HARRY POTTER UND DAS ANKH VON KHEPRI
KAPITEL 21 – Tränke, Training, Taten
Am ersten Tag nach den Ferien unterrichtete Snape wieder. Er kam nicht zum Frühstück – Harry wusste, dass Snape vermutlich noch vorsichtig war wegen der Gerüchte, die immer noch über den Vampir in der Schule kursierten. Er hatte auch guten Grund dazu. Beim Frühstück summte es in der Halle vor Misstrauen, und jeder, der an diesem Tag Zaubertränke hatte, benahm sich so, als würde er zur Schlachtbank geführt, fand Harry. Seamus Finnigan nahm Wetten entgegen, ob Snape „die Nerven verlieren und die Klasse fressen" würde, und Neville schien sich ernsthaft Sorgen um Harrys und Hermines Sicherheit zu machen, denn die beiden hatten an diesem Tag Zaubertränke.
„Machst du dir auch jedes Mal wegen Lupin Sorgen, wenn du sein Klassenzimmer betrittst?", sagte Draco mit erhobener Augenbraue.
„Aber Snape ist ein Vampir! Lupin ist nur ein Werwolf", sagte Neville.
„Vampire sind eigentlich sogar weniger gefährlich als Werwölfe", sagte Draco. „Sie können ihre Taten besser kontrollieren, genauso wie Menschen."
„Professor Lupin hat aber keine Fangzähne", sagte Luna auf der anderen Seite des Tisches hinter ihrer Ausgabe des Klitterers.
„Und?", sagte Draco. „Das ist, als würde man andeuten, Weasley würde gleich aufspringen, dich zu Boden ringen und mit seinem Löffel erschlagen, nur weil er eben einen hat."
„Was ist mit meinem Löffel los?", sagte Ron und sah von seiner Schüssel Haferbrei auf.
„Nichts. Ich sage nur, dass es lächerlich wäre, sich Sorgen zu machen, du würdest Luna damit ermorden", sagte Draco.
Ron starrte ihn an. „Wer hat behauptet, ich würde Luna mit einem Löffel zu Tode schlagen?"
„Wäre es nicht einfacher, ein Messer zu nehmen?", sagte Ginny.
„Ja, aber er hat kein Messer", sagte Draco. „Seht mal, es geht darum –"
„Warum bräuchte ich ein Messer?", sagte Ron und starrte ihn an.
Ein Moment der Stille folgte, nach dem Kainda das Gespräch gut zusammenfasste. „Kann sich noch irgendjemand daran erinnern, worüber zum Teufel wir eigentlich reden?"
„Über einen Mord an Luna", sagte Ron, den Mund voller Haferbrei.
„Es tut mir leid", sagte Luna verträumt, „aber ich will eigentlich nicht ermordet werden, wenn es euch nichts ausmacht."
Draco legte die Hand über die Augen. „Warum mach ich mir überhaupt die Mühe, euch etwas zu erklären? Der Opsittop würde es besser verstehen."
„Was hat Sneezy mit einem Mord an Luna zu tun?", sagte Ginny.
„Nichts! Seht mal, -" Draco gab auf und verbarg das Gesicht in den Händen.
Eine weitere Pause folgte, dann zuckte Kainda mit den Schultern. „Ist nicht unsere Schuld, dass du nicht gut erklären kannst. Gib mir die Marmelade, Ron. Versuch aber bitte, Luna nicht damit zu töten."
„Ich dachte, er würde einen Löffel dafür verwenden", sagte Neville verwirrt.
Draco seufzte hinter seinen Händen. „Idioten. Ich bin von Idioten umgeben."
Der Tag verlief ziemlich normal. In Zauberkunst war Harry mit der Note zufrieden, die er auf sein UTZ Projekt bekommen hatte, und in Magische Geschöpfe plauderte Sneezy die ganze Zeit fröhlich mit ihm, während er versuchte, ein Nest für einen der schlafenden Sicherheitsdrachen zu machen. Geschichte der Zauberei war langweilig wie immer, und er und Ron schliefen fast ein, aber Zaubertränke stellte sich als eine der interessantesten Stunden seit langem heraus.
Wie immer warteten die Schüler vor der Tür zu den Kerkern, und dann rief Snape sie herein. Er ging die Anwesenheitsliste durch, und dann stand auf, um mit ihnen zu reden.
„Gut", sagte er vage und schloss das Buch mit der Anwesenheitsliste. „Wir werden heute Theorie durchgehen. Es wird Hausaufgaben geben, und natürlich müsst ihr auch das erledigen, das ihr während der Stunde nicht schafft … eure UTZ Prüfungen kommen immer näher, und ich muss euch nicht sagen, wie … enttäuscht ich wäre, solltet ihr schlechte Noten bekommen. Bücher findet ihr hinten. Seite Einhundert-achtundsechzig. Alle Anweisungen findet ihr dort."
Alle beeilten sich, Bücher zu holen. Harry nahm auch eines für Hermine mit, setzte sich wieder an den Tisch und suchte nach Seite Einhundert-achtundsechzi. Er hoffte, es würde nicht zu viel Arbeit geben, denn er hatte noch genügend andere Hausaufgaben zu erledigen. Nachdem er ein paar Minuten zwischen den Seiten Einhundert-sechsundsechzig und Einhundert-siebenundsechzig, sowie Einhundert-siebzig und Einhundert-einundsiebzig geblättert hatte, bemerkte Harry schnell, dass jemand die Seite herausgerissen hatte. Er seufzte und sah sich nach einem anderen Buch um. Er warf einen Blick auf das Regal, aber es war bereits leer.
„Kann ich …?", begann er im Flüsterton zu Hermine, aber Snapes ständig aufmerksame Ohren hörten ihn.
„Keine Unterhaltungen", schnarrte er.
Harry hob die Hand. „Sir?"
„Was ist, Potter?", sagte Snape und warf ihm einen Blick zu.
„Jemand hat mein Buch beschädigt, Sir", sagte er. „Und es sind keine anderen mehr übrig."
Snape stand auf und verließ das Klassenzimmer, um ein anderes Buch für Harry aus seinem Büro zu holen. Sobald er den Raum verlassen hatte, hörte Harry jedoch ein Kichern aus einer anderen Ecke, und er warf den Jungs aus Ravenclaw an der Tür einen Blick zu. Sie diskutierten offenbar etwas sehr Unterhaltsames, aber Harry konnte nicht sehen, was es war. Ein Junge mit sehr kurzem, dunkelblondem Haar, den Harry als Andrew Waterhouse erkannte, grinste und seine Freunde, die um ihn standen, wollten ihn offenbar zu etwas überreden. „Los, mach schon, Andy!"
„Er bringt mich um, wenn er mich erwischt", sagte Andrew grinsend.
„Das wird er nicht, Andy, los mach!"
„In Ordnung …" Alle Schüler beobachteten nun Andy, während er den Zauberstab aus seiner Tasche zog und ihn auf Snapes Tisch richtete. Ein kleines Plop ertönte, und eine Reihe Knoblauchzehen erschien auf Snapes Papieren. Andrew wedelte wieder mit dem Zauberstab, und der Knoblauch verschwand unter ein paar der Schriftrollen. Harry fühlte, wie Ärger und Panik in ihm aufstiegen. War Knoblauch für echte Vampire schädlich? Er wollte gerade den Zauberstab aus seiner Tasche holen, um den Knoblauch verschwinden zu lassen bevor Snape wieder zurückkam, aber da öffnete sich schon die Tür und der Professor war wieder da.
Alle hielten den Atem an, während Snape Harry das Schulbuch gab, sich an den Tisch setzte, und die Stirn runzelte als er sah, dass seine Papiere durcheinander waren. Er schob die Rollen zur Seite und sah die Knoblauchzehen. Die Schüler machten sich auf die Wutwelle gefasst, die sie bestimmt überrollen würde, und Harry schob seinen Stuhl sogar aus Gewohnheit ein paar Zentimeter zurück.
Aber Snape sah nicht einmal wütend aus, während er den Knoblauch betrachtete. Er lehnte sich ungerührt auf seinem Stuhl zurück, streckte die Hand aus und hob eine der Knoblauchzehen auf. Ein paar Augenblicke lang sah er sie interessiert an, und öffnete dann den Mund. Ein kollektives Schnauben kam von der Klasse, als sie die langen, nadelscharfen Fangzähne erblickten, bevor diese mit einem Knirschen im Knoblauch verschwanden. Alle starrten ihn überrascht an. Snape kaute träge, und leckte sich sogar über die Lippen, bevor er die Überreste des Knoblauchs über ihre Köpfe hinweg in den Mülleimer in der Ecke warf.
„Zauberstäbe raus, bitte", sagte er so leise, dass es nicht einmal ein Zischen war. „Und stellt euch an die Wand."
Sie taten wie geheißen, wobei sie kein Wort wechselten. Die Anspannung im Kerker war so stark, dass sie jemanden hätte umbringen können. Sogar Harry, der nichts getan hatte, war nervös. Andrew Waterhouse stand am Ende der Reihe, zwei Plätze neben Harry, damit er als allerletzter dran war. Er war kreidebleich geworden, zitterte von Kopf bis Fuß und klammerte sich so stark an seinen Zauberstab, als würde er ohne ihn sofort sterben.
Snape ging langsam die Reihe der verängstigten Schüler entlang, nahm jeden Zauberstab in die Hand und murmelte: „Prior incantado …" Er beobachtete die Formen, die aus den Zauberstäben emporstiegen, und ging dann weiter. Nach ein paar Minuten erreichte er Harry. Er streckte die Hand aus und Harry gab ihm ruhig seinen Zauberstab, während er den Blick hob. Snapes Blick traf seinen, und obwohl sich seine Lippen nicht bewegten sprach eine Stimme hinter Harrys Ohr.
„Welch interessante erste Unterrichtsstunde …"
Harry lächelte ein wenig, während Snape seinen Zauberstab testete. Harry sah, wie sein letzter Zauber in Form einer Feder aus Rauch daraus emporstieg. „Es war Andrew Waterhouse", dachte er, als Snape ihm seinen Zauberstab wieder gab.
„Ich weiß", sagte Snapes Stimme in seinem Geist, während er weiter zu Hermine ging. „Ich möchte nur sehen, wie dieser kleine Parasit sich windet."
Harry schnaubte amüsiert. Hermine warf ihm einen fragenden Blick zu. Er schüttelte den Kopf, zu sehr damit beschäftigt, Snape zu beobachten. Der Professor stand nun vor Andrew, und sah ihn mit einer Miene voller Triumph an.
„Nun denn", hauchte er. „Es ist an der Zeit zu sehen, ob der Prozess des Ausschließens zum Ziel führt … Zauberstab, Waterhouse."
Andrew streckte ihn nach vor. Sein Gesicht hatte eine interessante Farbmischung aus saurer Milch, Pistazien und Zitronengelee angenommen. Snape nahm den Zauberstab entgegen, hob ihn, so dass die ganze Klasse ihn sehen konnte, und knurrte: „Prior incantado."
Die unverkennbare Form der Knoblauchzehen brach aus der Spitze des Zauberstabs hervor. Sie schwebte ein paar Augenblicke, bis Snape sie verschwinden ließ. Andrew sah aus, als würde er jeden Moment in Ohnmacht fallen. Snape sah den Missetäter mit einer Miene an, die vermuten ließ, alles wäre vergeben und vergessen.
Aber dann verzog sich das Gesicht des Professors wütend, er packte Andrew vorne am Umhang und schrie so laut, dass alle anderen zusammenzuckten: „RAUS – HIER!"
Das musste er Andrew nicht zwei Mal sagen. Er lief schneller als alles, was Harry bis jetzt gesehen hatte, zum Ausgang, packte, als er an seinem Tisch vorbeikam, seine Tasche, warf dann in seiner Eile noch einen Tisch um, riss die Tür auf und warf sie laut hinter sich wieder zu.
In der Stille, die darauf folgte, erkannten alle Anwesenden, dass Andrew Waterhouse wohl nie wieder wagen würde, die Kerker auch nur mit einem Fuß zu betreten.
Snape wandte sich dem Rest der Klasse zu. „Zurück zu euren Plätzen", zischte er. „Und jeder, der noch weitere unterhaltsame Streiche spielen will, darf Waterhouse gerne im Land ohne Zurück Gesellschaft leisten …"
Sie eilten zurück zu ihren Plätzen, und niemand wagte es, während der restlichen zwei Unterrichtsstunde auch nur laut zu atmen.
Nach dem Unterricht trainierte Harry gemeinsam mit dem Rest seines Quidditchteams draußen auf dem Feld. Ihr erstes Spiel würde in einer Woche stattfinden, und Harry hatte an diesem Morgen beim Frühstück erfahren, dass sie gegen das Team „Abrakadabra" antreten würden.
„Ich hab mit dem Mädchen geredet, das in Kräuterkunde neben mir sitzt", erklärte Kainda, als sie alle in ihren Quidditchumhängen am Rand des Spielfeldes saßen. „Abrakadabra sind aus der fünften und sechsten Klasse, Ravenclaw und Hufflepuff. Sie waren alle davor schon mal in den Hausteams, und ihre größte Schwäche ist ihr Sucher, Wes Harris, aus der fünften. Aber sie haben gute Jäger, die das wieder ausgleichen. Passt auf das schwarzhaarige Mädchen auf, sie heißt Rachana Fabiola. Sie kommt aus der sechsten Klasse, ist ihr Teamkapitän, und ziemlich angriffslustig."
„Ich kenne Rachana", sagte Ginny und verzog das Gesicht. „Sie hat mit mir Zauberkunst, und sie ist furchtbar. Sie denkt wirklich, sie wäre einfach Alles. Stolziert herum, als hätte sie selbst die Magie erfunden."
„Was ist mit den Treibern?", fragte Harry.
„Alex und Alan Mairwen", sagte Kainda. „Ravenclaw, Zwillinge, fünfte Klasse. Sie werden kein Problem sein, Harry. Sie sind beide ziemlich stark, aber sie sind nicht aggressiv und sie haben keine besonderen Tricks drauf."
„Sie haben mit mir Astronomie", sagte Luna. „Sie sind sich sehr ähnlich …"
„Sie sind Zwillinge", sagte Ginny.
„Ah, ja … das könnte eine Erklärung sein …", sagte Luna, wobei ihre Stimme von normaler Lautstärke fast auf ein Flüstern abfiel.
„Nun, mit genügend Training werden wir sie schlagen können", sagte Harry. Er stand auf, und strich seinen Umhang glatt. Kaindas Handschuhe waren eng um seine Hände geschnürt. „Kommt schon, rauf in die Luft mit euch. Neville, versuch dieses Mal, auf deinem Besen zu bleiben, okay? Draco, hör auf, an deinen Haaren rumzuspielen, sie sind in Ordnung! Ginny, Ron, hört auf, ihm das Gegenteil zu sagen! Hermine, kannst du ein Auge auf unsere Sachen werfen? Und Kainda?"
„Ja?", sagte sie und hob den Blick von ihren Hausaufgaben.
Harry küsst sie auf die Wange, und flog zur anderen Seite des Feldes davon, und fühlte sich dabei richtig gut.
„Komm schon, Casanova", rief Ron. „Hör auf, so ein verdammter Romantiker zu sein, der uns schlecht aussehen lässt!"
Harry lachte und raste zu ihnen hinüber, wobei er sich ein paar Mal um seine eigene Achse drehte, einfach um anzugeben. Er konnte nun kaum glauben, dass er zu Semesterbeginn vorgehabt hatte, nicht mehr zu spielen. Bei all den Problemen und dem Chaos, die in seinem Leben herrschten, war die Vorstellung, auch nicht mehr Quidditch zu spielen, grauenhaft.
„Okay … Hannah, Neville, Ginny? Seid ihr alle bereit?", rief Harry. „Ron, bereit? Draco? Ernie?"
„Bereit!", riefen alle.
„Okay. Luna, lass die Bälle frei!", rief Harry, und unten am Boden öffnete Luna den Koffer mit den Bällen und ließ den Quaffel, die Klatscher und den Schnatz hoch in die Luft steigen. Hannah schoss nach vorne, um den Quaffel zu packen, und raste auf die Tore zu, mit Ginny direkt hinter ihr und Neville ein Stück hinter ihnen. Ernie verfolgte sofort einen der Klatscher, und Harry heftete sich an den anderen, der Draco um die Torpfosten folgte. Er flog zu ihm hinüber, zog den Besenstiel steil in die Luft um zu bremsen, und schlug so hart er konnte auf den Klatscher, der in die andere Richtung davon schoss. Er hatte jedoch keine Zeit, zu denken. Er folgte ihm wieder, als würde er einen schweren und langsamen Schnatz verfolgen, den er ständig schlagen musste.
Sie trainierten zweieinhalb Stunden, bis es kurz nach fünf Uhr war, und alle erschöpft und hungrig waren. Harry und Ron packten alle Bälle in den Koffer, obwohl es ein paar Minuten dauerte, bis sie den Schnatz erwischten, und Ron trug ihn zurück zu Madam Hoochs Büro. Alle anderen, nun wieder in frischen Klamotten, gingen zurück zum Schloss. Harry landete auf einer Tribüne, stieg vom Besen und wischte sich über die Stirn. Er fragte sich, warum niemand auf ihn gewartet hatte, bis er merkte, dass doch noch jemand da war.
„Deine Tasche, Chef", sagte eine Stimme hinter ihm. Er drehte sich um und sah Kainda, die seine Tasche hielt. Er grinste und nahm sie.
„Danke", sagte er. „Ich werde schnell duschen, das wird ein paar Minuten dauern. Du kannst ohne mich zum Schloss gehen, du musst nicht auf mich warten."
„Und dich hier verlassen?", sagte sie. „Keine Chance."
Er drehte sich um und setzte sich auf die Bank vor ihr. Sie streckte die Hand aus, nahm sein Handtuch und wischte über sein Gesicht. Er grinste. „Ich bin nur müde, daran werde ich nicht sterben …"
„Ich war sieben Jahre lang Treiberin, Harry", sagte sie weise. „Ich weiß, dass die beiden ziemlich eng beieinander liegen."
„Ich weiß nicht, wie du letztes Jahr das Spiel gegen die Dragons durchgehalten hast", sagte sie. „Ich kann nach einer Stunde meinen Schläger kaum noch halten …"
„Übung", sagte sie, „und gute Motivation. Wenn du mal eine Weile gespielt hast, wirst du ein wunderbarer Treiber sein. Das versichere ich dir. Noch etwas; du musst die Handschuhe lockerer tragen, sie schränken dich sonst in deinen Bewegungen ein …" Sie lockerte vorsichtig ein paar der Schnüre, bis sie sanft an seinen Händen lagen. „So. Versuch nur, dein Handgelenk nicht zu schnell bewegen, du willst es ja nicht brechen. Oder was Schlimmeres damit machen." Sie lächelte ihn an, streckte die Hand und strich mit ihren Fingern seinen Hals entlang. „Hey, kein Halsband …"
„Ich hab jetzt eine Kette", sagte er lächelnd und errötete ein wenig. Er holte den Anhänger unter seinem Quidditchumhang hervor. „Nett, hm?"
„Oh ja … haute couture", sagte sie und lächelte. Sie steckte ihn wieder zurück unter seinen Umhang. „Es ist Zeit fürs Abendessen, oder? Und du riechst noch immer wie ein Muggelfarmer."
Er grinste. „Und was hältst du von Muggelfarmern, wenn ich fragen darf …?"
Kaindas Lächeln wurde breiter, als sie sich nach vorn lehnte. „Ich liebe sie."
Später am gleichen Abend saß Harry am Fenster der Eulerei. Er hatte noch ungefähr eine halbe Stunde bis zur Sperrzeit, und er genoss die frische Luft, während er seine Zeichnung einer Posteule für Pflege Magischer Geschöpfe fertigstellte. Er lächelte dabei ein wenig – es war ein sehr guter Tag gewesen. Zu sehen, wie Snape die Klasse wieder im Griff hatte, und dann noch das Quidditchtraining hatten ihm eindeutig etwas gegeben, wegen dem er lächeln konnte. Andrew Waterhouse war erst zum Abendessen wieder aus dem Ravenclaw-Turm aufgetaucht, und er wirkte ziemlich zittrig und weiß. Als Snape Professor McGonagall bat, ihm etwas Knoblauch zu reichen, fiel Andrew fast in Ohnmacht.
Harry gluckste ein wenig bei der Erinnerung und sah die Eule an, die er zeichnete. Sie blickte ebenfalls neugierig, legte den Kopf ein wenig zur Seite und klapperte mit dem Schnabel. Er lächelte.
„Es dauert nicht mehr lange", sagte er. „Ich will dich nur zeichnen. Siehst du?" Er zeigte der Eule sein Blatt Papier. „Ich denke, ich hab deinen Schnabel nicht richtig hinbekommen."
Die Eule schuhute leise, flatterte ein wenig mit den Flügeln, und saß dann wieder ruhig auf der Stange. Vorsichtig machte er eine Notiz neben die Zeichnung und sah dann durch das Fenster hinaus auf die Schlossgründe. Einer der Sicherheitsdrachen stampfte unter dem Fenster vorbei, wobei sein Schwanz sich von links nach rechts und wieder zurück bewegte, und es sah aus wie schwarzer Samt in einem Meer von im Mondlicht leuchtendem Grün. Harry sah den Nachthimmel einige lange Momente an. Dann hörte er plötzlich Schritte, die zur Eulerei kamen. Er wandte sich um und zu seiner Überraschung kam Hermine herein.
„Oh! Harry", sagte sie, ebenfalls überrascht. „Was machst du hier?"
Er zeigte ihr die Zeichnung. „Pflege Magischer Geschöpfe. Und du?"
„Oh … ich bin auf Patrouille. Ich muss sichergehen, dass hier drinnen keine Pärchen sind", sagte sie und errötete leicht.
„Hermine!", rief eine Stimme vom Fuß der Treppe. „Mit wem redest du da oben? Ich dachte, du hättest gesagt, die Eulerei sei um diese Zeit leer!" Ron kam in Sichtweite. Er sah Harry, und setzte ein falsches Lächeln auf. „Hey, Harry! Wer hätte gedacht, dass du hier bist, hm? Was machst du hier?"
„Hausaufgaben", sagte Harry. Er grinste. „Ich wird euch dann mal allein lassen, in Ordnung? Nur noch eine halbe Stunde bis zur Sperrzeit, ihr wollt ja wohl hier nicht die Nacht verbringen."
„Oh nein, das würde einfach furchtbar", sagte Ron.
Harry rutschte vom Fensterbrett, klemmte seinen Notizblock unter den Arm und verließ grinsend die Eulerei. Er konnte sich einfach noch nicht so richtig an die Vorstellung von Ron und Hermine gewöhnen. Er ging die enge Treppe hinunter und betrat den Korridor. Alles war so dunkel wie üblich. Harry kam inzwischen mit Hogwarts bei Nacht klar, obwohl ihm trotzdem noch unwohl war, doch der Weg zum Gryffindorturm war zum Glück kurz. Er steckte die Hände in die Taschen und ging den Korridor entlang, mit Quidditch und Kainda in seinen Gedanken.
Er war so in seinen Tagträumen gefesselt, dass er das Objekt, das den Korridor blockierte, erst sah, als es ein paar Meter vor ihm war.
Er blieb stehen, hob den Blick und sein Herz blieb fast stehen. Zwei Dinge, die er ganz und gar nicht sehen wollte, waren da. Das eine war Khepri, der an der Wand lehnte und wie üblich grinste. Das andere lag in der Mitte des Korridors, eine Bisswunde, aus der schnell Blut strömte, am Hals. Es war Draco. Seine Arme waren um etwas geklammert, das Harry zunächst für einen Pullover hielt, bevor er Sylus, Dracos Eule, erkannte.
„Draco!" Harry rannte zu ihm und fiel auf die Knie.
Draco war gerade noch bei Bewusstsein. Er hob den Kopf ein wenig und starrte Harry an. „P-Potter …?"
„Was ist passiert?", sagte Harry. „Wer war es?"
„Ich … ich hab nichts gesehen", krächzte Draco. Er wurde mit jeder Sekunde blasser, und als er einatmete, hörte Harry ein furchtbares Kratzen. „Trug … trug einen Umhang. Lang. Sch-schwarz. Ich … ich bin hier entlang … und ich h-hab Sylus … am Boden gefunden."
Harry wandte seinen Blick der Eule zu. Sie war schlimm gebissen worden. Blut tränkte die glatten Federn, und die Augen waren geschlossen. Harry berührte vorsichtig die Eule, und sie war kalt. Harry wusste, dass sie keine Chance mehr hatte. Draco schien dies nicht klar zu sein. Er versuchte, sich zu setzten, obwohl Blut seinen Umhang durchtränkte, und hielt Sylus wie ein Kind in seinen Armen.
„Bring … bring ihn zu H-Hagrid", brachte Draco hervor. Er gab Harry die Eule. Harry wusste nicht, ob er es ihm sagen sollte. Er entschied, es nicht zu tun, und nahm Sylus. „Lass ihn nicht st-sterben, Harry …"
„Das werde ich nicht", flüsterte Harry. Er schluckte, und streckte dann den Arm aus, um Draco auf die Beine zu bringen. „Komm schon, du musst in den Krankenflügel…" Er holte seinen Zauberstab aus dem Umhang, nur für den Fall. Sylus war eine Falle gewesen, um an Draco zu kommen. Falls der Vampir noch immer in den Schatten lauerte, könnte Harry sehr leicht sein nächstes Opfer werden.
Harry schaffte es gerade, Draco bis zur nächsten Treppe zu bringen, bevor der Blutverlust zu groß wurde, und Draco das Bewusstsein verlor und zu Boden fiel. Harry sprach einen schnellen Schwebezauber, und eilte den Korridor entlang, Draco hinter ihm schwebend. Er hielt noch immer Sylus mit einer Hand. Harry wusste, dass es nicht viel gab, wofür Draco den Angriff eines Vampirs in Kauf genommen hätten, und vielleicht war Sylus sogar das Einzige. Malfoys kümmerten sich nicht um die Dinge anderer Leute, aber ihre eigenen beschützten sie immer.
Als sie zum Krankenflügel kamen hielt er inne. Einen Moment lang machte er sich Sorgen, genau wie dmals, als er Snape hergebracht hatte. Aber er hatte seine Lektion gelernt. Er würde Draco nicht alleine lassen. Der Mut der Gryffindors wellte in ihm hoch, und er ging direkt auf die Tür zu, öffnete sie und brachte Draco hinein.
„Madam Pomfrey!", rief er. „Madam Pomfrey!"
Sie kam von einem Bett am anderen Ende des Flügels herüber. „Mr. Potter, würde es Ihnen etwas ausmachen? Hier drinnen sind Patienten!" Als ihr Blick auf Draco fiel wusste Harry, was sie dachte, ohne dass sie es aussprach. Nach einem Moment seufzte sie. „Oh nein .. zweiter Angriff heute Nacht … bringen Sie in her, Potter … was haben Sie dann in der Hand?"
„Seine Eule", murmelte Harry. „Sie … sie ist tot. Er versuchte, sie zu beschützen, als der Vampir ihn angriff."
Harry ließ Draco vorsichtig zu einem der Betten schweben, und gemeinsam mit Madam Pomfrey konnte er ihn darauflegen. Madam Pomfrey sah ziemlich mitgenommen aus.
„Sagten Sie, das sei der zweite Angriff in dieser Nacht?", sagte Harry.
„Ja", meinte Madam Pomfrey mit einem Seufzen. „Im Korridor vor der Küche wurde ein Hauself getötet. Das arme Ding hatte keine Chance." Sie warf einen Blick auf die Uhr über ihrem Schreibtisch. „Es ist fast Sperrzeit, Mr. Potter. Beeilen Sie sich lieber, dass sie in Ihren Schlafsaal kommen, und halten Sie den Zauberstab immer bereit. Wir wollen nicht, dass Sie der dritte Angriff werden, und die Nacht draußen verbringen müssen."
„Okay", sagte Harry. Er gab ihr Sylus. „Könnten Sie … ihn vielleicht irgendwo hinbringen …? Oder damit machen, was man mit den anderen gemacht hat … lassen Sie nicht zu, dass er ihn sieht. Er würde sich nur aufregen."
Sie nickte und brachte Sylus in ihr Büro. Harry verließ den Krankenflügel und ging durch die dunklen Korridore. Ein oder zwei Mal auf dem Weg zum Gryfffindorturm dachte er, er sehe, wie sich etwas im Dunkel bewegte. Erst als er das Portraitloch erreichte, fiel ihm etwas Wichtiges wieder ein – Khepri. Er war da gewesen, als Harry Draco gefunden hatte, und er war nicht geblieben, um zu plaudern. Es wäre die perfekte Möglichkeit gewesen, Informationen über das Shani Theoris zu bekommen, aber er hatte sie wegen Draco und Sylus nicht nutzen können. Doch Harry hatte das Gefühl, dass Khepri ihm bald wieder einen Besuch abstatten würde – und er freute sich ganz und gar nicht darauf.
