HARRY POTTER UND DAS ANKH VON KHEPRI

KAPITEL 19 – Die Handschuhe

Weihnachten kam auf Hogwarts zu, und brachte mit sich eine dicke Schneedecke und den Gedanken des Friedens in die Schule. Die Geister schwebten in kleinen Gruppen herum und sangen Weihnachtslieder, und Justin Finch-Fletchley eröffnete in der Eingangshalle einen Stand für heiße Kastanien. Dieser wurde vor allem bei den muggelgeborenen Schülern sehr beliebt und alle Erlöse gingen an die Bright Sparks. Wenn gefragt wurde, wofür das Geld verwendet wurde, antwortete Justin nur, dass die Snacks in den Spielpausen eben auch Gold kosteten.

Die Große Halle wurde wie üblich zu Weihnachten mit zwölf riesigen Weihnachtsbäumen geschmückt, an denen Kugeln, Eiszapfen, zarte Ornamente, sowie Geschenke, Satinschleifen und winzige Figuren aus Gold hingen. Die verzauberte Decke war ständig weiß und aus ihr fiel Schnee, der ihre Köpfe nie erreichte, und in jedem Korridor und Klassenzimmer wurden große Feuer entzündet. Die Schlossgründe waren, so weit das Auge sehen, konnte mit einer Schicht aus Schnee und Eis bedeckt.

Harry wäre von der spektakulären Show, die der Winter für die Schule abzog, ziemlich beeindruckt gewesen, wenn seine Gedanken nicht andauernd zu Snape gewandert wären. Zum Glück waren all seine Freunde deswegen sehr hilfsbereit und verständnisvoll. Nur Ron, Hermine und Kainda wussten vom Beschützerbund und seinem Streit mit Snape, aber die anderen fühlten trotzdem, dass etwas nicht in Ordnung war, und sie versuchten, ihn davon abzulenken. Hermines Vorstellung von Ablenkung von Snape war, für die UTZ Prüfungen zu wiederholen, was allerdings nicht unbedingt zu Harrys Hobbys gehörte. Draco, Ron und Hermine gingen mit ihm nach draußen auf die verschneiten Schlossgründe, um mit ihm Quidditch zu spielen, und Neville schloss sich ihnen manchmal an, obwohl er vor Kälte blau wurde und sie ihn dick einwickeln mussten. Luna war nicht gerade die am meisten beruhigende Person der Welt, aber Bucket, das kleine Kätzchen, machte eines Morgens alles wunderbar, indem er auf einen der Weihnachtsbäume sprang und versuchte, hinauf zu klettern, sich dabei aber im Lametta verfing. Hagrid musste ihn retten, wobei er sich viele Kratzer einholte, bevor Bucket wieder mit allen vier Beinen auf dem Boden stand. Der Anblick von Bucket, der Hagrid den Korridor entlang nachtrottete und dabei Lametta hinter sich herzog entlockte vielen Mädchen ein Ooh und ein Seufzen, weil sie ihn so süß fanden. Sogar Harry musste deswegen ein wenig lächeln.

Sneezy munterte Harry aber am besten auf. Harrys Pelzige Pilze waren schon vor langem in den Mülleimer umgezogen, aber Sneezy machte seine Sache auch alleine gut. Inzwischen konnte er schon halb verständliche Gespräche führen, obwohl seine Grammatik einfach grauenhaft war. Vier Tage vor Weihnachten, am einundzwanzigsten Dezember, erzählte er Harry von einer Eule, die er am Tag zuvor gesehen hatte.

„War grooooooooße Eulue!", quietschte er, streckte seine Arme so weit aus wie nur möglich und sprang auf und ab. „Groooße Flügel! Und ich sagen: ‚Lo, Eulue!', aber Eulue sag nicht!"

„Sagt nichts", sagte Harry, lächelte ein wenig und gab Sneezy ein Stück Toast.

„Mmmmmm, Krulpel", sagte Sneezy. Er knabberte eine Weile an seinem Toast und patschte dann davon, um Draco ein wenig um Croissants an zu jammern und ihm von der Eule zu erzählen.

„Was sollen wir heute machen?", fragte Ron. „Ich meine, wir haben bis nach Neujahr keinen Unterricht mehr. Sollen wir raus gehen und noch ein wenig Quidditch spielen?"

„Ja, okay", sagte Harry. Er bestreute seine Frühstückseier mit Salz und Pfeffer, denn das war die einzige Möglichkeit zu verhindern, dass Sneezy darum bettelte. Sneezy nieste sowieso immer, aber Salz und Pfeffer färbten sein Gesicht blau und er musste nach Luft schnappen. Danach ging Sneezy jeder Art von Pulver aus dem Weg, inklusive Schnee, was allerdings ein kleines Problem war, weil das Schloss ja von allen Seiten davon umgeben war.

„Ich werde gehen und Justin und Ernie fragen, ob sie auch mitkommen wollen, in Ordnung?", sagte Draco, stand auf und überließ die Überreste Sneezy. „Ich werde hier sowieso keine Ruhe haben mit dieser kleinen Tratschkiste."

Er ging auf die andere Seite der Halle. In seiner Abwesenheit packte Sneezy den Rest des Croissants, lief über den Tisch, tunkte es in das Ketchup von Rons Würstchen und legte es dann kichernd auf Dracos Stuhl.

„Danke", sagte Ron trocken und klaubte die Krümel des Croissants aus seinem Ketchup. „Wirklich vielen Dank, Sneezy."

„S'okay", sagte Sneezy strahlend.

Draco kam vom Tisch der Hufflepuffs zurück. „Ich hab sie gefragt und sie meinen, dass es in Ordnung geht. Sie treffen uns draußen am Feld um – " Und er setzte sich.


„Es war NICHT lustig."

„Heeheehee, ich denken war sehr lustig."

„Wie wär's, wenn ich dich in Ketchup tunke? Dann werden wir ja sehen, wie lustig es ist."

„Ich fordern dich raus."

„Oder ... wie wär's, wenn ich dich in eine Dose ... SALZ schließe?"

Sneezy quietschte und versteckte sich in Rons Tasche. Draco kicherte.

„Oh, sei nicht so grausam", sagte Ginny stirnrunzelnd.

„Und ein Croissant an meine Rückseite zu kleben wird nicht als grausam gezählt?", sagte er, sah sie mit erhobener Augenbraue an und zog seine Quidditchhandschuhe fester.

Ginny warf ihm einen gelangweilten Blick zu, als könnte ihr das alles nicht weniger zu Gemüte gehen. „Das ist nicht meine Sache. Und obwohl es lustig war ist es nur eine Schande, dass bei allen Malfoys der Sinn für Humor bei der Geburt herausgerissen und ins Feuer geworfen wird."

Ron sah die beiden stirnrunzelnd an. „Ich bitte euch! Sneezy hat hier gerade eine kleine Krise und er braucht es nicht, dass ihr zwei Kindsköpfe wie die Kleinkinder streitet." Er schüttelte den Kopf. „Also wirklich, wie lange könnt ihr beiden denn noch streiten?"

„Du schaffst es ja ein paar Monate lang", sagte Ginny gerade heraus.

„Hallo ihr da unten? Könnt ihr mich überhaupt hören?", rief Harry hoch oben in der Luft auf seinem Besen und winkte ihnen zu. „Ihr streitet hoffentlich nicht!"

„Nein, tun sie nicht", rief Kainda, die neben Hermine saß. „Sie reden über Quidditch." Sie senkte die Stimme und sah sie grinsend von der Seite her an. „Nun, fliegt schon los, bevor ich es dem Chef sage."

Draco lachte und flog auf seinem Besen davon. „Clever, Kainda."

Ron gab Hermine vorsichtig Sneezy und dann folgten er und Ginny halbherzig Draco, obwohl sie die Wärme von Hermines Feuer im Glas nicht verlassen wollten. Kainda gluckste, steckte ein weiteres Marshmallow an ihre Gabel und hielt es über das Feuer. „Einige Leute schätzen einfach die kleinen Dinge nicht, oder?"

Hermine blätterte in ihrem Buch eine weitere Seite um und warf Kainda einen Blick zu. „Du vermisst es wirklich, nicht wahr?", fragte sie mit freundlicher Miene, während das Team oben in der Luft mit den Übungen begann.

Kainda nickte. „Es ist wie ... was wäre, wenn du blind würdest, Hermine? Du könntest nicht mehr lesen, oder schreiben, oder andere Dinge, die du gerne machst. Bei mir ist es irgendwie so. Madam Pomfrey sagt, dass meine Bauchmuskeln stärker werden, und sie wird sehen, ob ich nach Weihnachten wieder alleine gehen kann."

„Das sind gute Nachrichten", sagte Hermine lächelnd. „Wenn du gehen kannst, wirst du auch auf einem Besen fliegen können."

Kainda schüttelte den Kopf. „Auf einem Besen fliegen ist im Vergleich zu Quidditch nichts. Du musst dich ducken können, und strecken und all das. Dinge, die ich nicht kann." Sie seufzte und warf einen Blick auf ihre Hände. Sie trug noch immer ihre fingerlosen Quidditchhandschuhe aus Leder. „Bei meinen UTZen läuft es aber gut. Ich hab keine Ahnung, welchen Job ich nachher will. Wahrscheinlich etwas in einem Büro. Etwas Langweiliges eben."

„Du könntest Schiedsrichterin im Quidditch werden", schlug Hermine vor.

Kainda grinste und lehnte sich zurück, wobei sie ihren dicken Mantel fester um ihre Schultern wickelte. „Ich würde mehr Streitereien als die Spieler beginnen."

Oben in der Luft lief das Training gut. Als er beschlossen hatte, Trainer zu werden, hatte sich Harry geschworen, nicht wie Oliver Wood zu werden und sich zu viel einzumischen. Wood hatte immer jedes Manöver demonstriert und sie mussten es immer und immer wieder wiederholen, bis alles daran bis ins kleinste Detail perfekt war, wenn sie es im Spiel anwandten. Harry war fest entschlossen, nicht so werden, aber es war sehr schwer, wenn er zusah, wie Ron die Faultierrolle versuchte.

„Es soll ein Rollen sein, wirklich zügig", sagte er. „Pack einfach deinen Besen und schwing dich herum. Stell dir vor, du wärst in einer Waschmaschine."

„In einer was?", sagte Ron, der rücklings von seinem Besen hing und Harry anstarrte.

„Ist doch egal. Roll einfach und lass dich nicht nur fallen. Das Prinzip ist Rollen, dann kannst du – "

„Harry. Ich hab's verstanden." Ron kletterte wieder richtig auf seinen Besen und packte ihn fest. „Okay, ich rolle also nach unten und dann wieder nach oben. Wie mit einem Korkenzieher."

„Genau", sagte Harry. „Merk dir, dass es eine Rolle ist, nach unten kopfüber rollen und dann wieder auf die richtige Seite nach oben."

Ron biss sich auf die Lippe und schwang sich dann auf eine Seite. Er kam unten an, schlenkerte dann ein wenig, aber blieb dort. Er seufzte. „Es liegt am Besen, das muss es sein. Er ist nicht für dieses komische Rollen gebaut worden."

„Vielleicht musst du irgendwie ... den Besen mit dir rollen", sagte Harry nachdenklich. „Versuch es einfach weiter, okay? Du wirst es am Ende schon schaffen. Ich bin sicher, dass Wood es konnte, sogar drei Mal hintereinander."

„Wood war aber wie ein Bodybuilder gebaut", beschwerte sich Ron. Er setzte sich wieder richtig auf den Besen und lag dann nur schwach darauf, die Arme und Beine unter ihm baumelnd. „Ich bin es nicht. Hey, was glaubst du, wenn ich versuche, den Besen ...? Oder vielleicht drehe ich den Besen nicht mit mir, oder so was."

„Harry! Harry!"

Harry beeilte sich, zum anderen Ende des Feldes zu kommen, wo Ginny und Neville trainierten. Sie winkte ihn herüber. Er ließ Ron alleine, damit er seine Rolle weiter üben konnte, und flog zu ihnen hinüber, wo er in der Luft stehen blieb.

„Neville hat Probleme beim Fangen", sagte Ginny. „Seine Hände sind schon ganz kalt."

Harry besah sich Nevilles Hände. Sie wurden etwas blau. „Okay Neville, geh und setz dich. Frag Hermine, ob sie dir ein Paar Handschuhe heraufbeschwört, du wirst schon wieder in Ordnung sein, wenn du aufgewärmt bist. Draco! Kannst du Jäger spielen, während – "

Plötzlich ertönte auf der anderen Seite des Feldes ein Schrei. Alle schraken auf und wirbelten herum und versuchten zu sehen, was passiert war. Auf der anderen Seite in der Kommentatorenkabine konnte Harry Ernie und Justin sehen. Ernie geriet in Panik und Justin sank langsam zu Boden.

„Hilfe!", schrie Ernie. „Hilfe, Hilfe!"

Harry drehte seinen Feuerblitz herum und jagte das Feld entlang und ließ sich dann schnell in die Kabine neben Justin fallen. Er kniet auf dem Boden, umklammerte seinen Arm und zitterte vor Schmerzen.

„Was ist passiert?", fragte Harry, während die anderen kamen und sich um Ernie und Justin scharten.

„Der Klatscher ist aus der Kiste entkommen", sagte Ernie panisch. „Er hat ihn am Arm erwischt und ich weiß nicht, wohin er ist ..."

Luna und Hermine eilte die oberste Sitzreihe entlang. Hermine schob Kaindas Rollstuhl, während Luna mit Bucket alle Hände voll zu tun hatte. Neville, der auf seine Hände blies, folgte ihnen zitternd.

„Was ist los?", sagte Hermine und kniete sich neben Justin.

„Angriff von einem Klatscher, Hermine", sagte Ron. „Wir wissen nicht, wo er jetzt ist. Ernie, in welche Richtung ist er davon geflogen?"

„Zum Wald hin", sagte Ernie schnell. „Aber er könnte auch – "

Plötzlich brach der Klatscher durch die Decke der Kabine und zerschmetterte sie. Alle schrien und versuchten, den Weg frei zu machen. Harry wusste nicht wirklich, was ihn dazu brachte es zu tun, oder woher er die Idee hatte, dass er es tatsächlich schaffen könnte, aber er sprang nach vor. Seine Arme schlangen sich um den Klatscher und er fiel hin, zog ihn mit sich nach unten und klammerte sich mit aller Kraft an ihn. Der Klatscher zog und kämpfte und versuchte, zu entkommen.

„Holt die Kiste!", rief Harry und hinderte den Klatscher an einem weiteren Fluchtversuch.

Ginny sprang auf um die Kiste für die Bälle zu holen und zog sie herüber. Harry kämpfte sich zu ihr hin, während Ginny die Halterung öffnete, und gemeinsam schafften sie es, den Klatscher in die Kiste zu zwängen. Harry schloss keuchend fest die Halterung.

„So", sagte er und rieb sich die Brust, wo der Klatscher in zuvor schmerzhaft getroffen hatte. „Nun ... was?"

Alle starrten ihn an. Er hob eine Augenbraue.

„Was?", wiederholte er.

„Wie zum Teufel hast du das geschafft, ohne dabei getötet zu werden?", sagte Ernie, der sich schwer beeindruckt anhörte.

Harry zuckte mit den Schultern. „Wood hat das auch gemacht. Als er mir zum ersten Mal die Klatscher gezeigt hat, hat er ihn auch zurück in die Kiste gezwungen. Seht mal, wir diskutieren das später. Justin muss in den Krankenflügel."

„Wie sollen wir ihn dort hinbringen?", sagte Ginny besorgt.

„Ihn schweben lassen?", schlug Draco vor. „Obwohl es bis zum Schloss weit ist und bei Menschen mit gebrochenen Knochen ist das nie sicher. Wenn wir es nicht perfekt machen könnten wir ihn noch mehr verletzen."

„Können wir ihn tragen?", sagte Luna. Bucket knabberte am Ende ihres Schals, aber sie schien es nicht bemerkt zu haben. „Wir sind doch ziemlich viele. Ich bin sicher, dass wir es schaffen würden."

„Das ist noch riskanter als schweben", sagte Ron und biss sich auf die Lippe. „Soll ich zum Schloss fliegen und Madam Pomfrey holen?"

„Was würde uns das bringen?", fragte Ernie. „Justin wäre noch immer hier draußen in der Kälte und wir wüssten nicht, wie wir ihn rein bringen sollen."

„Wartet! Ich weiß es!", sagte Hermine. Sie stand auf, rollte die Ärmel hoch und zog ihren Zauberstab. „Ich werde eine Trage heraufbeschwören! Dann können wir ihn einfach drauflegen und die Trage zur Schule fliegen lassen!"

Alle gingen ein wenig zurück um ihr mehr Platz zu geben. Justin umklammerte immer noch fest seinen Arm. Hermine ging sicher, dass ihr Zauberstab nicht auf ihn gerichtet war, wedelte dann ein paar Mal damit und hielt ihn anschließend ruhig. Harry sah, wie die ersten Anzeichen einer Trage erschienen, aber plötzlich hörte er ein seltsames wildes Zischen und ein Schnarren und Bucket riss sich von Lunas Armen los und sprang direkt auf Hermines Zauberstab zu. Hermine schrie vor Schmerz auf, als sich Buckets Klauen in ihre Hand senkten und den Zauberstab zur Seite stießen, der – unglücklicherweise – jetzt genau auf Justins Arm deutete. Ein schreckliches Knarren und Reißen ertönte, Justin schrie, und als die anderen erkannten, was der Zauber angerichtet hatte, fiel eine schwere Stille über sie. Hermine schlug entsetzt die Hände über den Mund.

„Oh nein! Justin ... es tut mir so leid! Schnell, wir müssen in zum Schloss tragen, die Gefahr für seinen Arm ist jetzt egal ... oh nein ... was hab ich nur getan?"


Es war für sie alle ein sehr stiller Nachmittag, während sie vor dem Krankenflügel saßen und versuchten, sich nicht anzusehen. Justin war noch immer drinnen, wo Madam Pomfrey sich um ihn kümmerte; sie war äußert wütend gewesen, als sie ihn gebracht hatten. Sie ließ sie nicht hinein, denn sie hatte andere Patienten, die viel Ruhe brauchten (Snape, dachte Harry mit einem sehr schweren Gefühl im Magen), und sagte ihnen, dass sie draußen warten mussten. Hermine war den Tränen nahe und Ron versuchte, sie zu beruhigen. Alle anderen saßen nur ruhig da und versuchten zu vergessen wie es aussah, wenn eine Trage im Arm von jemandem erschien. Nur Luna war in guter Laune.

„Es ist hier ziemlich leise", sagte sie mild und kraulte den sehr zufrieden aussehenden Bucket.

„Vielleicht sollte es auch so bleiben", sagte Draco und hob eine Augenbraue.

Luna lächelte ihn verträumt an. „Oh, das denke ich nicht. Ich verstehe nicht, warum alle so düster sind."

„Vielleicht weil Justin dort drin ist und einen Holzrahmen im Arm hat!", schnappte Ernie.

Hermine begann zu weinen. Ron legte sanft einen Arm um sie. „Es ist nicht deine Schuld, Hermine", sagte er beruhigend. Er hob die Stimme und wandte den Blick Luna zu. „Du solltest dich nicht wegen den Fehlern von anderen schuldig fühlen."

„Ich spüre sehr viele negative Wellen gegen Bucket", sagte Luna gelangweilt und ihre hervortretenden Augen sahen sie alle an.

„Stellt euch das vor", murmelte Draco.

Die Tür zum Krankenflügel öffnete sich und Madam Pomfrey steckte den Kopf heraus. „Ihr könnt jetzt hereinkommen und ihn sehen", sagte sie. „Aber wirklich nur ihn. Und auch nicht lange! Er braucht jetzt viel Zeit zur Erholung."

Alle nickten und gingen in den Krankenflügel. Luna ließ Bucket vor der Tür auf dem Boden zurück und er verschwand einer Ratte folgend in Richtung der Kerker.

Das Bett am Ende der Station war durch einen Vorhang vom Rest abgetrennt. Harry musste nicht einmal nachdenken um zu wissen, wer dahinter war und seine Wunden und seinen Stolz heilen ließ. Madam Pomfrey merkte, wohin sein Blick gewandert war und schob ihn stirnrunzelnd prompt zu Justin.

Justin saß aufrecht in Bett und sah zwar aus, als hätte er Schmerzen, aber er schien auch glücklich. Er lächelte matt als sie kamen und öffnete den Mund, um etwas zu sagen, aber Hermine kam ihm zuvor.

„Es tut mir so leid, Justin", jammerte sie. „Ich wusste einfach nicht ... und ich verspreche, dass das normalerweise nicht passiert ..."

„Es ist okay", sagte er freundlich. „Ist ja nichts passiert ... nun ... eigentlich ..."

„Was ist los?", fragte Ginny.

Justin sah ein wenig nervös aus. Er spielte einen Moment lang mit seinen Fingern und sagte dann mit einem kleinen, schwachen Lachen: „Unser Team scheint in letzter Zeit einige Spieler durch Verletzungen zu verlieren ... Madam Pomfrey hat sich so gut sie konnte um meinen Arm gekümmert ... aber nun ja, es ist so, das Gelenk wurde direkt von der ... ähm ... Trage getroffen. Und es gibt jetzt damit ein kleines Problem."

„Welches Problem?", fragte Ernie und beobachtete Justin ängstlich.

„Es ist ein wenig ... schwach", sagte Justin und klang dabei müde. „Und um jede Bewegung zu vermeiden musste Madam Pomfrey einen Scharnierzauber verwenden. Aber es ist so: sie hat noch nie einen Scharnierzauber an einem Ellbogen verwendet. Und ... es gab einen unvorhersehbaren Nebeneffekt."

Als ihn alle auffordernd ansahen zog er seinen Arm unter der Bettdecke hervor. Alle rissen entsetzt die Münder auf, als er ihn in die falsche Richtung abbog und sein Schulterblatt mit dem Handrücken berührte.

„Tatsächlich", sagte er blank und zog den Arm zurück. „Und er wird eine Weile so bleiben, müsst ihr wissen. Und weil er auch noch schwach ist werd ich wohl kaum einen Schläger schwingen können."

„Also haben wir noch einen Treiber verloren", sagte Draco düster.

Justin nickte. „Und ich hab nicht mal in einem Spiel gespielt."

„Naja ... es war ja nicht deine Schuld", sagte Ernie. „Ich meine ... wir können einen anderen Treiber finden, oder? Es ist nicht so, als wäre die ganze Schule in einem Quidditchteam. Es muss noch jemanden geben, irgendwo ..." Er verstummte.

Alle sahen Harry grimmig an. Er erwiderte ihre Blicke und seufzte. „Wir müssen also einen neuen Treiber finden. Irgendwelche Vorschläge?"

„Ähm ...", sagte Kainda.

„Vielleicht ...", sagte Ron.

„Eventuell ...", sagte Draco.

„Wer?", fragte Harry.

„Du", antworteten die drei wie aus einem Mund.

„Ich?", sagte Harry schockiert. „Ich? Ein Treiber? Erstens, ich bin kein Treiber. Und zweitens, ich spiele nicht mehr Quidditch. Würde ich spielen, wäre ich ein Sucher oder Jäger, aber sicher kein Treiber."

„Harry", sagte Ron. „Du hast einen Klatscher zu Boden gezwungen. Du hast bestimmt die Kraft, um ein Treiber zu sein."

„Es ist komplett anders, wenn man einen Schläger dazu hat", sagte Harry. „In meiner alten Muggelschule war ich im Tennis und bei solchen Sachen immer total schlecht. Ich konnte überhaupt keine Bälle treffen."

„Der Klatscher ist nicht nur ein Ball", sagte Kainda. „Er wird von dir angezogen. Du musst nur mit dem Schläger vage in seine Richtung schlagen und du wirst ihn treffen."

„Ich hab in meinen Armen aber nicht genug Kraft", sagte Harry. „Wirklich, Leute, ich kann kein Treiber sein. Habt ihr schon jemals einen Treiber gesehen, der so dünn war wie ich? Ich werde dort draußen zu Brei geschlagen."

Alle tauschten offensichtlich verzweifelte Blicke aus.

„Was?", sagte Harry.

„Du bist nicht mehr elf Jahre alt", sagte Hermine leise.

Harry starrte sie an. „Danke, dass du mir das sagst, Hermine, aber wir reden hier über Quidditch."

„Nein, ich meine ... ja, du warst in unserem ersten Jahr mager ...", sagte sie. „Aber du bist gewachsen, Harry. Du bist nicht mehr klein und schmächtig."

„Schmächtig?", sagte Harry und seine Augenbrauen schossen hoch. „Was meinst du mit schmächtig? Ich war nie schmächtig!"

„Ähm ...", sagte Ron. „Nun, versteh das jetzt nicht falsch, aber das warst du. Irgendwie. Sieh mal, steh auf und ich werd's dir zeigen."

Harry stand auf und fragte sich, wo das alles hinführen sollte. Ron folgte ihm und sagte dann: „Malfoy, steh auf."

Draco runzelte die Stirn, stand aber trotzdem auf.

„Gut. Hermine, in unserem ersten Jahr, wer war da von mir, Malfoy und Harry der größte?", fragte Ron.

„Wahrscheinlich du", sagte Hermine. „Dann Draco ... dann Harry ..."

„Und wer war am schmächtigsten?", fragte Ron.

Harrys Blick verdüsterte sich, aber Hermine sagte: „Nun ... wenn du klein und dürr meinst, dann wahrscheinlich Harry."

„Und wer hat von uns jetzt die beste Figur?", sagte Ron.

Harry warf Draco und Ron einen Blick zu. Ron war tatsächlich kleiner als er, wenn auch nur um ein paar Zentimeter. Draco war so groß wie er, vielleicht ein kleines bisschen größer. Es war das erste Mal, dass Harry Draco und Ron genau ansah und mit sich verglich, und zu seiner Überraschung war er gar nicht mehr so ... schmächtig. Draco war dünn, groß und Ron war noch immer ziemlich schlaksig. Er sah seine eigenen Arme und seine Brust an und hätte Hermines Antwort vorhersehen können.

„Harry", flüsterte sie.

„Das heißt noch lange nicht, dass ich ein guter Treiber wäre", sagte er schnell.

„Oh, komm schon Harry", sagte Kainda. „Sieh dich an, du kannst leicht ein Treiber sein! Du hast die perfekte Figur dazu! Du weißt, wie sehr du Quidditch liebst, und das Team braucht einen Treiber ..."

„Aber – ", sagte Harry.

„Hör auf, ein verdammter Gentleman zu sein", sagte sie grinsend. „Es ist mir egal, dass ich jede Woche ein paar Stunden auf den Tribünen sitze und heiße Schokolade trinken kann, es ist für mich absolut okay. Ich weiß, dass du dir um mich Sorgen machst, Harry, aber du musst nicht alles, was du liebst, aufgeben um es zu beweisen ... hier."

Sie rollte die Ärmel hoch und begann, ihre wertvollen Quidditchhandschuhe zu öffnen. Es war das Paar, das sie am liebsten hatte, und sie hatte mit ihnen noch nie ein Spiel verloren – aber trotzdem zog sie sie von ihren Händen und gab sie Harry.

Sie lächelte ihn an. „Komm schon, Harry ... mach mich stolz ..."

Er besah sich die Handschuhe und wusste nicht wirklich, was er sagen sollte. Ein Knoten bildete sich in seiner Kehle. Er wusste, wie viel sie Kainda bedeuteten, wie selten sie die Handschuhe abnahm, wie sie geträumt hatte, mit diesen Handschuhen Quidditch für England zu spielen. Er sah sie an und ihre Augen glitzerten hoffnungsvoll.

Er zog die Handschuhe an, zog sie fest und spürte, wie er von Stolz erfüllt wurde. „Ich werde es machen", sagte er.

„Wunderbar!", sagte Ron grinsend und klopfte ihm auf den Rücken. „Gehen wir wieder nach draußen und bringen wir dir bei, wie man auf Dinge schlägt!"

„Wir sehen dich später, okay Justin?", sagte Ernie vorsichtig.

„Klar, viel Spaß", sagte Justin. Er lächelte und rief ihnen noch einmal nach, als sie den Krankenflügel schon fast verlassen hatten. „Oh, Ernie, vergiss nicht unseren Stand für heiße Kastanien, wir können uns das Geschäft doch nicht entgehen lassen!"

In der Eingangshalle wandten sie sich nach links und gingen hinaus auf die Schlossgründe, aber Harry wurde von einer Stimme hinter ihm aufgehalten. „Harry?"

Er wandte sich um und sah Kainda, die Probleme hatte, mit dem schnellen Gang der anderen mitzuhalten. Er ging zu ihr hinüber und nahm die Griffe ihres Rollstuhls.

„Danke", sagte sie dankbar. Sie streckte den Arm aus und legte ihre Hand auf seine. „Du wirst ein großartiger Treiber sein, das weiß ich genau."

„Solange es für dich in Ordnung ist", sagte er. „Ich meine, ich will nicht, dass du dich irgendwie ausgeschlossen fühlst ... besonders weil ich deine Handschuhe und deine Position habe, und du kannst in der Zwischenzeit nichts tun ... wenn du nicht willst, dass ich – "

Sie lachte. „So süß. Aber jetzt mal ehrlich, Harry, es macht mir nichts aus ... ich will sehen, wie meine Handschuhe benützt werden. Quidditch ist nicht alles, was ich in meinem Leben habe. Es gibt wichtigere Dinge ... lernen und Hausgaben und noch andere solche Späße."

Harry warf einen Blick nach vorne durch die Halle. Die anderen hatten inzwischen schon den halben Weg über die Schlossgründe zurückgelegt und schienen gar nicht bemerkt zu haben, dass Harry und Kainda noch nicht einmal auf der Steintreppe waren. Er sah sich um damit er sicher war, dass sie alleine waren, bückte sich dann und küsste sie lächelnd auf die Stirn.

Sie lachte wieder. „Du rührseliger Kerl."

Er grinste, während sie den Kopf hob und ihn aufs Kinn küsste. „Wir müssen dich irgendwann mal an einen Baum im Verbotenen Wald binden", meinte er. „Damit ich dich heldenhaft vor den Sicherheitsdrachen retten kann."

„Du weißt schon, dass sie uns beide dabei anzünden würden?", sagte sie grinsend.

„Naja, solange uns dabei warm wird", sagte er schulterzuckend. Beide lachten und er schob sie hinaus in die Schlossgründe, wobei er sich seltsam stolz und erwachsen fühlte.


Als endlich alle beschlossen, zum Abendessen zurück zum Schloss zu gehen wurde es bereits dunkel. Harry fühlte sich, als wäre er aus einem langen Schlaf erwacht und er war erfrischt. Quidditch zu spielen und zu wissen, dass es bis zum nächsten Spiel nicht mehr lange dauerte, war ein wunderbares Gefühl. Sie hatten als Training ein paar kleine Spiele gespielt und er merkte, dass ein Treiber zu sein viel energiegeladener war als ein Sucher zu sein. Sogar ein Jäger hatte eine kleine Pause, wenn der Quaffel bei einem anderen Spieler war, aber als Treiber hatte man nie die Möglichkeit, ruhig zu sein. Harry liebte es.

Sie zogen sich um und teilten sich dann zum Abendessen einen Tisch, redeten aufgeregt und lachten über die Ereignisse des Tages. Harrys Geist war sehr erschöpft, aber auch so zufrieden, dass er keinen Gedanken für irgendetwas anderes hatte. Nach dem Abendessen sagte er gute Nacht zu Kainda, Draco, Ernie und Luna und ging dann mit den anderen hoch zum Turm der Gryffindors.

„Das war ein wirklich großartiger Tag", sagte Ron grinsend. „Ich kann unser erstes Spiel nicht mehr erwarten. Wir werden sie fertig machen, egal, wer gegen uns spielen muss!"

Sie erreichten das Porträtloch. Hermine lächelte der Fetten Dame zu und sagte fröhlich: „Rote Bänder!"

Die Fette Dame schwang nach vorn um sie einzulassen. Noch immer redend kletterten sie durch das Loch in die Wärme des Gemeinschaftsraums. Das erste, was Harry auffiel war, dass es ziemlich kühl war, und dann fielen seine Augen auf das offene Fenster in der Ecke. Er ging hinüber um es zu schließen, aber eine weiße Gestalt flatterte herüber und landete auf seiner Schulter, bevor er etwas tun konnte.

„Hi Hedwig", sagte er und streichelte sie. „Wo bist du gewesen, mm?"

Sie knabberte an seinem Ohr und streckte ein Bein aus, an dem ein Brief für ihn hing. Er nahm ihn herunter und fragte sich, von wem er sein konnte, bevor es ihm wieder einfiel. Er drehte sich schnell um und rief: „Ron! Hermine!"

„Was ist los?", sagte Hermine und sah ihn besorgt an.

„Er hat geantwortet!", sagte Harry. „Der Brief ist von Bill!"