischen bereue ich es, so viel Kontakt mit dir zu haben. Du lernst, wie man logisch diskutiert. Doch ich muss zugeben ... nun gut. Doch sei beruhigt, Potter, falls es sich herumspricht, wirst du derjenige sein, der in der ganzen Schule mit Gedächtniszaubern herumläuft, nicht ich."
Harry grinste. „Danke", dachte er, bevor er sanft die Verbindung trennte. Er wusste nicht, wie er es gemacht hatte, er konnte es einfach. Es war, als würde er die Augen schließen – das musste ihm niemand beibringen.
Ron war gerade mitten in einer Rede über ein Konzert, das Fred und George einmal besucht hatten, als er sich selbst unterbrach, denn er sah das Lächeln auf Harrys Gesicht. „Warum grinst du?"
„Weißt du noch, vor einer Ewigkeit", sagte Harry und dachte zurück. „An dem Tag, an dem Kibbles die Hütte mit den Opsittops angezündet hat und wir haben gedacht, es wären Todesser, die Hagrid umbringen wollten."
„Ja ...", sagte Ron langsam.
„Und Snape ist vom Schloss runter gerannt und hat mich angeschrien. Dann hat er mich zur Seite gezogen und mir ein Halsband gegeben, und dann hast du gefragt, was das alles sollte. Ich hab gemeint, dass ich es dir nicht sagen kann, und wenn du fragst, würde ich es dir eines Tages erzählen.
„Ja ..."
Harry lächelte. „Es ist eines Tages. Kommt schon, gehen wir spazieren. Ich kann euch alles sagen."
„Was, uns allen?", fragte Ron überrascht.
Harry nickte, stand auf und zog seinen Umhang fester um sich. Alle drei beobachteten ihn genau, die Überraschung klar auf ihren Gesichtern. Er grinste angesichts ihrer Mienen. „Kommt schon, ich wette fünf Schokofrösche, dass ihr es nicht erraten werdet."
„Das sind drei ... vier ... und fünf." Ron gab ihm den letzten Schokofrosch.
Harry lächelte ein wenig. „Danke. Und war es das wert?"
Ron warf ihm einen seltsamen Blick zu und hob eine Augenbraue. „Herausfinden, dass Snapes Aufgabe ihm Leben ist, dich zu beschützen, dass du seine Gesellschaft tatsächlich genießt, dass Peeves, der Poltergeist, auch dazu bestimmt ist, sein Leben zu geben um dich zu schützen, und dass du mit ihm telepathischen Kontakt hast?"
„Und?"
„Unbezahlbar."
Harry hatte ihren Reaktionen auf alles perfekt vorhergesagt. Kainda fand es ziemlich cool, und obwohl sie keine Fragen stellte, fand sie die Vorstellung eindeutig unterhaltsam. Hermine andererseits stellte Millionen von Fragen, fand sofort hundert Kleinigkeiten, um die Existenz des Bunds zu beweisen, und lief dann zur Bibliothek. Sie kam mit einem dicken Buch voller Informationen über magische Bunde zurück. Ron schien genauso neugierig zu sein wie Hermine, aber seine Fragen waren nicht ganz so theoretisch.
„Also ... Snape kann deine Gedanken lesen?", fragte er und starrte Harry beim Mittagessen über den Tisch hinweg an.
„Nur die, von denen ich es will", sagte Harry. Die Halle war ziemlich leer, denn die meisten Schüler waren noch draußen auf den Schlossgründen oder in ihren Gemeinschaftsräumen, deshalb konnten sie in Ruhe reden. Heute waren nur Ron und Harry zum Mittagessen gekommen. Hermine war noch in der Bibliothek, wo sie über den Bund zwischen Zwillingen lernte, und Kainda war in ihren Gemeinschaftsraum gegangen, wo sie ihren Magen ausruhte. Obwohl sie fast alleine waren hatten Harry und Ron mit Absicht einen Tisch weit weg von allen anderen gewählt, und nur Snape saß in ihrer Nähe; er stocherte mit seiner Gabel auf einem Teller mit Salat herum.
„Also ist es nicht so ... dass er die ganze Zeit über da in deinem Kopf ist", sagte Ron und schien offenbar nicht zu merken, dass er die ganze Zeit Suppe auf seinen Teller löffelte.
„Nein", sagte Harry und schüttelte den Kopf. „Die telepathische Verbindung ist nicht immer offen, nur wenn ich es will. Er kann aber meine Gedanken lesen, wenn wir Augenkontakt haben."
„All deine Gedanken?", fragte Ron schnell.
„Ich lasse ihn nicht alle sehen", sagte Harry schulterzuckend und spießte mit der Gabel ein paar Pommes auf. „Ich kann mit Hilfe von Okklumentik Dinge blockieren."
„Also ist es nicht so, dass ich alles, was ich dir sage, auch ihm sage."
„Nein", sagte Harry und schüttelte bestätigend den Kopf. „Auch wenn er etwas herausfindet, darf er es niemand andrem sagen. Durch den Bund muss er nicht nur mich sondern auch meine Geheimnisse schützen. Und ich darf seine Geheimnisse auch nicht ausplaudern", fügte er hinzu, als er den erwartungsvollen Blick in Rons Augen sah, der jedoch sofort erstarb.
„Oh, warum?", sagte Ron enttäuscht.
„Ich respektiere den Bund jetzt", sagte Harry. „Ich weiß, wie wichtig er ist. Es ist aber nicht so, als hätte er alle möglichen seltsamen Geheimnisse ... er ist nur ein gewöhnlicher Zaubertrankbrauer ..."
Ron beobachtete Snape eine Weile mit misstrauischer Miene und hob eine Augenbraue, als würde er scharf nachdenken. „Oh, ich denke, dass Snape zumindest ein dunkles Geheimnis hat. Etwas, das wirklich, wirklich schrecklich ist. Noch schlimmer, als ein ehemaliger Todesser sein, denn wenn er das den meisten Leuten gegenüber zugegeben hat, dann muss er noch etwas Schlimmeres im Ärmel haben. Vielleicht werden wir es nie wissen. Aber ich garantiere dir, dass irgendwo, weit unten, etwas Schreckliches diesen Typ verfolgt."
Als Harry und Ron die Glocke hörten und ihre Sachen packten, um hinunter zu Hagrids Hütte zu gehen, war das witzige, dass Harry alles, was Ron gesagt hatte, vergessen hatte. Die Worte wurden einfach in einer kleinen Box in seinem Gehirn mit der Aufschrift „Rons paranoide Theorien über Snape" verstaut, die dann irgendwo in einer staubigen Ecke abgestellt wurde, direkt neben allem, was Hermine ihm je über Geschichte Hogwarts gesagt hatte, Snapes dauernden Warnungen, dass er nur ein siebzehnjähriger Zauberer war und nicht gegen Voldemort kämpfen konnte und den Photographien von Mrs Figgs Katzen. Und während die anderen drei niemals benutzt wurden, öffnete sich die Box von Ron zwei Wochen später wieder, als Harry herausfand, dass Ron tatsächlich Recht hatte.
Hagrids Drachen waren nun schon seit zwei Wochen in Hogwarts. Alle drei waren männlich, riesig, schuppig und schrecklich anzusehen, wenn man versuchte, in einer Pflege magischer Geschöpfe Stunde aufzupassen. Zum Glück waren sie so trainiert worden, dass sie keine Schüler oder Gebäude angriffen, also wanderten sie nur durch die Schlossgründe wie gewaltige Pfaue in ihrem Gehege. Und jedes Wochenende, nach seinem Unterricht mit Professor Lupin, ging Harry hinunter zu Hagrids Hütte, um ihm mit dem Futter und den Nestern für die nächste Woche zu helfen. Das dauerte normalerweise ein paar Stunden, und war der Grund, warum Harry etwa drei Wochen nach Septemberbeginn an einem Abend um neun Uhr den nassen Rasen zum Schloss hinauf stolperte.
Nachdem er den ganzen Nachmittag lang Kuhteile zerschnitten hatte, taten seine Hände weh, er war von Flecken bedeckt und er wollte jetzt nur noch zurück zum Turm der Gryffindors stolpern, ein heißes Bad nehmen und dann ins Bett gehen. Er würde seine Hausaufgaben morgen erledigen. Seine UTZ Projekte liefen sehr gut, und er lag sogar ein wenig vor seinem Plan. Hermine hatte ihn in Verteidigung gegen die dunklen Künste und Zaubertränke noch nicht eingeholt, und obwohl er es ihr gegenüber nie zugeben würde, war das für ihn einer der größten Erfolge aller Zeiten. Hermine schien inzwischen auch damit zufrieden zu sein, Ron mit seiner Arbeit zu helfen, wo er sie brauchte, denn er war dazu bereit, das meiste selbst zu erledigen, und so weit Harry sehen konnte lief ihre Beziehung ziemlich gut. Er dachte über sie oft, dass sie ein wenig wie Arthur und Molly Weasley waren, ein Paar, das trotz der kleinen Streitereien miteinander sehr glücklich war. Harry verbrachte natürlich jeden Tag auch ein wenig Zeit mit Kainda, obwohl er darauf Acht gab, das Lernen nicht zu vernachlässigen. Sein UTZ Jahr war das bis jetzt wichtigste, und er war entschlossen, diese letzte Hürde auch noch zu schaffen. Kainda dachte genauso. Vor ein paar Tagen hatte er sich einen Abend für sie frei genommen, an dem er seine Hausaufgaben einfach einmal ignorierte, und die beiden hatten an einem Fenster in der Bibliothek gesessen und leise geredet. Er fragte sich oft, wie es wohl wäre, wenn er noch mit Cho zusammen wäre. Sie hatte Hogwarts inzwischen verlassen und er hatte einmal gehört, dass sie nun bei Madam Malkin arbeitete. Er wusste nicht wirklich, wie es gelaufen wäre, wenn sie sich nicht getrennt hätten. Doch eines war sicher; er hätte die einfache, leichte Beziehung, die er mit Kainda hatte, für nichts auf der Welt getauscht.
Ein Paar, das im Moment sehr viel Aufmerksamkeit von den anderen Schülern erhielt, war Draco und Ginny. Es hatte sich herumgesprochen, dass sie zusammen waren, und Draco war das Gespräch der Schule. Harry dachte, dass er die Sache falsch angepackt hatte, indem er den Veela Skandal nicht hatte ausklingen lassen, bevor er den nächsten begonnen hatte. Natürlich war Harry noch immer mit Draco und Ginny befreundet und teilte seine Zeit gleich mit all seinen Freunden, obwohl das manchmal ein wenig hektisch wurde. Harry bemerkte, dass Draco all die Aufmerksamkeit eigentlich sehr genoss. Er ließ es nicht aus, seine Zuneigung zu Ginny in aller Öffentlichkeit zu zeigen, besonders oft wenn Ron in der Nähe war. Doch ein oder zwei Mal, wenn Ron wütend aus dem Zimmer stürmte, weil Ginny sich wieder an Draco gekuschelt hatte, war Harry sicher, dass er den
Anflug eines triumphierenden Lächelns auf Dracos Gesicht sah, bevor es wieder verschwand.
Er dachte über all dies nach, während er müde die Steinstufen vor dem Schloss hoch kletterte und er bemerkte, wie seine Schuhe bei jedem zweiten Schritt ein schmatzendes Geräusch von sich gaben. Er träumte immer noch von seinem Bad oben im Turm der Gryffindors. Er wusste, dass Hermine oft einige ihrer Schönheitsprodukte im Badezimmer ließ, und er musste zugeben, dass er im Geheimen ein paar ihrer seltsamen Badeperlen ausprobiert hatte. Und es waren sehr interessante Badeperlen, und als er die Eingangshalle betrat hoffte er, dass Hermine sie im Bad gelassen hatte.
In der Halle war es sehr dunkel, obwohl er es fast nicht bemerkte, weil er so in Gedanken versunken war. Sogar so versunken, dass er nicht einmal die Gestalt bemerkte, die mitten in der Halle auf dem Boden lag, bevor fast darüber stolperte.
„Hey!", sagte er, ging ein paar Schritte zurück und versuchte, seine Balance wieder zu finden; wahrscheinlich war es eine Katze. „Schuu! Geh zurück zu deinem Besitzer!"
Der Schatten bewegte sich nicht. Er runzelte misstrauisch die Stirn und zog seinen Zauberstab aus der Tasche seines Umhangs.
„Lumos", murmelte er. Der kleine Lichtstrahl, der am Ende des Zauberstabs erschien, reichte gerade aus, dass er sehen konnte, was in der Mitte der Eingangshalle lag. Und als er es erkannte, öffnete sich sein Mund zu einem stummen Schrei und der Zauberstab fiel zu Boden.
Es war kein Tier, wie er zuerst gedacht hatte, sondern eine Person. Ein Drittklässler, von dem Harry wusste, dass er in Gryffindor war, lag auf dem Rücken da, die Augen waren geschlossen und er sah sehr bleich und still aus. Im Licht des am Boden liegenden Zauberstabs konnte Harry die Wunden an seinem Hals sehen. Es sah aus, als hätte ihn etwas dort gebissen und die Haut wütend zerrissen. Blut tropfte einen See auf dem Boden.
Panik und Angst machten sich in Harry breit. Einen Moment lang stand er wie erstarrt da und starrte nur das unbewegte Gesicht des Jungen an, bevor er erkannte, dass er etwas tun musste. Aber was? Er überlegte kurz, ob er den Jungen in den Krankenflügel tragen konnte, oder vielleicht auch dorthin ziehen, aber er hatte seinen Plan noch nicht einmal wirklich begonnen, als sich die Türen der Bibliothek öffneten. Eine Gestalt kam heraus, die Arme voller Bücher und die hochhackigen Schuhe klickten auf dem Steinboden.
„Potter?"
Es war Madam Ivy. Sie kam ein paar Schritte näher und runzelte die Stirn, während ihr Blick über die Gestalt am Boden wanderte.
„Was ...?", begann sie, bevor sie es erkannte. Ihre Augen weiteten sich hinter ihrer Brille und ihr Mund öffnete sich ein wenig. „Potter, hast du – "
„Nein!", sagte Harry. „Natürlich hab ich nicht! Ich bin gerade hereingekommen und hab ihn gefunden; er lag einfach hier!"
Sie streckte die Hand aus, nahm eine der Fackeln aus der Halterung und legte dann ihre Bücher darauf; sie eilte zu Harry. Er nahm seinen Zauberstab und tippte auf die Fackel. Sie entzündete sich und das Leuchten der Flamme füllte die gesamte Halle, während sich Madam Ivy neben den Jungen kniete und sein Gesicht betrachtete und seinen Kopf zur Seite legte, damit sie die Bisse besser sehen konnte.
„Aber ...", murmelte sie. „Wie könnte das sein ...?"
Sie ließ den Gedanken unvollendet und gab Harry die Fackel. „Potter, nimm das. Wir müssen ihn in den Krankenflügel bringen, damit sich die Krankenschwester um ihn kümmern kann. Geh sicher, dass du die Augen offen und den Zauberstab in der Hand lässt, nur für den Fall – "
„Was ist hier los?", sagte eine Stimme, als eine weitere Gestalt aus den Kerkern erschien. Snape trat in den Kreis aus Licht, während seine dunklen Augen auf dem Jungen auf dem Boden ruhten. Harry bemerkte, dass er ein wenig unordentlicher und blasser als sonst aussah.
„Professor Snape", sagte Madam Ivy und stand auf. „Potter hat diesen Jungen eben hier liegend gefunden. Er hat an seinem Hals einige schlimme Verletzungen. Wir müssen ihn in den Krankenflügel bringen ... ich denke, dass er ein Gryffindor ist, also sollte Minerva benachrichtigt werden."
Snape kam herüber. Er kniete sich neben den Gryffindor, wie vorhin Madam Ivy, und besah sich die Wunden. Doch auf seinem Gesicht lag ein anderer Ausdruck als zuvor bei Madam Ivy – Harry war nicht sicher, was es war. Er sah fast ein wenig geschmerzt aus, als ob an dem Jungen etwas sehr verdächtig oder besorgniserregend wäre.
„Mm", murmelte er leise. „Nun. Potter und ich werden ihn zum Krankenflügel tragen, Madam, ich schlage vor, dass Sie gehen und Minerva berichten, was geschehen ist. Potter, nimm vorsichtig seine Beine."
Harry belegte die Fackel schnell mit einem Schwebezauber und bückte sich dann, um die Knie des Jungen zu packen. Snape hielt ihn unter den Armen. Madam Ivy lief über die Marmortreppe davon, wobei ihr langer, roter Umhang hinter ihr auf dem Boden schleifte.
„Auf drei", sagte Snape unwirsch. „Eins. Zwei. Drei!"
Harry hob die Knie hoch und zu zweit schafften sie es, den Jungen vom Boden zu heben und ihn in Richtung des Krankenflügels zu tragen. Es war leicht zu sehen, wo sie gegangen waren, denn die Blutstropfen formten auf dem Boden eine eindeutige Spur. Snape trug noch immer diese seltsame Miene. Endlich, als Harrys Arme wegen des großen Gewichts zu protestieren begannen, standen sie vor dem Eingang zum Krankenflügel. Professor McGonagall und Madam Pomfrey warteten bereits auf sie. Als Harry und Snape näher kamen, öffneten sie die Tür und Madam Pomfrey führte sie zu einem Bett, auf das sie den Jungen legten.
„Gareth Jones", sagte Professor McGonagall leise, lehnte sich über ihn und betrachtete die Wunden. „Drittes Jahr ... aber warum war er in der Nacht alleine draußen? Ah." Sie hatte ein Tasche des Umhangs geöffnet und eine Ansammlung von Essen gefunden. „Auf dem Weg in die Küche für einen Mitternachtssnack."
„Mein Gott", flüsterte Madam Pomfrey. „Die Wunden ... aber ... das können sie nicht sein, oder doch? Wie zum Teufel konnte einer in Hogwarts eindringen?"
McGonagall runzelte tief die Stirn. „Ich weiß es nicht, Poppy. Ich weiß es nicht. Im Moment haben wir in Hogwarts keine Kinder mit solchem Blut, und ich kann mir nicht vorstellen, dass sich einer auf den Schlossgründen herumtreibt und dann einbricht."
„Was ist los?", fragte Harry vorsichtig. „Was hat ihn gebissen?"
McGonagall seufzte und wandte ihren Blick Harry zu, während sie auf die Wunden deutete. „Diese Art von Bissen weist nur auf eine Kreatur der Erde hin, Potter. Der Vampir." Sie wandte sich Snape zu. „Severus, das Schloss muss durchsucht werden, falls der Angreifer sich noch in den Kerkern herumtreibt. Könnten Sie sich darum kümmern?
Wecken Sie die anderen Lehrer und gehen Sie sicher, dass in Gruppen gesucht wird. Sicherheit durch Mehrheit. Potter, ich werde Sie zurück zum Gryffindorturm bringen."
Snape nickte, und bevor er sich umdrehte um zu gehen, warf er Harry einen Blick zu. Die Stimme seines Geistes füllte Harrys Gedanken einen Moment lang. „Komm morgen um sieben Uhr abends in mein Büro."
Harry deutete ein Nicken an um zu zeigen, dass er verstand, bevor Snape den Krankenflügel verließ und McGonagall ihn ebenfalls hinaus führte. Harry warf noch einen Blick zurück auf Gareth Jones; Madam Pomfrey beugte sich gerade über ihn und tupfte eine seltsame Flüssigkeit auf seine Wunden, und er erinnerte sich an die dunkle Gestalt, die er vor ein paar Wochen gesehen hatte. Hatte sie Gareth angegriffen? Und wenn ja, wo war sie jetzt?
Die Nachricht von Gareth Jones' Schicksal verbreitete sich nicht, was sehr seltsam für Hogwarts war. Am nächsten Tag ging jeder wie üblich seinen Geschäften nach – sie machten Hausaufgaben, spielten, spazierten über die Schlossgründe, redeten und lachten. Gareth Jones' Verschwinden wurde im Gryffindorturm bemerkt, aber alle sagten, dass er schon seit einigen Tagen krank ausgesehen hatte und deswegen fand es niemand verdächtig. Nach dem Abendessen fragte Harry Professor McGonagall, ob sie den Vampir gefunden hatten, aber sie sagte nein, und es war wahrscheinlich, dass er aus dem Wald hereingeschlichen war, Gareth gesehen und ihn gebissen hatte und dann geflohen war. Harry erzählte ihr nichts von der vermummten Gestalt, die er vor ein paar Wochen gesehen hatte. Er konnte es nicht über sich bringen, die Sicherheit im Schloss für ein weiteres Jahr zu gefährden, obwohl er nicht dachte, dass es ein einmaliger Angriff war. Nichts Seltsames geschah in Hogwarts je ohne eine Erklärung.
Und Erklärungen waren etwas, wonach Harry suchte. Er wusste fast nichts über Vampire. Alle Geschöpfe in der Zaubererwelt waren entweder als Zauberwesen oder Tierwesen eingestuft. Werwölfe waren Tierwesen, Veela wurden fast überall als Tierwesen angesehen, Mermenschen und Zentauren waren Tierwesen, doch Vampire waren auf der ganzen Welt Zauberwesen. Deshalb hatte Harry nie in Verteidigung gegen die dunklen Künste oder Magische Geschöpfe von ihnen gelernt. Im ersten Jahr war das Thema gestreift worden, als Professor Quirrel eine Erklärung über den Verbotenen Wald gestottert hatte, aber das war auch schon alles. Harrys einzige andere Informationsquelle waren die unzähligen Muggel-Horrorfilme, die Dudley zu Weihnachten und zu Geburtstagen bekommen hatte. Er hatte eine Weile Horrorfilme gemocht und viele Vampirfilme angesehen, die das übliche Trinken des Blutes zeigten, oder wie sich andere Menschen auch in Vampire verwandelten. Wenn die Sicht der Muggel stimmte, würde Gareth Jones nun ein Vampir sein. Andererseits dachten die Muggel auch, dass Gnome Angeln hatten und in Pilzen wohnten. Das waren eben die Muggel.
Nach dem Abendessen gingen Ron und Hermine in den Gryffindorturm um Schach zu spielen. Harry warf einen Blick auf die Uhr und sah, dass es fast halb sieben war. In einer halben Stunde musste er in Snapes Büro sein – wahrscheinlich für eine GGT Stunde oder so etwas. Er beschloss, dass er die Zeit in der Bibliothek verbringen würde, denn die war in der Nähe der Kerker, und so würde er nicht zu spät kommen.
Sie war ziemlich leer, als er eintrat, abgesehen von ein paar Erstklässlern, die in der Ecke flüsternd und kichernd diskutierten, und Madam Ivy saß zusammengerollt auf einem Stuhl neben dem Feuer. Harry fragte sich einen Moment lang, warum sie nicht in ihrem Quartier las, bis ihm einfiel, dass sie in der Dunkle Künste Abteilung wahrscheinlich nicht willkommen war. Lupin hatte sein Territorium streng abgesteckt. Als Harry vorbeiging warf er einen Blick auf den riesigen Stapel Bücher auf dem Tisch neben ihr und sah ein paar Titel, die alle über berühmte Zauberer der Geschichte waren. Madam Ivy bemerkte ihn nicht.
Harry schlich sich leise in die Verbotene Abteilung; dort würde er sicher bessere Informationen über Vampire finden. Madam Pince war einen Augenblick später hinter ihm.
„Und wer hat dir die Erlaubnis gegeben, in diese Abteilung zu gehen?", fragte sie und beugte sich über ihn wie ein Geier über einen toten Hasen.
Er holte ein Stück Papier aus seiner Tasche – Professor Snape hatte es allen UTZ Schülern gegeben. „Snape", sagte Harry kühl.
Madam Pince runzelte die Stirn, verengte die Augen, als nähme sie seine Entschuldigung nur zögernd an, doch sie musste ihn vorbeilassen. Sie drehte sich um und verschwand zwischen den Bücherregalen. Harry begann, sich in der Abteilung umzusehen. Die meisten Bücher in der Verbotenen Abteilung waren sehr düster anzusehen, bedeckt mit verdächtigen, roten Flecken, viele mit tiefen Rissen an den Rücken, ein paar hier und da verbrannt. Harry sah sich um, bevor er nach Büchern über Vampire suchte, obwohl ihm ein anderes Wort ins Auge stach. Es dauerte einen Moment, bis er erkannte, was er sah, und als es soweit war, streckte er die Hand aus und zog ein in Leder gebundenes Buch aus dem Regal. Er drehte es um. Verin Maleficias blasses, dünnes Gesicht grinste ihn an, nahm dann einen gefederten Hut vom Kopf und verbeugte sich vor ihm. Harry besah sich den Titel des Buches – „Eine Sammlung der Schwarzblütigen Zauberwesen". Er fragte sich, ob es ihm überhaupt helfen würde, setzte sich an einen nahen Tisch und öffnete das Buch. Zum Glück fand er am Ende des Inhaltsverzeichnisses wonach er gesucht hatte: Vampire, Seite 156.
Er blätterte durch das Buch, wobei er den leichten Geruch nach Rauch bemerkte, der davon ausging, bis Seite 156 vor ihm lag. Er verzog ein wenig das Gesicht, als ein Bild ihn begrüßte; ein Vampir trank Blut von jemandem ,den Verin Maleficia als „Spender" bezeichnete, aber Harry betrachtete ihn mehr als „Opfer". Er blätterte um und überflog eine kurze Zusammenfassung.
VAMPIRE: Vampirgen wird vererbt, nicht durch Beißen weitergegeben; in der Nox Sanguinis (Blutsnacht) trinkt ein Vampir zum ersten Mal Blut; verstärkte Kraft; verstärkte Sinne – können zu Problemen mit Licht und Temperatur führen; müssen Blut trinken, um zu überleben; ähnliche Lebenserwartung wie Zauberer – 200-220 Jahre;
Harry verstaute all dies in seinem Gedächtnis. Alles schien Sinn zu machen, und er sah die Dinge, die von den Muggeln in ihre Sagen aufgenommen wurden. Natürlich würden sie jemanden bemerken, der sehr stark war, kein Licht mag und schon länger lebte, als sich irgendjemand erinnern konnte. Harry blätterte wieder um und fand eine weitere von Verin Maleficias wunderbaren Zeichnungen. Dieses Mal war es ein junger Vampir, ein Junge mit unordentlichem braunem Haar, der Blut von jemandem trank, der offenbar sein Vater war. Harry betrachtete das Bild genauer. Der Vater schien keine Schmerzen zu haben und der Junge sah bestimmt nicht bösartig aus.
Er überflog den Text und merkte sich automatisch die wichtigsten und interessanten Phrasen. „Das Trinken des Blutes verlangt einen willigen Spender – im Gegensatz zum Glauben der Muggel." „Menschliches Blut ist am besten geeignet, obwohl Tierblut das Verlangen ebenfalls stillen kann." „Vampirfamilien teilen sich oft ihr Blut und die Situation ist mit Sicherheit keine Behinderung."
Harry las noch eine Weile weiter, wobei seine Augen unkonzentriert über die Seiten wanderten und er nicht wirklich etwas aufnahm. Erst als Madam Pince herüber kam und fragte, was er so lange in der Verbotenen Abteilung machte entschloss er sich zu gehen. Er war ein paar Minuten zu früh dran, aber das war besser als zu spät zu sein. Er stellte das Buch zurück ins Regal und verließ die Bibliothek, wobei er an Madam Ivy vorbeikam, die ihn wieder nicht bemerkte.
Er zog seinen Umhang ein wenig fester, als er die Kerker betrat und sich auf den Weg durch die kalten und dunklen Korridore machte. Er hoffte wirklich, dass jemand die Kerker nach Spuren des Vampirs untersucht hatte. Wäre er ein Vampir gewesen, der sensibel auf Licht und Wärme reagierte und nach einem Versteck suchte, wären die Kerker der ideale Ort. Doch zum Glück schaffte er es, ohne seltsame, vermummte Gestalten oder Schüler in einer Pfütze aus Blut zu sehen. Er hob die Hand und konnte nur einmal klopfen, bevor sich die Tür öffnete und er nach drinnen gezogen wurde.
„Woher wissen Sie, wann ich draußen stehe?", fragte Harry, als Snape hinter ihm schnell die Tür schloss.
„Ich weiß es von dem Moment an, in dem du die Kerker betrittst und die Banne durchbrichst", sagte Snape ruhig. „Setz dich, Potter, und mach es dir bequem."
Harry setzte sich auf seinen üblichen Stuhl, zog seinen Umhang aus und gab ihn Snape. Der Professor hängte ihn an den Haken an der Wand neben der Tür, während Harry fragte: „Also, warum wollten Sie mich sehen? Ich hab doch nicht auch noch am Sonntag GGT, oder?"
„Nein, hast du nicht", sagte Snape. Er ging hinter Harry Stuhl, wo er offenbar Drinks für sie machte.
Er beantwortete die erste Frage nicht.
Ein paar Augenblicke später erschien er wieder und gab Harry eine Tasse Tee. Harry nahm sie mit einem leichten Lächeln, das nicht erwidert wurde. Snape sah seltsam angespannt aus, als er sich auf den Stuhl gegenüber von Harry setzte, und er ließ sich auch nicht wie sonst darauf sinken und markierte damit sein Gebiet. Er saß darauf, als wartete er auf etwas, das sehr bald geschehen würde. Harry hatte außerhalb des Unterrichts genug Zeit mit Snape verbracht um zu wissen, was diese seltsame Position bedeutete; Snape wollte etwas wichtiges tun oder sagen und wusste nicht, wie er beginnen sollte.
Der Professor stand nur ein paar Sekunden, nachdem er sich gesetzt hatte, wieder auf und ging um seinen Stuhl herum, die Hand auf dem Kinn liegend. Harry wurde inzwischen selbst nervös, weil Snape sich so seltsam benahm.
„Der Angriff, Potter. Auf den Gryffindor. Letzte Nacht."
Harry sah von seinem Tee auf und beobachtete Snape, während er unruhig durchs Zimmer ging. „Sie meinen Gareth? Was ist mit ihm?"
Snape sah noch unruhiger aus. Eine Strähne glatten, schwarzen Haares fiel in seine Augen, als er sich abrupt umdrehte und seinen Weg zurück ging. Er runzelte die Stirn, strich sie gereizt zurück und fuhr fort: „Du warst der erste, der ihn fand?"
Harry nickte stumm. Snape ging seinen Weg wieder zurück. Er schien eine Beschäftigung für seine Hände zu brauchen, denn er strich sich entweder durchs Haar oder knetete sie hinter dem Rücken.
„In der Eingangshalle?"
„Nun, ja ... am Fuß der Marmortreppe."
Snapes Hand schien leicht zu zittern, als sie wieder das Haar aus seinen Augen strich. „Mm. Knapp, sehr knapp. Obwohl ich nicht ... ich kann nicht ..." Er seufzte. Er hielt inne, wandte sich Harry zu und legte die Hände auf die Rückenlehne des Stuhls. „Potter, es
gibt etwas, das du wissen musst. Etwas, von dem ich WILL, dass du es weißt; um meinetwillen, um deinetwillen, wegen dem Wohl der gesamten Schule."
Harry beobachtete, wie seine Hand ruhelos eine weitere Haarsträhne zurück strich. Erst in diesem Moment fiel Harry etwas auf, das er unter normalen Umständen sofort bemerkt hätte – Snapes Haar war nicht wie üblich fettig und formlos, sondern glatt und fast glänzend. In der Tat sah Snape heute anders aus. Seine Haut war, obwohl noch immer weiß, nicht mehr fettig und eingefallen. Ein paar kleine Falten um seine Augen waren offenbar verschwunden. Was war hier los?
„Ich ... meine Familie, Potter ... etwas nicht gerade Bewundernswertes wurde durch die männliche Linie weitergegeben, und ... es war noch nie zuvor ein Problem, aber ..."
Harrys Gedanken wanderten zurück zum Grimmauldplatz, wo er Snapes Stammbaum gefunden hatte. Die männliche Linie. Er hatte Snape von Vater zu Vater zurückverfolgt; jeder Mann mit einem schwarzen B und einem Datum gekennzeichnet.
Harry war sehr still. Er wandte den Blick Snape zu und unbewusst spannten sich seine Muskeln an.
„B steht auf Ihrem Stammbaum nicht für Beginn des Lebens, oder?", fragte Harry, seine Stimme kaum mehr als ein Flüstern.
Snape schüttelte wortlos den Kopf.
Einen Moment lang folgte Stille, dann fragte Harry leise, obwohl er wusste, was die Antwort sein würde: „ Aber wofür ...?"
„Blutsnacht. Nox Sanguinis", murmelte Snape.
Harrys Stuhl fiel zu Boden als er aufsprang und die Tasse zerbrach als sie aus seiner Hand fiel. Bevor Snape ihn aufhalten konnte lief Harry zur Tür. Er musste hier raus. Verzweifelt packte er den Türgriff und rüttelte und zog daran, bettelte, dass sie sich öffnen würde, aber dann schlossen sich kalte Finger um sein Handgelenk. Mit unnatürlicher Stärke, die er jetzt verstand, wurde er umgedreht und seine Arme gegen die Tür gepresst. Harry erstarrte.
„Nicht!"", rief er. Automatisch zog er die Schultern hoch um den Hals zu schützen. „Bitte ...!
Snape gab ein leises Geräusch von sich und sagte ernst: „Ich kann nicht, Harry, hör mir zu. Du musst dich beruhigen."
„Lasen Sie mich los", bettelte Harry und versuchte, sich Snapes eisernem Griff zu entwenden. „Der B-Bund ... Sie können nicht, er wird es nicht zulassen, lassen Sie mich ...!"
„Harry", sagte Snape und sein Griff um Harrys Handgelenke wurde fester. „Ich werde dich nicht beißen. Ich könnte es nicht. Noch würde ich es wollen."
„Weil Sie wissen, dass ich es ihnen sagen werde", sagte Harry verzweifelt. „Ich werde direkt zu Dumbledore gehen und ihm sagen, was Gareth angegriffen hat! Sie waren es! Deshalb waren Sie so schnell dort, nachdem Madam Ivy und ich ihn gefunden haben."
„Ich habe diesen Jungen nicht angegriffen", sagte Snape todernst. „Ich habe nie menschliches Blut getrunken, nie. Bitte hör mir zu, Harry. Es gibt auf dieser Welt keinen einzigen Menschen, der von meinem ... Zustand weiß."
„Warum sagen Sie es mir dann?", sagte Harry und sah ihn verwirrt und ängstlich an.
Snape beobachtete ihn einen Moment lang, bevor er seine Handgelenke los ließ. „Setz dich", sagte er und führte Harry zurück zu seinen Stuhl, den er wieder auf die Beine stellte. „Diese Erklärung könnte eine Weile dauern."
Harry ließ sich starr auf den Stuhl sinken. Snape reparierte die Tasse und ließ den verschütteten Tee mit einem Schlenker des Zauberstabs verschwinden, zog dann seinen eigenen Stuhl herüber und ließ sich gegenüber von Harry nieder. Harry erwiderte seinen Blick, unsicher, was er denken sollte.
„Bevor ich ein weiteres Wort sage will ich, dass du mir glaubst und vertraust wenn ich sage, dass ich den Jungen nicht angegriffen habe. Ich habe noch nie menschliches Blut getrunken, und ich versichere dir, wenn ich es wollte, würde ich keine Hogwartsschüler verfolgen."
Harry senkte den Blick auf seine Hände und dann zurück zu seinem Beschützer. Er sah die Wahrheit in Snapes Augen und Harry konnte sagen, dass er nun, da er älter und weiser geworden war, seinem Instinkt vertrauen konnte. Sein Instinkt sagte ihm, dass Snape niemals seine Würde aufgeben und einen Schüler angreifen würde, egal, wie hungrig er war. Er musste Snape nicht einmal sagen, dass er ihm glaubte. Der Professor wusste es einfach. Einen Moment lang saßen sie still da, bevor Harry fragte: „Also ... warum brauchen Sie meine Hilfe?"
„Es gibt eine Verantwortung – und ich will, dass du sie trägst", sagte Snape. Nun, da Harry ihm glaubte, sah er viel mehr wie sein übliches ruhiges, logisch denkendes Selbst aus.
„Siebzehn Jahre lang habe ich dafür gesorgt, dass du nichts gefährliches tust. Jetzt möchte ich eine Gegenleistung." Er steckte die Hand in die Tasche und holte zwei dünne, silberne Ketten heraus, jede mit einem Anhänger in Form eines Hundes. Harry blieb ruhig sitzen, als Snape näher kam und, nachdem er einen Moment lang mit dem Verschluss hantierte, das verhasste Halsband abnahm. Snape hatte es ihm in der Nacht vor der Rückkehr nach Hogwarts gegeben und Harry hatte gar nicht bemerkt, wie sehr er es hasste, bis er es los war und Snape es in seine Tasche gesteckt hatte.
„Ich habe beschlossen, dass ein Halsband vielleicht ein wenig primitiv und unpraktisch ist", sagte Snape ruhig, während er die Kette um Harrys Hals legte.
„Sie meinen, Sie wollen keines Tragen, aber ich werde lästig, wenn ich trotzdem eines tragen muss", sagte Harry mit einem Lächeln.
Snapes Lippen kräuselten sich zu einem Lächeln, aber nach einem Moment konnte er es unterdrücken. „Natürlich nicht, Potter, das wäre doch lächerlich. Aber wenn du das Halsband unbedingt willst, kann ich es dir gerne wieder umlegen – und zwar extra eng."
„Nein, ist schon in Ordnung. Also, warum haben Sie jetzt auch eines?"
Snape gab Harry die andere Kette. Harry legte sie um seinen Hals, während er antwortete. „Der Hauptgrund, warum mein Zustand all die Jahre kein Problem war ist, dass es nichts gibt, das mich daran erinnert. Dieser Angriff wird mir allerdings zumindest für ein paar Wochen in den Gedanken herum spuken. Die Kette ist nur zur Vorsicht, falls ich etwas Gefährliches tue. Du wirst es wissen, falls etwas geschieht, und du kannst die gleichen Schocks verwenden, die ich manchmal noch für dich brauche. Vergiss aber bitte nicht", sagte er, als er Harrys Miene sah, „dass ich nicht glücklich sein werde, wenn du dich dafür entscheidest, mich mitten in der Nacht aus dem Schlaf zu holen."
„Ich werde mich daran erinnern", sagte Harry. Er besah sich seine neue Kette und studierte einen Moment lang den Anhänger und fuhr mit dem Finger über das Metall. „Ähm ... Professor?"
„Ja, Potter?"
„Kann ich ... ein paar Fragen stellen?"
„Du kannst. Ob ich darauf antworten werde, werden wir noch sehen."
„Seit wann sind Sie ein Vampir?", fragte Harry und sah ihn neugierig an.
„Schon immer", sagte Snape. „Ich wurde so geboren. Du hast es selbst auf meinem Stammbaum gesehen ... das Gen wurde von Generation zu Generation weiter gegeben, obwohl es mit mir sterben wird – dem letzten der Snapes."
„Und Sie hatten ihre Blutsnacht als Sie fünfzehn warne. Aber haben Sie davor kein Blut getrunken? Warum haben Sie es nicht gebraucht?", fragte Harry verwirrt.
Snape lächelte. „Falls ich es nicht besser wüsste würde ich sagen, dass du das Thema nachgelesen hast, Potter. Ein Vampir braucht erst nach der Blutsnacht Blut, um zu überleben. Je später sie stattfindet, umso öfter wird der Vampir im späteren Leben Blut brauchen. Wenn man einem Baby, das erst ein paar Stunden alt ist, Blut gibt, wird es später nur alle paar Monate etwas brauchen, wenn man aber erst mit etwa zwanzig Jahren zum ersten Mal Blut trinkt, braucht man es vielleicht jeden Tag."
„Wie oft ...?"
„Zweimal im Monat."
„Aber sie trinken ... nicht menschliches Blut ... aber was ...?"
„Das tut nichts zur Sache", sagte Snape ruhig.
Harry verstand, dass diese Frage nicht beantwortet werden würde, also stellte er eine andere. „Was können Sie sonst noch? Ich meine ... besondere Fähigkeiten. Können Sie sich in eine Fledermaus verwandeln?"
Snape grinste ein wenig. „Geschichten der Muggel, Potter, von einem meiner Vorfahren begonnen. Er war ein Animagus, eine Fledermaus, und machte den Fehler, sich vor den Augen eines Muggels zu verwandeln, der es sofort allen anderen erzählte." Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück. „Ich habe bessere Sinne als die meisten Menschen, und eine speziellen Sinn, den Katzen auch besitzen. Eine Mischungen aus Schmecken und Riechen, der im Mund hinter den Fangzähnen sitzt, und – "
„Aber Sie haben keine Fangzähne", sagte Harry. „Ich habe Ihre Zähne schon gesehen und sie sind ziemlich normal."
Snape bleckte die Zähne und Harrys Kinnlade fiel herunter, als sich die Zähne des Professors vor seinen Augen verlängerten, spitzer wurden und über seine Unterlippe wuchsen. Snape schloss den Mund und grinste wieder. Während er sprach konnte Harry sehen, dass seine Zähne wieder normal waren. „Schon vor Jahrhunderten war es möglich, sie zu verbergen. Ohne Zweifel waren sie so unvorteilhaft, dass sie – zum Glück – jemand verwandelte. Andere Kräfte ... sehr große körperliche Kraft, zum Beispiel. Auch Anschleichen. Und obwohl es nicht wirklich eine Kraft ist – Sensitivität gegenüber Licht und Hitze."
Harry nickte. Er war sich nicht sicher, warum er keine Angst vor Snape hatte. Immerhin hatte er gerade herausgefunden, dass der Mann, dem er mit seinem Leben vertrauen sollte, ein Vampir war, und die meisten Menschen fürchteten sich vor ihnen zu Tode. Vielleicht war es einfach, weil Snape anders aussah als die Vampire, die Harry von Angesicht zu Angesicht gesehen hatte, die Voldemort zu seiner Belagerung mitgebracht hatte. Harry warf Snape einen Blick zu und erinnerte sich an etwas; er betrachtete sein Haar und überlegte, ob er es wagen sollte zu fragen, warum Snape besser aussah...
„... als sonst immer?", fragte Snape. Harry zuckte zusammen und erkannte, dass er seine Gedanken offen gelassen hatte und Snape seinen Gedanken gefolgt war. Er grinste entschuldigend, aber Snape war nicht beleidigt. „Nach dem Trinken ist es immer so."
„Nach dem Trinken?", fragte Harry und warf ihm einen Blick zu.
„Ah, ja ... nun, Potter, ich hasse es, dir das sagen zu müssen, aber du warst nicht der erste, der Gareth Jones fand. Ich war es."
„Und ... und Sie haben ...?"
„Nein. Ich geriet in Panik."
Harry, der sich nicht vorstellen konnte, dass Snape in Panik geriet, es aber nicht ansprach, bedeutete ihm mit einem Blick, weiter zu reden.
„In dem Moment, in dem ich ihn sah, erkannte ich den Angriff eines Vampirs", sagte Snape ruhig, als ob sie über das Wetter redeten. „Wenn es etwas gibt, das einem Vampir Angst macht, dann ist es ein anderer Vampir. Wir brauchen unser Gebiet, genau wie Werwölfe. Falls ein anderer Werwolf nach Hogwarts käme, würde Remus Lupin es sofort wissen und wahrscheinlich wäre einer von ihnen nach ein paar Wochen tot. Vampire sind jedoch ein wenig toleranter. Jedoch erweckte die Vorstellung, ein anderer Vampir könnte in der Eingangshalle sein ein paar ... unangenehme Erinnerungen. Ich ging zurück in mein Büro und versuchte so zu tun, als hätte ich nichts gesehen. Ich trank. Als ich dann Lärm in der Eingangshalle hörte untersuchte ich ihn."
Harry sagte nichts und überlegte. Er hatte Professor Lupin in einem atypischen Moment von Ärger gesehen – wegen ein paar einfachen Haaren in seinem Büro.
Snape bemerkte Harrys Stille und sagte: „Problem, Potter?"
„Professor Lupin mag Madam Ivy nicht", sagte Harry und warf ihm einen Blick zu.
„Sehr wenige Menschen trauen Lehrern, die auf Empfehlung von Cornelius Fudge gekommen sind", sagte Snape. „Besonders Lupin."
„Aber Alrister hasst Fudge", sagte Harry. „Und er kommt mit Madam Ivy klar. Sie denken nicht ... dass sie ein Werwolf ist, oder?"
„Ist sie nicht", sagte Snape und schüttelte den Kopf. „Sie ist auch kein Vampir, wenn du das denkst. Madam Ivy ist menschlich."
„Woher wissen Sie das?", fragte Harry.
„Sie riecht genauso grässlich wie alle anderen", sagte Snape mit einem kleinen Grinsen.
Harry wusste nicht, ob er beleidigt sein sollte oder nicht. „Also wissen Sie, was die anderen sind? Wussten Sie auch von Draco?"
„Ich wusste es", sagte Snape ruhig.
„Warum wussten Sie nicht, was Lupin ist? Sie haben es erst im fünften Jahr herausgefunden."
Snape war einen Moment lang still, bevor er ruhig sagte: „Mit elf Jahren erkannte ich sofort, als ich ihm zum ersten Mal über den Weg lief, dass Remus Lupin nicht zur Gänze menschlich war. Obwohl ich noch nichts anderes als Menschen und Vampire gerochen hatte. Natürlich dachte ich, er wäre ein Vampir. Ich machte den Fehler, ihm zu folgen, um es herauszufinden, obwohl Potter etwas dagegen hatte und mich abwimmelte."
„Tut mir Leid", sagte Harry entschuldigend.
Snape lachte leise auf. „Ich habe es letztes Jahr aufgegeben, dich für die Fehler deines Vater zahlen zu lassen. Du musst dich nicht entschuldigen."
„Wann haben Sie meinen Dad eigentlich zum ersten Mal getroffen?", fragte Harry, der erkannte, dass er das noch nie gefragt hatte. „Und warum haben Sie ihn gehasst? Ich meine ... irgendjemand muss doch damit angefangen haben."
„Hass braucht keinen wirklichen Grund", sagte Snape weise. „Eine Kleinigkeit, zum Beispiel wie jemand aussieht oder spricht, kann einen lebenslangen Hass von beiden Seiten entfachen. Dein Vater war mir gegenüber seit unserer ersten Zugfahrt nach Hogwarts misstrauisch. Er hatte bereits von Anfang an viele Freunde, während ich niemanden hatte."
„Was ist mit Lucius Malfoy?", fragte Harry.
„Malfoy hatte besseres zu tun, als mich zu unterhalten", sagte Snape. „Die Mädchen zu verfolgen etwa. Wie der Vater, so der Sohn." Er warf einen Blick auf die Uhr an der Wand und sagte: „Es wird spät, Potter. Ich werde dich zu deinem Gemeinschaftsraum zurückbringen, wenn es dir nichts ausmacht. Morgen – GGT Stunde."
„Was werden wir machen?", fragte Harry, während er aufstand und seinen Umhang anzog.
„Manipulation der Sinne."
„Wow, das hört sich faszinierend an."
„Täuschen mich meine Ohren, Potter, oder war das deine erste erfolgreiche Verwendung von Sarkasmus?"
„Täuschen mich meine Ohren, Sir, oder war das gerade ein ziemlich schlechter Versuch von Humor?"
Snape grinste, gab ihm einen leichten Schlag auf den Hinterkopf und führte ihn aus dem Büro.
