HARRY POTTER UND DAS ANKH VON KHEPRI
KAPITEL 18 – ZERSTÖRT
Am nächsten Tag beim Mittagessen hatte sich die Nachricht von dem, was mit Pansy passiert war, bereits in der gesamten Schule verbreitet. Während Gareth Jones über sein Schicksal geschwiegen hatte, behielt Pansy nichts für sich, und nachdem ihre Freunde sie im Krankenflügel besucht hatten, begannen sie die Nachricht wie eine ansteckende Krankheit zu verbreiten. Als es genug Schüler wussten, gab schließlich auch Gareth Jones zu, dass ihm etwas Ähnliches zugestoßen war. Er erinnerte sich daran, dass er durch die Eingangshalle gegangen war, und als er gerade überlegt hatte, welchen Weg er zur Küche nehmen wusste, hatte ihn etwas Riesiges und Schwarzes angegriffen, er hatte einen scharfen Schmerz am Nacken gefühlt, und dann erinnerte er sich an nichts mehr. Natürlich war Pansys Erzählung ein wenig dramatischer. Sie war alleine im Gemeinschaftsraum der Slytherins gewesen und hatte ihre Haare am Feuer trocknen lassen, als sich das Porträtloch geöffnet hatte und eine Gestalt mit einem schwarzen Umhang über dem Gesicht hereingekommen war. Die Gestalt hatte sie am Arm gepackt und versucht, sie nach draußen zu zerren, doch sie trat um sich und wehrte sich, bis sie am Nacken gebissen wurde und nicht mehr kämpfen konnte. Sie erinnerte sich sogar daran, dass jemand ihr Blut getrunken hatte, bevor er oder sie einfach in den Kerkern verschwunden war und sie zurückgelassen hatte.
Für den Rest der Woche verbreitete sich schleichend ein Flüstern über Vampire in der Schule. Niemand mit Verstand traute sich, alleine durch die Kerker zu gehen, außer Snape, der deshalb den Auftrag bekam, nach jeglichen Hinweisen auf Vampire zu suchen. Er fand den toten, leblosen Körper eine Schuleule, aus der fast das gesamte Blut gesaugt war. Sie war vermutlich ein Snack gewesen, erklärte er und deutete auf die verschiedenen Bisswunden, welche den Körper der armen Eule bedeckten, bis McGonagall ihn höflich bat, die Eule nicht während des Abendessens am Tisch herumzuzeigen. Neville erbrach sich in seinen Fischauflauf. Bucket, der Kater, versuchte, die tote Eule zu erwischen, woraufhin der Schule fünf Punkte abgezogen wurden, obwohl er natürlich kein Schüler war.
Zu sagen, dass die Wochen ohne Zwischenfälle vergingen, wäre eine Lüge. Eigentlich waren die nächsten anderthalb Monate so stressig, dass Harrys Geist den Großteil davon zu verdrängen schien. Seine GGT Stunden wurde immer anstrengender, und der einzige Frieden, den er in seinem Leben zu kriegen schien, war in diesen ruhigen Stunden in Snapes Büro. Während der Rest der Schule Angst hatte, alleine in die Kerker zu gehen, bemerkte Harry, dass ihn die Atmosphäre dort unten beruhigte. Er fand eine Art Zuflucht in Snapes Büro, welches eine Million Meilen entfernt schien von dem Chaos in der Schule. Fast jeden Tag ließ nun eine Eule den Tagesprophet in Hermines Schoß fallen, und brachte somit weitere Nachrichten von Voldemorts Aktivitäten; entweder eine Attacke auf die Zauberergemeinschaft oder ein weiteres ausgeraubtes Museum. Wonach Voldemort auch suchte, er würde eindeutig nicht ruhen, bis er es hatte. Vielleicht war es auch gut, dass er so von der Suche besessen war, denn keiner seiner Angriffe war so schrecklich wie früher und die Opferzahl blieb zum Glück gering. Harry hätte trotzdem auf die ständige Erinnerung an Voldemorts Gegenwart in der Welt verzichten können.
Bevor Harry merkte, dass es soweit war, war der Winter schon in Hogwarts hereingebrochen und bedeckte das Schloss mit einer dünnen, pudrigen Schicht Schnee. Die Sicherheitsdrachen bekamen einen speziellen Zaubertrank, der sie davon abhielt, Winterschlaf zu halten oder Nester zu bauen, und die UTZ Zaubertränkeschüler waren dafür verantwortlich. Harry hatte keine Ahnung, wie die Drachen das Gebräu trinken und überleben konnten. Es zischte wie Säure und gab ab und zu große, lila Wolken von sich, welche die Decke des Klassenzimmers mit tropfenden lila Flecken bedeckten, die dann auf ihre Köpfe tropften und ihre Haare entfärbten. Nur Draco und seine silberblonde Mähne waren nicht betroffen, aber der Rest der Schüler hatte für ein paar Tage Haare, wie mit Wasserstoffperoxid behandelt, bevor sie sie wieder zur Originalfarbe färben konnten.
Aber für Harry und seine Freunde brachte der Winter zum Glück auch etwas Gutes; etwas, das viel angenehmer war als gefährliche Zaubertränke. Die Quidditch Saison würde im Januar beginnen, und Harry wollte besser sein als alle anderen Teams. Ron beschwerte sich lautstark, als Harry ihn jeden Samstagmorgen zum Quidditch Training weckte. Er klagte, er habe Hausaufgaben oder fühle sich krank, aber Harry glaubte ihm kein Wort. Dass er selbst nicht im Team war stärkte nur seine Motivation, dass alle anderen ohne ihn gut spielen mussten. Sie hatten auch neue Mitglieder für das Team gefunden. Harrys Position als Jäger wurde von Hanna Abbot aus Hufflepuff übernommen, und Kaindas Position als Treiber wurde nun von Justin Finch-Fletchley gespielt. Er war nicht der stärkste Treiber der Welt, aber er arbeitete ziemlich gut mit Ernie zusammen, und die Sache könnte viel schlechter laufen. Jeden Samstag traf sich das Team auf dem Feld zum Training, während Harry zusah und ihnen neue Strategien beibrachte. Kainda saß immer auf der Tribüne, eingewickelt in eine Decke, und Ron ärgerte sich ständig über ihr warme Tasse Suppe. Harry verbrachte viel Zeit an ihrer Seite und redete mit ihr um ein paar ihrer schmerzhaften Erinnerungen leichter zu machen. Er wusste nicht, wie er sich fühlen würde, wenn er selbst nie wieder Quidditch spielen könnte. Kainda kam jedoch damit zurecht, und sie klagte nie, obwohl Harry manchmal eine Sehnsucht in ihren Augen bemerkte, während sie zusah, wie die anderen über die Tribüne rasten.
Harry Arbeit im Unterricht war ebenfalls nicht schlecht. Er schaffte es sogar, seine ersten Projekte ziemlich gut abzuschließen, und er schaffte auch ein paar Bonuspunkte. Jedoch liefen seine Projekte außerhalb des Unterrichts schlecht. Ihm gefielen GGT Stunden und die Zeit, die er mit Snape verbrachte, ziemlich gut, doch sein anderer Unterricht wurde schnell zu etwas, das er ganz und gar nicht mochte. Die Dinge, die Lupin ihm beibrachte, waren nicht so schlecht, aber jeder einzelne Fluch brachte ihn einen Schritt näher zum Töten. Harry freute sich nicht darauf. Das schlimmste war, dass er jedes Mal, wenn er dachte er wollte es nicht lernen, sich daran erinnerte, dass er entweder eines Tages töten musste oder getötet wurde. Wenn er es nicht lernte, würde es die zweite Option sein, was ihm natürlich nicht behagte. Als er Lupin von seinen Sorgen erzählte, warf ihm dieser ein freundliches, mitfühlendes Lächeln zu und sagte nur: „Du musst es lernen, Harry, bevor es zu spät ist."
Es war Mittwoch. Harry war aufgewacht, hatte sich angezogen und war dann mit Ron und Hermine zum Frühstück in die Große Halle gegangen. Sie setzten sich auf ihren üblichen Platz, als plötzlich ein Rauschen über ihnen ertönte und die Posteulen in die Halle flatterten.
„Morgen", sagte Draco und reichte Teller mit Speck und Eier über den Tisch. „Gut geschlafen?"
„Joa", sagte Harry.
Ron stürzte sich gierig auf sein Frühstück. „Ich verhungere", meinte er. „Ich hatte gestern Abend keinen Nachtisch. Denkt ihr, die Hauselfen würde mir Eiscreme bringen, wenn ich sie darum bitte?"
„Vermutlich nicht zum Frühstück", sagte Hermine leicht lächelnd.
Ein Flügelflattern und ein Klappern von Krallen ertönte, als eine Kreischeule vor Draco auf dem Tisch landete. Ihr folgte eine kleine Schleiereule, die Hermines Zeitung brachte, bezahlt wurde und schließlich wieder davonflog. Dracos Kreischeule saß neben seinem Teller und futterte die Speckrinden, die Draco für sie hinlegte, während Hermine die Zeitung aufrollte und seufzte.
„Schon wieder ein Museum", sagte sie. „Dieses Mal ein magisches, in Frankreich. Wird von Gringotts betrieben. Die Kobolde sind furchtbar wütend. Die ägyptisches Abteilung wurde wieder völlig ausgeplündert."
Kainda lehnte sich über Hermines Schulter um den Artikel zu sehen. „Ich wette, jeder Museumsbesitzer auf der Welt ist schon dem Nervenzusammenbruch nahe. Was denkt ihr, was Ihr-wisst-schon-wer suchen könnte?"
Harrys Gabel glitt ihm aus der Hand und fiel klirrend zu Boden. Er tauchte unter den Tisch, um sie zu holen, und hörte dabei den anderen bei ihren Spekulationen über den Plan des Dunklen Lords zu. Als er wieder auftauchte, das Haar noch mehr durcheinander als sonst, machte er den Fehler und sah auf das Titelblatt der Zeitung.
Er verschluckte sich und zum zweiten Mal innerhalb von ein paar Minuten fiel seine Gabel zu Boden.
„Harry? Alles in Ordnung?", sagte Hermine und wandte sich zu ihm um.
Harry streckte die Hand aus und berührte die rechte untere Ecke des großen Bildes auf dem Titelblatt. „Da. Das ist er."
Stirnrunzelnd betrachtete Hermine das Bild. In der Ecke, auf die er gezeigt hatte, befand sich ein zerstörter Wandteppich, dessen Fasern gerissen waren und dessen Rand geborsten war. Das Muster war jedoch noch sichtbar.
Hermine hielt die Zeitung näher vor ihre Augen und ihr Stirnrunzeln wurde tiefer. „Was zum Teufel ist das?"
„Ich weiß es nicht", murmelte Harry. „Aber das ist er, das ist Khepri. Ich bin mir ganz sicher."
„Ich habe so etwas noch nie gesehen", sagte Hermine. „Nicht in Büchern und sonst wo. Und du hast ihn gesehen? In … in Wirklichkeit?"
Harry nickte stumm. Ron, der links von Harry saß, lehnte sich nun herüber und hörte ihrem Gespräch zu. Er warf einen Blick auf das Bild.
„Komisch", sagte er. „Sieht mehr wie ein Tier als eine Person aus. Vielleicht ist es eine Art Geist? Wie ein Schutzengel oder sowas. Beschützt vielleicht, wonach auch immer Voldemort sucht."
„Daran hatte ich noch nicht gedacht", sagte Harry. „Vielleicht … ich weiß aber nicht, wo die Verbindung sein könnte. Soweit ich weiß, könnte er sogar auf Voldemorts Seite sein."
Ron zuckte mit den Schultern. „Nun, er ist ägyptisch, was genau auch immer. Schreib an Bill."
Harry drehte sich schnell um und sah ihn an. „Was?"
„Schreib an Bill", sagte Ron. „Er weiß es bestimmt. Er hat ja den Großteil seiner Karriere in Ägypten verbracht, er kann dir alles darüber sagen, sogar die Dinge, die du in keinen Geschichtebüchern findest."
Harry fühlte Aufregung in sich aufsteigen, und zugleich auch Unglauben, dass er daran nicht zuerst gedacht hatte. Bill Weasley wusste alles über altägyptische Zauberer, und er würde Harry vermutlich alles sagen können, was er über Khepri wissen wollte. Vielleicht hatte Bill sogar eine Ahnung, wonach Voldemort suchte, falls es wirklich mit Khepri zu tun hatte.
Er stand vom Tisch auf und nahm seine Tasche. „Ich geh zur Eulerei und schick ihm einen Brief", sagte er schnell. „Kainda, falls ich zu spät zu Zaubertränke komme, kannst du Snape sagen, dass ich es später erklären werde?"
Sie nickte, schluckte noch einen Bissen Haferbrei und rief ihm nach, „Wohin gehst du?"
„Ich kümmere mich darum!", rief er zurück, während er schnell die Halle verließ.
Ein paar Minuten später betrat er den kalten Turm der Eulerei. Wie immer war er dunkel und voller raschelnder Federn und der Bewegung von Flügeln und Eulen, die durch die offenen Fenster flatterten. Harry stellte seine Tasche ab, und durchsuchte sie schnell nach Pergament und Feder. Währenddessen kam Hedwig zum ihm herüber und setzte sich neben ihn auf eine Stange, ihren Blick auf ihn gerichtet.
„Bereit für eine lange Reise?", fragte er.
Sie schuhute leise und knabberte ein wenig an seinem Ohrläppchen.
„Gut", sagte er, während er den Brief kritzelte. Er überlegte scharf, damit er nichts über Khepri vergaß, und schrieb eine lange Liste, und am Ende machte er noch eine grobe Zeichnung von Khepri. Als er fertig war, rollte er den Brief zusammen und band ihn mit einem Stück Schnur aus seiner Tasche zusammen. „Du musst das zu Bill Weasley nach Ägypten bringen", sagte er und band den Brief vorsichtig an ihr Bein. „Bitte beeil dich. Flieg nicht weg, bevor er dir eine Antwort gibt. Hoffentlich ist es auch eine gute."
Sie schuhute wie zur Bestätigung, knabberte noch einmal an seinem Ohrläppchen, breitete ihre Flügel aus und hob ab. Sie flog in einem graziösen Bogen durch das Fenster und verschwand bald am Himmel. Harry beobachtete sie. Vielleicht könnte er bald eine Antwort auf all seine Fragen über Khepri haben. Er hoffte, dass Bill bald antworten konnte, bevor Khepri die Chance hatte, ihn noch einmal zu ärgern.
Die Tür hinter ihn öffnete sich knarrend und Hermine kam herein.
„Ich hab ihn gerade abgeschickt", sagte Harry und deutete auf das offene Fenster.
Sie nickte. „Gut. Du beeilst dich besser, sonst kommst du zu spät zu Zaubertränke."
„Was machst du hier oben?", fragte er, nahm seine Tasche wieder und wischte ein wenig Stroh davon weg.
„Oh, ich brauch nur eine der Schuleulen", sagte Hermine. „Ich kündige mein Abo vom Tagespropheten, das ist sowieso nur Geldverschwendung."
„Ok. Wir sehen uns in der Pause", sagte Harry und er verschwand schnell, um zu Zaubertränke zu kommen. Er hoffte, Snape würde über seine Verspätung nicht allzu verärgert zu sein.
„Also, fang an zu erklären", sagte Snape, nachdem der Rest der Klasse zur nächsten Unterrichtsstunde aufgebrochen war. Harry war zurückgeblieben, und löffelte schnell den Rest seines Trankes in ein Glas.
„Was zu erklären?"
„Miss Zabini kam hierher und erzählte mir, dass du deine Abwesenheit von meiner Stunde nach deiner Ankunft erklären würdest. Fang an zu erklären."
„Ich musste einen Brief abschicken", sagte Harry und wischte mit einem Tuch ein paar Tropfen von der Außenseite des Glases.
„Oh? Und das gibt dir also eine Freikarte, um nicht zu Zaubertränke zu kommen?"
„Es war ein wichtiger Brief."
Snape schnaubte. „Und an wen war er gerichtet?"
„Bill Weasley." Harry stellte seinen Trank schnell in den Korb neben Snapes Tisch und begann, seinen Platz zu säubern. Professor Binns würde seine Verspätung hoffentlich nicht bemerken. Er bemerkte meistens nicht mal, ob überhaupt jemand da war. Er konnte vermutlich sogar zwei Stunden mit einem leeren Klassenzimmer reden, ohne es zu bemerken.
„Und worum ging es?"
„Um ein Problem, das ich habe", meinte Harry vage.
„Und dieses Problem ist …?"
„… etwas, das Sie mir nicht glauben."
„Ah, du hast wieder Halluzinationen."
„Ich hab keine Halluzinationen", sagte Harry, eher verletzt als sonst etwas, und ein wenig seines heißen Tranks spritzte auf seine Hand. Er hielt sie unter das kalte Wasser aus dem Hahn, während Snape antwortete.
„Dann eben dieses seltsame Monster, von dem du immer behauptest, es zu sehen. Und wie, wenn ich fragen darf, soll Bill Weasley dir dabei helfen?"
„Er kann mir sagen, was es ist."
„Nicht-existierend …"
Harry wusste nicht, ob er die Stirn runzeln oder lachen sollte. „Es ist echt. Sie denken vielleicht, ich hätte halluziniert, aber ich weiß, dass es echt ist."
„Komm her." Snape stand auf, und Harry legte für einen Moment sein Tuch weg, während der Professor ihm in die Augen sah. Harry erwiderte den Blick, und versuchte sich an alles zu erinnern, was geschehen war, als er Khepri gesehen hatte.
„Ich hab ihn sogar zwei Mal gesehen", sagte Harry. „Und er war in vielen meiner Träume, das wissen Sie."
„Ich habe nichts gegen die Träume gesagt", meinte Snape. „Ich habe sie selbst gesehen. Obwohl ich es dir nur ungern sage, Potter, die einzigen Erinnerungen, die ich im Moment von dir bekomme sind, dass du zwei Mal einfach mit der Luft geredet hast."
„Was?", sagte Harry erschrocken. „Nein, das stimmt nicht! Er war da, ich hab ihn gesehen! Sie meinen, Sie können ihn nicht einmal in meinen Erinnerungen sehen?"
„Potter, sieh dir das mal von der logischen Seite her an." Snape hob eine Augenbraue. „Du behauptest, ständig eine Art magisches Wesen oder Biest zu sehen, und nur du allein kannst es sehen oder hören, und sogar deine Erinnerungen sprechen gegen dich."
„Ron und Hermine glauben mir", sagte Harry säuerlich. „Sie wissen, dass ich die Wahrheit sage. Wenn sie mir glauben können, warum können Sie es dann nicht? Warten Sie … erinnern Sie sich an die Nacht, als Pansy angegriffen wurde?"
Snape runzelte die Stirn. „Ja."
„Ich musste Ihre Zauberbanne durchbrechen, um sie zu retten", sagte Harry. „Sie müssen es gewusst haben."
„Das habe ich."
„Und Khepri kam auch rein. Er war mit mir unterwegs. Fühlten Sie, wie eine zweite Person die Banne durchbrach?"
Snapes Stirnrunzeln wurde tiefer. „Mmmh, ja. Mein erster Bann wurde in dieser Nacht sechs Mal durchbrochen."
„Sechs?", sagte Harry und starrte ihn an.
„Davor wurde er, vermutlich, von dem Vampir durchbrochen, aber ich habe fälschlicherweise angenommen, dass es ein Schüler war, der sich zurück ins Bett schlich. Dann hat der Vampir ihn beim Verlassen noch einmal durchbrochen. Danach wurde er einmal durch dein Eintreten und einmal durch dein Verlassen gebrochen, und ein drittes Mal, als Miss Parkinson weggebracht wurde, womit wir bei fünf wären, obwohl ich ein sechstes Mal gefühlt habe."
„Wann war das sechste Mal?"
„Ein paar Augenblicke nach deiner Ankunft."
„Woher wussten Sie, dass ich es bin?"
„Ich kann spüren, wenn du in meiner Nähe bist, Potter. Wenn du meine Banne durchbrichst, weiß ich ohne den geringsten Zweifel, dass du es bist, obwohl ich es bei allen anderen nicht sagen kann. Der sechste Eintritt war ein oder zwei Sekunden nach dir, obwohl ich nie gefühlt habe, wie diese Person wieder fortgegangen ist."
„Er ging nicht noch einmal durch", sagte Harry. „Er kann sich einfach in Luft auflösen. Manchmal bleibt dabei Rauch zurück."
Harry nahm seine Tasche und verließ schnell das Klassenzimmer. Snape hatte ihm nun Stoff zum Nachdenken gegeben. Wenn der Vampir die Kerker betreten, Pansy angegriffen, die Kerker wieder lassen hatte und nicht zurückgekehrt war, was Snape gespürt hatte, dann war der Vampir entweder in einem anderen Bereich der Schule oder hatte sich in die Schlossgründe zurückgezogen. Deshalb war er nicht in den Kerkern versteckt, wie es alle glaubten.
Aber woher war dann die tote Eule gekommen?
Um zehn Minuten vor acht verließ Harry den Gemeinschaftsraum der Gryffindors und machte sich auf den Weg zu den Kerkern. Den ganzen Tag lang war ihm die Sache mit Snapes Bannen und der Eule nicht aus dem Kopf gegangen, und er hatte das Gefühl, dass Snape darüber auch nicht mehr wusste. Sogar Professor McGonagall bemerkte während Verwandlung, dass mit ihm etwas nicht stimmte, doch sie sagte nichts. Sie warf ihm einen wachsamen Blick zu, als er den Raum verließ, und fragte ihn, ob es ihm gut gehe, aber das war alles.
Harry ging die Treppe zu den Kerkern hinunter. Er war nicht sicher, aber einen Moment lang glaubte er, hinter sich ein Flüstern zu hören. Er warf einen Blick über seine Schulter. Da war nichts. Vermutlich nur Snapes Banne, überlegte er. Er hörte, wie sich vor ihm eine Tür öffnete, und er sah, dass Snape den Korridor entlang auf ihn zu kam.
„Komm schon", murmelte er. „Geh schnell hinein."
„Warum?", sagte Harry.
Snape gab ihm keine Antwort, bis Harry seinen Raum betreten und die Tür hinter ihnen geschlossen war. „Ich habe vor ein paar Minuten gefühlt, wie etwas meine Banne durchbrochen hat und dachte, du wärst es. Das war natürlich nicht so. Wir sollten lieber vorsichtig sein, Potter."
„Kann der Vampir in Ihr Büro?", fragte Harry vorsichtig.
„Falls er es versucht, bekommt er eine unschöne Überraschung", sagte Snape, ohne zu erklären, was die Überraschung war, während er Harry ins große Zimmer brachte. Zu Harrys Erstaunen hing eine große, ausgestopfte Puppe etwa einen Meter über dem Boden in der Luft. Sie sah sehr schief und schlaff aus.
„Was zum Teufel ist das? Vampirfutter?"
„Nein", sagte Snape. Er stieß mit der Hand an den Kopf der Puppe, wodurch sie danach aufrecht hing. „Das ist für unseren Unterricht. Ich wollte eine der Hauselfen verwenden, aber diese verdammten Dinger laufen zu schnell."
„Ich hoffe, dass das ein Scherz war", meinte Harry.
„Mm. Nun denn, Potter. Telekinese – Dinge mit den Gedanken bewegen. Mit etwas Glück hast du dieses Modell bis zum Ende der Stunde zerstört."
Nach etwa fünfzehn Minuten zweifelte Harry das stark an. Zuerst hatte er es nach Art der Reinen Künste versucht, indem er seine Augen zusammenkniff und versuchte, Rohe Magie zu verwenden, aber Snape stoppte ihn und holte ein Paar Handschuhe. Sie verhinderten, dass Harrys Magie entkam, erklärte er, und legte sie so eng an, dass Harry seine Finger fast nicht mehr bewegen konnte. Sie versuchten es erneut. Als die Stunde vorbei war, hatte Harry ziemlich starke Kopfschmerzen, aber er hatte überhaupt nichts erreicht.
„Eine Pause, denke ich, bevor du noch etwas umbringst", sagte Snape. Er schnippte mit den Fingern und die schlaffe Puppe flog in eine Ecke, während die Stühle wieder an ihre Plätze rückten. Er schob Harry auf einen davon und holte ihm etwas zu Trinken. „Heute sind wir wohl nicht gerade in Höchstform."
Harry starrte ihn an. Snape grinste.
„Beruhig dich, Potter … manche Menschen haben Probleme bei Telekinese. Psychische Macht wird von vielen Talenten gesteuert. Manche sind sehr gut in Legilimentik, andere haben ihre Stärke in der Okklumentik, andere in der Telekinese, andere in Pyromagie … wir müssen einfach deine Stärken finden, und an deinen Schwächen arbeiten."
Harry massierte müde seine Schläfen und nahm einen Schluck Wasser. „Vielleicht ist dieser ganze Geisteskram meine Schwäche", murmelte er.
Snape lachte dunkel. „Über meine Leiche, Potter. Du wirst dich selbst überraschen, und es wird vielleicht Monate dauern, bis du dein natürliches Talent findest, aber es ist da. Irgendwo. Du warst bei Manipulativer Stresslinderung ziemlich gut, als du Hitze erzeugt hast. Vielleicht ist Feuerkontrolle deine Spezialität."
„Oh, gut. Wenn ich also Voldemort gegenüberstehe, werde ich ihn nicht verletzen oder kontrollieren können, aber zumindest wird mir nicht kalt, während ich sterbe. Wunderbar. Und das funktioniert auch nur, wenn Sie da sind, um meinen Geist zu betreten, und nichts Gefährliches um mich herum passiert, und wenn ich ruhig bin."
„Ah, die Arroganz der Jugend, anzunehmen, dass sie alles über ein Thema wissen und deshalb nichts anderes möglich ist. Glaub mir, es gibt immer etwas, das man lernen kann, und jedes Talent kann perfektioniert werden. Und es geht nicht darum, deinen „Geist zu betreten". Trink noch etwas Wasser."
Harry tat wie geheißen. Er lehnte sich in seinem Lehnstuhl zurück und fühlte, wie seine Kopfschmerzen langsam nachließen, während Snape hinter ihm stand und ihn beobachtete. Als er fertig getrunken hatte, nahm Snape das Glas und setzte sich vor Harry.
„Ich möchte etwas versuchen, Potter."
„Mm?", meinte Harry träge.
Snape zog an einer Schublade in der Nähe, durchsuchte sie, und nahm dann eine lange schwarze Kerze heraus. Er stellte sie vor Harry auf den Tisch. Harry starrte ihn an. Snape hob eine Augenbraue. „Versuch, sie anzuzünden. Du darfst sie mit den Fingern berühren, und deinen Geist verwenden, aber sonst nichts."
Harry sah die Kerze an. Er fragte sich, wie er es nur schaffen sollte, sie zu entzünden. Schnell beschloss er, dass er keine Geduld hatte, wenn es um Gefährliche Gedankentechniken ging.
„Sei nicht so bockig", murmelte Snape träge. Harry gab sich innerlich eine Ohrfeige, weil er seine Gedanken wie immer offen gelassen hatte.
„Schon gut. Es ist nur schwierig." Harry seufzte, und konzentrierte sich auf das Gefühl von Feuer, um die Kerze zu entzünden. Nichts geschah. Er runzelte die Stirn und warf ihr einen bösen Blick zu. „Es wird nicht funktionieren. Kann ich nicht einfach Reine Künste verwenden?" Er schnippte mit den Fingern und die Kerze brannte sofort. „So. Einfach."
Snape hob eine Augenbraue, warf einen Blick auf die Kerze und sie ging sofort wieder aus. Dann nahm er Harrys Hand und hielt dessen Finger fest. „Entzünde sie wider, Potter."
Harry dachte angestrengt nach, seine Finger spannten sich an, er fühlte die Rohe Magie in ihnen, aber weil Snape den Fluss störte, konnte er es nicht tun.
„Siehst du?", murmelte Snape. „Die Reinen Künsten bekommen viel Anerkennung, weil man dafür keinen Zauberstab braucht. Und trotzdem braucht man nur eine kleine Blockade und du bist sofort komplett hilflos. Konzentriere dich auf das Gefühl von Feuer, und auf die Macht deines Geistes, und es wird passieren."
Harry sah die Kerze stirnrunzelnd an, seufzte, und versuchte sich so stark er konnte auf das zu konzentrieren, was Snape gesagt hatte. Er fokussierte sich so stark darauf, dass er das Gefühl hatte, es gäbe auf der Welt nichts anderes als diese eine Kerze, und seinen Wunsch, sie möge doch brennen. Aber egal, wie sehr er es versuchte, das Feuer kam einfach nicht.
Nach einigen langen Minuten der Stille seufzte Harry und legte seinen Kopf in seine Hände. „Ich kann das nicht tun. Ich werde es nicht."
„Du kannst, und du wirst", sagte Snape dunkel. „Konzentrier dich."
„Das versuche ich!", sagte Harry. „Es funktioniert nicht!"
Snape seufzte. Er stellte sich neben Harry und legte vorsichtig seine Finger an Harrys Schläfen. Harry fühlte, wie etwas durch seine Haut jagte. „Du kannst, und du wirst", wiederholte Snape, „auch, wenn ich das meiste für dich machen muss. Konzentrier dich, Potter."
Harry sah die Kerze an, bereit, sich zu konzentrieren und sein Bestes zu geben. Aber er hatte den Gedanken noch nicht einmal richtig beendet, bevor ein kleines Leuchten erschien, und die Kerze perfekt brannte.
„Siehst du", sagte Snape. „Konzentrier dich wieder, und dieses Mal machst du es alleine."
Als Harry jedoch die Kerze wieder ansah, ohne Snapes Finger auf seinem Kopf, konnte er es einfach nicht. Er nahm all seine Geisteskraft zusammen, bettelte die Kerze förmlich an, dass sie doch brennen möge, aber nichts geschah. Snape gab ein seltsames Geräusch von sich.
„Ich denke, du versuchst es zu angestrengt, Potter."
„Was? Wie kann ich es zu angestrengt versuche? Wenn Sie doch dauernd sagen, ich soll mich konzentrieren, und –"
„Ruhe. Hier drinnen ist schon genügend Anspannung, um jemanden damit zu erwürgen, ohne, dass du dich noch aufregst. Lass deine Gedanken leicht und ruhig sein, verzieh dein Gesicht nicht. Du bewegst sie mit deinem Geist, nicht mit deinen Augen oder deiner Wut."
„Ich bewege überhaupt nichts", sagte Harry wütend. Er starrte die Puppe in der Ecke an und hasste sie, weil sie so seltsam war. „Es wird nicht funktionieren."
„Unsinn, Potter", sagte Snape und packte mit einer Hand Harrys Schulter. „Du musst dich –"
Plötzlich ertönte ein Knall wie bei einem Feuerwerk, und aus der Ecke des Raumes regnete ein Schauer aus Stofffetzen. Harry landete auf dem Boden hinter dem Stuhl, bevor er wusste, wie ihm geschah. Snape packte seinen Umhang, um ihn zu schützen. Als die letzten Stoffteile auf den Boden fielen, im ganzen Raum verteilt, und ein Stück Watte von der Decke segelte, meinte Snape: „Mm. Interessant."
Beide warfen einen Blick über die Stuhllehne. Nur noch der Kopf der Puppe hing an der Decke. Der Rest war in Snapes Zimmer verteilt. Ein paar Stücke kokelten leicht vor sich hin. An altes Foto einer Abschlussfeier in Hogwarts, welches in der Ecke hing, hatte ein großes Loch in der Mitte, und alle Schüler flüchteten in die Ecken und versuchten, ihre rauchenden Hüte zu retten.
„Ups", sagte Harry leise.
„Mach dir keine Sorgen, Potter", sagte Snape so ruhig, dass Harry einen Moment lang erschrocken war. Der Tränkemeister stand auf und wehte die Überreste des Rauches mit der Hand. Er warf einen Blick auf den Rest der Puppe. „Beeindruckend. Wäre das Lord Voldemort, hättest du gerade die Zaubererwelt gerettet. Leider ist er das nicht, und wenn du gegen ihn kämpfst wird er nicht an einer Schnur von der Decke hängen. Ich denke auch, dass wir ein weiteres Problem gefunden haben."
„Welches?", sagte Harry, stand auf und schnippte etwas verbrannten Stoff von seiner Schulter.
„Deine Geisteskraft funktioniert nur, wenn ich in Kontakt mit dir bin", sagte Snape. „Ich denke, der Bund hat für uns noch eine weitere Überraschung. Anderes Bücherregal."
Harry zuckte zusammen, als die Rückwand von Snapes höchstem Bücherregal verschwand und alle Bücher in das dadurch entstandene Loch fielen. Dann erschien jedoch ein neues Buch daraus. Snape holte es aus der Luft und öffnete. Harry sah dein einfachen Einband mit dem Titel: „Ein ausführliches Handbuch zum Magischen Beschützerbund", bevor Snape begann, durch die Seiten zu blättern. Je länger er dies tat, desto dicker schien das Buch zu werden, bis es genauso dick wie breit war, und eher wie ein Turm aus Papier als ein Buch aussah.
„Mm … ich hätte wirklich das Kapitel über Gefährliche Gedankentechniken lesen sollen, bevor wir den Unterricht begannen, jedoch …" Er fand endlich die Seiten, nach denen er gesucht hatte, und inzwischen sah das Buch aus wie ein Akkordeon. Er las still und gab ein seltsames Geräusch von sich. „Ja, das hatte ich mir gedacht … durch den Bund absorbiere ich deine psychische Kraft, Harry. Nur wenn ich dich berühre bekommst du sie wieder, und etwas von meiner noch dazu. Wir teilen, und ich bewahre sie auf, wenn du sie nicht verwendest."
„Also werde ich diese Kräfte nur verwenden können, wenn Sie dabei sind", sagte Harry düster.
„Mm", sagte Snape. „Das wird immer komplizierter mit jedem Mal, wenn ich dich ansehen … aber wir werden eine Lösung finden. Ich muss üben, mit dir gemeinsam zu apparieren. Ich würd sagen, am ersten Hogsmeade-Wochenende werden wir ein leeres Feld finden, um darin zu trainieren. Bis dahin werden wir weiter Gefährliche Gedankentechniken lernen."
Snape legte seine Hand wieder auf Harrys Kopf. „Also, nun die Kerze, Potter. Und versuch bitte, sie nicht explodieren zu lassen – mit Baumwollfüllung komme ich zurecht, aber heißes Wachs ist eine andere Sache."
Die Stunden vergingen. Telekinese war immer noch sehr schwierig, fand Harry, auch, wenn Snapes Magie ihm ein wenig half. Als es elf Uhr wurde, hatte Harry es geschafft, zwei Objekte gleichzeitig zu bewegen, aber er hatte Schwierigkeiten, sie länger in der Luft zu halten.
„Es ist spät, Potter, und du solltest dich ausruhen", sagte Snape. Er nahm Harrys Umhang vom Haken an der Wand und gab ihn Harry. „Der Abend war für deinen Geist anstrengend. Vergiss nicht, deinen Trank für traumlosen Schlaf zu nehmen und deinen Geist von Emotionen und Gedanken zu reinigen. Wir wollen keine Unfälle haben."
Harry zog seinen Umhang an und Snape brachte ihn zur Tür. Harry fühlte sich sehr erschöpft. Er konnte es nicht erwarten, zurück zum Gryffindorturm zu kommen und seine Müdigkeit weg zu schlafen. Snape merkte das. Er stupste Harry sanft am Nacken um ihn zumindest so lange wach zu halten, bis er den Raum verlassen hatte, und Harry grummelte leise und versuchte, die Hand zu verscheuchen.
„Nnh."
Snape schnaubte amüsiert, fast ein Lachen, und öffnete die Tür für Harry. „Soll ich dich zum Gryffindorturm begleiten, damit ich dich nicht morgen schlafend auf der Treppe zu den Kerkern finde?"
„Nein, mir geht's gut", sagte Harry, leicht lächelnd. Er wollte Snape gerade fragen, worum es in ihrer nächsten Stunde gehen würde, als er merkte, dass der Professor neben ihm sehr, sehr still geworden war. Er hob besorgt den Blick und sah, dass Snape in den Korridor zu ihrer Rechten starrte. Seine dunklen Augen waren plötzlich vor Schrecken geweitet. Harry wandte seinen Kopf.
Am Ende des Korridors war ein schwarzer Schatten. Angespannt und bereit wirkte er, als könnte er jeden Moment angreifen. Harry erstarrte augenblicklich.
Es war der Vampir.
Er konnte nur das Maul mit den Fangzähnen sehen, von denen Blut tropfte, und der Rest wurde von einem dunklen Umhang verdeckt. Alleine der Anblick schien Harry sofort zu paralysieren. Er konnte nur die dunkle Gestalt anstarren, die einen Schritt näher kam. Ein schreckliches, zischendes Geräusch drang unter der dunklen Robe hervor.
Harrys Stimmbänder erwachten plötzlich zum Leben und er gab einen landen, lauten, erschrockenen Ton von sich, als er nach hinten stolperte und versuchte, zu laufen. Der Vampir kreischte und stürzte nach vor, direkt auf sie zu, schneller als alles, was Harry bis jetzt in seinem Leben gesehen hatte. Er war zu schnell, als dass Harry noch seinen Zauberstab hätte ziehen können. Er schrie noch einmal und drehte sich instinktiv weg, hob seinen Arme über seinen Kopf, um seinen Hals zu schützen, als er sah, wie der Vampir Snape angriff und ihn zur Seite warf. Dann hielten sich Finger in Harrys Haar fest und er schrie, als er einen furchtbaren Schmerz an seiner Kehle spürte, aber in der nächsten Sekunde ertönte ein furchtbares Knurren und neben ihm bewegte sich etwas schnell. Die Hände und Zähne wurden von ihm weggerissen, und erschrocken blickte er zwischen seinen Fingern hindurch – und was er sah, jagte ihm nur noch mehr Angst ein.
Snape hatte sich auf den Vampir gestürzt und kämpfte nun mit ihm, Schlag um Schlag, aber es war nicht Snape, wie Harry ihn kannte. Lange, gewundene Klauen waren aus seinen Fingern gewachsen, sein Mund war offen und zentimeterlange Fangzähne, scharf wie Nadeln, waren zu seinen, und seine Augen waren weit geöffnet, und leuchteten wütend und blutrot. Harry starrte ihn nur an, erschrocken von dem, was er sah, während Snape und der Vampir schrien und an Umhang, Gesicht, und Hals des anderen zerrten. Sie kämpften so wütend, dass Blut spritzte. Harrys Hände zitterten, als er seinen Zauberstab zog, um zumindest irgendwie helfen zu können, aber die beiden waren so dicht aneinander, dass er nichts tun konnte. Er wusste, dass die Gefahr bestand, dass er Snape traf, wenn er einen Zauber feuerte, und falls Snape getroffen wurde, wäre er ganz auf sich allein gestellt.
Plötzlich ertönte ein hohes, tödlich klingendes Kreischen, gefolgt von einem Geräusch, als ob etwas zerriss, das Harry Gänsehaut über den Rücken jagte. Er ging einen Schritt zurück und betete, dass es Snape gut ging, aber als er den Kopf drehte, sah er gerade noch, wie der Vampir sich umwandte und in der Dunkelheit verschwand. Er hinterließ eine Spur schwarzen Blutes.
Die folgende Stille wurde für einige lange Augenblicke nur vom unregelmäßigen Atmen Snapes unterbrochen. Harry stand immer noch von Angst wie versteinert an der Wand, und er erwachte erst wieder zum Leben, als Snape am Boden zusammenbrach. Harry eilte an seine Seite, seine Hände zitterten immer mehr, und als er einen Blick auf Snapes Gesicht erhaschte, riss er erschrocken und besorgt den Mund auf. Es waren nicht so sehr die Wunden, die ihm solche Angst bereiteten, obwohl sie furchtbar aussahen. Sein Gesicht war von Schnitten und Risswunden übersät, die tief waren und aus denen dunkles Blut lief. Schlimmer war für Harry der Anblick dessen, was hinter den Wunden lag. Snapes Mund war weit aufgerissen, und diese tödlichen, langen Fangzähne waren mit Blut bedeckt. Harry wusste nicht, ob es Snapes oder das des anderen Vampirs war.
Er zitterte, denn Snape öffnete die Augen und sah hoch zu Harry. Seine Augen waren immer noch blutrot. Sie jagten Harry so viel Angst ein, dass er aufstehen und davonlaufen wollte, bis er wieder am Gryffindorturm war und sich einreden konnte, dass alles nur ein Albtraum war; ein furchtbarer Traum, der bald wieder vorbei sein würde.
„Bist du verletzt?", krächzte Snape mit einer Stimme, die nicht seine eigene war. Sie war tief, eher wie ein Knurren als Snapes übliches Zischen. Dadurch bekam Harry nur noch mehr Angst vor dem Mann vor ihm. Es war, als ob diese Person – nein, keine Person, ein Monster – gar nicht Snape war.
Harry starrte nur diesen Mann an, in dessen Gegenwart er sich inzwischen sicher und wohl gefühlt hatte, und wusste sofort, dass er Snape nie wieder so wie zuvor würde sehen können. Er versuchte, etwas zu sagen, irgendetwas, aber sein Mund wollte sich einfach nicht bewegen. Seine Augen waren auf diese Zähne fixiert. Diese Nadeln, getränkt mit dunklem Blut, Blut, das in Snapes Mund tropfte. Harry fühlte eine Welle der Übelkeit.
„Harry", sagte der Vampir wieder mit dunkler Stimmte. „Bist zu verletzt?" Er streckte die Hand aus, um Harry an der Schulter zu packen, aber Harry sprang weg von diesen Klauen. Er fühlte wieder Übelkeit.
„Nicht", brachte er hervor. „Nein … berühren Sie mich einfach nicht."
Snape keuchte immer noch laut, und hatte weder den Atem noch die Kraft, zu streiten. Sein Kopf fiel nach vorne und sein Körper spannte sich an, als er ein paar Mal tief hustete. Harry zuckte zusammen. Monster, dachte er andauernd. Monster.
„Hol die Krankenschwester", knurrte der Vampir vor ihm. „Und warne sie …"
Harry sehnte sich danach, das zu tun. Er sehnte sich danach, aufzustehen und zu laufen, zu laufen, wie er noch nie in seinem Leben gelaufen war, und Madam Pomfrey alles zu sagen, und sich dann irgendwo in einer dunklen Ecke zu verstecken. Aber er konnte es nicht. Er sah hinunter auf den blutenden Vampir am Boden, und im gleichen Moment hob sich dessen Blick und sah ihn an. Snapes Augen sahen zu ihm noch, und obwohl sie blutrot waren, konnte Harry seinen Magischen Beschützer darin erkennen.
„Ich … ich kann nicht", sagte er bebend. „Er … er könnte zurückkommen … ich … ich werde nicht zulassen, dass er Sie erwischt …"
Er streckte seine Hand aus, die so sehr zitterte, dass er sie fast nicht bewegen konnte. Seine Instinkte rieten ihm, einfach wegzulaufen, aber sein Herz kämpfte gegen die Angst, als er Snapes Arm packte. Die Klauen waren so nahe. Harry schloss die Augen, kämpfte gegen jede Angst, die er in dem Moment hatte, und zog Snape auf die Beine, wobei er ein wenig stolperte. Als Snape aufgestanden war, wankte er bedrohlich nach vorne. Harry biss sich auf die Lippe, um einen Angstschrei zu vermeiden, als Snapes Fangzähne seinem Hals bedrohlich nahe kamen und Snape sich auf ihn stützte, um nicht umzufallen. Falls Snape es wollte, könnte Harry ganz einfach beißen.
Harry versuchte verzweifelt, solche Gedanken zu verscheuchen, und begann, Snape zum Krankenflügel zu bringen. Seine Augen waren geschlossen und er konzentrierte sich mit all seiner Kraft auf das Gefühl von Snapes Ärmel unter seinen Händen, und nicht auf den Gestank von Blut neben seinem Gesicht. Das war eindeutig eines der schwierigsten Unterfangen, die er je versucht hatte, und er hatte auch nicht vor, es noch einmal zu machen. Snapes stockender Atem war noch immer tief, in der Stimme des Vampirs, und jeder Atemzug schien Harry zu ermutigen, ihn fallen zu lassen und die Flucht zu ergreifen. Was, wenn der andere Vampir noch in der Nähe war? Harry hatte jetzt keinen Schutz, aber jedes Mal, wenn er an Flucht dachte, packte er Snapes Arm fester und erinnerte sich daran, dass unter dem Biest ein Mann versteckt war, der verletzt war und Hilfe brauchte.
Endlich, scheinbar nach Stunden, erreichte er die Tür zum Krankenflügel. Sicherheit und Hilfe, endlich. Aber dann regte sich Zweifel in Harry. Die Erinnerung an den Blick auf Madam Pomfreys Gesicht als er Pansy zu ihr gebracht hatte. Er biss sich auf die Lippe. Snape wäre somit das dritte Opfer, das er hierher brachte. Was würde Madam Pomfrey sagen? Es sah nicht mehr wie ein Zufall aus.
Er wurde plötzlich aus seinen Gedanken gerissen, als Snapes kalte Klauen sich fest um seinen Hals legten. Er zuckte so stark zusammen, dass Snape ein paar Zentimeter nach unten rutschte, und Harrys Mut schien ebenfalls nachzugeben. Er konnte das nicht tun. Es war einfach zu viel für ihn. Der Mut und die Ehre der Gryffindors waren eine Sache, aber der Instinkt zu Überleben gewann die Oberhand. Er wollte irgendetwas tun und sah sich panisch um. Könnte er zu Dumbledores Büro laufen? Einen anderen Lehrer holen? Nein, der angreifende Vampir könnte noch in der Nähe sein, und bis er zurück war, könnte Snape tot sein. Harry wandte sich um und starrte auf die Tür zum Krankenflügel, während sein Verstand auf Hochtouren arbeitete.
Er entschied sich für das einzig Richtige. Er hob die Hand und klopfte an die Tür zum Krankenflügel, so laut und durchdringend er nur konnte.
Dann, zu seiner ewigen Schande und Schuld, wandte er sich um und rannte, so schnell er konnte, davon, während Snape vor dem Krankenflügel liegen blieb. Harry wollte einfach nur von dem Albtraum weg, der vor seinen Augen wahr wurde.
Er blieb nicht stehen, bis er den Gemeinschaftsraum der Gryffindors erreicht hatte, mit dessen Wärme und Licht. Alle anderen schliefen bereits. Harry stolperte hinein, fiel auf ein Sofa und bedeckte sein Gesicht. Ihm graute vor dem, was er selbst getan hatte. Das Blut aus seinem Biss lief immer noch kalt über seinen Nacken, aber das war jetzt egal. Das war seine geringste Sorge.
Falls Madam Pomfrey sein Klopfen nicht gehört hatte, war Snape so gut wie tot. Nach allem, was Snape für ihn getan hatte. Einige Augenblicke lang überlegte er, noch zurückzugehen, vielleicht sogar Ron und Hermine zu wecken, damit sie ihm helfen konnten, oder zu Dumbledore zu gehen. Für all das war es jetzt zu spät. Nun, da er sicher im Gemeinschaftsraum war, fielen ihm eine Million Dinge ein, die er hätte unternehmen können. Warum hatte er nicht einfach nach Peter gerufen? Oder warum hatte er nicht ignoriert, was Madam Pomfrey hätte sagen können, und hatte Snape reingebracht?
Er atmete zitternd und lehnte sich zurück, die Augen fest geschlossen.
„Was hab ich getan?", flüsterte er in die Stille.
„Hast du schön gehört? Letzte Nacht gab's wieder einen Angriff!"
„Oh, auf wen?"
„Das weiß niemand. Aber ich hab gehört, Snape sei im Krankenflügel. Madam Pomfrey hat ihn wirklich spät letzte Nacht vor der Tür gefunden, aber er hatte Fangzähne, und rote Augen, und Klauen und alles. Er ist ein Vampir."
„Unmöglich!"
„Stimmt aber. Lucy hat es mir erzählt, und sie hat es von einem der Portraits vor dem Krankenflügel gehört. Und rat mal! Sie hat gesagt, dass Harry Potter mit einer Bisswunde am Hals in der Schule rumläuft."
„Denkst du, Snape hat ihn angegriffen?"
„Ich bin mir sicher. Ich nehm an, Snape hat sich auf ihn gestürzt und versucht, ihm das Blut auszusaugen, und glaub, Potter hat ihm ein paar gute Flüche verpasst und ihn vertrieben. Dann ist Snape wohl zum Krankenflügel gestolpert und Madam Pomfrey hat ihn gefunden."
„Hat schon jemand Potter gefragt? Ich meiner, er wird doch wissen, was passiert ist, wenn er wirklich mit einer Bisswunde rumläuft. Warum ist er nicht auch im Krankenflügel?"
„Das ist es ja, sie ist verborgen. Hat wohl irgendeinen Zauber drübergelegt. Obwohl mein Freund Terry aus Gryffindor sagt, dass er heute Morgen in den Gemeinschaftsraum gekommen ist und gesehen hat, wie Granger ihn verarztet hat. Er sagt aber nichts. Meint nur, er habe keine Ahnung, worüber die Leute reden."
„Ach, komm schon, will er uns für dumm verkaufen?"
„Mmmh. Schhhh, hier kommt er …"
Harry, der hinter der Reihe Bücher gestanden und dem ganzen Gespräch gelauscht hatte, ging an den beiden Mädchen aus Hufflepuff vorbei und warf ihnen einen bitterbösen Blick zu, bevor er sich zu Ron und Hermine setzte.
„Alles okay?", fragte Ron und besorgter Stimme, als Harry seufzte.
„Ja", sagte Harry müde. Er hob die Hand und berührte die verborgene Wunde an seinem Hals und wünschte sich, sie fühlte sich nicht so auffällig an.
„Vielleicht solltest du in den Krankenflügel gehen, Harry", sagte Hermine freundlich. Beide sahen ihn an, als könnte er jeden Moment umkippen und tot zu Boden fallen.
Er fühlte, wie ihm bei dem Vorschlag kalt wurde, und er schüttelte entschlossen den Kopf. „Nein … ich kann nicht … er wird mir umbringen …"
„Du meinst Snape?", sagte Ron.
Harry nickte. Er fuhr sich müde mit der Hand durchs Haar. „Ich hab ihn einfach allein gelassen. Ich hätte ihn sterben lassen. Er wird mich für immer hassen. Was für ein Gryffindor bin ich, wenn ich mich nicht für die Leute einsetze, die sich um mich kümmern?"
„Harry …", sagte Hermine. „Was letzte Nacht passiert ist kommt nur sehr selten zwischen zwei Menschen vor. Snape wird das verstehen. Du hast es getan, weil du Angst hattest, und niemand kann dir die Schuld für deine natürlichen Emotionen geben."
„Aber er hat sein Leben für mich riskiert", sagte Harry, und es schmerzte ihn. „Wäre er nicht da gewesen, hätte der Vampir mich getötet, da bin ich mir sicher. Und liegt er blutend im Krankenflügel, und alle reden hinter seinem Rücken, und alles ist meine Schuld."
„Das ist es überhaupt nicht", sagte Ron. Er legte seine Hand auf Harrys Arm. „Was passiert ist, ist nicht deine Schuld. Ich meine, du hast ja nicht darum gebeten, dass der Vampir euch beide angreift, oder? Und du hast auch nicht darum gebeten, dass Snape dich verteidigt, hm? Aber es ist doch so, wenn du nicht gewesen wärst, wäre er jetzt auf jeden Fall tot. Du weißt ja nie. Dass du ihm zum Krankenflügel gezerrt hast, hat wahrscheinlich sein Leben gerettet, Harry. Wenn ich er wäre, wäre ich dankbar."
Harry seufzte. Er wusste, dass Ron versuchte, ihn zu trösten, aber er fühlte sich überhaupt nicht besser.
„Warum gehst du nicht zu ihm und redest mit ihm, Harry?", schlug Hermine vor.
Harry schüttelte den Kopf. „Ich kann nicht. Das ist das eine, das ich auf keinen Fall tun will. Es ist … ihr habt ihn beide nicht gesehen. Ihr wisst nicht, wie er aussieht, wenn er sich verwandelt. Es war furchtbar." Er seufzte. Die beiden Hufflepuffs beobachteten ihn nun genau, und unterhielten sich flüsternd. Er konnte das Starren nicht mehr ertragen. Deshalb stand er auf und hob seine Tasche auf. „Ich gehe mal ein wenig spazieren …"
„Es gibt bald Abendessen", sagte Hermine. Sie stand auf und steckte schnell ihre Bücher in ihre Tasche. „Wir können gehen und uns an unseren üblichen Tisch setzen."
Sie verließen die Bibliothek. Als er außer Sichtweite war, hörte Harry, wie die beiden Hufflepuffs wieder zu tratschen begannen. Er wollte zurückgehen und sie zur Rede stellen, und Ron schien etwas Ähnliches zu planen, aber Hermine schüttelte den Kopf und schloss die Tür hinter ihnen. „Du wirst nur noch mehr Gerüchte starten", sagte sie. „Wenn Harry rumläuft und zu streiten beginnt, werden die Leute sagen, dass er auch ein Vampir ist. Und Ron, du brauchst nach der Sache mit Alrister nicht noch mehr Probleme."
Rons Gesicht nahm die Farbe einer Tomate an. „Ja, nun, das war nicht meine Schuld …"
Harry lächelte bei der Erinnerung ein wenig, obwohl das Lächeln beim Betreten der Großen Halle wieder verschwand, als sich alle umdrehten, um ihn anzusehen, und Flüstern wieder begann. Er tat so, als würde er an seinem Ärmel rumspielen. Seine Wunde fühlte sich nun noch sichtbarer an, weil alle auf ihn starrten. Hermine führte ihn zu ihrem üblichen Tisch, und er setzte sich neben Kainda.
Nachdem er an diesem Morgen den Gryffindorturm verlassen hatte, war er zuerst zu ihr gegangen. Er war die ganze Nacht wach gewesen, hatte sich um seine Wunde gekümmert und sich gefragt, was er am nächsten Morgen machen würde, bis Hermine aufgewacht war und die ganze Geschichte aus ihm rausgeholt hatte. Danach hatte sie seine Wunde gereinigt, und auch Ron die ganze Geschichte erzählt, nachdem sie ihn geweckt hatte. Harry ließ es eine Weile zu, dass Hermine sich um ihn kümmerte, bevor den Gemeinschaftsraum verließ und Kainda suchte. Sie war auf ihre eigene wunderbare Weise um ihn besorgt. Sie setzten sich in einen der Höfe, und sie legte eine Hand auf seine Schultern und sie besprachen wichtig Dinge, die ihn zum Nachdenken anregten. Sie teilte einen Schokofrosch mit ihm, und er fühlte sich ein wenig besser. Rund und Draco waren zwar gute Freunde, aber sie waren nicht unbedingt die besten Ansprechpersonen, wenn er Rat brauchte, obwohl sie sich sehr anstrengten.
Kainda sah ihn an, während er müde neben ihr saß, und gab ihm einen Teller mit Eintopf. „Alles in Ordnung?"
„Nein", murmelte er traurig. Er fuhr mit den Fingern über die Bisswunde. „Sie ist wirklich sichtbar, oder?"
„Nicht so sehr", sagte sie. „Mach dir deswegen keine Sorgen, Harry. Sie verbreiten vielleicht Gerüchte, na und? Sie können dir doch nichts antun. Falls jemand fragt, sag einfach, alles sei nur ein Gerücht, und sie können nichts beweisen, oder?"
Er lächelte ihr dankbar zu. „Danke, Kai…"
„So ist recht", sagte sie lächelnd und schob eine Haarsträhne aus ihrem Gesicht. „Iss etwas, dann wirst du dich besser fühlen."
Er hob Messer und Gabel und begann, zu essen. Durch Essen fühlte sich alles gleich etwas besser an. Als Ron und Draco begannen, über den Trainingsplan für Quidditch zu diskutieren, nahm Harry die Ablenkung dankbar an. Er entspannte sich gerade und dachte an etwas anderes, als seinen Magischen Beschützer, als er plötzlich bemerkte, dass es in der Halle seltsam still war.
Er drehte sich um, um den Grund dafür zu finden. Albus Dumbledore stand am anderen Ende der Halle auf, hob die Hände und bat somit um Ruhe. Harry war fast überrascht. Dumbledore würde doch sicher nicht über die Angriffe reden? Der Schulleiter sprach nur selten mit ihnen über ungewöhnliche Ereignisse in Hogwarts. Während des ganzen letzten Jahres hatte er versucht sie zu überzeugen, dass das Essen in Ordnung war, und das war ein großer Fehler gewesen. Harry fragte sich, was Dumbledore sagen würde, und ob sich etwas ändern würde.
„Dürfte ich ein paar Minuten eurer Zeit haben", sagte der Direktor sanft. „Es gibt etwas, das ich euch gerne sagen würde."
Jeder in der Halle drehte sich um, um ihn anzusehen, und es war klar, dass jeder auf das Gleiche hoffte – dass Dumbledore zugab, dass in der Schule ein Vampir aktiv war. In Hogwarts waren Gerüchte nur solange Gerüchte, bis sie von Dumbledore bestätigt oder verneint wurden.
„Danke", sagte er ruhig. „Ich habe keinen Zweifel, dass es niemanden in dieser Schule gibt, der nicht von der Situation weiß, die uns derzeit betrifft, und ich werde euch nicht so behandeln, als wäre es anders. Jedoch muss ich hinzufügen, dass es keine Fakten gibt, die im Moment zu hundert Prozent gesichert sind, und es gibt vielleicht bald neue Information. Wir wissen nur Folgendes: eine dunkle Kreatur befindet sich in der Schule. Es gab schon einige Opfer, und wir denken, dass es sich um einen Vampir handelt. Bis jetzt gibt es keine Beweise oder Hinweise, wer hinter den Angriffen steckt. Es könnte sich um mehrere Vampire handeln, oder einen Eindringling in die Schule, oder um jemanden, der bereits hier war. Einer von uns könnte der Täter sein, obwohl es, wie ich bereits sagte, keine Beweise gibt. Ich wäre sehr von euch allen enttäuscht, sollte ich wilde und kindische Anschuldigungen hören. In Zeiten wie diesen müssen wir vereint bleiben."
Jeder tauschte Blicke mit seinen Sitznachbarn. Harrys Blick traf Ron, und dieser murmelte: „Snape …"
Harry nickte still, und fühlte, wie ihn das Schuldgefühl in der Brust kitzelte. Er erwartete, dass Dumbledore über Snape sprechen und die Gerüchte ruhen lassen würde – doch zur Überraschung aller Anwesenden in der Großen Halle geschah dies nicht.
„Ich muss auch einen Mann erwähnen, über den ihr alle euch furchtbar schnell ein Urteil erlaubt habt, wegen dem, was er ist", sagte Dumbledore ruhig. „Professor Snape ist in der Tat ein Vampir, jedoch –"
Ein Flüstern brach in der gesamten Halle aus und breitete sich wie eine Welle im Raum aus. Dumbledore räusperte sich und beendete somit den Lärm.
„- jedoch muss ich etwas ganz klar stellen", sagte er ernst. „Es gibt keine verlässlichen Hinweise, um jemandem die Schuld zu geben. Bis dies geschieht, ist jeder in diesem Schloss so unschuldig oder schuldig wie jeder andere. Professor Snape könnte genauso gut der Angreifer sein wie ich."
Harry und Ron tauschten wieder einen Blick. Jeder, sogar Harry, konnte dem nicht zustimmen. Die Vorstellung, dass Dumbledore in der Nacht mit einem dunklen Umhang verhüllt durch die Schule glitt und Schüler biss, schien aus irgendeinem Grund nicht überzeugend.
„Noch etwas anderes", sagte Dumbledore. „Wir werden eine neue Sicherheitsmaßnahme starten. Ab diesem Augenblick ist ab neun Uhr abends Ausgangssperre. Bis dahin müssen alle in ihren Schlafsälen sein – denn wenn die Uhr neun schlägt, werden alle Türen und Fenster in Hogwarts automatisch verschlossen sein, und sich erst am nächsten Morgen wieder öffnen. Wenn ihr nicht in euren Schlafsälen seid, werdet ihr die Nacht alleine in den Korridoren verbringen müssen, egal, ob ihr Schüler, Lehrer oder Geister seid. Ich bitte euch alle, diese Information sehr, sehr ernst zu nehmen, denn ihr werdet eure Dummheit ansonsten erst zu spät bemerken."
Er nickte einmal kurz mit dem Kopf und murmelte dann: „Wenn ihr mit dem Essen fertig seid, dürft ihr in eure Gemeinschaftsräume zurückkehren. Schlaft gut."
Er stand auf und verließ die Halle. Professor McGonagall sah sich um, stand dann ebenfalls auf und folgte ihm. Einige andere Lehrer taten es ihr gleich. Harry fühlte, wie sich die Blicke auf seinen Hinterkopf vermehrten, und stand deshalb ohne ein weiteres Wort auf und ließ seine Freunde am Tisch zurück. Er wollte nur hier raus. Er bemerkte fast nicht, wie seine Beine ihn auf die Schlossgründe hinaus trugen. Er fand einen Platz am See, setzte sich und legte die Arme um seine Knie. Kalter Wind blies gegen seinen Rücken und ließ Wellen über die Seeoberfläche tanzen. Ein einsamer Tentakel streckte sich aus dem Wasser, und verschwand sofort wieder in der Tiefe.
Harry verlor jedes Gefühl für Zeit, bis die Dunkelheit hereinbrach und das Schloss vor ihm mit tausend Kerzen erhellt wurde. Er konnte sehen, wie einer der Sicherheitsdrachen in der Nähe der Gewächshäuser auf dem Boden aufstampfte, und ein anderer lag eingerollt und schlafend am Boden. Durch die riesigen Fenster der Astronomiehalle konnte er Norbert, Sly und ihr Kind Kibbles II sehen. Sly lag am Ende der Halle und sah zu, wie der junge Drache mit dem Schweif seines Vaters spielte. Harry hatte gar nicht bemerkt, wie ihm Tränen in die Augen stiegen.
Er fühlte sich, als wäre Etwas in seinem Inneren böse auf ihn. Enttäuscht. Verlangte, dass er aufstand und etwas unternahm, but Harry wusste nicht, wie er die Situation verändern konnte. Er hatte oft versucht, seine Gedanken zu öffnen, und flüsterte in seinem Kopf: „Severus …?", aber er erhielt nie eine Antwort. Ihm wurde kalt, und er fühlte sich ein wenig verängstigt und einsame, doch er blieb sitzen, hielt sich an seinen Knien fest und ließ zu, dass die feuchten Tränen auf seine Jeans liefen. Er hatte sich noch nie so allein gefühlt. Als würde etwas Wichtiges fehlen.
Bis endlich eine Stimme hinter ihm sprach. Es war jedoch nicht Snape.
„Harry …"
Er wandte sich um und hinter ihm saß ihm Schneidersitz niemand anderer als Albus Dumbledore. Sein Bart leuchtete im Mondlicht. Die Enttäuschung, dass es nicht Snape war, traf Harry wie eine Welle, und er wandte sich um, den Kopf wieder zwischen seinen Armen verbergend.
„Hallo, Professor …", murmelte er. Er warf einen Blick auf seine Uhr und sah, dass es schon halb neun war. „Ich werde bald in meinen Schlafsaal zurückgehen, ich wollte nur ein wenige frische Luft …"
„Das ist in Ordnung, Harry", sagte Dumbledore leise. „Ich werde dich nicht darum bitten zurückzugehen, bis du es willst …"
Ein paar Augenblicke lang herrschte Stille, während Harry versuchte, seine Tränen zu stoppen, und Dumbledore ein wenig näher kam, um neben ihm zu sitzen. Die Augen des Schulleiters waren voller Staunen auf den Himmel gerichtet.
„Ich frage mich, ob es Etwas gibt, worüber du reden möchtest", sagte Dumbledore sanft und warf Harry einen Blick zu.
Harry antwortete nicht. Er wollte reden, furchtbar gern sogar, aber nicht über seinen Beschützer, den er verlassen hatte. Allein der Gedanke daran ließ die Schuldgefühle wieder aufsteigen. Dumbledore schien dies zu bemerken, denn er legte vorsichtig eine Hand auf Harrys Schulter.
„Er ist nicht böse auf dich, Harry", sagte Dumbledore.
„Ron und Hermine haben das auch schon gesagt", antwortete Harry und rieb sich die Augen. „Aber ich weiß, dass er es ist … ich … ich kann ihn nicht mehr spüren. Er ist weg, oder? Der Bund … ich hab ihn zerstört …"
Nun, da Harry es endlich gegenüber sich selbst und jemand anderem zugegeben hatte, was seine größte Angst war, schienen die Emotionen durch ihn zu strömen. Er schloss wieder seine Augen. Dumbledore klopfte ihm wieder sanft auf die Schulter, und sagte beruhigend: „Mach dir keine Sorgen. Der Bund, den ihr habt, kann nicht zerstört werden, und davor solltest du auch nie Angst haben. Alles, was wir im Moment haben, ist ein kleines psychologisches Problem zwischen dir und Severus, aber darum müsst ihr euch selbst kümmern. Ich will nur, dass du weißt, dass Streitigkeiten zwischen den Mitgliedern eines Bunds immer gelöst werden – wenn keiner von ihnen eine Lösung findet, kümmert sich der Bund darum. Du musst keine Angst haben, Harry. Alles wird gut werden."
Harry war einige Augenblicke lang still. Er wollte Dumbledore verzweifelt glauben, dass er den Beschützerbund nicht zerstört hatte, aber es war so schwierig, während er sich so alleine fühlte. „Professor … denke Sie, dass er es zulassen würde, dass ich ihn besuche?", fragte er.
Aber als er einen Blick über seine Schulter warf, war Dumbledore verschwunden. Harrys Unterbewusstsein deutete dies als „Nein". Er war nicht sicher, ob er sich nun besser fühlen sollte oder nicht, doch er stand trotzdem auf, strich seinen Umhang glatt und ging in Richtung Schloss davon. Als er am Krankenflügel vorbeiging blieb er kurz stehen und versuchte es noch einmal. „Severus?", dachte er.
Er erhielt keine Antwort.
