HARRY POTTER UND DAS ANKH VON KHEPRI
Kapitel 27 – Poison Ivy
Der März ging langsam in den April über. Harrys Theorie, dass es mehrere Vampire geben müsse, schien sich immer mehr zu bewahrheiten, denn weitere Attacken fanden statt. Meistens traf es Eulen und Katzen, die in den Kerkern gefunden wurden; tot, den Großteil des Blutes ausgesaugt. Die Bewohner des Schlosses gerieten in Panik. Jeden Abend patrollierten Gruppen von drei oder vier Lehrern durch die Korridore, bis alle Türen abgesperrt wurden; sie trugen große Holzpfähle und ihre Zauberstäbe bei sich. Kein Schüler war so dumm, noch irgendwo alleine hinzugehen, und diejenigen, die sich trauten, berichteten von einer dunklen Gestalt, die sie in den Schatten gesehen hatten, und die sie verfolgt hatte. Der Verlust von Professor Lupin, und was mit ihm geschehen war, entfachte die Angst und in der gesamten Schule brach Misstrauen aus. Madam Ivy übernahm alle Dunkle Künste Stunden. Für die meisten war dies nicht schlecht, doch für Harry war es das ganz bestimmt. Seine Noten in Verteidigung gegen die Dunklen Künste fielen von E und A, die Professor Lupin für ihn erkämpft hatte, auf M und S. Harry ärgerte sich zudem, dass Professor Snape nicht aus Askaban entlassen wurde, obwohl er unmöglich in den Angriff auf Lupin involviert sein könnte. Laut Fudges Aussage im Tagespropheten, konnte „die Entlassung von Severus Snape erst stattfinden, sobald wir alle Vampire in Hogwarts, egal, wie viele es sind, gefangen und bewiesen haben, dass er nicht als Individuum oder in einer Gruppe an den Angriffen beteiligt war." Und als ob das noch nicht schlimm genug wäre, verloren die Bright Sparks auch noch im Quidditch-Halbfinale gegen ein anderes Team von Siebtklässlern. Sie flogen aus dem Turnier, und Harry hatte nicht mal mehr die Aufregung von Quidditch, um ihn von der Dunkelheit vom Rest seines Lebens abzulenken.
Und so, knapp vier Wochen vor seinen UTZ Prüfungen, wanderte Harry automatisch, leicht panisch durch das Schloss. Er ging langsam, obwohl er nicht wusste, warum. Er vermutete, dass die Sorgen schwer auf ihm lasteten, sich in seinem Geist auftürmten und ihn näher zum Boden zwangen. Er erhaschte nun fast jeden Tag einen Blick auf Khepri, und irgendwie wusste er, dass das kein gutes Zeichen war. Er sah ein Aufblitzen von Zähnen in einem Korridor voller Schüler, oder beobachtete ihn in den Schlossgründen, oder Khepri grinste ihn durch eine offene Tür zu einem Klassenzimmer an. Hermine war überzeugt, dass das nur vom Lernstress kam, und versuchte, ihn zu überreden, zu Madam Pomfrey zu gehen, aber Harry wusste, dass es nichts bringen würde. Madam Pomfrey konnte, wie jeder andere auf der Welt, nichts tun, um ihm zu helfen.
Der einzige Lichtblick in Harrys Leben kam jeden Abend, kurz bevor er ins Bett ging und sich zum Schlafen fertig machte. Snape kontaktierte ihn dann immer. Harry berichtete ihm in diesen Momenten immer alles, jede einzelne seiner Ängste und seine Probleme, und Snape versicherte ihm, dass alles gut werden würde. Er erwähnte niemals das Leben in Askaban. Harry wusste, dass die Dementoren nicht mehr dort waren, aber die Stärke von Snapes Stimme wurde von Tag zu Tag weniger. Harry fragte oft, was mit ihm geschah, aber Snape weigerte sich, etwas zu sagen.
Dank Alristers Versprechen, zu versuchen, Harrys UTZ Noten zu retten, hatte Harry wieder neuen Antrieb, etwas zu arbeiten. Er wusste, wenn Andralyn seine Noten vor Ivy beschützte, könnte er Hogwarts vielleicht mit einem anständigen Abschluss verlassen und würde nie wieder mit Ivy in Kontakt kommen. Am Ende könnte sie nichts machen. Alle seine Projekte waren erledigt und beurteilt, und er hatte durchwegs gute Noten. Falls er die Prüfungen gut hinter sich brachte, und Andralyn seine Noten beschützen konnte, dann konnte Ivy ihm nicht schaden.
Harry war nicht ganz sicher, ob diese neue Hoffnung gut oder schlecht war. Auf der positiven Seite bedeutete es, dass er eine Zukunft hatte, vielleicht als Auror, und Harry träumte oft davon, dass er dann nach Hogwarts zurückkehren und den Vampir fassen konnte. Dann wäre Snape wieder frei. Die Hoffnung auf gute Noten half ihm auch, sich im Unterricht zu konzentrieren, und das Gefühl der Sinnlosigkeit in seinem Leben verschwand.
Andererseits bedeutete dies, dass er viel wiederholen musste. Von dem Moment an, in dem der Unterricht vorbei war, bis er zu Bett ging, wiederholte er. Er hatte erwartet, dass Hermine ihn nerven würde, ihn dazu drängen würde, zu lernen, aber als sie sah, dass er tatsächlich plante, ohne ihr Bedrängen zu lernen, war sie froh, ihm helfen zu können. Sie wohnte nun quasi in der Bibliothek. Ihrer Bitte folgend hatte Madam Pince eine Abteilung für UTZ- Schüler abgetrennt, und Hermine hatte sie sofort in den Wiederholungs-Himmel verwandelt. Lerntechniken standen auf Postern an der Wand, und hilfreiche Bücher waren nach Kategorie und Thema geordnet in den Regalen, und Hauselfen stellten immer Kürbissaft hin. Die Siebtklässler tranken ihn immer so schnell wie möglich, bevor Hermine den Saftkrug sah und ihn zurück in die Küche brachte, während sie über Sklavenarbeit murmelte.
„Harry?"
Harry sah von einem dicken Buch über die verschiedenen Eigenschaften von Giftpilzen auf und sah Hermine, die auf die Abteilung der Siebtklässler zusteuerte. Es war ziemlich spät, und sie lernten beide noch fieberhaft, bevor sie zu Bett gingen.
„Das hab ich gefunden", sagte sie und gab ihm ein würfelförmiges Buch mit purpurnem Samteinband. „Es geht um Geistestechniken."
Harry nahm es ihr ab und öffnete es. Die Schrift war so klein, dass Harry auf der Seite fast nichts außer einer Menge von Punkten erkannte. Er blinzelte. „Hermine, das kann ich nicht lesen. Ich mag mein Augenlicht zu gern."
„Magnifio", sagte sie und berührte das Buch mit ihrem Zauberstab. Eine Blase trat aus dem Buch hervor, und sie konnte sie mit ihrem Finger bewegen und so Textstellen vergrößern. „Hier. Sieh dir das an, da könnte was Hilfreiches dabei sein."
„Danke", sagte er. „Ich seh es mir später an, wenn ich diesen Teil über Pilze fertig hab …" Er schloss das Buch und legte es auf den Stapel neben sich. Dann wandte er sich wieder einem anderen Buch zu und seufzte. „Ich weiß nicht, wie ich mir das alles merken soll … die Zaubertrank-Theorie wird echt schwierig, das weiß ich jetzt schon. Ich glaub, ich könnte Snape einfach telepathisch um die Antworten bitten …"
„Harry, nein!", keuchte Hermine. „Die Prüfungen sollen deine eigenen Fähigkeiten zeigen! Wird Snape denn auch später immer da sein, um dir die Antworten zu geben?"
„Ja", sagte Harry mit einem kleinen Lächeln. „Ich muss ihn nur fragen."
Sie runzelte die Stirn. „Ich hoffe, du machst nur Scherze. Du solltest wirklich nicht schummeln. Außerdem wird es nicht so schlimm werden. Die Noten werden dir entsprechen, und dein zukünftiger Arbeitgeber wird das wissen."
„Was ist, wenn ich nur Ts bekomme? Wirst du dann glücklich sein?"
„Nun … ich denke, du hast mehr Potential als nur für Ts, Harry."
„Nicht, wenn Ivy irgendwie mitreden kann", sagte Harry, lehnte sich zurück und schloss das Buch. Es war spät, zu spät um zu lernen. Sein Gehirn hatte heute schon zu viel aufgenommen.
Hermine warf ihm einen mitfühlenden Blick zu. „Oh, mach dir keine Sorgen … Alrister hat es dir versprochen, Harry. Er wird dich nicht im Stich lassen. Außerdem, wenn deine Noten nur noch Ts und Ss sind, werden die Leute doch misstrauisch."
Harry schüttelte den Kopf. „Nein … viele Schüler haben während der Schulzeit gute Noten und fallen bei den Prüfungen durch. Sieh dir Fred und George an. Sie sind ziemlich clever, oder? Sie müssen sich doch alles ausdenken, was sie herstellen, und jeder von ihnen hat nur drei ZAGs."
„Das war aber nur Faulheit", sagte Hermine. „Wenn sie gelernt hätten, hätten sie bessere Ergebnisse bekommen."
Harry zuckte mit den Schultern. „Vielleicht …"
Er lehnte sich zurück, öffnete das Buch über Giftpilze und begann wieder, zu lesen. Stille machte sich in der Bibliothek breit und Madam Pince kam herüber, um ihnen zu sagen, dass sie nun ging.
„Bleibt nicht zu lange", sagte sie. „Ich will nicht, dass ihr die ganze Nacht hier seid, ohne, dass ich euch beobachten kann."
„Wir werden nur noch ein paar Bücher suchen", sagte Hermine, stand auf und öffnete ihre Tasche. „Wir werden nicht lange brauchen, Madam Pince."
„Mm", sagte Madam Pince und ging durch die Gänge zwischen den Regalen, um die Lampen zu löschen. Harry stand auf und schob seinen Bücherstapel zu Hermine. Hermine nahm einen Stempel aus der Tasche und entlehnte alle Bücher.
„Madam Pince hat mir das gegeben", sagte sie. „Damit ich die Bücher für die Siebtklässler raussuchen kann, und sie nicht dauernd damit belästigt wird." Sie arbeitete sich durch den Bücherstapel, stempelte jede Karte und gab die Bücher dann Harry, der sie in seine Tasche steckte. Als sie zu einem Buch über berühmte Zauberer kam, grummelte sie: „Oh, jemand hat die Karte nicht reingelegt …."
„Ich glaub, das war ich", sagte Harry. „Ich hab sie als Lesezeichen verwendet. Sie sollte hier sein." Er blätterte durch das Buch und suchte die Karte. Er war bei der Mitte des Buches, als er etwas bemerkte und innehielt. „Hey, Hermine … sieh dir das an …"
„Was ist es?", sagte sie.
Er zeigte ihr die Seite. „Es ist der ägyptische Zaubergamot … die Muggel glaubten, sie seien Götter. Tehut und alle anderen. Sie werden wahrscheinlich in dem Geisteskampf sein, oder?"
Hermine nahm das Buch und sah es genauer an. „Ich glaube schon. Ich meine, der Bruch zwischen Muggeln und Zauberern begann zu dieser Zeit. Wenn also ein Muggel zu viel wusste und begann, sein Wissen aufzuschreiben, suchte der ägyptische Zaubergamot nach ihm, löschte sein Gedächtnis und schickte ihn in ein fremdes Land. Deshalb glaubten die Muggel, diese Zauberer seien Götter, mit solcher Macht … es macht Sinn, dass ihre Geister vom Shani Theoris heraufbeschworen werden. Zur Zeit der Ägypter wurde uralte Magie verwendet, und Dinge wie Verwandlung wurden gerade erst entwickelt. Es gab dabei viele Unfälle. Die Hälfte des Zaubergamots hatte Tierköpfe und wer weiß was sonst noch."
Harry sah die Gesichter des Zaubergamots an. Sie erwiderten seinen Blick, langsam blinzelnd. He erkannte einige von ihnen, er hatte in der Muggel-Grundschule über sie gelernt – Anubis, Tehut, Osiris … er stellte sich vor, wie er vor ihnen stand, während sie ihn und Voldemort beurteilten. Die Idee gefiel ihm ganz und gar nicht.
„Hast du noch weiter darüber nachgedacht, mehr Geistestechniken zu lernen?", fragte Hermine vorsichtig.
„Snape versucht, es mir telepathisch beizubringen", sagte Harry schulterzuckend. „Aber es funktioniert nicht. Ich kann es nicht ohne direkten Kontakt mit ihm. Es geht darum, dass wir die Macht teilen, und er ist der Halter, also kann ich sie nicht ohne ihn nutzen."
„Nun …", sagte Hermine; sie sah etwas nervös aus. „Ich …"
„Ich kann nichts tun, oder?", sagte Harry seufzend. „Kann nichts machen, bei dem es um geistige Kräfte geht, weil Snape meine hat."
Hermine warf ihm einen gequälten Blick zu. „Oh, Harry … du musst etwas tun können - ich meine, du bist gut in Okklumentik und Legilimentik."
Harry schnaubte. „Ja, ich kann seine Gedanken lesen. Als ob mir das helfen würde."
„Hier", sagte Hermine, holte ein Buch aus ihrer Tasche und zeigte es ihm. „Ich wollte es für die Wiederholung für Reine Künste verwenden … es geht um alle möglichen Arten von stabloser Magie. Reine Künste, Geisteskünste, Wahrsagen … sieh es dir an, du weißt nie, was du finden könntest - …"
Harry sah sie an. Hermine war plötzlich erstarrt, mit weit geöffneten Augen, ihren Blick auf etwas hinter seinem Kopf gerichtet. Er wirbelte herum. Dort war eine Standuhr. Harry fragte sich, wovor sie so Angst haben könnte, bis er die Zeit bemerkte.
Es war Fünf nach Neun.
„Oh nein", flüsterte Harry. Er merkte, wie das Blut sein Gesicht verlies. „Es ist zu spät! Wir sind ausgesperrt!"
Hermine packte ihre Tasche und seinen Arm. „Wenn wir schnell sind, schaffen wir es vielleicht noch, vielleicht das Büro eines Lehrers … oh, komm schon!"
Sie liefen durch die Tür der Bibliothek. Diese blieb immer offen. Sie beteten, dass irgendwo noch eine andere offene Tür war, und liefen in die Eingangshalle. Sie liefen die Marmortreppe hoch und den nächsten Korridor entlang.
„Hier ist Professor Flitwicks Büro!", sagte Hermine, rannte zu einer Tür und versuchte verzweifelt, sie zu öffnen. „Oh nein! Sie lässt sich nicht öffnen!"
„Wir sind ausgesperrt", sagte Harry. Er fühlte sich ganz kalt. „Wir sind diese Nacht ausgesperrt. Jedes Fenster und jede Tür wird versperrt."
„Vielleicht sollten wir einfach vor dem Gryffindorturm warten", sagte Hermine und packte ihn wieder am Arm.
„Nein … das bringt nichts", sagte Harry. „Warte … Peter! Peter! Wo bist du? Peter!"
Kein weißer Geist erschien vor ihnen. Hermine begann, zu weinen. „Es funktioniert nicht, Harry … Dumbledore hält mit einem Zauber sogar die Geister davon ab, nach neun Uhr durch die Wände zu gleiten."
Er legte seinen Arm um sie. „Es ist okay …"
„Nein, ist es nicht!", jammerte sie, während Tränen über ihr Gesicht liefen. „Wir sind aus jedem Raum ausgesperrt, die ganze Nacht, während ein Vampir unterwegs ist!"
Im Korridor zu ihrer Linken erhaschte Harry einen Blick auf etwas. Instinktiv griff er nach seinem Zauberstab und drehte sich um. Da war nichts. Der dunkle Korridor war nur von Mondschein und Schatten erfüllt.
„Komm schon", sagte er. „Wir gehen in die Eingangshalle … so kommen wir in die Bibliothek und können dort die Tür verbarrikadieren, wenn wir müssen. Wir können alles im Blick behalten. Hol deinen Zauberstab raus."
Zitternd nahm Hermine ihren Zauberstab. Mit der anderen Hand hielt sie sich an ihm fest. Gemeinsam bewegten sie sich langsam zur Eingangshalle. Jeder Schatten schien auf sie zuspringen zu wollen, und jedes entfernte Flüstern des Windes klang wie ein Umhang, der am Boden entlang schleift. Harry versuchte, solche Gedanken zu verscheuchen. Es war so schwierig, in alle Richtungen gleichzeitig zu blicken. Harry und Hermine gingen schließlich Rücken an Rücken langsam die Marmortreppe hinunter, die Dunkelheit um sie herum durchsuchend. Sie hielten in der Mitte der Halle an.
„Was nun?", flüsterte Hermine.
„Wir könnten uns in der Bibliothek verstecken", sagte er. „Die Türen selbst verbarrikadieren. So wären wir zumindest bis zum Morgen sicher. Ich kann immer noch nicht glauben, dass … was war das?"
Sie erstarrten. Ein sanftes Geräusch ertönte in ihrer Nähe. Es klang wie ein kleines Kind, das weinte, ganz leise, oder jemand, der um Hilfe flüsterte. Hermine umklammerte fest Harrys Arm.
„Was ist das?", flüsterte sie.
„Ich weiß es nicht", murmelte Harry. „Sei mal kurz still …" Er hörte angestrengt hin. Das Geräusch schien von der Marmortreppe zu kommen, aber da war niemand. Harry ging ein paar Schritte näher, und Hermine folgte ihm. Das Geräusch kam eindeutig von dort. Harry lehnte sich links über das Geländer, und das Geräusch wurde etwas lauter. Er führte Hermine unter die Treppe und sie schauten gemeinsam nach. Nichts sah außergewöhnlich aus, außer einer Sache. Eine der Bodenfliesen sah aus, als wäre sie vor kurzem verändert oder bewegt worden. Harry ging näher. Er streckte die Hand aus, aber Hermine hielt ihn fest.
„Nein!", flüsterte sie. „Nicht, Harry! Was ist, wenn etwas dahinter ist?"
Harry trat vorsichtig zurück. „Okay … Reducto!" Die Fliese brach in der Mitte und zerfiel schließlich in Stücke. Darunter waren Holzplanken, von denen eine ein Loch hatte, das vielleicht groß genug für einen kleinen Hund war. Das winselnde Geräusch kam von dort.
„Ich glaube, es ist ein Tier", sagte Hermine. „Es ist verletzt …"
Harry steckte die Hand in die Tasche. „Glaube ich auch … aber wir können nicht reinsehen … ich weiß aber, wer uns helfen kann." Er zog Sneezy heraus, der gähnend und sich streckend aufwachte. Ron gab Harry immer Sneezy, wenn Harry in die Bibliothek ging, weil Sneezy gerne Bücher las.
„'Lo?", quiekte er.
„Du musst etwas für uns tun", sagte Harry. Er zeigte Sneezy das Loch. „Da drinnen ist etwas. Kannst du rausfinden, was es ist?"
Sneezy gähnte wieder, streckte sich noch ein wenig mehr, bevor er schließlich beschloss: „Ja … mir werd es versuchen …"
„Kannst du nicht normal sprechen?", fragte Harry.
„Nein!"
„Okay, okay … dann geh mal rein, und wenn es etwas Gefährliches ist, komm sofort zurück!"
Er steckte Sneezy in das Loch, und er verschwand unter der Großen Treppe. Sie hörten ihn summen. Schließlich verstummte er, dann hörten sie seine eiligen Schritte. „Kate! Kate! Harryyyyyy!" Er kam mit großen, verängstigten Augen heraus. Harry hob ihn hoch.
„Was ist es? Eine Katze?"
„Kate! Kate!"
„Da drinnen ist eine Katze?", flüsterte Hermine. „Oh, das arme Ding … wir müssen sie rausholen, Harry, sie klingt wirklich verletzt."
„Welche Art von Katze ist es, Sneezy?", fragte Harry.
Sneezy begann, auf Hermine zu deuten. „Kate! Range Kate!"
„Range Kate?", sagte Hermine. „Warte … orange Katze? Krummbein! Oh nein! Ich hab ihn den ganzen Tag lang nicht gesehen, er muss da drinnen sein! Was sollen wir tun!"
„Wir könnten das Loch größer machen", schlug Harry vor. „Und ihn herausziehen."
„Nein, wir könnten ihn verletzen …", sagte Hermine mit Tränen in den Augen. „Armer Krummbein … Sneezy, kannst du ihn rausziehen?"
Sneezy schüttelte entschieden den Kopf. „Nooooo. Mir kann nicht. Kate zu groß."
Harry beugte sich nach unten und versuchte, die Hand in das Loch zu stecken. Er konnte nichts fühlen. „Er ist zu weit weg", sagte er und zog den Arm wieder raus. „Ich will da keine Zauber rein senden … wir könnten die Treppe treffen, und dann bekommen wir sicher Ärger …"
Hermines Hände bedeckten ihren Mund. Sie starrte das Loch an, offenbar zwischen zwei Entscheidungen hin und hergerissen, mit aufgeregter Miene. „Ich … ich muss … aber … Harry …"
„Was ist?", sagte er. „Was ist los?"
Und plötzlich begann sie, kleiner zu werden. Sie krümmte sich nach vorne, als sich ihre Wirbelsäule änderte, und ihre Uniform schmolz zu Fell. Harry stolperte nach hinten, starrte sie mit offenem Mund an, als vor ihm auf dem Boden eine Katze erschien. Sie hatte langes, braunes Fell und haselnussbraune Augen in genau der gleichen Form und Farbe wie Hermines. Er erkannte die Katze wieder – er hatte sie eines Nachts mit McGonagall und Krummbeim in einem Korridor herumtollen sehen.
„Hermine?", brachte er hervor.
Die Katze miaute leise und hob eine Pfote. Er bückte sich und starrte sie an, gleichzeitig erstaunt und ziemlich verletzt, weil Hermine ihm nie etwas davon gesagt hatte. Sie miaute wieder und stupste seine Hände an. Vorsichtig hob er sie auf und brachte sie zum Loch. Sie schlüpfte hinein und verschwand in der Dunkelheit. Harry wartete und hoffte. Er konnte etwas hören, als würde etwas halb gezogen und halb geschoben werden. Ein paar Augenblicke später erschien Hermine wieder. Er half ihr raus und streckte dann die Hand hinein. Seine Finger berührten Krummbeins Fell. Er zog die Katze vorsichtig heraus und hob sie hoch. Krummbein sah sehr schwach und erschöpft aus, aber er hatte keine Bisswunden. Ein Hinterbein stand in einem seltsamen Winkel ab. Er war wahrscheinlich unterwegs gewesen, hatte sein Bein verletzt und konnte nicht mehr weiter. Dann hatte jemand das Loch, durch das er gekommen war, blockiert.
Harry senkte den Blick auf die braune Katze, die sich an seinen Beinen rieb. Er setzte sich auf den Boden, Krummbein in den Armen, und Hermine kletterte auf seinen Schoß und setzte sich.
„Hermine …", murmelte er. „Ich kann nicht glauben, dass du es mir nicht gesagt hast … du bist nicht registriert, oder?"
Die Katze schüttelte den Kopf, während sie sich an seine Hand kuschelte, und er kraulte sie hinter den Ohren.
„Warum?", fragte Harry – die einzige Frage, die ihm einfiel.
Hermine die Katze kletterte aus seinem Schoß, streckte den Rücken und einen Moment später war sie wieder ein Mensch, der vor ihm auf dem Boden saß. Sie strich ihre Uniform glatt und fuhr mit einer Hand durch ihr Haar. „Ich hab meine Studien intensiviert … Professor McGonagall sagte, dass ich mehr Talent in Verwandlung hätte, als sie in vielen Jahren gesehen hat, und sie wollte, dass ich das Animagus-Projekt als Extraaufgabe mache … als ich ihr erzählt hab, dass ich vielleicht Verwandlung unterrichten möchte, meinte sie, sie könnte einen Assistenten brauchen, wenn ich in Hogwarts fertig bin."
„Aber es dauert Jahre", sagte Harry.
„Drei", sagte Hermine leise. Sie sah auf den Boden. „Es tut mir Leid, dass ich es dir nicht gesagt habe, aber Professor McGonagall meinte, es sei das beste – für den Fall, dass etwas schief geht, würde es niemand wissen … ich hab es erst in diesem Jahr geschafft."
„Wann wolltest du es uns sagen?", fragte Harry. Er gab ihr Krummbein und sie hielt ihn liebevoll in den Armen.
Sie berührte sein Bein vorsichtig mit ihrem Zauberstab und flüsterte: „Felia ferula …" Eine Schiene erschien und Bandagen wickelten sich vom Ende ihres Zauberstabes aus um sein Bein; es wurde sanft wieder in die richtige Position gebracht und festgehalten. Er miaute und kuschelte sich an ihre Schulter. Hermine sah Harry wieder an. „Ich … ich weiß es nicht. Ich wollte es nicht für immer geheim halten, Harry, ich hätte es euch sofort nach unserem Abschluss gesagt, ehrlich …"
Harry lächelte und schüttelte leicht den Kopf. „Du musst aufhören, solche großen Geheimnisse zu haben, weißt du. Zeitumkehrer, Animagi …"
„Tut mir Leid …"
„Ist schon okay. Du hast nichts Falsches getan." Harry streckte die Hand aus und kraulte Krummbeins Kinn. „Außerdem denke ich –"
Aber er unterbrach sich selbst, als etwas auf seine ausgestreckte Hand tropfte. Zuerst dachte er, es wäre Regen, bis ihm wieder einfiel, dass sie drinnen waren, und er merkte, dass die Substanz nicht durchsichtig war. Sie war rot.
Harry und Hermine hoben gleichzeitig den Blick. Und als sie sahen, was über ihnen war, rissen sie die Münder auf, und die Schreie blieben ihnen im Hals stecken. Eine Gestalt lehnte sich über das Geländer und starrte auf sie herunter. Sie trug einen dunklen Mantel und sie konnten das Gesicht im Schatten fast nicht sehen; aus dem Mund tropfte Blut. Harry war so erschrocken, dass er nicht erkannte, wessen Gesicht es war. Sie beide sprangen auf und liefen von der Treppe weg. Sie wandten sich nicht um, bis sie die andere Seite der Eingangshalle erreicht hatten. Als sie sich umdrehten, war die Halle wieder leer. Die Gestalt war verschwunden.
Hermine atmete zittrig und begann zu weinen, während sie Krummbein an ihre Brust drückte. Harry klopfte ihr sanft auf den Rücken. „Es ist schon okay", sagte er. „Schhh, schhh …" Er führte sie in eine Ecke und sie setzten sich eng beieinander auf den Boden, während sie Krummbein und Sneezy streichelten. „Komm schon … wenn wir hier bleiben, können wir alles sehen. Nichts ist über uns, nichts ist hinter uns."
Hermine nickte mit Tränen in den Augen und zog ihre Knie an die Brust. Sie lehnten sich aneinander und die Stunden begannen langsam, vorbeizuziehen.
Eine solche Stille hatte Harry noch nie erlebt. Er erinnerte sich, als er noch sehr klein gewesen und, sobald er alt genug gewesen war, im Schrank unter der Treppe gewohnt hatte. Dort hatte er einige furchtbare Nächte verbracht. Er hatte Umrisse gesehen, die an der Tür vorbeigeschlichen waren, hatte Knarren gehört, und niemand hatte ihn beruhigt und ihm versichert, dass es keine Monster gab. Einige Nächte waren endlos gewesen, und diese Nacht war genauso. Das ganze Schloss war voller Dinge, die erst im Dunkel zum Leben erwachten, wenn es still war, und jedes schien im endlosen Schwarz ein Geräusch von sich zu geben. Die Schatten am Eingang zu den Kerkern schienen zu flackern, zu verschmelzen und sich zu bewegen. Oft dachte Harry, er sähe dort in der Dunkelheit etwas, das sie beobachtete, aber als er genauer hinsah, war da nichts. Die undurchdringliche Dunkelheit war voller unsichtbarer Augen. Weder Harry noch Hermine wollten riskieren, zur Bibliothek zu laufen – sie mussten dafür am Eingang zu den Kerkern vorbei, und dort versteckte sich eindeutig etwas und wartete auf den richtigen Augenblick.
Endlich kam Mitternacht. Die Uhr, in der Dunkelheit verborgen, begann zu schlagen. Harry zählte die Schläge. Eins, zwei, drei, vier … er wusste, dass in fünf Stunden die Türen wieder aufgeschlossen wurden. Sieben, acht. Sie hatten schon drei überlebt. Fünf weitere würden nicht so schlimm sein. Zehn, elf …
Und dann, mit dem zwölften Schlag, sah Harry, dass sich am oberen Ende der Marmortreppe etwas bewegte. Zuerst dachte er, dass er sich das nur einbildete.
Doch dann trat die Gestalt aus der Dunkelheit, als ob sie gerade eben aus den Schatten erschaffen worden wäre. Hermines Muskeln spannten sich an. Harry beruhigte sie. Die Gestalt, in einem langen Umhang mit Kapuze, ging langsam die Treppe hinunter, das Gesicht dem Boden zugewandt. Harry konnte sehen, dass sie eine Blutspur hinterließ. Er hielt Hermine fest und betete, dass der Vampir sie nicht sehen würde, betete, dass er einfach in die Kerker gehen und dort bis zum Morgen bleiben würde. Er erreichte das Ende der Treppe und drehte sich um. Harrys Herz sprang erleichtert.
Aber dann hielt der Vampir an. Harry und Hermine hielten komplett still. Der Vampir war einen Moment lang ruhig, als ob er über etwas nachdächte – und dann drehte er sich langsam um, um Harry und Hermine anzusehen. Er begann, auf sie zuzugehen.
Harry schob Krummbein in Hermines Arme und stand auf. Bevor er wusste, was er tat, hatte er den Zauberstab schon in der Hand. Er hatte nur zwei Gedanken - Snape, der wegen der Verbrechen dieser Kreatur in Askaban saß, und, dass unter dem Umhang ein normaler Mensch war, wie Snape, der von dem Verlangen nach Blut gelenkt wurde.
„Komm nicht näher", sagte er mutig. Der Vampir hielt inne. Harry umklammerte den Zauberstab fester. „Ich weiß, dass du so bist wie wir. Ich weiß nicht, wer du bist, aber ich hab keine Angst davor, dich bis übermorgen zu verhexen, wer auch immer du bist."
Der Vampir blieb ruhig, sah ihn an, das Gesicht unter der Kapuze verborgen. Harry dachte, er sähe ein Glitzern von Augen tief in der Dunkelheit. Einen Moment lang sah es so aus, als würde der Vampir einfach Kehrt machen – aber dann trat er nach vorn und hob eine Hand. Harry sah schwarze Klauen und blasse Hände.
„Sei kein Dummkopf …", zischte der Vampir. Die Stimme klang wie Snapes, wenn er sich verwandelte, tief und rau. Harry konnte nicht einmal sagen, ob es ein Mann oder eine Frau war. „Nimm … ihn … runter."
„Lass uns in Ruhe", schnarrte Harry. Er hob den Zauberstab. „Oder ich verhex dich." Der Vampir ging immer noch mit kleinen Schritten nach vorn und streckte die Hand aus, von deren Fingern Blut tropfte. Harry hielt den Zauberstab fest. „Geh zurück!", rief er. Der Vampir hörte nicht zu. Er kam immer näher und streckte die Hand aus, um seinen Zauberstab herauszuholen. Harry öffnete den Mund, um einen Zauberspruch, irgendeinen, zu sagen, der den Vampir dazu bringen würde, sie alleine zu lassen.
Plötzlich erfüllte Licht die Eingangshalle. Ein helles, bernsteinfarbenes Gold ergoss sich in Wellen über sie, und Harry und der Vampir mussten ihre Augen schützen. Der Vampir zischte aus Schmerz und zog sich zurück. Harry schaffte es, einen Blick über die Schulter zu werfen. Das Licht schien von Hermine zu kommen, aber er konnte nicht richtig sehen, weil ihn das Licht so blendete. Hermine stand auf. Sie ging an Harry vorbei auf den Vampir zu. Er rief ihr zu, sie solle stehen bleiben, zurückgehen, aber der Klang einer einzelnen Note auf einer Violine erfüllte den Raum, hoch und ungebrochen. Der Vampir zog sich zurück, zischend vor Wut und Schmerz vor dem Licht. Hermine ging weiter. Endlich drehte sich der Vampir um und verschwand die Marmortreppe hoch und in der Dunkelheit des Korridors für Zauberkunst. Sie hörten ihn fluchen und kreischen. Das Licht und das Geräusch erstarben erst, als sie seine Schritte nicht mehr hören konnten. Die Halle wurde wieder in Dunkelheit getaucht.
Hermine drehte sich langsam zu Harry um. Sie hatte ihren Umhang geöffnet, und Harry erkannte, woher das Licht gekommen war. Auf ihrem T-Shirt ruhte der rote Stein von Gryffindors Amulett. Orange Funken glitzerten immer noch darauf.
„Ron hat es mir gegeben", sagte Hermine leise. Sie spielte mit der Kette. „Er sagte, ich solle es besser haben, wenn ich spät noch in der Bibliothek lerne … nur für den Fall."
„Es hat uns gerade das Leben gerettet", sagte Harry. Er wischte mit der Hand über seine Stirn und war nicht überrascht, als er kalten Schweiß wegwischte. „Hast du die Stimme gehört? Irgendeine Idee, wer es sein könnte?"
Hermine schüttelte den Kopf. „Die Stimmen von Vampiren ändern sich, wenn sie sich verwandeln. Hat etwas damit zu tun, dass sich die Stimmbänder ändern … im Hals bekommen sie Filter für das Blut, und die Stimmbänder werden verschoben …"
Sie setzten sich wieder auf den Boden. Harry war ein wenig zittrig, und Hermine schien es ähnlich zu gehen. „Nun …", sagte er. „Ich werde Ron so viel Butterbier kaufen, wenn wir das nächste Mal in Hogsmeade sind."
Professor McGonagall fand sie um fünf Uhr morgens, zusammengekauert in der Eingangshalle. Sie schliefen und waren erschöpft, aber trotzdem gesund. Nachdem sie in ihrem Büro auf Verletzungen untersucht worden waren, durften sie gehen. „Es ist immerhin am besten, kein Misstrauen zu erregen", sagte McGonagall und schob sie aus der Tür. „Gehen Sie zum Frühstück. Und bitte achten Sie in Zukunft besser auf die Zeit."
Sie gingen in die Große Halle und setzten sich an einen der Tische. Die Halle war komplett leer. Noch niemand war wach. Harry nahm sich zitternd einen Kelch und schüttete Kürbissaft hinein und nahm einen langen Zug. Er fühlte sich so müde, aber er wusste, er würde nicht schlafen können. Hermine nahm sich Cornflakes, wobei sie den Großteil auf den Tisch um ihre Schüssel verstreute. Sie saßen still da und stocherten ohne große Motivation in ihrem Frühstück herum, bis weitere Schüler in die Halle kamen. Die meisten Lehrer sanken auf die Stühle um einen der großen Tische und nahmen sich seufzend Kaffee. Professor Feather nippte an einem Glas heißer Milch und sah so langweilig aus wie immer. Professor Alrister kam herüber, um mit Harry zu sprechen. Er erzählte, dass er eine Antwort von Andralyn erhalten habe, und sie ein Auge auf seine Noten haben würde. Dann ging er wieder zu seinem Tisch, um seinen Speck aufzuessen. Um etwa sieben Uhr kamen Ron und die anderen Gryffindors. Alle waren sehr erleichtert, Harry und Hermine lebendig zu sehen. Ron wich nicht von Hermines Seite, und als Kainda zum Frühstück kam, kümmerte sie sich liebevoll um Harry. Alle hörten aufgeregt zu, als Hermine ihnen die Geschichte mit dem Amulett erzählte. Harry beobachtete inzwischen den Tisch der Lehrer. Professor McGonagall nippte an einer Tasse Kaffee und schien Madam Ivy, die sehr interessiert wirkte, etwas zu erzählen. Ihre Augen wanderten öfters zu Harry. Nach einigen langen Minuten stand McGonagall auf und verließ die Halle, um ihre nächste Stunde vorzubereiten. Sobald sie weg war, stand Madam Ivy auf. Harry drehte sich um, als sie auf seinen Tisch zukam und hoffte, dass sie ihn nichts fragen würde. Leider erfüllte sich seine Hoffnung nicht.
Sie lächelte, als sie auf ihn zukam. „Ich hoffe, ich störe Sie nicht … ich möchte mit Mr. Potter reden, wenn es Ihnen nichts ausmacht. Er kommt gleich wieder zurück … Kommen Sie mit, Potter … in mein Büro, bitte."
Harry stand auf und sein Magen fühlte sich schwer an. Seine Freunde beobachteten angespannt, wie er Madam Ivy folgte, die Hände in die Taschen gesteckt. Sie sprach kein einziges Mal, bis sie ihn in ihr Büro geführt und die Tür geschlossen hatten.
Sie wandte sich um, um ihn anzusehen. Eine ihrer Augenbrauen war erhoben. „Also, Mr. Potter …"
„Also was?", sagte er kalt.
„Sie waren letzte Nacht ausgesperrt, nicht wahr?", sagte sie. „Und trotzdem haben Sie nicht einmal einen Kratzer."
Harry sagte nichts. Er starrte sie nur an. Er hasste Ivy, und es war ihm egal, ob sie es wusste. Er sah keinen Grund auch nur zu versuchen, nett zu ihr zu sein.
„Können Sie mir sagen warum, Mr. Potter?", sagte sie, verschränkte die Arme und starrte auf ihn herunter.
Harry zuckte mit den Schultern. „Hab den Vampir einfach nicht gesehen. Warum? Hätte ich das sollen?"
Ihre Augen wurden zu Schlitzen. „Lügen Sie mich nicht an. Ich habe bis jetzt einige Ihrer kleinen Lügen durchgehen lassen, aber nun werde ich das nicht tolerieren. Ich möchte wissen, wie es sein kann, dass einige der vorsichtigsten Schüler angegriffen wurden, und Sie nicht. Sogar Professor Lupin, der zu vernünftiger Zeit zu Bett ging, wurde angegriffen. Und trotzdem sind Sie hier. Letzte Nacht in der Schule herumgeschlichen, ohne eine einzige Verletzung."
Harry fühlte Wut in sich hochkommen. „Welches Recht haben Sie, über Professor Lupin zu sprechen?", schnarrte er. „Sie sind doch froh, dass er weg ist. Macht doch nur Ihren Job leichter, oder? Darum sind Sie doch hier. Um Snape und Lupin loszuwerden. Jetzt haben Sie es geschafft, nicht wahr? Warum belästigen Sie mich noch?"
„Ich habe erkannt, dass Snape und Lupin nicht einfach zwei Probleme in dieser Schule waren", zischte sie. „Vielleicht waren sie das einmal. Aber nun haben sie ein feines Netz um sich gesponnen. Haben andere davon überzeugt, dass sie sicher wären, und haben die Gedanken der Schüler manipuliert, um sich selbst zu schützen."
„Was wollen Sie damit sagen?", spuckte Harry.
Sie sah ihm direkt in die Augen. „Ich sage, Mr. Potter, dass es in der Schule vielleicht noch Menschen gibt, die entfernt werden müssen, bevor das Problem gelöst werden kann. Ich sage, dass vielleicht, Mr. Potter, das Werk von Sever Snape in dieser Schuler fortgesetzt wird. Durch Sie."
Harry starrte sie nur an. Er schüttelte langsam den Kopf, unfähig zu begreifen, was sie sagte. „Warum ich?"
„Ein Beschützerbund?", schnarrte sie. „Ich weiß schon lange, dass man die nicht brechen kann, und dass der Beschützte alles tun wird, was der Beschützer von ihm verlangt, manchmal sogar unbewusst. Sie stecken zusammen da drin, oder? Snape und Potter. Und als Snape weg ist, muss Potter sein edles Werk weiterführen. Attackiert sogar Freunde, wenn es nötig ist."
„Sie sind unglaublich", sagte Harry wütend. „Sie sind so … so dumm! Was ist Ihr Ziel? Warum sind Sie so? Sie machen das nicht, um Hogwarts zu helfen. Wollen Sie Snape eins auswischen? Oder mir? Hat Fudge Sie hergeschickt, um mir das Leben schwerzumachen, weil ich seine sichere kleine magische Gesellschaft zerstört habe?"
„Ruhe!", rief sie.
Harry zuckte zusammen, als er plötzlich gegen den Stuhl gedrückt wurde, und Madam Ivy seinen Umhang packte. Sie sah ihn mit mehr Hass und Verachtung an, als Harry es je gesehen hatte, mehr also sogar Snape früher.
„Ich bin hier, um diese Schule zu dem zu machen, was sie sein muss", zischte sie und schüttelte ihn. „Fudge hat mich hergeschickt, um mich um die Probleme in Hogwarts zu kümmern. Wenn das bedeutet, dass ich Schüler loswerden muss, die sich mir in den Weg stellen, dann werde ich einen Weg finden, das zu tun. Glaub mir, Potter."
„Schicken sie mich nach Askaban, ja?", schrie Harry ihr ins Gesicht. Wut kochte wieder in ihm hoch. Sie war Snape losgeworden, und nun wollte sie mit ihm das gleiche tun. Plötzlich war Harry alles egal. Seine Noten bedeuteten nichts, nicht einmal seine Zukunft in Hogwarts. „Müssen Sie das machen? Dann schicken sie mich doch dorthin! Es ist mir egal! Von mir bekommen Sie nichts!"
Sie starrte ihn wütend einige Moment an. Harry erwiderte ihren Blick. Ihre Finger umklammerten die Stuhllehne so fest, dass das Holz fast brach. Ivy zitterte. Ihre Wut gegen Harry schien einen Höhepunkt zu erreichen, und bevor Harry reagieren konnte, hatte sie die Hand gehoben.
Ein Knall ertönte und Schmerz schoss durch Harrys Gesicht, wo sie ihn getroffen hatte. Er verzog das Gesicht und biss sich auf die Lippe. Sie erhielt keinen Schmerzensschrei als Antwort. Er würde ihr diese Genugtuung nicht geben. Er stand auf, er war so wütend, dass er sich danach sehnte, sie ebenfalls zu schlagen, doch er würde es nicht tun. Er stürmte aus dem Büro und schlug die Tür hinter sich zu. Als er in den Korridor trat blieb er nicht stehen, er ging einfach weiter, bis er in der Eulerei war, wo es angenehm kühl war. Dort setzte er sich auf eine Fensterbank.
Erst da hielt er inne und dachte über das eben Geschehene nach. Er legte eine Hand auf sein Gesicht. Da war kein Blut – sie hatte ihn mit der flachen Hand geschlagen, um keine Spuren zu hinterlassen. Er hatte keine Beweise. Er wollte auch keinen Beweis, denn das würde ihm nicht helfen, und zu sehen, wie sie aus Hogwarts weggebracht wurde, würde ihm keine Genugtuung geben. Er wollte, dass Ivy öffentlich verspottet, gedemütigt und gehasst wurde. Sie war davon besessen, alles Böse aus der Schule zu entfernen, sie war soweit besessen, dass Harry wusste, dass es nicht natürlich war. Sie musste ein größeres Motiv haben. Warum wollte sie Harry so sehr bestrafen? Was könnte der Grund sein, einen unschuldigen Mann nach Askaban zu schicken, seine Hoffnungen auf gute UTZ Noten zu zerstören, einen Schüler zu schlagen und zu riskieren, ihren Job zu verlieren?
Er erinnerte sich daran, dass Snape ihm gesagt hatte, sie hätte den Auftrag, ihn selbst und Lupin loszuwerden. Er wünschte, Snape hätte ihm mehr gesagt. Er wollte Snape im Moment aber nicht stören und ihn mit seinem Jammern über Ivy belästigen. Snape hatte andere Probleme.
Plötzlich kam ihm ein anderer Gedanke. Er wusste, wie er herausfinden könnte, was in Fudges Brief an Ivy gestanden hatte. Er rutschte von der Fensterbank und lief so schnell aus der Eulerei, dass er in den Kerkern angekommen war, bevor er genügend Zeit gehabt hatte, um nachzudenken. Er ging zu Snapes Quartieren und öffnete die Tür. Drinnen war es dunkel. „Lumos", murmelte er und die Spitze seines Zauberstabes begann, zu leuchten. Er ging langsam hinein. Das Licht wanderte über Snapes Gegenstände, die noch so da lagen, wie damals, als sie Snape weggebracht hatten. Auf einem Tisch stand sogar ein Glass Wein neben einem offenen Buch. Er spürte ein Stechen in der Brust. Leise ging er zu Snapes Tisch und öffnete die Schubladen. In der ersten lagen Arbeiten, die Snape noch benoten musste, in der zweiten lagen die bereits benoteten. Die dritte Schublade was voller Dokumente, die ordentlich übereinander lagen. Briefe, Notizen, Verträge … Harry seufzte, zog die Schublade ganz heraus und setzte sich im Schneidersitz auf den Boden, um sie zu durchsuchen. Das meiste war für ihn nutzlos und bedeutete nichts. In vielen Dokumenten ging es um eine Erbschaft, das Snape Anwesen, mit dem es offenbar Probleme gab. Einige Briefe waren von Isabis. Harry respektierte Snapes Privatsphäre und las sie nicht, sondern legte sie einfach zur Seite. Endlich, nach einer langen Stunde, fand er ein Stück Pergament mit einem offiziell wirkenden Stempel. Er betrachtete es. „Privat: nur für Arabella Morgana Ivy, aus der Feder von Cornelius Fudge" stand am oberen Ende. Harrys Herz schlug schneller, als er den Brief überflog. Die Wörter rasten an ihm vorbei – fallende Standards in Hogwarts, gefährliche Unterrichtsmethoden, Probleme, die ausgelöscht werden mussten. Endlich kam er zu einem Absatz, der ihm ins Auge fiel, und er las ihn aufmerksam.
„Ich möchte Ihnen deutlich machen, dass ich will, dass dieser Job ernst genommen und geheim gehalten wird. Ich glaube, Sie wissen, was ich von Ihnen möchte, doch es gibt noch mehr Details. Ich möchte, dass Sie drei Personen aus Hogwarts und, wenn möglich, auch aus der Zaubererwelt, entfernen. Remus Lupin, Severus Snape und Harry Potter sollen mit jeglichen Mitteln entfernt werden. Ich betone dies – mit JEGLICHEN Mitteln. Snape ist ein Dorn im Auge des Ministeriums, und wenn wir seine Schuld beweisen können, wird Dumbledore nicht mehr für seine Unschuld plädieren können. Wir wissen schon lange, dass Severus Snape den Dunklen Lord nie wirklich verlassen hat, und trotzdem vertraut Dumbledore ihm. Wir vermuten, dass unsere wichtigsten Informationen durch Snape an den Dunklen Lord gelangen. Remus Lupin ist eine Gefahr für die Schule und den Kampf des Ministeriums gegen den Dunklen Lord. Wir wissen mit Bestimmtheit, dass er ein enger Freund des Mörders Sirius Black war und noch immer Dumbledore nahe steht. Ich bin sicher, dass Sie wissen, welche Probleme Harry Potter dem Ministerium immer wieder bereitet. Er und Dumbledore sind ein Problem, seit sie sich begegnet sind. Potter verbreitet kontinuierlich Panik und versucht, die Menschen wegen der Rückkehr des Dunklen Lords in Angst zu versetzen. Seine Elimination wäre für uns ein großer Vorteil. Der Verlust von Dumbledore würde sofort bemerkt werden und von den Menschen betrauert werden – DIES IST NICHT UNSERE MISSION. Dumbledore darf nicht verletzt werden. Das Ministerium will, dass Sie sich so schnell wie möglich um Lupin, Snape und Potter kümmern. Die Macht des Ministeriums ist auf Ihrer Seite. Merken Sie sich das – mit jeglichen Mitteln."
Harry war still. Ivy war nicht nur wegen Lupin und Snape, sondern auch wegen ihm hier. Und sie versuchte, ihn mit jeglichen Mitteln loszuwerden. Ivy war hier, um ihn zu töten. Harry hatte das Ministerium nie besonders gemocht, und ihm bestimmt nie vertraut, aber er hatte nie gedacht, dass das Ministerium seinen Tod wollte. Er fühlte sich taub. Er faltete den Brief und steckte ihn in eine Tasche seines Umhangs. Ihm wurde gerade bewusst, in welcher Gefahr er sich vorhin befunden hatte, alleine mit Ivy in einem Büro. Sie hätte ihn so einfach töten können.
Er ließ sich einfach zu Boden sinken. Panik und Angst krochen in ihm hoch, während er seine Arme um sich wickelte. Er saß einfach in der Dunkelheit in Snapes Unterkunft. Er wollte, dass Snape aus Askaban zurückkam, mehr als alles andere. Er stellte sich vor, wie er, fälschlich, gestand, die Angriffe selbst durchgeführt haben, damit sie ihn nach Askaban bringen und ihn dort bei Snape lassen würden. Ivy konnte ihn dort nicht erwischen. Voldemort würde irgendwann kommen, aber dadurch starb er nur später, als er es so würde. Er würde auch gemeinsam mit Snape sterben.
Harry sah sich in dem Raum um und erwartete, die Trümmer seines Lebens in der Ecke zu sehen. Khepri und Voldemort, Vampire, Ivy und das Ministerium, seine UTZ Noten, Snape verschwunden, Lupin weg ….
„Ich bin erledigt", flüsterte er.
