HARRY POTTER UND DAS ANKH VON KHEPRI
KAPITEL 24 - Das Shani Theoris
Es war bereits Mitte Februar, als Harry zum ersten Mal die Dursleys in ihrem neuen Zuhause besuchte. Harrys letzte Stunde am Dienstag war Zauberkunst, weshalb er schon in der Nähe der Klassenräume für Muggelkunde war. Daher beschloss er, nachzusehen, wie sie sich in ihrem neuen Heim zurechtfanden. Als er auf die Tür zum Klassenzimmer zuging, öffnete sich diese und Kainda kam langsam heraus. Seit Januar hatte Madam Pomfrey sie dazu ermutigt, ein wenig zu gehen, um ihre Bauchmuskeln daran zu gewöhnen. Sie verbesserte sich sehr schnell, und inzwischen konnte sie fast ohne Schmerzen gehen, obwohl sie gerne jemanden als Begleitung hatte, um sich an ihn zu lehnen - nur für den Fall.
„Harry? Was machst du hier?", fragte sie und schob den Träger ihrer Tasche auf ihre Schulter.
„Ich möchte meine Tante und meinen Onkel besuchen", erklärte er. „Überprüfen, wie es ihnen so geht."
Sie grinste. „Es geht ihnen wirklich gut. Ich bin sicher, Professor Chetry wird dich reinlassen." Sie schob die Tür zum Klassenzimmer auf, und bedeutete ihm, hineinzugehen. Er folgte ihr, und einen Moment lang fragte er sich, ob mit seinen Augen alles in Ordnung war.
Eine Wand des Klassenzimmers war in Glas verwandelt worden, wie eine Wand in einem Käfig im Zoo, und dahinter lag das Wohnzimmer der Dursleys, genau so, wie er es in Erinnerung hatte. Onkel Vernon saß auf seinem Lieblingssessel und las die Zeitung, während Tante Petunia vorsichtig die Blumen goss.
„Ihr lasst sie in einem Käfig leben?", sagte Harry überrascht.
Kainda grinste. Sie lehnte sich gegen die Glaswand. „Sie können uns nicht sehen, es ist einseitiges Glas. Sie wurden einfach hierher gebracht und reingesteckt. Sie denken, sie wären zu Hause. Sieh zu." Sie sprach laut zu der Glaswand. „Großes Schlafzimmer." Die Aussicht änderte sich und sie standen nun vor Vernons und Petunias Schlafzimmer, in dem sogar die pinke Decke lag, die Tante Petunia schon ewig hatte. „Wohnzimmer", sagte Kainda, und sie sahen wieder Mr. und Mrs. Dursley. „Sie sind vollkommen glücklich. Es macht richtig Spaß, über sie zu lernen. Wir konfrontieren sie immer mit verschiedenen Situationen um zu sehen, wie sie reagieren. Du hättest gestern hier sein sollen, als ein Büffel in ihrem Haus herumlief. Mensch, das hat Spaß gemacht."
„Wie kommen Onkel Vernon und Dudley zur Arbeit?", fragte Harry.
„Oh, wir haben ihnen, als sie angekommen sind, Briefe geschickt", sagte Kainda. „In denen stand, sie wären entlassen. Sie arbeiten nun zu Hause. Dein Onkel bastelt Gartenzwerge und schickt sie an irgendeine Firma, und Dudley macht etwas mit Computern. Entwickelt Spiele oder so. Ich hab nicht richtig verstanden, was Professor Chetry gesagt hat."
Harry lachte ein wenig. „Nun, ich nehme an, es ist für sie eigentlich der beste Platz. Wenn ihr noch mal irgendwelche Tiere aus dem Zoo in ihrem Haus freilasst, lass es mich wissen. Ich würde sogar dafür zahlen, um das zu sehen. Also, bist du bereit fürs Abendessen? Kann ich dich begleiten?"
Kainda grinste. „Heute bist du wohl ein Romantiker?"
„Ich gebe mein bestes", antwortete er. Er nahm sie am Arm und sie lehnte sich an ihn, während sie zum Abendessen in die Große Halle gingen. Sie bewegte sich langsam, aber Harry machte das eigentlich nichts aus. Er hatte an diesem Abend keine Hausaufgaben, und Hermine hatte geplant, dass sie ihre Zeit in der Bibliothek verbringen und nach Informationen über das Shani Theoris suchen sollten. Sie hatten noch immer nichts gefunden, obwohl sie schon seit Monaten suchten. Harry gab es nicht gerne zu, aber er war dabei, die Hoffnung zu verlieren.
Als sie die Große Halle betreten hörten sie ein paar Pfiffe. Harry grinste und versuchte, sie zu ignorieren, als sie sich an ihren üblichen Tisch setzten. Hermine gab ihm einen Teller Lasagne.
„Ich hab für dich und Ron die Erlaubnis geholt, in die Verbotene Abteilung zu gehen", sagte sie prompt. „Dann können wir uns wirklich umsehen und das Rätsel endlich lösen."
„In Ordnung", sagte Harry erschöpft. Er nahm einen Bissen der Lasagne. „Haben wir nicht schon jedes Buch der Bibliothek über die Ägypter durch, Hermine?"
„Die Ägypter?" Draco sah sie über den Tisch hinweg an, den Löffel mit der Lasagne auf halbem Weg zu seinem Mund in der Luft erstarrt. „Was müsst ihr über die Ägypter wissen? Für Geschichte der Zauberei, oder?"
Harry warf Draco einen Blick zu. „Nein, es geht um etwas anderes … du weißt nicht zufällig etwas über Jendayi, oder?"
„Oh, die Zauberin?", sagte Draco. „Natürlich weiß ich etwas. Sie war auf der ersten Schokofrosch-Karte, die ich je bekommen hab. Die wurde doch mit ihrem Ankh begraben … wie hieß das nochmal? Das Shani Theoris, oder?"
Harry, Ron und Hermine sahen ihn nun aufmerksam an. Harry lehnte sich über den Tisch. „Erzähl uns absolut alles, was du über das Ankh weißt, und ich verspreche dir, von jetzt bis zu meinem Tod all deine Hausaufgaben in Zaubertränke zu machen."
Draco sah ziemlich erschrocken aus. „Ich … nun, ich kann dir das Buch geben, aus dem ich alle Informationen habe. Bill Weasley hat es mir während des Sommers am Grimmauldplatz gegeben. Soll ich gehen und es holen?"
„Ich komm mit", sagte Harry und sprang auf. „Wir brauchen das Buch. Dringend."
Draco warf ihm einen seltsamen Blick zu, bevor er aufstand und die Große Halle verließ. Harry folgte ihm. Draco verschwand für ein paar Minuten im Gemeinschaftsraum der Slytherins, bevor er mit einem dicken Buch – Ankhs – Die Verlorene Macht – im Arm wieder erschien. Harry nahm es ihm ab.
„Danke", sagte er. „Ich bring es dir sofort zurück, wenn ich gefunden hab, wonach ich suche …"
„Wonach genau suchst du?", sagte Draco.
„Das Shani Theoris", sagte Harry. „Ich muss wissen, welche Macht es hat … und wo es jetzt ist."
„Mit Jendayi begraben", sagte Draco schulterzuckend. „Ich hab den Teil nicht gelesen. Sieh es dir trotzdem an, Potter, und vielleicht findest du etwas Nützliches. Ich muss zurück zum Abendessen und mich beeilen … ich hab heute noch viele Hausaufgaben zu erledigen."
Draco ging zurück zur Großen Halle, aber Harry fühlte sich überhaupt nicht mehr hungrig. Er blieb stehen, wo er gerade war, und öffnete das Buch. Sein Blick überflog das Inhaltsverzeichnis. Die Namen von ägyptischen Ankh rasten an ihm vorbei, bis er an das letzte auf der Seite kam – „Shani Theoris: Das Psychische Ankh". Harry blätterte schnell zu den angegebenen Seiten. Er schlug das Buch wieder auf, und er sah die große Abbildung eines Ankhs. Harry erkannte es aus dem Traum wieder, den er in Snapes Unterkunft gehabt hatte, nach dem Quidditch Unfall. Ein tiefroter Stein war darin eingelassen, glänzte auf der Abbildung und gab einen sanften lila Schein von sich. Jede Rune, die in das Gold geschnitzt war, schien voll unsichtbarer Magie zu glitzern. Er betete, dass er endlich gefunden hatte, welcher Horror ihn erwartete, wenn er Voldemort gegenüber trat, und las den Text. Er überflog ihn auf der Suche nach nützlichen Informationen, und ganz unten stieß er endlich auf etwas, wonach er gesucht hatte.
Hermine und Ron liefen den Korridor entlang auf ihn zu, während er las. „Harry", keuchte Ron. „Ist es da drin? Hast du etwas gefunden?"
Harry hielt eine Hand hoch und begann, laut zu lesen. „Das Shani Theoris gilt als eines der gefährlichsten und mächtigsten Ankhs, und von den derzeit bekannten ist ihm nur das Ankh des Todes ebenbürtig, welches jedoch im Mittelalter zerstört wurde. Das Shani Theoris kann den Benutzer in einen psychischen Kampf mit seinem tiefsten und größten Feind stürzen. In der Welt, die vom Geist erschaffen wird, stehen sich die beiden Zauberer vor dem ägyptischen Zaubergamot gegenüber, und ihr Schicksal wird entschieden. Der Gewinner wird dem Verlierer den Tod bringen, denn nur einer der beiden kann überleben. Das Ankh gehörte der ägyptischen Zauberin Jendayi, und sie nahm es mit sich in den Tod. Während ihres Lebens hinterließ Jendayi Berichte über die Macht des Ankhs, und darüber, dass Zauberer, welche in den Geisteskräften trainiert waren, viel mehr Macht besaßen, während sie das Ankh benutzten. Das Ankh wurde mit ihr begraben, bewacht von den Khepri Biestern, und sollt das Shani Theoris wieder entdeckt werden, wird der Feind des neuen Besitzers von unvorstellbaren Schrecken eingeholt."
Nachdem er geendet hatte herrschte Stille. Die Erkenntnis, was ihm nun bevorstand, kam nur langsam. Voldemort war einer der begabtesten Zauberer in den Geisteskünsten. Und wenn er das Shani Theoris fand … Harry konnte niemals einen psychischen Kampf gegen Voldemort gewinnen. Er hatte keine Chance.
Ron schluckte. Hermine war still und beobachtete Harry scharf. Nach ein paar Augenblicken flüsterte sie: „Du kannst nur zwei Dinge tun, Harry …"
„Was?", fragte Harry.
„Du kannst losziehen und das Shani Theoris vor Voldemort finden", sagte Hermine leise, „oder du kannst dich vorbereiten. Lern die Geisteskünste richtig. Oh, Harry … das ist nicht gut … wir müssen es Dumbledore sagen. Er weiß vielleicht, wo das Shani Theoris ist."
„Nein, weiß er nicht", sagte Harry. „Nur die Khepri Biester wissen das. Ich muss Khepri finden … warum ist es nur hier, wenn er im Weg ist?" Harry schloss das Buch und hielt es fest in den Händen. Er konnte sich nicht erinnern, sich je so besorgt und verängstigt gefühlt zu haben. Wie viel Zeit hatte er noch, bis Voldemort das Shani Theoris fand und ihn in seinem eigenen Geist ermordete? „Ich muss zu Snape gehen", sagte Harry. „Hier, nehmt das Buch und sucht weiter nach allen Informationen … und wartet nicht auf mich."
Er wandte sich um und eilte durch den Korridor davon in Richtung von Snapes Büro. Er hoffte, dass Snape nicht noch beim Abendessen war. Er kam zur Tür und klopfte laut an. Ein paar Momente vergingen, bevor sie sich öffnete. Snape stand vor ihm.
„Potter? Was willst du hier?"
„Voldemort wird mich umbringen", sagte Harry verzweifelt. „Er sucht nach einem ägyptischen Ankh. Das Shani Theoris. Und wenn er es findet, kann er mich in meinem Geist umbringen. In einem psychischen Kampf."
Snape hob eine Augenbraue. „Das kann er? Würde es dir etwas ausmachen, mir einen Beweis dafür zu geben, Potter?"
„Was muss ich tun, damit Sie mir glauben?", sagte Harry. Er sah Snape mit der Hoffnung an, er möge ihm zuhören und ausnahmsweise mal vertrauen. „Muss man Ihnen meinen toten Körper zeigen, damit Sie mich ernst nehmen? Denn das wird passieren, wenn Sie mir nicht zuhören! Können Sie mir nicht vertrauen? Warum sollte ich lügen? Denke Sie, ich würde so einen Aufstand machen, wenn es nicht wichtig wäre? Sie sollen mich doch beschützen. Bitte, hören – "
Aus der Dunkelheit ertönte das Klacken von Absätzen auf dem Boden. Es kam näher. Harry wandte sich um. Die Person, die er am wenigsten auf der Welt sehen wollte, stand hinter ihm im Halbschatten.
„Ah", sagte Madam Ivy sanft. „Harry … Severus … Sie beide hier ..."
Snapes Lippen kräuselten sich. „Potter ist wegen seiner Hausaufgaben in Zaubertränke hier, Ivy. Das geht Sie nichts an."
„Oh, ich denke schon", sagte Madam Ivy leiste. „Sehen Sie mal, Severus, es hat lange gedauert, bis ich so weit gekommen bin. Aber nun ist es soweit. Ich möchte, dass Sie beide mir sagen, was hier los ist. Sofort."
„Hier ist nichts los", schnarrte Snape. „Wenn Sie einen Beweis dafür brauchen, dass Potter Nachhilfe in Zaubertränke bekommt, dann schlage ich vor, dass Sie mit Albus Dumbledore reden."
„Das geht über Dumbledores Einfluss hinaus", sagte Madam Ivy. Sie hob eine Augenbraue. „Egal, wie sehr sich Dumbledore anstrengt, er kann die Sicherheit der Kinder in der Schule nicht garantieren." Sie warf einen Blick über ihre Schulter, und zwei Männer traten aus der Dunkelheit hinter ihr. Sie beobachteten Snape mit dunklen Blicken. „Diese Männer kommen aus Askaban, Severus. Sie haben die üblichen Rechte."
Snape trat einen Schritt zurück und zog seinen Zauberstab. Harry tat es ihm gleich. „Wessen werde ich beschuldigt?", knurrte Snape.
„Versuchter Mord in vier Fällen", flüsterte Madam Ivy. „Schwere Körperverletzung. Gareth Jones, Pansy Parkinson, Harry Potter und Draco Malfoy waren Ihre Opfer, Severus. Wir wissen, was Sie getan haben."
„Lächerlich", zischte Snape.
Madam Ivy hob eine Augenbraue. „Diese Entscheidung liegt beim Ministerium. Nehmen Sie ihn mit."
Die beiden Männer packten Snape an den Armen, und einer nahm ihm den Zauberstab ab. Harry erstarrte und hatte keine Ahnung, was er tun konnte. Endlich traf er eine Entscheidung. Er würde nicht zulassen, dass sie Snape mitnahmen, selbst, wenn er dafür nach Askaban müsste. Er zog seinen Zauberstab und wollte einen Zauber sprechen, irgendeinen.
„Nein", sagte Snapes Stimme in seinem Kopf. „Beweg dich nicht."
„Aber … sie werden Sie wegbringen", sagte Harry verzweifelt. „Ich kann nicht …"
„Es bringt nichts", antwortete Snape. „Bleib einfach ruhig. Sie haben keine Beweise. Die Unschuld wird siegen."
Harry beobachtete, zwischen Furcht und Verzweiflung hin und her gerissen, wie die Wächter Snape magische Handschellen anlegten und ihn forsch in Richtung der Treppe stießen. Madam Ivy folgte ihnen, wobei sie sehr mit sich selbst zufrieden wirkte. Harry wusste nicht, was er tun sollte. Er lief den Wächtern und Snape hinterher, um zumindest mit ihm reden zu können, aber die Wächter stießen ihn zurück. Endlich, in der Eingangshalle, gab er auf und sah nur noch zu, wie sie Snape wegbrachten. Schüler versammelten sich inzwischen um sie und beobachteten die Szene. Einige flüsterten hinter vorgehaltenen Händen und warfen Harry neugierige Blicke zu. Andere starrten nur, als würden sie etwas Gutes im Fernsehen verfolgen. Madam Ivy war verschwunden. Harry merkte, wie sein Hass auf sie wuchs, denn sie war nicht einmal geblieben, um zuzugeben, dass sie Snape ausgeliefert hatte.
Snape wurde die Schlosstreppe hinuntergeführt. Die gesamte Schülerschaft sah nun zu. Snape wurde eine Augenbinde angelegt, dann wurde er in eine Kutsche aus Askaban gestoßen, bevor sie davon fuhr. Harry konnte nicht mehr länger hier bleiben, zwischen den Schülern, die alles für eine große Show hielten. Er wandte sich um und ging davon, lief die Marmortreppe hinauf und raste fast die Korridore entlang. Er merkte nicht einmal, wie er durch Portraitlöcher und versteckte Türen ging. Endlich fand er den Korridor, in dem der Eingang zum Gryffindorturm war. Madam Ivy stand vor ihm, und ihr Grinsen erstreckte sich über das gesamte Gesicht.
„Ich dachte mir schon, dass Sie hierher kommen würden", sagte sie. „Möchten sie ein Statement abgeben, Harry? Ich kann Ihnen jetzt keine Belohnung mehr anbieten, aber ich könnte Ihre UTZ Noten retten, wenn Sie mir alles sagen, was ich brauche."
„Es ist mir egal!", spuckte Harry wütend aus. „Nehmen Sie meine Noten! Geben Sie mir Ts! Es ist mir egal!" Er schob sich grob an ihr vorbei. „Schwarze Katze!", schnarrte er die Fette Dame an. Sie schwang nach vor, und er verschwand im Gemeinschaftsraum der Gryffindors. Das Portrait fiel hinter ihm zu.
Er sank auf einen Lehnstuhl und verbarg das Gesicht in den Hängen. Snape war fort. Welche Chance hatte er nun gegen Voldemort? Er verstand fast nichts von den Geisteskräften und er konnte keine Gefährlichen Gedankentechniken ausführen, wenn er nicht in Kontakt mit Snape war. Er hatte sich noch nie so hilflos gefühlt. Er schloss die Augen und rollte sich auf dem Lehnstuhl zusammen, als sich das Portraitloch wieder öffnete.
„Ron? Hermine?", sagte er, ohne den Blick zu heben.
Er erhielt keine Antwort. Schritte durchquerten den Raum, und dann legte sich eine Pfote auf seine Schulter. „Du weißt, wer hier ist", sagte eine Stimme, die er ohne Probleme erkannte.
„Geh weg", schnarrte er Khepri an. „Lass mich einfach alleine. Geh und sag Voldemort, wo das Ankh ist, es ist mir inzwischen egal."
„Ich hab eigentlich etwas für dich", sagte Khepri ruhig. „Aber wenn du es nicht willst, kann ich es wieder mitnehmen. Komisch, dass du keine Belohnung dafür willst, dass du so weit gekommen bist. So viel gelernt."
„Was ist es?", sagte Harry ziemlich forsch.
„Ein Hinweis", murmelte Khepri. „Du musst das Ankh finden … und ich kann dir sagen, dass es wieder einen Besitzer hat. Jemand, von dem du weißt, jedoch nicht kennst. Jemand, den du nicht erwartest. Ihr Name … Morgan."
Harry sagte nichts. Er verstaute die Information in seinem Gedächtnis und schloss dann die Augen. „Geh weg", flüsterte er. Als er den Blick wieder hob sah er, dass Khepri seinem Wunsch gefolgt war. Müde, frustriert und besorgt schloss er wieder die Augen und schlief, wo er war, ein.
Als er aufwachte, sah er Hermines besorgtes Gesicht vor sich. Ein Glas mit Wasser wurde in seine Hand gedrückt.
„Wie geht es dir?", fragte sie.
„Es war also kein Traum", sagte Harry leise.
Sie schüttelte traurig den Kopf. „Trink etwas, dann fühlst du dich besser."
„Ich glaube nicht, dass ich mich je besser fühlen werde", sagte er. Trotzdem trank er. „Ich kann nicht glauben, dass sie ihn tatsächlich weggebracht haben … ich meine, er ist unschuldig. Er hat nichts getan."
„Sirius hatte auch nichts getan", sagte Hermine leise. „Du weißt, wie das Ministerium ist … sie brauchen jemanden, dem sie die Schuld für alles geben können, den sie nach Askaban schicken können, damit sie dann alle zeigen können, dass sie ihren Job erledigen und die bösen Jungs hinter Gitter bringen. Sie haben es auch mit Hagrid getan, erinnerst du dich? In unserem zweiten Schuljahr. Dieses Mal strengen sie sich aber wirklich an … ich dachte, das würdest du vielleicht gern sehen." Sie zog eine Ausgabe des Abendpropheten aus ihrem Umhang. „Eine Eule hat ihn gerade gebracht …"
Harry öffnete den Propheten und warf einen Blick auf die Titelseite. Die Schlagzeile lautete GEFÄHRLICHER VAMPIR VON MINISTERIUM GESCHNAPPT, und darunter war ein großes Bild von Snape mit der Augenbinde, während er aus der Askaban-Kutsche geführt wurde. Harry überflog den Artikel, aber schließlich wurde er nur wütend und faltete die Zeitung zusammen. Er gab sie an Hermine zurück.
„Alles nur Lügen", spuckte er. „Nur Lügen. Ich hasse Ivy. Sie hat all dies begonnen. Warum aber nur? Was hat sie gegen Snape?"
„Es ist ihr Job", sagte Hermine. Sie seufzte. „Das Ministerium verabreicht vielen Angestellten wohl eine Gehirnwäsche, damit sie ihnen vollständig gehorchen. Sie dir Umbridge an, und was sie mit Percy Weasley gemacht haben."
„Sie können Snape jetzt nicht wegbringen", murmelte Harry. Er schüttelte den Kopf und schloss die Augen. „Gerade jetzt, wo die ganze Sache mit Khepri immer ernster wird. Ich weiß nicht, was ich tun soll, Hermine. Jede Minute könnte ich in einen psychischen Kampf mit Voldemort gezogen werden, und bei GGT komm ich ohne Snape nicht weit."
„Es gibt abgesehen von GGT noch andere Geisteskräfte", sagte Hermine. „Wir könnten ein paar Bücher in der Bibliothek durchsehen. Vielleicht solltest du zu Firenze gehen. Ich weiß, dass die UTZ Schüler in Wahrsagen etwas mit Geisteskräften machen. Vielleicht kann er es dir beibringen."
Harry schüttelte den Kopf. „Es wäre nicht das Gleiche … es ist wirklich schwer zu erklären, Hermine. Und ich weiß, dass du mir nur helfen willst …" Er seufzte. „Es ist nur … ich hab Snape wirklich kennengelernt. Er ist bei weitem nicht so schlimm, wie ich früher gedacht hatte, und ich hab sogar schon angefangen, seine Gesellschaft zu mögen. Ich … ich hab mich auf ihn verlassen. Das verstehst du doch, oder?"
Hermine nickte und sagte einen Augenblick lang nichts, bevor sie mit weiser Stimme wieder sprach. „Es ist eine Art Ersatzvater und Beschützer für dich geworden. Und nun ist dein Schutz weg, da fühlst du dich natürlich verletzlich. Hör zu, Harry … ich hab mich schon oft darüber nachgedacht … kann ich dich etwas fragen?"
„Schieß los", sagte Harry.
„Du und Snape … in Zaubertränke benehmt ihr euch seltsam. Als ob ihr ständig ein Geheimnis miteinander teilen würdet. Ist euer Beschützerbund vielleicht telepathisch geworden?"
Harry nickte dumpf. „Ja, während der Belagerung von Hogwarts."
„Kannst du ihn jetzt hören?", fragte Hermine leise.
Harry dachte darüber nach. Er schloss instinktiv die Augen, als seine Gedanken über den Raum zwischen ihn und Snape flogen, und er fragte: „Sind Sie da …?"
Zu seiner großen Erleichterung antwortete Snape. „Potter …"
„Er ist da", sagte Harry zu Hermine. Er wandte seine Gedanken wieder Snape zu. „Geht es Ihnen gut? Wo sind Sie?"
„Askaban", kam die Antwort in seinen Gedanken. „Das Ministerium hat vom Beschützerbund erfahren, Potter. Dumbledore tut alles, um zu verhindern, dass die Nachricht im Tagespropheten erscheint, aber wenn wir es nicht in den Abendpropheten schaffen, dann kommen wir mit Sicherheit in die tägliche Ausgabe."
Harry fühlte, wie sich seine Eingeweide zusammenzogen. „Das ist egal", dachte er entschlossen. „Wann ist Ihre Verhandlung? Sie wurden doch nicht ohne Beweise nach Askaban geschickt, oder?"
„Allerdings", war die leise Antwort. „Schuldig bis zum Beweis der Unschuld. Fudge behauptet, es sei eine Vorsichtsmaßnahme. Sie werden mich nur freilassen, falls ein anderer Schuldiger gefunden wird."
„Was ist, wenn noch mehr Angriffe stattfinden?", dachte Harry.
„Nein", sagte Snapes Stimme in seinen Gedanken. „Sie wollen den Täter vor sich stehen haben, während er ein Geständnis ablegt, bevor sie mich freilassen. Sieh mal … Harry … es ist wahrscheinlich, dass der Vampir in Hogwarts sich nun verborgen hält. Vielleicht für immer. Ich … könnte sehr lange hier sein."
„Ich werden herausfinden, wer es ist", flüsterte Harry, wobei er nicht merkte, dass er es laut sagte. „Das verspreche ich. Ich werde nicht zulassen, dass Sie dort bleiben."
„Begib dich nicht in Gefahr", dachte Snape. „Du darfst auf keinen Fall dein Leben oder deine Ausbildung riskieren."
„Ich hab bereits meine UTZe verloren", antwortete Harry leise. „Madam Ivy hat mir gesagt, dass sie meine Noten trotzdem beeinflussen wird. Aber das ist mir jetzt egal. Manche Dinge sind wichtiger als Prüfungsergebnisse."
„Es tut mir Leid, dass du in diese Sache verwickelt worden bist, Potter", sagte Snapes Stimme sanft.
„Das ist nicht Ihre Schuld", flüsterte Harry. Er trennte sanft die Verbindung und öffnete die Augen. Es überraschte ihn nicht, dass sie sich heiß anfühlten.
„Er ist bereits in Askaban, oder?", sagte Hermine.
Harry nickte. „Sie werden ihn nicht freilassen, bevor sie den wahren Schuldigen finden."
„Dann haben wir jetzt drei Aufgaben", sagte Hermine. „Alles andere kann warten. Als erstes müssen wir den Vampir fangen. Dann müssen wir dich in den Geisteskräften trainieren, mit Büchern aus der Bibliothek, wenn es keinen anderen Weg gibt. Und drittens … wir müssen dafür sorgen, dass Madam Ivy bereut, dass sie überhaupt geboren wurde."
Harry nickte. Er beschloss, dass Nummer drei von nun an höchste Priorität in seinem Leben hatte. Er hatte keine Hoffnung mehr für seine UTZe, nicht mit Ivy an seinen Fersen, und er wusste, dass er das Ankh niemals vor Voldemort finden könnte, während er in der Schule war. Aber er konnte dafür sorgen, dass Ivy bezahlte, oder bei dem Versuch sterben.
