HARRY POTTER UND DAS ANKH VON KHEPRI
Kapitel 26 – Unglück für Lupin
„Zwei Monate!"
Alrister schlug mit dem Stock auf den Tisch vor ihnen, woraufhin alle erschraken und sofort aufhörten, zu reden.
„Wie lange dauert es noch bis zu euren UTZen, Mr. Weasley?", fragte er.
„Zwei Monate", sagte Ron.
„Ganz genau", sagte Alrister. „Das bedeutet, dass ihr in mickrigen acht Wochen in mein Büro gehen und einem UTZ-Prüfer gegenüberstehen werdet, der von euch erwartet, dass ihr eure Vorstellung auf Perfektion getrimmt habt. Wenn ihr nicht wisst, was ihr tut, oder zumindest nicht so ausseht, kann ich euch versprechen, dass ihr durchfallen werdet. Ich habe alle eure Proben gesehen. Und was glaubt ihr, wie viele von euch sich ein O dafür verdienen? Soll ich es euch sagen? Einer! Ein einziges O, ganz allein. Die Durchschnittsnote war A. Durchschnittlich. Annehmbar. Nicht den von mir erwarteten Standards entsprechend. Würde mir jemand sagen, was genau da schief gelaufen ist?"
Lisa Turpin, ein Mädchen aus Ravenclaw, hob die Hand. „Der Boden ist verschwunden."
„Zu spezifisch", sagte Alrister. „Obwohl Professor Flitwicks Gesicht, als die gesamte Reine Künste Klasse in sein Klassenzimmer fiel, schon bemerkenswert war. Na gut. Was ist schief gelaufen? Im Allgemeinen."
Draco hob mit gelangweiltem Blick die Hand und sagte ruhig: „Die meisten haben sich nicht an ihre Drehbücher erinnert oder sie nicht genügend geübt."
„Genau", sagte Alrister. „Und noch etwas. Keiner von euch ist auf das Unerwartete vorbereitet. Mr. Potter ist hier der einzige, der noch nicht tot ist. Alle anderen sind es. Wer sagt mir, warum?"
Draco hob wieder die Hand. „Weil wir das Unerwartete nicht erwartet haben."
„Sehr gut", sagte Alrister. „Und das solltet ihr aber! Weil darum geht es bei Reine Künste. Das Unerwartete. Zu lernen, wie man Gelegenheiten beim Schopf packt und sie zum eigenen Vorteil verwendet. Und eine große Gelegenheit in naher Zukunft sind die UTZe. Weasley! Wie lange dauert es noch bis zu den UTZen?"
„Zwei Monate", sagte Ron dumpf.
„Korrekt." Alrister schlug wieder mit seinem Stock auf den Tisch und alle, die gerade mit den Gedanken woanders waren, wurden zurück in die Gegenwart gerissen und gaben schläfriges Grunzen von sich. „Wacht auf! Ich bin nicht so langweilig. Nächste Woche werde ich alle Siebtklässler testen. Weil ihr meine Lieblingsklasse seid, erwarte ich gute Noten. Besser als lächerliche kleine As. Ich erwarte Os, durch die Bank! Potter, was erwarte ich?"
„Os, durch die Bank", sagte Harry.
„Sehr gut", sagte Alrister. Er schlug den Stock in Harrys Richtung, aber Harry verteidigte sich instinktiv. Ein Flammenstrahl erschien und das Ende des Stockes fing an zu brennen. „Sehr gut, Harry!", sagte Alrister. Er schnippte schnell mit den Fingern, und das Feuer ging wieder aus. „Seht ihr? Das ist der Grund, warum Harry das einzige O in dieser Klasse hat. Erwartet das Unerwartete! Nun gut, holt eure Drehbücher raus und fangt an zu üben. Wenn jemand eine Gelegenheit sieht, Harry zu töten, sagt es mir bitte. Legt los."
Ron steckte die Hand in die Tasche, holte sein Pergament heraus, rollte es auf und nahm eine Feder. „Gut", sagte er. „Ich werd rausschneiden, dass ich durch die Tür reinschwebe, oder ich muss mir zumindest merken, dass ich sie vorher öffne. Oh, das erinnert mich an was. Harry, ist morgen Quidditch-Training? In einer Woche ist Halbfinale. Ich kann immer noch nicht glauben, dass wir das letzte Team geschlagen haben."
„Ich kann morgen nicht", sagte Harry. „Ich muss Professor Lupin für meinen Spezialunterricht treffen."
„Wie läuft's denn damit?", fragte Draco ruhig, während er auf seinem Pergament Notizen machte.
„Okay", sagte Harry und zuckte mit den Schultern. „Ich hab schon viel dafür geübt … morgen werde ich lernen, wie man tötet."
Draco hob die Augenbrauen. „Du Glücklicher."
„Ich hab's erwartet", sagte Harry. „Aber unsere ganzen normalen Schularbeiten werden immer schwieriger. Gestern war Verwandlung echt furchtbar."
„Oh, erinnere mich nicht daran", sagte Draco augenrollend. „Ich hab immer noch ein paar Federn."
Harry kringelte eine Notiz ein und las sich alles schnell noch mal durch. Ein Teil von ihm wusste nicht, warum sich die Arbeit überhaupt noch antat. Immerhin waren seine Noten schon dahin. Madam Ivy hatte ihn tags zuvor im Korridor abgefangen und ihm noch mal klargemacht, dass er sich lieber an ein paar Dinge erinnern sollte, die Snape lebenslang nach Askaban schicken würden. Harry sagte ihr nichts. Harry wusste, dass sie keine Note außer Verteidigung gegen die Dunklen Künste beeinflussen konnte, aber sie konnte seine Akte im Ministerium bearbeiten. In Dunkle Künste bekam Harry in Ivys Stunden ein M nach dem anderen, und Os in Lupins Stunden. Harry hatte überlegt, mit Professor Lupin darüber zu sprechen, ihn zu bitten, einzugreifen, aber dann erinnerte sich Harry daran, dass Madam Ivy nicht nur wegen Snape, sondern auch wegen Lupin in der Schule war. Harry wollte nicht zwei Männer um ihren Job bringen. Es war schon ohne Snape in seinem Leben schlimm genug. In Abwesenheit seines Beschützers hatte er viel Zeit mit Professor Lupin verbracht und immer mehr Extra-Stunden gemacht, oder sich mit Peter und Jinx getroffen. Den Rest der Zeit verbrachte er entweder im Unterricht oder draußen auf dem Quidditchfeld. Quidditch war eine der wenigen Möglichkeiten geblieben, wie er sich ablenken konnte, und schon in einer Woche würde das Halbfinale sein. Er und Kainda hatten viele Abende auf dem Feld verbracht und Tipps und Ratschläge ausgetauscht. Harrys Gedanken wanderten zu Kainda, wie sie es in letzter Zeit, dank seiner Hormone, immer öfter taten, und er kritzelte unbewusst ein kleines Herz in die Ecke seines Pergaments für Reine Künste. Er merkte erst, was er tat, als hinter ihm Alristers Stimme ertönte.
„HP loves KZ 4eva", sagte Alrister laut. „Sehr nett, Mr. Potter, aber nicht in meinem Unterricht, wenn die UTZe nicht mehr weit entfernt sind."
Harry grinste und strich das Herz durch. „Entschuldigung, Sir."
Alrister nahm das Pergament und sah die Notizen durch. „Sehr gut. Nett geplanter Auftritt. Ich hab ihn letzte Woche genossen; du hast ein stabiles O verdient. Sehr knapp an der vollen Punktezahl, abgesehen von den Brandspuren, die du auf meinem Tisch hinterlassen hast. Pass während der Prüfung einfach auf, wohin deine Flammen gehen, dann sollte alles gut laufen."
„In Ordnung, Sir", sagte Harry. Er beobachtete, wie Ron und Draco aufstanden, und in einer Ecke des Klassenzimmers anfingen, gemeinsam zu üben.
Alrister setzte sich auf Rons leeren Stuhl. Während er so tat, als würde er den Text noch einmal lesen, und hier und da Verbesserungen dazu zu schreiben, sprach er mit leiser Stimme mit Harry. „Geht es dir gut, Harry? Du siehst in letzter Zeit ein wenig mitgenommen aus."
Etwas an Alristers väterlichem, freundlichem Ton erweckte in Harry das Bedürfnis, sich zu öffnen. Alrister schien eine Person zu sein, der man sich anvertrauen und von der man guten Rat erwarten konnte. „Sie haben den Artikel im Tagespropheten gelesen, oder?", sagte Harry.
Alrister nickte. „Hab ich. Geht es darum?"
„Zum Großteil", sagte Harry. Er stützte den Kopf mit einer Hand ab. „Und … da ist noch was. Es ist irgendwie … ernst."
„Du kannst mit mir reden", sagte Alrister.
Und zu Harrys Überraschung, begann sein Mund zu sprechen, brachte seine Probleme mit Madam Ivy hervor, als hätte er sich schon seit Ewigkeiten nach jemandem gesehnt, mit dem er reden konnte. Jemand, der neutral war, der ihm ohne Vorurteile seine Sicht der Dinge darlegen und ihm Rat geben würde. Alrister hörte still zu, während Harry sprach, und als er fertig war, sah Harry den Professor an. Alrister sah sehr ernst aus.
„Nun …", sagte er. Er rieb sich den Nacken. „Das ist ein ernstes Problem, Harry… Ich bin nicht sicher, ob ich etwas tun kann. Ich hab im Ministerium überhaupt keinen Einfluss … aber …" Eine nachdenkliche Miene machte sich auf seinem Gesicht breit. „Es gibt in der Tat etwas, das ich tun kann."
„Was?", sagte Harry und suchte in Alristers Gesicht nach Antworten.
Alrister biss sich auf die Lippe. „Erinnerst du dich an Andralyn Galvez?"
„Professor Snapes Schwester?"
Alrister nickte. „Ja. Ich habe immer noch Kontakt zu ihr … sie arbeitet derzeit im Ministerium, in der Bildungs-Abteilung, erstellt Tests und verwaltet Noten. Ich könnte sie bitten, ein Auge auf deine UTZ Ergebnisse zu haben, und die Noten der ersten Begutachtung notieren. Sie könnte sie wieder ändern, falls sie sich plötzlich in ein S verwandeln."
Harry fühlte, wie sich Erleichterung und Dankbarkeit in ihm breit machten. „Das könnten Sie wirklich machen? Für mich? Danke, Professor, ich …. weiß es zu schätzen."
„Kein Problem, Harry", sagte Alrister. Er klopfte Harry auf die Schuler. „Es ist nur fair. Lass dich nicht von Ivy einschüchtern, Harry. Es ist eine Schande, dass sie bei anderen Schülern und beim Großteil des Kollegiums beliebt ist. Ich denke, Minverva mag sie, und Professor Sprout auch. Es ist jedoch egal. Du solltest deine Noten nicht verlieren. Ich werde für dich tun, was ich kann."
„Danke, Sir", sagte Harry lächelnd.
Alrister lächelte ebenfalls, stand auf und schob Rons Stuhl an den Tisch, bevor er sich umwandte, um mit ein paar Mädchen aus Ravenclaw zu reden. Bevor er Harry verließ, sagte er: „Oh, und Harry?"
„Ja?", sagte Harry und warf einen Blick über die Schulter.
Der Stock traf ihn hart am Rücken. Alrister grinste. „Tot. Roter Tisch."
Am nächsten Morgen wachte Harry seltsam besorgt auf, als gäbe es da etwas Unangenehmes, das er an diesem Tag zu erledigen hatte. Ein paar Minuten lang lag er ruhig im Nest, starrte einfach an die Decke, bevor er sich an die Stunde mit Lupin erinnerte. Er seufzte und schloss die Augen. Ron grunzte neben ihm.
„H'ry?"
„Schlaf weiter", sagte Harry. „Tut mir Leid, dass ich dich geweckt habe."
„Was ist los?", sagte Ron schläfrig.
„Unterricht, um zu töten", sagte Harry. Er drehte sich um und zog die Decke hoch bis zu seinem Kinn. „Ich muss um zehn in Lupins Büro sein. Wir machen heute den Todesfluch."
„Was werdet ihr denn töten?", gähnte Ron.
Harry zuckte mit den Schultern. „Vögel, wahrscheinlich. Mäuse. Insekten. So was in der Art." Er seufzte. „Ich will nicht gehen."
„Dann mach es nicht", sagte Ron verschwommen. „Sag, du hast es vergessen."
„Ron, ich geh doch schon das ganze Jahr über jeden Samstag", sagte Harry. „Ich glaub nicht, dass Professor Lupin mir glauben würde. Und du solltest doch Bildung unterstützen, du bist Vertrauensschüler."
Ron gähnte herzhaft und zog die Decke enger um sich. „Nicht so früh am Morgen, Harry …"
Harry stand auf, streckte sich und kletterte aus dem Nest, um sich anzuziehen. Er ging runter zum Frühstück und wie immer drehten sich die Schüler zu ihm um und begannen, zu flüstern. Er versuchte, das zu ignorieren, während er frühstückte. Die Enthüllungen über Snapes und Harrys Bund waren immer noch das Top-Gesprächsthema, obwohl ihn noch niemand direkt angesprochen hatte. Er hatte jedoch von seinen Freunden gehört, worüber geredet wurde.
„Sie sagen, dass Snape dich kontrollieren will", hatte Ron ihm gesagt. „Du weißt schon … dich von Askaban aus zwingen, seine bösen Pläne umzusetzen."
Harry beendete schweigend sein Frühstück und warf einen Blick auf die Uhr. Es war neun Uhr, aber er wusste nicht, womit er die nächste Stunde verbringen sollte. Er entschied, zu Professor Lupin zu gehen um zu sehen, ob sie immer noch den Todesfluch üben würden. Deshalb stand er auf und verließ die Große Halle. Am Weg traf er viele Schüler, die gerade auf dem Weg zum Frühstück waren; die meisten sahen ihn misstrauisch an und flüsterten aufgeregt mit ihren Freunden. Er traf ihre Blicke furchtlos, aber sie sagten trotzdem nichts und gingen einfach weiter zur Großen Halle.
Endlich kam er zu Professor Lupins Büro. Er hoffte, dass Madam Ivy nicht drinnen war, hob die Hand, klopfte ein paar Mal und wartete. Die Sekunden zogen sich in die Länge. Harry klopfte wieder, dieses Mal lauter, aber er hörte immer noch keine Antwort.
„Professor Lupin?", rief er durch die Tür und klopfte ein drittes Mal. „Ich bin's, Harry, sind Sie da?"
Er hatte Lupin nicht beim Frühstück gesehen und war ihm auch auf dem Korridor nicht begegnet. Er überprüfte auf seiner Uhr das Datum. Der Vollmond war noch weit weg, also hatte sich Lupin letzte Nacht nicht verwandelt. Inzwischen fühlte er sich besorgt, weshalb er die Hand auf den Türknauf legte. Die Tür war verschlossen. Er zog den Zauberstab heraus.
„Alohomora", murmelte er, und das Schloss öffnete sich. Er drehte den Knauf um und öffnete die Tür.
Der Gestank von Blut traf ihn in einer überwältigenden, übelerregenden Welle. Er verzog das Gesicht und bedeckte die Nase, während er in den Raum spähte. Alles war in Ordnung, es war nur Lupins Büro. Sein Blick fiel auf die Tür zu Lupins Unterkünften, und er ging darauf zu. Unterbewusst wusste er, was er drinnen finden würde.
Blut bedeckte den Boden, und ein purpurroter See hatte sich auf den Laken des Himmelbetts ausbereitet. Lupin war im Bett angegriffen worden, schlimm angegriffen. Sein Gesicht war leichenblass. Harry eilte zu ihm hinüber, wobei er versuchte, nicht in die Blutlaken auf dem Boden zu treten. Er fühlte einen schwachen Puls, der jedoch stetig langsamer wurde.
Harry hatte keine Ahnung, was er tun sollte. Zum Krankenflügel laufen? Nein, und er konnte Lupin nicht tragen. Er kannte jedoch jemanden, der Hilfe holen konnte.
„Peter? Peter, wo bist du? Ich brauche Hilfe?", rief er. „Peter!"
Eine weiße Gestalt erschien aus der Wand neben Lupin, und Peter kam in das Zimmer. Sein Blick fiel auf den Professor. „Oh, Merlin", brachte er hervor. „Was ist passiert? Dumme Frage … Harry, bleib hier bei ihm, und ich werde gehen und Hilfe holen." Er glitt wieder durch die Wand davon.
Harry legte die Hand auf Lupins Stirn. Sie fühlte sich so kalt an. Er musste schon seit einiger Zeit bluten, der Menge auf dem Boden nach zu schließen. Es war viel schlimmer als alle bisherigen Angriffe. Wer auch immer es getan hatte, hatte die Absicht gehabt, zu töten. Er legte die Finger an Lupins Hals, um den Puls zu fühlen, als er zwei Paar Schritte hörte, die schnell näher kamen.
„Harry hat ihn hier gefunden!", sagte Peters Stimme. „Er wurde schlimm angegriffen, in seinem Bett!"
Die Tür flog auf. Professor McGonagall kam herein, gefolgt von Alrister.
„Oh, gütiger Gott …", sagte McGonagal und bedeckte Mund und Nase. „Wir müssen ihn in den Krankenflügel bringen … nein, er muss nach St. Mungos. Hier muss irgendwo Flohpulver sein … ah, hier." Sie holte das Glas vom Kaminsims und nahm eine Prise. „Harry, Alrister, versucht, ihn hochzuheben … vorsichtig, gut so …" McGonagall kam zu Hilfe, und sie und Alrister brachten Lupin zum Kamin. Sie wandte sich über ihre Schulter an Harry. „Potter, ich schlage vor, Sie gehen zurück zum Frühstück … sagen Sie niemandem, was Sie gesehen haben. Sie brauchen nicht noch einen Skandal."
Harry nickte. Peter kam zu ihm und legte einen Arm um seine Schulter, dann führte er ihn still aus dem Zimmer. Als sie im Korridor ankamen, hielt Peter Harry an und sah ihm in die Augen. „Geht es dir gut, Harry?"
„Ich denke schon …", sagte Harry zittrig. Er wischte sich über die Stirn. „Ich … ich kam einfach rein, und …"
„Ich weiß … schh …" Peter umarmte ihn und klopfte ihm auf den Rücken. „Armer Harry … versuch, nicht zu viel daran zu denken, okay? Es ist gut, dass du ihn gefunden hast, so können sie seine Verletzungen versorgen und er wird ganz bald wieder in der Schule sein."
„Was soll ich nur machen?", flüsterte Harry. „Snape ist nicht hier, und jetzt auch noch Lupin … jeder, der mir beibringt, wie ich gegen Voldemort kämpfen soll, verschwindet …"
„Sie werden wieder kommen", versicherte ihm Peter. „Mach dir keine Sorgen, Harry … und nun geh, hol dir was zum Frühstück. Dir geht's bald besser. Mach dir – oh, nein …"
Peter blieb ruckartig stehen und bedeckte Harrys Augen. Das half nichts, weil Peter durchsichtig war, und Harry hatte bereits den Körper gesehen, der mit dem Gesicht nach unten mitten in der Eingangshalle lag. Harry schüttelte Peters Hand ab. „Nicht! Wer ist es?"
„Ich …", sagte Peter mit offenem Mund.
Harry ging die Marmortreppe hinunter und stand über dem Ding, das am Boden lag. Es war kein Schüler, und auch kein Lehrer. Harry hatte diesen Mann noch nie gesehen. Er war kreidebleich, und wildes, schwarzes Haar bedeckte sein Gesicht und viele Narben auf seinem Kinn. Er sah grau und kalt aus. Er wirkte wie etwas, das tot war und zuvor absichtlich länger als nötig am Leben gehalten worden war.
Mit einer Vorahnung streckte Harry ein Bein uns und drehte den Mann damit auf den Rücken. Durch die Bewegung fiel der Mund auf und sie sahen lange Reißzähne.
„Es ist der Vampir", sagte Harry. Aufregung und Terror machten sich gleichzeitig in ihm breit. „Peter! Peter, es ist der Vampir."
Peter lief zu ihm herüber; ihm fiel die Kinnlade herunter. „Oh mein Gott … wir müssen jemanden holen, schnell … Harry, hol den Zauberstab raus, lass ihn nicht entkommen … ist er tot? Wie sicher bist du dir?"
Harry trat den Vampir hart gegen die Schulter. Der Kopf rollte schlaff zur Seite. „Ziemlich sicher", sagte Harry.
Peter kniete sich hin und betrachtete den Vampir mit unruhiger Miene. „Ich sag's dir nicht gerne", sagte er, „aber der ist schon seit einiger Zeit tot. Vampire verrotten nicht, wenn sie sterben, nicht wie Menschen, aber es gibt trotzdem Anzeichen. Dieser ist bestimmt schon seit einigen Monaten tot. Und er kann Lupin nicht angegriffen haben … er hat keinen einzigen Blutfleck."
Harry erblasst. „Aber … aber dann muss irgendwo in der Schule noch ein Vampir sein. Vielleicht zwei. Wir wissen nicht, wie viele hier sind."
„Und das wird Snapes Unschuld auch nicht beweisen", sagte Peter traurig. „Aber … wie ist er hier her gekommen? Jemand muss ihn hergeschleppt haben, um falsche Beweise zu hinterlassen. Allen vorgaukeln, die Angriffe seine vorbei. Vielleicht, um Snape zurück nach Hogwarts zu bringen." Peter warf Harry einen schnellen Blick zu. „Wir müssen gehen. Jetzt. Komm schon."
Er packte Harry am Arm und, bevor Harry auch nur ein Wort sagen konnte, hatte Peter ihn schon die Marmortreppe hochgezogen.
„Hey", sagte Harry. „Was ist los?"
„Hier rein", sagte Peter und zog Harry hinter einen Wandteppich in einen unbenützten Korridor. „Sieh mal … Harry … jeder weiß über deinen Bund mit Snape. Zum Glück haben sie noch nicht von mir erfahren, aber … die Leute werden schnell erkennen, dass der Vampir schon lange tot ist, und jemand ihn hergebracht hat, um Snapes Unschuld vorzutäuschen. Und du wärst der Hauptverdächtige. Wir müssen dich so weit weg von dem Vampir wie möglich bringen. Ich denke nicht, dass McGonagall und Alrister jemandem sagen werden, dass du Lupin gefunden hast, aber … du weißt, wie das mit Ivy ist. Du willst doch nicht verhaftet werden, Harry, und du willst auch niemandem einen Grund geben, dich zu verdächtigen."
Harry nickte. „Okay …", sagte er leise. „Es ist nur … vielleicht sollten wir runter gehen und ihn mit Blut beschmieren … dann sieht er so aus, als wäre er gerade erst gestorben … vielleicht würde das Ministerium Snape aus Askaban entlassen."
Peter sah ihn mit sehr trauriger und mitfühlender Miene an. „Armer Harry … das wird nicht funktionieren. Ich weiß, dass du ihn zurück willst, aber wir müssen einfach warten, bis die Gerechtigkeit siegt … das ist am Ende immer so."
Er umarmte Harry; Harry fühlte sich, als würde er mit sehr dünnem, leichtem Wasser übergossen. Er seufzte. „Okay."
„Guter Junge", sagte Peter. Sie hörten einen Schrei aus der Eingangshalle, als jemand die Leiche des Vampirs entdeckte. Peter umarmte Harry noch einmal aufmunternd. „Komm schon … geh und verhalte dich überrascht. Und gib die Hoffnung nicht auf … er wird eines Tages zurückkomme. Das verspreche ich."
